XIV. Schatten der Magie
Die großen Beltanefeuer, die überall auf der Wiese brennen, werfen ihre hellen Funken in den Himmel, während die Sonne langsam untergeht. Ein prächtiges Farbenspiel aus rot, orange und lila ist am Horizont hinter den Türmen des Schlosses zu sehen, während sich die kühle Luft der anbrechenden Nacht über Camelot legt. Neben den großen Feuern, die erst jetzt entzündet werden, brennen bereits mehrere kleinere Kochfeuer, über denen den ganzen Tag schon mehrere Ochsen und Wildscheine gebraten wurden.
Die Menschen, die um die Feuerstöße für die großen Beltanefeuer herumsitzen, sind zum größten Teil Bewohner des Schlosses und der Stadt, doch zwischen ihnen sitzen auch Druiden aus verschiedenen Siedlungen. Sie alle sind zusammen mit Iseldir und Aglain Arthurs Einladung gefolgt Beltane, das Fest der dreifaltigen Göttin, das für Neuanfang und Fruchtbarkeit steht, in Camelot zu feiern. Zu Beginn der Feierlichkeiten sind die Menschen noch etwas zurückhaltend gewesen, vor allem was die Anwesenheit der Druiden anging, doch schon nach kurzer Zeit habe sie ihre Vorbehalte vergessen. Dieses Jahr wird das erste Mal seit der Großen Säuberung wieder das Beltanefest in Camelot gefeiert und besonders die Jüngeren, für die es das erste Beltanefest überhaupt ist, sind neugierig und gespannt auf die Feierlichkeiten.
Nachdem die Sonne untergegangen ist und die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwunden sind, erhebt sich Aglain, der ein Stück rechts von Arthur sitzt. An ihrem Beltanefeuer, das am höchsten in den Himmel züngelt, sitzen die meisten der Druiden, die zu Besuch in Camelot sind und es befindet sich genau in der Mitte der Wiese.
„Meine Freunde", sagt Aglain und obwohl er nicht besonders laut spricht, spürt Arthur die Magie in seiner Stimme, die seine Worte über die ganze Wiese trägt. Aglain breitet die Arme aus und die Gespräche rund herum verstummen nach und nach, bis nur noch das Knistern der Flammen zu hören ist. Erst dann spricht er weiter. „Wir sind heute hier zusammengekommen, um diese Nacht als eine Nacht der Freude und der Erneuerung zu feiern. Wir huldigen der Dreifaltigen Göttin und beten dafür, dass sie unsere Ernte, unsere Tiere und unser Leben für das neue Jahr mit Fruchtbarkeit segnen möge. Dieses Jahr ist ein neuer Anfang für die Bewohner von Camelot und die Druiden gleichermaßen und wir sind erfreut darüber, dass die frühere Hohepriesterin der Dreifaltigen Göttin, Nimueh und der große Emrys dieses besondere Fest mit uns begehen."
Aglain hebt erneut die Arme und Merlin, Nimueh, Iseldir und Rhiannon stehen von ihren Plätzen rund um das Feuer herum auf. Zusammen mit Aglain heben sich ihre Hände auf Brusthöhe mit den Handflächen nach oben und beginnen einen Moment darauf in der alten Sprache zu sprechen. Auch ihre Stimmen werden mit Magie über die Wiese getragen und ihre Augen leuchten mit der Magie, die sie durchströmt, golden auf. Eine leichte Brise zieht auf und die hellen Funken der Feuer werden weiter in die Luft geschleudert, als die Flammen sämtlicher Beltanefeuer höher züngeln.
Arthur spürt die Magie, die um sie herum zu Knistern beginnt und ein erwartungsvoller Schauer läuft ihm den Rücken hinunter. Dann lodern die großen Beltanefeuer ein weiteres Mal hell auf, als Merlin, Nimueh, Iseldir, Rhiannon und Aglain die letzten Worte des Rituals sprechen und ihre Stimmen schließlich verklingen. Die Brise, die aufgezogen ist, streicht über Arthurs Haut und er spürt ein warmes Gefühl tief in sich. Ein Blick in die Gesichter der anderen sagt Arthur, dass es ihnen ebenso geht, auch wenn die meisten von ihnen die Magie nicht bewusst spüren können.
Merlin, Nimueh, Rhiannon, Iseldir und Aglain setzen sich wieder und kurz darauf beginnen einige der Druiden um das Feuer herum auf ihren Trommeln einen schnellen Takt anzuschlagen. Mehrere junge Männer erheben sich daraufhin von ihren Plätzen und streifen ihren Roben ab. Ihre Oberkörper sind mit Runen bemalt und sie tragen nur einen ledernen Lendenschurz, während sie sich Masken mit Fell und Hörnern aufsetzen. Die Männer treten näher an das Feuer heran und der Takt der Trommeln wird schneller, als die Männer zu tanzen beginnen. Sie bewegen sich um das große Feuer in ihrer Mitte herum und simulieren mit ihren ausladenden Bewegungen Kämpfe untereinander ohne sich jedoch zu berühren.
Arthur verfolgt fasziniert die Darbietung, die zugleich anmutig und doch fremdartig ist. Die übrigen Druiden um das Feuer herum beginnen im Takt zu klatschen und zu jubeln und binnen kurzer Zeit stimmen die Bewohner von Camelot, die zwischen Ihnen sitzen, mit ein. Schließlich scheint sich einer der Männer als Sieger hervor getan zu haben und er geht zu einem Druidenmädchen mit langen schwarzen Locken. Sie trägt wie einige der anderen auch ein kurzes, ledernes Kleid und in ihre Haare wurden Blumen und Zweige geflochten. Der junge Mann zieht das Mädchen auf die Beine und die beiden tanzen aufreizend miteinander, während die übrigen Männer ebenfalls eine Partnerin wählen. Dann beginnen die Paarungen über die kleineren Stellen des Beltanefeuers zu springen und die übrigen Druiden klatschen ihnen begeistert Beifall.
Arthur wirft einen Blick zu Merlin hinüber, der gerade mit Iseldir spricht. Er scheint Arthurs Blick jedoch zu spüren, denn er hebt den Kopf und sieht zu Arthur hinüber.
„Willst du auch über das Feuer springen?", fragt Merlin in Gedanken und ein verschmitztes Grinsen erscheint auf seine Lippen.
Arthur schmunzelt amüsiert. „Nein, ich denke, das überlasse ich den Druiden."
Merlin zieht eine Augenbraue nach oben. „Ich könnte dafür sorgen, dass das Feuer nicht auflodert, während wir darüber springen."
„Du scheinst da etwas zu vergessen, Merlin", antwortet Arthur und legt den Kopf schief. Dann bedient er sich Merlins Magie und lässt die Flammen an der höchsten Stelle des Feuers für einen Moment lang scharf in den Nachthimmeln empor züngeln. Er grinst zufrieden und Merlin erwidert das Grinsen, bevor Merlin sich wieder seinem Gespräch mit Iseldir zuwendet.
Als Arthur seinen Blick ein Stück nach rechts wandern lässt, entdeckt er jedoch Aglain, der ihn mit einem erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht anstarrt. Anscheinend hat er das goldene Aufleuchten in Arthurs Augen trotz des hellen Scheins des Feuers gesehen und Arthur ärgert sich augenblicklich über seine Nachlässigkeit. Aglain sieht kurz zu Merlin und dann wieder zu Arthur, als ob er die magische Verbindung zwischen ihnen spüren könnte, und vielleicht kann er das tatsächlich. Merlin hat gesagt, dass Aglain sehr mächtig ist. Schließlich sieht er Arthur direkt an, während er kaum merklich den Kopf neigt und Arthur weiß, dass sein Geheimnis bei Aglain sicher ist. Er erwidert das Nicken und lässt seinen Blick dann über die Wiese und die Beltanefeuer wandern, während er die Wärme der Flammen vor sich und die ausgelassene Stimmung genießt.
Merlin hebt kurz seinen Blick von dem Buch, das vor ihm auf seinem Schreibtisch liegt, als die Tür zu seinem Studierzimmer geöffnet wird. Nimueh betritt den runden Raum und Merlin richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf die Zeile, die er gerade gelesen hat. Er hört wie Nimueh die Tür hinter sich schließt, bevor ihre Schritte auf dem Steinboden widerhallen, als sie das Turmzimmer durchquert.
„Nimueh, was kann ich für dich tun?", fragt Merlin ohne aufzusehen. Einen Moment später, klappt er das Buch vor sich zu und steht auf, um es wegzuräumen.
„Du hast mich angelogen."
Merlin, der das Buch gerade von der Tischplatte hochheben wollte, lässt es wieder sinken und hebt den Kopf. Erst jetzt sieht er Nimueh wirklich an und der Ausdruck in ihren blauen Augen ist hart, während sich in ihrem Gesicht kein Muskel regt.
„Wovon redest du?", fragt Merlin überrascht.
„Der Kristall von Neahtid. Du hast mir gesagt, dass er dir die Zukunft zeigt, aber der Kristall ist nicht in der Lage das zu tun. Zumindest nicht auf die Art und Weise, wie du behauptest, die Zukunft gesehen zu haben." Nimueh sieht Merlin mit einem durchdringenden Blick an. „Ich habe gestern nach dem Beltanefest mit Iseldir gesprochen. Der Kristall von Neahtid ist über viele Generation hinweg
im Besitz der Druiden gewesen, bevor Uther ihn gestohlen hat. Es gibt niemanden, der mehr über die Kräfte des Kristalls weiß, als die Druiden."
Merlin überlegt, was er darauf erwidern soll. Nimueh hat vollkommen Recht und er glaubt kaum, dass sie sich mit weiteren Ausflüchten zufriedengeben wird, vorausgesetzt natürlich ihm würde auf die Schnelle etwas einfallen. Er beschließt auf Zeit zu spielen.
„Du hast Recht. Der Kristall von Neahtid hat mir nicht die Zukunft gezeigt, aber das habe ich auch nie behauptet."
Nimueh sieht ihn ungerührt an. „Ich will wissen, woher du von dem Afanc wissen konntest und woher du wusstest, dass ich verkleidet als eine von Bayards Dienerinnen nach Camelot kommen würde, um Arthur zu vergiften. Du hast mir gesagt, dass ich dir vertrauen soll, dass Arthur der Einstige und Künftige König ist und dass er ganz Albion Frieden bringen und Magie in das Land zurückbringen wird. Nur deshalb habe ich davon abgesehen Rache an Uther für das zu nehmen, was er meinen Schwestern angetan hat."
„Arthur ist der Einstige und Künftige König", antwortet Merlin bestimmt. „Und ich bin Emrys."
„Und ich möchte dir glauben", entgegnet Nimueh und Verzweiflung schwingt in ihrer Stimme mit. „Das möchte ich wirklich, denn wenn auch das nicht die Wahrheit gewesen ist, dann habe ich die vergangenen sechs Monate mit meinem Feind zusammengearbeitet, während ich dachte, er sei mein Freund."
Merlin mustert Nimueh einen Moment lang und obwohl sie versucht es zu verbergen, sieht er die Angst in ihren Augen. Eine Angst, für die es keinen Grund gibt, doch der einzige Weg sie davon zu überzeugen, ist ihr die Wahrheit zu sagen. Es ist ein Risiko Nimueh zu erzählen, woher er und Arthur kommen und warum Merlin so genau über eintretende Ereignisse Bescheid wissen konnte, aber er spürt, dass er keine andere Wahl hat. Seit ihrem Gespräch am Ufer des Sees Avalon am Morgen nach Samhain, hat Nimueh begonnen ihm wirklich zu vertrauen. Sie hat Merlin versprochen, ihr Vorhaben, den Orden der Hohepriesterinnen der Dreifaltigen Göttin wieder erstehen zu lassen, aufzugeben und Merlin weiß, dass er dieses Vertrauen wieder verlieren wird, wenn er ihr jetzt nicht die Wahrheit sagt.
„Also gut", antwortet Merlin schließlich und holt tief Luft, bevor er zu erklären beginnt. „Arthur und ich kommen aus der Zukunft. Wir haben dieses Leben schon einmal gelegt, zumindest einen Teil davon. Die nächsten vierzehn Jahre, um genau zu sein. Ich wusste, was passieren würde, weil ich es bereits erlebt habe."
Nimueh zieht die Augenbrauen zusammen und mustert Merlin für einen langen Moment, bevor sie kaum merklich den Kopf schüttelt. „Wie?"
„Die Magie hat uns zurück an den Anfang geschickt, nachdem wir dazu bereit waren, unsere Reise fortzusetzen und die Prophezeiung zu erfüllen. Es war von Anfang an vorherbestimmt, dass wir den Weg, den wir bereits gegangen sind, noch einmal gehen und dass Arthur erneut König wird, so wie er es bereits gewesen ist."
Merlin sieht wie sich Nimuehs Augen weiten, bevor sich ihr Mund zu einem lautlosen Ausdruck von Erstaunen öffnet. „Der Einstige und Künftige König", sagt sie leise und es liegt ein ehrfürchtiger Ton in ihrer Stimme, nachdem ihr klar geworden ist, was die Prophezeiung tatsächlich bedeutet.
Merlin nickt bestätigend. „Ganz genau. Erst mit unserem Wissen aus der anderen Zeit und nachdem wir aus unseren Fehlern gelernt haben, sind wir jetzt in der Lage die Prophezeiung zu erfüllen."
Nimueh blinzelt mehrere Male und für einige lange Momente sieht sie Merlin einfach nur an, doch dann ändert sich etwas in ihrem Blick.
„Welche Rolle habe ich in der anderen Zeit gespielt?", fragt sie argwöhnisch. „Ich nehme an mein Plan, Camelots Wasserspeicher zu vergiften, ist auch damals fehlgeschlagen, sonst wäre ich nicht mit Bayards Delegation nach Camelot gekommen und du wusstest, dass das passieren würde."
Merlin antwortet nicht sofort, sondern überlegt, wie viel er Nimueh sagen soll. Sie hat bereits erkannt, dass er nur von ihren Plänen, Camelot und Arthur zu schaden, wissen konnte, wenn sie diese Pläne in der anderen Zeit in die Tat umgesetzt hatte. Merlin seufzt, bevor er weiterspricht.
„Arthur und ich haben den Afanc auch in der anderen Zeit zerstört, allerdings hat es viel länger gedauert als dieses Mal. Als du mit Bayards Gefolge nach Camelot gekommen bist, wusste ich nicht wer du warst und nachdem du die Kelche vertauscht hattest, hast du mich während der Feierlichkeit gewarnt, dass Bayard etwas im Schilde führen würde. Du hast gesagt, er hätte den Kelch vergiftet und ich habe versucht Arthur davon abzuhalten aus dem Kelch zu trinken. Damals war ich allerdings nur ein Diener und niemand hat mir geglaubt, also habe ich selbst aus dem Kelch getrunken, um meine Worte zu beweisen."
Nimueh schüttelt ungläubig den Kopf. „Du hast dein Leben für Arthur riskiert, obwohl er dir nicht geglaubt hat?"
Merlin muss unweigerlich schmunzeln, als er daran denkt, was er damals alles für Arthur getan hat und wie oft er sein Leben riskiert hat, um Arthur zu beschützen. „Ich wusste damals schon, dass es sein Schicksal sein würde große Taten zu vollbringen und dass wir dazu bestimmt sind die Prophezeiung zu erfüllen."
„Wie hast du überlebt?", fragt Nimueh neugierig.
„Arthur hatte sich gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vaters auf die Suche nach der Mortaeus Blume gemacht. Uther hat ihn dafür in den Kerker geworfen, aber Gaius konnte noch rechtzeitig ein Gegenmittel herstellen und mir das Leben retten."
Nimueh sagt einen Moment lang nichts, während ihr Blick nachdenklich zu Boden gerichtet ist. Schließlich hebt sie ihren Blick wieder und der Ausdruck in ihren Augen ist gequält. „Was habe ich noch getan?"
Merlin verzieht das Gesicht. Er hat gewusst, dass Nimueh von ihm verlangen würde ihr alles zu erzählen, was in der anderen Zeit passiert ist, zumal er ihr bis jetzt nur Dinge erzählt hat, die sie bereits weiß.
„Sag es mir", verlangt Nimueh, als Merlin nicht antwortet. Sie sieht ihn eindringlich an und Merlin zieht für einen Moment in Erwägung, sich zu weigern ihr noch mehr zu erzählen. Er kann jedoch in ihren Augen sehen, dass sie sich damit nicht zufriedengeben wird. Wenn er ihr nicht ganze Wahrheit sagt, dann wäre das für sie gleichbedeutend mit einer weiteren Lüge.
„Nachdem wir es geschafft hatten einen weiteren Krieg mit Mercia zu verhindern, ist Arthur etwa ein halbes Jahr später während eines Jagdausfluges von dem Glatisant gebissen worden. Ich bin daraufhin zur Insel der Gesegneten gereist, um mein Leben für seines einzutauschen."
Nimueh schüttelt verwirrt den Kopf. „So funktioniert das nicht."
„Ja, ich weiß", antwortet Merlin mit einem Seufzen. „Aber damals wusste ich es noch nicht und du hast es mir nicht gesagt. Statt Arthur, wäre beinahe jemand anderer gestorben und ich war davon überzeugt, dass es deine Schuld gewesen ist, und dass du mich hintergangen hättest. Wir haben gekämpft und ich habe dich getötet. Du warst die Erste, die ich mit meiner Magie getötet habe, nicht, weil ich es musste, um mich oder Arthur zu verteidigen, sondern weil ich wütend gewesen bin und weil ich es konnte."
Nimueh sieht zu Boden und der Blick in ihren Augen ist leer. Zweifellos sieht sie die Bilder der Ereignisse, von denen Merlin ihr gerade erzählt hat, vor sich.
„Ich habe mich immer gefragt, ob du mich tatsächlich töten würdest, falls ich eine Gefahr für Arthur oder Camelot darstellen sollte", sagt sie und schnaubt leise, bevor sie Merlin wieder ansieht. „Ich schätze, jetzt kenne ich die Antwort."
„Ich werde tun, was nötig ist, um Arthur und Camelot zu beschützen", antwortet Merlin ungerührt. „Es hat lang gedauert, bis auf gehört habe zu zögern, das zu tun, was ich tun muss, aber jetzt zögere ich nicht mehr."
„Warum bin ich dann noch am Leben?", fragt Nimueh mit einem spöttischen Ton in ihrer Stimme. „Du konntest nicht wissen, dass ich mich nicht doch noch gegen euch stellen würde."
Merlin zuckt mit den Schultern. „Nein, das konnte ich nicht, aber als ich dich vor die Wahl gestellt habe, an deinem Hass auf Uther festzuhalten oder deine Hoffnung in eine bessere Zukunft zu setzen, hast du deine Entscheidung getroffen. Wir werden alle durch unsere Entscheidungen geprägt und diese Entscheidungen werden durch die Welt, in der wir leben und die Menschen um uns herum, beeinflusst. Die Zukunft ist nur in den seltensten Fällen vorherbestimmt und dort, wo sie es nicht ist, gibt es immer die Möglichkeit einen anderen Weg zu wählen. Du hast dich gegen die Vergangenheit und für die Zukunft entschieden und seitdem hast du mir keinen Grund gegeben, an dir zu zweifeln. Stattdessen hast du an Samhain dein Leben für Camelot riskiert und mir damit bewiesen, dass ich mich nicht in dir getäuscht habe."
Nimueh mustert Merlin nachdenklich und er gibt ihr Zeit über seine Worte nachzudenken. Schließlich tritt ein entschlossener Ausdruck in ihren blauen Augen. „Ich will, dass du es mir zeigst."
Merlin verzieht das Gesicht und schüttelt den Kopf. „Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist, Nimueh", sagt er, doch Nimueh lässt ihn kaum ausreden.
„Bitte", sagt sie leise. „Ich muss es mit meinen eigenen Augen sehen. Ich muss sehen, was aus mir hätte werden können."
Es widerstrebt Merlin ihr diesen Wunsch zu erfüllen, denn er weiß, dass es ihr nur Kummer und Schmerz bringen wird, zu sehen, wohin sie der Weg, der vor ihr gelegen hatte, hätte führen können. Irgendetwas in ihrem Blick bringt ihn jedoch dazu noch einmal darüber nachzudenken und schließlich lenkt er ein und nickt.
Merlin geht um seinen Schreibtisch herum und bleibt dann neben Nimueh stehen. Nimueh dreht sich zu ihm, bis sie sich gegenüberstehen und Merlin streckt ihr seine Hände mit den Handflächen nach oben entgegen. Nimueh legt ihre Hände in seine und sie schließen beiden die Augen.
Einen Moment darauf spürt Merlin bereits ihr Bewusstsein an seinem Geist. Er greift nach ihr und zieht sie in seine Gedanken hinüber, bevor er ihr die Erinnerungen zeigt, die sie sehen will. Er zeigt ihr ihre Begegnung auf der Insel der Gesegneten, das hämische, selbstgefällige Grinsen, als sie Merlins offensichtliche Unwissenheit ausgenutzt hat, die Arroganz und Überheblichkeit mit der sie ihn glauben ließ, dass er sein Leben gegen das von Arthur eintauschen könnte. Die anschließende Genugtuung Gaius beinahe sterben zu sehen und schließlich ihr Entsetzen, als sie feststellen musste, dass Merlin ihr überlegen war. In dem Moment, als Merlin in seiner Erinnerung den Blitz auf Nimueh herabsausen ließ, endet die Szene abrupt.
Nimueh zieht ihre Hände zurück, als hätte sie sich verbrannt. Sie schnappt nach Luft und während sie ihre Augen öffnet, weicht sie unwillkürlichen einen Schritt zurück. Merlin kann den Ausdruck blanken Entsetzens in ihren Augen sehen, der sich kurz darauf in Abscheu verwandelt. Abscheu darüber, was in der anderen Zeit aus ihr geworden ist. Eine Träne löst sich aus ihrem rechten Auge und läuft ihr die Wange hinunter, während sie ihren Blick jedoch nicht von Merlin abwendet.
„Ich war so von Hass und Wut zerfressen, dass es mich nicht gekümmert hat, ob die Welt um mich herum brennt, solange ich nur meine Rache bekommen hätte." Ihre Stimme ist rau und als sie die Träne auf ihrer Wange bemerkt, wischt sie sie eilig bei Seite.
Merlin greift nach ihren Händen und als Nimueh versucht sie ihm zu entziehen, hält er sie fest und sieht ihr fest in die Augen.
„Diese Version von dir, die du in meinen Erinnerungen gesehen hast, ist nicht die Person, die du heute bist, Nimueh. Uther hat schreckliche Dinge getan und du hattest allen Grund, Rache zu fordern, aber du hast dich dieses Mal nicht von deinem Hass verzehren lassen. Stattdessen hast du einen anderen Weg gewählt und ich bin stolz darauf, dich in dieser Zeit eine Verbündete Camelots und eine Freundin nennen zu dürfen."
Nimueh presst die Lippen aufeinander und lächelt schmal und in ihren Augen schimmern erneut Tränen, doch dieses Mal sind es Tränen der Dankbarkeit. Merlin erwidert ihr Lächeln und drückt sanft ihre Hände. Dann wird sein Lächeln breiter und er zwinkert ihr zu.
„Und außerdem, ich und Arthur werden die für immer dankbar dafür sein, dass du uns das Leben gerettet hast."
Nimueh zieht die Augenbrauen zusammen und sieht ihn verwirrt an. „Wann habe ich euch das Leben gerettet?"
„Als Arthur und ich auf die Jagd gegangen sind, ohne jemandem zu sagen, wohin wir gehen und du mit dem magischen Spiegel nach uns gesucht hast. Wenn du Leon nicht gesagt hättest, dass es uns gut geht, dann hätte er Camelots gesamte Armee mobilisiert um uns zu suchen und am Ende hätte er uns für die ganze Sache einen Kopf kürzer gemacht."
Nimueh lacht unweigerlich auf und schüttelt dann amüsiert den Kopf. „Ich schätze, das hätte er wirklich getan."
Merlin grinst, froh darüber, dass er Nimueh für den Moment von ihren Gedanken ablenken konnte. Einen Moment darauf wird ihm bewusst, dass er immer noch ihre Hände in seinen hält und er lässt sie eilig wieder los.
„Tut mir leid, ich wollte nicht…", beginnt er, aber Nimueh schüttelt sachte den Kopf.
„Nein, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich habe ganz vergessen, wie es ist, jemandem nahe zu sein", sagt sie und ein Lächeln erscheint auf ihren Lippen. „Danke."
Merlin nickt und ihm wird klar, dass Nimueh, obwohl sie nun schon seit beinahe einem Jahr im Schloss ist, keine Freundschaften geschlossen hat. Die Ritter beäugen sie immer noch wachsam, auch wenn die Bewohner des Schlosses sich mittlerweile an ihre Anwesenheit gewöhnt haben. Morgana und Lady Evaine sind stets offen und freundlich zu ihr und sie verbringt viel Zeit mit Morgause, aber ansonsten bleibt Nimueh oft für sich. Merlin wird bewusst, dass sie vermutlich deshalb versucht hat von allen Abstand zu halten, weil sie sich immer noch nicht sicher gewesen ist, ob sie Merlin und Arthur tatsächlich vertrauen kann.
„Wer weiß noch davon?", fragt Nimueh und holt Merlin damit wieder in die Gegenwart zurück.
„Was die Nimueh in der anderen Zeit getan hat? Niemand, nur Arthur und ich", antwortet Merlin und Nimueh nickt nachdenklich.
„Gut. Und wer weiß, dass ihr aus einer anderen Zeit kommt?"
„Kilgharrah, die Ritter der Tafelrunde, meine Eltern und Morgana wissen davon", sagt Merlin und wirft Nimueh dann einen vielsagenden Blick zu. „Und dabei möchten wir es belassen."
Nimueh nickt, ohne zu zögern. „Ich werde es niemandem erzählen", verspricht sie.
Merlin nickt dankbar, bevor er sie aufmerksam ansieht. „Alles in Ordnung?"
Nimueh fragt nicht, was er meint, sondern lächelt nur schmal. „Nein, aber das wird es bald wieder sein. Ich brauche nur etwas Zeit."
Merlin nickt verständnisvoll. „Wenn du jemandem zum Reden brauchst, dann weißt du, wo du mich findest", sagt er und einer Eingebung folgend fügt er hinzu: „Oder du könntest es mit Percival versuchen, er ist ein sehr guter Zuhörer."
Nimueh lacht leise und Merlin kann sehen, dass sie weiß, was er mit diesem Vorschlag bezweckt. Sie lächelt jedoch dankbar und es ist ein offenes und ehrliches Lächeln.
„Danke", sagt sie und Merlin nickt als Antwort lediglich.
Dann dreht Nimueh sich um und geht zur Tür. Als sie den Raum verlässt, sieht Merlin ihr nach und er glaubt, dass es durchaus möglich sein könnte, dass sich Nimueh seinen Rat in Bezug auf Percival zu Herzen nehmen wird.
Eine Woche nach dem Beltanefest finden sich Arthur, Merlin, Morgana, die Ritter der Tafelrunde und Guineveres Vater Tom an einem klaren und warmen Morgen in der Ratshalle ein, um der Heirat von Lancelot und Guinevere beizuwohnen. Lancelot hat am Rande der Feuer an Beltane um Guineveres Hand angehalten und Guinevere hat überglücklich zugestimmt seine Frau zu werden.
Die Sonne wirft ihre hellen Strahlen durch die Fenster der Ratshalle, während Guinevere und Lancelot sich an den Händen halten und einander liebevoll ansehen. Arthur steht vor ihnen und legt das dunkelblaue Tuch über ihre Hände, bevor er sie zu Mann und Frau erklärt und Lancelot seine Guinevere daraufhin unter dem Beifall der versammelten Freunde und Guineveres Familie leidenschaftlich küsst.
Arthur hat ein breites Lächeln auf den Lippen und er gönnt Lancelot und Guinevere ihr Glück von ganzem Herzen. Seine Liebe für seine Guinevere ist echt gewesen und auch Guinevere hat Arthur aufrichtig geliebt, aber Lancelot ist trotz allem immer ihre wahre Liebe gewesen. Sein Schatten schwebte während ihrer Ehe stets über ihnen, egal wie sehr sie auch versuchten es zu ignorieren. Letztendlich ist ihm seine Guinevere durch eine Laune des Schicksals genommen worden und Arthur trauert immer noch um sie und ihren gemeinsamen Sohn, der mit ihr zusammen gestorben ist.
Die Guinevere aus dieser Zeit jedoch heute so strahlend vor Glück zusammen mit Lancelot vor sich zu sehen, erfüllt Arthurs Herz mit Freude und lindert der Schmerz, der die letzten Jahre über sein ständiger Begleiter gewesen ist. Dies hier ist eine glücklichere Zeit und vor ihnen liegt eine bessere Zukunft. Dafür haben Arthur und Merlin gesorgt und werden es auch weiterhin tun.
Arthur öffnet die Augen, als er Schritte auf den grasbewachsenen Boden auf sich zukommen hört. Er sitzt an Aithusas Bauch gelehnt - was mittlerweile möglich ist, da sie die Größe eines stattlichen Ponys erreicht hat - und Aithusa hat sich wie eine Schlange um ihn zusammengerollt. Arthur streichelt abwesend mit einer Hand über ihre seidigen Schuppen, während sie beide unter der großen Eiche am Rande des Trainingsfeldes den warmen Tag und die Sonnenstrahlen genießen, die durch die Blätter fallen. Es sieht jedoch ganz so aus, als ob ihre kleine Auszeit nun vorbei wäre.
Als Arthur aufsieht, entdeckt er Merlin, der mit einem ersten Ausdruck auf dem Gesicht über die Wiese auf ihn und Aithusa zukommt und schließlich vor Arthur stehen bleibt.
„Wir haben ein Problem", verkündet er.
„Dann löse es", entgegnet Arthur träge. Er ist noch nicht bereit dazu sich wieder seinen Pflichten als König zu widmen und er krault Aithusa an einer Stelle an ihrem Kiefer, der sie mit ihrer Schwanzspitze zucken lässt.
Merlin sieht Arthur einen Moment lang unbewegt an, bevor er mit den Schultern zuckt. „Also gut, gib mir 30 Ritter, Morgause und Nimueh und ich werde das Problem innerhalb von 3 Tagen aus der Welt schaffen."
Arthur zieht die Augenbrauen nach oben. „In Ordnung. Du hast meine Aufmerksamkeit. Was ist das für ein Problem?"
Merlin grinst selbstgefällig, aber das Grinsen erreicht seine Augen nicht. „Die Patrouille, die du nach Elmet geschickt hast, ist gerade zurückgekommen und anscheinend hat Hengist das ehemalige Gebiet des Landes der Gefahren für sich beansprucht, nachdem der Landstreifen wieder bewohnbar geworden ist und er hat angefangen Männer um sich zu scharen, um Mercia anzugreifen, nachdem Bayard ihn aus seinem Königreich gejagt hat."
Arthur denkt einen Moment lang darüber nach. „Bayard sollte alleine mit Hengist und seinen Männern fertig werden können."
„Vermutlich, aber er würde dabei aller Wahrscheinlichkeit nach empfindliche Verluste hinnehmen müssen", antwortet Merlin. „Ector hat berichtet, dass Hengist zwei Zauberer unter seinen Leuten hat und einer davon kann Feuerbälle in der Größe eines Bierfasses werfen. Bayard wiederum hat keinen einzigen Zauberer in seinen Diensten und er toleriert es geradeso, dass Camelot seine Gesetze in Bezug auf Magie geändert hat."
Arthur flucht leise, was Aithusa dazu veranlasst eines ihrer Augenlider zu heben und ihn argwöhnisch anzusehen. Er lächelt daraufhin liebevoll und streicht ihr über den Hals. „Nicht du, Aithusa. Schlaf weiter, du kannst uns ohnehin nicht helfen, solange du noch kein Feuer spucken kannst."
Aithusa stößt eine kleine Rauchwolke aus, wie um zu demonstrieren, dass sie sehr wohl Feuer spucken kann, wenn sie es will, auch wenn es kaum mehr als kleine Flämmchen begleitet von sehr viel Rauch sind, und Arthur lächelt amüsiert. „Deine Zeit wird kommen. Warte noch ein paar Jahre."
Aithusa sieht Arthur an und blinzelt dann ein paar Mal, bevor sie gähnt, ihren Kopf wieder auf den Boden sinken lässt und die Augen schließt. Sie versteht mittlerweile beinahe alles, was man zu ihr sagt, auch wenn sie bisher noch kein einziges Wort gesprochen hat, weder laut, noch in Gedanken, aber Balinor hat gesagt, dass sie sich darüber keine Sorgen machen sollen. Sie ist immerhin gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahr alt. Arthur streichelt Aithusa noch einmal über den Hals, bevor er aufsteht.
„Wir müssen Bayard berichten, was wir in Erfahrung gebracht haben und ihm unsere Hilfe anbieten", sagt er.
Merlin legt nachdenklich die Stirn in Falten, während sie über die Wiese zurück in Richtung des Schlosses gehen. „Glaubst du, er wird sich dazu bereit erklären Seite an Seite mit Camelots Zauberern zu kämpfen?"
„Oh ja, das wird er", antwortet Arthur zuversichtlich und wirft Merlin einen vielsagenden Blick zu. „Gleich nachdem du ihm gezeigt hast, welchen Schaden ein Feuerball in der Größe eines Bierfasses anrichten kann."
Wie Arthur es vorhergesagt hat, brauchte es tatsächlich nicht mehr als einen Feuerball in der Größe eines Bierfasses, um Bayard davon zu überzeugen, dass es töricht wäre, sich Hengist alleine und ohne magische Unterstützung in den Weg zu stellen. Bayard begann daraufhin seine Truppen zusammen zu ziehen und Arthur stieß wenige Tage später mit 30 seiner Ritter, Merlin, Morgause und Nimueh zu ihnen.
Mit den ersten Sonnenstrahlen an diesem Morgen würden sie nun von ihrem Lager an der Grenze zu Mercia aus nach Elmet reiten, um Hengists Festung, die einst dem Fischerkönig gehört hat, anzugreifen.
Der Eingang zu Arthurs Zelt ist geöffnet und im fahlen Licht draußen auf der grasbewachsenen Ebene sind die letzten Rauchwölkchen der Feuerstellen zu sehen, die nach und nach gelöscht werden. Im Lager herrscht reges Treiben, um den Aufbruch vorzubereiten, während Merlin konzentriert und mit gesenktem Kopf die letzten Schnallen an Arthurs Plattenschultern schließt.
Arthur spürt die Magie, die dabei in kleinen Wellen über seine Rüstung läuft und er lächelt liebevoll.
„Ich kann fühlen, wie du neue Schutzzauber über meine Rüstung legst, weißt du", sagt er und Merlin sieht auf. Für einen Augenblick sieht er erstaunt aus, doch dann grinst er verlegen und zuckt mit den Schultern.
„Alte Gewohnheit", meint er.
Arthur schnaubt amüsiert und schüttelt den Kopf. „Das hast du jedes Mal gemacht, wenn ich in die Schlacht geritten bin, nicht wahr?"
„Ja, jedes einzelne Mal", antwortet Merlin. „Mit dem Unterschied, dass ich damals nicht stark genug gewesen bin, um dich tatsächlich vor ernsthaften Verletzung zu schützen." Er grinst zufrieden. „Jetzt bin ich es."
„Das bist du, aber du hast etwas vergessen", antwortet Arthur, bevor er eine Hand hebt und sie auf das rote Wildleder von Merlins wattierter langer Jacke direkt über sein Herz legt. Arthurs Augen leuchten golden auf, als er mithilfe von Merlins Magie einen Schutzzauber in das Leder der Jacke und in Merlins dunkelblaues Halstuch webt. „Ich kann dich jetzt ebenfalls mit Magie beschützen."
Merlin beißt sich auf die Unterlippe und sieht Arthur mit einem hungrigen Blick an. „Du hast ja keine Ahnung, was es mit mir macht, wenn du Magie benutzt und deine Augen golden aufleuchten", sagt er mit rauer Stimme und legt seine Finger über Arthurs Hand, bevor er sich nach vorne beugt und Arthur verlangend küsst.
„Ahem."
Arthur löst sich widerwillig aus dem Kuss und dreht den Kopf zum Eingang des Zeltes, wo er Gwaine entdeckt.
„Es tut mir leid, wenn ich störe", sagt Gwaine, während er sie mit einem Grinsen beobachtet.
Arthur schnaubt. „Nein, tut es nicht."
„Nein, tut es nicht", bestätigt Gwaine und wackelt mit den Augenbrauen. „Aber nachdem ich jetzt ein verheirateter Mann bin, muss ich so etwas sagen."
Arthur schnaubt erneut, aber er weiß, dass Gwaine Morgana niemals betrügen würde, schon allein deshalb nicht, weil sie ihn dafür umbringen würde.
„Was willst du?", fragt Merlin und Gwaines Gesichtsausdruck wird einen Moment darauf ernst.
„Es gibt da etwas, das ihr euch ansehen müsst", antwortet er vage und bedeutet Arthur und Merlin mit einem Kopfnicken ihm zu folgen.
Arthur greift nach seiner Krone und setzt sie sich auf den Kopf, während er und Merlin das Zelt verlassen und Gwaine im trüben Licht des Morgens durch das Lager folgen. Die Männer, die sich dazu bereit machen aufzubrechen, neigen die Köpfe, als die drei sie passieren und Gwaine führt sie in Richtung von Bayards Zelt, das auf einem kleinen Hügel steht. Die Zeltplanen aufgeschlagen und die beiden Soldaten, die vor dem Eingang stehen, treten bei Seite, als Arthur, Merlin und Gwaine sich ihnen nähern. Als sie das Zelt betreten, sieht Arthur, dass Bayard neben zwei seiner Lords im hinteren Teil des Zeltes steht. Einer davon ist Sir Barclay, ein stämmiger Mann mit kurzen blonden Haaren von dem Arthur weiß, dass er Bayards erster Ritter ist. Der andere Mann ist älter, mit langen grauen Haaren, die zu einem Zopf geflochten sind und er ist Arthur als Lord Leland vorgestellt worden. Zwei Soldaten stehen innen am Eingang des Zeltes und auf dem Boden zwischen zwei Rittern kniet ein Mann in einem braunen Lederwams, dessen Hände hinter dem Rücken mit einem Seil gefesselt sind.
Bayards Gespräch mit seinen Beratern verstummt, als er Arthur sieht und er nickt ihm nur kurz zur Begrüßung zu.
„Wir haben diesen Mann gefunden, als er versucht hat in unser Lager zu gelangen", berichtet Bayard knapp. „Als wir ihn gefangen nehmen wollten, hat er zwei Soldaten mit Magie angegriffen, bevor er mit einem Schlag auf den Kopf unschädlich gemacht werden konnte. Wir glauben, dass er einer von Hengists Spionen ist. Was meint Ihr sollen wir mit ihm tun, König Arthur?"
Der Mann auf dem Boden hebt den Kopf und sieht sich um, doch bevor Arthur etwas auf Bayards Frage hin erwidern kann, hört er Merlins überrascht Stimme neben sich.
„Gilli?"
Der Mann auf dem Boden, der im Grunde nur ein Junge und kaum älter als Arthur und Merlin ist, starrt Merlin erstaunt an. „Woher wisst Ihr meinen Namen?", stammelt er.
Arthur wirft einen interessierten Blick zu Merlin hinüber und als er sich den Jungen genauer ansieht, glaubt Arthur ihn ebenfalls schon einmal gesehen zu haben.
Merlin stock kurz, doch dann verschränkt er die Arme hinter dem Rücken und sieht den jungen Mann von oben herab an. „Ich bin Emrys. Ich weiß alles."
Arthur muss sich zusammenreißen, um nicht mit den Augen zu rollen als er das hört und Gwaine neben ihm schafft es gerade noch ein Schnauben zu unterdrücken.
Bayard wirft Merlin einen unbeeindruckten Blick zu. „Kennt Ihr diesen Mann?"
„Nein, das tue ich nicht", antwortet Merlin und schüttelt den Kopf. „Aber ich weiß von ihm."
Bayard betrachtet ihn geringschätzig. „Wollt Ihr das näher erläutern?", fragt er, aber auch wenn es genau genommen keine Frage ist, nickt Merlin entgegenkommend.
„Ich habe mithilfe eines Zaubers nach Menschen gesucht, die über magische Fähigkeiten verfügen und bin dabei auf Gilli aufmerksam geworden. Er lebte damals mit seinem Vater in einem kleinen Dorf und da er seine Magie nicht für unmoralische oder gefährliche Zwecke eingesetzt hat, habe ich ihm keine weitere Beachtung geschenkt."
Gilli sieht Merlin mit großen Augen an und Merlins Blick wandert zu Gillis Händen hinunter, bevor er sich wieder an Bayard wendet. „Habt Ihr etwas bei ihm gefunden? Einen Ring vielleicht?"
Bayard mustert Merlin einen Moment lang, dann nickt er Sir Barclay neben sich zu, der daraufhin einen silbernen Ring hervorholt und Merlin übergibt.
„Den haben wir ihm abgenommen. Einer meiner Männer hat gesehen, wie der Ring geleuchtet hat, als er der Junge Magie benutzt hat."
„Woher wusstet Ihr von dem Ring?", fragt Bayard und sein Blick macht deutlich, dass er Merlin misstraut.
Merlin betrachtet den Ring kurz und lächelt dann bereitwillig. „Dieser Ring ist der Grund dafür, dass ich überhaupt auf Gilli aufmerksam geworden bin. Er trägt das Symbol der alten Religion und er erlaubt es Gilli Magie zu benutzen, ohne darin unterwiesen worden zu sein."
Lord Leland zieht die Augenbrauen zusammen. „Soll das heißen er ist kein Zauberer?"
„Doch, er ist ein Zauberer," antwortet Merlin. „Der Ring bündelt seine Kräfte und macht ihn um ein Vielfaches stärker. Ohne ihn stellt Gilli keine Gefahr für Euch dar."
Arthur beobachtet Bayard und seine Berater, während er mit seinem Geist nach Merlin sucht. „Wie viel von dem, was du ihnen gerade erzählt hast, ist tatsächlich wahr?", fragt er neugierig.
„Das meiste davon. Allerdings habe ich nicht mit einem Zauber nach Gilli gesucht. Er ist in der anderen Zeit nach Camelot gekommen, um an dem Turnier teilzunehmen, in dem die einzige Regel ist, dass es keine Regeln gibt. Er hat tapfer gekämpft, aber er hat mit Magie betrogen. Er wollte Uther im Finale töten, weil sein Vater ihm aus Angst davor, entdeckt zu werden, immer verboten hat Magie zu benutzen und am Ende sogar gestorben ist, anstatt sich selbst mit Magie zu verteidigen. Gilli hat jedoch eingesehen, dass es seinen Vater nicht wieder lebendig machen würde, wenn er Uther tötet und so hat er ihn schließlich gewinnen lassen."
„Ich wusste, dass er mir irgendwie bekannt vorkommt", sagt Arthur, als ihm klar wird, wo er Gilli schon einmal gesehen hat. Er vergisst normalerweise nie ein Gesicht.
„Mach dir nichts draus, es ist immerhin schon ziemlich lange her", meint Merlin.
Bayard und seine Berater tauschen unterdessen einen kurzen Blick. Dann richtet Bayard seine Aufmerksamkeit wieder auf Gilli und der Ausdruck in seinen Augen ist kalt. „Warum bist du in unser Lager gekommen?"
Gilli schluckt schwer, bevor er antwortet. „Ich bin gekommen, um euch zu warnen", sagt er schließlich zögerlich. „Hengist weiß, dass ihr kommt. Er weiß von dem bevorstehenden Angriff."
Sir Barclay mustert den Jungen skeptisch. „Woher weißt du das?"
Gilli sieht zu Boden, als er antwortet. „Ich war einer von Hengists Männern."
„Du hast dich Hengist angeschlossen?", fragt Merlin ungläubig.
Arthur sieht, wie Bayard Merlin einen geringschätzigen Blick zuwirft. Merlin, der Gilli ansieht, bemerkt es jedoch nicht und Gillis hat den Blick weiterhin vor sich auf den Boden gerichtet, als er stumm nickt.
„Warum wolltest du uns dann warnen?", fragt Arthur, um eine Antwort von Gilli zu bekommen, bevor Bayard die Geduld verlieren würde.
Ein gequälter Ausdruck tritt auf Gillis Gesicht. „Ich konnte nicht tun, was er von mir verlangt hat", sagt er mit leiser Stimme. „Ich wollte weggelaufen, aber dann ist mir klar geworden, dass ihr direkt in seine Falle laufen würdet, wenn ich euch nicht warne."
„Woher sollen wir wissen, dass du uns nicht anlügst?", fragt Lord Leland, der die Arme vor der Brust verschränkt hat und Gilli anscheinend kein Wort glaubt.
Gilli sieht ihn flehentlich an. „Das tue ich nicht! Ich sage die Wahrheit. Ich schwöre es!"
„Er könnte versuchen, uns überhaupt erst in eine Falle zu locken", gibt Sir Barclay an Bayard gewandt zu bedenken. „Ich sage, wir lassen ihn hinrichten und kümmern uns um andere Dinge."
„Bitte, ich schwöre es, ich versuche nicht euch hereinzulegen", ruft Gilli entsetzt und versucht sich nach vorne zu werfen, aber die Ritter neben ihm halten ihn unnachgiebig an den Schultern fest. „Ich wollte doch nur, dass jemand meine Fähigkeiten würdigt, aber Hengist ist nichts weiter als ein niederträchtiger Lügner und ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht, als ich mich ihm angeschlossen habe. Bitte, ihr müsst mir glauben!"
„Er sagt die Wahrheit", versichert Merlin, aber Bayard, Sir Barclay und Lord Leland sehen keineswegs überzeugt aus.
„Woher wollt Ihr das wissen?", fragt Sir Barclay und Merlin erwidert seinen Blick hochmütig.
„Weil ich es spüren kann", sagt Merlin und seine Augen leuchten für einen Moment golden auf.
Obwohl Camelot und Mercia Verbündete sind, kann Arthur deutlich das Misstrauen in den Gesichtern von Lord Leland und Sir Barclay sehen und Bayards erster Ritter bewegt unbewusst seine Hand zu seinem Schwert. Bayard selbst lässt sich jedoch nichts anmerken und Sir Barclay ist nicht töricht genug Merlin ohne einen Befehl seines Königs oder eine unmittelbare Bedrohung anzugreifen.
„Kannst du wirklich spüren, ob Gilli die Wahrheit sagt?", fragt Arthur Merlin in Gedanken, bevor er es verhindern kann und er spürt augenblicklich Merlins Belustigung.
„Nein, nicht ohne in seinen Geist einzudringen, aber Gilli hat ein gutes Herz. Er sagt die Wahrheit."
„Was sollen wir jetzt also mit ihm tun, König Arthur?", fragt Bayard schließlich.
„Ich bin sicher, dass uns Gilli wichtige Informationen über Hengists Männer und seine Verteidigung geben kann", sagt Arthur mit Bedacht.
Merlin sieht erwartungsvoll zu Gilli hinunter, der sofort bereitwillig nickt. „Ja, natürlich. Ich werde euch alles sagen, was ich weiß."
Bayard überlegt einen Moment lang, doch schließlich nickt er. „Also schön. Dann werde ich dich am Leben lassen."
Ein erleichterter Ausdruck tritt auf Gillis Gesicht. „Ich danke Euch, Sire. Ich werde alles tun, was ich kann, um euch zu helfen."
„Du kannst damit anfangen uns von dem anderen Zauberer zu erzählen", verlangt Sir Barclay. „Unsere Spione haben berichtet, dass Hengist zwei Zauberer hat."
Gilli nickt bestätigend. „Der andere Zauberer heißt Cylferth. Er weiß sehr viel über Magie und er ist sehr mächtig. Er hat mich unterrichtet, während ich bei Hengist und seinen Männern gewesen bin. Die Falle, die er sich ausgedacht hat, funktioniert allerdings nur mit zwei Zauberern und ich glaube nicht, dass sie schon bemerkt haben, dass ich nicht mehr da bin. Wenn ihr Hengist jetzt angreift, könnt ihr ihn unvorbereitet treffen."
„Kennst du diesen Cylferth?", fragt Arthur in Gedanken an Merlin gewandt und er spürt Merlins Unbehagen, noch bevor er ihm antwortet.
„Nein, ich habe noch nie von ihm gehört."
Bayard wirft einen fragenden Blick zu Merlin und Merlin nickt, als Bestätigung dafür, dass Gilli immer noch die Wahrheit sagt.
Daraufhin wendet sich Bayard an Sir Barclay. „Nehmt ihn mit und bringt alles in Erfahrung, was für uns von Vorteil sein könnte. Lord Emrys wird Euch begleiten, damit wir uns sicher sein können, dass er die Wahrheit sagt. Danach sperrt ihn ein und sammelt Eure Männer. Wir werden entscheiden, was mit ihm passiert, sobald wir uns um Hengist gekümmert haben."
Der Ritter nickt und will sich in Bewegung setzen, aber Gilli schüttelt den Kopf. „Bitte, ich kann Euch helfen! Ich weiß wie man Magie im Kampf einsetzt, und will wiedergutmachen, was ich getan habe."
Sir Barclay sieht ihn erstaunt an, während Lord Leland schnaubt. „Du hast gerade Hengist verraten. Was lässt dich glauben, dass wir dir vertrauen würden?"
„Weil ihr nicht viel Zeit habt", antwortet Gilli und ein entschlossener Ton liegt in seiner Stimme. „Ich kann mit euch kommen und euch alles sagen, was ich weiß. Das Schloss, das Hengist für sich beansprucht hat, ist alt und die Mauern sind an vielen Stellen eingestürzt. Hengist hat nicht genug Männer, um alle diese Stellen zu bewachen. Ich kann euch zeigen, wie ihr ihm in den Rücken fallen könnt, aber wir müssen schnell handeln, bevor er merkt, dass ich weg bin."
Bayard sieht Gilli nachdenklich an und Arthur nutzt den Moment, um mit seinem Geist Merlin zu berühren.
„Was denkst du?"
„Ich denke, wir sollten ihm eine Chance geben", antwortet Merlin. „Er ist kein schlechter Mensch, er hat nur eine falsche Entscheidung getroffen, weil er sich Anerkennung gewünscht hat. Deswegen hat er damals auch an dem Turnier teilgenommen. Seine Magie ist das einzige, das ihn zu etwas Besonderem macht und mit dem Ring ist er ein ziemlich starker Zauberer. Er hat einen Fehler gemacht, indem er sich Hengist angeschlossen hat, aber er hat sich letzten Endes gegen ihn gestellt und das richtige getan, genau wie in der anderen Zeit auch und das ist es, was zählt."
Arthur lässt seinen Blick noch einen Moment lang auf Gilli ruhen, aber er vertraut Merlins Urteil. „Also gut."
„König Bayard", sagt Arthur als Nächstes laut. „Ich denke, er verdient eine Chance seine Fehler wieder gut zu machen. Ich werde die Verantwortung für ihn übernehmen und Lord Emrys wird dafür sorgen, dass er uns nicht hintergeht."
Bayard mustert Arthur für einen langen Augenblick, aber er scheint zu dem Schluss zu gelangen, dass es das Risiko wert ist. „Wie Ihr wollt", sagt er und macht eine Handbewegung, woraufhin die beiden Ritter Gilli auf die Füße ziehen und das Seil um seine Handgelenke herum losbinden.
Gilli sieht erstaunt von Arthur zu Bayard und wieder zurück und schließlich fällt er vor beiden auf die Knie und verbeugt sich tief. „Ich danke Euch, König Bayard, König Arthur. Ihr werdet es nicht bereuen. Das schwöre ich."
Bayard wirft noch einmal einen kurzen Blick auf Gilli, bevor er sich wieder an Arthur wendet. „Wir werden wie geplant aufbrechen. Unterrichtet Sir Barclay über sämtliche neuen Erkenntnisse in Bezug auf Hengists Verteidigung, damit wie entscheiden können wie wir unser Vorgehen anpassen. Sir Barclay, gebt Lord Emrys den Ring, den ihr bei dem Jungen gefunden habt."
Sir Barclay hat einen starren Ausdruck auf dem Gesicht und es ist offensichtlich, dass er von diesem Vorgehen nicht begeistert ist, aber er stellt die Entscheidung seines Königs nicht infrage und händigt Merlin den Ring aus. Merlin steckt ihn in seine Tasche und anschließend verlassen er, Arthur, Gwaine und Gilli das Zelt, wobei Gwaine Gilli an der Schulter packt und ihn mit sich zieht.
Während sie sich auf den Weg durch das betriebsame Lager machen, wirft Arthur Merlin einen Blick von der Seite zu. Sie habe nicht viel Zeit, um eine neue Angriffsstrategie zu entwickeln, und wenn Merlin sich in Gilli irrt, dann werden sie dafür teuer bezahlen.
„Ich hoffe du weißt, was du tust", sagt Arthur in Gedanken. „Wenn das hier schiefgeht, dann wird es eine ganze Zeit lang dauern, bis Bayard mir wieder vertraut."
„Ich weiß, was ich tue", entgegnet Merlin. „Indem Gilli uns hilft, können wir viele Leben retten."
Arthur überlegt einen Moment lang. „Du hast gesagt, dass Gilli ohne den Ring kein besonders starker Zauberer ist, und dass der Ring seine Magie bündelt und sie um ein Vielfaches verstärkt. Warum geben wir den Ring dann nicht Morgause oder Nimueh?"
Arthur spürt, wie Merlin kurz zögert. „Ich habe gesagt, dass Gilli ohne den Ring keine Gefahr darstellt. Er ist tatsächlich ein ziemlich mächtiger Zauberer, nur vollkommen untrainiert. Der Ring bündelt seine Magie so stark, dass er sie benutzen kann, ohne dafür einen Zauberspruch zu benötigen, der die Magie für ihn bündeln würde. Er muss sogar relativ mächtig sein, um den Ring überhaupt benutzen zu können. Was deine Frage angeht: Ich befürchte, dass der Ring Nimueh oder Morgause überwältigen könnte, und dass sie Zeit brauchen würden, um sich daran zu gewöhnen. Zeit, die wir nicht haben. Wir können also entweder Gilli den Ring geben, oder wir haben einen Zauberer weniger."
Arthur denkt kurz darüber nach, aber er ist bereit Merlin, was diese Einschätzung angeht, zu vertrauen. „Na gut, dann geben wir den Ring Gilli", sagt er und er spürt durch ihre Verbindung hindurch Merlins Dankbarkeit, bevor Merlin ihm kurz zunickt.
Kurz darauf erreichen sie Arthurs Zelt und als sie davor stehen bleiben, sieht Gwaine mit einem erwartungsvollen Blick zwischen Arthur und Merlin hin und her.
„Also, wie machen wir es?"
Arthur wird bewusst, dass Gwaine mittlerweile anscheinend genug Übung hat, um Merlin und Arthurs wortlose Unterhaltungen zu bemerken.
„Sorg dafür, dass Gilli ein Schwert bekommt", sagt Merlin. „Abgesehen davon wirst du an seiner Seite bleiben. Was auch immer passiert, du wirst ihn nicht aus den Augen lassen und ihm nicht von der Seite weichen. Wenn er irgendetwas Verdächtiges oder Dummes tut, dann kannst du mit ihm verfahren, wie du es für richtig hältst."
Gwaine nickt ohne zu zögern und Arthur sieht, wie sich Gillis Augen weiten, als er zuerst Merlin und dann Gwaine erschrocken ansieht. Er fasst sich jedoch ziemlich schnell wieder und Entschlossenheit tritt in seinen Blick.
„Ich werde euch nicht hintergehen, das schwöre ich", sagt er.
„Das solltest du auch besser nicht tun", antwortet Merlin, während er den Ring aus seiner Tasche holt und ihn Gilli zurückgibt. Gilli sieht Merlin mit großen Augen an und steckt den Ring dann wieder an seinen Finger.
„Also dann, auf geht's", sagt Gwaine und schlägt Gilli eine Hand auf die Schulter, bevor er ihn mit sich in Richtung der Zelte der Ritter schiebt, während Merlin und Arthur sich auf den Weg zu ihren Pferden machen.
Wenn ihm an diesem Morgen, als er die Schnallen von Arthurs Plattenschultern geschlossen hat, jemand gesagt hätte, dass Gilli als Zauberer für Hengist gearbeitet hätte, dann hätte Merlin ihn mit einem mehr als nur zweifelnden Blick bedacht. Und wenn diese Person ihm dann noch erzählt hätte, dass Gilli am Ende dieses Tages König Bayard das Leben retten und von ihm zum Hofzauberer von Mercia ernannt werden würde, dann hätte Merlin endgültig am Geisteszustand des Überbringers dieser Nachrichten gezweifelt. Gilli erwies sich jedoch als überraschend fähiger Zauberer und dank seiner Informationen blieb die Falle, die Hengist für sie vorbereitet hatte, wirkungslos, da Cylferth, wie Gilli es vorhergesagt hatte, nicht in der Lage war, den Zauber allein zu wirken.
Als sie Cylferth schließlich in die Enge getrieben hatten, warf er, in einem verzweifelten Versuch sich den Weg frei zu kämpfen, einen Feuerball geradewegs auf Bayard, der sich umringt von seinen treuesten Rittern an den Kämpfen beteiligte. Merlins Aufmerksamkeit war gerade in diesem Moment auf die andere Seite der Kämpfe gerichtet gewesen, sodass er nicht schnell genug hatte eingreifen können. Er verfolgte die Bahn des Feuerballs mit Entsetzen, doch kurz bevor das Geschoss Bayard getroffen hätte, errichtete sich vor dem König von Mercia eine golden schimmernde Wand, und der Feuerball zerbarst daran mit einem hellen Funkenregen.
Als Merlin danach suchte, wer den Schutzzauber gewirkt hat, fiel sein Blick auf Gilli, der mit einem goldenen Leuchten in den Augen und einer ausgestreckten Hand dastand. Bayard sah Gilli ebenfalls und betrachtete ihn einen Moment lang mit zusammengezogenen Augenbrauen, bevor er sein Pferd antrieb und sich wieder in den Kampf stürzte.
Mit einer Handbewegung machte Merlin Cylferth unschädlich und als er kurz darauf das halb verfallene Schloss über Hengist und einem Teil seiner Männer einstürzen ließ, ergaben sich die Restlichen von ihnen und legten ihre Waffen nieder.
Der ganze Kampf dauerte kaum mehr als eine halbe Stunde und keiner von Bayards oder Arthurs Rittern wurde ernsthaft verletzt, was an den Schutzzaubern lag, die Merlin über sämtliche Männer gelegt hatte. Natürlich hätte er dafür sorgen können, dass es gar keinen Kampf gab und Hengists Männer allesamt in der Zeit einfrieren, einschlafen lassen oder ihre Waffen zu Staub zerfallen lassen, aber damit hätte Merlin demonstrieren müssen, über welche unglaublichen Kräfte er verfügt und dann hätte Bayard ihn und damit auch Arthur gefürchtet. Das hätte dazu geführt, dass sie Bayard ebenfalls mittels Blutmagie unter einen Zauber hätten stellen müssen, oder seine Erinnerungen und die aller Anwesenden verändern, denn Furcht konnte nur allzu schnell in Angst und Hass umschlagen. Es hätte alles nur unnötig kompliziert gemacht und Merlin hätte mehr und mehr Magie einsetzen müssen. So jedoch ist Bayard Arthur zu Dank verpflichtet, dass er ihm geholfen hat Hengist zu besiegen und Magie wird fortan einen Platz im Königreich Mercia haben in Gestalt des neues Hofzauberers Gilli.
Als Merlin am Ende dieses Tages in ihrem kleinen Lager alleine am Feuer sitzt, hat er das Gefühl, dass seit den Morgenstunden eine kleine Ewigkeit vergangen ist. Sie haben sich mit Camelots Rittern gegen Nachmittag auf den Rückweg nach Camelot gemacht und es Bayard überlassen mit Hengists Männern zu Verfahren wie er es für angemessen erachtet. Hengist selbst würde zweifellos seinen Kopf verlieren.
Merlin sieht auf, als Gwaine sich neben ihn auf einen der Baumstämme setzt, in deren Mitte sie das Feuer entzündet haben. Gwaine schlägt die Füße übereinander und streckt sich kurz, während das kleine Feuer vor ihnen leise knistert und helle Funken in die kühle Nachtluft wirft.
„Warum sitzt du immer noch hier?", fragt Gwaine schließlich. „Die anderen schlafen schon alle. Ich bin sicher Arthur vermisst dich neben sich und wir wollen die Prinzessin doch nicht um ihren Schönheitsschlaf bringen oder?"
Gwaine grinst und Merlin lacht leise und rempelt ihn mit der Schulter an, woraufhin Gwaines Grinsen nur noch breiter wird.
„Nein, ernsthaft", sagt Gwaine und sieht Merlin eindringlich an. „Ector und ich halten Wache. Schlaf. Sonst wird die Prinzessin morgen unausstehlich sein."
Merlin bringt ein schmales Lächeln zustande. „Danke, aber ich bin nicht müde", meint er und zuckt dann mit den Schultern. „Ich weiß, ich sollte müde sein, aber vielleicht bin ich einfach noch zu angespannt von dem heutigen Tag."
„Solltest du daran nicht gewöhn sein? Arthur schläft wie ein Stein", sagt Gwaine und wirft einen Blick zu Arthur hinüber, der eingerollt in seine Decken leise schnarcht.
Merlin schmunzelt. „Manchmal hat sogar Arthur Probleme damit nach einer Schlacht zu schlafen."
Gwaine gibt einen nachdenklichen Laut von sich, bevor er Merlin aufmerksam ansieht. „Dieses Mal bist du es aber, der kein Auge zubekommt. Also, was hält dich wach?"
Merlin seufzt. „Ich muss immer noch an Gilli denken."
„Was ist die Geschichte dahinter?", fragt Gwaine, während er sich nach vorne beugt und sich mit seinen Armen auf den Oberschenkeln abstützt. „Ich habe gesehen wie du und Arthur euch in Gedanken unterhalten habt. Ich nehme an, du kennst ihn aus der anderen Zeit?"
Merlin nickt und beginnt dann zu erzählen. „Gilli ist damals nach Camelot gekommen und hat bei einem Turnier gekämpft. Allerdings hat er mit Magie betrogen. Er wollte Uther im Finale töten, aber am Ende hat er es nicht getan. Er war voller Wut, weil sein Vater, aus Angst entdeckt zu werden, seine Magie nie benutzt hat und Gilli verboten hat, es ebenfalls zu tun. Sie waren einfache Bauern und Gilli war nie etwas Besonderes. Sein Vater ist gestorben, weil er sich geweigert hat, sich mit Magie zu verteidigen, und Gilli hat ihn dafür immer für einen Feigling gehalten. Später hat Gilli dann jedoch eingesehen, dass sein Vater nur versucht hat ihn zu beschützen, denn wenn bekannt geworden wäre, dass er ein Zauberer ist, dann hätte man auch seinen Sohn verdächtigt. Manchmal verlangt es Stärke, seine Kräfte nicht zu benutzen. Diese Lektion muss jeder lernen, der darin unterrichtet wird zu kämpfen und sich zu verteidigen."
Gwaine überlegt einen Moment lang. „Ich nehme an, Gillis Vater ist auch dieses Mal gestorben, weil er sich nicht mit Magie verteidigt hat?"
Merlin nickt. „Ja, aber ich verstehe nicht warum. Magie steht nicht länger unter Strafe, Gillis Vater hätte nichts zu befürchten gehabt, wenn er seine Magie eingesetzt hätte. Ich bin mir immer sicher gewesen, dass es Gilli besser ergangen wäre, wenn Magie frei gewesen wäre, aber anscheinend hat es nichts geändert."
„Magie ist noch nicht lange wieder erlaubt", gibt Gwaine zu bedenken. „Die Menschen haben immer noch Angst vor allem, was magisch ist. Uther hat ihnen jahrelang eingebläut, dass alle Zauberer Ungeheuer sind und viele haben es ihm geglaubt. Nur wenige wissen noch, wie viel Gutes man mit Magie tun kann."
Merlins Blick ist in die Flammen des kleinen Feuers vor ihm gerichtet und ihm wird bewusst, dass Gwaine Recht an. „Das stimmt", sagt er schließlich. „Gilli kennt bestimmt nicht mehr als eine Handvoll Zaubersprüche und während der Großen Säuberung ist sehr viel Wissen verloren gegangen."
Gwaine nickt und macht eine auffordernde Handbewegung. „Dann weißt du ja, was du zu tun hast. Du musst einen Weg finden, um den Zauberern beizubringen, wie sie sich nützlich machen können, um den Menschen zu zeigen, wie ihnen Magie in ihrem täglichen Leben helfen kann."
Merlin nickt nachdenklich. Alator und Finna versuchen bereits den Menschen zu zeigen, dass sie Magie nicht fürchten müssen, aber es braucht mehr als das, damit Magie wieder Einzug in Camelot halten kann. Eine Zeit lang herrscht Stille, während Merlin darüber nachdenkt, wie er diejenigen mit magischen Kräften darin unterrichten könnte ihre Magie zum Wohle der Menschen einzusetzen.
Schließlich gähnt Gwaine herzhaft. „Wenn du vorhast hier zu sitzen zu bleiben und über dieses Problem nachzudenken, dann könnte ich mich hinlegen und noch etwas Schlaf bekommen. Im Gegensatz zu dir bin ich hundemüde. Percival ist als nächster mit Wache halten an der Reihe."
Merlin wirft Gwaine ein schiefes Lächeln zu, nickt aber. „Klar. Ich werde Percival wecken, wenn ich müde werde. Es wird genauso sein wie in den alten Zeiten. Ich halte Wache, und versuche die Probleme des Königreichs zu lösen, während ihr seelenruhig schlaft und von all dem nicht das Geringste mitbekommt."
„Aller klar, das Gewicht der Welt lastete auf deinen Schultern, schon verstanden", entgegnet Gwaine, während er aufsteht und ein weiteres Mal gähnt. Dann legt er Merline eine Hand auf die Schulter und drückt sie sanft. „Aber du musst es jetzt nicht mehr alleine tragen. Versuch das im Hinterkopf zu behalten."
Er sieht Merlin mit einem aufmunternden Lächeln an und Merlin nickt, bevor Gwaine zu seiner Bettrolle hinübergeht, um sich hinzulegen.
Merlin sieht ihm kurz nach, bevor sein Blick für einen Moment zu Arthur wandert, der tief und fest schläft und dabei immer wieder ein leises Schnarchen hören lässt. Dann sieht Merlin wieder in die Flammen und überlegt, wie er es fertig bringen kann Magie nicht nur nach Camelot, sondern auch in jedes Dorf im ganzen Land zurückzubringen.
