Kapitel 14

Hermine drehte sich gelassen zu Malfoy um. Sie war der Meinung, dass sie selbst ohne den Trank, nicht besonders verunsichert wäre. Sie schaute ihn an als er auf sie zu kam. Sie ist zu der Erkenntnis gekommen, dass er weder die Erlaubnis noch die Tendenz dazu hatte ihr weh zu tun.

Selbst wenn er nicht so zwingend ihre Gedanken durchsuchen musste, hatte Stroud ihm vermutlich genau erklärt, warum es nicht zu empfehlen war, sie psychisch zu brechen.

„Hältst du dir viele Leute in Käfigen?", fragte sie.

Er starrte sie an. Sein Gesicht war leicht blass und seine Augen waren dunkel und verhärtet vor Wut, er konnte sich kaum unter Kontrolle halten. Sie konnte es spüren, wie sie sich um ihn wand.

Ihr wurde bewusst, dass wenn sie versuchen wollte, in dazu zu bringen sie zu töten, dann war dies vermutlich der perfekte Moment dafür. Er war umgeben von der verderbenden, abhängig machenden, dunklen Magie des Raumes. Sie konnte spüren, wie sie in sie kroch, als sie dastand und ihn ansah. Man konnte leicht in Rage geraten, in so einer Umgebung.

Malfoys Lippen pressten sich zu einer geraden Linie zusammen und sie konnte sehen, wie sich sein Kiefer anspannte. Da war so viel mehr unter seiner endlosen Kälte. Eine schlummernde Wut köchelte und brodelte direkt unter der Oberfläche.

Das Zeichenzimmer hatte einen starken Einfluss auf ihn. Eine einfache Provokation und er würde vielleicht die Kontrolle verlieren. Sie fragte sich wie sie vorgehen sollte.

Er lächelte sie spöttisch an.

„Du bist die Einzige, die ich im Käfig halte, Schlammblut.", sagte er. Sein Ausdruck wurde plötzlich wieder undurchsichtig, die Wut schien wieder zurück gedrängt worden zu sein. „Ist dir das noch nicht bewusst gewesen?"

Hermines Lippen verzogen sich. Malfoy sah sich im Zimmer um; sein Gesicht war angespannt, aber er grinste auf sie herab.

„Das ist der Teil des Hauses, der meinem Vater gehört.", sagte er.

Hermine blickte sich schnell um, sie erwartete fast, dass Lucius Malfoy einfach irgendwo auftauchen würde, mit einem verrücken Ausdruck auf dem Gesicht, wie seine ehemalige Schwägerin.

„Zu deinem Glück,", fuhr Malfoy fort, „ist er seit Ende des Krieges im Ausland. Ich will hoffen, dass er dich nicht auf grausame Art und Weise foltern und verfluchen würde, aber ich muss zugeben, ich würde nicht darauf wetten, dass die Chancen zu deinen Gunsten stehen. Also würde ich von regelmäßigen Besuchen hier absehen. Willst du eine komplette Tour bevor wir wieder gehen? Damit du dich versichern kannst, dass nicht zufällig etwas herum liegt mit dem du mich ermorden willst?"

Er gestikulierte Richtung Tür und Hermine ging nach draußen. Er folgte dicht hinter ihr, nachdem er die Tür sorgfältig zugezogen hatte. Hermine konnte einen magischen Impuls spüren, als er sie verschloss; das Gefühl der Dunkelheit verschwand aus der Luft um sie herum. Die Tür war mit vielen Schutzzaubern belegt. Hermine wurde klar, dass dies wahrscheinlich einer der unzähligen Zimmer war, die sie nicht beteten sollte. Sie fragte sich, ob die anderen Zimmer, von denen er sie fernhielt, genauso verseucht mit dunkler Magie waren.

„Astoria hat mir nicht gesagt, dass ich irgendwo nicht hingehen soll. Also bin ich davon ausgegangen, dass ich das ganze Anwesen erkunden darf.", sagte sie.

„Ich bin mir sicher sie wäre begeistert davon, wenn du ein tragisches Ende finden würdest. Wenn wir mal die Demütigung durch deine bloße Existenz beiseitelassen, würde es vermutlich auch mit meinem Untergang einhergehen. Dann würde sie eine wohlhabende Witwe sein und sie könnte noch öffentlicher all ihren geschmacklosen Affären nachgehen, als sie es jetzt eh schon tut.", sagte Malfoy unberührt.

Hermine schaute zu ihm auf.

„Und stört dich das nicht?"

Er blickte mit einer kalten Miene zu Hermine.

„Mir wurde befohlen sie zu heiraten und deshalb habe ich sie geheiratet. Mir wurde nie befohlen, dass ich mich sorgen sollte.", sagte er.

„Du hörst dich so versklavt an, wie ich es bin.", sagte sie mit einem spöttischen Unterton.

Malfoy stoppte mitten im Gang, drehte sich langsam zu ihr um und zog eine Augenbraue hoch. Er betrachtete sie für einige Sekunden und Hermine stoppte ebenfalls, um zu ihm zurück zu starren.

„Versucht du mich zu provozieren oder mein Vertrauen zu gewinnen, Schlammblut? Wie unglaublich gewagt von dir."

Hermine beobachtete sein Gesicht für einige Momente, bevor sie selbst eine Augenbraue nach oben zog. „Du hast doch selbst schon daran gedacht, sonst wärst du jetzt gekränkt gewesen.", sagte sie.

Er studierte ihr Gesicht für einige Momente, bevor sich langsam ein Lächeln über seine Lippen zog. „Du wirkst fast wieder wie ein Gryffindor."

„Ich war schon immer ein Gryffindor.", antwortete sie.

Seine Augen blitzten leicht auf.

„Das ist wahr. Ich nehme an das bist du.", sagte er.

Der Moment zog sich. Sie schauten sich nur gegenseitig an. Hermines Augen verengten sich, als sie versuchte ihn einzuschätzen.

Es schien unmöglich, dass er gerade mal vierundzwanzig Jahre alt war. Niemand so junges sollte eine solch eiskalte Wut in seinen Augen haben. Hermine hat viele Gesichter gesehen, die von Krieg gezeichnet waren, aber Malfoys war einzigartig. Er war so kontrolliert verschlossen, aber in seinen Augen herrschte ein Sturm; sie sahen aus, als ob sie die Kraft des Meeres in sich hatten.

Wie viele Leute hat er umgebracht? Leute, die er kannte, Leute, die er nicht kannte; nichts davon schien ihn zu stören. Sein Gesicht wurde nicht von Besorgnis gezeichnet; jung und gleichgültig. Sie konnte jedoch den Krieg in seinen Augen sehen. All die Tode, die er verursacht hat, als ob das Graue in ihnen Geister wären.

Ginny. Er hat Ginny umgebracht. Poppy Pomfrey, sie ist die erste gewesen, die Hermine im Heilen unterrichtet hatte. Neville, Hermines erster Freund in der Zauberwelt. Moody.

Malfoy hat jeden umgebracht, der nach dem Krieg noch übrig war. Er hat den Orden des Phoenix ausgelöscht.

Sogar mit dem Einfluss des Trankes, konnte sie dem Hass und der Wut nicht entkommen, die sie für ihn empfand. Sie hasste ihn nicht nur emotional. Die Wut über alles, was er zerstört hat, war ein Konstrukt in ihren Gedanken. Er verdiente es zutiefst zu leiden, für all das was er getan hat. Sie musste keine Emotionen haben, um das zu glauben.

Sein Leben schien bizarrer Weise leer von allem zufriedenstellendem. Was trieb ihn an?

Sie öffnete ihren Mund, um ihn anzustacheln, aber hielt sich dann doch zurück. Sie musste vorsichtig vorgehen. Sie wollte mehr darüber nachdenken.

Er grinste, als er sah, wie sich ihr Mund wieder schloss.

„Stellst du dir eine psychologisches Bild von mir zusammen?", fragte er.

Hermine verzog ihren Mund zu einem schwachen Lächeln.

„Ja", sagte sie.

„Ich freu mich schon darauf es zu sehen.", sagte er und drehte sich um, um den Gang weiter hinunter zu laufen.

Sie seufzte und schaute ihm nach.

Plötzlich hörte man das Klappern von Absätzen und Astoria kam um die Ecke gelaufen. Als sie Hermine und Malfoy erblickte, verengten sich ihre Augen und ihre Lippen pressten sich zusammen.

„Werden wir jetzt alle gesellig?", fragte Astoria mit bittersüßer Stimme.

„Nur eine Tour durch das Anwesen.", sagte Malfoy gekünstelt, Astorias Gesicht wurde leicht blass. „Die Tür des Zeichenzimmers im Südflügel stand offen."

„Wahrscheinlich haben die Hauselfen sie offengelassen.", sagte Astoria steif.

„Tatsächlich.", sagte er mit einem Grinsen. „Ohne Zweifel waren es die Hauselfen."

„Ich dachte du hättest heute Geschäfte zu erledigen.", sagte Astoria und änderte einfach das Thema. „Du hast gesagt, dass dein Tag ziemlich voll ist, als ich dich gefragt hab, ob du bei der Wohltätigkeitsveranstaltung heute Nachmittag vorbeischauen kannst und dennoch bist du hier und gibst eine ‚Tour durch das Anwesen'."

Hermine stand unschlüssig zwischen Malfoy und Astoria. Da war etwas extrem Instabiles an Malfoys Frau und Hermine war darauf bedacht nicht ihre Aufmerksamkeit – oder Wut – auf sich zu ziehen. Sie konnte sich jedoch auch nicht aus der angespannten Unterhaltung zurückziehen, ohne es offensichtlich zu machen.

Sie blieb einfach still, und beobachtete das Szenario aufmerksam, während sie versuchte unauffällig zu sein. Die Worte trieften nur so von gegenseitiger Abneigung. Astoria kochte fast vor verschleiertem Groll, ihr Zähne waren leicht zu sehen als sie zu ihrem Ehemann nach oben schaute.

„Der Dunkle Lord war sehr spezifisch darüber, dass das Schlammblut Vorrang über alles hat.", sagte Malfoy mit einem kalten Ausdruck.

Astoria stieß schrilles, hysterisches Lachen aus.

„Mein Gott ich wusste nicht, das Nachkommen so wichtig sind.", sagte sie und blickte auf Hermines Bauch.

„Es sind die Anweisungen des Dunklen Lords, die die wichtig sind.", sagte Malfoy, er schien langsam gelangweilt von der Situation. Er schaute seine Frau nicht mal an, Hermine realisierte, dass er über Astorias Kopf hinweg in einen Spiegel schaute, indem er sich selbst und Hermine sehen konnte. „Wenn er mich gefragt hätte, Flubberwürmer zu züchten, würde ich es mit der gleichen Hingabe tun."

Hermine hätte beinahe geschnaubt.

„Mir ist bis jetzt nicht aufgefallen, dass die anderen Zuchtstuten so viel Hingabe benötigen. Du lässt nicht mal jemanden in ihre Nähe. Es ist so als ob du sie horten würdest.", erwiderte Astoria schnippisch.

Malfoy lachte in sich hinein und ein boshaftes Glitzern erschien in seinen Augen, als sie auf Astorias Gesicht herabschauten. Ein Blitz der Unsicherheit flackerte in Astorias Augen auf, als ob sie von der uneingeschränkten Aufmerksamkeit, die ihr Mannes ihr plötzlich entgegenbrachte, überrascht worden wäre.

„Ich dachte, du hattest es deutlich gemacht, dass du sie nicht sehen willst, Astoria. Ist das nicht richtig?", sagte Malfoy, sein Ton war leicht – fast schmeichelnd – aber es lag ein frostiger Unterton darin. „Wäre es dir lieber, wenn ich sie mit mir rumzeigen würde? Soll ich sie mit zur Oper nehmen? Vielleicht könnte sie mit uns auf das Titelblatt des Tagespropheten nächstes Jahr an Silvester? Die ganze Welt weiß schon, dass sie mir gehört. Willst du das ich es nochmal wiederhole?"

Astoria wurde sichtlich blasser und schaute mit versteckter Abscheu zu Hermine.

„Mir ist es egal was du mit ihr machst.", stieß Astoria wütend hervor, drehte sich auf dem Absatz um und stürmte in die andere Richtung davon.

Die Instabilität in der Luft löste sich mit dem leiser werdenden Geräusch ihrer Schritte auf. Malfoy sah Astoria mit einem genervten Gesichtsausdruck hinterher. Er drehte um und richtete seinen Finsteren Blick auf Hermine.

„Du hast meine Frau verärgert, Schlammblut.", sagte er.

Hermine schaute zu ihm auf. Es schien fast so, als ob er eine Entschuldigung erwartete.

„Meine bloße Existenz verärgert sie.", antwortete sie ungerührt. Sie schaute ihm in die Augen. „Wenn es dich so sehr ‚stört', gibt es eine ganz einfache Lösung dafür."

Er schnaubte und schaute sie von oben bis unten an.

„Der Trank hat wirklich eine interessante Wirkung auf dich.", sagte er. Er sah sie so unverwandt an, als ober er sie in seinen Erinnerungen verankern würde.

Die begegnete ruhig seinem Blick. Sie wünschte sich, dass sie so ruhig bleiben könnte ohne sich so betäubt zu fühlen. Es gab so viele Dinge an ihm, die sie entdecken und herausfinden wollte; wenn sie nur ihre Psyche zügeln könnte und sich selbst in den Griff bekommen würde.

Das war so vieles an ihm, dass so wenig Sinn für sie ergab.

Wenn sie dem Ganzen nur näherkommen könnte.

„Es fühlt sich an, als ob ich wieder atmen kann.", sagte sie. „Als ob ich für so lange Zeit am Ertrinken war, dass ich vergessen habe, wie sich Sauerstoff anfühlt."

Sie verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Der Entzug lässt jedoch zu wünschen übrig."

Er lacht und sein Blick ließ endlich von ihrem Gesicht ab.

„Wenn ich dich nicht würgend am Boden lassen würde, würdest du vielleicht den Fehler machen und denken das ich mich sorge.", sagte er mit einem abweisendem Ton.

Hermine schaute ihn an.

„Du wirkst überraschend beunruhig darüber, dass ich so etwas denken könnte.", sagte sie und beobachtete ihn kühl.

Malfoy machte eine kurze Pause und starrte sie für einen Moment an, bevor sich langsam ein Katzen ähnliches Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete. „Machen wir jetzt also mit dem Vorhaben weiter?"

Hermine kniff ihre Augen zusammen.

„Wie war der Plan nochmal? Des Südflügel erkunden, versuchen die Küche zu finden, nach Gartenschuppen oder Ställen suchen, Malfoy finden und versuchen eine Schwäche zu finden, um sie auszunutzen? Sind wir schon so weit vorangeschritten? Ziemlich effizient."

Hermine starrte ihn an. Hermine wollte wütend sein, aber der Trank unterdrückte eine solche Reaktion erfolgreich.

„Du warst letzte Nacht in meinem Kopf.", sagte sie schließlich.

„Ich hab versucht zu schlafen, aber du hast ziemlich laut nachgedacht.", sagte er in einem gelangweiltem Ton, er zupfte einen nichtexistierenden Fussel von seinen Roben und überschaute im Foyer umher, als ob er ein Innenausstatter wäre.

„Nun dann viel Spaß.", sagte er nach einem Moment. „Die Ställe sind hinter den Rosengärten auf der Südseite des Anwesens. Und der Gartenschuppen ist auf der entferntesten Seite des Heckenlabyrinths. Ich habe alles überprüfen lassen, sodass du die Heckenscheren und Mistgabeln nicht anfassen kannst. Du wirst vielleicht dazu in der Lage sein mich mit einem Zaumzeug zu erwürgen, aber ich glaube irgendwie nicht, dass du dich dazu überwinden kannst, es tatsächlich zu tun."

Er grinste auf ihre Handgelenke hinunter, bevor er sich umdrehte und die Treppen ohne ein weiteres Wort nach oben ging. Hermine stand da und schaute ihm zu wie er den Gang hinunter verschwand und schaute sich dann um. Sie dachte über ihn nach, während sie ihren nächsten Schachzug plante.

Er hat ihre Gedanken die Nacht zuvor gelesen. Es war nicht wirklich überraschend, aber es ließ alles was sie tat, schrecklich nutzlos erscheinen. Er musste nicht einmal warten, um Legilimentik auszuüben; er konnte einfach ihre Pläne aus ihren vordersten Gedanken auflesen.

Sie ging in ihr Zimmer zurück und zog ihren Mantel und ihre Stiefel an. Als sie das Haus über die Veranda verließ, fing sie an Gedanklich in zweier Schritten nach oben zu zählen.

Zwei, vier, sechs, acht, zehn, zwölf, ...

Während sie zählte ließ sie ihre Gedanken träge umherirren.

Draco Malfoy war ein Rätsel. Da waren so viele Widersprüche, die unter seiner kalten Oberfläche umherschwammen. Was waren seine Ziele?

Zweiundzwanzig, vierundzwanzig, sechsundzwanzig, achtundzwanzig, ...

Er schien sich immer mehr Macht zusammenzusammeln, ohne einen bestimmten Gebrauch dafür zu haben.

Sie wusste, dass er an Befehle gebunden war, die er nicht missachten konnte. Astoria heiraten, seine Blutlinie mit Halb-Blütern zu besudeln, Hermine unter dauerhafter Beobachtung zu behalten...

Er folgte Voldemorts Befehlen mit voller Hingabe, obwohl er keinen offensichtlichen Gefallen daran fand.

Es sprang für ihn dabei heraus? Was trieb ihn an? Seine Macht und sein Status schienen unwichtig. Er schien nicht mehr Vorteile daraus zu ziehen, wie er es nicht auch als ein mittelständiger Todesser getan hätte.

Sechsundsechzig, achtundsechzig, siebzig, zweiundsiebzig, ...

Natürlich übersah Hermine vielleicht etwas. Er verschwand für mehrere Tage irgendwo hin und sie hatte keine Ahnung was er machte. Es konnte unzählige Dinge geben, die er machte, von denen sie keine Ahnung hatte.

Da war etwas, dass sie übersah. Ein Detail, von dem sie das Gefühl hatte, dass sie es unterbewusst wusste aber es einfach nicht fest machen konnte. Irgendetwas... irgendetwas. Wie ein Puzzle, das sie zusammensetzte, gebaut aus den widersprüchlichen Informationen, die sie in ihren Gedanken zusammengetragen hatte.

Einhundertzweiunddreißig. Einhundertvierunddreißig. Einhundertsechsunddreißig.

Sie fühle, wie etwas im hinteren Teil ihrer Gedanken aufbrach und eine Seite eines stark abgenutzten Notizbuches voller handschriftlicher Notizen erschien vor ihren Augen.

Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen. Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten, hinsichtlich ihres Vorhabens, bedient. Nie tut sie das, was sie vorgibt, sondern zielt nur, um zu täuschen. Mit Geschicklichkeit macht sie Luftstreiche; dann aber führt sie in der Wirklichkeit etwas Unerwartetes aus, stets darauf bedacht ihr Spiel zu verbergen. Eine Absicht läßt sie erblicken, um die Aufmerksamkeit des Gegners dahin zu ziehen, kehrt ihr aber gleich wieder den Rücken und siegt durch das, woran Keiner gedacht. Jedoch kommt ihr andrerseits ein durchdringender Scharfsinn durch seine Aufmerksamkeit zuvor und belauert sie mit schlauer Überlegung: stets versteht er das Gegenteil von dem, was man ihm zu verstehen gibt, und erkennt sogleich jedes falsche Miene machen. Die erste Absicht läßt er immer vorüber gehen, wartet auf die zweite, ja auf die dritte. Indem jetzt die Verstellung ihre Künste erkannt sieht, steigert sie sich noch höher und versucht nunmehr durch die Wahrheit selbst zu täuschen: sie ändert ihr Spiel, um ihre List zu ändern, und lä0t das nicht Erkünstelte als erkünstelt erscheinen, indem sie so ihren Betrug auf vollkommenste Aufrichtigkeit gründet. Aber die beobachtende Schlauheit ist auf ihrem Posten, strengt ihren Scharfblick an und entdeckt die in Licht gehüllte Finsterniß: sie entziffert jenes Vorhaben, welches je aufrichtiger, desto trügerischer war. Auf solche Weise kämpft die Arglist des Python gegen den Glanz der durchdringenden Strahlen Apollo's."

Hermine stoppte und wunderte sich wo die Worte herkamen. Sie erkannte das Buch nicht wieder. Sie hatte die Worte auswendig gelernt. Sobald sie die Worte in ihrer Erinnerung gesehen hatte, erinnerte sie sich daran, sie auswendig gelernt zu haben.

Das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen.

Sie sagte sich die Worte ein paar Mal selbst vor.

Dann fing sie an immer jede dritte Zahl zu zählen, als sie weiter in die Richtung durch das Labyrinth ging, in der laut Malfoy der Gartenschuppen lag.

Der Tag verstrich nutzlos, gefüllt mit weiterem Zählen. Sie konnte nichts Nützliches während ihrer letzten Erkundungstour des Malfoy Anwesens finden.

Der Gartenschuppen, zu dem Malfoy ihr den Weg erklärt hatte, war zugesperrt.

Sie fand heraus, dass Malfoy einen Stall mit geflügelten Pferden hatte; gigantische Abraxaner, Granianer und Aethons. Alle starrten zu ihr herunter durch die verriegelten Stalltüren und stampften mit den Hufen, als sie näherkam.

Ein anmutiger Granianer, war der Einzige der nicht zurückwich, als Hermine näherkam. Er bewegte seine qualmenden Flügel und streckte seine Nase durch die Stäbe, er wieherte und streckte seinen Kopf in Hermines Richtung.

Hermine streichelte leicht seine samtigen Nüstern uns spürte die Wärme seines Atems auf ihrer Hand. Wenn ihr Verstand nicht betäubt gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich geweint, bei der Realisierung, dass das Pferd die erste warme und sanfte Berührung ist, die sie seit Jahren bekommen hat.

Sie stand für einige Minuten da, streichelte den Kopf des Pferde und das Kinn, während es an ihren Roben schnupperte, in der Hoffnung, dass es vielleicht einen Apfel oder eine Karotte darin finden würde. Als es feststellte, dass Hermine nichts im Angebot hatte, zog es seinen schmalen Kopf zurück hinter die Stäbe und ignorierte sie.

Hermine blieb länger dort, als sie hätte müssen.

Hermine ging zu den Wegen zurück und fand den Eingang zu Malfoy Anwesen. Große Eisen geschmiedete Tore, die geschlossen waren und sich nicht von Hermine öffnen ließen. Hermine war sich nicht sicher, was sie getan hätte, wenn sie sich geöffnet hätten.

Sie wanderte auf so viel wie möglich des Anwesens umher.

Sie fand den Familien Friedhof. Unzählige Grabsteine und Mausoleen vergraben unter Schnee. Die Malfoy Familie war sehr alt.

Nur ein Mausoleum war sorgfältig vom Schnee befreit. Auf jeder Seite der Tür blühten verzauberte gelbe Narzissen. Hermine las die Wörter, die in den Marmor gemeißelt waren.

Narcissa Black Malfoy. Geliebte Ehefrau und Mutter. Astra inclinant, sed non obligant.

Ein großer Grabstein von Bellatrix Lestrange war ganz in der Nähe. Das Wappen der Black Familie schmücke den Marmor. Toujours Pur.

Hermine verlies den Friedhof wieder und erkundete weiter das Anwesen. Es fühlte sich endlos an. Isoliert. Ununterbrochene schneebedeckte Hügel, soweit das Auge reichte, blendend weiß unter dem blauen Himmel. Als es dunkel wurde, streifte Hermine weiter herum, sie schaute nach oben in die Sternen Konstellationen, bis sie merkte wie die Wirkung des Trankes langsam nachließ.

Ihr ging es so schlecht am nächsten Morgen, dass sie dachte sie müsste sterben. Sie übergab sich auf den Boden neben ihrem Bett und sie brauchte Stunden, um sich endlich ins Badezimmer zu schleppen. Wie wusste nicht, ob sie immun gegen den Trank werden konnte, aber sie glaubte nicht, dass es möglich war es weiter zu überleben, um es raus zu finden. Selbst wenn ihn Malfoy noch einmal schicken sollte, bezweifelte sie es, dass sie dazu in der Lage sein würde, sich noch einmal dazu zu überwinden ihn zu nehmen.

Sie war zwei Tage lang krank, gegen das Fenster gelehnt, als sie zitterte und den Trank aus ihrem System schwitzte. Sie grübelte wieder und wieder über Malfoy und das Zeichenzimmer im Südflügel nach, als sie nicht mehr zu fiebrig war, um einen klaren Gedanken zu fassen. In der zweiten Nacht träumte sie von Ginny.

Sie saß zusammengekauert neben einem Bett und weinte leise. Sie sah erschrocken zu Hermine auf, als sie ins Zimmer kam. Ginnys Gesicht war vor Qual verzogen, als sie sich umdrehte und Hermine erblickte, ihre Brust bebte und sie zog schnelle, abgehackte Atemzüge durch ihren offenen Mund. Sogar ihre roten Haare waren ganz nass von den Tränen.

Als Hermine auf Ginny zuging, rutschten ihre Haare zurück und entblößten eine grausame, lange Narbe, die sich von der Stirn bis zum Kinn über ihre eine Gesichtshälfte zog.

Ginny", sagte Hermine. „Ginny, was ist los? Was ist passiert?"

Ich weiß nicht – ", Ginny zwang die Worte heraus und fing noch mehr das Weinen an.

Hermine kniete sich neben ihre Freundin und umarmte sie.

Oh Gott Hermine – " Ginny schnappte nach Luft. „Ich weiß nicht wie – "

Ginny unterbrach sich, als sie nach Atem rang. Erstickende, schnappende Laute kamen aus ihrem Mund als sie gegen ihre spastische Lunge ankämpfte. „Es ist alles gut. Atme. Du musst atmen. Dann erzähl mir was los ist und ich werde dir helfen.", versprach Hermine ihr, als sie mit ihre Hände langsam Ginnys Rücken rauf und runter strich. „Atme einfach. Einatmen bis vier. Und kurz die Luft anhalten und dann durch die Nase wieder aus bis sechs. Ganz langsam. Ich atme mit dir. Okay? Komm atme mit mir. Ich bin für sich da."

Ginny weinte nur noch mehr.

Es ist okay.", wiederholte Hermine, als sie anfing demonstrativ tief Luft holte, damit Ginny es nachmachen konnte. Sie hielt Ginny fest im Arm, sodass sie Hermines Atemzüge spüren konnte als unterbewussten Anhaltspunkt.

Ginny weinte noch für einige Minuten weiter, bevor ihre Schluchzer weniger wurden und ihr Atem sich verlangsamte, und sie anfing Hermine nachzumachen.

Willst du mir erzählen was los ist, oder soll ich los gehen und lieber jemand anderen herbringen?", fragte Hermine, als sie sich sicher war, dass Ginny nicht weiter hyperventilierte.

Nein – du kannst nicht –", sagte Ginny sofort. „Oh Gott! Ich weiß nicht –"

Ginny fing wieder an Hermines Schulter das Weinen an.

Sie hat noch immer geweint, als Hermine aus dem Traum aufwachte.

Hermine ging die Erinnerung noch einmal in Gedanken durch.

Ginny hat fast nie geweint. Als Percy gestorben ist, hat sie Tage lang geweint, aber je weiter der Krieg voranschritt, desto mehr versiegten ihre Tränen, genauso wie die von allen anderen. Ginny hat kaum geweint, als Arthur verflucht wurde, oder als George fast gestorben war.

Hermine konnte sich nicht daran erinnern, dass Ginny je viel geweint hat.

Hermine ging die Erinnerung immer und immer wieder in Gedanken durch, um den Zusammenhang zu verstehen.

Sie konnte sich nicht an die Narbe auf Ginnys Gesicht erinnern. In der Erinnerung schien sie schon ein paar Monate alt zu sein, aber Hermine hatte keine Erinnerung daran, wie Ginny sie bekommen hat. Es sah so aus, als ob jemand gewaltsam einen Teil von Ginnys Gesicht mit einem Messer herausgeschnitten hatte.

Hermine fragte sich, ob sie diejenige gewesen war, die sie geheilt hatte.

Das Zitat ist aus dem Buch: Handorakel und Kunst der Weltklugheit von Baltasar Gracian.

Astra inclinant, sed non obligant = Die Sterne machen geneigt, aber sie zwingen nicht.