Mit großen Schritten nähern wir uns dem Höhepunkt des ersten Teils. Daher gibt es heute auch ein ein wenig längeres Kapitel. Viel Spaß damit! :)

Kapitel 29 – Herz an Herz

Die Dielen knurrten, als Voldemort und Krum sich durch die dunklen Flure bewegten. Die Fenster wurden von schweren, weinroten Vorhängen verborgen, die sich gespenstisch von der schwarzen Tapete abhoben. An den Wänden waren mehrere Bilderrahmen angebracht worden. Doch dort, wo sich die Abbilder längst verstorbener Menschen befinden sollten, war nur gähnende Leere. Ein aufgeregtes Rufen und Protestieren klang aus einem Raum, der sich am Ende des Flures befinden musste. Die Porträts waren so beschäftigt, die ersten Eindringlinge verbal zu attackieren, dass deren Verfolger glatt unter ihrem Radar davonschlüpfen konnten.

„Verschwindet! Hier gibt es nichts zum Stehlen!", brüllte ein Mann mit buschigem Schnauzer und einem Zylinder, der dem auf Voldemorts Kopf verdächtig ähnlich sah.

„Das sehe ich!", murmelte Krum.

Verärgert sah Voldemort ihn an und seine Lippen formten tonlos die Worte: „Schweig!"

„Das ist mein Zylinder! Gib den wieder her!"

Habt ihr das auch gehört?"

Eine Frauenstimme drang zu ihnen hinüber.

Das war doch nur ein Porträt, das wieder gezetert hat. Wie alle anderen auch", antwortete ein Mann.

Schon, aber... das kam aus dem Flur. Da ist jemand..."

Leise fluchend zog Voldemort seinen Begleiter ins nächste Zimmer. Sobald die Tür lautlos zugefallen war, glitt sein Blick an den Wänden entlang. Das Musizierzimmer war mit Landschaftsgemälden verziert und in der Mitte des Raumes stand ein in die Jahre gekommener Flügel.

„Jetzt verstecken sich die anderen Einbrecher am Ende des Flurs und wir hier! Fuck...", flüsterte Krum ihm zu und grinste ungebührlich. „Wollen wir denen einen Schreck einjagen? Wir verstecken uns im Scheißschrank, springen raus und rufen ‚Buh'?"

Voldemort rümpfte die Nase. „Hm...? Nein!" Was für ein einfältiger Idiot! Wenn er doch nur zaubern könnte! „Du kennst sie?"

Krum wackelte spielerisch mit seinen Augenbrauen. „Finden wir es heraus." Im Nu hatte er die Tür aufgerissen und war den Flur entlanggestürmt.

Seufzend lief Voldemort ihm hinterher. Kurz vor der geschlossenen Tür zum Salonzimmer schaffte er es, ihn an der Schulter zu packen und zurückzuzerren. Die Dielen knackten bedrohlich.

„Das ist Hermine Granger. Hast du ihre Stimme nicht erkannt?" Krum wand sich aus seinem Griff und ging wieder einen Schritt Richtung Tür. „Ihr seid doch beide Ordensmitglieder."

Keine Bewegung!"

Schritte näherten sich von der anderen Seite.

„Doch, doch!", flüsterte Riddle. Granger! Das war eine glückliche Fügung. Ihr Gesicht hatte er als letztes gesehen, bevor er aus der heulenden Hütte entschwunden war. Vielleicht konnte sie ein wenig mehr zu den seltsamen Geschehnissen erzählen. Bloß nicht enttarnen durfte er sich und hoffte, dass sein ‚bürgerlicher' Namen ‚Tomasz Little' keine Fragen aufwerfen würde. Er wusste nicht, wie gescheit Granger wirklich war. „Das war die Stimme von Lucius Malfoy! Er ist ein Todesser."

„Ach, woher weißt du das?", flüsterte Krum zurück.

„Das weiß ganz England. Er muss Granger gefangen genommen haben. Stürzen wir uns nicht Hals über Kopf in eine Rettungsaktion!"

„Angsthase!", pfiff Krum und zum Kampf bereit.

Die Tür ging auf. Drei Zauberstäbe wurden ihnen entgegengehalten. Drei gegen einen. Zu seiner Schande konnte Voldemort sich selbst nicht als würdigen Gegner zählen. Neben Granger und Malfoy stand ein junger Mann mit fuchsrotem Haar, der wohl ein Weasley sein musste. Für einen langen Augenblick starrten sie einander an, dann atmeten alle spürbar erleichtert aus.

Es war offensichtlich, dass Malfoy die anderen zwei nicht gefangenhielt. Auch wenn er ein gewiefter Stratege war, sprach die Tatsache, dass alle noch im Besitz ihrer Stäbe waren, Bände. Sie kooperierten. Der gute Lucius war ein Verräter.

Was Krum und ihn anging, so war es nicht zu übersehen, dass sie keine Gefahr für irgendjemanden darstellten.

Auf Grangers Gesicht bildete sich ein strahlendes Lächeln. Sie breitete die Arme aus und fiel Krum um den Hals. „Viktor, es ist schön dich zu sehen." Sie drückte ihn fest an sich, bevor sie ihn in die Freiheit entließ. „Aber wie kommst du hierher?"

„Hermine, nie an Smalltalk interessiert." Freundschaftlich tätschelte Krum ihre Schulter.

„Dabei hast du noch nicht mal deinen Begleiter vorgestellt", warf der Weasley ein.

Krum war alarmiert. Obwohl Voldemort noch geistesgegenwärtig einen Schritt zurückgewichen war, wurde er von diesem gepackt und an die Wand geschleudert. „Du hast mich angelogen, Bastard!", knurrte er, während er ihm die Zauberstabspitze in die Kehle drückte. Er versuchte erst gar nicht zu antworten, dies hätte nur zu würdelosem Gestammel geführt.

„Viktor!", ging Hermine dazwischen. „Was ist denn in dich gefahren?"

„Todesser", brummte dieser, ohne seinen Blick von Voldemort zu nehmen.

„Das kennen wir alle nur zu gut", antwortete der Weasley keck und taktierte kurz Malfoy neben sich.

„Er hat gelogen, zum wiederholten Male." Krum bohrte die Spitze tiefer. Regungslos stand Voldemort vor ihm, im Rücken die Wand. „Er behauptete mehrmals, er sei ein Mitglied des Phönixordens. Ich musste ihm glauben, weil ich nichts anderes beweisen konnte. Aber ihr kennt ihn nicht, oder?"

„Nehmen Sie den Zauberstab runter. Wir können das gesittet klären." Malfoy legte ihm eine Hand auf die Schulter, die Krum aber abschüttelte.

„Von Ihnen lass ich mir gar nichts sagen, Todesser."

Beschwichtigend hielt Malfoy die Hände in die Luft, doch er näherte sich nochmals um einen Schritt. Nun stand er so nah an Krums Ohr, dass er hineinpusten konnte. „Da er auch kein Todesser ist, wage ich zu bezweifeln, dass er so gefährlich ist, wie Sie gerade tun, Mr. Krum. Gucken Sie nicht erstaunt, ich kann eins und eins zusammenzählen. Wie kommen Sie eigentlich nach England?"

Um die Worte zu bekräftigen, zog Voldemort seinen linken Ärmel hoch. Untertänig zeigte er allen die Innenseite seines Armes. Dort prangte statt des dunklen Mals eine wulstige Brandnarbe, die sich von der Handinnenfläche bis unter zum Stoff seiner Kleidung zog. Er hörte und spürte wie der Weasley einen Finite Incantatem wirkte.

„Das ist echt… Wer wird denn hier gerade von wem verhört?", fragte der Weasley.

Granger und Malfoy beruhigten sich, doch für Krum waren dies alte Nachrichten. „Zwar hat er nicht das Mal, aber vielleicht gibt es auch Todesser ohne Mal? Es wäre doch selten dämlich, alle wie die Schafe zu kennzeichnen, nicht?"

„Es gibt keine Todesser ohne Mal", grätschte Malfoy dazwischen. „Aber Greifer und andere niederrangige Unterstützer des dunklen Lords waren unwürdig das Mal zu tragen. Er könnte gut einer von diesen sein." Das Wort ‚unwürdig' handelte ihm einen angeekelten Blick von allen Seiten ein, doch dies ignorierte Malfoy gekonnt. „Aber das würde immer noch nicht erklären, weshalb er sich als Mitglied des Ordens ausgibt."

„Vielleicht bin ich ein notorischer Lügner?", warf Voldemort ein. „Ich mein ja nur… ich hatte die Möglichkeit gesehen und habe sie ausgenutzt. Dahinter steckte kein allumfassender Plan."

„Wie soll ich mir sicher sein, dass du nicht schon wieder einen Scheiß zusammenlügst, Little?"

„Wie habt ihr euch kennengelernt?" Der Weasley musterte sie genau. „Ich bin übrigens Bill Weasley", stellte er sich vor, als er bemerkte, dass er zurückgemustert wurde.

Krum zuckte mit den Achseln. „Das ist eine seltsame Geschichte… Ich arbeite als Polizist. Bei den Muggeln und bei einem Einsatz habe ich ihn in einem Muggelkrankenhaus getroffen. Das erste Zusammentreffen war ausgesprochen unvorteilhaft. Er hat versucht, mich umzubringen."

Granger und Weasley sogen scharf die Luft ein und waren aufrichtig erschüttert, während Malfoy ihn nur umso interessierter betrachtete. Voldemort wusste, dass er diesen ersten schlechten Eindruck wieder geradebiegen musste. „Also das stimmt doch gar nicht. Ich hätte dir nur ins Bein geschossen, hätte sich die Kugel gelöst."

Krum war nicht begeistert. „Was ist mit dem Unverzeihlichen?"

„Ich war verwirrt, als ich das getan habe. Du kannst froh sein, dass es nur ein Crucio war!"

Nur ein Crucio?", hakte Granger skeptisch nach. Natürlich ganz der Moralapostel.

„Entschuldigen Sie, Miss, aber ich dachte, ich hätte es mit einem Entführer zu tun. Dass ich entführt wurde, hat Viktor vergessen zu erwähnen. Außerdem war ich mit Medikamenten abgefüllt und nicht ganz bei Sinnen. Der Zauberspruch hat glücklicherweise nicht funktioniert." Noch einmal zeigte er das Narbengewebe auf seinem Unterarm. Dass sein Antlitz wohl niemandem bekannt vorkam, registrierte er erleichtert. Die Anstrengung, dieses abzulegen und aus allen Gedächtnissen zu löschen, hatte sich gelohnt. Im Nachhinein war es aus mehr Gründen, als nur bloße Eitelkeit, geschehen.

Granger schien ihm seine Erklärung durchgehen zu lassen. „Was ist da passiert?" Die Atmosphäre hatte sich schlagartig verändert. Dies war nicht mehr die Tonlage eines Verhörs, sondern ehrliches Interesse. Sie hatte angebissen.

„Wohl eine Explosion. Ich kann mich nicht daran erinnern. Erst als ich im Muggelkrankenhaus aufgewacht bin, hat sich der Nebel etwas gelichtet."

„Etwas?"

„Ja, etwas. Ich kann nicht mehr zaubern. Das ist und bleibt ein großes Fragezeichen, aber Viktor ist so freundlich und geht mit mir dieser Sache auf dem Grund." Er fälschte ein Lächeln.

Krum verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Wie ist ihr Name?", grätschte Malfoy dazwischen.

„Tomasz Little." Konzentriert studierte Voldemort die Gesichtszüge seines Gegenübers. Bei ihm schienen keine Glocken zu läuten. Seine Augen wanderten zu Granger hinüber. Auch sie hatte das Offensichtliche nicht verbinden können.

Er erhielt ein bestätigendes Nicken von Seiten Krums. „Oder Jon Nimon. Wir haben den Hausherren auf meinem Polizeirevier aufgegabelt."

„Dolohov? Ihr habt ihn?"

„Sicher verwahrt."

Granger und Malfoy tauschten einen bedeutsamen Blick aus. Dann räusperte sich Granger, bevor sie zu sprechen begann: „Viktor, wie bist du aufs Polizeirevier gekommen? ... Als Polizist, habe ich das richtig verstanden?" Sie staunte.

Diese Frage hatte Voldemort sich auch schon gestellt. Umso mehr passte es, dass das Mädchen ihm diese Bürde abnahm. Zwar war Krum paranoid und hätte jedem anderen die Antwort verweigert, doch bei Granger wurde er schwach. Es war nicht zu verkennen: Kaum hatte Krum sie erblickt, hatte er kein einziges Schimpfwort mehr in den Mund genommen. Minuten zuvor hatte er mit diesen noch um sich geworfen wie ein Dreijähriger im Sandkasten.

„Das ist eine lange Geschichte", sagte Krum und nestelte sich durchs Haar. „Ich weiß nicht, ob ich sie gegenüber ihm", er nickte in Richtung Voldemort, „und dem Todesser erzählen möchte."

„Du hast mit den Todessern zu tun bekommen?", echote Granger.

Krum nickte bloß.

Ungeduldig trat Voldemort von einem auf den anderen Fuß. Das war nichts Neues für ihn. Er hatte damals Karkaroff den Befehl gegeben, Krum, seinen besten und Lieblingsschüler, anzuwerben. Nach dem unrühmlichen Fluchtversuch des Schulleiters hatte er noch ein oder zwei Todesser nach Krum geschickt, der sich ebenfalls verborgen gehalten hatte. Gleich, wie viel Igor von dem Jungen gehalten hatte, er war kein ausgezeichneter Zauberer oder die Mühe wert gewesen, die eine Suchaktion in einem anderen Land ihm gekostet hätte. So hatte er nach dem Ableben Karkaroffs die Angelegenheit Krum schnell beiseitegelegt. Wie war Krum nur darauf gekommen, in London unterzutauchen?

In diesem Augenblick stürmte ein weiterer Weasley in den Raum. „Ihr müsst kommen, euch das ansehen! Viktor! … Was machst du denn hier? Wer ist dein Freund?"

Nach einer kurzen Begrüßung führte sie George Weasley in den Keller. „Hier, die Tür. Darüber liegt ein magischer Bann."

Bill machte sich sogleich ans Werk und untersuchte diesen. „Außergewöhnlich… ja, ja… Dolohov ist wirklich ein Meister seines Fachs… Exorbitant… Einen solchen Bann habe ich noch nie gesehen… Schon ziemlich zwielichtig, wenn eine Kammer im Keller der am besten geschützte Raum im Haus ist."

„Wo ist Fred eigentlich?", fragte Krum in der Zwischenzeit. „Im Fuchsbau?"

Augenblicklich brach George die Tränen aus und wandte sich ab, damit niemand es mitbekam.

„Tot. Und der Fuchsbau ist abgebrannt", flüsterte Hermine an seiner statt und Krum nickte verstehend.

Innerlich rollte Voldemort mit den Augen. Solche Sentimentalität hatte er noch nie verstanden. Sie war völlig fehl am Platz! Gefühle lenkten nur von den wirklich wichtigen Aufgaben ab. Er konnte beobachten, wie Granger und Krum zum Weasley sahen. Malfoy hingegen hatte seinen Blick geradezu sehnsüchtig an Granger geheftet. Wenn man die Konstellation von außen betrachtete, könnte man meinen, er inspizierte die Atemtätigkeit des Mädchens. Voldemort schüttelte den Kopf. Betont langsam setzte er einen Schritt nach den anderen. Während alle sich dumm die Beine in den Bauch standen, konnte er sich schon einmal den Rest des Kellers ansehen. Er hatte auch keine Lust, Krum aus seiner Starre zu lösen.

Der Kellergang führte ihn nur noch zu einer einzigen anderen Tür, die ebenfalls verschlossen wirkte. Geistesgegenwärtig versuchte er erst gar nicht, die Klinke herunterzudrücken. Bevor er sich näher überlegen konnte, ob Dolohov tatsächlich zwei Räume in seinem Keller mit Bannen gesichert hatte, wurde nach ihm gepfiffen: „Hey! Renne nicht weg!" Er registrierte, dass Krum auf seine sonst inflationär genutzten Beleidigungen verzichtet hatte.

„Sehe ich aus, als würde ich rennen?"

„Was ist das?" Krum stampfte zu ihm hin. Granger folgte und Malfoy, zuerst unschlüssig, ob er nicht lieber an der Seite Bills bleiben sollte, dackelte schließlich hinterher.

„Das, mein Freund, ist eine Tür. Gibt es solche nicht in Durmstrang?", knurrte Voldemort.

„Keine verfluchten", brummte dieser zurück. „Bill? Willst du dir das mal ansehen?"

Bill schaffte es innerhalb weniger Minuten den Bann zu brechen. „Das war kein Vergleich zur anderen Tür. Immer noch besser als jedes herkömmliche Schloss, aber er ist irgendwie nachlässig geworden." Er stieß die Tür auf.

Staunend traten sie zwei Treppenstufen herunter in das Verlies. Die Decke war so niedrig, dass Hochgewachsene wie Voldemort oder Malfoy ihren Kopf einziehen mussten, während Granger gerade noch aufrechten Hauptes stehen konnte. Zwischen der Decke und ihrem Kopf passten zwei Finger, mehr aber auch nicht. Es gab keine Fenster, Dunkelheit empfing sie, bis jemand einen Lumos sprach. Doch im Schein der immer mehr werdenden, leuchtenden Zauberstabspitzen traute niemand seinen Augen.

„Sind das…? Was ist das, bei Merlins gezwirbelten Bart?" Die Worte stammten aus Georges Mund.

„Keine Ahnung." Bill kratzte sich am Kopf.

„Es sieht aus wie… Muggelzeugs." Malfoys Beschreibung war mehr als vage. Obwohl er neuerdings zum Orden hinübergelaufen war, klang er einen Hauch weit angewidert. Die Welt hatte sich also nicht in ihren Grundsätzen umgekrempelt, während Voldemort in Muggellondon herumgeirrt war. Der Gedanke war beruhigend, selbst für ihn, auch wenn er nun deutlich sah, weshalb er Dolohov und Malfoy nicht mal eine Briefmarkensammlung anvertrauen konnte.

„Das sind Maschinen!", stöhnte Granger, ein wenig schockiert über das Unwissen ihrer Mitstreiter.

„Ja, genau! Und was für welche!" Krum stemmte eine Hand in die Hüfte.

„Sie sehen nicht funktionstüchtig aus", wandte Voldemort ein. „Ich wusste gar nicht, dass Dolohov sich mit Muggeltechnologie auskennt." Er schritt näher und deutete der Gruppe, die sich mit ihren leuchtenden Zauberstäben in ein Wachsfigurenkabinett verwandelt hatte, zu folgen. Akribisch beäugte er die einzelnen Metallteile und Kabel.

„Du scheinst den Anblick recht gut zu verkraften. Wie kannst du nicht entsetzt sein?", fragte Krum. Voldemorts Leichtfüßigkeit schien ihn mehr in den Bann zu ziehen als die Maschinen an sich. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen. „Hast du so etwas schon einmal gesehen?"

„Nein, habe ich nicht. Aber ich bin in der Muggelwelt aufgewachsen, mich kann nichts so leicht aus den Socken reißen."

„Ich bin auch muggelgeboren", rief sich Granger auf den Plan. „Meine Eltern sind Zahnärzte, aber ich muss schon zugeben, von dem hier bin ich auch beeindruckt."

Muggelgeboren?" Sie glaubte, er sei auch ein würdeloses Schlammblut? Seine Fingernägel gruben sich in seine Handballen, so sehr, dass sie Abdrücke hinterließen. Er… ein Schlammblut… Er musste sich zusammenreißen. Würde er es nun verneinen, hätte er zu erklären, wo er herkam. „Beeindruckt?", krächzte er deswegen. „Es ist doch nur ein Haufen Blech."

„Was dieser Haufen Blech wohl alles kann?", murmelte Krum gedankenverloren.

„Das finden wir heraus, wenn wir vielleicht einen Schaltplan finden. Oder irgendeine andere Anleitung. Seht nach Papier!" Granger war in ihrem Element.

So begangen sie, durch die Einzelteile zu waten. Ab und an hörte man jemandem beim Versuch, ein Blech hochzuheben, schnaufen und ächzen. Unauffällig versuchte Voldemort, schneller als der Rest durch die Menge zu gehen, in der Hoffnung, in einem unbeobachteten Moment etwas Interessantes einstecken zu können.

Da sah er etwas, was dort nicht hingehörte. Ohne ein sich verratendes Signal zu senden, bückte er sich danach. Seine Hand traf auf Malfoys. Verdattert sahen sie sich an, doch keiner war gewillt, den anderen loszulassen.

„Was ist?", hörten sie Granger fragen. In diesem Moment gab Malfoy nach.

Verärgert, denn Lucius hatte den perfekten Moment zum Stehlen versaut, blickte er auf das Stück. Es war kein Fetzen Papier, sondern ein Foto.

Ein triumphierendes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Die Gelegenheit zur Rache kam sofort.

„Ach, es ist nichts", verkündete er spöttisch. „Nur Malfoys Frau, wie sie einem anderen gutaussehenden, jungen Mann einen Kuss gibt." Er ließ es fallen, sodass Lucius sich erneut bücken musste.

In seinem Gesicht spiegelte sich Verzweiflung. „Das ist nicht Dolohov…" Er drehte und wendete es. „Es wirkt alt..."

„Hier! Ich habe etwas gefunden!" Krum streckte einen Stapel Papier in die Höhe. „Bedienungsanleitung", las er vor. Bill und George stürmten auf ihn zu, während Granger mitleidend auf Malfoy schaute. „Komisch… Was man damit wohl bedienen kann?"

George tippelte von einem Fuß auf den anderen. „Kann ich es sehen?" Ungeduldig nahm er es entgegen und drehte es, blätterte es durch. „Seltsam… Es ist kein Hauself."

„Hauself?", wiederholte Voldemort und war sichtlich verwirrt. „Wie kommst du jetzt, um Gottes Willen, auf einen Hauselfen?"

George zuckte mit den Achseln. „Ein Hauself dient und bedient. Wer soll sonst bedienen?" Er gab das Büchlein an seinen Bruder weiter. Bill wendete und überflog ein paar Seiten ebenfalls und gab es dann an Voldemort, der mittlerweile zur kleinen Gruppe aufgeschlossen hatte, weiter.

„Nein, es geht um Maschinen." Voldemort machte eine ausladende Bewegung. „Das ist eine Maschine und dies ist eine Bedienungsanleitung. Eine Anleitung, wie man die Maschine bedient."

„Aha."

„Hmhm."

„Wie man sie anmacht, … antreibt, … ausschaltet. Wie sie funktioniert." Krum schlug sich mit der Hand ins Gesicht. „Mir war nie aufgefallen, wie dumm Zauberer eigentlich sind, wenn es um Muggeldinge geht."

Voldemort las derweil begierig die ersten Zeilen. „Stelle dich nicht so an. Bevor du in die Muggelwelt geflüchtet bist, warst du sicher auch nicht besser."

„Ausgerechnet du sagst das! Dann erinnere mich mal daran, weshalb du mit Todessern kooperiert hast?"

Nun musste er doch aufsehen. „Was willst du von mir?"

„Ich weiß immer noch nicht, ob ich dir trauen kann!" Krum verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du kannst mir trauen", sagte er beinahe gelangweilt und senkte wieder den Blick aufs Papier in seiner Hand.

„Ich meine, wie weit ich dir trauen kann."

„Soweit du mich werfen kannst." Er lächelte charmant in die Runde und tat so, als wäre dies ein Witz gewesen. George und Bill lächelten zurück, während Krum seine Mundwinkel bemühte, doch es sah verkrampft aus. „Das hatten wir alles schon einmal. Ich kann auch nichts dafür, dass deine Alarmglocken nicht richtig eingestellt sind. Lass mich lesen, das ist wichtiger als deine Kinkerlitzchen."

Krum trat näher heran und spähte über seine Schulter, während Bill und George begannen, die einzelnen Teil abzutransportieren.

„Wo wollt ihr damit hin?", wandte sich Granger an die Brüder.

„Keine Ahnung. Aber hier will ich es nicht liegen lassen. Vielleicht können wir es in Ruhe aufbauen?" George strahlte.

„Ihr wusstet nicht einmal, was das Wort ‚bedienen' in diesem Kontext bedeutet", warf Voldemort dazwischen. Er merkte, dass Krum neben ihm heftig nickte.

„Das ist jetzt auch kein Hindernis. Hauptsache, wir wollen etwas lernen. Wir haben ja noch Hermine für die Muggelsachen."

„Wo wollt ihr es hinbringen?", fragte Malfoy berechnend. Etwas blitzte in seinen Augen auf. Voldemort bemerkte es und wusste, dass man sich davor in Acht nehmen musste, während George und Bill nicht so glücklich waren. Sie hoben nur unwissend die Schultern.

„Nach Hogwarts?", fragte Bill.

„Nein!", schallte es synchron. Alle Teile bis ins Schloss zu bringen, wäre mehr als eine Tagesaufgabe.

„Wir könnten es in meinem Haus unterbringen", bot Malfoy an. „Da wäre genug Platz und wir könnten das Flohnetzwerk nutzen."

Hermine lächelte. „Warum eigentlich nicht? Wir müssten nur ein wenig den Weg freiräumen, wenn ich an das Chaos dort denke."

„Geschenkt!"

„Um Merlins Willen! Bloß nicht!", schoss es aus George heraus. Die Reaktion war ein wenig zu heftig, selbst für diesen dreisten Vorschlag. Hermine beäugte ihn verwirrt und Malfoy blickte, als wäre er gerade vom Weasley in die zarte Hand gebissen worden. Voldemort schmunzelte in sich hinein. Malfoys leiden zu sehen, war schon immer ein besonderer Grund zur Freude gewesen.

„Zum Fuchsbau geht es zwar nicht mehr", überlegte George laut. „Aber wie wäre es mit meinem Laden in der Winkelgasse? Dies hätte den Vorteil, dass wir direkt davor apparieren könnten."

„Wo wäre denn Platz, um die Maschine aufzubauen?", fragte Hermine. „Als ich das letzte Mal darin war, gab es keine freie Stelle."

„Wir… Ich habe eine Werkstatt."

Schnell hatten sie sich auf diesen Vorschlag geeinigt und begannen, die kleinen Teile der Maschine zusammenzusuchen und die großen hinausschweben zu lassen. Hermine erzählte nebenbei über allerlei Methoden der Arbeitsteilung und zur allgemeinen Verwunderung schien Malfoy ihren Ausführungen mit einem halben Ohr zuzuhören. Bill hingegen hatte sich schon nach zehn Minuten des Schleppens verabschiedet und untersuchte lieber die andere, magisch verschlossene Tür. Voldemort schlug die nächste Seite der Bedienungsanleitung auf und versuchte, sich den Text und die Abbildungen einzuprägen. Er hätte auch Krum fragen können, ob dieser ein Replikat zaubern könnte, doch dies hätte seine hinterlistigen Absichten offenbart. Wenn er diesen so betrachtete und seine langen Blicke in Richtung Granger registrierte, die ein Außenstehender schlimmstenfalls schon als ‚schmachtend' bezeichnet hätte, glaubte er nicht, dass dies auf Freude stoßen würde. Er fasste sich an den Kopf. Der gegen den Schädel pochende Schmerz hatte wieder eingesetzt und auch der Schwindel war zurück. Irgendwo würde er sich festhalten müssen, sonst würde er stürzen.

Plötzlich stand Krum vor ihm.

„Was ist?"

„Ich will auch lesen." Krum klang trotzig wie ein Kind. Es passte überhaupt nicht zu ihm.

„Ich sehe mir das aber gerade an." Voldemort versuchte ihn zu ignorieren. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Ach, vergiss es: Ich möchte es gar nicht wissen."

„Was findet Hermine an diesem Malfoy? Ist es dir auch aufgefallen?"

Voldemort blickte von seiner Lektüre auf. Das war ein Gespräch, in das er unter keinen Umständen verwickelt werden wollte. So unnütz. Sein Blick erfasste ein Maschinenteil, das George gerade aus dem Raum schweben ließ. Es sah schmutzig aus und er konnte sich nicht erklären, wo eine solche Menge an Dreck hatte herkommen können. Ohne Krum auf seine Beobachtungen aufmerksam zu machen, drückte er ihm das Pamphlet in die Hand und begann die verbleibenden Bleche zu untersuchen. Es gestaltete sich schwierig, die Schmerzen auszublenden, aber wenn er jetzt nach draußen flüchtete, um ein wenig frische Luft zu schnappen, könnte er etwas verpassen. Die Zähne zusammengebissen torkelte er vorwärts.

Krum lächelte zuerst äußerst zufrieden. Er hatte seinen Willen bekommen. Doch dackelte er ihm hinterher, als er bemerkte, dass es nicht an seiner argumentativen Überzeugungskraft gelegen hatte. „Was ist das?" Schon wieder stand er neben Voldemort und sie beugten sich gemeinsam zum Maschinenteil herunter. Mit seinen Fingern tastete er die Rillen ab.

„Ruß und Brandspuren."

„Woher kann das denn kommen?", fragte Krum darauf und richtete sich auf. Er wollte Hermine herbeiwinken, doch als er sah, dass sie gerade mit Malfoy ein besonders großes Stück abtransportierte, brach er den Versuch ab. Seine Augen verharrten länger als notwendig bei den Beiden. Er zuckte zusammen, als Voldemort ihn unvermittelt ansprach.

„Das könnte von einer Explosion herrühren." Auf seine ausgestreckte linke Hand ließ er seine Faust herabfallen. Bis vor wenigen Wochen hätte diese Bewegung noch höllisch wehgetan. Nun war dort schwulstiges Narbengewebe. „Denke darüber nach!", forderte er Krum auf, als er merkte, dass die Gedanken seines Gegenübers wieder zu Granger und Malfoy abdrifteten. „Ich wurde nach einer Explosion aufgefunden. Dolohov hat mit meinen Entführern zusammengearbeitet und diese Maschine finden wir mit Brandspuren in seinem Keller."

Krum nickte, doch dann blickte er ihn verlegen an. „Worauf willst du hinaus?"

„Wir müssen zur Explosionsstelle. Dort, wo ich aufgefunden wurde."

„Sofort?" Krum sah wieder Granger hinterher. „Sollen wir den Anderen Bescheid sagen und gehen?"

Voldemort knirschte mit den Zähnen. Er wollte nicht riskieren, dass einer von ihnen dachte, mitkommen zu können. Gerade Granger, für die Krum eine besondere Schwäche zu haben schien, könnte ihn in knifflige Situationen befördern, sollte sie jemals daraufkommen, dass er nicht Tomasz Little war. Wieder musste er bemerken, dass sich Krums Gesicht zu einer Grimasse verzog. Immer noch spähte er Granger und Lucius hinterher. Er selbst sah nichts anderes, als zwei Leute, die sich abmühten. Sein Werkzeug würde abgelenkt sein, solange sie in der Nähe war. „Wir werden den anderen nichts sagen. Erst, wenn wir Gewissheit haben."

Krum legte die Stirn in Falten. „Wieso? Niemand wird erwarten, dass wir etwas finden. Ich sehe keine Probleme, die wir mit Stille umschiffen könnten."

Fast wie abgesprochen verfielen sie in Schweigen, als Granger sich näherte. Lucius folgte auf ihrem Fuß. Gemeinsam besahen sie die Spuren auf einen Maschinenteil, das nah zu den Füßen der anderen lag. Durch die angespannte Stille machten sie sich verdächtig. Sekundenlang harrten sie nebeneinander aus und beobachteten sich gegenseitig. Dann zuckten Granger und Lucius unwissend mit den Achseln und begannen, das Maschinenteil schweben zu lassen. Zusammen, denn auch dieses war so groß, dass man zur besseren Kontrolle zwei Zauber brauchte. George derweil kümmerte sich um die kleineren Teile, die er in einer Kiste sammelte und dann heraustrug.

„Was ist bloß mit den Beiden?", nuschelte Krum zu sich selbst.

Voldemort bemühte sich um eine Antwort. „Meinst du die schmachtenden Blicke, die Malfoy ihr zuwirft? Die sind mir nicht entgangen."

Krum pfiff. „Schmachtend? So würde ich sie nun auch nicht beschreiben. Er scheint Granger nur mehr leiden zu können als die anderen."

„Er ist ein Todesser! Ist das allein nicht beunruhigend? Dass Malfoy ihr zu vertrauen scheint, wirft kein gutes Licht auf sie. Hast du dich jemals gefragt, ob sie nicht doch Geheimnisse hat?"

„Pah! Hermines Integrität steht außer Frage. Deine hingegen… Ich weiß immer noch nicht, auf welcher verdammten Seite zu stehst."

„Gleich, was ich dir sage, du würdest es mir nicht glauben."

„Weder Hermine noch Malfoy scheinen dich zu kennen, was all deine Aussagen von wegen Orden oder Todesser oder was auch immer höchst zweifelhaft erscheinen lässt."

„Granger und Malfoy sind von zwei verschiedenen Seiten und doch arbeiten sie zusammen." Voldemort nahm Krum wieder die Bedienungsanleitung aus der Hand. „Aber nun, wo seine Frau sich einen anderen gesucht hat, braucht er vielleicht eine Schulter zum Auszuheulen."

„Egal, was Malfoy sich erhofft - Es ist hoffnungslos. Jeder weiß, dass Hermine hohe moralische Standards hat", Krum senkte die Stimme, „Und da passt ein Todesser nicht ins Bild."

„Denkst du das wirklich?"

„Fuck!"

Wieder sahen sie zu den Beiden. Mittlerweile hatten diese innegehalten und machten eine kurze Pause vom Schleppen. Leise unterhielten sie sich. Granger stemmte die Hände in die Hüften und sah ein wenig verärgert aus. Mit dem Zeigefinger deutete sie auf Krum und Voldemort, während sie zu Malfoy sprach.

„Fuck!" Krum scharrte sichtlich ertappt mit den Füßen und wandte sich ab.

Voldemort grinste. „Da sind sie uns auf die Schliche gekommen." Er genoss es, ihm die Augen zu öffnen, auch wenn er sich selbst nicht sicher war, was er ihm gezeigt hatte. Doch darauf kam es gar nicht an. „Wir sollten uns beeilen."

„Wieso? Der Explosionsort wird nicht einfach verschwinden", brummte Krum.

„Willst du Granger noch mitnehmen?"

Und den Todesser? Ich verzichte."

„Und mich?", fragte Voldemort keck. Die Antwort erahnte er, aber er wollte sie laut hören.

„Wenn du mich töten wolltest, hättest du schon längst die Möglichkeit dazu gehabt. Ich weiß, dass du mich ausnutzt, aber ich kann dir da ehrlich gesagt kein Vorwurf draus drehen. Manchmal denke ich, du bist ein Muggel oder ein Squib, der sich einen makabren Scherz erlaubt."

„Das ist Wunschdenken."

Sie schnappten sich zwei von George gepackte Kisten und trugen sie aus dem Herrenhaus. Von dort aus apparierten sie, ohne sich zu verabschieden, zu Krums Fahrzeug zurück.