Kapitel 8
Repopulationsversuch im vollen Gange!
„Potters Schlammblut ist eine der ersten Leihmütter, die der Dunkle Lord ausgewählt hat, um die Magische Bevölkerung wieder zu vergrößern."
Hermine las weiter.
Die erste Phase des Britischen Repopulationsversuchs hat jetzt angefangen. Geeignete halb-blut und schlammblut Leihmütter sind vielen der wichtigsten Zauberer Familien Großbritanniens zugeteilt worden, mit der Hoffnung die Zauberer Bevölkerung wieder ansteigen zu lassen. Die Zuteilungen wurden vom Dunklen Lord persönlich genehmigt in Rücksprache mit Heilerin Stroud, die ihre Karriere damit verbracht hat, sich auf magische Genetik und magische Fruchtbarkeit zu spezialisieren.
Am bemerkenswertesten unter den Leihmüttern ist Schlammblut Hermine Granger, die die letzte Überlebende der Terror Gruppe, Der Orden des Phoenix, ist. Die Hexe ist dafür bekannt, schon seit jungen Jahren, eine romantische Schwäche für bekannte Zauberer zu haben. Dies wurde besonders 1994 deutlich, wo sie mit nicht nur einem, sondern zwei der Teilnehmer des Trimagischen Turniers, Harry Potter und Victor Krum, involviert war. Jetzt hat sie es geschafft, einen Weg in das Bett des wohl mächtigsten Zauberers zu finden, den sie je hatte.
Draco Malfoy, am bekanntesten für seine Hinrichtung des Zauberers Albus Dumbledore mit zarten sechzehn Jahren, ist schon seit langem ein angesehener Todesser. Der Tagesprophet hat sich mit mehreren Zeugen abgesichert, dass Leihmutter Granger vor circa einer Woche auf dem Malfoy Anwesen angekommen ist. Seitdem Lucius Malfoy seinen Titel als Lord, nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2001, an seinen Sohn abgetreten hat, ist die Familie ohne einen würdigen Nachfolger.
Leider kann sich Malfoy nicht zu sehr an die Verräterin, die sein Bett wärmt, gewöhnen. Wenn sie drei Malfoy Erben produziert hat, bestätigte Heilerin Stroud, wird sie einer anderen Reinblut Zauberer Familie zugeteilt werden, um weiter dazu beizutragen, das magische Blut Großbritanniens zu diversifizieren.
Wenn die Ergebnisse des Repopulationsversuchs so erfolgreich sind, wie angenommen wird, hofft Heilerin Stroud, dass das Experiment innerhalb eines Jahres auf ganz Europa ausgeweitet werden kann..."
Malfoy hat also Dumbledore umgebracht. Noch ein Name mehr auf der Liste der Leute, die der Hohe General umgebracht hat.
Lucius war immer noch irgendwo am Leben.
Die anderen Frauen des Züchtungsprogrammes wurden nicht erwähnt. Hermines Augen huschten über die Artikel, sie erfasste jedes bisschen Information.
Der nächste Artikel zählte Hinrichtungen in Großbritannien auf, die vom Hohen General durchgeführt wurden. Er beinhaltete ein Bild. Mehrere ausgemergelt wirkende Männer und Frauen knieten auf einer Plattform. Hinter ihnen, in schwarzen Klamotten und mit kunstvoller Maske, stand der Hohe General. In dem Bild zog er seinen Zauberstab und tötete mit einer lockeren Bewegung die erste Person. Die Wiederholungsschleife des Bildes war nur wenige Sekunden lang, aber Malfoy tötete drei Leute auf der Plattform, bevor es wieder von vorne anfing.
Hermine starrte. Nahm jedes Detail in sich auf.
Zu wissen, dass es Malfoy war, machte es offensichtlich, dass es Malfoy war. Die lockere elegante Haltung. Dass skrupellose Zaubern. Die tödliche Kälte die von ihm auszugehen schien.
Jedoch machte weder der Artikel über den Repopulationsversuch noch die Kolumne über die Hinrichtungen eine Andeutung darauf, dass Malfoy der hohe General war. Als ob der Titel und sein Träger getrennte Dinge wären.
Die Anonymität war überraschend. Die Zeitung bot keine Spekulationen über die Identität des Hohen Generals an. Als ob es nicht erlaubt wäre so etwas zu drucken.
Hermine zerbrach sich den Kopf über dieses Detail.
Der Hohe General war Voldemorts rechte Hand, anscheinend sein Repräsentant. Hermine fragte sich, ob die Anonymität zu Voldemorts oder Malfoys Gunsten war. Sie vermutete eher Voldemorts. Der Dunkel Lord hatte eine außergewöhnlich machtvolle Marionette. Sogar Voldemort selbst, hat den Todesfluch nicht mit solch einer Geschwindigkeit und so mühelos hervorrufen können, als er Harry getötet hat.
Er wollte Malfoy nicht die Möglichkeit geben, seine eigenen Anhänger zu sammeln, mehr Macht zu gewinnen und dann seinen Meister zu stürzen. Malfoy dazu zu zwingen, hinter seinem Titel anonym zu bleiben – nur bekannt unter den Todessern und anderen vertrauten Dienern – war womöglich ein Werkzeug, um Malfoy zu kontrollieren.
Voldemort behielt Malfoy genau im Auge.
Vielleicht hatte Malfoy heimliche Absichten, um die sich Voldemort sorgte.
Das machte Malfoy auch zur perfekten Falle für Widerstands Kämpfer. Falls irgendjemand versuchen sollte Hermine zu retten, würden sie denken, dass sie nur einen verhätschelten Todesser der zweiten Generation angreifen würden. Sie hätten keine Ahnung, dass sie in die Klauen des Hohen Generals, Voldemorts berüchtigtstem und tödlichstem Todesser, laufen würden.
Hermine überflog den Rest der Zeitung. Nord Europa war immer noch nicht unter der Kontrolle der Todesser. Voldemort ging aggressiv vor, um die skandinavischen Länder zu besiegen. Anscheinend wurden die Vampire, Vetteln und anderen Dunklen Kreaturen, die während des Krieges nach Großbritannien gebracht wurden, in den letzten Monaten nach Nord Europa gebracht.
Es wurden keine Aufstände in Rumänien erwähnt. Keine Mitglieder des Widerstandes die noch kämpften.
Pius Thicknesse war noch immer der Zaubereiminister. Für das kommende Schuljahr ist, ein Trimagisches Turnier geplant. Mehrere Seiten wahren internationalen Quidditch Spielen gewidmet. Anscheinend verlor der Sport Teil auch unter einem dystopischen Regime nicht seinen Reiz.
Der Rest der Zeitung war voll mit Gesellschaftsseiten.
Astoria Malfoy war ziemlich prominent. Sie nahm an jedem Event teil, kaufte Tische an Wohltätigkeitsveranstaltungen und spendete großzügig für Kriegsdenkmäler. Malfoy war die meiste Zeit nicht anwesend, er schloss sich nur selten seiner Frau an.
Hermine las jedes Wort, sogar die Annoncen. Sie suchte nach Hinweisen. Etwas Zweideutigem. Irgendetwas das nicht direkt gesagt, aber angedeutet wurde.
Falls sowas in den Nachrichten enthalten war, war Hermine zu ignorant, um es zu finden.
Schlussendlich faltete die die Zeitung wieder sorgfältig mit ihren steifen Fingern zusammen und brachte sie zu dem Platz zurück, wo sie auf der Veranda zurückgelassen wurde.
Sie massierte ihre kalten Finger, während sie durch das Anwesen wieder nach oben eilte.
Überraschender Weise hatte sie keine Panikattacke, als sie alleine wieder zurück ging. Vielleicht weil sie von der Kälte so abgelenkt war. Sie hoffte das dies der Fall war.
Der Weg zurück war einfach. Sie drehte sofort das kalte Wasser auf als sie zurückkam und ins Badezimmer eilte. Sie ließ es über ihre tauben Finger laufen, bis das Gefühl langsam wieder in sie zurückkehrte und das Wasser aufhörte sich warm anzufühlen. Dann drehte sie die Hähne der Badewanne auf und lies sich ein lauwarmes Bad ein.
Sie ließ sich mit einem Seufzer nieder, und genoss die Erleichterung von dem kalten Schmerz, der sich durch ihren durchgefrorenen Körper gezogen hatte. Sie schrubbte ihre Füße und Knöchel bis auch das letzte bisschen Schmutz verschwunden war.
Nachdem sie so lange in einer Zelle gelebt hatte, würde es nie mehr für selbstverständlich für sie sein, sich waschen zu können. Sie weiß nicht, ob sie jemals über die neu gewonnene Freude hinwegkommen würde, sich bis zum Hals in große Mengen von Wasser sinken zu lassen. Das war momentan der einzige Höhepunkt ihrer Existenz.
Das gleiche galt definitiv nicht für das Essen. Welches nur dazu diente nährreich zu sein, obwohl die Zutaten offensichtlich teuer waren. Sie kannte sich nicht besonders gut mit Diäten vor einer Schwangerschaft aus, aber die verstand nicht, warum sie nur ungesalzenes, verkochtes Gemüse ohne Soße, Roggenbrot mit ungesalzener Butter und gekochtes Fleisch und poschierte Eier (ebenfalls ohne Salz) essen durfte. Sie würde für eine Packung Chips töten.
Als sie im Wasser saß und sich langsam aufwärmte, ließ sie den Tag noch einmal Reveu passieren.
Ihre „Leihmutterschaft" unter der sorgfältigen Beobachtung von Malfoy, wurde als Köder benutzt.
Die höhnische, lockende Wortwahl der Titelseite machte sie rasend. Ein sorgfältig gewählter Ton, der Hermine einerseits entmenschlichte, um Mitleid der breiten Masse zu vermeiden aber gleichzeitig sich darum bemühte, diejenigen zu entrüsten die für sie sympathisierten.
Sie fragte sich was wohl für Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, um eventuelle Retter zu fangen. Waren andere Todesser auf dem Anwesen der Malfoys eingesetzt? Oder wird angenommen, dass der Hohe General auch alleine mit allen fertig werden würde?
Falls es der erstere Fall war, musste Hermine Ausschau halten, um sie zu entdecken. Sie würden auch ein zusätzliches Hindernis für ihre Fluch darstellen – außer sie konnte irgendwie ihre Zuneigung gewinnen. Oder sie konnte einen von ihnen dazu bringen sie umzubringen. Ein sehr ambitionierter, aber kurioser Plan, da Malfoy ihn sowieso finden würde, lange bevor sie ihn umsetzen könnte.
Falls es aber nur Malfoy war, dann war dies ein beunruhigendes Indiz dafür, wie viel vertrauen Voldemort in seine Fähigkeiten hatte.
Genau wie gefährlich war Malfoy tatsächlich?
Hermine legte ihren Kopf auf ihren Knien ab und versuchte sich genauer an die Umstände von Dumbledores Tod vor acht Jahren zu erinnern. Die Details fühlten sich – nebelig an.
Sie kniff ihre Augen zusammen und hatte Schwierigkeiten sich genau daran zu erinnern.
Es war weniger als einem Monat nach Beginn des sechsten Schuljahres passiert. Die Alarme sind auf einmal losgegangen, weil jemand einen Todesfluch benutz hatte. Die Schule ist mit Instant-Finsternispulver, Schreien und trampelten Studenten gefüllt gewesen. Als die Dunkelheit endlich verschwand, sind mehrere Verletzte und geschockte Studenten und Dumbledores toter Körper zu sehen gewesen. Mehrere Leute waren in dem Chaos über ihn drüber getrampelt.
Hufflepuff und Slytherin Schüler aus dem ersten Jahr sind gerade erst wieder zur Tür herein gekommen gewesen, nach einer Stunde Kräuterkunde. Sie sind die einzigen gewesen, die etwas gesehen hatten. Ihre Aussagen waren jedoch widersprüchlich.
Dumbledore ist an ihnen vorbeigegangen. Da war ein älterer Schüler im Gang. Vielleicht auch zwei. Männlich. Ein Ravenclaw. Ein Gryffindor. Ein Hufflepuff. Cormac McLaggen. Adrian Pucey. Colin Creevey. Ernie Macmillan. Draco Malfoy.
Die meisten Schüler aus dem ersten Jahr, erkannten die älteren Schüler noch nicht, nach nur drei Wochen Schule. Der einzige gemeinsame Nenner war, dass es jemand blondes gewesen ist.
Sie haben den Fluch gehört. Dann Dunkelheit. Ein paar sagten es war andersrum: Erst Dunkelheit, dann der Fluch. Alle haben geschrien und sind gerannt. Keiner hat irgendetwas sehen können. Alle Alarme sind losgegangen.
Als die Dunkelheit verschwand haben die Lehrer alle in der Großen Halle versammelt. Die Abteilung für Magische Strafverfolgung ist gekommen, um die Schüler zu verhören und die Leiche zu untersuchen.
Die Autopsie ergab, dass es ein Todesfluch in den Rücken gewesen ist. Keine andere kürzlichen Zauber wurden entdeckt.
Da ist noch etwas anderes gewesen – es hatte mit Dumbledores Hand zu tun –
Hermine versuchte sich verzweifelt zu erinnern. Es fühlte sich an, als ob es ein wichtiges Detail gewesen ist. Die Erinnerung tanzte außerhalb ihrer Reichweite.
Jeder der älteren Schüler, die von den Erstklässlern genannt wurden, wurden befragt und vom Verdacht befreit. Alle außer Draco Malfoy. Er ist nicht anwesend gewesen. Das Schloss und das Gelände sind durchsucht worden. Er war weg.
Auroren wurden zum Anwesend er Malfoys losgeschickt und fanden es unzugänglich vor. Er wurde für schuldig befunden. Ob er selbst den Fluch gesprochen hat oder er Hilfe gehabt hat und warum er es getan hat, diese Fragen blieben unbeantwortet.
Der Orden hat angenommen, dass es ein Versuch gewesen ist, den Namen der Malfoy Familie wieder rein zu waschen, nachdem Lucius versagt hat und gefangengenommen wurde, nach dem Kampf in der Mysteriums Abteilung.
Hermine konnte sich nicht daran erinnern, ob es jemals betätigt wurde, dass Malfoy Dumbledore getötet hat. Als Todesser sechs Monate später die Kontrolle über das Zaubereiministerum übernommen haben, ist es schwer gewesen noch an gute Informationen zu kommen. Der Tagesprophet ist sofort zur einer vollwertigen Propaganda Maschine geworden.
Ist es bestätigt worden? Sie erinnerte sich nicht.
Dass Hermine sich nicht erinnern konnte, war ohne Bedeutung. Sie konnte nicht einmal sagen, wo in ihren Erinnerungen die Lücken waren. Bis man ihr eine Frage stellte, wusste sie nicht einmal was fehlt.
Wenn sie versuchte ihre Gedanken mit Magie zu sortieren, fühlte es sich an, als würde man durch Teer kriechen. Ermüdend. Aussichtslos. Wenn sie nur ein winziges bisschen zu viel Magie hineinsteckte, wurden die Fesseln aktiviert und saugten alles weg.
Das klarste Bild über wo die Erinnerungen sind, hatte sie durch Voldemorts, Snapes und Malfoys zahlreiche versuche, sie aufzubrechen.
Der Schmerz, Schock und das Trauma ließen die Details verschwimmen. Es schien so als ob ein paar wenige Erinnerungen über die Zeit des Krieges verteilt waren aber die Mehrheit konzentrierte sich auf das letzte Jahr des Krieges, vor ihrer Gefangennahme.
Die Lücken in ihrem Wissen zerrten an Hermines Innerem. Sie wollte unbedingt herausfinden was fehlte, aber sie hatte auch Angst davor die Informationen zu finden. Es fühlte sich an, als ob sie durch ein Mienenfeld ging. Sie wusste nie, wo sie den nächsten Schritt hinsetzen sollte.
Ihren Erinnerungsverlust zu akzeptieren – zu verstehen – fühlte sich wie ein bittersüßes Gift in ihrem Inneren an.
Warum haben sie den Krieg verloren?
Warum konnte sie sich nicht mal an das erinnern?
Es war, als ob sie und Malfoy Schach spielten aber nur er konnte das Brett sehen.
Sie suchte händeringend nach dem kleinsten bisschen an Information.
Aber sobald sie es wusste, wussten es auch ihre Feinde. Ihre Ignoranz war gleichzeitig ein Schild und eine Waffe. Es verschaffte ihr Zeit abzuhauen, aber es konnte jeden Moment wieder über sie hereinbrechen.
Aus irgendeinem Grund war sie sich fast sicher, dass es ihr Ende bedeuten würde.
Es fühlte sich an als würde das Schwert von Damokles über ihrem Kopf hängen.
Ihre Fingerspitzen waren vom Wasser ganz verschrumpelt, als sie endlich aus der Wanne stieg. Sie fühlte sich ausgelaugt. Sie krabbelte ins Bett und zog ein Kissen an ihre Brust.
Ihre Gedanken sponnen sich weiter und weiter, mit Fragen, auf die sie keine Antworten hatte.
Am nächsten Tag kam Malfoy wieder, direkt nach dem Mittagessen.
Hermines Herz rutschte ihr in die Hosen, sie nahm sich aber ihren Mantel und folgte ihm gehorsam nach draußen. Nur hinter ihm her zu laufen, beschleunigte schon ihren Puls. Sie fragte sich, ob er es spüren konnte, mit was auch immer er sie überwachte.
Als sie auf der Veranda ankamen, zauberte sich Malfoy sofort wieder einen Stuhl herbei, setzte sich hin und öffnete eine Zeitung. Die Titel-Story war über ein neues Denkmal zu Ehren von Voldemort. Es ist in der Winkelgasse enthüllt worden. Hermine stand unschlüssig neben der Tür und überlegte, wo sie hingehen sollte.
Stille.
Sie konnte keine Konversation anfangen.
Sie blickte verbittert zum Heckenlabyrinth hinüber. Sie würde wahrscheinlich einfach nur ziellos herumwandern.
Sie ging langsam los, doch als sie das tat, überkam sie ein leicht unwohles Gefühl. Sie schaute nach oben sah den offen, grauen Himmel...
Ihr Herz schien auf einmal stillzustehen.
Es fühlte sich an, als ob aller Sauerstoff und alle Geräusch auf einmal weg waren und da nur noch eine endlose Leere vor ihr lag.
Es gab keine Luft.
Es fühlte sich an als würde sie ersticken. Ihr Herz fing das Rasen an. Immer schneller und schneller. Sie konnte es hören.
Sie konnte die Schritte sehen. Den Kies. Die Hecken.
Es fühlte sich an wie...
Ein Nichts.
Als ob das Universum vor ihren Zehen enden würde.
Wenn sie nur einen Zentimeter weiter vor ging, würde sie fallen.
Sie erstarrte. Sie versuchte sich zu bewegen aber zitterte nur und konnte es nicht. Sie biss sich in ihre Unterlippe. Sie versuchte zu atmen. Sie versuchte sich zu zwingen einen Schritt nach vorne zu machen.
Es war so – offen.
Sie schloss die Augen.
Es war nur in ihrem Kopf. Es war nur in ihrem Kopf.
Sie kämpfte um jeden Atemzug. Sie sog ein paar Mal scharf die Luft ein, als sie sich darum bemühte einen klaren Gedanken zu fassen.
Gestern hat sie auch keine Probleme gehabt. Sie ist so verängstigt und wütend gewesen. Sie ist mehrere Meilen gerannt. Aber jetzt –
Sie konnte nicht –
Es war alles zu viel.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sich die Welt früher so offen angefühlt hat. Der Himmel war so... hoch. Die Wege gingen immer weiter und weiter. Sie wusste nicht, wo sie endeten.
Ihr Hände fingen das Zittern und Krampfen an, als sie darüber nachdachte. Ihr wurde schlecht.
Sie wollte zurück in ihr Zimmer gehen.
Sie wollte sich in eine Ecke drücken und die Wände um sie herum spüren.
Sie starrte auf ihre Füße und spürte Tränen in ihren Augenwinkeln. Die Panik kam in ihr hoch wie eine Flut. Ihr Herz wurde immer schneller und schneller. Es fühlte sich an, als ob ein flatternder Vogel in ihrer Brust gefangen war, der sich selbst zu Tode kämpfte, als er versuchte auszubrechen.
Sie schlug die Hände über ihrem Mund zusammen, während sie versuchte nicht zu Hyperventilieren.
Ein schneidendes, plötzliches Geräusch zog auf einmal ihre Aufmerksamkeit auf sich. Als sie nach drüben schaute sah sie Malfoy, der seine Zeitung so fest umklammerte, dass seine Knöchel ganz weiß waren. Seine Hände zitterten leicht.
Sie schnappte nach Luft und stolperte weiter.
„Es tut – Es tut mir leid –", stammelte sie voller Angst. „Ich geh – "
Sie kam nur ein paar Schritte weit, bevor sich ihre Beine weigerten sie weiter zu tragen.
Sie hatte Angst davor in Malfoys Nähe zu sein aber nicht mal er konnte die Todesangst übertönen, die sie verschlang, als sie versuchte vorwärts zu gehen. Ihre Lunge fühlte sich an, als ob auch das letzte bisschen Luft aus ihnen herausgequetscht worden ist. Sie öffnete ihren Mund und versuchte nach Luft zu schnappen. Aber nichts ging hinein.
Die Furcht sank in sie hinein, als ob eine Kreatur ihr die Krallen in ihren Rücken gerammt hätte und sie an ihrer Wirbelsäule entlang nach unten zog. Sie aufschlitzte. Ihre ganzen Muskeln und Nerven und Knochen in der kalten Winterluft entblößte und sie dabei war zu sterben.
Sie konnte nicht atmen.
Die Welt fühlte sich an, als ob sie zur Seite kippte.
Nadeln sanken in ihre Hände und Arme.
Alles was sie sehen konnte war die offene Leere –
Sie konnte nicht aufhören zu zittern. Die Panik nicht stoppen. Sie konnte nicht laufen –
Es war so offen. Diese Leere. Das Nichts. Das Nichts. Für immer. Sie war ganz alleine darin.
Nicht mal Wände. Nichts.
Sie konnte für immer schreien. Kein Geräusch.
Keiner würde kommen.
Da war Dunkelheit, die den Himmel verschlang.
Dann würde da nichts mehr sein.
Keiner würde kommen.
Sie konnte nicht –
„Stopp," knurrte es plötzlich hinter ihr.
Die Realität brach auf einmal über sie herein wie eine Flut. Sie zuckte zusammen und schaute sich um. Malfoys Gesicht war blass und seine Augen blitzten auf, während er sie anstarrte.
„Du bist dazu verpflichtet draußen zu sein. Du musst nicht herumlatschen. Bring dich nicht selbst dazu einen mentalen Zusammenbruch zu haben, der meinen Zugang zu deinen Erinnerungen beeinträchtigen könnte."
Sein Gesicht spannte sich leicht an, als er sie weiter ansah. Er zog seinen Zauberstab und beschwor noch einen Stuhl herauf.
„Setz dich hin. Komm runter.", wies er sie mit kühlem Ton an.
Hermine nahm einen tiefen Atemzug und ihre Füße trugen sie zum Stuhl. Sie versuchte nicht in der Flut von Erleichterung zu verweilen, die sie überkam. Sie setzte sich hin und starrte nach unten auf ihre Hände, als sie versuchte die Kontrolle über ihre Atmung wiederzuerlangen.
Sie saß auf einem Stuhl. Sie saß auf einem Stuhl neben Malfoy. Sie war nicht in einer großen unendlichen Leere. Da war Marmor unter ihren Füßen. Sie musste nirgendwo hingehen. Sie saß auf einem Stuhl.
Sie atmete langsam ein. Während sie bis vier zählte.
Ausatmen, durch ihren Mund. Während sie bis sechs zählte.
Ein und aus.
Wieder und wieder.
Sie saß auf einem Stuhl. Sie musste nirgendwo hingehen.
Ihr Herz hörte langsam auf wie verrückt zu schlagen aber ihre komplette Brust tat weh.
Sobald das Flattern in ihrer Brust nachließ, versuchte sie ihre Finger davon abzuhalten zu zucken. Sie schaffte es nicht, also setzte sie sich auf sie drauf.
Als sich ihr Verstand komplett von ihrer Panik erholt hatte, traf sie ein Peitschenhieb der Verzweiflung.
Sie war gebrochen.
Sie war es.
Es machte keinen Sinn es zu verleugnen.
Psychisch ist etwas in ihr während ihrer Gefangenschaft zerbrochen und sie wusste nicht, wie sie es reparieren sollte. Sie konnte nicht durch vernünftiges Urteilen einen Weg hindurch finden. Es verschlang sie von innen heraus.
Sie starrte nach unten in ihren Schoß. Tränen rollen aus ihren Augen, ihre Wangen hinunter und über ihre Lippen, bevor sie herunter tropften. Durch den schneidenden Wind fühlten sie sich wie Eis auf ihrer Haut an. Sie wischte sie weg und zog den Mantel enger um sich. Sie zog die Kapuze auf.
Der Mantel erdrückte sie schon fast mit der Wärme, die er ausstrahlte, aber Hermine fühlte sich immer noch kalt vor Entsetzen, als sie still auf der Veranda saß. Sie versuchte nachzudenken.
Es ist ihr gut gegangen. Gestern. Ist es ihr gut gegangen. Warum? Warum hat es sie da nicht gestört?
Eine Art von Agoraphobie. Das musste es sein. Irgendwie musste sie, in ihrer Zelle ohne Licht oder Geräusche oder Zeit, auf die Sicherheit der Wände vertraut haben. Diese Eingrenzung ist die einzige Konstante in ihrem Leben geworden. Und jetzt, wann immer sie vom gegenwärtigen Schrecken dieser Situation befreit war; wann immer sie Zeit hatte nachzudenken...
Das Gefühl der Offenheit erschuf eine Angst, die sie verschlang.
Draußen war es noch viel schlimmer als im Flur vor ihrem Zimmer.
Vielleicht ist sie nur unvorbereitet gewesen. Vielleich konnte sie die Panik jetzt überwinden, wo sie darüber Bescheid wusste. Wenn sie sich erreichbare Ziele setzte: Die Treppen runter laufen. Über den Kies laufen. Zur Hecke laufen.
Wenn sie sich selbst anspornte.
Sie würde sich sicherlich nicht so bald im Heckenlabyrinth verlaufen.
Ihr Magen verdrehte sich. Ihr Zeitplan für ihre Flucht verlängerte sich immer weiter. Sie hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, Fluchtmöglichkeiten zu erkunden. Je länger sie brauchte –
Sie könnte schwanger werden.
Sie war vielleicht schon schwanger. Und falls nicht, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, mit jedem Monat, den sie gezwungen war, sich über den Tisch zu beugen, mehr.
Sie wollte weinen.
Sie warf einen flüchtigen Blick auf Malfoy, der angestrengt die Quidditch Ergebnisse durchlas.
Was für nützliche Informationen konnte sie über ihn rausfinden? Alles was er tat war wütend zu sein und zu lesen, um dann wegzugehen und Leute umzubringen.
Sie würde niemals abhauen können. Sie würde wahrscheinlich auf diesem Anwesen sterben.
Sie beobachtete in aus Hoffnungslosigkeit.
Er war einfach nur kalt. Wütend.
Eiskalter Zorn schien über ihm zu hängen. Die konnte die dunkle Magie spüren, die sich um ihn wand.
Wen hasste er so sehr? Gab er auch dem Orden die Schuld an Narcissas Tod, so wie Lucius? Waren all diese Todesflüche Rache? Ist es das, was seinen Aufstieg angefeuert hat?
Alles an ihm hatte sich verändert. Es schein so, als ob nicht mal mehr das winzigste Fünkchen von dem Jungen übrig war, den sie vor so vielen Jahren mal gekannt hat.
Er ist größer und breiter geworden. Die Überheblichkeit seiner Schultage ist weniger geworden und durch ein spürbares Gefühl von Macht ersetzt worden. Eine tödliche Gewissheit.
Sein Gesicht hatte alles Jungenhafte verloren. Es war grausam schön. Seine kantigen aristokratischen Züge waren von einer unnachgiebigen Härte geprägt. Seine grauen Augen waren wie Messer. Seine Haare waren immer noch fahl, weiß blond und achtlos zur Seite gekämmt.
Jeder Zentimeter von ihm sah aus wie ein gleichgültiger englischer Lord. Bis auf die fast unmenschliche Kälte. Wenn man die Klinge eines Assassinen zu einem Mann machen würde, würde sie die Form von Draco Malfoy annehmen.
Sie starrte ihn an. Nahm ihn auf.
Wunderschön und verdammt. Wie ein gefallener Engel.
Oder vielleicht eher wie ein Todesengel.
Während sie ihn beobachtete, schloss er raschelnd die Zeitung und schaute zu ihr herüber. Sie traf seinen Blick für einen Moment, bevor sie wegsah.
„Was ist mit dir los?", fragte er, nachdem er sie einige Sekunden angestarrt hatte.
Sie wurde leicht rot und antwortete nicht.
„Wenn du es mir nicht erzählst, kann ich mir die Antworten auch direkt aus deinen Gedanken holen.", sagte er.
Hermine kämpfte darum nicht bei der Drohung zusammen zu zucken. Sie starrte einfach auf die Hecke.
„Ich – Ich glaube es nennt sich Agoraphobie.", sagte sie, nachdem sie ein paar Mal tief ein und ausgeatmet hatte.
„Irgendetwas an – an offenen Räumen lässt mich in Panik geraten."
„Warum?"
„Ich weiß es nicht. Es ist nicht so als ob es rational wäre.", sagte sie verbittert, als sie die Naht ihres Mantels untersuchte. Die einheitliche Näharbeit war etwas Geregeltes, das sie anstarren konnte. Etwas absehbares. Etwas das Sinn ergab. Etwas anderes als ihr irrationaler Verstand.
„Du hast doch bestimmt eine Theorie, da bin ich mir sicher.", sagte er mit herausforderndem Ton. So als ob er nur darauf wartete, dass sie sich weigerte es ihm zu erzählen, damit er sich seinen Weg in ihre Gedanken erzwingen und die Lösung selbst herausziehen konnte.
„Es ist wahrscheinlich, weil ich so lange in einer Zelle eingesperrt war.", sagte sie nach einer Minute. „Es gab dort nichts – es war wie eine große unendliche Leere. Alle waren tot. Niemand würde für mich kommen. Ich war einfach nur dort und ich wusste nicht einmal für wie lange. Die Wände – waren das einzig Reale. Ich denke – ich war irgendwann auf sie angewiesen. Und jetzt – wenn ich versuche irgendwo hinzulaufen und ich weiß nicht- ich weiß nicht, wo es hingeht... Ich weiß nicht. Ich kann es – es fühlt sich an, als ob –", sie hatte Schwierigkeiten damit das Grauen zu beschreiben. „Es ist als– wäre ich wieder verlassen worden. Als ob alle tot sich und ich einfach nur alleine bin – ich kann damit umgehen, wenn sich meine Welt klein anfühlt – aber, wenn ich mich daran erinnere, wie groß sie ist – ich kann nicht. Ich kann nicht –"
Sie schluckte und ihre Stimme verstummte. Sie wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte. Worte schafften es nicht die irrationale Komplexität auszudrücken. Sie schaute verloren weg.
Malfoys Ausdruck schien sich zu verhärten, während sie redete.
„Und gestern?", fragte er nach einer unzufriedenen Pause.
„Ich weiß es nicht. Ich denke mein Entsetzen war größer als meine Angst."
Er war für einen kurzen Moment still, bevor er leicht schnaubte und sich in seinen Stuhl zurücklehnte und sie beobachtete.
„Ich muss zugeben, als mir gesagt wurde, dass ich dich bekommen würde, konnte ich es kaum abwarten, dich endlich zu brechen.", sagte er und lehnte sich leicht zu ihr mit einem harten Lächeln auf den Lippen. „Aber ich glaube, dass das was du dir selbst angetan hast nicht mehr zu übertreffen ist. Das ist ziemlich enttäuschend."
„Ich bin mir sicher, dass du es dennoch versuchen wirst.", sagte sie und schaute ihm in die Augen. Sie wusste, dass ihr die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand, aber es machte eh keinen Sinn es vor ihm zu verstecken.
Seinen silbernen Augen blitzten auf, als er es sah.
