II.


„Aber was wollten sie in unserer Garage?! Ich dachte sie wissen nicht, dass Seline bei uns ist!?", zeterte Caroline, „Bin ich die Einzige, die nicht mehr versteht was vor sich geht?!"

„Sie haben die Glocke gesucht, nicht mich", meinte Seline ruhig.

„Okay, aber warum suchen sie die Glocke in unserer Garage?!", gab Caroline zurück, „Wenn wir dieses Ding hätten, dann müssten wir uns nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen wo sie zu finden ist!"

Keiner der Anwesenden schien eine brauchbare Antwort darauf auf Lager zu haben. „Nachdem ihr hierher umgezogen seid, habt ihr euch eure Sachen doch nachschicken lassen, oder?", meinte Damons Stimme schließlich über die Freisprechanlage, „Was wenn sie aus irgendeinen Grund dachten, dass Liz die Glocke hat? Nein, hört zu, irgendjemand hat die Glocke vom Grund des Flusses geborgen. Und dieser jemand muss ein Mitglied des Gründerrats gewesen sein. ... Oder ein verrückter Glockensammler. Aber wenn wir diese Möglichkeit einmal außen vor lassen, dann ergibt nur das Sinn. Sie dachten, dass Liz die Glocke hatte, und haben daher deine neue Adresse aufgesucht um danach zu suchen."

Das ergab sogar irgendwo Sinn. Wenn man davon absah, dass … „Aber ich habe die Glocke nicht", erklärte Caroline, „Ich meine, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine riesige Turmuhrglocke nicht übersehen hätte, wenn sie in meinem Besitz wäre!"

„Ja, aber Liz hatte sie. Möglicherweise zumindest", meinte Damon.

„Hast du die alten Sachen von deiner Mom nicht alle zusammengesammelt in eurer alten Garage hier verstaut?", warf Matts Stimme ein, „Hat das Haus inzwischen jemand gemietet oder gekauft?"

„Nein, es steht noch leer. Und ja, die Sachen sind immer noch dort. Ich … ich hatte nicht den Mut dazu sie durchzusehen", gab Caroline zu, „Ich … ich wollte mich von nichts trennen, das mich an sie erinnert…." Sie wollte nicht daran denken, dass ihre Mutter fort war. Nicht jetzt, sie dachte sowieso schon jeden Tag daran, und es tat jedes Mal weh, aber sich jetzt noch dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie die Sachen ihrer toten Mutter noch nicht durchgesehen hatte….

„Das ist sogar gut so, denn wenn du es getan hättest, dann hättest du die Glocke sicherlich an die Stadt übergeben, und dann hätte Sybil sie inzwischen schon", meinte Damon, „So haben wir noch eine Chance, da sie ihre Minions nach Dallas geschickt hat und nicht zu eurem alten Haus . … Das bedeutet, dass ich schon wieder zurück nach Mystic Falls muss…."

„Nimm Rückendeckung mit, wer weiß wen sie dieses Mal schickt", warf Bonnie ein, „Wir haben die Stimmgable hier, aber bis wir bei dir sind …."

„… könnten die sich dreimal die Glocke geholt haben, das ist mir schon klar", unterbrach sie Damon, „Aber nur so als Anregung für die Zukunft: Es wäre nett, wenn du mal eine Art Teleportationszauber lernen würdest. Dann könntest du mir dringend notwendige Waffen herüberbeamen, wann immer ich sie brauche. Aber keine Sorge, ich komme schon klar, ich habe schon mal eine Sirene getötet, und Donovan hat Sybil ebenfalls schon mal abgefackelt, also wir haben Übung darin sie vorübergehend los zu werden."

Bonnie verdrehte nur vielsagend die Augen. „Notiert. Gib auf dich acht, Damon", erwiderte sie nur.

„Und seid ihr darauf vorbereitet, dass weitere ihrer Minions bei euch auftauchen. Dass die anderen nie zurückgekommen sind, macht sie vielleicht nur misstrauisch", erwiderte Damon.

„Sobald ich hier alles durchgesehen habe, mache ich mich auf den Weg zurück", meinte nun Alarics Stimme, „Es sollte bald soweit sein."

„Die Zwillinge sind nicht in Gefahr", behauptete Seline, „Nur die Glocke interessiert sie." Was aber nicht automatisch hieß, dass die Babys deswegen sicher waren, aber Caroline wies die Sirene nicht auf diesen Denkfehler hin, vor allem um Alaric nicht noch nervöser zu machen, als er es bei den Gedanken daran, dass jemand in seine Garage eingebrochen war, sowieso schon sein musste.

„Die Schutzzauber halten noch", meinte sie stattdessen, „Niemand, der uns etwas Böses will, kann in Haus hereinkommen. Du musste dich nicht beeilen, konzentrier dich lieber darauf etwas in den Aufzeichnungen der Waffenkammer zu finden, das uns weiterhilft."

Jetzt, wo die Glocke sich erstmals in tatsächlicher Reichweite befand, war es wichtiger als jemals zuvor zu wissen, wie sie sich gegen das, was sie erwartete, verteidigen konnten. Die Zwillinge wurden hier von nicht weniger als vier Vampiren und drei Hexen beschützt. Damon, Alaric, und die anderen waren, die, die momentan in größerer Gefahr waren, davon war Caroline überzeugt. Aber auch das sprach sie nicht aus.

„Ihr müsst unbedingt verhindern, dass die Glocke Sybil in die Hände fällt", betonte Seline noch einmal, „Wenn sie sie erst einmal hat, dürften wir keine Chance darauf haben sie ihr wieder abzunehmen, vergesst das nicht."

Caroline konnte direkt hören wie Damon angesichts dieser unnötigen Erinnerung die Augen verdrehte. „Ja, ich weiß wie nervig Sirenen sein können", erklärte er, „Keine Sorge, ich habe nicht vor zuzulassen, dass Sybil, Alex, oder sonst jemand Hand an diese Glocke legt. Ich werde sie vor ihnen finden."

Sie konnten nur hoffen, dass das auch wirklich der Fall sein würde.


Sie hatten Alaric in der Waffenkammer zurückgelassen, zusammen mit Matts Freundin Penny, und Jeremy, der für alle Fälle bereit sein sollte einen erneuten Sirenen-Angriff auf die Waffenkammer zurückzuschlagen. Neben Enzo hatte Damon auch Matt Donovan und seinen Vater mit auf die Suche genommen. Eigentlich war ihm das nicht ganz recht, denn so sehr die beiden von dem Sirenengesang nicht beeinflusst werden konnten, so sehr sollten sie Sybil ebenfalls nicht in die Hände fallen, deswegen wäre es klüger sie für alle Fälle getrennt von einander zu halten, doch Peter Maxwell schien unbedingt beweisen zu wollen, was für ein toller überbesorgter Vater er sein konnte, wenn er wollte, und weigerte sich Matt von der Seite zu weichen, wenn sich dieser in Gefahr begab. Und da sie keine Zeit für Diskussionen hatten, hatte Damon sie eben beide mitgenommen.

Nebenbei waren mehr Augen besser um verlorene Glocken zu finden, zumindest nahm er das an.

Das alte Haus der Forbes wirkte friedlich und verlassen. Falls es Sirenen oder ihre Sklaven hier zu finden gab, hielten sie sich versteckt.

Sie öffneten das Garagentor und starrten etwas überfordert auf die Massen von Kartons, die sie darin erwarteten. „Als Caroline gesagt hat, dass sie die Sachen ihre Mutter noch nicht durchgesehen hat, hat sie das bitterernst gemeint", stellte Damon fest, „Das kann Stunden dauern."

„Dann sollten wir besser sofort anfangen", meinte Enzo schulterzuckend, und schloss das Garagentor hinter ihnen wieder.

Damit hatte er wohl leider recht.

Carolines schien in Bezug auf ihre Mutter unter eine Art Horder-Symptom zu leiden. Sie schien tatsächlich nichts weggeworfen zu haben. Und andere Dinge gar nicht erst angesehen zu haben. Ihre normalerweise so organisierte Art hatte bei den Sachen ihrer Mutter versagt - alles war ein heilloses Durcheinander, das offensichtlich irgendjemand anderer fabriziert hatte, als er allen persönlichen Besitz von Liz Forbes in Kartons gestopft und hier gesammelt hatte. Wenn ich eine Glocke wäre, wo würde ich mich dann verstecken? Damon hatte keine Ahnung. Vielleicht sollte er sich lieber fragen, wo er eine Glocke verstecken würde, wenn er Liz Forbes wäre.

„Du hättest nicht mitkommen müssen", erklärte Matt seinem Vater gerade.

„Ich will helfen", betonte dieser, „Wenn es wirklich um Leben und Tod geht, dann muss ich das doch. Und außerdem wären wir nicht in dieser Situation, wenn ich mich damals anders verhalten hätte."

Matt brummte eine unverständliche Antwort.

Damon sah zu den beiden Maxwell-Männern hinüber und schüttelte nur den Kopf. Er wollte sich nicht einmischen, wirklich nicht, auch weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Einerseits war er der Meinung, dass Matt seinen Vater vollkommen zu recht zum Teufel jagen sollte, andererseits hatte ihn selbst sein Weigerung Lily selbst im Tod zu vergeben bis in den Phönix-Stein hinein verfolgt. Und immerhin versuchte Maxwell wirklich Wiedergutmachung zu leisten. Aber im Grunde ging ihm das Ganze nichts an.

„Sind wir uns sicher, dass das hier überhaupt alles ist?", wollte er dann von Matt wissen, „Hat irgendjemand einmal das Haus durchsucht?" Wenn er Liz wäre, hätte er die Glocke nicht einfach so zwischen seinen Schuhen herumliegen lassen, so viel wusste er mit Sicherheit.

Matt zuckte die Schultern. „Es sollte alles sein, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand das Haus nach magischen Glocken durchsucht hat", räumte er ein, „Allerdings wurde es renoviert, und alles, was an persönlichen Gegenständen gefunden werden konnte, wurde heraus geräumt." Mit anderen Worten niemand hatte sich die Mühe gemacht nach Geheimverstecken Ausschau zu halten.

„Ich sehe noch mal im Haus nach", meinte der Vampir also, „Ihr könnt ja hier draußen weitermachen."

„Warte, ich komme mit", meinte Matt schnell, und achtete nicht auf dem Protest seines Vaters.

„Wirst du anhänglich, oder willst du nur deinen Vater loswerden?", erkundigte sich Damon, als sie das Haus betraten.

„Ich weiß, dass er es gut meint, aber … Ich kann nicht vergessen, was er uns alles angetan hat. Und vergeben kann ich es noch weniger einfach so", meinte Matt nur, „Und je mehr ich von ihm sehe, desto mehr werde ich daran erinnert, was er getan hat."

Damon seufzte. Zum Teufel, warum auch nicht? „Also gut, hör zu, die Sache mit der Vergebung ist die … sie ist schwierig, aber wenn man sich weigert jemanden zu vergeben, kann einen das verfolgen. Hier laufen ein paar verrückte mörderische Sirenen herum. Und dein alter Herr ist verdammt entschlossen sich ihnen in den Weg zu stellen anstatt einfach nur vor ihnen davon zulaufen, wie es aussieht. Und wenn wir die Sterblichkeitsrate in dieser Stadt bedenken … Nun, ich sage nicht, dass du ihm alles verzeihen sollst oder ihm eine zweite Chance geben sollst, ich sage nur, dass du es vielleicht bereust, wenn du es nicht tust", meinte er nun doch, und dachte an den Moment, als er aus den Phönix-Stein befreit worden war und nur daran hatte denken können, dass er seiner eigenen Mutter noch nicht alles gesagt hatte, was er ihr hatte sagen wollen.

„Ihm einfach nur zu vergeben, weil er sterben könnte, wäre auch nicht richtig. Ich meine, er hat es nicht verdient, dass ich ihm vergebe", erwiderte Matt.

„Natürlich hat er das nicht. Aber es geht nicht um die Frage, ob er es verdient hat oder nicht, es geht darum ob du damit leben kannst ihm nicht zu vergeben. Ich dachte, ich kann damit leben Lily nicht zu vergeben, und das war ein Irrtum. Vergebung ist nichts was du für jemanden anderen tust, es ist etwas, was du für dich selbst tust. Je länger du jemand anderen etwas übel nimmst, desto mehr Macht über dich gestehst du ihm zu. Manchmal ist es besser einen Groll einfach loszulassen. Du musst ja nicht vergessen, was er getan hat, du musst es ihm nur vergeben", meinte Damon, „Manche Menschen sind nicht dafür geschaffen worden Eltern zu sein." Er zuckte die Schultern. „Die Frage ist nur wie sie mit dieser Tatsache umgehen. Manchmal sind diejenigen, die geblieben sind, die, die mehr Schaden angerichtet haben, als die, die gegangen sind."

Matt warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Das klingt beinahe weise und so gar nicht nach dir", meinte er, „Oder sind das letzte Weisheiten, weil du denkst, dass du in Wahrheit derjenige bist, der sterben wird."

„Ich war immer schon weise, ich habe es nur vorgezogen das niemanden wissen zu lassen", behauptete Damon, „Und keine Sorge, Donovan, ich habe nicht vor zu sterben. Nein, ich dachte nur, ich könnte dich an meinen teuer erkaufen Einsichten Anteil haben lassen, weil du sie gerade gebrauchen kannst. Gewöhn dich aber lieber nicht daran. Der nette weise Damon kommt immer nur einmal im Jahr heraus und kostet mindestens einen Drink."

„Wenn das dein Preis ist, soll es mir recht sein", meinte Matt, „Was nicht heißt, dass ich ihm vergeben kann." Er seufzte und sah sich um Haus um. „Denkst du wirklich Sheriff Forbes hat hier irgendwo die Glocke versteckt? Wenn es irgendein Geheimversteckt gibt, wie sollen wir es finden?"

„Instinkt … und Insiderwissen", erwiderte Damon ungerührt, „Komm mit und lerne, junger Padawan." Er führte Matt in Lizs ehemaliges Schlafzimmer zu dem leer stehenden Kleiderschrank. Und zeigte ihm den doppelten Boden. „Und wie du siehst ist hier drinnen … nichts. Aber jetzt weißt du zumindest wo sie normalerweise Dinge versteckt hat. Jetzt müssen wir uns nur noch überlegen, wo sie etwas in der Größe der Glocke verstecken würde."

Sie starrten den Kleiderschrank beide nachdenklich an. „Sollen wir die Rückwand hinaus reißen?", wollte Matt wissen.

„Nun, schaden kann es zumindest nichts", meinte Damon.

Und dann machten sie sich daran den Schrank zu zerlegen. Und tatsächlich stellte sich die ganze Übung als nicht so sinnlos heraus, wie Damon zwischenzeitlich befürchtet hatte. Denn hinter der Rückwand des Schranks fanden sie tatsächlich eine geheime Kammer und in dieser einen weiteren Karton.

„Ugh… Das Gewicht stimmt schon mal", stellte Damon fest und hievte den Karton ins Freie, stellte ihn ab und dann öffnete er ihn. Und tatsächlich darin ruhte sie – die Gründerglocke. (Es sei denn es gab noch eine Kopie, aber das wollte Damon nicht hoffen).

„Bingo. Ruf die anderen an, Donovan", erklärte Damon, „Lass sie wissen, dass wir diese verdammte Glocke endlich gefunden haben."


Auf den nächsten Angriff waren sie vorbereitet, zumindest mehr als auf den letzten. Nach dem Verschwinden ihrer beiden Handlanger, war Sybil scheinbar misstrauisch geworden. Das nächste Mal stand Valerie vor ihrer Türe, während andere die Garage überfielen.

Leider konnte man Einladungen, die einmal ausgesprochen worden waren, nicht wieder rückgängig machen – es gibt nichts abgesehen von den guten Manieren, das Valerie davon abhielt das Haus zu betreten, sofern sie nicht mit der Absicht sie alle zu massakrieren hierher gekommen war, und das war sie wohl nicht. Offensichtlich sollte sie als Ablenkung dienen.

Was Bonnie gleich nützte um die Stimmgabel auszuprobieren, die ja angeblich die psychische Verbindung zu Sybil kappen können sollte. Sie baten Valerie also hinein - Nora, Mary Louise, und Bonnie umringten sie und redeten auf sie ein, während sich Caroline, Stefan, und Tyler ihren Gästen in der Garage annahmen. Seline war dieses Mal verboten worden sich einzumischen, doch ob sie dieses Verbot achten würde, nun das würde sich erst noch weisen müssen.

Stefan hatte den andere nicht genau erzählt was passiert war. Er hatte ihnen berichtet, dass er und Seline die Einbrecher zusammen überrascht hätten, und es beim folgenden Kampf zu Todesopfern gekommen war. Er hatte Selines Solo-Aktion und ihren Kontrollverlust verschwiegen, aber er hatte genug Andeutungen gemacht um zumindest Caroline und Bonnie auf den Gedanken zu bringen, dass Seline der Grund für den Tod der beiden Einbrecher gewesen sein könnte. Deswegen waren sich auch alle einig gewesen, dass es dieses Mal anders ablaufen sollte.

Nur leider war anders nicht immer besser. Während die Hexen versuchten Valerie mit Worten zur Vernunft zu bringen, waren deren neue Verbündete weniger dazu bereit auf Worte zu hören. Und scheinbar darauf fixiert die Glocke zu finden.

Da es sich aber um normale Menschen handelte, hatten sie gegen zwei Vampire keine Chance. Sie wurden schnell überwältigt, weigerten sich aber weiterhin standhaft ihre Meisterin zu verraten – auch Vampirmanipulation konnte ihre Treue nicht brechen. Und die Stimmgabel konnten sie nicht benutzten, da Bonnie sie hatte und mit ihrer Hilfe Valerie befreien wollte.

Trotzdem hatten sie die Handlanger der Sirene besiegt und gefesselt, und alles schien nach Plan zu laufen, solange eben bis es anfing schief zu gehen.

Den ersten Hinweis darauf boten ihnen ihre Gefangen, die mit einem Schlag so wirkten als würden sie etwas lauschen. Und dann meinte Tyler plötzlich. „Hört ihr das?"

Stefan konnte nichts hören. Doch Caroline runzelte die Stirn. „Das klingt wie … Liv", meinte Tyler und ging los in Richtung Garagenausgang.

„Liv? Was, nein, nein, so klingt es definitiv nicht, es klingt wie … meine Mom…", murmelte Caroline, und Stefan fühlte wie sein Inneres erstarrte.

„Die Sirene, Sybil, sie ist hier!", rief er aus und bellte dann entschlossen: „Bleibt stehen, rührt euch nicht vom Fleck, sie will euch hinaus locken!"

Caroline hielt mitten im Schritt inne, doch Tyler steuerte weiterhin auf den Garagenausgang zu. Stefan umrundete ihn und stellte sich ihm in den Weg. „Tyler, Tyler, komm wieder zu dir! Das dort draußen, das ist die Sirene!", betonte er und packte den Werwolf an den Schultern. „Wenn du zu ihr gehst, dann ergeht es dir wie Valerie!"

Tyler blinzelte ihn verwirrt an. „Valerie? Was …. Ja, du hast recht. Tut mir leid, ich weiß auch nicht was…."

„Sie ist es. Sie benutzt ihre Kräfte", erwiderte Stefan, „Wir müssen …".Dann unterbrach er sich, weil er hören konnte wie jemand aus dem Haus gestürmt kam. Und er erkannte die wütende Stimme, die die Sirene dazu aufforderte sich zu zeigen. Oh, nein, Bonnie!

Nun war er es, der hinausstürmte. Bonnie stand mit der Stimmgabel bewaffnet da, bereit zum Kampf gegen Sybil. Stefan blickte sich hektisch nach ihrer Gegnerin um, und ja, da war sie, schritt unbeeindruckt auf Bonnie zu.

„Nimm das herunter, kleine Hexe", forderte sie, „Und übergebt mir die Glocke!"

Bonnie verkündete: „Weder das eine noch das andere!" und schlug mit der Stimmgabel gegen den Straßenlaternenposten neben sich. Die Wirkung erfolgte sofort, Sybil die Sirene zog eine Grimasse, aber auch Bonnie war der Schmerz, den sie empfand, anzusehen. Trotzdem hielt sie tapfer stand, ließ die Stimmgabel nicht fallen, sondern hielt diese weiterhin Sybil entgegen. Diese gab ein zischendes Geräusch von sich und ergriff dann die Flucht.

Gerade noch rechtzeitig, denn kaum, dass sie verschwunden war, kippte Bonnie um. Stefan rannte zu ihr hinüber und fing sie gerade noch auf, bevor sie auf den Boden knallte. Die Stimmgabel löste sich aus Bonnies Hand und fiel zu Boden, ihr Aufprall schien eine neue Welle von Geräuschen, die Stefan nicht hören konnte, auszulösen, denn nun begann Bonnies Nase zu bluten.

Caroline und Tyler eilten zu ihnen. „Geht es ihr gut?", wollte Tyler besorgt wissen.

„Ich bin nicht sicher", gab Stefan zu.

Caroline hob die Stimmgabel auf, während Stefan Bonnie zurück ins Haus trug. Im Haus warteten Nora und Mary Louise auf sie, zusammen mit Valerie. Alle drei Häretiker waren ungewöhnlich blass. Valerie sah zu ihm hinüber und wirkte verwirrt.

„Ich … ich verstehe das nicht … ich weiß nicht mehr genau was passiert ist … ich meine ich erinnere mich daran, aber … ich verstehe nicht mehr warum ich die Dinge getan habe, die ich getan habe", murmelte sie, „Sie hat mir Vergeltung versprochen, den Sturz des Patriachats, Rache an Julian, aber er ist doch schon tot … ich weiß nicht wie das möglich sein sollte … oder warum ich …." Sie schüttelte ihren Kopf.

Nora pflückte Bonnie aus Stefans Armen und legte sie auf den Küchentisch. „Das wird schon wieder", stellte sie dann fest, „Aber das Feedback der Stimmgabel hat sie ordentlich erwischt. Wir konnten es bis hier drinnen hören. Es hat Valerie endgültig aus ihrer Trance gerissen."

Das bedeutet, dass diese Männer in der Garage auch wieder sie selbst sein müssten. … Und sich gerade wundern, warum sie aneinander gefesselt in einer wildfremden Garage sitzen!

„Die Babys sind still, sie weinen nicht", stellte Stefan fest.

Nora und sein Blick trafen sich einen Moment lang. Aber es war Caroline, die als Erste losstürmte. Seline stand im Kinderzimmer, hatte sich über die Babys gebeugt. „Es ist in Ordnung", erklärte sie, „Ich habe ihnen den Schmerz aus dem Bewusstsein gelöscht. Sie haben es kaum mitbekommen." Die Sirene selbst sah aus, als hätte sie seit Tagen nichts mehr gegessen, ihre Wangen waren eingefallen, ihre Augen schienen herauszutreten. „Ich habe sie vor dem Schmerz beschützt."

Caroline nahm Josie hoch und drückte sie an sich. „Ich weiß, dass du es gut gemeint hast, Seline, aber du kannst nicht einfach in den Geistern meiner Kinder herumstochern! Nicht einmal um sie zu beschützen!", erklärte sie, „Bitte tu das nicht noch einmal." Sie musterte Seline besorgt. „Du siehst nicht gut aus", stellte sie fest.

„Ich fühle mich auch nicht gut", gab Seline zu.

Stefan nahm die Sirene an der Schulter. „Komm", meinte er, „Es ist an der Zeit, dass wir dir etwas zu essen besorgen." Und dich von den Babys wegbringen, sagte er nicht.

Im Grunde machte er sich keine wirklichen Sorgen um die Kinder. Seline würde ihnen nichts antun, das wusste er. Seine wahre Sorge galt den Männern in der Garage. Wenn Seline der Hunger übermannte, wenn sie wie ihre Vorgänger Schuld auf sich geladen hatten… Er beschloss, dass er Seline, bis sie gegessen hatte, nicht mehr aus den Augen lassen würde.

Die Sirene ließ sich aus dem Kinderzimmer führen. „Ihr habe Sybil vertrieben, das habt ihr gut gemacht", meinte sie.

„Aber jetzt weiß sie, dass wir die Stimmgabel haben. Sie weiß, dass du mit uns zusammenarbeitest", meinte Stefan.

„Das hätte sie früher oder später sowieso erfahren", gab die Sirene zurück, „Aber jetzt wird sie es sich zumindest zweimal überlegen, bevor wie wieder herkommt. Das könnte uns endlich die Zeit verschaffen, die wir brauchen – während sie noch ihren nächsten Schritt plant, können wir die Glocke vernichten." Sie klang selbstsicher und überzeugt.

Trotzdem sorgte sich Stefan. Das alles, das würde nicht so einfach sein, das spürte er genau. Und Sybil war nicht die einzige Sirene, die ihm Sorgen bereitete. Er musterte Seline genauer.

„Du musst dich nicht sorgen, Stefan", meinte diese, „Ich werde keinen Hungeranfall bekommen, der mich dazu bringt über irgendjemand hier oder dort draußen in der Garage herzufallen. Ich habe mich im Griff."

Stefan wünschte sich er könnte das auch glauben. Sie dachte vielleicht dass sie sich unter Kontrolle hatte, und vielleicht hatte sie sich ja jetzt im Moment auch unter Kontrolle, doch er wusste genau wie schnell sich das ändern konnte. Er hatte es gesehen. Mehr noch, er hatte es selbst erlebt.

„Das, was du mit den Zwillingen gemacht hast, das war sehr nett von dir. Dass du ihnen den Schmerz genommen hast, die Erinnerungen daran aus ihren Geist gelöscht hast", meinte er.

Seline zuckte die Schultern. „Es war das Mindeste, was ich tun konnte", meinte sie.

„Könntest du ihnen ihre Erinnerungen wieder zurück geben? Wenn du den Geist von jemanden manipulierst, kannst du ihn danach auch wieder auf den Stand zurücksetzen, auf den er zuvor war?"

Seline starrte ihn an. „Natürlich kann ich das", erklärte sie, „Aber warum sollte ich die Zwillinge diesem Schmerz aussetzen? Es sei denn, es geht dir bei dieser Frage gar nicht um die Zwillinge…."

Stefan nickte. Es nagte an ihm, es nagte an ihm, seit sie ihm gesagt hatte, dass sie in Monterey gewesen war, es nagte an ihm, seit sie ihm gesagt hatte, dass sie ihn verschont hatte, weil sie nichts Böses in ihm hatte erkennen können. Und seit den Einbrechern in der Garage, die sie getötet hatte, nagte es noch mehr an ihm. Er musste es einfach wissen. Er musste wissen, was sie dazu gebracht hatte ihn zu verschonen.

Und um das begreifen zu können, musste er sich wieder daran erinnern können, was damals genau vorgefallen war. Ansonsten könnte er sich nie sicher sein, dass sie ihre Meinung nicht ändern würde, ansonsten könnte er ihr niemals wirklich über den Weg trauen, zumindest nicht was ihn anging.

„Ich möchte, dass du mir meine Erinnerungen zurückgibst", bestätigte er ihr, „Ich möchte mich wieder an unser erstes Treffen erinnern können."

Seline schüttelte den Kopf. „Nein, Stefan, es gibt einen Grund warum ich dir diese Erinnerungen genommen habe", widersprach sie, „Was du damals getan hast … Es war so furchtbar. Warum solltest du dich daran erinnern wollen?"

„Weil Caroline recht hat, weil du nicht einfach so am Gedächtnis anderer herumspielen kannst", erwiderte der Vampir, „Egal wie gut du es meinst. Es sind meine Erinnerungen, es ist etwas, das mir widerfahren ist, das ich getan habe. Ich verdiene es die Wahrheit zu erfahren."

„Stefan", setzte Seline an.

„Nein, du musst sie mir zurückgeben. Du musst rückgängig machen, was du damals getan hast, wenn du willst, dass ich dir jemals genug vertraue um dir dabei zu helfen die Glocke zu vernichten", erklärte er hart, „Du musst es tun, Seline, du musst mir zeigen, was du mir damals genommen hast."


A/N: Oh, nein, Stefan das ist eine wirklich dumme Idee.

Also, ich weiß ja, dass viele Fans auch manche meiner Leser der Meinung sind, dass es ein Fehler war, dass die Autoren darauf bestanden haben, dass Damon Lily verzeiht, aber ich glaube, dass das auf einem Missverständnis beruht – nämlich darauf, dass sie ihr denkt, dass Lilys Verhalten damit irgendwie entschuldigt werden würde. Aber das tut es nicht, denn die Wahrheit ist, dass beide Seiten recht haben:

Lily war ohne Zweifel eine schreckliche Mutter, die es nicht verdient hat, dass Damon ihr die Dinge vergibt, die sie getan hat. Der beste Beweis dafür, dass sie eine schreckliche Person war ist der Rückblick, in dem sie das Geld gestohlen hat und trotzdem zulässt, dass Damon für etwas, das er nicht getan hat, bestraft wird. Dafür gibt es keine Entschuldigung, sie kann sich einreden es getan zu haben, weil sie ihre einzige Chance zu entkommen nicht aufgeben wollte, aber in Wahrheit hatte sie nur Angst, dass die Wut ihres Mannes sonst sie treffen würde. Und das ist verständlich, aber nun mal die Anti-These einer guten Mutter. Aber wie ich geschrieben habe, geht es nicht darum was derjenige, den man vergibt verdient, denn wenn er oder sie kein Unrecht gegen eine andere Person begangen hätte, dann müsste man nichts vergeben, nicht mal was verzeihen. Vergebung ist nichts Leichtes und letztlich vergibt man anderen nicht nur weil sie das brauchen, sondern auch weil man es selbst braucht. Vergebung kann auch eine Waffe sein, und vor allem hilft sie einem dabei Dinge loszulassen, die einem beschäftigen. Und genau deswegen war es wichtig für Damon Lily zu vergeben. Dadurch, dass er das nicht getan hat, gerade als sie im Sterben gelegen ist, hat es ihn verfolgt, weil trotz allem, was sie getan hat, sie immer noch seine Mutter war, die auch viele anderen Seiten hatte, nicht nur schlechte. Dass er sich schlecht fühlt, weil er ihr nicht vergeben hat, sagt etwas über Damon aus, nicht über Lily.

Und gerade weil die Matt/Peter Situation, der Damon/Lily ähnelt, wollte ich, dass Damon seine Lektion, die er gelernt hat an Matt weitergibt. Und außerdem kann man Peters Handlungen nicht mit denen von Lily vergleichen, ja, er hat seine Familie verlassen und das aus ekelhaften Gründen, aber das war dann auch schon wieder alles. Also ist es legitim, dass Damon Matt rät sich zumindest zu fragen, ob er selbst damit leben könnte jemanden, der seine Vergebung sucht, diesen nicht zu gewähren. Ob sie ihm dann gewähren kann und wann ist eine andere Frage. Aber Matt sollte zumindest versuchen ihm zu vergeben, denn immerhin ist er Matt, er würde sich Vorwürfe machen, wenn er es nicht tut und Peter etwas zustoßen sollte.

Natürlich steht es euch auch zu anderer Meinung zu sein.

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