Tödliche Gefahr
Von ihrem Umzug ins Hauptquartier abgesehen verlief der November recht ereignislos.
Wenn Tonks sich nicht gerade mit kräftezehrenden Nachtschichten im Ministerium oder der langweiligen Arbeit unter Dawlishs stechendem Blick abgeben musste, war sie meist zufrieden mit ihrem Los. Sie hätte gedacht, dass das Leben im Grimmauldplatz sich wegen des gewöhnungsbedürftigen Dekors weitaus ungemütlicher gestalten würde, aber Sirius' Anwesenheit und die Besuche der Ordensmitglieder gaben dem Haus etwas sehr Heimeliges. Oft saß Tonks stundenlang im Salon und las, fing Mäuse, um sie and Seidenschnabel zu verfüttern, oder unterhielt sich in der Küche mit ihrem Großcousin.
Was ihre Stimmung zusätzlich positiv beeinflusste, war Remus' Abwesenheit. So sehr sie sich dafür schämte und so sehr sie ihn vermisste und hoffte, dass es ihm gut ging, Tonks brauchte im Moment die vollständige Trennung, um ihre gestressten Nerven zu beruhigen und ihre Wunden zu lecken.
Bill kam oft zu Besuch und sie spielten Koboldstein oder gingen auf die Jagd nach schwarzmagischen Artefakten im Haus. Doch Tonks konnte sich nicht überwinden, ihn und Fleur in ihrer alten Wohnung zu besuchen. Sie wollte nicht wissen, wie Fleur den Ort mit ihrem Charme und makellosem Geschmack verändert und ihr eigen gemacht hatte. Geduldig hörte sie sich Bills Pläne an, Weihnachten bei Fleurs Familie in Frankreich zu verbringen, doch sie fühlte insgeheim, dass sie das alles nichts mehr anging. Sie fühlte sich wohler unter den Rumtreibern und Einzelgängern, die der Orden unter seinem Dach versammelte, fernab von Bills Bilderbuchbeziehung.
Alastor, Emmeline, Mundungus, Hestia Jones und Dädalus Diggel kamen oft zu Besuch und manchmal hatte Tonks das Gefühl, dass das Hauptquartier nicht nur Planungsort ihrer Missionen war, sondern in erster Linie ein Anlaufpunkt für einen ganz bestimmten Schlag verschrobener Hexen und Zauberer, die sich aus unterschiedlichsten Gründen in der Außenwelt nicht mehr zuhause fühlten. Das war schon immer eine Stärke Dumbledores gewesen: Die Außenseiter unter seine Fittiche zu nehmen und dort zu etwas Größerem zu vereinen.
In ihren dunkleren Momenten überlegte Tonks, ob das Dumbledore und Voldemort einander nicht ein wenig ähnlich machte. Wenn sie an den Todesser Peter Pettigrew dachte, der im Grunde nur nach Zugehörigkeit und Akzeptanz suchte, und ihn mit manchen Ordensmitgliedern verglich, musste sie zugeben, dass oft nur günstige oder ungünstige Umstände, Herkunft und natürlich Blutstatus über das ideologische Zuhause eines Menschen entschieden. So etwas wie eine reine edle Gesinnung gab es nicht, oder gab es nur bei den allerwenigsten. Es war wie Sirius manchmal sagte: „Wir haben alle sowohl eine helle als auch eine dunkle Seite in uns. Es kommt darauf an, welche Seite wir für unser Handeln aussuchen."
Auf Emmelines Einladung hin, materialisierte Tonks sich an einem frostigen Nachmittag im Dezember zwischen den reifbedeckten Hügeln über dem Örtchen Ottery St. Catchpole. Trotz der frühen Stunde stand die Sonne bereits niedrig und erste Nebelfahnen kündigten die bald hereinbrechende Dämmerung an.
Unschlüssig sah Tonks sich um. Auch wenn magische Einrichtungen selten Wert darauf legten, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war sie überrascht, bis auf ein seltsames zylinderförmiges Gebäude, rein gar nichts im Nebel zu erkennen.
Sie überlegte bereits, ob sie am falschen Ort gelandet war, als Emmeline neben ihr erschien. „Ah, Tonks, na dann wollen wir mal." Und ohne weitere Erklärungen marschierte sie auf den großen grauen Zylinder zu, dem Tonks ohne sie keine weitere Beachtung geschenkt hätte.
Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde jedoch, dass das Haus eindeutig von Magiern bewohnt wurde. In dem kleinen verwilderten Garten standen zwei mistelbedeckte Platanen und ein weiterer kleinerer Baum, der Tonks unbekannte rote Früchte trug, die der Schwerkraft trotzend nach oben zu wachsen schienen. Aus den Fenstern drangen farbiges Licht und Lärm bis zum Fuße des Hauses, wo Emmeline innehielt und laut an die Tür klopfte. Eine Weile lang geschah nichts, dann wurde das Fenster über ihnen aufgerissen und ein Mann steckte den Kopf heraus. Nun vernahm Tonks auch die gedämpften Töne eines Plattenspielers, der offenbar das Innere des Hauses auf voller Lautstärke mit Celestina Warbeck beschallte.
„Xenophilius, wir sinds!", rief Emmeline zu ihm hinauf.
„Ah!", antwortete Xenophlius scheinbar so begeistert, dass er prompt seine Teetasse auf sie fallen ließ. Tonks konnte dem Geschoss gerade noch ausweichen, sodass das Porzellan auf den steinernen Eingangsstufen zerschellte. „Ups, 'tschuldigung!" Xenophilius' Kopf verschwand vom Fenster und sie hörten polternde Schritte vn drinnen.
Seufzend richtete Emmeline ihren Zauberstab auf die Scherben. „Reparo!" Die Tasse setzte sich in der Luft wieder zusammen und flog in ihre ausgestreckte Hand.
Im darauffolgenden Moment wurde die Tür aufgerissen und ein derangiert wirkender Mann im Morgenmantel stand ihnen gegenüber. Er hatte zerzaustes blondes Haar, einen Dreitagebart und auf seiner Brust glitzerte eine goldene Kette, an der ein seltsames Symbol in der Form eines Auges baumelte.
Emmeline streckte ihre Hand aus, die der Mann einen Augenblick beäugte, bevor er sich hinunterbückte und sie gallant küsste. Tonks entschied sich für ein Lächeln, von dem sie hoffte, dass es warm und herzlich aussah und nichts von ihrer mühsam unterdrückten Belustigung verriet.
„Kommen Sie doch herein! Ich habe Sie erwartet.", sagte Mr Lovegood und gab den Weg ins Haus frei.
Dass er sie erwartet oder in den vergangenen Monaten irgendeine Art von Besuch bekommen hatte, musste Tonks ob seines Aufzugs und des heillosen Chaos, in dem sie sich wiederfand, stark bezweifeln. Die Wohnküche, die das gesamte Erdgeschoss einnahm, war zwar perfekt an die ungewöhnlichen kurivigen Wände angepasst, wirkte aber dennoch zusammengewürfelt und unaufgeräumt. In allen Ecken stapelten sich Kisten voller Magazinen und Tintenfässern, blankem Papier und Heftklammern. Scheinbar war das nicht nur Xenophilius' Wohnhaus, es berherbergte auch die Druckerpresse des Klitterers.
Durch das Chaos watend, folgten sie und Emmeline dem verrückten Redakteur zu der eisernen Wendeltreppe im Zentrum des Raumes und standen schon bald im ersten Stock, wo sich die wahre Magie abspielte: Verblüfft beobachtete Tonks, die vollautomatische Druckerpresse, deren Schraube sich gemächlich auf- und abwärts bewegte, während die zunächst leeren Heftseiten unter ihr hindurchglitten. Die Tinte auf dem mächtigen Stempel mit den bleiernen Lettern wurde alle paar Blätter von einem fliegenden Pinsel aufgefrischt, dessen Spitze im Ruhezustand in einer Flasche glitzernder Farbe steckte. Die bedruckten Seiten flogen sodann zu einer der zahlreichen Wäscheleinen, die sich kreuz und quer durch den Raum spannten. Die fertigen Bögen schwebten schließlich zur letzten Station, einem überladenen Nähtischchen, auf dem die Magazine gefaltet, geheftet und mit Sonderbeilagen versehen wurden, die sich von Zauberhand zwischen die flatternden Seiten schoben. Das Papiergeraschel, untermalt vom Ächtzen und dem rhythmischen Umpf der Druckerpresse, war über das Getöse des Plattenspielers, der mittlerweile zu einem anderen magischen Oldie übergegangen war, kaum zu hören.
Beeindruckt drehte Tonks sich unter Xenophilius' selbstzufriedenem Blick um die eigene Achse. „Wow … diese Presse ist wirklich …", sie nahm eine ältere Ausgabe des Klitterers zur Hand und änderte ihre Meinung schlagartig. „… interessant.", brachte sie glucksend heraus. Auf der Titelseite prangte das karikierte Konterfei des Leiters der Aurorenabteilung, Rufus Scrimgeour. Darunter prangte die überdimensionierte rhetorische Frage: Abteilungsleiter Scrimgeour ein Vampir? Hier erfahren Sie alles über die Schattenseite des Ministeriums Ungläubig schüttelte Tonks den Kopf. Emmeline warf ihr einen warnenden Blick zu.
„Wie schön, dass du es einrichten konntest, Xenophilius. Du sagst, der Artikel ist schon in Arbeit?"
Xenophilius nickte vielversprechend und reichte Emmeline einen Stapel Pergamentfetzen. „Ich habe mich selbst darum gekümmert, diese Story hat echtes Schlagzeilenpotenzial."
Einen altmodischen Kneifer auf der Nase überflog Emmeline die Seiten, ohne sich an der schäbigen Formatierung zu stören. „Fabelhaft.", kommentierte sie knapp. „Ich würde allerdings hier und da gerne noch ein paar Änderungen vorschlagen, wenn das für dich in Ordnung ist."
Während die beiden sich über Xenophilius' Artikel beugten, trat Tonks näher an die Presse heran, da der Mechanismus sie faszinierte. Die Seite im Druck, geziert von einer komplizierten Querschnittszeichnung, informierte den Leser über die zehn ungewöhnlichsten Anwendungsgebiete von Schnarchkacklerkot. Tonks wollte lieber nicht genauer wissen, was es damit auf sich hatte, oder was ein Schnarchkackler war.
„Bitte, mach es nicht zu reißerisch.", vernahm sie Emmelines strenge Stimme vom anderen Ende des Zimmers. „Das ist eine ernste Angelegenheit und ich will, dass es als solche gehandelt wird."
Xenophilius seufzte und fügte mit einer langen goldenen Feder eine Randnotiz hinzu. „Wie du weißt, bin ich als Herausgeber eines investigativen Magazins nicht nur für den lupenreinen Wahrheitsgehalt meiner Berichte verantwortlich. Irgendwie muss ich auch meine Süßwasserplimpis füttern. Und für meine geschätzten Klienten klingt Dementoren außer Rand und Band nun mal interessanter als Fudge verschließt sich vor Expertenmeinungen. Das weiß doch ohnehin jeder, der meine Reportage zu seiner koboldfeindlichen Politik verfolgt hat."
Seine letzte Bemerkung übergehend, erklärte Emmeline: „Ich verstehe. Aber hier geht es nicht darum, deine – zweifellos – zahlreichen Stammleser zu erreichen, sondern die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit zu erregen. Das Format, in dem wir die Wahrheit präsentieren ist schon … ungewöhnlich genug. Wir müssen uns auf jede Weise um absolute Seriosität bemühen."
Etwas beleidigt machte Xenophilius weitere Notizen, während Tonks eine Frage stellte, die ihr schon seit dem Beginn ihres Besuches auf den Lippen brannte: „Wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?" Sie interessierte, wie zwei so unterschiedliche Menschen, die verschiedenen Professionen nachgingen und sich in jeder Weise vollkommen gegensätzlich präsentierten, zu alten Bekannten werden konnten.
Emmeline schenkte ihr ein dünnes Lächeln. „Das ist Jahre her. Wir waren damals beide beim Hogsmeade Howler, nicht wahr? Eine von Hogwarts' ältesten Schülerzeitungen.", fügte sie erklärend hinzu.
„Mittlerweile hat sie sich leider aufgelöst, erzählt Luna.", bestätigte Xenophilius bedauernd.
„Wir waren oft die einzigen in den Redaktionssitzungen. Damals ist mir schnell aufgefallen, dass ich selbst kein Talent zum Schreiben hatte, dafür aber einen guten Richer für die nächste Titelgeschichte.", erinnerte sich Emmeline.
Lovegood pflichtete ihr eifrig bei: „Genau! Du sammelst, ich schreibe. So haben wir es gemacht."
„Leider kamen Arthur Weasleys Reportagen über angeblich geniale Muggelerfindungen weniger gut an, obwohl ich sie immer sehr gern gelesen habe."
Tonks riss die Augen auf. „Ihr wart mit den Weasleys auf der Schule?"
Xenophilius nickte. „Nun seine Frau hieß damals natürlich noch Prewett und war einige Jahrgangsstufen unter uns. Mit Arthur bin ich noch gut befreundet, benachbart sogar." Er deutete vage aus dem Fenster. „Sie wohnen nur ein paar Hügel weiter."
Zustimmend sah auch Emmeline aus dem Fenster auf die im kalten Nebel versinkende Sonne. „Das erinnert mich daran, dass Molly mich schon lange zum Abendessen eingeladen hat und ich ihr immer wieder absagen musste. Wenn wir schon mal hier sind, werde ich ihr zumindest einen kleinen Besuch abstatten, wenn wir hier fertig sind. Was meinst du, Tonks?" Jeder Plan, der ihr eine Abwechslung zu Celestina Warbeck und die Aussicht auf eine intakte Tasse Tee versprach, war Tonks mehr als willkommen.
Wie sich herausstellte, wartete Molly begeistert mit einem überaus köstlichen Abendessen auf, doch zu Tonks' Enttäuschung waren auch im Wohnzimmer der Weasleys hauptsächlich Schlager zu hören. Sie schienen fester Bestandteil magischen Landlebens zu sein. Von dem Anwesen der Malfoys vielleicht einmal abgesehen, wie Tonks kichernd überlegte.
„Ich freue mich ja so, dass ihr vorbeischaut. Es kann ohne die Kinder so einsam werden. Bill lässt sich natürlich kaum blicken und Percy", Mollys Blick huschte für einen Moment zum Zifferblatt ihrer riesigen Familienuhr, die Percys Aufenthaltsort als ungewiss einstufte, „… nun ja … äh und Arthur hat heute Nachtschicht im Ministerium.", erklärte sie munter, während sie sich mit dampfenden Teetassen und selbst gebackenen Plätzchen um das Kaminfeuer im gemütlichen Wohnzimmer des Fuchsbaus gruppierten.
„Wir wollen dir auf keinen Fall Umstände machen.", wandte Emmeline höflich ein.
„Ach was, das sind doch keine Umstände." Molly lächelte herzlich. „Wie gesagt, es ist schön, euch zu sehen." Und, wie um ihre Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen, fragte sie Tonks vertraulich: „Wie gefällt es dir bisher bei Sirius?" Mit gespielter Strenge fügte sie hinzu: „Ich wette, ihr beiden treibt in diesem großen Haus nichts als Unfug!"
Tonks grinste schwach. „Es läuft gut, danke. Tatze nervt es zwar total, dass er nicht raus kann, aber ich sage ihm immer, dass er das bei dieser Kälte gar nicht will."
Ernst nickend, seufzte Molly: „Er ist eben so ein Draufgänger. Genau wie mein Arthur."
Tonks verschluckte sich ob dieses Vergleichs fast an ihrem brühend heißen Tee. Arthus Weasely ein Draufgänger? Molly hatte vermutlich noch nie ihre Söhne in Aktion gesehen.
„Wie geht es dir mit alldem?", fragte Emmeline besorgt.
Molly machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, mir geht es gut, so weit weg von London und dem Treiben dort. Ich habe natürlich meine Sorgen und vielleicht auch mal einen Albtraum oder zwei … aber das ist angesichts der Lage ja auch nicht verwunderlich ... und Percy so mitten im Geschehen, so nah beim Minister …" Wie beiläufig rieb sie sich eine Träne von der Wange und bedeckte das Gesicht für einen Augenblick mit den Händen.
Emmeline tätschelte ihr den Arm. „Du kannst mir immer schreiben, wenn du dir zu viele Sorgen machst."
Molly nickte und antwortete mit erstickter Stimme: „Ich weiß. Und ich weiß auch, dass ich mir viel zu viel Gedanken mache. Meine Jungs sind schließlich mittlerweile alle erwachsen und haben – weiß Merlin – ihren eigenen Kopf. Wenn mir nur Ginny noch ein Weilchen erhalten bleibt."
Das wagte Tonks zu bezweifeln. So wie sie Ginny bisher erlebt hatte, war die Jüngste der Weasleys ein noch größerer Sturkopf als alle ihre zahlreichen Brüder zusammen.
„Ach, genug von mir." Entschlossen legte Molly ihr Taschentuch in den Schoß und sah auffordernd in die Runde. „Was gibt es denn bei euch? Neuigkeiten an der Beziehungsfront? Heitert mich ein bisschen auf!"
Verlegen wechselten Emmeline und Tonks einen Blick. Tatsächlich hatte Tonks keine Ahnung, ob und mit wem Emmline zusammenlebte. Etwas älter als Arthur und Molly konnte es gut sein, dass sie verheiratet war. „Du kennst mich, Molly, ich habe meine Unabhängigkeit stets der Partnerschaft vorgezogen.", antwortete sie ausweichend.
Mrs Weasley schüttelte naserümpfend den Kopf. „Gute alte Emmeline, verschlossen wie eh und je. Aber Tonks, in deinem Alter ist man der Welt doch sicher noch nicht so überdrüssig. Ich weiß noch, mit Mitte zwanzig …"
„Warst du schon mit dem dritten Sohn schwanger.", vollendete Emmeline ihren Satz. Scheinbar fand sie es gar nicht lustig, als jemand dargestellt zu werden, der des Lebens überdrüssig war.
Molly hingegen zuckte mit versonnenem Blick die Schultern. „Ich habe mich schon früh dem Familienleben verschrieben und es noch keinen Tag bereut. Aber bevor ich mit Arthur zusammenkam, war ich nicht gerade die Unschuld selbst.", fügte sie neckisch hinzu.
Tonks war sich nicht sicher, ob sie die Geschichten aus Mollys vorehelichem Liebesleben wirklich hören wollte. Andererseits war es interessant, sie auf dieser anderen Ebene kennenzulernen. Schmunzelnd lauschte sie Mollys Ausschweifungen, die begleitet von Emmelines – teils nostalgischen, teils bissigen Kommentaren – die nächste Stunde einnahmen. Schon legte sich eine königsblaue, sternenklare Nacht über den Fuchsbau un die umliegenden Hügel. Tonks merkte, wie sie, eingelullt von Weihnachtskeksen und Kerzenschein, immer schläfriger wurde.
Bis sie auf einmal von Mollys Hand auf ihrem Arm aus ihrem Dämmerzustand gerissen wurde, als hätte man ihr kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet. „Jetzt musst du uns aber mal erzählen, wie sich die jungen Leute heutzutage so kennenlernen. Bei uns auf Hogwarts war das damals so einfach, aber die Kinder werden ja mittlerweile kaum noch sesshaft, hat man das Gefühl." Tonks setzte sich mühsam auf, um zu antworten, doch Molly redete schon weiter: „Ich weiß, zum Beispiel, dass Bill schon seit einem viertel Jahr mit seiner Freundin zusammen ist." Gedanklich korrigierte Tonks diese Aussage zu einem halben Jahr. Bill brauchte immer eine Weile, um seiner Mutter Neuigkeiten aus seinem Privatleben zu übermitteln. „Und habe ich das Mädchen schon einmal getroffen? Nein!" Bekümmert wandte sie sich an Tonks. „Meine Liebe, du hast sie doch bestimmt schon getroffen. Ist sie hübsch? Kann sie kochen? Und macht sie meinen Bill glücklich?"
Etwas überfordert, ob Mollys Direktheit, bemühte Tonks sich, eine ehrliche und doch diplomatische Antwort zu formulieren. Emmeline verdrehte nur die Augen und entschuldigte sich, um frische Luft zu schnappen. Beklommen fühlte Tonks, wie sie Mrs Weasleys gebündelte Aufmerksamkeit auf sie richtete. „Also … sie ist sehr hübsch." Das war zumindest die Wahrheit, wenn nicht sogar untertrieben. „Ob sie kochen kann, weiß ich nicht." Wer so aussah wie Fleur, musste wirklich nicht mehr auf anderen Gebieten punkten. Angsichts ihrer beeindruckenden Haushaltszauber war es allerdings nur allzu wahrscheinlich, dass sie auch eine wunderbare Hausfrau abgab. „Und … sie und Bill sind ein sehr hübsches Paar." Das stimmte auf jeden Fall – rein äußerlich.
Für Mrs Weasely schien diese Einschätzung schon völlig zu genügen. Zufrieden seufzte sie auf und ließ sich in ihren Sessel sinken. „Das ist gut zu hören. Ich dachte zwar für eine Weile, dass sich etwas zwischen Bill und dir entwickeln würde, aber solange er glücklich ist, bin ich es auch."
Tonks verzog das Gesicht bei der Vorstellung, Bills feste Freundin zu sein. Ihre Beziehung war stets und einvernehmlich rein platonischer Natur geblieben. Bevor Molly zu ihrer ursprünglichen Frage nach Tonks' Liebesleben – welches Tonks nur höchst ungern ansprechen wollte – zurückkehren konnte, flog die Tür auf und Emmeline blickte mit aschfahlem Gesicht auf sie hinunter. „Ich habe eine Nachricht von Dumbledore bekommen."
Molly und Tonks wechselten einen alarmierten Blick. Doch ihre Nachfragen wurden von dem schrillen Läuten der Wanduhr übertönt, deren längster Zeiger ratternd auf eine neue Position rückte: Tödliche Gefahr.
