VIII. Das Kuckuckskind und der Fischerkönig
Arthur steht am Fuße der Treppe im Schlosshof und blinzelt gegen die tief stehende, nachmittägliche Sonne, die jeden Moment hinter den Mauern des Schlosses verschwinden wird. Während der letzten Wochen ist der Frühling in Camelot eingekehrt und nachdem die Sonne stetig an Kraft zugenommen hat, sind an den Bäumen bereits die ersten grünen Knospen zu sehen.
Im Schlosshof haben sich bereits alle für die Ankunft von König Godwyn und seinem Gefolge am heutigen Tage versammelt und Arthur sowie sämtliche seiner anwesenden Ritter tragen ihre roten Umhänge mit dem Wappen Camelots darauf. Merlin, der neben Arthur steht, trägt ebenfalls eine seiner schönsten und prunkvollsten ärmellosen Roben und er hat für diesen Anlass die Robe ausgewählt, die Arthur ihm zum Julfest geschenkt hat. Der schwere Stoff ist von einer tiefen dunkelgrünen Farbe und die schwarze Borte am Saum und an der Vorderseite ist mit Goldfäden durchsetzt, die im letzten Licht, das über die Schlossmauern fällt, hell schimmern.
Arthur holt tief Luft und verlagert dann sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während er seinen Blick auf das Schlosstor gerichtet hat und darauf wartet, dass seine Gäste eintreffen. Er erwartet beinahe, dass Morgana, die auf Arthurs anderer Seite steht, ihn für seine Ungeduld tadelt, aber sie ist in ein Gespräch mit Leon hinter ihr vertieft und beachtet Arthur nicht.
„Welchen Grund hast du gleich noch einmal in der Einladung genannt?", fragt Merlin in diesem Moment neben ihm und Arthur rollt mit den Augen.
„Das habe ich dir heute Morgen schon gesagt und du bist neben mir gesessen, als ich die Einladung geschrieben habe."
„Aithusa hat mich abgelenkt", verteidigt sich Merlin mit einem Schulterzucken. „Du weißt, wie hartnäckig sie sein kann, wenn sie will, dass man mit ihr spielt."
Arthur weiß nur zu gut, über welch unerschöpfliche Energie der kleine Drache verfügt. Wie anscheinend jedes kleine Kind kann sie stundenlang auf den Beinen bleiben, nur um dann von einem Moment auf den anderen erschöpft umzufallen und augenblicklich einzuschlafen.
Arthur sieht zum hinteren Teil des Schlosshofes, wo Aithusa mit ihrem aktuell liebsten Spielgefährten, einem von Arthurs rotbraunen Redbone Coonhound Jagdhunden, fangen spielt. Dabei springt sie immer wieder auf den Rand des Brunnens in der Mitte des Hofes oder gegen eine der Säulen in den Gängen an den Seiten und flattert mit ein paar kurzen Flügelschlägen über Troys Kopf hinweg, der jedes Mal ein erstauntes Bellen hören lässt. Wirklich fliegen kann Aithusa aber noch nicht und Balinor hat ihm versichert, dass sie dazu auch erst in der Lage sein wird, sobald sie in etwa die Größe eines Pferdes erreicht hat. Momentan ist sie in etwa genauso groß wie Troy und nur ihre Flügel, von denen jeder noch einmal so lang ist wie ihr Körper, lassen sie größer erscheinen als der Hund.
„Ich habe König Godwyn gesagt, dass ich mit ihm über die zukünftige Freundschaft zwischen Camelot und Gawant reden möchte, und dass ich sehr erfreut wäre, wenn er seine Tochter Elena mitbringen würde", sagt Arthur schließlich.
Merlin verzieht ein wenig das Gesicht und antwortet Arthur einen Moment darauf in Gedanken. „Dann glaubt er mit Sicherheit, dass du ihn und Elena nach Camelot eingeladen hast, weil du beabsichtigst seine Tochter zu heiraten. Genau wie dein Rat es gerne hätte. Lady Odilia hat jedes Mal äußerst zufrieden gelächelt, wenn jemand in letzter Zeit Godwyns und Elenas Besuch erwähnt hat."
Arthur unterdrückt ein Schnauben. „Du weißt, dass es mir egal ist, was mein Rat möchte, aber ich musste dafür sorgen, dass Godwyn Elena mitbringen würde und das war die einzige Möglichkeit, die mir eingefallen ist."
Bevor sie sich jedoch weiter darüber unterhalten können, ob es klug gewesen ist, König Godwyn Hoffnungen zu machen, ist von der anderen Seite des Schlosshofes her Hufgetrappel zu hören und mehrere Reiter kommen in diesem Moment durch das Schlosstor. An der Spitze des kleinen Gefolges reitet König Godwyn auf einem prächtigen Schimmel und neben ihm sitzt seine Tochter Elena im Sattel eines Rappen mit langer, dichter Mähne.
Prinzessin Elena sieht sich neugierig im Innenhof des Schlosses um und reckt den Kopf nach oben. Dabei fällt ihr eine Strähne ihrer blonden Haaren in die Augen, aber als sie versucht, sie wieder zurück in ihren Zopf zu stecken, fällt die Strähne nach einem Moment bereits wieder heraus. Sie sieht viel jünger aus, als Arthur sie in Erinnerung hat, obwohl sie dieses Mal nur drei Jahre eher nach Camelot kommt, als in der anderen Zeit.
Hinter Elena reitet ihre Dienerin Grunhilda, eine beleibte Frau mit kurzen, grau gelockten Haaren, die, wie Arthur weiß, in Wirklichkeit eine Elfe ist, die geschickt wurde, um die Sidhe in Elena zu beschützen. Dahinter folgen zwei weitere Diener und den Schluss bilden sechs Ritter in Kettenhemden und Rüstung.
Als die Gruppe über den Schlosshof geritten kommt, unterbricht Aithusa ihr Spiel mit Troy und beobachtet die Neuankömmlinge interessiert. Arthur ruft Troy zu sich hinüber und Aithusa sieht dem Hund kurz hinterher, bevor sie ihrem Spielgefährten einen Augenblick darauf folgt. Der Hund setzt sich gehorsam auf den Platz neben der Treppe, auf den Arthur gezeigt hat und Aithusa lässt sich neben Troy auf die Hinterbeine sinken. Sie sieht allerdings so aus, als ob sie mit dem Gedanken spielt, jeden Moment wieder aufzuspringen und sich Arthurs Gäste genauer anzusehen. Merlin scheint allerdings etwas in Gedanken zu ihr zu sagen, denn Aithusa schmiegt einen Moment darauf ihre Flügel enger an ihren Körper und rollt sich auf dem Boden zusammen, während sie weiterhin wachsam den Schlosshof im Blick behält.
Als König Godwyn sein Pferd ein Stück vor Arthur zum Stehen bringt, beobachtet er wiederum seinerseits den kleinen Drachen fasziniert und auch Elenas Blick ist mit unverwandtem Erstaunen auf Aithusa gerichtet. Früher einmal hätte sich Arthur in seiner Ehre beleidigt gefühlt, dass Aithusa sämtliche Aufmerksamkeit beinahe mühelos von ihm ablenken kann, aber jetzt lächelt Arthur lediglich freundlich und macht einen Schritt nach vorne.
„König Godwyn, willkommen in Camelot."
Godwyn steigt von seinem Pferd, während Elenas Blick noch einen Moment länger auf Aithusa ruht, bevor sie anfängt, ihren Mantel und den Rock ihres gelben Kleides zu ordnen, um ebenfalls absteigen zu können.
„König Arthur, ich danke Euch für Eure Einladung", sagt Godwyn, während er vor Arthur tritt und ihm die Hand schüttelt „Es ist schön wieder in Camelot zu sein. Es ist lange her. Erlaubt mir Euch meine Glückwünsche zu Eurer Krönung auszusprechen und mein Mitgefühl für den Umstand, der Euren Vater dazu gezwungen hat abzudanken. Es muss schwer gewesen sein. Ich hoffe, Uther geht es den Umständen entsprechend gut?"
Arthur nickt. „Ja, das tut es, danke der Nachfrage, König Godwyn. Ich weiß, dass Ihr und mein Vater immer gute Freunde gewesen seid und ich hoffe, dass Ihr mir das gleiche Maß an Freundschaft entgegenbringen werdet."
„Nichts anderes ist meine Absicht", antwortet Godwyn. „Auch, wenn sich während des vergangenen Jahres viele Dinge in Camelot geändert haben." Er wirft einen kurzen Blick zu Aithusa und dann zu Merlin in seiner prächtigen Robe, lächelt aber nach wie vor.
„Das haben sie in der Tat", bestätigt Arthur und macht dann eine Handbewegung zu Morgana und zu Merlin. „Ich bin sicher Ihr erinnert Euch an meine Schwester, Prinzessin Morgana und das ist mein Hofzauberer Lord Merlin Emrys."
Godwyn nickt beiden freundlich zu, auch wenn er bei der Vorstellung von Morgana als Arthurs Schwester kurz die Stirn in Falten legt. Arthur bemerkt, dass Grunhilda Merlin einen verstohlenen Blick zuwirft, doch als Merlin König Godwyn mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht begrüßt und sein Gefolge keines Blickes würdigt, entspannen sich ihre Züge wieder.
Prinzessin Elena versucht währenddessen, so elegant wie möglich von ihrem Pferd abzusteigen, und es wäre ihr auch beinahe gelungen, doch dann rutsch sie mit ihrer Hand vom Sattel ab und landet mit einem überraschten Ausruf unsanft neben ihrem Pferd auf dem Boden. Der dünne Umhang über ihrem Kleid verheddert sich dabei um ihre Arme herum und sie braucht einen Moment, bis sie sich wieder befreien kann. König Godwyn dreht den Kopf und sieht seine Tochter mit einem besorgten Ausdruck auf dem Gesicht an, während Elenas Dienerin Grunhilda, die bereits abgestiegen war, eilig zu ihr kommt, um ihr zu helfen. Nachdem sie die Prinzessin wieder auf die Beine gestellt hat, zupft sie Elenas Röcke zurecht und schiebt sie dann nach vorne. Elena lächelt beschämt, als sie neben ihren Vater tritt.
„Und das ist meine Tochter, Prinzessin Elena", stellt Godwyn sie vor und er lächelt liebevoll, während Elena eine unbeholfene Verbeugung macht.
„Willkommen in Camelot Prinzessin Elena", sagt Arthur freundlich und Elena wirft ihm ein schüchternes Lächeln zu, bevor sie einen kleinen Knicks macht. Schließlich wendet sich Arthur wieder an Godwyn. „Bitte, folgt mir. Ihr müsst müde sein von der langen Reise und wir haben viel zu besprechen."
Godwyn nickt und bedeutet Arthur voran zu gehen. „Das haben wir in der Tat."
Nachdem Merlin am nächsten Morgen an der Tür zu Prinzessin Elenas Räumen geklopft hat, und darauf wartet, dass ihm geöffnet wird, hört er aus dem Inneren des Zimmers lautes Gepolter und dann einen unterdrückten Fluch. Einen Moment darauf wird die Tür geöffnet und die Dienerin Grunhilda in ihrer menschlichen Gestalt erscheint im Türrahmen.
„Guten Morgen Milord, was kann ich für Euch tun?", fragt sie mit einem betont freundlichen Lächeln auf dem Gesicht, während sie mit ihrer beleibten Gestalt den Blick ins Innere des Zimmers versperrt.
Merlin hat natürlich bemerkt, dass Grunhilda ihn immer wieder mit wachsamen Blicken mustert, wenn sie ihm begegnet, aber da Merlin keinerlei Anzeichen gezeigt hat, ihrem Verrat an Elena und Godwyn auf die Spur gekommen zu sein, wiegt sie sich scheinbar in Sicherheit.
„Ich bin hier, um mit Prinzessin Elena zu sprechen", antwortet Merlin.
Grunhilda nickt daraufhin hastig. „Natürlich Milord. Es dauert nur noch einen Moment, bis die Prinzessin bereit ist, Euch zu empfangen." Dann dreht sie sich kurz um, wirft einen schnellen Blick ins Zimmer hinter sich, wartet noch einen Augenblick und öffnet dann die Tür.
Elena steht neben dem Bett und zupft sich die Röcke ihres hellblauen Kleides zu Recht. Am Fußende des Bettes in einer geöffneten Truhe liegt in einem zusammengeknüllten Haufen das abscheuliche gelbe Kleid, das sie am gestrigen Tag angehabt hat.
Vergangenen Abend hat Elena zusammen mit ihrem Vater sowie Uther, Morgana und Arthur zu Abend gegessen und Arthurs Erzählungen zufolge, ist das Ganze eine ziemlich peinliche Angelegenheit gewesen. Elena hat gezwungen versucht, mit Arthur Konversation zu betreiben, aber entweder sagte sie etwas Unpassendes oder ihr fiel nichts ein, was sie überhaupt sagen konnte und so sehr Arthur sich auch bemühte, es endete meist in betretenem Schweigen, bis Godwyn schnell versuchte das Thema zu wechseln. Spätestens seit diesem Essen gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass Godwyn den wahren Grund für ihre Einladung nach Camelot darin vermutete, dass Arthur beabsichtigt Elena zu heiraten. Überraschenderweise hat sich Uther hervorragend mit Elena verstanden und die beiden lachten ein um das andere Mal miteinander, ohne dass sich Uther auch nur im Mindesten daran störte, dass Elena dabei manchmal ein kleines Grunzen hören ließ.
Merlin muss unweigerlich schmunzeln, als er daran denkt, wie Morgana nach dem Abendessen in Arthurs Räume gekommen ist und ihn mit einem skeptischen Blick gefragt hat, ob er es tatsächlich in Erwägung ziehen würde, Elena zu heiraten. Arthur hat daraufhin mit einem Lachen den Kopf geschüttelt und ihr versichert, dass er das ganz gewiss nicht vorhat, und Morgana war über diese Antwort sichtlich erleichtert gewesen.
Merlin schenkt Elena ein freundliches Lächeln, während er das Zimmer betritt und Elena erwidert das Lächeln unsicher. Sie steht barfuß hinter dem Bett und ihre blonden Haare stehen ihr in krausen Strähnen vom Kopf ab. Grunhilda beeilt sich derweil um Merlin herum zu gehen. Sie schließt den Deckel der Kleidertruhe und versucht dann beiläufig einige im Zimmer verstreute Kleidungsstücke wegzuräumen.
Merlin tut so, als würde er sie ignorieren und macht eine kleine Verbeugung vor Elena. „Guten Morgen, Prinzessin Elena. Ihr erinnert Euch bestimmt an mich, wir wurden einander gestern vorgestellt. Mein Name ist Merlin und ich bin der Hofzauberer von Camelot."
„Ja, natürlich erinnere ich mich an Euch. Ihr seid ziemlich jung für einen Hofzauberer. Ich meine, ich hatte mir einen Hofzauberer immer alt vorgestellt, mit langen Haaren und einem weißen Bart", sagt sie und lacht dann kurz auf. Als ihr jedoch bewusst wird, dass Merlin das als Beleidigung auffassen könnte, rudert sie zurück. „Nicht, dass ich glauben würde, Ihr wärt nicht gut – natürlich seid Ihr das, Ihr seid immerhin Hofzauberer – ich dachte nur, dass…" Elena bricht ab und wirft einen hilfesuchenden Blick zu Grunhilda, doch Merlin lächelt nachsichtig.
„Schon in Ordnung, Milady", erwidert er. „Ich denke, viele Leute haben ein ganz bestimmtes Bild von einem Hofzauberer. Ich mag jung sein, aber ich kann Euch versichern, dass ich mehr als qualifiziert für meine Position bin."
Elena beeilt sich hastig zu nicken. „Oh, ich bin sicher, dass Ihr das seid."
„Nun, was können wir denn für Euch tun, Milord?", fragt Grunhilda von der Seite, um Elena vor weiteren Peinlichkeiten zu bewahren.
„Der König schickt mich", eröffnet Merlin. „Er und Euer Vater werden den ganzen Tag damit beschäftigt sein über politische Dinge zu reden, von denen er denkt, dass sie Euch nur langweilen würden. Deshalb hat er mich gebeten Euch das Schloss zu zeigen und einen Ausritt durch die Umgebung und die Stadt zu machen, wenn Ihr Lust dazu habt."
Elena nickt begeistert. „Ja, das wäre großartig." Sie lächelt breit und Grunhilda kommt herbei, um Elena ein paar elegante weißer Halbschuhe mit Absatz vor die Füße zu stellen. Elena verzieht das Gesicht, als sie die Schuhe sieht und Grunhilda wirft ihr einen ungehaltenen Blick zu, woraufhin Elena widerstreben versucht, in den rechten Schuh zu steigen.
Merlin versucht, sich ein Grinsen zu verkneifen, schafft es aber nicht ganz. „Ich denke nicht, dass Ihr für einen Ausritt so formelle und elegante Sachen braucht. Ich werde draußen warten, damit Ihr Euch etwas anziehen könnt, das besser zum Reiten geeignet ist. Es ist immer noch frisch draußen, und mit einem dünnen Umhang über Euren Sachen, wird es niemand bemerken, wenn Ihr ein einfacheres Kleid tragt."
Elena lächelt erleichtert und zieht ihren Fuß wieder aus dem Schuh.
Merlin neigt den Kopf zu einer kurzen Verbeugung, bevor er sich wieder zum Gehen wendet und Grunhilda öffnet ihm die Tür, damit er draußen warten kann, bis Elena sich umgezogen hat.
„Was meint Ihr damit, eine Sidhe hat sich in meiner Tochter eingenistet und lebt in ihr?!", fragt König Godwyn und sieht Arthur, der ihm diese Nachricht gerade mitgeteilt hat, vollkommen verstört an.
„Die Sidhe sind eine Feenrasse mit magischen Kräften aus dem Reich Avalon", erklärt Merlin, der neben Arthurs Stuhl in der Ratshalle steht, mit ruhiger Stimme. „Sie können nur eine begrenzte Zeit lang in unserer Welt überleben. Als Elena ein Baby war, muss einer der Sidhe Ältesten sie mit einem Zauber belegt haben, um eine neugeborene Sidhe in Elenas Körper zu verstecken. Als Elena älter geworden ist, ist die Sidhe in ihr ebenfalls herangewachsen und wenn die Zeit gekommen ist, wird sie die Kontrolle übernehmen und kann dann als Wechselbalg dauerhaft in unserer Welt leben."
Godwyn sieht Merlin mit hochgezogenen Augenbrauen und immer noch geweiteten Augen an und als er nichts sagt, sondern einfach nur dasteht und Merlin anstarrt, tauscht Merlin einen kurzen Blick mit Arthur und er hat ernsthaft Bedenken, dass Godwyns Herz diesen Schock nicht verkraften könnte. Arthur nickt und Merlin geht zum Godwyn um ihn sanft, aber bestimmt am Arm zu nehmen und ihn auf einen der Stühle an der runden Tafel zu setzen.
Godwyn lässt Merlin gewähren und schüttelt derweil verwirrt den Kopf. „Ich verstehe das nicht. Warum sollten die Sidhe so etwas tun?"
„Wir glauben, dass sie damit gerechnet haben, dass Elena und ich aufgrund der Freundschaft zwischen Euch und meinem Vater, eines Tages heiraten würden", entgegnet Arthur. „Die Sidhe hätte danach die Kontrolle über Elena übernommen und mich mit einem Zauber belegt, damit die Sidhe über Camelots Armee verfügen könnten und schließlich in der Lage wären über ganz Albion zu herrschen."
Merlin hat Godwyn währenddessen aus einem Krug auf der Tafel einen Becher Wasser eingeschenkt, und Godwyn ist während Arthurs Erklärung zusehends blasser geworden. Als Merlin ihm den Becher hinhält, nimmt er ihn geistesabwesend und trinkt einen Schluck daraus, bevor er zu Merlin aufsieht.
„Seid Ihr Euch sicher?", fragt er und seine Stimme macht deutlich, dass er hofft, Merlin würde mit Nein antworten und das alles könnte nur ein Missverständnis sein.
Merlin nickt jedoch mit ernster Miene. „Ja, ich bin sicher. Ich kann die Sidhe in Elena spüren. Aber Ihr müsst keine Angst um Eure Tochter haben, König Godwyn, ich kann die Fee in Elena mit diesem Trank herausholen ohne Elena dabei zu schaden." Merlin holt ein kleines Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit darin aus der Innentasche seiner Robe und zeigt es Godwyn, der allerdings immer noch sehr skeptisch aussieht.
„Ihr könnt meinem Hofzauberer vertrauen, König Godwyn", versichert ihm Arthur. „Ich weiß, dass Magie in Camelot für lange Zeit verboten war. Mein Vater hat dieses Verbot aus Trauer und Hass über den Tod meiner Mutter erlassen. Aber ganz gleich wie nachdrücklich er auch versucht hat, sämtlichen Gebrauch von Magie auszumerzen, Magie war immer ein Teil dieses Landes und ich vertraue Merlin mit meinem Leben. Wenn er sagt, dass er die Sidhe aus Elena herausholen kann, ohne Eurer Tochter dabei Schaden zuzufügen, dann könnt Ihr ihm vertrauen."
König Godwyn sieht Arthur einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen, doch schließlich nickt er. „Na gut. Uther ist über viele Jahre hinweg ein guter Freund gewesen und ich habe seine Gesetze in Bezug auf Magie nie infrage gestellt. Mein Königreich ist klein und es gibt dort nur sehr wenig Menschen, die Magie benutzen können, deswegen hatte ich nie einen Grund Magie zu verbieten." Er zögert einen Moment, bevor er weiterspricht. „Ich will ehrlich mit Euch sein, Arthur. Als mich die Nachricht von Uthers Unfall und Eurer Krönung erreicht hat, war ich besorgt. Camelot hat viele Feinde und Ihr seid noch so jung. Aber wenn Ihr sagt, dass Euer Hofzauberer meine Tochter heilen kann, dann werde ich Euren Worten Glauben schenken."
Arthur nickt. „Ich danke Euch, König Godwyn."
„Es gibt noch etwas, dass Ihr wissen solltet, bevor wir Elena heilen können", sagt Merlin und er wartet, bis Godwyn ihn ansieht, bevor er weiterspricht. „Elenas Dienerin Grunhilda ist eine Elfe. Sie wurde von den Sidhe Ältesten geschickt, um die Sidhe in Elena zu beschützen und sie mit kleinen Mengen Elfenstaub daran zu hindern an die Oberfläche zu gelangen, bevor der richtige Augenblick gekommen wäre. Ganz gleich wie treu Grunhilda zu Euch und Elena gestanden hat, eine Elfe dient letzten Endes immer nur ihren Sidhe Herren. Bevor wir die Sidhe aus Elena herausholen können, müssen wir uns deshalb um Grunhilda kümmern."
Godwyn sieht erneut vollkommen verblüfft aus, doch schließlich presst er die Lippen aufeinander und nickt knapp. „Was immer Ihr für nötig haltet."
Merlin sieht, wie viel Überwindung es Godwyn kostet, das zu sagen, aber er scheint Arthur aufgrund seiner langjährigen Freundschaft mit Uther zu vertrauen.
„Vielen Dank, König Godwyn", antwortet Merlin mit einer kurzen Verbeugung, die Godwyn jedoch nicht zur Kenntnis nimmt, da sein Blick mit zusammengezogenen Augenbrauen auf den Boden gerichtet ist.
„Ich nehme an, Elena ist in ihren Räumen?", fragt Merlin als Nächstes.
Godwyn sieht auf und nickt. „Ja und Grunhilda sollte ebenfalls dort sein."
„Gut, dann sollten wir gleich dorthin gehen", schlägt Arthur vor und Merlin sieht, wie Godwyn bei dieser Aussicht schwer schluckt. Als Arthur jedoch von seinem Stuhl aufsteht, tut Godwyn es ihm gleich.
Während sie durch die Gänge des Schlosses gehen, sagt keiner von ihnen ein Wort und Godwyn starrt mit einem besorgten Gesichtsausdruck geradeaus. Als sie jedoch bei Elenas Räumen ankommen, klopft er ohne zu zögern an die Tür und bringt ein Lächeln zustande, als Grunhilda ihm die Tür kurz darauf öffnet. Sie tritt erstaunt zur Seite, als sie neben König Godwyn auch Merlin und Arthur entdeckt. Bevor sie jedoch irgendeinen Verdacht schöpfen kann, macht Merline eine Handbewegung und friert Grunhilda in der Zeit ein.
Elena, die auf dem Bett sitzt, zieht erstaunt die Augenbrauen zusammen und will aufstehen, doch bevor sie etwas sagen kann, versetzt Merlin sie mit einer weiteren Handbewegung in einen tiefen Schlaf und sie fällt mit geschlossenen Augen nach hinten auf das Bett, wo sie bewegungslos liegen bleibt.
Als Godwyn sieht, wie seine Tochter auf dem Bett nach hinten kippt, dreht er den Kopf zu Merlin. „Was habt Ihr mit ihr gemacht?", fragt er aufgebracht, aber Merlin hebt beruhigend die Hände.
„Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Euer Hoheit", versichert er Godwyn. „Elena schläft lediglich und hat noch dazu vergessen, was gerade passiert ist. Ich denke, es ist das Beste, wenn Elena nie erfährt, dass all die Jahre über eine Sidhe in ihr gelebt hat und dass ihre getreue Dienerin eine Elfe gewesen ist, die geschickt wurde, um der Sidhe zu helfen eines Tages ihren Körper zu übernehmen."
Godwyn sieht einen Moment unentschlossen aus, doch dann nickt er sichtlich angespannt. „Also gut. Und jetzt befreit meine Tochter bitte von dieser Sidhe in ihr."
Merlin nickt und zieht das kleine Fläschchen aus seiner Robe hervor. Anschließend geht er zum Bett, öffnet Elenas Mund einen Spalt breit und lässt die rote Flüssigkeit über ihre Lippen tropfen. Dann stellt er das Fläschchen auf den Nachttisch und macht sich bereit die Sidhe zu töten, sobald sie Elenas Körper verlässt. Einen Moment lang geschieht nichts, dann jedoch beginnt Elenas Körper sich zu verkrampfen und sie wirft sich auf dem Bett hin und her.
„Was ist los? Was passiert mit ihr?!", fragt Godwyn alarmiert, aber Arthur legt ihm eine Hand auf den Arm und hält ihn zurück.
Einen Augenblick darauf sackt Elenas Körper kraftlos zurück in die Kissen zurück. Ihr Mund öffnet sich und die Sidhe, die nur als winzige, blaue Lichtkugel zu sehen ist, steigt nach oben und versucht blitzschnell die Flucht zu ergreifen. Merlin hat bereits eine Hand ausgestreckt und die kleine Fee wird mit einem hellen weißen Lichtblitz in Stücke gerissen.
König Godwyn hat das Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen verfolgt und für einen langen Moment herrscht absolute Stille. Dann atmet er mehrere Male tief durch, bevor er wieder in der Lage ist zu sprechen. „Ich war mir nicht sicher, ob Ihr wirklich die Wahrheit gesagt habt. Aber jetzt, da ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe, glaube ich Euch. Ihr habt meine Tochter befreit und ihr das Leben gerettet und dafür werde ich Euch für immer dankbar sein."
Merlin nickt ergeben und zeigt dann auf Grunhilda, die immer noch mit weit aufgerissenen Augen im Zimmer steht. „Wie wollt Ihr mit ihr verfahren?"
„Ihr seid Euch sicher, dass sie eine Elfe ist?", fragt Godwyn und Merlin ruft seine Magie erneut um Grunhildas wahre Gestalt mit einer Handbewegung zu offenbaren.
Arthur und Godwyn reißen beinahe gleichzeitig die Augen auf, als die rosafarbene Haut mit den schwarzen Warzen und die langen nach unten hängenden, spitzen Ohren sichtbar werden.
„Dieses Ding war Teil meines Hofstaates und hat meiner Tochter jahrelang gedient, ohne dass ich etwas bemerkt habe! Wie ist das möglich?", fragt Godwyn entsetzt.
„Ihr tragt keine Schuld daran", entgegnet Merlin. „Elfen verfügen über mächtige Magie. Ihr Zauber ist stark genug, um beinahe jeden zu täuschen."
Godwyn mustert Merlin einen Moment lang. „Aber nicht Euch."
„Nein, nicht mich", erwidert Merlin ungerührt und er bemerkt den nachdenklichen Blick, mit dem Godwyn ihn noch einen Augenblick lang mustert.
Schließlich nickt Godwyn jedoch entschlossen. „Ich will, dass Ihr Euch um dieses Ding kümmert", sagt er mit einem angewiderten Blick auf Grunhilda. „Wir werden Elena sagen, dass es einen bedauernswerten Unfall gegeben hat. Grunhilda ist eine Treppenflucht hinuntergestürzt und ich wollte Elena den Anblick ersparen."
Merlin nickt. Dann streckt er eine Hand nach Grunhilda aus und genauso wie die Sidhe zuvor, verschwindet Grunhilda in einem gleißenden Lichtblitz und nur ein kleiner Haufen Feenstaub bleibt auf dem Boden zurück. Merlin verspürt keine Skrupel deswegen, denn Grunhilda am Leben zu lassen, hätte nur dazu geführt, dass sie zu den Sidhe Ältesten zurückgegangen wäre und ihnen davon berichtet hätte, dass Emrys ihre Pläne durchkreuzt hat. Zwar können die Sidhe Avalon nur für eine sehr kurze Zeit verlassen, aber Merlin zweifelt nicht daran, dass sie dennoch einen Weg gefunden hätten Rache zu üben.
Godwyn betrachtet das Häufchen Sand auf dem Boden noch einen Augenblick lang mit gerunzelter Stirn, bevor er tief Luft holt und dann wieder aufsieht. „Würdet Ihr meine Tochter nun bitte wieder aufwecken?"
Merlin nickt und nach einem kurzen Zauber und eine Handbewegung, kommt Elena wieder zu sich. Sie setzt sich auf dem Bett auf, gähnt und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.
„Ich muss eingeschlafen sein", murmelt sie nachdenklich und als sie ihren Vater, Arthur und Merlin sieht, zieht sie die Augenbrauen zusammen. „Ist etwas passiert?"
Godwyn setzt ein schmales Lächeln auf und geht zu seiner Tochter hinüber, um sich auf das Bett neben sie zu setzen. „Meine Liebe, es hat einen Unfall gegeben. Deine Dienerin Grunhilda ist eine Treppe hinuntergefallen und hat den Sturz nicht überlegt. Es gab keine Möglichkeit mehr ihr zu helfen."
„Oh", sagt Elena erschrocken und schnappt nach Luft, bevor sie das Gesicht verzieht. „Arme Grunhilda. Sie hat sich immer so gut um mich gekümmert", sagt sie mitfühlend. „Sie hat es nicht verdient, so zu enden."
Godwyn legt Elena eine Hand auf die Schulter. „Ja, sie war eine gute Dienerin, mein Liebling. Aber ich bin sicher, dass du sie niemals vergessen wirst und ich werde eine noch bessere Dienerin finden, die ihren Platz einnehmen kann."
Elena sieht immer noch etwas niedergeschlagen aus, nickt aber tapfer. „Ja, Vater."
„Wir werden uns jetzt zurückziehen", sagt Arthur. „Wir wollten nur sicherstellen, dass es Euch gut geht."
Er nickt Elena noch einmal zu, bevor Merlin und er zur Tür gehen und Elena mit ihrem Vater alleine lassen.
Zwei Tage später sieht Arthur Elena und ihrem Vater hinterher, als sie zusammen mit ihrem Gefolge aus dem Schlosshof hinausreiten. Die Veränderung in Elena, nachdem Merlin die Sidhe aus ihr entfernt hat, ist geradezu erstaunlich. Das unbeholfene Mädchen mit den kraus abstehenden Haaren ist zu einer anmutigen jungen Frau geworden, deren blonde Locken ihr in sanften Wellen um die Schultern fallen. Ihre Bewegungen sind nicht länger unkoordiniert und schwerfällig, sondern elegant und mühelos. Elena selbst scheint zwar zu bemerken, dass etwas anders ist, da sie aber den Grund dafür nicht kennt, verschwendet sie anscheinend nicht allzu viele Gedanken daran.
„Bereust du es?", fragt Morgana, die neben Arthur im morgendlichen Sonnenschein steht und Elena und ihren Vater mit ihm zusammen verabschiedet hat.
Arthur dreht den Kopf zu ihr und sieht sie verwirrt an. „Bereue ich was?"
„Dass du sie nicht geheiratet hast. Sie ist wirklich nett und nachdem Merlin die Sidhe aus ihr herausgeholt hat, ist sie geradezu anmutig und elegant geworden."
Arthur lacht leise und schüttelt den Kopf. „Nein, ich bereue es nicht, dass ich sie nicht geheiratet habe. Du hast Recht, sie ist nett und sehr schön, aber ich glaube nicht, dass ich sie hätte lieben können."
Morgana seufzt leise und sieht Arthur nachsichtig an. „Natürlich nicht, aber vielleicht wäre sie dazu bereit gewesen, nur dem Namen nach deine Königin zu sein."
Arthur weiß, worauf Morgana anspielt und er schüttelt entschieden den Kopf. „So wird das aber nicht sein, Morgana. Ich werde nicht irgendeine Prinzessin zur Frau nehmen, nur damit sie mir einen Erben schenkt und sie dann nicht mehr beachten. Ich habe immer noch vor, aus Liebe zu heiraten."
Morgana sieht ihn verwirrt an. „Das verstehe ich nicht."
Arthur lächelt nachsichtig. „Ich werde Merlin immer lieben und er wird immer an meiner Seite sein, aber wir sind uns beide unserer Verpflichtungen diesem Land gegenüber bewusst. Ich brauche einen Erben, um die Blutlinie der Pendragons weiter zu führen und Merlin muss einen Sohn zeugen, um das Vermächtnis der Drachenmeister weiter zu geben, falls er doch nicht unsterblich ist. Das bedeutet, dass wir beide eines Tages heiraten müssen, aber das werden wir trotz allem aus Liebe tun. Man kann mehr als eine Person gleichzeitig lieben. Merlin und ich können nur hoffen, dass jeder von uns das Glück haben wird, eine Frau zu finden, die unsere Liebe versteht und sie akzeptieren kann."
Morgana sieht Arthur einen Moment lang erstaunt an, doch dann lächelt sie schmal und nickt. „Ich hoffe, dass du alles bekommst, was du dir wünscht, Arthur. Du hast es verdient."
„Danke", antwortet Arthur mit einem Lächeln. „Und ich hoffe, dass du ebenfalls jemanden finden wirst, der dich von ganzem Herzen liebt."
Morgana legt Arthur sanft eine Hand auf den Arm und sie sehen sich noch einen Moment lang an, bevor sie sich beide umdrehen und ins Schloss zurückgehen.
Das Geräusch seiner Stiefel auf dem Boden ist das Einzige, das Merlin hört, während er den steinernen Gang entlanggeht. Helles, rötliches Licht fällt durch die Fenster an den Wänden und Merlin muss die Augen zusammenkneifen, um nicht geblendet zu werden. Von der Decke und den Wänden hängen dicke, weiße Spinnweben und Merlin schiebt einige davon mit der Hand zur Seite, als er um eine Ecke biegt.
Wie schon zuvor, hört er eine heisere Stimme, die wie ein Flüstern durch die Gänge weht. „Emrys."
Als Merlin um die Ecke vor ihm biegt, findet er sich in einem weiteren verlassenen Gang wieder.
„Emrys."
Merlin geht weiter und seine Schritte hallen dumpf an den Wänden wider, als das Flüstern erneut erklingt.
„Emrys."
Hinter der nächsten Biegung führt eine gewundene Steintreppe nach oben und Merlin glaubt, dass die Stimme von dort kommt. Er steigt die Stufen hinauf, die mit einer dicken Staubschicht bedeckt sind, und findet sich kurz darauf in einer großen Halle wieder, in deren Mitte eine Gestalt auf einem hölzernen Thron sitzt. Es ist ein alter Mann mit fahler Haut, der unter mehreren Spinnweben in einer wohl einst prächtigen Kleidung und mit einer glanzlosen Krone auf dem Kopf auf Merlin wartet. Er sieht ihn aus dunklen Augen heraus mit einem schwermütigen Blick an und wieder hört Merlin die heisere Stimme und er weiß, dass sie zu dem alten Mann gehört, obwohl sich seine Lippen nicht bewegen.
„Emrys, komm und befreie mich."
Die Stimme des alten Mannes hallt in Merlins Kopf wieder, als er aus seinem Traum erwacht und sich mit einer Bewegung im Bett aufsetzt. Er atmet schwer und blinzelt einige Male, bis er den Raum um sich herum klar sehen kann. Er ist in seinem und Arthurs Bett in ihren Räumen und helles Sonnenlicht fällt durch die geöffneten Vorhänge ins Zimmer.
Arthur ist nicht da und Merlin erinnert sich daran, dass er bereits mit den ersten Sonnenstrahlen an diesem Morgen zum Training mit seinen Rittern aufgebrochen ist, während sich Merlin unter der Decke noch einmal umgedreht hat.
Ein leises Fiepen lässt Merlin den Kopf drehen und er sieht Aithusa, die auf ihrem Fell vor dem Kamin sitzt, in dem das Feuer heruntergebrannt ist. Sie fiept erneut und legt fragend den Kopf schief.
„Es ist alles in Ordnung, Aithusa. Es war nur ein Traum", sagt Merlin mit einem Lächeln und der kleine Drache legt seinen Kopf von einer Seite auf die andere, während sie Merlin beinahe vorwurfsvoll ansieht.
Was Merlin gesehen hat, ist mehr als nur ein Traum gewesen und Aithusa hat das anscheinend auch gespürt. Der alte Mann auf dem Thron ist der Fischerkönig gewesen, der Herrscher über das Königreich Elmet. Er ist vor mehr als 100 Jahren ein mächtiger Zauberer gewesen und sein Königreich blühte und gedieh, doch dann wurde er in einer Schlacht verletzt und die Wunde entzündete sich. Um nicht zu sterben, band er sich mit einem Zauber an sein Land, damit die Magie dort ihn am Leben erhalten würde. Doch anstatt ihn zu heilen, breitete sich die Entzündung, die seinen Körper befallen hatte, über das ganze Königreich hinweg aus, bis nur noch ein kahler und unwirklicher Flecken Erde zurückblieb. Niemand lebt seit diesen Tagen in Elmet und Wyfern und Serkets treiben ihr Unwesen in dem Landstrich, der nur noch das Land der Gefahren genannt wird.
In der anderen Zeit ist Arthur dorthin aufgebrochen, um als selbst auferlegte Prüfung, mit der er sich als würdig erweisen wollte, den Thron zu besteigen, den Dreizack des Fischerkönigs nach Camelot zu bringen. Merlin und Gwaine waren ihm gefolgt und zusammen hatten sie es geschafft bis zum Schloss des Fischerkönigs zu gelangen. Dort verließen Arthur jedoch seine Kräfte, denn Morgana hatte ihm als vermeintlichen Glücksbringer einen Armreif mit dem Auge des Phönix darin mitgegeben, und der Stein hatte Arthur langsam seine Lebensenergie entzogen. Nachdem Merlin das Auge an sich genommen hatte, war er dem Fischerkönig gegenüber getreten und der alte Zauberer eröffnete ihm, dass er auf Emrys gewartet hatte, damit er ihn von seinen Qualen erlösen würde. Er warnte Merlin vor den drohenden Gefahren, die Albion erwarteten würden, und schenkte ihm eine Phiole mit Wasser aus dem See Avalon, das ihm bei seiner Aufgabe, das Land zu retten, helfen sollte. Merlin gab dem alten Zauberer als Gegenleistung den Armreif mit dem Auge des Phönix und als das Auge die Lebensenergie des Fischerkönigs absorbierte, zerfiel der alte Zauberer vor Merlins Augen zu Staub.
Nun gibt es allerdings nichts, wovor der Fischerkönig Merlin warnen könnte, denn die Zukunft hat sich bereits grundlegend verändert und Merlin würde auch das Wasser aus dem See Avalon, das der Fischerkönig all die Jahre über verwahrt hatte, dieses Mal nicht brauchen. Der Fischerkönig ist jedoch nach wie vor an sein Land gebunden und so der Möglichkeit beraubt zu sterben und Merlin ist es ihm schuldig, ihn von diesem Schicksal zu erlösen.
„Arthur."
Arthur gibt Lamorak ein Zeichen kurz zu warten, bevor er sein Trainingsschwert sinken lässt und sich zu Lancelot umdreht, der seinen Namen gesagt hat.
Lancelot steht ein Stück hinter ihm am Rand des Trainingsfeldes und als Arthur ihn fragend ansieht, zeigt Lancelot auf den Weg, der von den Ställen des Schlosses am Trainingsfeld entlang führt. Arthur dreht den Kopf und entdeckt Merlin, der auf Sir Ruperts Rücken sitzt und den Weg entlang auf sie zureitet. Als Merlin näher kommt, sieht Arthur, dass Satteltaschen, sowie Merlins langer Ledermantel an Sir Ruperts Sattel befestigt sind. Außerdem trägt Merlin keiner seiner Roben, sondern ein Hemd, eine einfache Hose und sehr zu Arthurs Missfallen, ein rotes Halstuch.
Arthur legt die Stirn in Falten, während er wartet, bis Merlin das Trainingsfeld erreicht hat und Sir Rupert bittet stehen zu bleiben.
„Wo willst du hin?", fragt Arthur, da Merlin offensichtlich nicht vorhat nur eine kurze Runde um das Schloss zu reiten, damit Sir Rupert sich die Beine vertreten kann.
Merlin sieht Arthur an und der Ausdruck auf seinem Gesicht ist ernst. „Ich muss zum Fischerkönig."
Bevor Arthur jedoch etwas darauf erwidern kann, meldet sich Gwaine hinter ihm zu Wort. „Mitten ins Land der Gefahren? Bist du verrückt?"
Merlin lächelt schmal. „Keine Sorge, Gwaine. Ich weiß, was ich tue. Ich bin heute Abend zurück."
„Wie willst du in ein paar Stunden ins Land der Gefahren und wieder zurück reiten? Elmet liegt in der nördlichen Ebene", gibt Lancelot zu bedenken.
Merlin grinst schief. „Ich treffe mich mit Kilgharrah. Er wird mich nach Elmet und wieder zurückfliegen."
Das scheint Lancelot und Gwaine zu beruhigen und Arthur muss zugeben, dass es wohl der sicherste Weg ist, auch wenn es ihm widerstrebt Merlin alleine gehen zu lassen. Er erinnert sich noch gut daran, wie er in der anderen Zeit durch das verwilderte Land gereist ist, um den Dreizack des Fischerkönigs zu finden. Neben der unwirtlichen Landschaft gibt es dort jede Menge Gefahren, die versucht haben ihn umzubringen. Allerdings versteht Arthur, warum Merlin gehen muss. Merlin hat ihm erzählt, dass der Fischerkönig nur darauf gewartet hatte, dass Merlin zu ihm kam, um ihn von seinem unnatürlich langen Leben zu befreien. Das Auge des Phönix, das Arthur am Ende seiner Reise beinahe getötet hätte, war die Erlösung für den alten Mann gewesen und Arthur ist sich sicher, dass es eine Fügung des Schicksals gewesen ist, dass Morgana es Arthur damals mitgegeben hatte, damit es ihn auf seiner Reise töten sollte.
„Du hast das Auge des Phönix bei dir, nehme ich an?", fragt Arthur in Gedanken und Merlin nickt.
„Ja, es ist in der Satteltasche."
Arthur nickt und spricht dann laut weiter, damit die anderen ihn hören können. „Na gut, sei vorsichtig."
Merlin lächelt amüsiert. „Ich reise auf dem Rücken des Großen Drachen. Nichts und niemand dort draußen ist dumm genug Kilgharrah anzugreifen."
Nachdem Kilgharrah bei ihrer Ankunft zwei langsame Runden über das Schloss des Fischerkönigs mit seinem runden, hohen Turm als Hauptburg geflogen ist, landet er inmitten des großen, verwitterten Schlosshofes, der sich hinter den großen Toren in der inneren Schlossmauer befindet. Einige Wyfern sind von einem der halb eingestürzten Wehrtürme aufgeflattert, als Kilgharrah über sie hinweg geflogen ist, und suchten so schnell sie konnten das Weite. Sonst schien das Schloss jedoch vollkommen verlassen zu sein.
Kilgharrah hebt eine seiner Klauen an, um Merlin von seinem Rücken hinunter zu helfen und setzt ihn dann auf dem Boden ab.
„Ich danke dir, Kilgharrah. Ich bin gleich wieder da."
Kilgharrah neigt seinen mächtigen Kopf. „Lass dir ruhig Zeit. Ich werde hier auf dich warten."
Merlin nickt, bevor er sich auf den Weg zu einer Treppe an der gegenüberliegenden Seite des Hofes macht, die nach oben in den Hauptteil des Schlosses führt. Genau wie in seinem Traum, sind die Gänge und Treppen, die nach oben führen, verwittert und voller Spinnweben und Staub. Durch die Fenster strömt helles Sonnenlicht von draußen herein, das alles in ein seltsames rötliches Licht taucht, was wohl daher kommt, dass das Licht der Sonne von dem endlosen roten Sand und den Felsen um das Schloss herum reflektiert wird.
Es dauert einige Zeit, bis Merlin den großen Turm hinaufgestiegen ist, aber schließlich betritt er den kahlen Thronsaal. Der hölzerne Thron, der sich als einziges dort befindet, steht mit der Rückenlehne zu ihm und als Merlin ihn herum geht, hallen seine Schritte auf dem staubigen Steinboden wider.
Der Fischerkönig öffnet die Augen, als Merlin schließlich vor ihm stehen bleibt und sein Blick ist müde und schwer, als er Merlin mustert. „Nun, Emrys, bist du endlich hier."
Merlin neigt den Kopf. „Das bin ich."
Der König lächelt bedauernd. „Du brauchst allerdings niemanden, der dir den Weg zeigt. Nicht dieses Mal."
„Es tut mir leid, dass Ihr all die Jahre umsonst gewartet habt", antwortet Merlin aufrichtig, aber der Fischerkönig schüttelt kaum merklich den Kopf.
„Die Dinge geschehen, wie sie vorherbestimmt sind. Und es ist meine eigene Schuld gewesen. Ich habe mich an dieses Land gebunden, weil ich nicht akzeptieren konnte, dass meine Zeit gekommen war. Aber nun bist du hier, um mich zu befreien", sagt er mit einem Seufzen.
Merlin nickt, bevor er in seine Tasche greift und den Armreif mit dem Auge des Phönix darin herausholt. Der Blick des Fischerkönigs folgt ihm, als Merlin nach vorne tritt und der alte Zauberer erhebt sich mit einem Ächzen aus seinem Thron. Merlin kniet vor ihm nieder, während der Fischerkönig eine Hand ausstreckt und Merlin streift den Armreif über sein knochiges Handgelenk.
Der alte Mann schließt die Augen und atmet mit einem hörbaren Seufzen aus, als der bernsteinfarbene Edelstein auf dem Armreif zu leuchten beginnt. Einen Augenblick darauf zieht aus dem Nichts ein scharfer Wind auf, der die staubige Kleidung des Fischerkönigs und die Spinnweben, die auf ihm liegen, herumwirbelt. Das Auge des Phönix strahlt in einem hellen Licht, als es dem alten Zauberer seine Lebensenergie entzieht und damit auch den Zauber bricht, der ihn an sein Land bindet. Dann zerfällt der alte König zu Staub und wird mit dem Wind davongetragen, bevor der Armreif klirrend zu Boden fällt. Der Wind verschwindet wieder und das Leuchten, das von dem Auge des Phönix ausgegangen ist, verblasst.
Merlin lässt seinen Blick noch einen Moment lang auf der Stelle ruhen, an der der Fischerkönig gerade noch gestanden hat. Für über 100 Jahren ist er der Herrscher über dieses Land gewesen, aber letztendlich hat er sich selbst und seinem Königreich damit nur Kummer und Leid gebracht. Er hätte es akzeptieren müssen, als seine Zeit gekommen war, aber stattdessen hat er sich an sein Leben und seinen Thron geklammert, weil er die Macht gehabt hatte, dem Tod zu entkommen. Aber der Preis dafür ist zu hoch gewesen.
Auch Arthur wird eines Tages eine ähnliche Entscheidung treffen müssen. Wenn sie tatsächlich unsterblich sind, wird er irgendwann vor der Wahl stehen, weiter über Camelot zu herrschen oder seine Macht abzugeben und seinem Land den Rücken zu kehren. Nichts kann ewig Bestand haben. Im Gegensatz zum Fischerkönig wird Arthur jedoch Merlin an seiner Seite haben und Merlin hofft, dass er ihm helfen kann die richtige Entscheidung zu treffen, wenn es so weit ist.
A/N: Elena hat Schuhe mit Absätzen. Es gab noch keine Schuhe mit Absätzen zu dieser Zeit, aber da die Schuhe ein wichtiger Teil der Folge waren, habe ich die Schuhe eingebaut.
Ist jemandem aufgefallen, dass in der Folge, in der Arthur mit Elana ausreitet, sich die Pferde verändern? Elena reitet los auf einem Schimmel mit hellgrauer, langer gelockert Mähne, einer braunen aufwendigen Trense, Vorderzeug, einem braunen Sattel und einer gelben Satteldecke und kommt im Wald an dem Fluss auf einem Schimmel mit schwarzer Mähne, schwarzem Sattelzeug und keiner Satteldecke an. Als sie ins Schloss zurückreiten, ist das andere Pferd dann wieder da. Arthurs Pferd ist beim losreiten mittelbraun, am Fluss ist es ein dunkelbraunes Pferd mit langer gelockert Mähne und am Schloss kommt er wieder mit dem hellbraunen Pferd an.
