X. Eine Lektion in Sachen Täuschung
Merlin zieht die Kapuze seines Umhangs ein wenig tiefer ins Gesicht, als ein Mann aus der Tür einer Taverne hinaus auf die Straße tritt und in seine Richtung kommt. Der Mann geht jedoch an Merlin vorbei, ohne ihn zu beachten, was zum einen daran liegt, dass der Mann es wohl eilige hat zu dieser späten Stunde nach Hause zu kommen und zum anderen dem Zauber geschuldet ist, der Merlin unscheinbar und harmlos wirken lässt. Es ist bereits weit nach Mitternacht und auf der Straße zwischen den Häusern sind nur noch wenige Menschen unterwegs, aber Merlin wollte kein Risiko eingehen erkannt zu werden.
Nach den Vorrundenkämpfen an diesem Nachmittag, in denen sowohl Morgana, als auch Gwaine und Lamorak als Sieger ihrer Gruppen hervorgegangen und zusammen mit Sir Richard von Canterbury in die nächste Runde eingezogen sind, ist Merlin zurück zum Schloss gegangen und hat erneut mithilfe seiner Magie und einer kleinen Schale Wasser nach Myror gesucht. Dabei hat er überraschendes Glück gehabt, denn der Auftragsmörder bezahlte gerade in diesem Moment ein Zimmer in einer der Herbergen in der Stadt. Es handelt sich um die Taverne und Herberge zum Goldenen Krug, denn Merlin erkannte den Wirt, der von Myror einige Münzen entgegen genommen hat. Merlin beobachtete daraufhin wie Myror mit seinem spärlichen Gepäck nach oben in den ersten Stock des Hauses ging und eines der Zimmer bezog.
Bevor er sich jedoch auf den Weg machen konnte, um den Auftragsmörder auszuschalten, musste er zumindest eine Zeit lang dem Bankett an diesem Abend beiwohnen und obwohl Arthur Merlin sobald es ihm möglich war, entschuldigen ließ, ist es trotzdem ziemlich spät geworden.
Merlin biegt in eine schmale Straße zu seiner rechten ein und sieht von dort aus bereits das Schild der Taverne, das über einer unscheinbaren Holztür hängt. Als er den Schankraum betritt, sind dort nur noch wenige Gäste und obwohl ein paar von ihnen die Köpfe drehen, als die Tür aufgeht, wenden sie sich bereits im nächsten Moment wieder ab, ohne Merlin bewusst wahrzunehmen. Der Blick des Wirtes, der hinter dem Tresen steht und ein Glas poliert, wandert ebenfalls einfach über Merlin hinweg, als er kurz aufsieht.
Niemand hält Merlin auf, als er zur Treppe im hinteren Teil des Schrankraumes geht. Er steigt die Stufen nach oben und betritt einen schmalen Gang, der nur von einer einzigen, beinahe heruntergebrannten Kerze in einer Halterung an der Wand spärlich erhellt wird. Auf dem Treppenabsatz angekommen, streift Merlin die Kapuze seines Mantels ab, um seine Umgebung besser einsehen zu können. Die Türen zu den Gästezimmern auf beiden Seiten des Ganges sind alle geschlossen und Merlin wirkt einen Zauber, der dafür sorgt, dass seine Schritte auf dem Holzboden keine Geräusche verursachen. Mit einer Handbewegung löscht er anschließend die Kerze an der Wand und im Gang wird es dunkel. Aufgrund seiner Magie kann Merlin jedoch problemlos in der Dunkelheit sehen und er geht zu der zweiten Tür auf der linken Seites, bevor er sie langsam und mithilfe eines weiteren Zaubers vollkommen geräuschlos öffnet.
Schwaches Mondlicht fällt durch die Scheibe eines winzigen Fensters gegenüber der Tür und Merlin betritt das kleinen Zimmer. Er sieht ein schmales Bett an der hinteren Wand und unter der Wolldecke zeichnen sich die Umrisse eines Körpers ab. Merlin schließt die Tür hinter sich, ohne seinen Blick von dem Bett an der rechten hinteren Wand des Zimmers abzuwenden. Gerade als er jedoch den Kopf drehen will, um das gesamte Zimmer in Augenschein zu nehmen, spürt er plötzlich, wie sich eine Hand von hinten über seinen Mund legt und im selben Moment spürt er einen Stich an der rechten Seite seines Halses. Mit Entsetzen wird Merlin klar, dass Myror hinter der Tür gestanden haben muss; die Erhebung unter der Bettdecke war nur eine Ablenkung.
Mit einem Mal wird das Zimmer vor Merlins Augen schlagartig wieder dunkel und nur das fahle Mondlicht, das durch die trübe Scheibe fällt, erhellt noch den Raum, als Merlins Zauber von einem Augenblick auf den anderen seine Wirkung verliert. Merlin versucht, sich zu bewegen, um sich gegen Myror zu wehren, doch seine Muskeln gehorchen ihm nicht mehr und kalte Panik steigt in ihm auf, als seine Arme und Beine taub werden. Wenn er nicht von hinten gestützt würde, wäre er einen Augenblick darauf zu Boden gesunken.
Die Schwielen besetzten Finger über seinem Mund lockern sich wieder etwas, und einen Moment darauf hört Merlin eine leise Stimme dicht neben seinem Ohr.
„Ich hatte eigentlich vorgehabt mich morgen um dich zu kümmern, Hofzauberer. Es war bereits alles vorbereitet um dich aus dem Spiel zu nehmen, damit ich mich in Ruhe um den König hätte kümmern können. Aber ich beschwere mich nicht über diese Entwicklung. Es macht alles um so viel leichter für mich."
Ohne dass Merlin etwas dagegen tun kann, lässt Myror ihn langsam auf den Holzfußboden sinken, wo er mit dem Kopf zur Seite gedreht liegen bleibt. Sein Blick ist starr auf den Boden und einen Teil der Wand an der anderen Seite des Zimmers gerichtet und er kann weder den Kopf drehen, noch irgendwo anders hinsehen. Die Reflexe zu atmen und zu blinzeln, sind das Einzige, wozu sein Körper noch fähig ist.
„Erstaunlich, nicht wahr?", sagt Myror über ihm leise und ein paar Füße in Lederstiefeln treten von der Seite in Merlins Blickfeld. „Dieses Gift stammt aus einem fernen Land und mir wurde versichert, dass es nicht nur stark genug ist, um einen Mann mit einem einzigen Tropfen bewegungsunfähig zu machen, sondern dass es auch in der Lage ist, einem Zauberer seine Magie zu nehmen. Und es wirkt hervorragend, wie ich sehe."
Mit Entsetzen muss Merlin feststellen, dass Myror recht hat. Er kann sich weder bewegen, noch seine Magie erreichen. Es fühlt sich an wie eine dicke Schicht klebriger Honig, die alles bedeckt und die es ihm nicht erlaubt einen Zauber zu wirken. Allerdings kann er nicht vollkommen von seiner Magie abgeschnitten sein, wie es damals bei den magischen Fesseln der Fall gewesen ist, denn sonst wäre er bereits tot.
Myror geht neben ihm in die Knie und Merlin sieht das Blitzen einer Klinge vor sich, als ein Dolch vor ihm erscheint. Wenn Myror ihn jetzt tötet, dann würden sie herausfinden, ob Merlin tatsächlich unsterblich ist. In einem Augenblick könnte alles verloren sein. Hätte er doch nur Nimueh mitgenommen, oder zumindest Arthur gesagt, wo er hingegangen ist.
Merlin versucht seinen Geist auszusenden, um Arthur zu warnen, aber obwohl er die Verbindung, die sie beide vereint, spüren kann, hindert eine undurchdringliche, dicke und klebrige Masse ihn daran Arthur zu erreichen. Merlin wappnet sich innerlich, doch Myror greift lediglich nach Merlins Hand und schneidet ihm dann in den Finger.
„Keine Sorge, ich werde dich nicht töten", sagt er leise, als ob er Merlins Gedanken erraten hätte. „Immerhin hat mich niemand für deinen Tod bezahlt. Aber vielleicht will dich jemand zu einem späteren Zeitpunkt tot sehen, deswegen wäre es dumm, von mir, dich jetzt zu töten."
Myrors Hand verschwindet für einen Moment und als sie wieder in Merlins Blickfeld kommt, hält er einen durchsichtigen Kristall an einer silbernen Kette und reibt dann das Blut von Merlins Finger auf die glatte, harte Oberfläche des Kristalls. Merlin hat genau so einen Kristall schon einmal gesehen. Damals in der anderen Zeit haben zwei Banditen sich mit solchen Kristallen in Ritter verwandelt, um an einem Turnier im Schwertkampf Mann gegen Mann in Camelot teilzunehmen. Mit einem Schlag wird Merlin klar, was für einen Plan Myror verfolgt und er schreit innerlich auf, ohne dass jedoch auch nur ein Laut aus seiner Kehle dringt. Der Kristall wird Myror in Merlins Ebenbild verwandeln und auf diese Weise kann er unmittelbar in Arthurs Nähe gelangen, um ihn zu töten. Und Merlin hat keine Chance Arthur zu warnen oder Myror aufzuhalten.
Nach einem Moment hört Merlin das Rascheln von Kleidung, als Myror wieder aufsteht. „Dein König wird die Nacht bedauerlicherweise nicht überleben. Und die Menge an Gold, die ich für seinen Tod bekommen werde, wird mich für all meine Ausgaben und die Vorbereitungen, die ich treffen musste, um mich um dich zu kümmern, mehr als entschädigen", sagt er zufrieden.
Einen Moment darauf hört Merlin Schritte auf den Boden und dann das Geräusch der Tür, die leise geöffnet und wieder geschlossen wird, während er nichts tun kann, außer bewegungslos und seiner Magie beraubt, auf dem Holzfußboden der Herberge liegen zu bleiben.
Als Arthur den beiden Wachen vor seiner Tür zunickt und seine Räume betritt, ist es bereits weit nach Mitternacht. Er ist müde und reibt sich mit einer Hand über die Muskeln an seinen Schultern, die von den langen Stunden, die er heute sitzend, zuerst auf der Tribüne in der Arena und dann während des Abendessens, verbracht hat, angespannt sind und schmerzen. In seinem Zimmer sind bereits die Kerzen entzündet worden und Merlin steht neben dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brennt.
Arthur streift sein prunkvolles, rotes Lederwams ab und legt es über die Lehne eines der Stühle am Tisch, bevor er seine Krone vom Kopf nimmt und sie auf die Tischplatte legt. Dann reibt er sich über die Stirn, wo der schwere Ring mit Sicherheit Abdrücke hinterlassen hat.
„Hast du dich um Myror gekümmert?", fragt er schließlich und sieht zu Merlin hinüber.
Merlin nickt. „Ja, das habe ich."
„Warum bist du dann nicht zurück ins Speisezimmer gekommen? Anstatt hier zu warten und mich mit König Rodor und König Llywarch alleine zu lassen?", fragt Arthur missmutig.
Das Abendessen ist keinesfalls unangenehm gewesen, aber es war ein langer Tag und Arthur hat beinahe vergessen, wie anstrengend es sein kann die Rolle des aufmerksamen und zuvorkommenden Gastgebers zu verkörpern.
„Tut mir leid", antwortet Merlin, aber es klingt irgendwie seltsam und Arthur sieht ihn prüfend an.
„Ist alles in Ordnung?"
Merlin bringt ein Lächeln zu stand und nickt unbeschwert. „Ja, natürlich."
Arthur mustert ihn zweifelnd, denn irgendetwas an dieser Geste stimmt nicht. Es klingt wie eine Lüge, nur dass Merlin ihn niemals anlügt und seine wahren Gedanken auch nicht vor Arthur verbirgt. Das muss er nicht mehr und das kann er auch gar nicht - nicht mit der Verbindung, die zwischen ihnen besteht. Unwillkürlich sendet Arthur seinen Geist aus, um Merlins Gedanken zu berühren, aber er stutzt, als er eine träge und dickflüssige Masse spürt, die ihm den Weg versperrt.
Merlin hat immer noch dieses seltsame Lächeln auf den Lippen, als er von seinem Stuhl aufsteht und um den Tisch herum zu Arthur geht.
Arthur ist sich mittlerweile sicher, dass irgendetwas nicht stimmt und er ruft in Gedanken Merlins Namen, so laut er kann, doch Merlin reagiert nicht. Bevor Arthur sich jedoch überlegen kann, was er jetzt tun soll, macht Merlin blitzschnell einen Satz nach vorne und Arthur wirft sich instinktiv zur Seite. Der Dolch, der sich plötzlich mit der Spitze nach unten in Merlins Hand befindet, verfehlt ihn nur um Haaresbreite. Im nächsten Augenblick setzt Merlin bereits zu einem weiteren Angriff an und Arthur bleibt kaum Zeit zu reagieren. Er schafft es erneut auszuweichen, stößt dabei jedoch mit dem Tisch zusammen und gerät ins Taumeln. Mit beiden Händen greift er nach dem Stuhl, der direkt neben ihm steht, findet sein Gleichgewicht wieder und stößt den Stuhl dann in Merlins Richtung. Merlin tritt den Stuhl mit einem unbewegten und entschlossenen Ausdruck in den Augen aus dem Weg und Arthur stolpert weiter rückwärts, während Merlin ihm unbeirrt nachsetzt.
Mit einem schnellen Blick sieht Arthur sich nach etwas um, mit dem er sich verteidigen kann, und sein Blick fällt auf Excalibur, das in seiner Scheide auf dem Tisch unter dem Fenster liegt. Arthur streckt seine Hand danach aus, um es mit Magie zu sich zu rufen, aber er stößt mit seinem Geist wieder gegen diesen dicken, klebrigen Widerstand und nichts passiert. Er kann Merlins Magie nicht erreichen und Merlin anscheinend auch nicht, denn sonst würde er ihn nicht mit einem Dolch angreifen.
Arthur wehrt den nächsten Hieb mit einem Schlag gegen Merlins Unterarm ab, bevor er Merlin einen harten Stoß versetzt und dann einen Sprung in Richtung des Tisches am Fenster macht. Arthur greift nach Excalibur und zieht es aus seiner Scheide, um im nächsten Moment bereits Merlins nächsten Angriff zu parieren. Die Klinge des gebogenen und reich verzierten Dolches prallt klirrend auf das Schwert und Arthur verflucht in diesem Moment den Zauber, den Merlin über das Zimmer gelegt hat, um zu verhindern, dass Geräusche nach draußen dringen können, denn sonst hätten die Wachen das Klirren von Metall auf Metall mit Sicherheit gehört.
Jeglicher anderen Möglichkeit zur Verteidigung beraubt, setzt Arthur nun seinerseits zum Angriff an und obwohl er Merlin keinesfalls verletzen will, muss er ihn irgendwie aufhalten. Die Spitze von Excalibur trifft Merlin an der Brust, als er nicht schnell genug nach hinten ausweichen kann und das Schwert bleibt dabei an Merlins Robe und seinem Hemd hängen. Der Stoff reißt auf und hinterlässt einen dünnen Schnitt auf Merlins Brust, der sich augenblicklich mit dünnen Blutstropfen füllt.
Seltsamerweise spürt Arthur kein Echo der Verletzung und im nächsten Moment wird ihm auch klar warum. Um Merlins Hals an einer dünnen, silbernen Kette hängt ein durchsichtiger Kristall und Arthur hat einen Kristall genau wie diesen vor vielen Jahren schon einmal gesehen. Zwei Banditen hatten damals in der anderen Zeit mithilfe solcher Kristalle die Gestalt von Rittern angenommen, um an einem Turnier in Camelot teilzunehmen. Gwaine hatte Arthur damals gerettet, als die beiden falschen Ritter versucht hatten ihn umzubringen.
Dieser Kristall um Merlins Hals lässt für Arthur damit nur einen Schluss zu: Dieser Mann vor ihm ist nicht Merlin.
Nach dieser Erkenntnis hat Arthur keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten und er geht nun entschlossen zum Angriff über. Sein Gegner greift nach Arthurs Schwertarm und drückt ihn zur Seite, während er versucht, mit dem Dolch in seiner anderen Hand, Arthurs Hals zu treffen. Arthur weicht mit dem Oberkörper nach hinten aus und dreht sich dann, während er mit seiner Hand, die Excalibur hält, nach unten nachgibt, nur um im nächsten Moment einen Streich nach oben auszuführen. Die Klinge trifft seinen Angreifer am Oberschenkel und er stolpert zurück. Arthur nutzt diese Bewegung, um sich geschickt aus dem Griff um sein Handgelenk zu befreien, bevor er sich unter dem nächsten Dolchstoß wegduckt und seinem Angreifer schließlich Excalibur von unten durch den Bauch stößt.
Ein ersticktes Röcheln entfährt dem Mann vor Arthur und obwohl er weiß, dass es nicht Merlin ist, ist es dennoch kaum zu ertragen, mit anzusehen wie sich Merlins blaue Augen vor Entsetzen weiten. Arthur zieht sein Schwert zurück und beißt die Zähne zusammen, als der Mann zu Boden sinkt. Der reich verzierte, gebogene Dolch gleitet ihm aus den Fingern und fällt klirrend auf den Steinboden, bevor der Mann zur Seite kippt und schließlich mit weit geöffneten Augen bewegungslos liegen bleibt.
Arthur starrt auf den Toten hinunter und für einen schrecklichen Moment glaubt er, dass er sich geirrt hat, doch dann verschwimmen die Konturen von Merlins Gestalt und zurück bleibt ein Mann mit dunkelbrauner Hautfarbe, einem kurzen Bart und einer Glatze. Arthur atmet erleichtert auf und lässt Excalibur sinken, als er den Mann, der tot zu seinen Füßen liegt, als den Auftragsmörder Myror aus Merlins Erinnerungen erkennt.
Im selben Moment ergreift jedoch wieder kalte Angst von ihm Besitz, als ihm klar wird, dass Myror Merlins Blut gebraucht hat, um mithilfe des Kristalls dessen Gestalt anzunehmen. Das wiederum bedeutet, dass er Merlin scheinbar überwältigt hat. Arthur versucht erneut mit seinem Geist nach Merlin zu suchen, doch obwohl er die Verbindung spüren kann, ist dort nur diese dickflüssige zähe Masse, die er nicht durchdringen kann. Das jedoch sagt ihm, dass Merlin noch am Leben ist, er scheint nur auf irgendeine Art und Weise betäubt zu sein und kann seine Magie nicht benutzen.
Arthur hat jedoch nicht die geringste Ahnung, wo Merlin hingegangen ist, nachdem er sich beim Abendessen entschuldigt hat. Und er hat anscheinend weder Nimueh mitgenommen, noch Arthur über seine Pläne unterrichtet, obwohl das über ihre Verbindung hinweg ein Leichtes gewesen wäre.
Arthur nimmt sich vor, darüber mit Merlin ein ernstes Wort zu reden, doch dazu muss er ihn zuerst finden; und das so schnell wie möglich. Mit schnellen Schritten eilt er zur Tür, um die Wachen loszuschicken, Leon, Gaius und Nimueh zu holen.
Merlin hat keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, als er mit einem Mal Schritte draußen auf dem Gang hört und einen Moment darauf wird die Tür hinter ihm geöffnet. Wenn es Myror ist, der zurückkommt, dann gibt es dafür nur zwei mögliche Gründe: Entweder er hat sein Ziel erreicht und Arthur ist tot, oder er ist bei seinem Vorhaben gestört worden und hat keine Gelegenheit gehabt seinen Plan umzusetzen. Merlin betet zu den Göttern, dass es Letzteres ist, während er sich gleichzeitig an die Hoffnung klammert, dass Arthur nicht tot sein kann. Er ist sich sicher, dass er es gespürt hätte, obwohl er seine Magie immer noch nicht wieder erreichen kann. Diese dicke, zähe Masse versperrt ihm nach wie vor den Weg und er kann immer noch keinen Muskel bewegen.
Die Schritte kommen näher und schließlich wird die Tür aufgestoßen.
„Merlin! Den Göttern sei Dank!"
Es ist Arthurs Stimme und Merlin hat sich noch nie in seinem Leben so unendlich erleichtert gefühlt, als in diesem Moment. Er spürt Hände an seinen Schultern, die ihn auf den Rücken drehen und er sieht einen Augenblick darauf Arthurs Gesicht über sich, obwohl ihm Tränen der Erleichterung in die Augen treten und es schwer machen etwas zu erkennen.
„Was ist los mit ihm?", fragt Arthur besorgt und Gaius' Gestalt erscheint in Merlins Blickfeld. Er hat sich anscheinend neben ihn gekniet und Merlin spürt Finger an seinem Hals, die seinen Puls fühlen.
„Es sieht aus, als ob er paralysiert wurde, Sire", antwortet Gaius nach einem Moment. „Sein Puls ist stark und er atmet."
„Nimueh, könnt Ihr versuchen ihn mit Eurem Geist zu erreichen?", fragt Arthurs als Nächstes.
Merlin spürt kurz darauf Nimuehs Bewusstsein an seinem und er versucht ihr begreiflich zu machen, was passiert ist, obwohl alles langsam und schwerfällig ist.
„Er hat durch einen magischen Spiegel gesehen, dass der Auftragsmörder sich in dieser Taverne aufgehalten hat", erzählt Nimueh langsam. „Als Merlin das Zimmer betrat, hat Myror ihn überrascht und überwältigt. Anschließend hat er Merlin mit einer vergifteten Nadel paralysiert und sein Blut dazu verwendet sich mit einem magischen Kristall in Merlins Ebenbild zu verwandeln."
„Myror ist tot, Merlin. Ich habe ihn getötet", sagt Arthur in beruhigender Stimme und Merlin atmet innerlich ein weiteres Mal auf. „Weißt du, was für ein Gift er benutzt hat?"
„Nein, das weiß er nicht", antwortet Nimueh nach einem Moment, als sie Merlins Gedanken weitergibt. „Der Auftragsmörder hat nur gesagt, dass es aus einem fernen Land kommt. Er hat gesagt, es würde ihn nicht töten, also sollte es mit der Zeit schwächer werden."
Merlin spürt Arthurs Hand auf seiner Schulter. „Also gut. Leon, Gwaine, hebt ihn hoch. Wir bringen ihn zurück zum Schloss. Und Merlin, wenn du wieder sprechen kannst, dann werden wir eine lange Unterhaltung führen, warum du einfach ohne Rückendeckung und ohne mir zu sagen wo du hingehst, losgezogen bist."
Die großen Holztribünen der Arena sind bis auf den letzten Platz gefüllt und selbst auf den Treppen, die hinauf führen, haben noch mehrere Menschen versucht, einen Platz zu ergattern, um zumindest einen kleinen Blick auf das Geschehen unten in der Bahn werfen zu können.
Die hellen Klänge der Fanfaren ertönen und die beiden Ritter, die es bis ins Finale des Turniers geschafft haben, reiten in die Arena. Vor jedem der beiden geht ein Knappe, der die Fahne des Ritters trägt und obwohl keine der Fahnen das Wappen von Camelot zeigt, hat es dennoch gewissermaßen einer von Arthurs Rittern ins Finale geschafft. Unter der Rüstung von Sir William aus Deira verbirgt sich schließlich Morgana, die in einem der beiden Halbfinalkämpfe in einer spektakulären Darbietung Gwaine geschlagen hat.
Anders als in der Vorrunde, in der ein Ritter zum Sieg über seinen Gegner nur einen einzigen Treffer benötigt, braucht man in den nächsten Runden drei Punkte, um den Kampf für sich zu entscheiden. Ein Treffer auf den Schild oder die Rüstung des Gegners geben dabei einen Punkt und wenn man seinen Gegner vom Pferd wirft, erhält man zwei Punkte. Gibt der Gegner auf, weil er nicht weiterreiten kann, hat man automatisch gewonnen.
Morgana und Gwaine haben verbittert vier Runden lang gegeneinander gekämpft, bis es Morgana schließlich gelungen ist, den entscheidenden Stoß zu setzen und Gwaine sich nach dem harten Aufprall der Lanze auf seinem Schild nicht mehr im Sattel halten konnte und zu Boden gestürzt ist. Nach einem Treffer von Morgana in der ersten Runde, gewann sie damit den Kampf. Gaius ist sofort an Gwaines Seite geeilt, aber Arthur wusste bereits, dass dank der Schutzzauber, die Merlin über alle Teilnehmer gelegt hat, nicht mehr als Gwaines Ehre ernsthaft verletzt sein würde. Nachdem Gwaine wieder auf den Füßen gestanden und sich den Helm vom Kopf gezogen hat, nickte er dem vermeintlichen Sir William aus Deira respektvoll zu und zollte ihm seinen Respekt und seinen Glückwunsch für den verdient gewonnen Kampf. Es ist ein wahrhaft großartiger Kampf gewesen und Gwaine hat alles gegeben. Er muss sich nicht schämen, verloren zu haben und er gönnte Sir William aus Deira den Sieg.
Morganas Gegner im Finale ist Sir Richard von Canterbury, der sich seinen Platz in einem spannenden Duell gegen Lamorak erkämpft hat. Arthur hätte es Lamorak wirklich gegönnt ins Finale einzuziehen, aber Sir Richard von Canterbury aus dem Königreich Kent ist am Ende als verdienter Sieger aus der Begegnung hervorgegangen.
Während die beiden Ritter nun unten in der Arena unter dem tosenden Beifall des Publikums und den hellen Klängen der Fanfaren eine Runde um die Bahn reiten, haben Gwaine und Lamorak auf der Tribüne hinter Arthur und seinem Vater Platz genommen. Die Klänge der Fanfaren verstummen schließlich und die beiden Knappen reichen den Rittern ihre Lanzen und Schilde. Dann machen sich Sir Richard und Morgana bereit, den Kampf zu beginnen.
Das Publikum auf den Tribünen jubelt und klatscht, als das Startsignal gegeben wird und die beiden Ritter ihren Pferden die Sporen geben. Die Tiere, Morganas brauner Hengst und Sir Richards Schimmel, die bereits unruhig auf der Stelle getänzelt sind, springen nach vorne und galoppieren aufeinander zu, während ihre Reiter die Lanzen nach vorne ausrichten.
Nur wenige Augenblicke später ist die erste Runde auch schon wieder vorbei und Morgana wurde von Sir Richard am Rand ihres blau- gelben Schildes getroffen. Sie drehte sich jedoch geschickt zur Seite und lenkte die Lanze ab, sodass der Aufprall sie nicht aus dem Sattel werfen konnte.
Am Ende der Bahn zügeln beide Ritter ihre Pferde und Sir Richard bekommt eine neue Lanze, da seine Spitze gebrochen ist und Morgana wird ein neuer Schild gereicht. Kurz darauf nehmen sie ihre Plätze wieder ein. Das Startsignal wird erneut gegeben und beide Pferde preschen wieder aufeinander zu.
Dieses Mal ist es Morgana, die einen Treffer landet und der vordere Teil ihrer Lanze zersplittert in ihre Einzelteile, als die Spitze frontal auf Sir Richards rot-grünes Schild trifft. Der Ritter in dem grünen Waffenrock wird von dem Stoß nach hinten geworfen und schafft es nicht, sich auf seinem Pferd zu halten, als er einen Steigbügel verliert und seine Lanze nach oben gerissen wird. Das zusätzliche Gewicht bringt ihn aus dem Gleichgewicht und kippt hinten über, bevor er von seinem Pferd fällt.
Morgana zügelt ihren braunen Hengst, während der Knappe von Sir Richard das Pferd seines Herren einfängt und wieder beruhigt. Die Menge jubelt laut und Gaius, der am Rand der Arena bereitsteht, eilt zu Sir Richard. Der Ritter hat sich jedoch bereits wieder aufgesetzt und als Gaius ihn erreicht, steht Sir Richard bereits wieder auf den Beinen und weist Gaius' Hilfe ab, der sich daraufhin mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck wieder entfernt.
Die Menge jubelt nur noch lauter, nachdem Sir Richard wieder aufgestanden ist, denn das bedeutet, dass der Kampf weitergeht. Momentan hat Sir Richard mit seinem ersten Treffer einen Punkt erzielt, während Morgana dafür, dass sie Sir Richard von seinem Pferd geworfen hat, zwei Punkte bekommt.
Sir Richard geht zum Ende der Bahn und steigt von einem Podest aus wieder in den Sattel seines Schimmels, der für ihn von seinem Knappen gehalten wird, während Morgana eine neue Lanze gereicht bekommt. Nachdem auch Sir Richard wieder ausgerüstet ist, machen sie sich bereit, ein weiteres Mal gegeneinander anzutreten.
Arthur hält den Atem an, als die beiden Pferde aufeinander zu galoppieren. Wenn es Morgana gelingt, Sir Richard ein weiteres Mal zu treffen, oder ihn sogar noch einmal aus dem Sattel zu werfen, dann würde sie das Turnier gewinnen. Diesem Ausgang sieht Arthur jedoch mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits will er, dass ein Ritter aus Camelot das Turnier gewinnt, aber andererseits ist Morgana überhaupt kein Ritter und er würde eine Entscheidung treffen müssen, sobald sie ihren Helm absetzen und alle sehen würden, dass eine Frau das Turnier gewonnen hätte.
Als sich Morgana und Sir Richard mit nach vorne gerichteten Lanzen in der Mitte der Bahn begegnen, wirft Morgana sich zur Seite und versucht, mit ihrer Lanze einen Treffer gegen Sir Richards Schulter zu landen, und gleichzeitig auszuweichen, doch sie ist zu langsam und Sir Richard schafft es, seine Lanze gegen Morganas Schild zu richten und seinerseits einen Treffer zu landen. Der vordere Teil der Lanze splittert, als er auf Morganas Schild trifft, der Aufprall bringt sie allerdings nur kurz ins Wanken. Die Menge jubelt und klatscht Beifall, als die Kontrahenten ihre Pferde zügeln und Sir Richard seine Lanze gegen eine Neue eintauscht. Damit steht es zwei zu zwei und der nächste Treffer wird über den Sieg entscheiden.
Sir Richard und Morgana machen sich für die nächste und vielleicht letzte Runde bereit und das Startsignal wird gegeben. Die Pferde preschen wieder nach vorne und Sir Richard und Morgana richten ihre Lanzen aus. Für einen Moment sieht es so aus, als ob keiner der beiden einen Treffer landen würde, doch dann bewegt Morgana ihre Lanze im letzten Moment gerade weit genug zur Seite und zieht sie ein Stück nach oben, um Sir Richard am Hals zu treffen, während sie selbst außer Reichweite der Lanze ihres Gegners bleibt. Die Menge bricht in laute Begeisterungsrufe aus, als Morganas Lanze mit einem lauten Knacken seitlich an Sir Richards Helm zersplittert. Der Ritter schwankt kurz, hält sich jedoch an seinem Sattel fest, während sein Pferd bis zum Ende der Bahn galoppiert.
Arthur löst seine Finger von der Armlehne des Stuhls, als die Anspannung von ihm abfällt. Morgana hat gewonnen. Im nächsten Moment verkündet Dagonet, immer noch unter den lauten Jubelrufen der Zuschauer, dass Sir William aus Deira der Sieger des Turniers ist. Morgana zügelt ihr Pferd, während Sir Richards Knappe das Pferd seines Herren am Ende er Bahn abbremst. Sir Richard schwankt beträchtlich, hält sich aber im Sattel und der Knappe nimmt ihm seinen Schild und seine Lanze ab. Als Gaius jedoch vom Rand der Arena zu Sir Richard hinübergeht, schiebt dieser sein Visier nach oben und winkt erneut ab.
Morgana, die ebenfalls ihre Lanze und ihren Schild abgegeben hat, reitet derweil auf ihrem braunen Hengst eine Ehrenrunde rund um die Bahn und winkt dem jubelnden Publikum zu. Arthur beobachtet sie dabei mit widerwilliger Freude und Begeisterung.
„Was wirst du jetzt tun?", hört er Merlins Stimme in seinen Gedanken.
Arthur antwortet ihm, ohne den Blick von Morgana abzuwenden. „Das Einzige, was ich tun kann. Nicht, dass ich es nicht ohnehin tun möchte, aber sie hat mich in eine unmögliche Position gebracht und ich kann dir versprechen, dass ich ihr dafür später noch eine Standpauke halten werde."
Morgana bleibt mit ihrem Pferd schließlich vor der Tribüne und vor Arthur stehen und nickt Sir Richard, der am Rand der Arena steht, respektvoll zu. Sir Richard hat seinen Helm mittlerweile abgesetzt und nickt ebenfalls höflich, wenn auch etwas zerknirscht über seine Niederlage.
Arthur erhebt sich von seinem Stuhl und der Jubel der Menge verstummt. „Sir William aus Deira, ich beglückwünsche Euch zu Eurem Sieg des diesjährigen Turniers. Ihr werdet der Ehrengast beim Bankett heute Abend sein und Ihr erhaltet als Belohnung für Euren Mut und Eure herausragenden Fähigkeiten 100 Goldstücke."
Die Menge beginnt erneut zu klatschen, während Morgana schließlich ihren Helm öffnet und ihn absetzt. Darunter kommen ihre langen, schwarzen Locken zum Vorschein und sie schüttelt sie kurz aus, bevor sie Arthur mit einem selbstzufriedenen Grinsen auf dem Gesicht herausfordernd ansieht. „Viele Dank, mein König."
Arthur begegnet ihrem Blick ohne eine Miene zu verziehen, während das Klatschen und die Jubelrufe des Publikums abrupt abbrechen und ein Raunen durch die Menge geht. Morgana scheint angesichts vom Arthurs Gesichtsausdruck klar zu werden, dass er die ganze Zeit über gewusst hat, wer sich unter der Rüstung von Sir William aus Deira verborgen hat und der entschlossene Ausdruck in ihren Augen gerät für einen Moment ein wenig ins Wanken, bevor sie sich wieder fängt.
„Ich habe als Sir William aus Deira im Turnier gekämpft, um allen zu beweisen, dass eine Frau genauso gut ein Ritter sein kann, wie ein Mann", sagt Morgana mit lauter Stimme und sieht dabei trotzig zur Tribüne nach oben.
„Moment mal, ich habe gegen Morgana verloren?", hört Arthur Gwaines Stimme hinter sich, der anscheinend der Erste ist, der seinen Schock überwinden kann.
Merlin schnaubt neben Arthur leise und einen Augenblick darauf findet auch Sir Richard seine Stimme wieder.
„Das ist ungeheuerlich!", ruft er erzürnt und geht mit eiligen Schritten auf Morgana zu. „Sie ist kein Ritter! Eine Frau kann nicht am Turnier teilnehmen! Ich verlange, dass ich zum Sieger erklärt werde!"
Zwei Wachen, die an einem Aufgang zur Tribüne stehen, treten geistesgegenwärtig einen Schritt nach vorne und positionieren sich mit erhobenen Speeren zwischen Morgana und Sir Richard, der daraufhin wutschäumend stehen bleibt.
Morgana betrachtet ihn mit einem zuckersüßen Lächeln. „Ihr habt verloren. Ich rate Euch, es wie ein Mann zu ertragen."
Die Menge redet mittlerweile wild durcheinander und zwischen vereinzelten entrüsteten Rufen, wird energisch Beifall geklatscht. Arthur schließt für einen Moment die Augen und atmet ein Mal tief durch, bevor er sich ein wenig von Merlins Magie zur Hilfe nimmt.
„Ruhe!", sagt er entschieden und seine Stimme übertönt den Lärm in der Arena und bringt alle augenblicklich zum Schweigen. „Prinzessin Morgana, Ihr habt mutig und ehrenhaft gekämpft und Ihr habt die stärksten Ritter der Reiche besiegt. Ihr seid jedoch kein Ritter und damit hattet Ihr kein Recht, an diesem Turnier teilzunehmen. Ich erkläre hiermit Sir Richard von Canterbury zum Sieger."
Morgana funkelt Arthur nach dieser Ansprache wütend an und aus der Menge erheben sich laute Protestrufen, sowie zustimmender Jubel. Sir Richard verneigt sich kurz und ein triumphierender Ausdruck tritt auf sein Gesicht.
Arthur hebt eine Hand, bevor er weiterredet. „Wie dem auch sei", fügt er mit magischer Unterstützung seiner Stimme hinzu. „Prinzessin Morgana hat heute jedem Mann und jedem Ritter gezeigt, dass eine Frau in der Tat eine unerschrockene Kämpferin und eine hervorragende Gegnerin sein kann, und deshalb verkünde ich hiermit, dass es vom heutigen Tage an auch Frauen erlaubt sein wird in die Gemeinschaft der Ritter von Camelot aufgenommen zu werden."
Wieder werden Rufe aus dem Publikum laut und hinter Arthur beginnen die Adligen wild durcheinander zu reden. Arthur sieht derweil zu Morgana hinunter, die ein zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht hat und Arthur zunickt. Arthur erwidert das Nicken kaum merklich, während er sie vielsagend ansieht und den Menschen dann noch einen Moment Zeit lässt, um die eben verkündete Neuigkeit zu verdauen. Anschließend hebt er seine Stimme erneut an, damit die Menge ihm wieder ihre Aufmerksamkeit schenkt.
„Ritter der Reiche. Jeder einzelne von Euch hat seinen Mut und sein Können unter Beweis gestellt und Ihr habt ehrenhaft für Eure Familie, Euren König und Eurer Land gekämpft. Heute Abend werden wir das Ende des diesjährigen Turniers und den Sieger, Sir Richard von Canterbury, mit einem Festessen im Thronsaal des Schlosses ehren."
Es dauert einen Moment, bis die Menge reagiert, doch dann beginnen die Ritter von Camelot hinter Arthur zu klatschen und einen Augenblick darauf stimmen die Menschen mit ein. Der Applaus und der Jubel der Menge ist immer noch ein wenig unentschlossen, aber als Sir Richard den Menschen zuwinkt, feiern sie ihn gebührend mit lautem Beifall.
Morgana steigt von ihrem Pferd und eine der Wachen nimmt es ihr ab, als sie zu Sir Richard hinüber geht. Sie sagt etwas, das Arthur nicht verstehen kann und streckt ihm die Hand entgegen. Sir Richard zögert einen Augenblick lang, doch dann ergreift er ihre Hand. Dann nimmt Morgana ihr Pferd wieder entgegen und verlässt die Arena.
Arthur dreht sich um und wirft einen Blick zu seinem Vater, der zusammen mit Lady Trudith hinter Arthurs Thron sitzt. Uther hat die Augenbrauen zusammengezogen und sieht nach unten in die Arena, den Blick starr auf einen Punkt gerichtet. Arthur weiß, dass er in den Augen seines Vaters gerade den ersten Kodex von Camelot endgültig zerschlagen hat, nachdem Arthur ihn bereits mit Füßen getreten hatte, indem er es Männern aus dem gemeinen Volk erlaubt hat, Ritter zu werden. Allerdings ist der Kodex der Ritter Uthers Vermächtnis und Arthur muss seinen eigenen Weg gehen. Von den Mitgliedern seines Rates, die auf der Tribüne neben dem Pavillon sitzen, sieht er dagegen nur auf Lord Allendales und Geoffreys Gesicht einen besorgten Ausdruck. Lady Odilia lächelt zufrieden und Lady Evaine ebenfalls. Ihr Mann, Bors der Ältere, der nicht am Turnier teilgenommen hat, scheint derweil noch unschlüssig zu sein, was er von dieser Entwicklung halten soll.
Arthur dreht sich auf die andere Seite und lässt seinen Blick über seine Gäste wandern. König Rodor sieht skeptisch aus und König Llywarch begegnet Arthur mit einem amüsierten Ausdruck auf dem Gesicht und schüttelt beinahe erheitert den Kopf. Arthur wird ihnen heute Abend beim Festessen im Vertrauen versichern müssen, dass er nicht ernsthaft vorhat, Frauen zu Rittern von Camelot zu machen, um ihn zu beruhigen. Sein Blick wandert zu Prinzessin Mithian hinüber, die Arthur erstaunt beobachtet, jedoch eilig zu Boden sieht, als sich ihre Blicke treffen. Einen Moment darauf wendet sich Arthur an König Rodor, um trotz der unerwarteten Ereignisse an seinem Vorhaben festzuhalten, Prinzessin Mithian während ihres Aufenthalts in Camelot besser kennenzulernen.
„König Rodor, würdet Ihr mir die Erlaubnis geben Eure Tochter zu fragen, ob sie beim Festessen heute Abend meine Begleitung sein möchte?", fragt er und Rodor sieht überrascht aus, bevor er jedoch zufrieden lächelt und nickt. „Aber sicher, König Arthur."
Arthur bedankt sich mit einem Kopfnicken bei Rodor und wendet sich dann an Mithian. „Prinzessin Mithian, würdet Ihr mir die Ehre erweisen?"
Mithian sieht ihn für einen Moment erstaunt an, dann lächelt sie und neigt den Kopf zu einer kleinen Verbeugung. „Sehr gerne, Sire. Es wäre mir ein Vergnügen, Euch zum Fest zu begleiten."
„Hervorragend", entgegnet Arthur. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich muss ein paar Worte mit meiner Schwester wechseln."
Mithian unterdrückt ein Grinsen und König Rodor schnaubt leise, während Arthur an ihnen vorbeigeht und die Tribüne schließlich über die Treppe am hinteren Ende verlässt. Er macht sich auf den Weg zu den Zelten der Ritter außerhalb der Arena und die Ritter und Knappen, die Ihre Pferde versorgen und sich über ihre Leistungen beim Turnier unterhalten, neigen respektvoll die Köpfe.
Als Arthur das Zelt von Sir William aus Deira erreicht, sieht er den Jungen, der als Morganas Knappe aufgetreten ist, bei dem braunen Hengst stehen. Das Tier wiederum scheint bei genauerer Betrachtung Tristans Pferd zu sein, aber vollkommen sicher ist Arthur sich da nicht. Schließlich schlägt er die Stoffbahn des Zelts zur Seite und tritt ein.
Morgause und Isolde sind gerade dabei die Riemen an Morganas Rüstung zu öffnen und ihr die schweren Plattenteile abzunehmen. Morganas Gesicht ist immer noch gerötet von der Hitze und der Anstrengung des Kampfes zuvor, aber ihre Augen leuchten. Im hinteren Teil des Zeltes steht der Bauer, der sich als Sir William aus Deira ausgegeben hat und Arthur wirft ihm einen kurzen Blick zu. Der Mann ist noch ganz in seiner Rolle, denn er erwidert Arthurs Blick mit einem arroganten Ausdruck auf dem Gesicht. Als Arthur jedoch spöttisch die Augenbrauen hochzieht, erinnert er sich scheinbar wieder an seinen tatsächlichen Stand und sieht eilig zu Boden. Von Tristan fehlt hingegen jede Spur.
Als Morgana Arthur sieht, strafft sie die Schultern und wirft ihm einen herausfordernden Blick zu. „Also los. Du kannst anfangen, mich anzuschreien. Ich werde dich nicht unterbrechen."
Arthur sieht sie mit einem milden Lächeln an und schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht wütend auf dich, Morgana. Sicher, ich war wütend, als ich herausgefunden habe, dass du Sir William aus Deira bist, aber ich kann dir für diese Täuschung nicht wirklich böse sein." Arthur zuckt mit den Schultern und Morgana starrt ihn vollkommen erstaunt an.
„Du bist nicht wütend?", fragt sie zögerlich.
Arthur schüttelt den Kopf. „Nein", sagt er schlicht.
Morgause und Isolde haben Morgana mittlerweile ihre Rüstung und das Kettenhemd, das sich mit mehreren Schnallen vorne öffnen lässt, ausgezogen, sodass sie nur noch einen blauen Gambeson trägt.
„Morgause, Isolde, würdet Ihr uns bitte alleine lassen?"
Morgause und Morgana tauschen einen kurzen Blick, bevor Morgause und Isolde dann ohne ein Wort das Zelt verlassen. Isolde packt dabei noch den ehemaligen Sir William aus Deira am Kragen und zieht ihn mit sich, als er sich nicht sofort angesprochen fühlt ihnen zu folgen.
Morgana öffnet die Schnüre an ihrem Gambeson und streift sich die schwere Polsterung dann von den Schultern. Das schwarze Hemd, das sie darunter trägt, ist beinahe komplett nass geschwitzt.
„Was willst du mir sagen, dass du nicht vor meiner Schwester und Isolde sagen kannst?", fragt Morgana und geht dann zu einem kleinen Tisch in der Ecke, um sich aus einem Krug, der darauf steht, einen Becher Wasser einzuschenken. Sie trinkt den Becher in einem Zug aus und füllt ihn dann sofort ein weiteres Mal.
Arthur geht zu ihr hinüber und stellt sich neben sie an den Tisch. „Der Grund, warum ich dir nicht wirklich böse sein kann, dass du am Turnier teilgenommen und diesen Bauern engagiert hast, um als Sir William aus Deira aufzutreten, ist, dass ich damals in der anderen Zeit genau dasselbe gemacht habe."
Morgana stellt den Becher, den sie gerade ein weiteres Mal geleert hat zurück auf den Tisch und sieht Arthur vollkommen entgeistert an.
„Was?", fragt sie schließlich verständnislos. „Warum?"
Arthur schmunzelt, als er sich daran erinnert. „Ich hatte herausgefunden, dass einige der Ritter, oder genauer gesagt alle von ihnen, mich während des Trainings für das Lanzenstechen gewinnen ließen, weil sie Angst hatten, den zukünftigen König von Camelot versehentlich zu verletzen. Ich wollte keine Sonderbehandlung und deswegen bin ich auf die Idee gekommen, jemand anderen beim Turnier auftreten zu lassen, während ich derjenige wäre, der tatsächlich kämpft. Ich habe meinem Vater gesagt, dass es Berichte über eine magische Kreatur gäbe, die in den Wäldern unweit von Camelot ihr Unwesen treibt und ganz wie ich es beabsichtigt hatte, schickte er mich los, um das Monster zu töten. Ich habe die Ritter, die mich begleiten sollten, für ein paar Tage in eine Taverne in ein kleines Dorf in der Nähe geschickt und bin zurück in die Stadt geschlichen. Merlin hat genau denselben Bauern gefunden, den ihr euch ausgesucht habt, und wir haben ihn als Sir William aus Deira am Turnier teilnehmen lassen. Ich habe am Ende gewonnen, aber ich hatte meine Lektion gelernt. Der Wert eines Ritters wird daran gemessen, dass er mutig und selbstlos anderen hilft und nicht daran, ein Turnier zu gewinnen, also habe mich am Ende nicht zu erkennen gegeben."
Morgana starrt Arthur einen Moment lang vollkommen sprachlos an, bevor sie schließlich anfängt zu lachen. Arthur stimmt mit ein und Morgana schüttelt schließlich den Kopf.
„Also wusstest du die ganze Zeit über, dass ich Sir William aus Deira bin."
Arthur nickt grinsend. „Ja. Stell dir meine Überraschung vor, als ein Ritter, von dem ich wusste, dass er ganz bestimmt kein Ritter ist, am Turnier teilgenommen hat. Es war nicht schwer, danach eins und eins zusammen zu zählen."
Morgana mustert ihn daraufhin verwirrt. „Aber warum hast du nichts gesagt? Du hättest mich aufhalten können."
Arthur zuckt mit den Schultern. „Ich wollte sehen, ob du tatsächlich gewinnen würdest. Und das hast du."
Morgana sieht ihn verständnislos an und Arthur seufzt. „Morgana, ich habe kein Problem, damit Frauen zu erlauben, Ritter zu werden. Ich weiß, dass du, Morgause und Isolde genauso gut mit dem Schwert umgehen könnt und dass ihr genauso mutig seid, wie jeder meiner Ritter. Aber ich konnte keine weitere Änderung am Kodex der Ritter rechtfertigen, nicht nachdem ich bereits etwas so Grundlegendes wie das Erfordernis einer adligen Abstammung geändert habe. Die Menschen können nur eine gewisse Anzahl an Veränderungen auf einmal verkraften. Aber indem du das Turnier gewonnen hast, hast du allen gezeigt, dass Frauen genauso gute Kämpferinnen sind wie Männer und das hat es mir erlaubt, das Gesetz zu ändern. Deshalb muss ich dir im Grunde dafür danken, dass du mir eine Gelegenheit gegeben hast, etwas zu tun, dass ich ohnehin tun wollte, aber nicht alleine tun konnte."
Morgana schüttelt den Kopf und schmunzelt. „Ich wette du und Merlin habt ein Dutzend Schutzzauber auf ich gelegt, nachdem ihr herausgefunden habt, dass ich unter der Rüstung von Sir William aus Deira stecke."
„Ja, das hätte ich getan, wenn es erforderlich gewesen wäre", antwortet Arthur. „Ich bin froh, dass du vernünftig genug warst, deine eigenen Schutzzauber auf deine Rüstung zu legen. Aber um ehrlich zu sein, habe ich Merlin während der Ansprache, als alle Ritter anwesend waren, Schutzzauber auf jeden der Ritter legen lassen. Das hier war ein Turnier. Ich wollte keine ernsthaften Verletzungen oder sogar Todesfälle."
Morgana sieht ihn überrascht an. Sie weiß genauso gut wie Arthur, dass es während eines Turniers, vor allem mit Lanzen zu Pferde, immer Verletzte und sogar in den meisten Fällen Tote gibt. „Niemand ist ernsthaft verletzt worden?"
Arthur grinst zufrieden. „Nein. Es gab ein paar Beulen und Blutergüsse, eine ausgekugelte Schulter, aber nicht einmal einen gebrochenen Knochen." Dann wird seine Miene jedoch wieder ernster. „Es wird immer echte Schlachten zu schlagen geben. Niemand muss während eines Turniers eine Verletzung davontragen, die ihn zum Krüppel macht."
Morgana nickt zustimmend und füllt ihren Becher noch ein weiteres Mal. Sie trinkt ihn in ein paar Schlucken aus, bevor sie Arthur abwartend ansieht. „Und was passiert jetzt?"
„Ich werde Geoffrey beauftragen die Änderungen am Kodex der Ritter vorzunehmen. Wir werden ein paar Tage warten und dann werde ich gegen dich, Morgause und Isolde auf dem Trainingsfeld kämpfen und wenn ihr besteht – wovon ich ausgehen – dann werde ich euch zu Rittern schlagen", erklärt Arthur und sieht Morgana dann eindringlich an. „Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass du die Prinzessin von Camelot bist. Du wirst nicht mit mir und den anderen Rittern in die Schlacht reiten."
Morgana presst die Lippen aufeinander, nickt aber. „Ich weiß. Diese Diskussion hatten wir schon."
„Gut", entgegnet Arthur zufrieden. „Es freut mich, das zu hören."
Sie sehen sich einen Moment lang an, bis Arthur schließlich entschlossen nickt. „Ich werde jetzt gehen und mich wieder um meine Gäste kümmern. Und ich muss mir noch etwas einfallen lassen, wie ich erkläre, dass du die ganze Zeit über hier warst, obwohl ich allen gesagt habe, dass du im Süden mit einer wichtigen Angelegenheit beschäftigt bist, ohne wie ein Idiot dazustehen. Du solltest zurück zum Schloss gehen, ein Bad nehmen und dich für das Fest heute Abend fertigmachen. Was mich zu einem anderen Punkt bringt." Morgana sieht ihn fragend an und Arthur gestattet sich ein selbstgefälliges Grinsen. „Nun ja, du bist die Prinzessin von Camelot und ist es der Brauch, dass du den Sieger des Turniers zum Fest begleitest."
Morganas Augen weiten sich und ihr Mund klappt auf, als ihr klar wird, dass sie den ganzen Abend mit Sir Richard von Canterbury verbringen muss. Sie will zu einem Protest ansetzen, aber als Arthur sie warnend ansieht, verkneift sie sich einen Kommentar, seufzt schwer und nickt schließlich.
„Und ich will, dass du dich von deiner charmantesten Seite zeigst", sagt Arthur nachdrücklich. „Sieh es einfach als Strafe dafür an, dass du mich angelogen und entgegen meinem ausdrücklichen Verbot am Turnier teilgenommen hast. Und ich schwöre dir, wenn du auch nur daran denkst Sir Richard mit deiner Magie zu beeinflussen, dann werde ich dafür sorgen, dass du es bereust jemals daran gedacht zu haben, an diesem Turnier teilzunehmen. Haben wir uns verstanden?"
Morgana stöhnt leise und nickt dann zerknirscht. „Ja, haben wird."
„Gut", entgegnet Arthur ebenfalls mit einem Nicken. Er wendet er sich zum Gehen, dreht sich dann aber noch einmal um. „Und was ich noch sagen wollte: Ich bin unglaublich stolz auf dich, dass du das Turnier für Camelot gewonnen hast."
Ein Grinsen breitet sich langsam auf Morganas Gesicht aus und sie sieht Arthur freudestrahlend an, als er ihr Grinsen kurz erwidert und dann das Zelt verlässt.
