XII. Der Prinz von Gwynedd
Merlin beobachtet durch die Zweige und Blätter mehrerer Büsche und Sträucher hindurch, wie sieben Männer die Senke am Fuße des Abhangs unter ihm betreten. Sie sind in Lederrüstungen und Felle gekleidet und haben ihre Schwerter und Äxte gezogen, während sie den Ritter von Camelot mit seinem roten Umhang auf seinem Pferd vor sich hertreiben. Merlin erkennt König Caerleon von Gwynedd, der seine Männer anführt und sie verlangsamen ihre Schritte, als sie glauben ihre Beute zwischen den Felswänden in die Enge getrieben zu haben.
Der Ritter auf Sir Ruperts Rücken sieht aus wie Leon, doch tatsächlich ist Leon wohl behalten in Camelot und es handelt sich nur um eine Illusion. In der anderen Zeit, als Caerleon nach Uthers Tod ebenfalls damit begonnen hatte, Dörfer an der Grenze zwischen Camelot und Gwynedd zu überfallen und er sich dabei zunehmend weiter ins Herz von Camelot vorwagt hatte, war Merlin verkleidet als Ritter der Köder für Arthurs Falle gewesen. Dieses Mal erfüllt die täuschend echt aussehende Illusion von Leon diese Aufgabe und Caerleon und seine Männer sind ohne Verdacht zu schöpfen auf den Trick hineingefallen.
Die Illusion von Leon unten in der Senke wendet Sir Rupert, als er in diesem Moment scheinbar erkennt, dass er in eine Sackgasse geflüchtet ist und zieht sein Schwert aus der Scheide, um sich seinen Verfolgern zu stellen.
Caerleon grinst ihn höhnisch an. „Gefangen in der Falle."
Neben Merlin gibt Arthur den Rittern auf ihrer und auf der anderen Seite der Böschung ein Zeichen, bevor sie einen Moment darauf aus ihrem Versteck kommen.
„Das war der Plan", sagt Arthur mit lauter Stimme.
Caerleon und seine Männer richten überrascht ihre Blicke nach oben. Als sie sehen, dass sie selbst es sind, die in eine Falle gegangen sind, versuchen sie die Flucht zu ergreifen, doch Percival feuert von der anderen Seite der Böschung seine Armbrust ab und der Bolzen trifft einen von Caerleons Männern ins Bein. Der nächste Bolzen aus Tristans Armbrust landet genau vor Caerleons Füßen und Arthur, Isolde, Lamorak und Elyan kommen mit erhobenen Schwertern den kleinen Abhang hinunter, während Gwaine, Galahad und Lancelot zusammen mit Bors dem Jüngeren, seinem Vater und Ector Caerleon und seinen Männern bereits ihren Fluchtweg nach hinten aus der Senke heraus abschneiden.
„Lasst die Waffen fallen", befiehlt Arthur und für einen Moment sieht es so aus, als ob Caerleon es auf einen Kampf ankommen lassen würde, doch dann wirft er sein Schwert auf den Boden und funkelt Arthur hasserfüllt an, während seine Männer ebenfalls ihre Waffen fallen lassen.
Gwaine und die anderen nehmen die Waffen an sich und beginnen den Männern die Hände hinter dem Rücken zu fesseln. Merlin hält derweil die Illusion von Leon auf Sir Ruperts Rücken aufrecht und lässt ihn sein Schwert wieder in die Scheide an seinem Gürtel stecken. Arthur wird einen von Caerleons Männern zurück zu Königin Annis schicken, um ihr zu berichten, dass Arthur ihren Mann gefangen genommen hat. Dabei wollen sie Annis allerdings nicht wissen lassen, wie mühelos Merlin sie an der Nase herumgeführt hat. Es ist etwas ganz anderes zu wissen, dass der König von Camelot einen Hofzauberer ernannt hat, anstatt zu sehen über welche Zauberkräfte dieser Hofzauberer tatsächlich verfügt. Merlin ist deshalb auch nicht in seine Robe gekleidet, sondern trägt wie die Ritter und Isolde ein Kettenhemd und einen roten Umhang mit dem Emblem von Camelot darauf.
Als Merlin neben Arthur in der Senke stehen bleibt, gibt Lancelot Anweisungen die Gefangenen wegzubringen, doch Arthur hält ihn auf. „Diesen hier nicht", sagt er und zeigt auf Caerleon.
Caerleon hat bisher versucht, nicht aus seinen Männern herauszustechen, was ihm auch beinahe gelungen wäre. Mit seinen schwarzen Haaren und seinem kurzen, grau durchzogenen Bart, scheint er zwar der Älteste unter ihnen zu sein, aber wie seine Männer auch trägt er ein einfaches beschlagenes Lederwams.
„Ich dachte, Ihr wolltet Euch erst in Camelot um die Gefangenen kümmern", entgegnet Lancelot überrascht.
Arthur nickt, während er Caerleon nicht aus den Augen lässt. „Und das werde ich auch. Aber das hier ist kein einfacher Gefangener."
Arthur tritt einen Schritt nach vorne und greift nach der Kette mit dem breiten, halbmondförmigen Anhänger aus Silber, der um Caerleons Hals hängt. Mit einem Ruck hat er das Lederband von Caerleons Hals gerissen und hält es in die Höhe. „Das ist das Emblem des Königshauses Caerleon. Ist es nicht so, Euer Hoheit?"
Arthur sieht Caerleon abwartend an und der König bedenkt Arthur mit einem vernichtenden Blick, ohne sich jedoch zu einer Antwort herabzulassen.
Lancelot starrt Caerleon einen Moment lang an, bevor er Anweisungen gibt, Caerleon auf ein Pferd zu setzen und ihm die Hände an den Sattel zu fesseln.
Arthur winkt derweil Percival zu sich heran, der gerade dabei ist einem hochgewachsenen Mann mit langen blonden Haaren und einem geflochtenen Bart die Hände zu fesseln.
„Den da auch nicht", sagt Arthur, während er auf Percival und den Mann zugeht. Als er sie erreicht hat, hält er dem Mann Caerleons Kette entgegen. „Bring das hier zurück zu deiner Königin und sage ihr, dass Arthur Pendragon ihren Gemahl und den Rest seiner Männer gefangen genommen hat. Ich gebe ihr mein Wort, dass den Gefangenen kein Leid geschehen wird, solange sie nichts tut, was mich dieses Versprechen noch einmal überdenken lässt."
Arthur drückt dem Mann Caerleons Anhänger in die Hand und weist anschließend Percival an ihn wegzubringen und dann freizulassen.
Als die Ritter die Gefangenen aus der Senke hinausführen, kommt Sir Rupert zu Merlin und Arthur hinüber und bleibt neben ihnen stehen, die Illusion von Leon immer noch auf dem Rücken.
Arthur dreht sich zu ihm um und nickt. „Das war hervorragende Arbeit, Sir Rupert."
Merlin versucht, sich ein Grinsen zu verkneifen. Für Caerleon und seine Männer muss es so aussehen, als ob Arthur dem Ritter, der in Sir Ruperts Sattel sitzt, für seinen Mut, den Köder zu spielen, seine Anerkennung zollt.
Sir Rupert schnaubt zufrieden. „Vielen Dank, mein König", antwortet er in Merlins und Arthurs Gedanken und Merlin hebt eine Hand, um Sir Rupert am Hals zu streicheln, bevor sie den anderen folgen, um ihre Gefangenen zurück nach Camelot zu bringen.
Als Arthur am nächsten Tag gegen Nachmittag im Schlosshof aus dem Sattel seines Hengstes Hengroen steigt, kommt Morgana die Treppen hinunter und begrüßt ihn mit einem Lächeln. „Arthur. Es ist schön, zu sehen, dass du wohlbehalten wieder zurück bist."
Arthur übergibt sein Pferd an einen der Stallburschen und sieht Morgana misstrauisch an. „Hast du dir Sorgen um mich gemacht?"
Morgana bleibt vor ihm stehen und schüttelt mit einem Schnauben den Kopf. „Sei nicht albern. Natürlich nicht", antwortet sie herablassend.
Arthur legt mit einem wissenden Grinsen den Kopf schief. Er durchschaut sie und er weiß, dass sie sich tatsächlich Sorgen gemacht hat.
Morgana wiederum weiß, dass Arthur sie ertappt hat, und beeilt sich das Thema zu wechseln. „Ist alles nach Plan gelaufen?"
Arthur verkneift sich ein Grinsen und nickt stattdessen. „Ja. Es ist sogar noch besser gelaufen als geplant. Wir haben nicht nur Caerleons Männer festgesetzt, wir haben sogar Caerleon selbst gefangen genommen." Arthur nickt zu König Caerleon hinüber, der von Percival gerade an ihnen vorbei in Richtung Kerker geführt wird.
Morgana sieht ihnen kurz nach, bevor sie Arthur erstaunt ansieht. „Er war selbst dort?"
„Ja, das war er. Und das gibt uns das perfekte Druckmittel an die Hand um Königin Annis zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Ich werde dir und den anderen erzählen, was ich vorhaben, sobald wir alle Gefangenen in den Kerker gebracht haben."
„Auf gar keinen Fall!", sagt Morgana entschieden.
Leon schüttelt bekräftigend den Kopf. „Arthur, das ist viel zu gefährlich", sagt er in beschwörendem Tonfall.
Arthur wirft einen kurzen Blick zu Merlin, der ihm an der runden Tafel in der Ratshalle schräg gegenübersitzt. Merlin legt den Kopf schief und versucht sich ein Grinsen zu verkneifen, während der Rat der Tafelrunde, bestehend aus Morgana und den Rittern weiter durcheinanderreden.
„Ich habe dir gesagt, dass das passieren wird", sagt Merlin in Arthurs Gedanken.
Arthur rollt mit den Augen. „Ja, ja schon gut. Sie sind alle übervorsichtige Glucken."
„Besonders Morgana", entgegnet Merlin und Arthur nickt kaum merklich.
„Ganz besonders Morgana."
„Und sie haben keinerlei Vertrauen in meine Fähigkeiten," merkt Merlin an, obwohl er nicht wirklich überrascht ist. „Ich fühle mich ein wenig gekränkt, wenn ich ehrlich bin."
„Du kannst ihnen deswegen aber nicht wirklich Vorwürfe machen", entgegnet Arthur. „Sie haben nie gesehen, wozu du im Stande bist. Ich habe es gesehen, und es hat trotzdem noch einige Zeit gedauert, bis ich wirklich begriffen habe, dass deinen Fähigkeiten kaum Grenzen gesetzt sind."
„Arthur! Hörst du mir überhaupt zu?", beschwert sich Morgana in diesem Moment und bringt Arthurs Aufmerksamkeit damit wieder zurück zu der Unterhaltung, die er tatsächlich nicht im Mindesten verfolgt hat. „Ich kann sehen, wie du dich mit Merlin unterhältst, auch wenn ich es nicht hören kann. Das hier ist eine ernste Sache. Du kannst nicht einfach mit einer Handvoll Männer mitten ins Herz von Caerleons Königreich reiten und von König Annis verlangen, dass sie Friedensgespräche mit dir führt, während du ihren Mann und König im Kerker von Camelot festhältst!"
Arthur begegnet Morganas Blick ernsthaft interessiert. „Warum nicht?"
Morgana klappt der Mund auf und sie sieht Arthur vollkommen entgeistert an. „Was?"
Arthur zuckt mit den Schultern. „Ich habe beinahe das Gleiche bereits letzten Herbst getan, als ich mit nur einer Handvoll Ritter und Merlin an meiner Seite in Lots Burg hineingeritten bin und ihm die Krone von Essetir angeboten habe. Warum ist das hier etwas anderes?"
„Arthur, bitte sei vernünftig", sagt Leon eindringlich, aber Arthur sieht ihn ungerührt an.
„Aber das bin ich. Das hier ist die beste Gelegenheit, die wir bekommen werden, um Frieden mit Gwynedd zu schließen."
„Falls Annis dir nicht den Kopf abschlagen lässt, weil du ihren Mann gefangen genommen hast", wirft Morgana spöttisch ein.
Arthur sieht sie gelassen an. „Das wird nicht passieren."
„Und wer wird sie davon abhalten?", fragt Morgana spitz und dieses Mal ist es Merlin, der ihr antwortet.
„Ich werde sie davon abhalten."
Sämtliche Blicke richten sich auf Merlin, der mit einem amüsierten Lächeln in die erstaunten Gesichter in der Runde blickt. „Ich bin mir nicht sicher, ob es euch bewusst ist, aber ich bin der mächtigste Zauberer aller Zeiten. Niemand kommt auch nur in Arthurs Nähe, ob mit einem Schwert oder einem Pfeil, wenn ich es nicht erlaube. Ich vermeide es mit meinen Kräften anzugeben, aber die Wahrheit ist, dass es nur sehr wenig gibt, was ich nicht tun kann. Arthur wird vollkommen sicher sein und dabei spielt es keine Rolle, ob Annis einhundert Männer in ihrer Burg hat oder eintausend. Ich bin nicht allmächtig und es ist möglich, mich unvorbereitet zu erwischen, aber ich kann dir versichern, dass ich nicht abgelenkt sein werde, wenn wir mitten in eine Burg voll mit feindlichen Soldaten hineinreiten."
Die Ritter sehen sich untereinander an und während Percival amüsiert aussieht, liegt auf Lancelots und Elyans Gesicht ein nachdenklicher Ausdruck. Gwaine hat ebenfalls die Augenbrauen zusammengezogen. Sie sind es nicht gewohnt, Merlin als diesen mächtigen Zauberer zu sehen, der er in Wahrheit ist. Arthur weiß, dass Merlin sich selbst nicht so sieht, obwohl er sich seiner Kräfte natürlich immer bewusst ist. Seine unbeschwerte und manchmal etwas tollpatschige Art scheint die Menschen um ihn herum bisweilen vergessen zu lassen, dass er alleine mit seinem Willen eine ganze Armee in die Knie zwingen könnte. Arthur hat genau das damals bei der Schlacht von Camlann mit angesehen und obwohl er und Merlin zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren Freunde gewesen sind, war kalte Angst in ihm aufgestiegen, die ihm das Blut in den Adern hatte gefrieren lassen, als er Zeuge wurde, wie mächtig Merlin tatsächlich ist.
Arthur wirft einen Blick zu Leons neben sich, auf dessen Gesicht ebenfalls ein nachdenklicher Ausdruck liegt und Arthur kann sich denken, was ihm gerade durch den Kopf geht. Leon und Lancelot gegenüber haben er und Merlin erwähnt, wie leicht Merlin einen Menschen seinem Willen unterwerfen und seine Erinnerungen verändern kann.
Morgana hat die Stirn in Falten gelegt, während ihr Blick auf Merlin ruht. Sie selbst verfügt über mächtige Magie und sie wird von Tag zu Tag stärker, aber auch ihr sind Grenzen gesetzt und im Gegensatz zu Merlin kann sie nicht spüren über welche Kräfte ein anderer Zauberer verfügt.
„Du bist davon überzeugt, dass Arthur nichts passieren kann, ganz gleich was Annis tun wird?", fragt sie an Merlin gewandt.
Merlin hält ihrem Blick stand und nickt. „Ja, das bin ich", antwortet er. „Und du kannst dir sicher sein, dass ich der Erste wäre, der Arthur verbieten würde diesen Plan in die Tat umzusetzen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre."
Morgana mustert Merlin noch einen Moment lang, dann nickt sie schließlich und wendet sich an Arthur. „Also gut. Da ich es dir nicht ausreden kann und Merlin sich sicher ist, dass er dich und deine Ritter beschützen kann, gibt es für mich nichts weiter zu sagen. Wann reitet ihr los?"
Arthur lächelt und er ist dankbar, dass sie nicht weiter versucht ihn von seinem Plan abzubringen. Schließlich lässt er seinen Blick noch einmal rings um über die Gesichter seiner Ritter wandern.
„Wir brechen morgen früh auf, sobald es hell wird. Nehmt nur das Nötigste mit. Ich möchte Annis nicht die Gelegenheit geben, ihre Armee zu sammeln, und in Richtung Camelot zu marschieren, bevor wir ihre Burg erreichen. Ich will, dass dieser Krieg beendet ist, noch bevor er überhaupt begonnen hat."
Arthur sieht von den Karten auf, die er auf seinem Schreibtisch ausgebreitet hat, als es an der Tür klopft und eine der Karten rollt sich augenblicklich wieder zusammen, als er sie loslässt.
Er hat sich von Geoffrey alle Karten heraussuchen lassen, die die Grenzen von Camelot und Gwynedd über die letzten Jahrzehnte hinweg zeigen. Daneben hat Arthur die alten Friedensverträge zwischen den beiden Ländern gelegt, zusammen mit der Chronik von Camelot, die festhält, wann sich die Grenzen aufgrund von kriegerischen Auseinandersetzungen verändert haben.
Es ist Arthur ein Rätsel, wie Geoffrey es geschafft hat auf Arthurs Anfrage hin zielstrebig die richtigen Karten und Dokumente herbei zu holen und Arthur muss unbedingt dafür sorgen, dass der alte Bibliothekar und Chronist einen Lehrling bekommt. Oder besser noch zwei Lehrlinge. Es gibt aber scheinbar immer etwas, das Arthurs vordringlichere Aufmerksamkeit erfordert.
„Herein", sagt Arthur laut, während er von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch aufsteht.
Als sich die Tür öffnet, betritt Gwaine das Zimmer. Er trägt jedoch nicht sein Kettenhemd und seinen roten Umhang, sondern nur ein weißes Hemd und ein offenes Lederwams.
Arthur geht um seinen Schreibtisch herum und in den vorderen Teil des Zimmers, während Gwaine die Tür hinter sich schließt. Er hat einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht und als Arthur ihn fragend ansieht, beißt Gwaine sich auf die Unterlippen und begegnet er Arthurs Blick mit sichtlicher Unentschlossenheit.
Arthur zieht die Augenbrauen zusammen. „Ist alles in Ordnung?"
„Ja, aber es gibt etwas, worüber ich mit dir reden muss", antwortet Gwaine und seine Stimme klingt ungewohnt ernst.
Arthur wartet einen Moment lang und Gwaine bleibt neben dem Tisch im Vorzimmer stehen, spricht jedoch nicht weiter. Dann dreht er sich zu Arthur um, und er wirkt immer noch zögerlich, was sonst gar nicht seine Art ist.
„Also, was gibt es?", fragt Arthur schließlich, während er Gwaine aufmerksam mustert. Was immer Gwaine ihm sagen möchte, es muss etwas Unangenehmes sein, sonst würde es ihm nicht so schwerfallen mit der Sprache heraus zu rücken.
Gwaine holt ein Mal tief Luft und sieht Arthur dann geradewegs an. „Es wäre das Beste, wenn ich nicht mit euch nach Gwynedd reite."
Arthur zieht die Augenbrauen nach oben. „Warum das?", fragt er verwirrt.
Gwaine verzieht das Gesicht. „Ich habe dort eine Vergangenheit."
Arthur denkt einen Moment lang über diese Worte nach und er glaubt zu wissen, wovon Gwaine redet. „Wenn es deswegen ist, dass dein Vater ein Ritter in Caerleons Armee war, das weiß ich bereits."
Gwaine sieht ihn überrascht an, doch dann wird ihm klar woher Arthur das weiß. „Ich schätze, das habe ich dir in der anderen Zeit erzählt."
Arthur zuckt mit den Schultern. „Du hast es Merlin erzählt. Und du trägst ein walisisches Familienwappen um den Hals."
Gwaines Finger wandern unwillkürlich zu dem Anhänger an seiner Kette und nachdem er ihn wieder losgelassen hat, fährt er sich mit einer Hand durch die Haare. „Ich habe dir nicht zufällig noch etwas anderes über meinen Vater erzählt, oder?"
„Was meinst du?"
Gwaine verzieht erneut das Gesicht und grinst dann gequält. „Nun ich war nicht ganz ehrlich zu dir, was meine Herkunft angeht. Weder letztes Mal noch dieses Mal, wie es scheint", antwortet er vage.
Arthur sieht ihn verständnislos und mit wachsender Besorgnis an. „Gwaine, was versuchst du mir zu sagen?"
Gwaine holt ein weiteres Mal tief Luft. „Mein Vater war ein Ritter in Caerleons Armee, aber er war auch Caerleons jüngerer Bruder Gareth."
Arthurs Augenbrauen wandern in die Höhe und er starrt Gwaine an, zu überrascht, um etwas erwidern zu können. Gwaine nimmt derweil seine Kette ab und dreht den halbmondförmigen Anhänger, der neben einem goldenen Ring an der Kette hängt, um, sodass die Spitzen nach oben zeigen. Arthur weiß, dass es das Wappen von Gwaines Familie ist, aber erst jetzt, da er es aus dieser Position sieht, erkennt er einen Teil davon und er fragt sich, warum ihm das noch nie aufgefallen ist.
Bei Familien in Gwynedd und auch im Nachbarreich Dyfed ist es Tradition nach einer Heirat zwischen zwei Familien die beide Wappen dieser Familien zu einem Neuen zu verbinden und dieses in einen halbmondförmigen Anhänger zu gravieren, der an den ältesten Sohn weitergegeben wird. Die Wappen werden nach unten gewölbt an einer Kette getragen, während es dem König vorbehalten ist, den Anhänger mit den Spitzen nach oben zu tragen. Und auf dem unteren Teil des Wappens auf Gwaines Anhänger sind deutlich die Symbole von Caerleons Familie zu sehen.
„Du bist Caerleons Neffe", sagt Arthur ungläubig und Gwaine nickt kaum merklich.
„Ja, das bin ich", antwortet er. Dann schnaubt er und schüttelt den Kopf. „Caerleon und mein Vater haben sich jedoch nicht besonders gemocht, und als mein Vater in der Schlacht von Denaria getötet wurde, kam Caerleon das gerade Recht, obwohl mein Vater nie irgendwelche Ambitionen gehabt hat Caerleon den Thron streitig zu machen."
Arthurs Gedanken bewegen sich rasend schnell, als ihm langsam klar wird, was das bedeutet. Er weiß, dass Caerleon keine weiteren Geschwister hat und er und Königin Annis haben keine Kinder. Annis selbst hat ihm in der anderen Zeit erzählt, dass sie nie Kinder bekommen konnte, wie sehr sie es auch versucht hatte.
„Bist du der älteste Sohn deines Vaters?", fragt Arthur und er kennt die Antwort bereits, noch bevor Gwaine nickt.
„Ja. Meine kleine Schwester war zwei Jahre jünger als ich."
Arthur sieht Gwaine an und obwohl er auf seinem Gesicht ablesen kann, dass Gwaine genau weiß, was das bedeutet, spricht er es laut aus. „Das bedeutet, dass du der rechtmäßige Erbe des Königreiches Gwynedd bist."
Gwaine nickt erneut knapp und Arthur fragt sich, wie es möglich ist, dass er bis jetzt nichts davon gewusst hat. „Warum hast du mir das nie gesagt?", fragt er vorwurfsvoll.
Gwaine legt den Kopf schief, während er Arthur spöttisch ansieht. „Es kam seltsamerweise nie zur Sprache. Und ich kann nichts dafür, dass mein anderes ich es dir in der anderen Zeit nicht gesagt hat."
Arthur fährt sich mit einer Hand durch die Haare und er weiß, dass Gwaine recht hat. Im Grunde macht er nicht diesem Gwaine, sondern dem anderen Gwaine, der beinahe sechs Jahre lang sein Ritter und Freund gewesen ist, Vorwürfe.
„Tut mir leid. Das war nicht fair", entschuldigt sich Arthur schließlich.
Gwaine nickt nach einem Augenblick lediglich. Währenddessen überlegt Arthur, was er tatsächlich über Gwaines Vergangenheit weiß und ihm wird bewusst, dass es nicht viel ist. Obwohl Gwaine scheinbar immer eine Meinung zu allem hat und damit auch nicht hinter dem Berg hält, genauso wie er es auch in der anderen Zeit nie getan hat, erzählt er nie wirklich etwas über sich.
„Wie alt warst du, als dein Vater gestorben ist?", fragt Arthur nach einem Moment.
„Ich war fünf Jahre alt. Meine Mutter hat Gwynedd kurz nach dem Tod meines Vaters mit uns verlassen. Ich denke nicht, dass mich jemand an Caerleons Hof erkennen würde, aber es ist möglich." Gwaine zuckt mit den Schultern und schüttelt dann entschieden den Kopf. „Ich will das Erbe meines Vaters nicht. Ich wurde nicht als Adliger erzogen und ich will auch keiner sein. Meine Mutter stammte aus einfachen Verhältnissen und sie war noch sehr jung, als mein Vater sie aus Liebe geheiratet hat. Nachdem er tot war, hat Caerleon versucht meine Mutter zu zwingen irgendeinen Lord aus Dyfed zu heiraten und ihr damit gedroht andernfalls ihre Kinder zu töten. Annis hat keinen Finger gerührt, um ihr zu helfen, obwohl meine Mutter gesagt hat, dass sie Freundinnen gewesen sind, und ich erinnere mich sogar daran, wie Annis mir und meiner Schwester kleine Geschenke gebracht hat. Meine Mutter ist mitten in der Nacht mit uns aus Gwynedd geflohen und hat in einem kleinen Dorf in Gawant Arbeit als Näherin gefunden. Es war gerade genug um uns über den Winter zu bringen und als ich zehn war und meine Mutter krank wurde, habe ich angefangen für den Müller zu arbeiten, um uns versorgen zu können."
Arthur schließt für einen Moment die Augen, als ihm klar wird, was damals tatsächlich passiert sein musste. Er erinnert sich an ein Gespräch, dass er mit Annis in der anderen Zeit spät in der Nacht an einem Kaminfeuer in ihrer Burg geführt hat, aber erst jetzt kann er mit der Geschichte, die sie ihm erzählt hat, etwas anfangen.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Annis überhaupt nicht wusste, dass Caerleon deine Mutter bedroht hat, nachdem dein Vater gestorben ist."
Gwaine sieht Arthur verwirrt an. „Warum glaubst du das?"
„Nun ja, in der Zeit aus der Merlin und ich kommen, gab es Krieg mit Caerleon. Nachdem mein Vater gestorben war, hat Caerleon angefangen, unsere Grenzen anzugreifen und um Stärke zu demonstrieren, nachdem ich gerade erst zum König gekrönt worden war, habe ich Caerleon damals kaltblütig getötet. Ich habe es später allerdings geschafft, Frieden mit Annis zu schließen und wir sind Verbündete geworden. Wir sind eines Abends bis spät in die Nacht zusammengesessen und sie hat mir von einer Frau namens Carys erzählt, der Ehefrau von Caerleons Bruder. Sie hat gesagt, dass sie enge Freundinnen gewesen waren, weil Carys keine Familie mehr gehabt hatte und jeder war ganz vernarrt in ihre Kinder gewesen. Als ich sie gefragt habe, was aus ihrer Freundin geworden sei, sagte sie mir, dass Carys Gwynedd erfüllt von Trauer verlassen hatte, nachdem Caerleons Bruder in einer Schlacht getötet worden war."
Gwaine schnaubt verächtlich und schüttelt verärgert den Kopf. „Also ist der Plan meine Mutter wieder zu verheiraten ganz allein Caerleons Einfall gewesen."
„Es sieht ganz danach aus", entgegnet Arthur. „Er wollte vermutlich dafür sorgen, dass die Kinder seines Bruders niemals eine Gefahr für seine eigenen Kinder darstellen würden. Nur, dass Annis ihm nie den Erben geben konnte, und das wird sie auch nicht, denn Annis kann keine Kinder bekommen."
Gwaine sagt nichts und Arthur mustert ihn nachdenklich. Eine Idee beginnt in ihm Gestalt anzunehmen und er ist sich bereits jetzt sicher, dass seine Idee Gwaine ganz und gar nicht gefallen wird. Bevor er so etwas jedoch ernsthaft in Betracht ziehen kann, braucht er noch mehr Informationen.
„Wenn ich dich mit nach Gwynedd nehme und Königin Annis von deiner Herkunft erzähle, wärst du dann in der Lage zu beweisen, dass du tatsächlich der Sohn von Caerleons Bruder bist?", fragt er schließlich.
Gwaine nickt. „Ja, ich habe diese Narbe in meinem Nacken, ich bin sicher, du weißt, welche ich meine."
Arthur nickt. Er hat die gezackte blass rosafarbene Narbe, die normalerweise von Gwaines Haaren verdeckt wird, gesehen, als er mit ihm und Merlin im Bett gewesen ist. Arthur hat seine Finger in Gwaines Haare vergraben und die Narbe mit seinen Fingerspitzen ertastet. Als er ihn danach gefragt hat, meinte Gwaine, es sei eine Verletzung aus Kindertagen.
„Als ich gerade vier Jahre alt war, bin ich in einen Brunnen gefallen und habe mir den Kopf gestoßen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich an diesem Tag fast ertrunken wäre und dass ich anschließend für drei Tage bewusstlos gewesen bin."
Arthur nickt nachdenklich. „Wenn deine Mutter die Wahrheit gesagt hat und sie und Annis gute Freundinnen gewesen sind, dann weiß Annis von dieser Narbe", vermutet er und Gwaine nickt, bevor er mit den Schultern zuckt.
„Vermutlich, ja", antwortet er. „Aber warum ist das wichtig? Glaubst du, sie wird mich einfach so zum Prinzen von Gwynedd krönen und zum Erben ihres Königreiches erklären?"
Arthur legt den Kopf schief. „Du solltest niemals die Bedeutung von Familie unterschätzen. Wir versuchen alle etwas aufzubauen, das länger Bestand haben wird, als wir selbst."
Gwaine sieht ihn verständnislos an. „Du meinst das tatsächlich ernst?", fragt er erstaunt und als Arthur nickt, schnaubt Gwaine verächtlich. „Du willst mich wirklich vor ihnen zur Schau stellen? Der lang verloren geglaubte Sohn von Caerleons jüngerem Bruder? Ich habe dir gesagt, dass ich das nicht will! Ich will nichts davon."
Arthur verschränkt die Hände vor der Brust und sieht Gwaine ungerührt an. „Nun das hättest du dir früher überlegen müssen."
„Was soll das denn bitte heißen?", entgegnet Gwaine verwirrt.
Arthur sieht ihn eindringlich an. „Ich rede von Morgana. Wenn du ihr öffentlich den Hof machst und sie dann letztendlich heiratest, dann wirst du der Gemahl der Prinzessin von Camelot sein."
Gwaines Gesichtsausdruck nach zu schließen, hat er darüber noch gar nicht nachgedacht.
Arthur fährt sich mit einer Hand durch die Haare, bevor er Gwaine wieder ansieht. „Ich werde dich zu nichts zwingen, Gwaine. Aber du hast mir gerade eine Möglichkeit gegeben, wie ich Gwynedd enger an Camelot binden kann, als ich es je für möglich gehalten hätte. Wenn ich recht habe und Annis dich zum Prinzen von Gwynedd erklärt und du Morgana heiratest, dann wäre das die Grundlage für einen lang anhaltenden Frieden zwischen Camelot und Gwynedd. Es würde sich nicht einmal etwas für dich ändern. Du kannst Prinz von Gwynedd sein, ohne Thronerbe zu werden."
Gwaine sieht Arthur mit einem nicht zu deutenden Ausdruck auf dem Gesicht an. „Woher willst du wissen, dass es so kommen wird?"
Arthur zuckt mit den Schultern. „Das weiß ich nicht, aber ich hoffe es."
Gwaine sieht zu Boden und Arthur kann sehen, dass er mit sich ringt.
„Ich weiß, dass ich viel von dir verlange", sagt Arthur eindringlich. „Aber Gwynedd war für über zwei Jahrzehnte Camelots Feind und ich werde alles tun, was ich kann, um das zu ändern. Ich kann es alleine tun oder du kannst mir dabei helfen. Es ist deine Entscheidung. Du kannst entweder weiterhin davonlaufen, oder du kannst deine Herkunft akzeptieren und mir dabei helfen Gwynedd zu einem Teil des Albions zu machen, das ich errichten will und in dem Frieden für alle herrschen wird."
Gwaine dreht sich um und verschränkt die Arme vor der Brust, während er aus dem Fenster nach draußen starrt. Arthur bedrängt ihn nicht, sondern gibt ihm die Zeit, die er braucht, um eine Entscheidung zu treffen.
Schließlich atmet Gwaine tief durch, bevor er sich wieder zu Arthur umdreht und ihn zerknirscht ansieht. „Also gut, ich tue es. Aber nur unter einer Bedingung."
„Welche?", fragt Arthur, ohne zu zögern, doch was immer er erwartet hat, es war nicht das selbstzufriedene Grinsen, das auf Gwaines Gesicht erscheint.
„Du wirst Morgana sagen, dass du nun doch vorhast, sie zum Wohle des Königreichs mit einem Prinzen zu verheiraten."
Arthurs Kopf liegt auf Merlins nackter Schulter, während Merlin mit seinen Fingern gemächlich durch Arthurs Haare streicht. Sie sind beide noch außer Atem von ihren vorhergehenden Aktivitäten und ein dünner Schweißfilm bedeckt ihre Körper. Die rote Bettdecke liegt in einem Haufen am Fußende des Bettes, aber im Zimmer ist es angenehm warm. Draußen ist es bereits dunkel und da der Mond sich hinter dicken Wolken versteckt hat, ist das prasselnde Feuer im Kamin die einzige Lichtquelle.
„Wie kommt es, dass wir es nicht gewusst haben?", fragt Arthur leise und Merlin muss nicht fragen, was er meint. Arthur spricht von Gwaines Vergangenheit und davon, dass Gwaine ihnen damals nie etwas davon erzählt hat.
„Er war sechs Jahre lang mein Ritter und er hat nie etwas gesagt", fährt Arthur fort. „Ich schätze du und Percival wart seine engsten Freunde, aber dir hat er auch nie etwas davon erzählt. Glaubst du, Percival hat es gewusst?"
Merlin schüttelt nachdenklich den Kopf. „Nein, ich glaube, niemand hat es gewusst. Gwaine hatte immer eine Meinung zu allem, aber er hat dabei nie etwas von sich selbst preisgegeben. Ich denke, das ist uns bei all seinem Gerede nur einfach nie aufgefallen."
Arthur brummt unzufrieden. „Ich frage mich, wie es für ihn gewesen sein muss, als wir das letzte Mal nach Gwynedd geritten sind und Annis uns in ihrer Burg beherbergt hat."
„Du meinst, als du mich dazu gezwungen hast alle mit meinen Jonglierkünsten zu unterhalten?", meint Merlin amüsiert.
Arthur lacht, als er sich daran erinnert. „Ja und da warst überraschend gut."
„Nun ja, ich habe mit ein wenig Magie geschummelt", gibt Merlin zu.
Arthur hebt kurz den Kopf und sieht Merlin entrüstet an. „Ich hätte es wissen sollen!"
Merlin grinst nur und zuckt mit den Schultern. „Ich hatte gar keine andere Wahl. Du hast es nicht für nötig gehalten Annis zu korrigieren, als sich mich ‚deinen Narren' genannt hat und die Idee, dass ich die anwesenden Adligen unterhalten sollte, hat dir auch ziemlich gut gefallen."
Arthur sieht etwas schuldbewusst aus, bevor er seinen Kopf wieder auf Merlins Schulter legt. „Ja du hast ja recht", grummelt er.
Merlin grinst, bevor er mit seiner Hand wieder durch Arthurs Haare streicht. „Und um deine Frage zu beantworten, ich glaube nicht, dass es wirklich schwer für Gwaine gewesen ist, wieder in Caerleons Burg zu sein. Er war noch ein kleiner Junge, als seine Mutter mit ihm und seiner Schwester fortgegangen ist. Er hat die Burg nie bewusst sein zu Hause genannt und er hat sich selbst auch nie als Adliger oder als Prinz gesehen."
„Ja, das stimmt", antwortet Arthur. „Das hat er ziemlich deutlich gemacht."
„Und trotzdem wird er die Rolle des Prinzen von Gwynedd für dich und für ganz Albion spielen."
Arthur schweigt einen Moment lang. „Verlange ich zu viel von ihm?", fragt er dann leise, aber Merlin schüttelt den Kopf.
„Nein, du verlangst gar nichts von ihm. Du hast ihn darum gebeten. Du solltest dir keine Vorwürfe machen, sondern vielmehr Gwaines Entscheidung respektieren."
„Das tue ich und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Ich will nur nicht, dass er mich zu einem späteren Zeitpunkt dafür hasst", entgegnet Arthur nachdenklich.
„Das wird er nicht", antwortet Merlin zuversichtlich. „Für ihn wird sich nicht einmal etwas ändern, wenn Annis ihn als Prinzen von Gwynedd anerkennt. Er wird immer noch dein Ritter sein und er liebt Morgana aufrichtig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm klar geworden wäre, dass er Morgana irgendwann heiraten muss."
Arthur antwortet eine Zeit lang nicht und Merlin überlässt ihm seinen Gedanken. Schließlich atmet Arthur tief durch und sieht dann zu Merlin hinauf. „Glaubst du, ich bin zu sehr davon überzeugt, dass alles so laufen wird, wie ich es will?"
Merlin lächelt und schüttelt den Kopf. „Nein, du konntest Menschen schon immer gut einschätzen. Und Annis hat nicht den Anschein gemacht, als ob sie gelogen hätte, als sie dir von ihrer Freundin Carys und ihren beiden Kindern erzählt hat, oder?"
Arthur schüttelt den Kopf. „Nein. Aber wir wissen nicht, wie der Rest von Gwynedds Adligen darauf reagieren wird."
Merlin lacht freudlos. „Daran werden wir uns wohl wieder gewöhnen müssen; nicht zu wissen, wie die Dinge sich tatsächlich entwickeln. Aber wir haben immer noch all unsere Erfahrungen und unser Wissen von früher auf das wir zurückgreifen können, wie zum Beispiel, dass Annis keine Kinder bekommen kann, sich aber immer welche gewünscht hat."
„Ich weiß", entgegnet Arthur mit einem Seufzen. „Es war nur so beruhigend genau zu wissen, was passieren wird."
Merlin schmunzelt leise und dreht den Kopf ein Stück, um Arthur auf die Haare zu küssen. „Wir werden es schaffen. Das weiß ich. Und wir werden eine glorreiche Zukunft erschaffen, für jeden in Albion."
Arthur sieht nach oben zu den Mauern der Burg, die über ihnen auf dem Felsplateau aufragt. Zu allen Seiten führen steile, Felswände in die Höhe, die zum Teil mit sattem grünem Gras bewachsen sind und der einzige Zugang zu der Burg, ist der schmale Weg, der sich zwischen den Felsen hindurch nach oben windet. Von allen anderen Seiten ist das Plateau vom Meer umgeben und die grauen Wellen schlagen mit aufspritzender Gischt gegen die Felsen, während dunkle Wolken am Himmel entlang ziehen.
Arthur hat sich keiner Illusion hingegeben, dass sie unbemerkt in die Nähe der Burg gelangen würden und als sie auf dem schmalen Weg das stark befestigte Torhaus erreichen, das den einzigen Eingang zur Burg darstellt, sieht er mehrere Bogenschützen auf den Mauern stehen, die sie bereits erwarten.
„Hat noch jemand das seltsame Gefühl, dass wir in genau dieser Situation erst letzten Herbst gewesen sind?", fragt Gwaine hinter Arthur gerade laut genug, dass man ihn über den Wind hinweg hören kann.
„Halt die Klappe, Gwaine", antwortet Lancelot einen Moment darauf und Gwaine grummelt eine Antwort, die Arthur jedoch nicht verstehen kann.
Der Weg hinauf zur Burg ist so eng, dass sie gerade einmal zu zweit nebeneinander reiten können und Arthur hebt eine Hand, um den anderen zu signalisieren, dass sie stehen bleiben sollen, während er an Hengroens Zügeln zieht und der Hengst etwas widerwillig auf dem steilen Kiesweg anhält. Rechts von ihnen ragt eine senkrechte Felswand in die Höhe und auf der anderen Seite führt ein steiler, grasbewachsener Abhang nach unten an einen Kiesstrand unterhalb der Felsen. Das schwere Holztor vor ihnen ist verschlossen und Arthur kann durch die Scharten des Torhauses mehrere Gestalten erkennen. Der einzige Grund, weshalb noch niemand auf sie geschossen hat, ist vermutlich der, dass sie nicht glauben können, wie Arthur Pendragon so töricht sein kann, sich mit einer Handvoll Männer direkt vor die Tore von Caerleons Burg zu stellen, während er den König in Camelot gefangen hält. [13]
Arthur weiß, dass Gwaine, Percival, Lancelot, Elyan und Galahad hinter ihm die Bogenschützen auf der Mauer angespannt beobachten, und dass sie nur deshalb keine Einwände gegen Arthurs Plan erhoben haben, weil sie auf Merlin vertrauen, der in seiner prächtigsten Robe unter seinem ledernen Reisemantel neben Arthur auf Sir Ruperts Rücken sitzt.
„Ich bin Arthur Pendragon, König von Camelot und ich bin hier, um mit Königin Annis zu verhandeln", sagt Arthur mit lauter Stimme, die den Wind durchdringt und an den Felsen um sie herum widerhallt.
Es dauert einige Zeit, bis etwas passiert, doch schließlich öffnen sich die großen Tore vor ihnen, um sie hindurch zu lassen. Das Torhaus ist förmlich in den Felsen hinein gehauen und ein Stück darüber hinaus gebaut worden und nach einigen Metern führt ein höhlenartiger Gang das letzte Stück nach oben in die Burg. Das Tor am anderen Ende des Ganges ist ebenfalls geöffnet worden und Arthur überkommt ein beklemmendes Gefühl, als er Hengroen antreibt, denn die grob behauene Decke ist nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt.
Als sie das Tor auf der anderen Seite passieren und in einen großen Burghof hinein reiten, werden sie dort bereits von mehreren Männern mit Schwertern und Äxten erwartet, die ihnen allesamt grimmige Blicke zuwerfen. Hinter sich hört Arthur wie die Tore mit einem Knarzen wieder geschlossen werden, doch er lässt sich nicht anmerken, wie sehr es ihm trotz Merlin an seiner Seite missfällt, in der Falle zu sitzen.
Schließlich entdeckt Arthur Königin Annis, die unterhalb eines hölzernen Vorbaus vor einem gemauerten Durchgang steht, der wohl ins Innere der Burg führt. Ihre kupferne, lange Haare mit den vereinzelten grauen Strähnen, werden von einem silbernen Stirnreif gehalten, der verhindert, dass der Wind auf dem Plateau ihre Haare zu sehr zerzausen kann. Sie trägt ein braunes Fell über ihrem blauen Kleid und auch die Männer, die neben ihr stehen, tragen Felle über ihren Lederrüstungen.
Als Arthur sein Pferd anhält und sie ansieht, begegnet Annis ihm mit einem hasserfüllten Ausdruck auf dem Gesicht. „Dass Ihr es wagt, in meine Burg zu kommen, nachdem Ihr meinen Ehemann gefangen genommen habt, ist einfach ungeheuerlich", sagt sie mit mühsam kontrollierter Stimme.
Arthur schüttelt den Kopf. „Ich habe das hier nicht begonnen, Eure Hoheit. König Caerleon hat die Dörfer an der Grenze zu Camelot angegriffen. Ich will keinen Krieg mit Gwynedd und das ist auch der Grund, warum ich nur mit einer Handvoll meiner Männer hier bin, und nicht mit meiner Armee. Lasst uns darüber reden."
Annis schnaubt verächtlich, während sie Arthur ungläubig mustert. „Und was macht Euch glauben, dass ich Euch und Eure Männer nicht auf der Stelle ergreifen und in den Kerker werfen lasse, um mit Eurer Schwester über die Freilassung meines Mannes im Gegenzug für Euer Leben zu verhandeln?"
„Ihr könntet es selbstverständlich versuchen, aber das wäre ein Fehler. Glaubt Ihr wirklich, ich würde hierherkommen, in Eure Burg mit nur einer Handvoll Männer, während ich Euren Mann in meinem Schloss gefangen halte, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass ich wohlbehalten wieder nach Hause zurückkehren könnte? Ich bin jung, Königin Annis, aber ich bin kein Narr."
Annis' Züge verdüstern sich. „Ich werde es mir nicht gefallen lassen, dass Ihr in meine Burg kommt und mich bedroht, Arthur Pendragon! Ergreift sie!"
Die Männer, die ringsherum stehen, heben Ihre Schwerter und Speere und setzen sich in Bewegung, um den Befehl ihrer Königin auszuführen. Arthur spürt wie sich seine Ritter hinter ihm bereit machen sich selbst und Arthur zu verteidigen, aber Arthur hebt eine Hand.
„Merlin", sagt er leise, ohne Annis dabei aus den Augen zu lassen.
Er weiß, dass Merlins Augen einen Moment darauf strahlend golden aufleuchten, als Merlin eine Hand vor sich ausstreckt und mehrere Worte in der alten Sprache spricht, von denen Arthur jedoch weiß, dass er sie nicht hätte sprechen müssen. Ein golden leuchtendes Band aus ineinander verschlungenen Linie erscheint auf dem Boden in einem großen Kreis um Arthur und die Ritter herum und die Schwerter und Äxte der Männer, die den Kreis bereits betreten haben, um Arthur und seine Ritter anzugreifen, zerfallen mit einem Mal zu schwarzem Sand, der ihnen durch die Finger zu Boden rieselt. Die Männer bleiben erschrocken stehen und einige von ihnen Keuchen erstickt auf, als sich die Waffen in ihren Händen von einem Moment auf den anderen auflösen. Andere weichen sofort zurück und die Männer, die von weiter hinten ihre Plätze einnehmen, müssen ebenfalls hilflos dabei zu sehen, wie ihre Waffen vor ihren Augen zu Staub zerfallen. Von etwas weiter hinten wird ein Pfeil abgeschossen und dann noch weitere und noch einer, doch sie alle lösen sich auf, sobald sie die leuchtende Linie auf dem Boden überfliegen.
Arthur sieht Annis abwartend an und die Königin hat die Zähne zusammengebissen. Sie sieht, dass Merlin seine Hände wieder hat sinken lassen und dass es ihn scheinbar keinerlei Anstrengung kostet den Zauber aufrecht zu halten.
„Bleibt zurück!", ruft sie ihren Männern schließlich zu und diejenigen, die sich noch immer innerhalb des goldenen Kreises befinden, ziehen sich zurück, während weitere Männer mit Waffen Position außerhalb der Linie beziehen.
Arthur begegnet Annis wütendem Blick gelassen aber ernst und hebt beschwichtigend die Hände. „Ich bin nicht hier, um Euch zu bedrohen und ich bin nicht hier um Euch anzugreifen, aber ich werde mich und meine Männer verteidigen, wenn ich es muss."
Annis funkelt Arthur feindselig an, aber Arthur sieht die Furcht in ihren Augen.
„Was wollt Ihr?", fragt sie gepresst und Arthur rechnet es ihr hoch an, dass ihre Stimme nicht zittert.
„Frieden."
Das Wort hallt in der angespannten Stille des Burghofes nach und Arthur weiß, dass seine Aufrichtigkeit und sein tiefer Wunsch nach diesem Ziel in seiner Stimme zu hören waren. Annis starrt ihn für einen Moment vollkommen verblüfft an, bevor sie es schafft ihre Überraschung zu verbergen und ein misstrauischer Ausdruck in ihre Augen tritt.
Arthur nickt zuerst Merlin und dann den anderen zu und steigt schließlich von Hengroens Rücken. Seine Ritter tun es ihm gleich, und während Galahad, Elyan und Percival ihre Pferde halten, geht Arthur gefolgt von Merlin, Lancelot und Gwaine nach vorne bis an den Rand der goldenen Linie. Dann macht Arthur einen Schritt aus dem leuchtenden Kreis hinaus, sodass er nur noch ein paar Meter von Annis und ihren Leuten entfernt steht.
„Warum setzen wir dieses Gespräch nicht drinnen fort, Eure Hoheit? Ich gebe Euch mein Wort, dass ich Euch und Euren Männern kein Leid zufügen werde, solange ihr uns nicht angreift."
Annis hat die Lippen aufeinander gepresst und sie mustert Arthur und Merlin misstrauisch. Nachdem Merlin so eindrucksvoll und beinahe spielend seine Macht demonstriert hat, ist sie sich bewusst, dass es im Grunde keine Frage war. Wenn Arthur sie angreifen wollte, dann müsste er nur den Befehl dazu geben und weder Annis noch ihre Männer könnten Merlin etwas entgegensetzen.
Es dauert noch einen Moment, doch schließlich nickt Annis knapp und bedeutet Arthur ihr zu folgen. Dann dreht sie sich um und geht ihnen voran in die Burg hinein, während Arthur, Merlin, Lancelot und Gwaine von mehreren ihrer Männer flankiert werden. Annis führt sie durch einige lange Gänge aus dunklem Stein, bis sie schließlich eine hohe Halle erreichen. Am hinteren Ende der Halle vor einem großen Kamin, in dem ein kleines Feuer brennt, stehen zwei Stühle mit hohen Lehnen und Polstern auf den Sitzflächen und den Armlehnen und Annis nimmt mit geradem Rücken auf einem der Stühle Platz, während sich einige ihrer Männer an den Seiten der Halle aufstellen. Eine junge blonde Frau und zwei ältere Männer stellen sich hinter Annis und Annis legt ihre Arme auf die Armlehnen, bevor sie Arthur herausfordernd ansieht.
Arthur lässt seinen Blick kurz über die beiden Männer und die Frau hinter Annis' Thron wandern, bevor er zu sprechen beginnt. „Wie ich bereits gesagt habe, ich will Frieden zwischen Gwynedd und Camelot und letztendlich zwischen allen Königreichen in Albion. Einen Frieden, der auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen beruht. Euer Mann hat mehrere Dörfer auf Camelot Hoheitsgebiet angegriffen ohne in irgendeiner Weise dazu provoziert worden zu sein."
Der Mann auf der rechten Seite hinter Annis, der mehrere silberne Perlen in seinen grauen Bart eingeflochten hat, schnaubt unterdrückt. „Diese Dörfer gehören uns! Sie sind Jahrhunderte lang Teil von Gwynedd gewesen", zischt er und Annis unterbricht ihn nicht, als er weiterredet. „Uther hat sie nach der Schlacht von Denaria gestohlen und er hat jeden getötet, der dagegen Einwände erhoben hat!"
Der Mann sieht Arthur kalt an und Arthur hält seinem Blick stand, bevor er nickt. „In Ordnung. Ich bin bereit dazu diese Gebiete an Gwynedd zurückzugeben, wenn Ihr mir versprecht, dass den Menschen, die jetzt dort leben, kein Schaden zugefügt wird."
„Ohne als etwas als Gegenleistung zu fordern?", fragt die Frau mit den blonden Haaren, die oben zu mehreren Zöpfen an ihrem Kopf entlang geflochten sind. „Ihr seid ein Pendragon. Ich glaube Euch kein Wort."
Sie funkelt Arthur an, doch Arthur lässt sich nicht provozieren. „Ich habe nie gesagt, dass ich nichts als Gegenleistung fordern würden, denn das tue ich. Ich werde nicht mit König Caerleon über dieses Angebot verhandeln. Er hat mein Königreich angegriffen und ich habe keinen Grund davon auszugehen, dass man sich bei Friedensverhandlungen auf sein Wort verlassen kann. Ich bin allerdings bereit dazu, mit Königin Annis zu verhandeln, unter der Bedingung, dass sie von jetzt an die alleinige Herrscherin über das Königreich Gwynedd sein wird."
Sämtliche Zurückhaltung, zu der sich Annis' Berater angesichts von Merlins Fähigkeiten bis jetzt gezwungen haben, ist mit einem Mal vergessen. Die Frau hinter Annis schnaubt abfällig und die beiden Männer beginnen Arthur wüst zu beschimpfen, nachdem er solch eine ungeheure Bedingung gestellt hat. Auch die Männer, die an den Seiten der Halle stehen, protestieren lautstark und Arthur lässt sie einen Moment lang gewähren, bevor er mit seinem Geist nach Merlins sucht.
„Tu es", sagt er resigniert und im nächsten Augenblick herrscht wieder Stille in der Halle, als Merlin sämtliche Anwesenden, ausgenommen ihn und Arthur sowie Annis, Gwaine und Lancelot in der Zeit einfriert.
Annis sieht sich erschrocken um und steht ruckartig von ihrem Thron auf, als das Stimmengewirr plötzlich abbricht. Als sie sieht, dass sämtliche ihrer Leute in der Halle wie versteinert und mit geöffneten Augen dastehen, zeigt sich blankes Entsetzen auf ihrem Gesicht. Arthur kann nachempfinden, wie sie sich gerade fühlen muss. Bis jetzt hat sie Merlins Kräfte nur erahnen können, aber nun sieht sie, wozu Merlin wirklich im Stande ist.
„Wie macht Ihr das?", fragt Königin Annis kaum hörbar und ihr Blick ist mit weit aufgerissenen Augen auf Merlin gerichtet.
„Mit Magie", antwortet Merlin gelassen. „Ihr braucht Euch allerdings keine Sorgen zu machen, Euren Leuten geht es gut, sie sind lediglich für den Moment in der Zeit eingefroren."
Annis starrt Merlin an, bis Arthur ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkt. „Ich möchte, dass Ihr mir zuhört, Euer Hoheit. Ich will nicht Euer Feind sein, aber wir wissen beide, dass Euer Ehemann sich nicht auf einen Friedensvertrag einlassen wird, ganz gleich, was ich ihm gebe. Es gibt zu viel Hass zwischen ihm und meinem Vater. Aber Ihr seid eine weise Königin, Annis. Und ich weiß, dass Ihr nur das Beste für Euer Volk wollt."
Annis mustert Arthur mit einem Ausdruck widerwilliger Faszination auf ihrem Gesicht. „Warum nehmt Ihr Euch dieses Königreich nicht einfach mit Gewalt und beendet diese Farce? Es würde Euch nur einen Befehl kosten und Eurer Zauberer könntet uns in die Knie zwingen."
„Das stimmt", antwortet Arthur ruhig. „Aber wie lange würde es dauern, bis Eure Leute sich gegen mich auflehnen? Ich kann Aufstände nicht für immer unterdrücken und es würde niemals wirklich Frieden zwischen Camelot und Gwynedd geben. Bitte, Königin Annis, helft mir für Frieden zwischen unseren beiden Ländern zu sorgen, denn ich kann es nicht alleine tun."
Arthur sieht Annis geradewegs in die Augen und sie erwidert seinen Blick, während er sehen kann, dass sie mit sich ringt. Schließlich wendet Arthur den Blick ab und gibt Merlin mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass er den Zauber, der Annis' Männer in der Zeit eingefroren hat, wieder aufheben soll. Das aufgebrachte Stimmengewirr erfüllt mit einem Mal erneut die Halle und Arthur richtet seinen Blick wieder auf Annis, als einige der Männer von der Seite wütende Gesten machen und ihre Waffen ziehen wollen.
Es dauert noch einen Moment und Arthur spürt wie Gwaine und Lancelot hinter ihm nach ihren Schwertern greifen wollen, doch dann macht Annis einen Schritt nach vorne und ihre Stimme durchschneidet das Stimmengewirr. „Das reicht!"
Die Männer an den Seiten verstummen und richten ihre Blicke verwirrt auf ihre Königin. Der Mann mit dem dunkelgrauen Bart, der neben Annis' Thron steht, dreht sich erstaunt zu ihr um.
„Meine Königin, Ihr könnte doch nicht…", beginnt er, doch Annis unterbricht ihn.
„Ich sagte, es reicht!", wiederholt sie in einem Tonfall, der keine Widerrede duldet und sie fasst ihn mit einem scharfen Blick ins Auge, bis er den Kopf senkt und einen Schritt zurücktritt.
Annis sieht auch die Frau und den anderen Mann, die neben ihr stehen, an, bis sie ebenfalls die Köpfe senken und anschließend lässt sie ihren Blick über den Rest ihrer Leute wandern. Als sie sich schließlich wieder Arthur zuwendet, ist es totenstill in der Halle. „Wenn ich darauf eingehe, was geschieht dann mit meinem Mann?"
„Ihm wird gestattet nach Gwynedd zurückzukehren als Euer Gemahl, aber er wird nicht länger König sein", antwortet Arthur. „Als Gegenleistung und als Grundlage unseres Friedensvertrages, werde ich dem Prinzen von Gwynedd die Hand meiner Schwester Prinzessin Morgana geben."
Annis zieht die Augenbrauen zusammen und schüttelt den Kopf. „Es gibt keinen Prinzen von Gwynedd. Ich habe keine Kinder."
Der Ausdruck, der bei diesen Worten auf ihr Gesicht tritt, spricht von tiefem Bedauern und Arthur nickt höflich. „Dessen bin ich mir bewusst, Euer Hoheit. Aber Caerleons jüngerer Bruder, Gareth, der mit Carys vom Clan Beynon verheiratet gewesen ist, hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Dieser Sohn ist der rechtmäßige Prinz von Gwynedd."
„Der Bruder meines Mannes ist vor vielen Jahren in der Schlacht von Denaria gestorben und Carys hat Gwynedd zusammen mit ihren Kindern verlassen, weil sie den Schmerz über den Tod ihres Mannes nicht verkraften konnte", antwortet Annis. „Wir haben nie wieder etwa von ihr oder ihren Kindern gehört."
„Das wollte Euer Mann Euch glauben machen. Aber so ist es nicht gewesen", sagt Arthur und sieht zu Gwaine hinüber.
Gwaine zögert noch einen Augenblick lang, dann tritt er nach vorne. Zwei Männer an den Seiten der Halle machen augenblicklich einen Schritt auf ihn zu, doch Annis bedeutet ihnen stehen zu bleiben, ohne ihren Blick von Gwaine zu nehmen, der sich vor ihr auf ein Knie sinken lässt. „Meine Königin. Mein Name ist Gwaine, Sohn von Gareth vom Clan Gruffydd und von Carys vom Clan Beynon. Nachdem mein Vater in der Schlacht von Denaria gefallen ist, hat König Caerleon meiner Mutter befohlen einen Lord aus Dyfed zu heiraten, um eine Allianz zu stärken. Er drohte ihr damit ihre Kinder zu töten, falls sie sich weigern sollte. Meine Mutter war jung und sie hatte Angst und so ist sie mit mir und meiner kleinen Schwester mitten in der Nacht nach Gawant geflohen, wo sie fortan als Näherin in einem kleinen Dorf gelebt hat."
Leises Gemurmel erhebt sich in der Halle, während die Frau mit den blonden Haaren abfällig schnaubt. „Und jetzt seid Ihr ein Ritter von Camelot, was für ein außerordentlicher Zufall."
„Könnt Ihr das irgendwie beweisen?", fragt der Mann mit den grauen Haaren spöttisch und Gwaine sieht auf.
„Alles, was ich noch habe, ist der Ehering meiner Mutter, diesen Anhänger, der das vereinte Familienwappen trägt und das Schwert meines Vaters", antwortet Gwaine, wie Arthur und er es besprochen haben.
„Was Ihr gestohlen haben könntet", entgegnet der andere Mann hinter Annis geringschätzig. Er hat schwarze lange Haare, die im Nacken zusammengebunden sind, und er setzt an, weiter zu reden, tut es jedoch nicht, als Annis, die ihren Blick nicht von Gwaine abgewandt hat, nach vorne tritt. Sie geht auf ihn zu und bleibt direkt vor Gwaine stehen.
„Gareths und Carys' Sohn hatte eine Narbe in seinem Nacken. Als er vier Jahre alt war, hatte er einen Unfall."
Gwaine nickt. „Ich erinnere mich nicht daran, aber meine Mutter hat mir erzählt, dass ich in einen Brunnen gefallen bin und mir den Hinterkopf angeschlagen habe. Sie hat gesagt, dass ich an diesem Tag beinahe gestorben wäre." Dann streicht Gwaine sich die Haare im Nacken nach oben, bevor er seinen Kopf nach vorne beugt, um Annis die alte Narbe zu zeigen.
Annis sieht einen Moment lang auf Gwaine hinunter und ein weicher Ausdruck tritt auf ihr Gesicht. „Es ist, wer er sagt, zu sein. Das hier ist Gareths und Carys' Sohn."
In der Halle hebt sich leises Gemurmel und die Frau mit den blonden Haaren tritt hinter Annis' Thron hervor. „Was ist mit Eurer Mutter passiert?"
„Sie ist in dem Winter, als ich zwanzig Jahre alt wurde, sehr krank geworden und kurz darauf gestorben", antwortet Gwaine und die harten Züge der Frau werden weicher, als sie Gwaine voller Mitgefühl ansieht.
Arthur lässt seinen Blick über die Gesichter der andere schweifen. Er sieht Empörung und Wut über Caerleons Verhalten gegenüber der Frau seines Bruders, und er sieht Mitgefühl für Gwaine.
„Es tut mir leid, das zu hören", entgegnet die Frau bedauernd und Gwaine nickt knapp.
„Was ist mit Eurer Schwester?", fragt Annis als Nächstes und Gwaine richtet seinen Blick wieder auf sie.
„Sie ist vor fünf Jahren bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Es war ein Junge, aber er hat ebenfalls nicht überlebt."
Annis nickt und sie sieht einen Moment lang nachdenklich zu Boden, bevor sie Arthur direkt in die Augen sieht. „Ihr gebt mir Euer Wort, dass Ihr nicht versucht, mich zu täuschen und dass Ihr meinen Mann wohlbehalten zu mir zurückbringt?"
Arthur nickt. „Ja, das tue ich."
Annis mustert ihn noch für einen weiteren langen Moment, dann nickt sie schließlich. „Also gut. Ich biete Euch und Euren Männern während Eures Aufenthaltes für die Verhandlungen meine Gastfreundschaft an und ich verspreche Euch, dass Euch kein Leid geschehen wird, solange Ihr keine bösen Absichten verfolgt."
Arthur neigt den Kopf zu einer Verbeugung. „Ich danke Euch, Euer Hoheit."
„Und nun entschuldigt mich bitte. Ich muss mit meinen Beratern über die Bedingungen, die ihr vorgeschlagen habt, reden. Ihr und Eure Männer werdet zu Gästequartieren gebracht, wo Ihr Euch von Eurer langen Reise ausruhen könnt."
Annis nickt einer Frau mit roten Haaren, die an der Seite der Halle steht, kurz zu und sie und drei Männer treten nach vorne, um Arthur, Merlin, Gwaine und Lancelot aus der Halle zu begleiten.
„Glaubst du, Annis kann ihren Rat davon überzeugen deinen Bedingungen zuzustimmen?", fragt Merlin Arthur in Gedanken und Arthur nickt im Gehen kaum merklich.
„Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr das gelingen wird. Sie entstammt einer alten und sehr einflussreichen Familie in Gwynedd und Caerleon hat sie geheiratet, noch bevor er den Thron bestiegen hat. Sie ist genauso sehr Gwynedds Königin, wie Caerleon König dieses Landes ist. Und hast du die Gesichter der Anwesenden gesehen, als Gwaine ihnen erzählt hat, was Caerleon seiner Mutter angetan hat? Sie verachten Caerleon für den Verrat an einer der ihren. Außerdem sind meine Bedingungen mehr als großzügig und nachdem sie gesehen haben, was du mit ein paar Worten ausrichten kannst, bezweifle ich sehr, dass einer von Annis Beratern tatsächlich in Erwägung zieht gegen Camelot zu kämpfen, ganz gleich wie viele Männer sie in die Schlacht führen könnten."
[13] Caerleons und Annis' Burg: pt (Punkt) m (Punkt) wikipedi (Punkt) org/wiki/Ficheiro:Dunnottar_Castle_2 (Punkt) jpg
Die Geschichte der walisischen Familienwappen habe ich mir ausgedacht. Genauso Gwaines Familiengeschichte und die Unterhaltung, die Arthur mit Annis über Gwaines Mutter gehabt hat. Der Anhänger, den Gwaine an seiner Kette trägt, ist zwar ein Halbmond, sieht aber anders aus, als Caerleons Anhänger. Ich fand die ganze Sache aber einfach zu verlockend.
