All Hollows' Eve

Das vertraute Schummerlicht, das durch die grünen Lampenschirme in die Eingangshalle fiel, wurde an diesem Abend von einem rot flackernden Leuchten durchbrochen, das aus der Küche heraufdrang.

Neugierig stieg Tonks die Treppen hinunter und sah, dass neben dem Kamin der Schein dutzender kleinerer Flammen magischen Feuers, die willkürlich verteilt in der Luft hingen, den Raum erhellte. Sie wusste nicht, was ihre Bedeutung war, oder wer sie entzündet hatte, dennoch spürte sie eine Welle der Melancholie und Heimeligkeit, die sie völlig unvorbereitet übermannte. Schüchtern blieb sie im Türrahmen stehen und betrachtete die kleine Gruppe von Ordensmitgliedern, die sich um den Tisch versammelt hatte. Die Stimmung schien diffus zwischen Feierlichkeit und Trauer zu schwanken, was es Tonks erschwerte, den Anlass für die Zusammenkunft auszumachen.

Schließlich wurde sie von Remus bemerkt, der ernst und wachsam, wie immer, etwas abseits der anderen stand. Seit ihrer Trennung im Hyde Park hatte er sich Tonks gegenüber höflich aber distanziert verhalten, ihre Gesellschaft aber weitgehend vermieden. Nun aber hellten sich seine Züge bei ihrem Anblick merklich auf.

Noch vor ihm war Molly Weasley allerdings bei ihr. „Tonks, was für eine schöne Überraschung!" Außer ihrer gewohnten Herzlichkeit, meinte Tonks auch Trauer auf Mollys Gesicht zu erkennen.

„Es tut mir leid, ich wollte hier nicht so unangemeldet reinplatzen.", antwortete Tonks fahrig. In dieser Runde wurden ihr das bunte Partyoutfit und ihr nach Alkohol riechender Atem peinlich bewusst.

Sirius stand auf und winkte sie zu sich. „Du bist uns immer willkommen. Wir wollten heute Nacht Lily und James gedenken und irgendwie zog es wohl viele von uns hierher, ohne dass wir es geplant hätten."

„Heute vor vierzehn Jahren haben wir zwar einen Kampf gewonnen", fügte Emmeline Vance hinzu, „aber wir wollen nicht vergessen, wer unter uns diesen Sieg nicht miterleben durfte." Tonks nickte bedächtig und setzte sich neben Alastor, der trübsinnig in seinen Kelch starrte.

Arthur zog seinen Zauberstab und beschwor eine weitere schwebende Flamme herauf. „Für Marlene McKinnon." Alastor tat es ihm gleich und murmelte heiser: „Die Longbottoms." – „Für Fabian und Gideon. Meine Lieben." Mrs. Weasley hob ihren Zauberstab. „Sturgis.", sagte Tonks leise. Auch aus ihrem Zauberstab schwebte ein kleines Licht, das bis knapp unter die niedrige Decke aufstieg.

Der Raum erstrahlte von neuem und wirkte auf einmal so festlich wie Tonks die Küche noch nie gesehn hatte. In goldenes und rotes Licht und Wärme getaucht, wirkte es fast als säßen sie alle im leuchtetenden Gefieder eines riesigen Phönix.


Später zerstreute sich die Gruppe ein wenig, die Flammen begannen zu verblassen, ihre Tränen trockneten. Tonks saß zwischen Emmeline und Sirius und nippte schweigend an einem Butterbier.

„Der Minister ist für unsere Ergebnisse ungefähr so offen wie eine Ziegelwand. Ich habe schon mehrmals versucht, ihn oder seine Mitarbeiter im Ministerium anzusprechen, aber er hört einfach nicht zu. Zuletzt war er in Gesellschaft von Lucius Malfoy. Ich war überrascht als Malfoy sich meine Dokumente tatsächlich ansah. Stellte sich aber heraus, dass er sie nur vor meinen Augen zerreißen wollte." Tonks verzog das Gesicht.

„Dieser Wiederling ist unglaublich.", knurrte Sirius.

Emmeline fuhr fort: „Dabei geht es um die direkte Gefährdung des Geheimhaltungsabkommens! Als ich einigen Spuren nach London gefolgt bin, hielten sich Dementoren in unmittelbarer Nachbarschaft der Downing Street auf."

„Ja und? Immerhin nicht auf dem Grimmauldpaltz.", gab Sirius zu Bedenken.

Tonks schüttelte den Kopf. „Wohnt da nicht der Premierminister der Muggel?"

Emmeline nickte ernst. „Ich muss diese Sache an die Öffentlichkeit bringen. Mir bleibt keine andere Wahl, als Xenophelius einzuschalten."

„Lovegood?", fragte Alastor skeptisch. „Sein Klatschblatt ist keinen lecken Kessel wert."

Emmelines Miene wurde hart. „Und wenn schon, er ist die beste Chance, die wir haben. Ich weiß, dass er mitunter auch … fragwürdige Artikel veröffentlicht, aber …"

„Worum geht's eigentlich?", wollte Tonks wissen.

Emmeline seufzte. „Der Klitterer ist eine Zeitschrift, die von Xenophilius Lovegood herausgegeben wird. Sie gilt gemeinhin als nicht gerade seriös."

„Veröffentlicht er nicht Verschwörungdtheorien?", fragte einer der Weasley Zwillinge, der sich soeben zu ihnen gesellt hatte.

Tonks folgte der folgenden Diskussion nur mit halbem Ohr, da sie plötzlich meinte, Remus' Blick auf sich ruhen zu spüren. Er stand etwas verloren am Ausgang und fuhr zusammen, als Tonks seinen Blick erwiderte. Wie so oft in letzter Zeit, wollte er sich rasch abwenden und war schon dabei, seinen Reiseumhang zu schließen, als Tonks kurzentschlossen aufstand und ihm nachging. Schweigend akzeptierte er, dass sie ihn die Stufen in die Eingangshalle hinaufbegleitete.

„Wo gehst du hin?", fragte sie mit gedämpfter Stimme.

Remus schenkte ihr ein besorgtes Lächeln, das die Schatten unter seinen Augen tiefer, die Narben noch länger wirken ließ. „Ich muss nach Hogwarts. Dumbledore und ich planen die letzten Details meiner Mission."

Tonks schluckte. „Wann geht's denn los?"

Remus deutete auf den gepackten Koffer am anderen Ende der Halle. „Sobald alles geklärt ist, fliege ich."

Tonks biss sich auf die Unterlippe, um diese am Zittern zu hindern. Remus wusste, wie sie zu dieser gefährlichen Reise stand und ihr letzter leidenschaftlicher Versuch, ihn zum Bleiben zu bewegen, war nicht besonders gut bei ihm angekommen. Um ein ermutigendes Lächeln bemüht, klopfte Tonks ihm darum unbeholfen auf die Schulter. „Ich nehme an, dein Einsatzort ist auch top-secret?"

Remus nickte ernst. Im nächsten Moment sagten beide fast gleichzeitig: „Pass auf dich auf."

Peinlich berührt lachte Tonks und widersprach: „Du wagst dich doch ganz allein in die Höhle des Löwen. Mach dir um mich mal keine Gedanken."

Remus lächelte über ihren Scherz und ergriff ihre Hand, um sie freundschaftlich zu drücken. „Ich mache mir immer Gedanken."

Ohne dass Tonks etwas dagegen tun konnte, hüpfte ihr Herz hoffnungsvoll bei der Berührung. Sie hob den Blick, um sich in Remus' schönen grauen Augen zu verlieren. „Weißt du …"

Sie hörten Schritte auf der Treppe und Sirius erschien zwischen ihnen. Hastig ließ Remus ihre Hand los.

„Hier oben bist du! Wolltest du etwa gehen, ohne dich zu verabschieden?", fragte Sirius gekränkt.

„Entschuldigung." Remus schien es plötzlich sehr eilig zu haben.

Um die kurze Stille zu überspielen, warf Tonks ein: „Hach, es ist doch wirklich unmöglich in London gute Mitbewohner zu finden, nicht wahr, Sirius? Einfach zu vergessen, sich zu verabschieden!"

Sirius grinste. „Leider hab ich nicht die größte Auswahl, da die meisten Zauberer mich eher dem Ministerium ausliefern würden, als bei mir einzuziehen."

Tonks winkte ab. „Ich hab die Auswahl und lass mich dir eins sagen: Der Markt sieht ganz trübe aus."

Sie lachten, doch Remus fragte besorgt: „Alles okay bei dir und Bill?"

Tonks nickte und erklärte die Situation mit Fleur. „Aber das ist ja jetzt nicht wichtig, verabschiedet euch erstmal."

Sirius sah nachdenklich aus. „Ich hab mich gefragt … hättest du nicht Lust … und es ist völlig okay, wenn du nein sagst – bei Merlin, es gäb genug Gründe, nein zu sagen …"

„Was denn?", fragte Tonks neugierig.

„Jetzt, wo Moony eine Weile nicht hier sein wird … also ich fände es schon schön, eine neue Mitbewohnerin zu haben."

Daran hatte Tonks noch gar nicht gedacht. „Aber Remus kommt ja bald zurück …", begann sie vorsichtig.

Sirius lachte bellend. „Ach komm schon, das Haus ist so groß. Nicht mal die Hälfte der Zimmer ist belegt. Selbst wenn alle Weasleys gleichzeitig zu Besuch wären, würde ich dich noch unterbringen."

Tonks warf Remus einen fragenden Blick zu. Sie konnte vor Sirius unmöglich das emotionale Dilemma, das zur Zeit zwischen ihnen herrschte, und ihre damit verbundenen Bedenken, zusammenzuziehen, ausrollen. Stattdessen lächelte sie dankbar und sagte ausweichend, sie werde sich das Angebot durch den Kopf gehen lassen. Etwas brüskiert ob ihrer vagen Antwort zuckte Sirius die Schultern und verabschiedete sich von Remus, der die Unterhaltung mit zusammengepressten Lippen verfolgt hatte, ohne sich einmal zu äußern.

Weil es seltsam gewirkt hätte, sich die Hand zu geben, umarmte Remus auch Tonks, doch die Geste fühlte sich kalt und formell an. Seufzend wartete sie bis Remus die Halle durchschritten hatte und die Tür hinter sich ins Schloss zog.

„Kopf hoch, ihm wird schon nichts passieren.", sagte Sirius, der ihr offenbar schon wieder verziehn hatte. „Schließlich ist er gut getarnt." Er ließ ein dramatisches Wolfsheulen hören, das Tonks wieder zum Lachen brachte. Gemeinsam kehrten sie in die helle, warme Küche zurück.