VI. Die Dunkelste Stunde

Auf ihrem Weg zur Insel Avalon begleitet sie ein strenger Wind, der kurz hinter dem Brechfa-Wald aufzieht und ihnen von dort an mit eisiger Kälte unentwegt ins Gesicht bläst. Kein einziger Sonnenstrahl zeigt sich während der Reise über ihnen und die dicken, grauen Wolken hängen so tief am Himmel, dass alles trüb und neblig erscheint.

Nachdem sie bereits einen halben Tag unterwegs sind, überlegt Merlin sie mit einem Zauber vor dem Wind zu schützen, aber er darf sich nicht damit verausgaben ihnen die Reise angenehmer zu machen, wenn er weiß, dass er seine ganzen Kräfte brauchen wird, sobald sie Avalon erreichen. Und so ziehen sie ihre Mäntel enger um sich und die Schals und Kapuzen tiefer ins Gesicht, während sie beständig in Richtung Südwesten reiten.

Am späten Nachmittag machen sie Halt, um etwas zu Essen, aber sie gönnen sich nur eine kurze Rast, und schließlich erreichen sie wie geplant einige Zeit vor Mitternacht das Ufer des Sees Avalon. Sie lassen die Pferde am Waldrand zurück und im Schein von Aglains und Nimuehs kleinen blauen Lichtkugeln, die sie seit Einbruch der Dunkelheit begleiten, machen sie sich auf den Weg zur Anlegestelle. Dort finden sie zwei längliche Boote, die scheinbar nur auf sie warten, um sie zur Insel in der Mitte des Sees zu bringen und am Heck jedes der Boote hängt eine Laterne, die einen flackernden Lichtkegel wirft.

Nachdem Merlin, Nimueh, Aglain und Iseldir in das eine Boot gestiegen sind und Morgause, Balinor, Ruadan, Alator und Finna in das andere, setzen sich beide Boote von selbst in Bewegung und gleiten geräuschlos über das glatte, schwarze Wasser und in einen dichten, undurchdringlichen Nebel hinein. Merlin zieht seinen Schal höher hinauf, als der Nebel seine Kleidung bereits nach wenigen Metern kalt und klamm werden lässt. Er hört das leise Plätschern von kleinen Wellen, die gegen den Rumpf der Boote schwappen, aber er kann das andere Boot durch den Nebel hindurch nicht sehen, obwohl er weiß, dass es genau neben ihnen sein muss.

Nach einiger Zeit glaubt Merlin schließlich, die schemenhaften Umrisse der Ruinen des Tempels auf der Insel erahnen zu können, und einen Moment darauf lichtet sich der Nebel mit einem Mal und gibt den Blick auf die verfallenen Mauern und Türme frei, die nun unter einem sternenklaren Nachthimmel im schwachen Licht des Mondes zu sehen sind. Ein Schauer durchläuft ihn, als er plötzlich die Magie der Insel spürt. Es fühlt sich an wie ein Zittern, das die Luft erfüllt, aber Merlin kann nicht sagen, ob sich die Insel der Gesegneten schon immer so angefühlt hat. Als er in der anderen Zeit hier gewesen ist, hat er die Insel nicht annähernd so deutlich gespürt wie jetzt, aber damals ist er auch noch nicht so eng mit der Magie um ihn herum verbunden gewesen, wie er es jetzt ist.

Als sie die Insel erreichen, folgen die Boote einem breiten Kanal, der unter mehreren steinernen Brücken über ihren Köpfen hindurchführt und schließlich kommen sie an einer kleinen Anlegestelle zum Stehen. Nimueh erhebt sich als erste und steigt aus dem Boot auf den gepflasterten Steg. Die anderen folgen ihr und trotz des Lichts des Mondes über ihnen, erschafft Nimueh eine neue Lichtkugel und Aglain tut es ihr gleich.

Nimueh führt sie den Steg entlang, über einen kleinen Platz und dann mehrere verwitterte Steinstufen hinauf, bis sie schließlich durch ein hohes Tor eines der Gebäude des Tempels betreten. Das Dach ist zum Großteil eingestürzt und die Überreste von großen Säulen liegen auf dem Steinboden. Schlingpflanzen wuchern über die abgebrochenen Steine, während sich wilder Efeu die Wände hinauf seinen Weg gebahnt hat.

Merlin tritt neben Morgause, die stehen geblieben ist und die Ruinen um sie herum mit starrem Blick betrachtet.

„Alles in Ordnung?", fragt er leise in die Stille hinein.

Morgause schüttelt den Kopf und der Ausdruck in ihren Augen ist hart und unendlich traurig. „Als ich ein Kind war, waren diese Korridore schöner als die Gänge jedes Palastes und die ganze Insel pulsierte vor Magie und Leben. Jetzt ist alles hier tot und nur ein Echo der einstigen Energie von damals ist übrig geblieben."

Merlin presst die Lippen zusammen und legt ihr eine Hand durch den dicken Umhang auf die Schulter. „Das hier ist ein neuer Anfang und nicht das Ende", erinnert er sie. „Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war, aber die Alte Religion wird nicht vergessen werden."

Morgause sieht Merlin kurz an und nickt dann knapp, bevor sie sich zwingt, weiter zu gehen und den anderen zu folgen.

Zwischen den Ruinen mehrerer hoher Gebäude erreichen sie schließlich einen weitläufigen Innenhof. Die Mauern, die zu den beiden langen Seiten des Hofes in die Höhe ragen und die Torbögen und Fenster sind an mehreren Stellen eingestürzt, aber man kann immer noch erkennen wir großartig und eindrucksvoll die Gebäude des Tempels einst gewesen sein müssen. Der Mond wirft sein fahles Licht zwischen vier hohen Türmen im hinteren Teil der Insel hindurch auf den Innenhof und Nimueh führt sie zu einem rechteckigen Steinblock, der am anderen Ende in der Mitte steht. Ein Stück hinter dem Altar befinden sich zwei hohe Säulen, die einst drei hohe Torbögen getragen haben, aber der mittlere Bogen ist eingestürzt und die Trümmer liegen überall auf dem Boden verstreut.

Nimueh bleibt vor dem Altar stehen und ihr Blick wandern nach oben in den Nachthimmel. „Samhain steht kurz bevor. Wir sollten uns beeilen."

Merlin fragt, nicht woher sie weiß, dass es bald Mitternacht sein wird, er selbst spürt dieses seltsame, kalte Flüstern am Rande seines Bewusstseins, das seine Haut kribbeln und ihm die Haare zu Berge stehen lässt. Nimueh sieht sich um und nickt den anderen zu, die sich daraufhin in einem Kreis um den Altar herum aufstellen.

Leon tritt nach vorne und er atmet ein Mal tief durch, als er neben Merlin vor den Steinblock tritt.

„Also gut, dann los", sagt er leise, bevor er sich auf den Altar setzt und seinen Umhang, sein Fell, das dicke Lederwams und die Schnürung seines Hemdes öffnet. Dann legt er sich auf den Rücken, den Blick starr nach oben in den Himmel gerichtet und die Hände neben sich zu Fäusten geballt.

In Camelot erhebt Arthur sich von seinem Stuhl und die Edelleute und Ritter, die vor ihm zu beiden Seiten des Thronsaals an der festlich geschmückten Tafel sitzen, tun es ihm gleich.

Arthur nimmt seinen Kelch vom Tisch vor sich und hebt ihn an, während er seinen Blick über die versammelten Menschen wandern lässt. „Meine Freunde. Dieses Jahr ist ein Jahr der Veränderungen gewesen. Wir sind viele Male auf die Probe gestellt worden, aber wir haben nie den Glauben an uns selbst verloren. Wir haben nie den Glauben an die Werte verloren, denen wir uns verschrieben haben. Wir kämpfen für den Frieden und für die Freiheit in ganz Albion."

„Bist du soweit?", fragt Merlin leise und Leon sieht ihn kurz an, bevor er seinen Blick wieder starr nach oben an den Nachthimmel richtet und nickt.

„Ja, bin ich."

Merlin nickt ebenfalls, und murmelt dann ein paar Worte. Leons Augenlider flattern und fallen zu, als er in einen tiefen Schlaf sinkt.

Dann greift Merlin unter seinen Umhang und zieht den Dolch, aus der Scheide an seinem Gürtel. Die Klinge ist schmal, nur einen Daumen breit und nur etwas mehr als eine Handspanne lang.

Merlin dreht sich noch einmal zu Nimueh um, die ihm mit einem Nicken zu verstehen gibt, dass es Zeit ist und Merlin umfasst den Griff des Dolches mit beiden Händen, bevor er ihn über Leons Brust hebt.

Arthur sieht jeden seiner getreuen Ritter einen Moment lang an und sie alle erwidern seinen Blick mit einem entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht. „Dieser Kampf wird uns alles abverlangen, aber er stellt ein nobles Unterfangen dar, das kommenden Generationen zu Gute kommen wird. Ich verspreche euch, dass ich nicht eher ruhen werde, bis jeder, ob Adliger oder Diener, Zauberer oder Ritter, Druide oder Bauer in ganz Albion in Frieden und Freiheit leben kann."

Als Arthur geendet hat, hebt Lancelot seinen Becher an.

„Auf König Arthur!", ruft er laut und die Menschen in der Halle stimmen mit ein, als die Glocke Camelots Schlag Mitternacht läutet.

Merlin spricht leise den rituellen Zauber in der alten Sprache und er spürt, wie seine Magie verstärkt von der Magie der Insel förmlich auflodert, bevor er den Dolch direkt in Leons Herz stößt.

Für einen langen Moment geschieht nichts, doch dann zieht mit einem Mal ein scharfer Wind auf, der die vertrockneten Blätter und Zweige auf dem Boden in die Höhe schleudert und mit einem unheimlichen Geräusch durch die Ruinen des Tempels heult. Merlin stemmt sich gegen die starken Böen, um nicht von den Füßen gerissen zu werden, und hält eine Hand vor sein Gesicht, während er mit der anderen Hand immer noch den Dolch umklammert, der in Leons Brust steckt.

Ein ohrenbetäubendes Rauschen ertönt in der Luft um sie herum und das Geräusch von tausend Schreien erklingt und nimmt stetig zu, bis sich vor Merlin am hinteren Ende des Innenhofes der Spalt zwischen den Welten öffnet. Der klaffende schwarze Riss reicht bis hinauf zu den Mauern der umliegenden Gebäude und die Ränder wabern wie Rauch in der Luft, während in der Mitte nur undurchdringliche Schwärze zu sehen ist.

„Der Durchgang ist offen, folgt meiner Führung!", ruft Nimueh über das Getöse hinweg und Merlin tritt nach hinten, bis er auf seinem Platz im Kreis steht.

Er holt den Kristall von Neahtid hervor und stellt ihn vor sich auf den Boden, während er die Worte murmelt, die ihn mit dem Kristall verbinden. Dann richtet er sich wieder auf und fasst Nimueh auf der einen und seinen Vater auf der anderen Seite an den Händen. Er spürt, wie die Energie aus der Schattenwelt durch den Riss hindurch strömt und die Dorocha danach lechzen die diesseitige Welt zu betreten und sie mit Chaos und Tod zu überziehen.

Merlin schließt die Augen und öffnet sich der Energie, die aus dem Riss zu ihnen strömt, um sie zu kanalisieren, und in den Kristall zu leiten. Ein Ruck geht durch seinen Körper, als die Magie zu fließen beginnt und er muss seine ganze Konzentration und Willensstärke aufwarten, um nicht von den Füßen gerissen zu werden. Als er die Augen wieder öffnet, sieht er, wie der Kristall zu seinen Füßen angefangen hat von innen heraus zu leuchten und das weiße Licht glüht schwach und gleichmäßig.

Um sich herum hört Merlin die Schreie der Dorocha, die aus der anderen Welt zu ihnen herüber hallen und den leisen Sprechgesang der anderen, die unter Nimuehs Führung die Dorocha daran hindern durch den Riss hindurch zu gelangen.

Merlin will sich Nimueh und den anderen gerade anschließen, als von einem Augenblick auf den anderen die Cailleach vor dem Riss erscheint. Sie hat erneut die Gestalt einer alten Frau, die in einen zerschlissenen schwarzen Mantel gehüllt ist und hält neben sich einen Stab in einer Hand. Unter der Kapuze sieht Merlin ihre langen, grauen Haare und sie blickt ihn aus glasige Augen heraus an. Es vergeht ein Moment, doch dann verengen sich ihre Augen in dem fahlen, runzeligen Gesicht mit einem Mal und sie verzieht ihr dünnen Lippen zu einer hässlichen Fratze.

„Du versuchst mich zu hintergehen!", sagt sie mit kratziger Stimme. „Die Seele, die du geopfert hast, ist an diese Welt gebunden. Wie kannst du es wagen, Emrys! Dafür wirst du bezahlen. Ihr alle werdet dafür bezahlen!"

Sie stößt ihren Stab ein Mal auf dem Boden und das Geräusch hallt unnatürlich laut auf dem Innenhof wieder, bevor die Schreie der Dorocha anschwellen und der Riss beginnt sich langsam weiter zu öffnen. Nimueh erhebt ihre Stimme und die anderen folgen ihrem Beispiel, während sie versuchen den Ansturm der Dorocha zurückzudrängen.

Merlin wirft alles, was er an Magie zur Verfügung hat, und seine ganze Willenskraft gegen die Cailleach, und ihren Versuch den Riss noch weiter zu öffnen, während er sich bemüht die Verbindung zum Kristall von Neahtid aufrecht zu erhalten. Der Kristall vor ihm erstrahlt mittlerweile hell in einem kalten, weißen Licht und Merlin kann fühlen, dass der Kristall bereits eine unglaubliche Menge an Energie aufgenommen hat. Er ist sich nicht sicher, ob es genug sein wird, aber er hofft es.

Merlin richtet seinen Blick wieder auf die Cailleach und sie bleckt ihre gefleckten gelben Zähne, während sie Merlin hasserfüllt anstarrt. Dann streckt sie ihre freie Hand aus und ihre spindeldürren Finger beginnen sich langsam zu schließen. Im selben Moment spürt Merlin eine eisige Kälte, die von seinen Füßen an seine Körper nach oben klettert. Er schnappt nach Luft, als die Kälte seinen Hals erreicht, wo sie sich mit eisigem Griff um seine Kehle legt und zudrückt.

Merlin beißt die Zähne zusammen und wehrt sich gegen die Taubheit in seinen Gliedern. Seine Sicht verschwimmt, als dunkle Flecken vor seinen Augen zu tanzen beginnen und gleichzeitig schnürt ihm der Zauber der Cailleach die Luft ab.

Arthur hat seinen Kelch erhoben und nickt seinen Rittern zu, als ihre Rufe verklingen. Die Menschen in der Halle stoßen mit ihren Freunden und Familienmitgliedern neben sich an und Arthur will sich gerade zu Morgana umdrehen, als ihm mit einem Mal schwindelig wird. Im nächsten Moment verschwimmt die Halle vor seinen Augen, als schwarze Flecken in seinem Blickfeld erscheinen. Er spürt, wie er nach vorne schwankt und um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, stützt er sich mit den Händen vor sich auf der Tischplatte ab, die Finger seiner rechten Hand noch immer um den Kelch geschlossen, der mit einem dumpfen Geräusch auf der Tischplatte zum Stehen kommt.

„Arthur, was ist los?", fragt Morgana neben ihm besorgt und Arthur spürt eine Hand auf seiner Schulter, doch ihre Stimme kommt aus weiter Ferne.

Arthur schüttelt den Kopf, außerstande etwas zu sagen. Seine Kehle ist mit einem Mal wie zugeschnürt, so als ob sich lange, dünne Finger um seinen Hals geschlossen hätten und erbarmungslos zudrücken würden. Die schwarzen Flecken vor seinen Augen rauben ihm nun gänzlich die Sicht und er bekommt keine Luft mehr. Er glaubt, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren und presst die Augen fest zusammen, während er gegen die Panik ankämpft, die in ihm aufsteigt.

Während die anderen weiterhin all ihre Kräfte einsetzen, um die Dorocha daran zu hindern in ihre Welt zu gelangen, kämpft Merlin gegen die Cailleach an, um den Riss zwischen den Welten wieder zu schließen. Er zittert vor Anstrengung und ihm wird schwarz vor Augen, doch mit einem verzweifelten Schrei schleudert er der Cailleach seine ganze Macht entgegen. Ihre Augen weiten sich, doch in dem Moment wird sie bereits von den Füßen gerissen und einen Augenblick darauf löst sie sich in Rauch auf.

Merlin taumelt vollkommen entkräftet zurück, aber der Griff um seine Kehle ist verschwunden und er schnappt gierig nach Luft. Er sieht wie sich die Ränder des Risses zu Kräuseln beginnen und der Spalt kleiner wird, bis er schließlich mit einem Letzten aufblitzen verschwindet. Die Schreie der Dorocha verklingen und Stille senkt sich wieder über den Hof.

Unfähig sich noch länger auf den Beinen zu halten sackt Merlin in sich zusammen und nur sein Vater bewahrt ihn davor zu Boden zu fallen. Er sieht, wie Nimueh sich aus ihrem Kreis löst und nach vorne zum Altar läuft, um den Dolch aus Leons Brust zu ziehen. Nur am Rande nimmt Merlin wahr, dass das Leuchten des Kristalls von Neahtid langsam schwächer wird und schließlich verblasst, während er seinen Blick starr auf Leon gerichtet hat. Für einen schrecklichen Moment glaubt Merlin, dass die Cailleach es irgendwie geschafft hat, Leons Seele mit sich auf die andere Seite hinüber zu ziehen, doch einen Augenblick darauf schnappt Leon plötzlich nach Luft und setzt sich ruckartig auf, während er sich an die Brust fasst, wo kurz zuvor noch der Dolch gesteckt hat.

Merlin atmet erleichtert auf, bevor er sich von seinem Vater gestützt zu Boden sinken lässt.

Der Griff um Arthurs Hals löst sich genauso plötzlich, wie er erschienen ist und mit einem Mal kann er wieder atmen. Er schnappt nach Luft und als er die Augen einen Moment darauf wieder öffnet, ist seine Sicht wieder klar.

Arthur atmet ein paar Mal tief durch, während er sich immer noch vor sich auf dem Tisch abstützt, die Finger seiner rechten Hand um den Kelch geschlossen. Dann schließt er die Augen wieder und sucht mit seinem Geist drängend nach Merlin.

Merlin!"

Arthur."

Als Arthur Merlins vertraute Stimme in seinem Kopf hört, macht sich Erleichterung in ihm breit. Er kann jedoch über die weite Entfernung hinweg nicht spüren, ob es Merlin gut geht oder nicht.

Was ist passiert?", fragt er deshalb.

Wir haben es geschafft, aber die Cailleach war nicht begeistert davon, dass wir sie hintergangen haben. Wir konnten sie zurückschlagen und den Riss wieder schließen. Es geht allen gut, Leon eingeschlossen", fügt Merlin hinzu.

Arthur atmet erleichtert auf, als er das hört. „Den Göttern sei Dank. Hast du bekommen, was du wolltest?"

Ja, das habe ich. Wir werden morgen gegen Abend wieder in Camelot sein."

In Ordnung", antwortet Arthur. „Passt auf euch auf."

Dann öffnet Arthur die Augen wieder und erst jetzt, als er sich seiner Umgebung wieder bewusst wird, wird ihm klar, dass die ausgelassene Stimmung in der Halle mit einem Mal verflogen ist und beinahe vollkommene Stille herrscht. Als er aufsieht, begegnet er besorgten Gesichtern, allen voran Morganas und er überlegt schnell, wie er sein Verhalten erklären könnte. Als ihm etwas einfällt, blickt er in die Runde seines Hofstaates und schüttelt den Kopf.

„Nein. Ich bin euer König, aber was wir in diesem Jahr erreicht haben, das haben wir zusammen erreicht." Er richtet sich wieder auf und hebt seinen Kelch in die Höhe. „Auf Camelot!", sagt er laut und nach einem Moment stimmen alle im Saal begeistert mit ein.

„Auf Camelot!"

Arthur trinkt einen Schluck aus seinem Kelch und gibt den Musikern ein Zeichen, dass sie anfangen sollen zu spielen. Die Lauten erklingen und Arthur setzt sich, während Unterhaltungen in der Halle beginnen und die Diener das Essen hereintragen. Schließlich sieht er zu Morgana neben sich, die ihn immer noch mit einem fragenden und beunruhigten Blick ansieht.

Arthur legt ihr eine Hand auf den Arm. „Es ist alles in Ordnung und es geht allen gut."

Morgana weiß, wovon er redet und sie atmet erleichtert auf, als sie das hört. Bevor die anderen aufgebrochen sind, haben Arthur und Merlin ihr davon erzählt, dass Merlin ihre Seelen aneinander gebunden hat und dass Arthur nun deshalb auch mit Merlin in Gedanken kommunizieren kann, ohne ihn zu berühren. Morgana ist von dieser Neuigkeit verständlicherweise alles andere als begeistert gewesen, denn Arthur riskiert damit in ihren Augen unnötig sein Leben, während er ihr immer einschärft, dass sie an Camelot denken muss. Sie ließ sich jedoch beschwichtigen, als sie ihr erzählten, dass Merlin allem Anschein nach unsterblich ist und Arthur damit ebenfalls so gut wie unsterblich sein müsste. Zwar stellte die Cailleach trotzdem eine Gefahr für sie dar, aber Merlin ist nicht allein und schließlich ist nichts im Leben wirklich ohne Risiko. Dass Arthur nun auch Merlins Magie benutzen kann, bleibt vorläufig allerdings noch ein Geheimnis, das nur Arthur, Merlin und Leon teilen.

Morgana schließt für einen Moment die Augen und als sie Arthur wieder ansieht, liegt ein erleichterter Ausdruck auf ihren Zügen. „Du hast mir wirklich Angst gemacht", sagt sie leise.

Arthur sieht sie entschuldigend an. „Tut mir leid."

„Was ist passiert?"

Arthur zuckt mit den Schultern. „Das, was wir erwartet haben. Die Cailleach hat es nicht gut aufgenommen, dass wir sie hintergangen haben, aber sie konnten sie zurückschlagen und den Riss zwischen den Welten wieder schließen. Die Dorocha sind dort wo sie hingehören und Merlin hat genug Energie bekommen, um die Schutzzauber über Camelots Mauern zu legen."

Ein glückliches Lächeln erscheint auf Morganas Gesicht und sie greift nach ihrem Becher, um in kleines Stück anzuheben. „Auf Merlin", sagt sie leise.

Arthur nickt und hebt ebenfalls seinen Becher. „Auf Merlin."

Als Merlin am nächsten Morgen aufwacht, ist es bereits hell, aber wohl noch früh am Morgen. Der Tag ist trüb und die geschlossene graue Wolkendecke am Himmel lässt vermuten, dass die Sonne an diesem Tag wohl nicht hervorkommen wird. Im Wald rings herum ist es noch gespenstisch still und das einzige Geräusch ist das Knacken eines kleinen Feuers in der Nähe.

Merlin dreht sich auf seiner Bettrolle um und sieht, dass sein Vater auf einem kleinen Baumstamm hinter dem Feuer sitzt, das sie letzte Nacht noch entzündet haben. Während der Nacht hat sich Reif auf den letzten Blättern und an den Zweigen der Bäume gebildet und Merlins Atem bildet kleine Wölkchen in der Luft vor sich. Die anderen sind immer noch tief in ihre Felle und Decke gehüllt und schlafen um das Feuer herum verteilt.

Merlin zieht sich seine Decke und sein Fell um die Schultern und setzt sich auf. Er fühlt sich immer noch vollkommen erschöpft, aber er glaubt nicht, dass er noch einmal einschlafen kann. Kurz entschlossen steht er auf und als sein Blick auf das Seeufer am Rande des Waldes fällt, sieht er Nimueh dort mit dem Rücken zu ihm im reifbedeckten Gras stehen.

Merlin geht zu seinem Vater hinüber und Balinor sieht auf, als er Merlin bemerkt.

„Geht es dir besser?", fragt er leise.

Merlin lächelt und nickt. „Ja." Dann nickt er in Richtung des Seeufers und zu Nimueh. „Wie lange steht sie schon da?", fragt er ebenfalls mit leiser Stimme, um die anderen nicht zu wecken.

Balinor zuckt mit den Schultern. „Seit der Dämmerung."

Merlin nickt nachdenklich. „Du solltest versuchen noch ein wenig zu schlagen", sagt er dann an seinen Vater gewandt. „Es wird ein langer Ritt zurück nach Camelot."

Balinor lächelt schief. „Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen um mich, mein Sohn."

Merlin erwidert das Lächeln und legt seinem Vater eine Hand auf die Schulter, bevor er an ihm vorbei zum Seeufer hinunter geht.

„Hey", sagt er leise, als er neben Nimueh stehen bleibt.

Sie dreht kurz den Kopf und wirft ihm ein schmales Lächeln zu, bevor sie wieder hinaus auf die glatte Wasseroberfläche des Sees blickt.

Merlin mustert sie einen Augenblick lang. „Konntest du ein bisschen schlafen?"

„Nur ein wenig", antwortet Nimueh leise und zieht ihren Mantel und ihr schwarzes Fell enger um sich.

Für einen Moment lang herrscht Stille zwischen ihnen, während Merlin überlegt, was er sagen soll. Nimuehs Miene ist verschlossen und ihre Augen starren blicklos auf den See hinaus.

„Wenn du jemandem zum Reden brauchst, ich bin ein ziemlich guter Zuhörer", sagt Merlin schließlich.

Nimueh antwortet nicht, aber Merlin drängt sie nicht. Es dauert einige weitere lange Momente, bis sie mit leiser Stimme anfängt zu sprechen.

„Die Ruinen meiner Heimat wieder zu sehen, hat mich an alles erinnert, was ich verloren habe. Schon als Kind, war ich immer die stärkste der Schwestern und ich konnte die Magie um uns herum immer deutlicher wahrnehmen, als jede der Neun. Als ich dann eine von ihnen wurde, wusste ich, dass es meine Bestimmung ist. Es war meine Aufgabe, unsere stärksten Artefakte zu beschützen und sie weit weg von der Insel der Gesegneten zu verstecken, deshalb war ich nicht da, als Uther unter einem Vorwand auf die Insel gekommen ist und den Tempel und das Kloster zerstört hat. Ich habe den Tod meiner Schwestern gespürt, wie ein Messer, das mir mitten durchs Herz gestoßen wurde, aber ich konnte nichts tun, um ihnen zu helfen. Als ich auf die Insel zurückgekommen bin und die Zerstörung gesehen habe, schwor ich Rache, aber die Magie der Insel hat mich nicht mehr gehen lassen. Sie hat mich in einen tiefen Schlaf versetzt und als ich diesen Frühling wieder aufgewacht bin, waren zwanzig Jahre vergangen."

Merlin denkt über Nimuehs Worte nach. Sie hat bereits einmal gesagt, dass die Magie der Insel sie daran gehindert hat Avalon wieder zu verlassen, aber Merlin hat nicht weiter nachgefragt. Wenn sie allerdings tatsächlich erst in diesem Frühling wieder aufgewacht ist, dann erklärt das, warum sie nicht bereits früher versucht hat, Rache an Uther zu nehmen. Was den Grund dafür angeht, warum sie gerade zu diesem Zeitpunkt wieder aufgewacht ist, so hat Merlin eine Vermutung.

„Vielleicht bist du aufgewacht, als ich Arthur das erste Mal getroffen habe und unser Schicksal begann", meint er und Nimueh zuckt mit den Schultern, ohne ihn anzusehen.

„Vielleicht. Ich weiß nur, dass sich die ganze Welt verändert hat, nur ich bin keinen Tag gealtert. Ich schwor Rache und ich habe den Afanc erschaffen, um Uther und Camelot leiden zu sehen, genauso wie er meine Schwestern hat leiden lassen." Nimuehs Stimme bricht ab und sie schluckt schwer, bevor sie weitersprechen kann. „Jeder, den ich je geliebt habe, ist tot, nur ich bin noch hier. Ganz allein."

Tränen schimmern in Nimuehs Augen und sie sieht so verletzlich aus, wie Merlin sie noch nie zuvor gesehen hat. Er schüttelt entschieden den Kopf und legt Nimueh sanft eine Hand auf die Schulter. Nimueh schnappt zittrig nach Luft und sieht Merlin mit feuchten Augen an.

„Du bist nicht alleine, Nimueh. Nicht mehr", sagt Merlin bestimmt.

Nimueh presst die Lippen aufeinander, während sie sich eine Träne aus den Augenwinkeln wischt. Dann lächelt sie und es ist das erst wirkliche Lächeln, das Merlin auf ihrem Gesicht gesehen hat. Merlin erwidert das Lächeln und einen Moment darauf zieht Nimueh ihn an sich und vergräbt ihr Gesicht in dem Fell um Merlins Schultern. Merlin legt nach einem kurzen Zögern seine Arme um sie und hält sie fest an sich gedrückt, während er ihr mit einer Hand über die Haare streicht. Dann hört er Nimuehs Stimme doch an seinem Ohr.

„Ich dachte, ich könnte die Alte Religion wieder auferstehen lassen und die Hohepriesterinnen wieder zurückbringen, trotz dem, was ich dir und Morgause gesagt habe", gesteht sie leise.

Merlin nickt sachte. „Ich weiß."

Nimueh lacht freudlos auf. Sie löst sie wieder von Merlin und sieht ihn an. „Es tut mir leid, dass ich dich hintergehen wollte."

„Es muss dir nicht leidtun", antwortet Merlin verständnisvoll und schüttelt den Kopf. „Du bist die Letzte der Neun. Ich kann verstehen, warum du es tun wolltest."

Nimueh nickt und ihr Blick wandert wieder hinaus auf das Wasser, über dem in der Mitte des Sees noch immer eine undurchdringliche, weiße Nebelwand liegt.

„Als ich gestern wieder zwischen den Ruinen des Tempels gestanden habe, ist mir bewusst geworden, dass die Zeit von damals nie wieder zurückkommen wird. Die Magie der Insel verschwindet langsam. Ich konnte es spüren und der Nebel, der die Insel umgibt, hat uns nur widerwillig und zögerlich Zutritt gewährt." Nimueh sieht wieder zu Merlin hinüber und ein besorgter Ausdruck tritt auf ihr Gesicht. „Aber die Magie ist immer noch ein Teil dieser Welt und jemand muss dafür sorgen, dass die Ordnung aufrechterhalten wird."

„Ich werde diese Aufgabe übernehmen", antwortet Merlin entschlossen. „Und du wirst mir helfen. Du und Morgause, Morgana und Alator, mein Vater, Ruadan und die Anführer der Druiden. Wir werden die Mächtigsten von uns finden und in Camelot versammeln. Wir werden einen Rat bilden, der dafür sorgt, dass das Gleichgewicht nicht gestört wird und dass Magie nicht dazu verwendet wird, den Menschen zu schaden. Als stärkste Zauberer dieser Zeit ist es unsere Pflicht, das zu tun. Wir werden die Tempel der Alten Religion wieder aufbauen, aber wir werden es für die Menschen tun und nicht zu unserem eigenen Vorteil. Wir werden keinerlei Verehrung fordern und wir werden das Leben als höchstes Gut über alles Stellen und die Magie bewahren, solange sie in dieser Welt existiert."

Merlin sieht Nimueh eindringlich an und sie erwidert seinen Blick für einen Moment, bevor sie schließlich nickt. Er sieht, dass es ihr schwerfällt, zu akzeptieren, dass die alten Wege nicht wieder zurückkehren werden, obwohl sie das tief in ihrem Inneren bereits gewusst hat. Aber er sieht auch Hoffnung und Zuversicht in ihren Augen und er weiß, dass er in Nimueh nun endlich wahrhaftig eine seiner stärksten Verbündeten gefunden hat.

Es ist die zweite Stunde nach Mitternacht, als Arthur zusammen mit Merlin in dicke Umhänge gehüllt die Mauern des Schlosses durch das kleine Westtor verlässt. Sie wenden sich nach rechts und folgen der Mauer in Richtung des Eingangs zu Camelots unterirdischem Wasserreservoir. Die Nacht ist kalt und wolkenverhangen und ihr Weg wird nur von einer kleinen Fackel erhellt, die Arthur in der Hand trägt, statt von einer magischen Lichtkugel. Merlin braucht für sein Vorhaben all seine Kräfte, und er wollte nicht riskieren, dass etwas schiefgeht, nicht nach all den Anstrengungen, die sie unternommen haben, damit er in der Lage ist, Camelots Mauern mit einem Schutzzauber zu belegen, der die Zeit überdauern wird.

Ein gutes Stück hinter dem Eingang zur Zisterne, an einem schlichten Abschnitt der Außenmauer, bleiben sie kurz darauf stehen und Arthur sieht an der dunklen Steinmauer, von der nur ein Teil vom Licht seiner Fackel erhellt wird, hinauf.

„Kannst du mir jetzt sagen, warum du den Zauber mitten in der Nacht hier draußen an diesem Teil der Mauer sprechen willst?"

Merlin seufzt und sein Blick wandert ebenfalls an der Mauer entlang hinauf. „Es ist besser, wenn niemand sieht, wie ich so viel Magie benutze. Es würde ihnen Angst machen."

„Dem gemeinen Volk und den Adligen vielleicht", antwortet Arthur. „Aber die Ritter der Tafelrunde und Morgana würden sich gewiss nicht vor dir fürchten."

Merlin legt den Kopf schief und sieht Arthur im Schein der Fackel an. „Da bin ich mir nicht so sicher."

„Sie wissen, wozu du fähig bist", gibt Arthur zu bedenken, aber Merlin zieht die Augenbrauen nach oben und schüttelt den Kopf.

„Nein, das wissen sie nicht. Sie haben keine Ahnung, wozu ich fähig bin. Sie haben nie wirklich gesehen, wozu ich in der Lage bin. Ich glaube, wenn sie sehen würden, wie mächtig ich tatsächlich bin, dann würden sie mich fürchten. Du hast mich gefürchtet, nachdem du das wahre Ausmaß meiner Kräfte gesehen hast."

Arthur schweigt für einen Moment. Er weiß, dass Merlin von der Schlacht von Camlann redet und er kann nicht leugnen, dass er Merlins Macht gefürchtet hat, obwohl er tief in seinem Innersten gewusst hat, dass Merlin diese Macht niemals gegen ihn oder Camelot richten würde. Diese Tage liegen jedoch hinter ihnen und Arthur vertraut Merlin und seiner Magie bedingungslos.

„Eines Tages musst du ihnen vielleicht zeigen, wie mächtig du wirklich bist", meint Arthur nach einem Moment.

Merlin atmet ein Mal tief durch und zuckt mit den Schultern. „Vielleicht. Aber jetzt noch nicht."

Dann greift er in einen kleinen Lederbeutel an seinem Gürtel und holt den Kristall von Neahtid heraus, der schwach von innen heraus leuchtet.

„Und um deine Frage zu beantworten, warum wir hier draußen sind", fährt Merlin fort. „Der Kristall trägt eine unglaubliche Menge an Energie in sich und ich bin mir nicht sicher, was passieren wird, wenn ich diese Energie freilasse und die Worte spreche, die den Schutzzauber unmittelbar in die Struktur der Mauern einflechten. Und deshalb sind wir hier an dieser unbedeutenden Stelle der Mauer, weit weg von allen Gebäuden in denen sich Menschen aufhalten."

Arthur zieht argwöhnisch die Augenbrauen nach oben. „Was könnte denn passieren?"

Merlin verzieht jedoch das Gesicht und zuckt erneut mit den Schultern. „Wie gesagt, ich weiß es nicht. Und das lässt mich vorsichtig sein."

„Na gut", entgegnet Arthur und macht dann eine auffordernde Handbewegung. „Wir haben entsprechende Vorkehrungen getroffen, dann lass uns sehen was passiert."

Merlin greift in den Lederbeutel, der um seine Schultern hängt und holt eine alte Schriftrolle heraus, die den Eindruck erweckt, als könnte sie zu Staub zerfallen, sobald man sie berührt. Die Schriftrolle stammt aus Cornelius Sigans Grab und ist vermutlich an die tausend Jahre alt. Es hat Merlin einiges an Anstrengung gekostet, die Zeilen auf dem weichen Pergament zu übersetzen, aber schließlich ist es ihm gelungen.

Merlin überfliegt ein letztes Mal die feinsäuberlichen Buchstaben auf der Schriftrolle, bevor er sie wieder in den Beutel steckt und dann Arthur bedeutet ein Stück zurück zu treten. Er selbst geht nach vorne an die Mauer und legt seine rechte Hand mit gespreizten Fingern an den kalten Stein, während er in der anderen Hand den Kristall von Neahtid hält.

Arthur sieht, wie Merlin noch einmal tief durchatmet und dann beginnt der Kristall in Merlins Hand in einem kalten, weißen Licht zu strahlen. Als Merlin anfängt, die Zauberformel zu sprechen, nimmt das Leuchten langsam zu, bis nur noch ein heller, kreisrunder Lichtschein zu sehen ist, der seine Umgebung jedoch seltsamerweise nicht erhellt. Arthur beobachtet wie sich von Merlins Fingern aus golden leuchtende Linien im Stein der Mauer bilden und sich schnell ausbreiten. Sie verzweigen sich wie Adern und pulsieren schwach, während sie sich über den gesamten Abschnitt der Mauer verteilen.

Als Merlin weiterspricht, bemerkt Arthur wie der Boden unter seinen Füßen erzittert. Ein Schauer läuft ihm den Rücken hinunter und er kann durch seine Verbindung zu Merlin spüren, welch ungeheure Menge an Magie von dem Kristall ausgehend durch Merlin hindurch in die Mauern des Schlosses und in den Felsen darunter freigesetzt wird. Er hat noch nie zuvor etwas Vergleichbares gefühlt und nicht einmal im Ansatz ist es mit der Magie zu vergleichen, die damals während der Schlacht von Camlann die Luft erfüllt hat. Diese Demonstration von roher Macht, der Arthur gerade Zeuge wird, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren und das Schauspiel vor ihm ist genauso beeindruckend, wie es furchteinflößend ist.

Die magischen Adern, die sich in immer kleineren Verästelungen durch die Mauer ziehen, pulsieren nun so schnell, dass es beinahe aussieht, wie ein durchgehendes Leuchten, während Merlin die letzten Zeilen des Zaubers rezitiert. Arthurs ganzer Körper kribbelt auf eine seltsame Art und Weise und er hat seinen Blick wie gebannt auf das Schauspiel vor sich gerichtet, als ein tiefes Grollen den Felsen tief unter seinen Füßen erschüttert. Das stetig anwachsende Pulsieren der Magie um sie herum scheint unweigerlich auf einen Höhepunkt hinzusteuern und Arthur hält unbewusst die Luft an, als Merlin die letzten Worte der Zauberformel spricht. Als seine Stimme in der kalten Nachtluft verhallt, erstirbt das Beben unter ihren Füßen und die goldenen Adern in dem dunklen Stein vor ihnen schimmern für einen langen Moment heller auf als zuvor, bevor das Leuchten einen Augenblick darauf langsam verblasst und die Adern nach einem weiteren Moment vollständig verschwunden sind. Der Kristall von Neahtid verblasst ebenfalls langsam bis nicht einmal mehr das seltsame Leuchten aus dem Inneren des Kristalls heraus zurückbleibt.

Vollkommene Stille herrscht um sie herum und Merlin löst langsam seine Finger von der Mauer, während er tief und zittrig einatmet. Er dreht den Kopf zu Arthur herum und ein Lächeln breitet sich auf seinen Lippen aus.

„Hast du das gespürt?", fragt er mit rauer Stimme.

Arthur nickt. „Ja, habe ich", antwortet er ehrfurchtsvoll und erwidert dann Merlins Lächeln. „Es war unglaublich." Er versteht jetzt, warum Merlin nicht wollte, dass jemand außer Arthur Zeuge dieses Schauspiels wurde.

Sie sehen sich noch einen Moment lang an, bevor Merlin sich wieder der Mauer zuwendet und seine Hand erneut gegen den Stein legt. An der Oberfläche der Mauer schimmert um Merlins Hand herum für einen Augenblick eine Wand aus schwachem goldenem Licht. Als Merlin seine Hand wieder sinken lässt, verschwindet die Wand und im schwachen Schein der Fackel bleibt nur die dunkle Steinmauer zurück.

Merlin dreht sich zu Arthur um und ein glückliches Lächeln liegt auf seinem Gesicht.

„Kein Zauberer, wie mächtig er auch sein mag, kann Camelot nun von außerhalb dieser Mauern angreifen und der Schild, den ich erschaffen habe, wird das Schloss für über hundert Jahre gegen jeden Angriff verteidigen, ganz gleich ob magisch oder von Menschenhand geführt."

„Also gut, kann mir jetzt bitte jemand sagen, wo es hingeht?", fragt Gwaine vom Rücken seines Pferdes aus, als sie aus der Stadt hinausreiten und er sieht Arthur, der auf Hengroen neben ihm her reitet, missgelaunt an.

„Das brauchst du mich anzusehen, ich weiß nicht wo Merlin hinwill", wehrt Arthur mit einem Kopfschütteln ab und Gwaines Blick und auch Lancelots und Leons Blicke richten sich daraufhin auf Merlin.

Merlin rollt mit den Augen. „Wir reiten zu einer Lichtung im Wald im Süden des Schlosses."

„Und was mache wir dort?", fragt Lancelot als Nächstes.

„Und warum haben wir unsere Trainingsschwerter dabei?", fügt Leon hinzu.

Merlin sieht alle vier amüsiert an. „Ich werde euch alles erzählen, wenn wir auf der Lichtung sind und ich sicher gestellt habe, dass uns niemand belauschen kann. Es ist nicht mehr weit, ihr müsst euch also nur noch ein bisschen länger gedulden."

Die drei Ritter nehmen seine Antwort widerwillig hin und wie Merlin versprochen hat, setzt er zu einer Erklärung an, nachdem sie die Lichtung erreicht haben, von ihren Pferden gestiegen sind und Merlin einige Zauber über die Lichtung gelegt hat.

„Also gut", sagt er und beschließt am Anfang zu beginnen. „Nachdem Arthur gegen Morgause gekämpft hat, habe ich meine und Arthurs Seele mit einem uralten Zauber aneinandergebunden und zu einer vereint. Wir waren bereits durch unser gemeinsames Schicksal verbunden, also war es relativ einfach."

Lancelot runzelt die Stirn. „Das heißt, ihr teilt euch jetzt eine Seele."

„Ja und ein Leben", antwortet Arthur und nickt bestätigend.

„Aber was passiert, wenn einer von euch verletzt wird? Oder stirbt?", fragt Gwaine verwirrt und Arthur wirft einen Blick zu Merlin hinüber.

Bevor Merlin allerdings antworten kann, hat Lancelot bereits eins uns eins zusammengezählt und sieht ihn und Arthur ungläubig an. „Dann sterbt ihr beide. Und wenn einer verletzt wird, dann verletzt das auch den anderen."

Merlin nickt und Lancelot schnaubt abfällig, während Gwaine erst Merlin und dann Arthur entsetzt anstarrt.

„Seid ihr vollkommen verrückt?", fragt er schließlich.

„Es wird nicht dazu kommen, dass wir beide sterben, da ich mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht sterben kann", sagt Merlin beschwichtigend, aber er kommt nicht dazu weiter zu reden, da er bereits wieder unterbrochen wird.

„Was soll das denn bitte heißen?", fragt Lancelot verständnislos und während Gwaine Merlin mit demselben verwirrten Gesichtsausdruck ansieht, kann Merlin sehen, dass Leon versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er in all das bereits eingeweiht ist.

Merlin atmet tief durch und er weiß, dass er es Gwaine und Lancelot nicht verübeln kann, dass sie aufgebracht sind. Als er sich sicher ist, dass er nicht wieder unterbrochen wird, setzt er zu einer Erklärung an.

„Der Name, den die Druiden für mich haben, Emrys, bedeutet unsterblich und ich habe in der anderen Zeit ein paar Dinge überlebt, die ich nicht hätte überleben dürfen und deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass ich wirklich unsterblich bin", erklärt Merlin. „Und das bedeutet, dass meine Magie mich und damit auch Arthur vor dem Tod bewahren wird, wenn einem von uns etwas zustoßen sollte."

Gwaine wirft einen Blick zu Lancelot und dann zu Leon, um zu sehen, was sie davon halten. Als er jedoch sieht, dass Leon den Blick zu Boden gerichtet hat, verengen sich seine Augen.

„Du hast das alles schon gewusst", schlussfolgert er und Leon zuckt verlegen nur mit den Schultern.

Gwaine schüttelt den Kopf, aber dann tritt ein widerwilliges Grinsen auf sein Gesicht. „Na ja wenigstens könnt ihr euch dann Gesellschaft leisten."

Lancelot braucht noch einen Moment länger, aber dann schüttelt er den Kopf, als ob er alles, was er gerade gehört hat, für den Moment von sich schieben will und sieht dann Merlin an. „Na gut, aber was hat das damit zu tun, dass wir hier auf dieser Lichtung sind? Ich nehme nicht an, dass du die Theorie, dass du unsterblich bist, testen willst, denn immerhin haben wir unsere Trainingsschwerter dabei."

„Wir werden diese Theorie nicht testen, nein", antwortet Merlin entschieden, denn bereits der Gedanke daran ist ziemlich verstörend. „Wir sind hier, weil Arthur, nachdem ich unsere Seelen aneinandergebunden habe, Zugang zu meiner Magie bekommen hat und sie benutzen kann, wann immer er will."

Lancelots Augenbrauen wandern wieder nach oben und er und Gwaine starren Arthur ungläubig an. Arthur zuckt mit den Schultern, bevor er eine Hand vor sich ausstreckt und eine faustgroße Flamme über seiner Handfläche erscheint. Das rote Feuer flackert hin und her und nach einem Moment schließt Arthur die Finger wieder und die Flamme verschwindet.

Merlin rollt mit den Augen. Natürlich musste Arthur vor Lancelot und Gwaine damit angeben, dass er jetzt in der Lage ist, sich mit Feuerbällen zu verteidigen.

Einen langen Moment herrscht Stille auf der Lichtung und nur die Geräusche des Waldes um sie herum sind zu hören. Dann fängt Gwaine an zu lachen. Er schüttelt den Kopf und streicht sich mit den Fingern durch die Haare.

„Ich muss schon sagen Prinzessin, du bist immer für eine Überraschung gut."

„Wie mächtig bist du?", fragt Lancelot neugierig.

Arthur wirft einen kurzen Blick zu Merlin hinüber und zuckt dann mit den Schultern. „Es ist Merlins Magie. Ich borge sie mir nur also…"

„…ist er genauso stark, wie ich es bin", beendet Merlin den Satz.

Lancelot sieht Arthur beeindruckt an und Gwaine lässt einen kurzen Pfiff hören. Bevor er jedoch zu einer weiteren Bemerkung ansetzen kann, ergreift Leon das Wort.

„Können wir jetzt zu dem Grund zurückkommen, warum wir hier im Wald seid?"

„Ja", antwortet Merlin, dankbar, dass Lancelot und Gwaine diese Neuigkeit über Arthur ohne weiteres hinnehmen, auch wenn er von ihnen genau genommen nichts anderes erwartet hat. „Wir sind hier, weil meine Magie maßgeblich von meinen Instinkten beeinflusst wird und ich befürchte, dass das für Arthur während eines Kampfes zu einem Problem werden könnte."

„Er glaubt, dass ich unbewusst seine Magie benutzen könnte, anstatt einen Angriff mit meinem Schwert zu parieren", erklärt Arthur. „Ich hatte ohnehin keine Zeit am Training der Ritter teilzunehmen, seit ich Merlins Magie benutzen kann, aber irgendwann muss ich dem Training wieder beiwohnen und wir wollen nach Möglichkeit geheim halten, dass ich jetzt mit einem Mal in der Lage bin Magie zu verwenden. Also sind wir hier um herauszufinden, ob Merlin mit seiner Befürchtung recht hat."

Lancelot nickt nachdenklich. „Wir sollen also Arthur angreifen, um zu sehen, ob er sich unbewusst mit Magie verteidigen wird."

Merlin nickt. „Genau und weil Arthur ein sehr guter Schwertkämpfer ist, werde ihr ihn alle drei gleichzeitig angreifen."

Gwaine sieht ein wenig gekränkt aus, als er das hört und Lancelot zieht die Augenbrauen zusammen, aber Arthur sieht sie an und zuckt mit den Schultern. „Ich habe zehn Jahre mehr Kampferfahrung als ihr und ich wurde im Schwertkampf unterrichtet, seit ich sechs Jahre alt gewesen bin."

Gwaine brummt als Antwort nur und zieht sein Trainingsschwert aus der Scheide am Sattel seines Pferdes, bevor er sein echtes Schwert ablegt. Leon und Lancelot tun es ihm gleich. Arthur tauscht Excalibur ebenfalls gegen sein Trainingsschwert und anschließen tritt er seinen Rittern in die Mitte der Lichtung gegenüber.

Merlin atmet tief durch, bevor er die Schutzzauber aufhebt, die über Arthur und über seiner Rüstung liegen, auch wenn er es nur sehr widerwillig tut.

„Dann los", sagt er schließlich und auf ein Nicken von Arthur hin, greifen Gwaine, Lancelot und Leon ihn an.

Arthur weicht Leons Schlag aus, während er Gwaines Schlag pariert und dann Lancelot mit der Schulter bei Seite stößt, um Gwaines nächsten Schwerthieb zu blocken.

Merlin beobachtet den Kampf und Arthur hat zu Anfang keine Probleme, sich gegen seine Ritter zu behaupten. Alle drei sind noch ein wenig zurückhaltend, aber schon nach kurzer Zeit hören sie damit auf ihre Schläge abzubremsen oder zuvor anzutäuschen und behandeln den Kampf, als ob ihr Leben davon abhinge. Schließlich verlässt Arthur sein Geschick und sein Glück und als er einen Schlag von Lancelot pariert, kann er sein Schwert nicht mehr schnell genug herumreißen, um Gwaine abzuwehren, der diesen Moment ausnutzt, um sein Schwert auf Arthurs Oberschenkel hinab sausen zu lassen. Bevor Gwaine jedoch einen Treffer landen kann, leuchten Arthurs Augen golden auf und Gwaines Schwert trifft ein unsichtbares Hindernis. Im nächsten Moment wird Gwaine nach hinten geschleudert und er landet unsanft auf dem Waldboden, wobei ihm sein Schwert aus der Hand gerissen wird.

Lancelot und Leon stellen ihren Angriff ein und sehen überrascht zu Gwaine hinüber. Gwaine hat ebenfalls einen erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht, so als ob er sich nicht wirklich erklären kann, warum er sich mit einem Mal auf dem Boden wiederfindet.

Arthur lässt sein Schwert sinken und verzieht das Gesicht. Dann geht er zu Gwaine hinüber und streckt ihm eine Hand entgegen, um ihm vom Boden hoch zu helfen. „Tut mir leid. Ich habe nicht wirklich geglaubt, dass ich mich mit Merlins Magie verteidigen würde."

Gwaine ergreift Arthurs Hand und lässt sich von ihm auf die Füße ziehen, während ein Grinsen auf sein Gesicht tritt. „Aber ich hätte dich getroffen, wenn du Merlins Magie nicht eingesetzt hättest."

„Das stimmt", sagt Merlin. „Das hast meine Magie erst im letzten Moment verwendet. Gegen drei deiner Ritter war es nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen einen Treffer landen würde. Ich hatte eigentlich gedacht, dass du meine Magie schon viel früher unbewusst verwenden würdest."

Arthur klappt der Mund auf und er sieht Merlin empört an. „Was soll das denn bitte heißen? Ich habe kein Problem damit gegen drei Angreifer gleichzeitig zu kämpfen."

Merlin sieht Arthur nachsichtig an und verkneift sich sein amüsiertes Lächeln. „Natürlich kannst du dich gegen drei Gegner behaupten, jedenfalls solange es einfache Banditen sind. Aber das hier sind deine Ritter. Sie wurde nicht nur von dir trainiert, sie kennen auch deinen Kampfstil in- und auswendig."

Arthur scheint einen Moment darüber nachzudenken, und schließlich muss er wohl zugeben, dass Merlin recht hat und er zuckt gleichmütig mit den Schultern.

„Also gut, damit wäre Merlins Theorie, dass Arthur in einem Kampf unbewusst Magie zur Hilfe nehmen würde, bewiesen", sagt Leon.

Merlin nickt, hebt aber einen Zeigefinger. „Aber nur, wenn er keine andere Wahl mehr hat. Ich hatte Angst, dass er schon den ersten Angriff mit Magie abwehren würde. Dann hätten wir es wohl kaum geschafft Arthurs magische Fähigkeiten geheim zu halten, zumindest nicht ohne einiges an Training, um diesen Impuls zu unterdrücken."

„Dann reiten wir jetzt zurück zum Schloss?", fragt Lancelot, aber Merlin schüttelt den Kopf.

„Nein", antwortet er. „Obwohl ich nicht will, dass Arthur sich daran gewöhnt, in einem Kampf Magie zu benutzen, möchte ich trotzdem, dass er sich ein wenig damit vertraut macht, meine Magie zu verwenden. Und deswegen denk ich, dass es nicht schaden kann, wenn er probiert meine Magie absichtlich einzusetzen. Ein paar Mal zumindest."

Leon wirft einen zweifelnden Blick zu Merlin hinüber und Gwaine sieht ebenfalls nicht gerade begeistert aus, ein weiteres Mal auf den harten Boden befördert zu werden, aber Merlin wirft ihnen ein aufmunterndes Lächeln zu.

„Ich werde dich das nächste Mal auffangen, Gwaine, versprochen. Das gilt für euch alle. Und wenn Arthur sich verschätzen sollte und zu viel Kraft einsetzt, werde ich dafür sorgen, dass niemand verletzt wird."

Das scheint die drei Ritter weitestgehend zu beruhigen und Gwaine hebt sein Schwert vom Boden auf, bevor er, Leon und Lancelot sich wieder bereit machen Arthur anzugreifen.


A/N: Ich habe mich immer gefragt, warum Nimueh so lange gewartet hat, um gegen Uther vorzugehen. Der einzige plausible Grund, der mir eingefallen ist, war, dass sie nicht früher etwas unternehmen konnte und erst aufgewacht ist, als Merlin und Arthur sich das erste Mal getroffen haben.