Kapitel 3 – Der Vorhof zur Hölle

On your knees, on your back.
Who'd you call when things got bad?
Did they answer?
Did you ask?

(Black Lab - Weightless)

Filius Flicktwick zuckte erschrocken mit der Hand, als es energisch an seiner Tür klopfte. Das kleine Tintenfass kippte um und sein Inhalt ergoss sich gluckernd über den Schreibtisch. Mit einem ungeduldigen Geräusch und spitzen Fingern stellte er das Glasgefäß wieder aufrecht hin und durchsuchte seine Taschen nach seinem Zauberstab.

Wieder klopfte es, nicht minder energisch als vor wenigen Sekunden.

„Einen Moment!", rief er der Tür zu, eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen.

Als er endlich fündig wurde, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und mit ein paar gezielten Zuckungen, locker aus dem Handgelenk, dirigierte er die Tinte zurück ins Fässchen. Er setzte den Korken auf den schmalen Flaschenhals und ließ den Zauberstab in seinen Ärmel gleiten. Dann öffnete er endlich die Tür.

Schon als er die Gewandung erblickte, die den schlanken Körper seines Gastes verhüllte, erkannte er die Direktorin. Dennoch legte er den Kopf in den Nacken und sah zu der hochgewachsenen Frau hinauf. „Guten Tag, Minerva."

„Filius", erwiderte sie den Gruß höflich und trat einen Schritt zur Seite. Hinter ihr kam eine weitere, etwas kleinere Person zum Vorschein.

Der Zauberer kniff die Augen zusammen, ehe sich die Erkenntnis sichtlich über seine alternden Züge legte. „Hermine Granger", sagte er erfreut und schüttelte den Kopf. „Ich hätte Sie beinahe nicht wiedererkannt."

„Hallo, Professor Flitwick." Sie reichte ihm eine Hand, die er prompt ergriff.

„Sie heißt jetzt Weasley, Filius", raunte die Direktorin ihm zu.

„Weasley? Oh, auch gut. Kommt rein!" Er trat zur Seite und deutete mit einer ausgestreckten Hand in sein Büro. Erst als er sich ebenfalls dem Raum zuwandte, wurde ihm das Chaos aus Pergamenten, Federn und Büchern bewusst. „Nehmt Platz, ich bin sofort da."

Der Professor für Zauberkunst wirbelte auf dem Absatz herum und stieg geschickt auf einen Hocker. Dann räusperte er sich und ließ den Zauberstab zurück in seine Hand fallen. Zielsicher deutete er auf Bücherstapel, Pergamenthaufen und Federkiele, die sich daraufhin in die Luft erhoben und an ihren Platz flogen. Diese Art, Ordnung zu schaffen, kostete ihn keine Minute seiner Zeit.

Die beiden Frauen beobachteten das kurzzeitige Gewirr in der Luft fasziniert; seine frühere Schülerin mit offenem Mund, die Direktorin mit angemessenem Respekt für sein Geschick. „Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die Gegenstände einander ausweichen", erklärte Letztere und schnalzte mit der Zunge.

„Keine beeindruckende Leistung angesichts der Kunst, dein Büro stets dem Anlass anzupassen", gab er das Kompliment zurück und kicherte angesichts des geschmeichelten Ausdrucks auf dem Gesicht seiner Kollegin.

Filius stieg von seinem Hocker und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Mit einem Seufzen ließ er sich auf seinem Stuhl nieder und verschränkte die Hände auf der Tischplatte. „Ihr wollt also etwas über Severus erfahren."

„Professor Snape?" Hermine war sichtlich irritiert.

„Du hast ihr noch nichts gesagt?" Filius blickte überrascht zu Minerva.

„Nein. Ich dachte, dieses Vergnügen überlasse ich dir." Sie lächelte nonchalant und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, schlug ein Bein über das andere und drapierte ihren Umhang sorgsam über ihr Knie.

Filius räusperte sich umständlich; wenn sie ihm dieses Detail vorher gesagt hätte, wäre er behutsamer an die Sache herangegangen. „Also gut." Er wandte sich seiner ehemaligen Schülerin zu und begann zu erklären: „Minerva berichtete gestern Abend von dem Gespräch, das ihr geführt habt, woraufhin ich mich an eine Forschungsarbeit von Severus erinnerte, die möglicherweise hilfreich sein könnte."

„Professor Snape hat Forschungen betrieben?"

„Natürlich. Ein so heller Kopf wie er musste sich beschäftigen. Doch er hat sich damit stets bedeckt gehalten. Ich habe nur durch Zufall davon erfahren und bin auch nur selten in den Genuss gekommen, Details darüber zu hören, ehe er etwas veröffentlichte."

„Ich habe alle möglichen Zaubertränkebücher durchgesucht, aber ich bin nie auf seinen Namen gestoßen", überlegte Hermine mit gerunzelter Stirn.

„Er benutzte ein Pseudonym. Möglicherweise ist Ihnen der Name Kenneth Faulkner ein Begriff?"

„Und ob!" Sie gab einen ungläubigen Laut von sich. „Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut."

Filius machte ein nachdenkliches Gesicht. „Das geht den meisten so, Mrs Weasley. Severus erweckte gerne den Eindruck, nur widerwillig zu existieren, was wohl hauptsächlich daran lag, dass er einem Beruf nachgehen musste, der ihm nicht gefiel. Er legte großen Wert darauf, seine Leidenschaft für die Forschung geheim zu halten."

Er gab ihr einen Moment, diese Information zu verarbeiten. Dann fuhr er fort: „Seine Geheimniskrämerei nahm in dem Jahr, in dem er Schulleiter von Hogwarts war, noch weiter zu. Es war ein absoluter Zufall, dass ich von dieser speziellen Forschung erfuhr. Als er es herausfand, versuchte er, die Erinnerungen daran zu löschen."

„Sieht ihm ähnlich", warf Minerva ein, während Hermine die Augenbrauen hochzog.

„Allerdings", stimmte Filius lächelnd hinzu. „Aber der Obliviate war nicht seine Stärke. Mein Gedächtnisverlust hielt nicht lange an, die Erinnerung kam nach ein paar Tagen zurück. Ich hab es nie jemandem gesagt." Er tauschte einen nachdenklichen Blick mit der Direktorin.

„Worum ging es bei diesem Projekt?", fragte Hermine vorsichtig dazwischen und rutschte etwas dichter an den Schreibtisch heran.

Filius riss sich mit einem tiefen Atemzug aus seinen Erinnerungen. „Um einen Trank, der die Magie einer Hexe oder eines Zauberers absorbiert. Ich vermute, er wollte auf diese Weise versuchen, die Kraft der Todesser zu schwächen."

Zuerst wich Hermine jegliche Farbe aus dem Gesicht. Dann kehrte das Blut so machtvoll zurück, dass ihre Wangen puterrot anliefen. „Das könnte tatsächlich genau das sein, was wir brauchen", stellte sie aufgeregt fest.

„So schien es mir auch, Mrs Weasley, so schien es mir auch. Das Problem ist nur: Wir wissen nicht, wo die Aufzeichnungen dazu sind."


„Es mag Ihnen sonderbar erscheinen", vermutete Professor McGonagall, als sie Hermine die Stufen in die Kerker hinabführte, „aber ich habe es niemals für nötig gehalten, seine Wohnung auszuräumen. Professor Simmonds hat ein Quartier im Westturm vorgezogen und kommt nur zum Unterrichten hier runter."

„Sie brauchen sich nicht vor mir zu rechtfertigen, Professor", wandte Hermine ein, als ihre frühere Hauslehrerin kurz innehielt. Sie nickte, dann folgte Hermine ihr schweigend weiter zu den privaten Räumen Professor Snapes.

Eine Gänsehaut überzog ihre Unterarme, während sie sich immer tiefer in die verschachtelten Gänge der Kerker wagten. Sie spürte, wie die zarten Fäden von Spinnennetzen ihre nackte Haut berührten, je weiter sie sich vom belebten Teil des Schlosses entfernten. Sie hatte vermutet, dass Severus Snape sich auch im Privaten gerne von allen anderen distanzierte, aber sie hatte nicht erwartet, dass er sich dafür so tief unter das Schloss zurückziehen würde.

Umso überraschter war sie, als die Direktorin eine weitere Treppe hinabstieg. Hermine zögerte kurz und blickte den Gang zurück, ehe sie sich seufzend auf die feuchten Steinstufen wagte. „Wie tief reichen die Mauern des Schlosses?", fragte sie, nachdem sie neben Professor McGonagall getreten war und ihre Augen sich an das mäßige Licht weniger Fackeln gewöhnt hatten.

„Um ehrlich zu sein, kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten. Albus hat mal erwähnt, dass es noch ein Stockwerk unter diesem gibt, aber ich hab den Zugang nie gefunden. Möglicherweise geht es noch weiter nach unten, vielleicht ist aber auch dies hier der tiefste Punkt des Schlosses."

„Hat nie jemand versucht, mehr darüber herauszufinden?" Sie runzelte die Stirn und zog den Kopf etwas ein, ehe sie der schlanken Gestalt McGonagalls den Gang hinab folgte. Die Decke war niedrig hier.

„Doch, natürlich. Aber jedem, der es versuchte, fiel nach wenigen Tagen ein Grund ein, die Suche aufzugeben. Und sei es nur die Befürchtung, die Haustür nicht abgeschlossen zu haben." Sie warf ihr einen Blick zu, der Hermine lächeln ließ. „Nicht mal die Hauselfen sind in der Lage herauszufinden, ob es noch ein weiteres Kellergeschoss gibt. Wenn Sie mich fragen, dann hat das Schloss seine Gründe, dieses Geheimnis zu schützen. Und jeder, der es zu lüften versucht, verhält sich diesen Gründen gegenüber respektlos. Ich werde mich jedenfalls nicht noch einmal auf die Suche nach weiteren Kerkergängen machen."

Hermine fragte sich, ob Professor Snape sich dem Schloss und seinen Geheimnissen gegenüber genauso respektvoll verhalten hatte. Sie konnte es sich nicht vorstellen.

Einige Minuten später blieb Professor McGonagall vor einer Tür stehen, die so unscheinbar war, dass Hermine an ihr vorbeigelaufen wäre. Im spärlichen Licht unterschied sich der Farbton des Holzes kaum von dem der feuchten Wände. Die eisernen Scharniere schimmerten rot vor Rost und wenn sie ganz still war, glaubte sie das leise Rauschen von Wasser zu hören.

„Wir sind in der Nähe des Schwarzen Sees, nicht wahr?"

„Fast", entgegnete McGonagall. „Dieser Gang verläuft unter dem Zulauf des Sees."

„Ich dachte immer, der See wäre ein stehendes Gewässer."

McGonagall lächelte. „Eine naheliegende Annahme. Doch er verfügt sowohl über einen Zulauf, als auch über einen Ablauf. Letzterer taucht in etwa zwei Meilen Entfernung im Verbotenen Wald als Flüsschen aus einem Felsvorsprung auf und stürzt gute fünfzehn Meter in die Tiefe."

Hermine runzelte die Stirn. Sie war sich ziemlich sicher, in der Geschichte von Hogwarts gelesen zu haben, dass der Schwarze See in einer Senke lag. Was nur eines bedeuten konnte: „Der Ablauf läuft bergauf?"

„Die Magie des Schlosses hat schon so manches Naturgesetz außer Kraft gesetzt." Mit einem geheimnisvollen Blick wandte die Direktorin sich wieder der Tür zu und hob die Banne auf, die sie verschlossen. Trotz der rostigen Scharniere schwang sie schließlich lautlos nach innen auf. „Bitte, nach Ihnen!"

Hermine schluckte und alle Gedanken an die Besonderheiten des Schlosses (und die Frage, warum davon nichts in der Geschichte von Hogwarts stand) verschwanden aus ihrem Kopf. Sie setzte zögernd einen Fuß über die Schwelle und erschrak, als auch hier Fackeln an den Wänden aufloderten. Sie musste einige Male blinzeln, ehe sie sich an das plötzlich viel hellere Licht gewöhnt hatte. Dann sah sie sich neugierig um.

Sie stand mitten in einem Wohnzimmer. Der Boden war mit einem Webteppich belegt, an einer Wand zu ihrer Rechten stand ein riesiges Bücherregal und vor dem Kamin ein Sessel und ein kleiner Beistelltisch. Zu ihrer Linken entdeckte sie einen großen Schreibtisch aus dunklem Holz. Ordentlich lagen Pergamente, einige Bücher und zwei Federkiele darauf. Ein in die Tischplatte eingelassenes Tintenfässchen war nur zur Hälfte gefüllt.

Vom Wohnzimmer führten zwei Türen in angrenzende Zimmer. Hinter der einen vermutete sie ein Bad, hinter der anderen ein Schlafzimmer. Eine Küche war angesichts der Verköstigung durch die Hauselfen überflüssig.

Sie drehte sich einmal um sich selbst und schnaubte leise. „Man könnte meinen, er kommt gleich rein", murmelte sie und fröstelte erneut.

„Ja, so scheint es", stimmte Professor McGonagall zu. „Ich habe an seinen Räumen nichts verändert. Es bestand nicht einmal die Notwendigkeit, Gegenstände von Severus aus dem Schulleiterbüro hierher zu bringen. Er hat nichts mit nach oben genommen, das ihm persönlich gehörte."

„Er hat diese Räume nicht mal in dem Jahr als Schulleiter aufgegeben?"

Professor McGonagall schüttelte den Kopf. „Ich vermute, er hat sich niemals als Leiter dieser Schule gesehen."

Ein schweres Gewicht sank ihr in den Magen, als ihr einfiel, dass Professor Snape auch kein Porträt im Büro der Schulleiter gehabt hatte. Da er vor seinem Tod aus dem Schloss geflohen war, hatte nicht mal das Schloss ihn als Schulleiter gesehen. Erst Harry hatte dafür gesorgt, dass ein Porträt angefertigt und aufgehängt wurde.

Sie schluckte und sah sich noch einmal um. Ein Bild hing an der Wand; zwei ineinander verschlungene Phiolen, deren Glas so sehr glänzte, als könne man in das Bild hineingreifen und sie in die Hand nehmen. Auf dem Kaminsims stand eine filigrane Uhr, deren leises Ticken ihr erst bewusst wurde, als sie sie entdeckt hatte. Und über allem schwebte der abgestandene Geruch einer lange verlassenen Wohnung.

„Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich mich hier umsehe?", fragte sie vorsichtig, als die Stille unerträglich wurde.

„Natürlich. Ich will zwar nicht behaupten, dass es Severus recht gewesen wäre angesichts Ihrer Gründe; ich bin mir sicher, er hätte Sie – wenn nötig unter Einsatz seines Zauberstabes – von seinen Räumen fern gehalten."

„Oh ja", stimmte Hermine zu und grinste schief.

„Doch mit den richtigen Argumenten hätte ich es geschafft, ihm seine Aufzeichnungen zu diesem Experiment zu entlocken. Und da er sie uns nicht mehr persönlich heraussuchen kann, gebe ich Ihnen hiermit die Erlaubnis, selbst Ihr Glück zu versuchen."

Hermine seufzte. „Wenn nicht mal Sie und Professor Flitwick hier irgendwas gefunden haben …"

Professor McGonagall lächelte traurig. „Manchmal geht es nicht um Können. Manchmal geht es darum, die Denkweise eines Menschen zu verstehen. Severus ist vermutlich für jeden außer Albus ein Rätsel gewesen. Mir ist er jedenfalls immer mit Distanz begegnet."

„Tatsächlich?", fragte Hermine überrascht.

Professor McGonagall runzelte die Stirn, aber sie ging nicht näher darauf ein. „Sehen Sie sich um, Hermine. Vielleicht gelingt es Ihnen, Severus zu verstehen und ihm seine Geheimnisse zu entlocken." Ihr Blick schweifte durch das Wohnzimmer. Dann wurde sie plötzlich geschäftig. „Nun, die Pflicht ruft. Sollten Sie den Weg nach oben alleine nicht finden, scheuen Sie sich nicht, einen der Hauselfen um Hilfe zu bitten. Sie kennen alle Gänge dieses Schlosses. Abgesehen natürlich von denen, die möglicherweise unterhalb dieses Stockwerks liegen."

Während Hermine noch überrascht blinzelte, ließ Professor McGonagall sie in der Stille der Kerker zurück. Alleine an dem Ort, den vermutlich noch kein Schüler jemals zu Gesicht bekommen hatte und der trotzdem berüchtigt war als der Vorhof zur Hölle.


Einige Stunden später saß Hermine im Schneidersitz auf dem Teppich, das Kinn in die Hand gestützt und starrte böse das Bild an der Wand an. Sie hatte diesen elenden Raum auf den Kopf gestellt (und danach natürlich auf die Füße zurück), doch sie hatte nichts gefunden, das auch nur annähernd wie Forschungsunterlagen aussah. In ihrem Verstand kämpfte mittlerweile die Verzweiflung über die ergebnislose Suche gegen die Wut auf ihren früheren Lehrer.

Nachdenklich legte sie den Kopf zur Seite und beobachtete, wie das Licht im Bild geschmeidig über das Glas der Phiolen wanderte. Sie hatte selten zuvor ein Gemälde gesehen, das so faszinierend war – weder in Hogwarts noch anderswo in der magischen oder nichtmagischen Welt.

Im nächsten Moment zuckte sie kaum merklich zusammen. Die Tür zum Flur schwang auf und Professor Flitwick betrat den Raum, in seinem Wust aus Umhängen kaum zu sehen. Als er sie so auf dem Boden sitzen sah, hörte sie ihn kichern. Hermine runzelte die Stirn.

„Glauben Sie nicht, dass es mich freut, Ihre Suche ergebnislos zu sehen, Mrs Weasley", erklärte er beschwichtigend und trat neben sie; stehend war er kaum einen Kopf größer als sie im Sitzen. „Doch auf eine gewisse Art ist es beruhigend, dass nicht nur Minerva und ich vergeblich versuchten, das Rätsel dieses Quartiers zu lösen."

Sie schnaubte leise und stemmte sich wieder auf die Beine. „Ich nehme mal an, das ist der Grund dafür, dass Professor McGonagall nichts an den Räumen verändert hat."

„Einer der Gründe", gab der Zauberkunstprofessor zu. „Doch ein erheblich größerer ist noch immer das Entsetzen darüber, Severus' Schauspiel nicht durchschaut zu haben."

„Wer hat das schon?", murmelte Hermine und fuhr sich mit der flachen Hand über den Oberarm, als sie schauderte. „Ich betrachte meine Suche jedenfalls noch nicht als gescheitert. Wenn es keine Umstände macht, würde ich gerne morgen wiederkommen und mich noch einmal hier umsehen. Irgendetwas ist da …"

Ein weiteres Mal wanderte ihr Blick zu dem Gemälde; es übte eine befremdliche Anziehungskraft auf sie aus. Ihre Intuition flüsterte ihr zu, dass dieses Bild der Schlüssel war. Doch ihr Verstand konnte mit diesem Flüstern noch nichts anfangen. Sie hatte es sich genau angesehen, dahinter gespäht, es mit den Fingern abgetastet, aber nichts. Und trotzdem …

„Es macht keine Umstände, ganz im Gegenteil. Abgesehen davon, dass ich es Ihnen und Ihrer Tochter wünsche, eine Lösung für Ihr Problem zu finden, hätte ich auch keinerlei Einwände dagegen, eine Lösung für das Rätsel um Severus zu finden." Professor Flitwick zwinkerte ihr verschmitzt zu.

„Wenn das so ist", erwiderte sie lächelnd, „komme ich gleich morgen wieder. Das heißt, sofern Evie Zeit hat, sich um Rose zu kümmern."

„Schicken Sie einfach eine Eule, wann es Ihnen passt, Mrs Weasley. Minerva hat im Allgemeinen viel zu tun zu dieser Zeit des Schuljahres, aber mir wäre es ein Vergnügen, Sie abzuholen und herzubringen."

„Vielen Dank, Professor Flitwick."


Es war kurz nach halb drei, als Hermine aus dem Schlaf schreckte. Im ersten Moment vollkommen desorientiert, sah sie sich im dunklen Schlafzimmer um und lauschte mit heftig pochendem Herzen in die Stille hinein. Sie hatte keinen Albtraum gehabt. Jedenfalls keinen, an den sie sich erinnern konnte. Was hatte sie dann geweckt?

Erst nach mehreren Momenten wiederholte sich das Geräusch, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte – ein leises Jammern, das sich seinen Weg durch zwei angelehnte Türen und über einen Flur hinweg bahnte.

Beinahe augenblicklich schlug die Müdigkeit gnadenlos über ihr zusammen und sie sank stöhnend auf ihr Kopfkissen zurück. Während sie sich mit der flachen Hand über Stirn und Augen wischte, bewegte sich etwas auf der anderen Seite der Matratze und ein tiefer Atemzug erklang in der Dunkelheit der Nacht.

„Wahs isdenn los?", vernahm sie Rons Stimme aus den Tiefen seines Bettzeugs.

„Rose", antwortete sie leise. „Schlaf weiter, ich geh schon."

Er reagierte nicht auf ihre Worte und so nahm Hermine an, dass er sofort nach seiner Frage wieder eingeschlafen war.

Nachdem das Weinen erneut anhob, schob Hermine ihre Bettdecke beiseite und setzte die Füße auf den kühlen Schlafzimmerboden. Während ihr Kreislauf sich an die vertikale Position gewöhnte, tastete sie nach den Hausschuhen. Dann stand sie auf und trat den Weg ins Kinderzimmer an.

Das magische Nachtlicht, das über dem Kopfende von Roses Bett schwebte, tauchte das kleine Zimmer in ein warmes gelbes Licht. Es beleuchtete die Fäustchen, die sich fest an die obere Kante des Gitterbetts geklammert hatten, damit sie zwischen ihrem zitternden Luftholen nicht das Gleichgewicht verlor. Es ließ das lockige rote Haar des Mädchens glänzen wie erhitzte Kupferfäden und wurde von den Tränen, die über die geröteten Wangen liefen, reflektiert.

„Shhh-shhh", machte Hermine in der frommen Hoffnung, dass diese wenig geistreiche Äußerung Rose irgendwie dazu bringen würde, von einer Sekunde auf die andere wieder einzuschlafen. Doch sie hielt nicht viel davon und holte erneut Luft, um noch einige Dezibel lauter zu werden. Hermine belegte das Kinderzimmer mit einem Imperturbatio-Zauber, damit Ron ungestört schlafen konnte, ehe sie sich ihr wieder zuwandte.

„Mummy-y-y … aua."

Hermine verzog das Gesicht und versuchte den Stich zu ignorieren, den ihr der Anblick versetzte. Noch ehe ihr Verstand dazu fähig war, irgendein vernünftiges Wort auf die Reihe zu bekommen, hob sie Rose aus ihrem Kinderbett und setzte sich mit ihr in den Schaukelstuhl neben dem Bett. „Es ist alles gut, Rose, ich bin da", sagte sie leise und küsste sie auf die Stirn.

Roses zierlicher Körper bebte und Hermine zerrte ihr Nachthemd unter den Beinen ihrer Tochter hervor und presste die kalten Füße gegen ihre Oberschenkel. Sie hatte den Schaukelstuhl zwar mit einem Wärmezauber belegt, weil das nicht die erste Nacht war, die sie hier mit ihr verbrachte, aber es dauerte ein paar Minuten, ehe der auf ihre Anwesenheit reagierte. Rose barg ihr Gesicht an Hermines Hals und weinte gedämpft.

Mit der freien Hand strich Hermine über den weichen Lockenkopf und den Rücken und bewegte sanft den Stuhl vor und zurück. „Ich weiß, Mäuschen, die Welt ist furchtbar ungerecht", murmelte sie, während Rose ihre triefende Nase an ihrem Nachthemd abwischte und ruhelos ihre Füße und Hände bewegte.

„Aua …", greinte sie leise.

„Tut dir der Kopf weh?"

„Jaa-aah …"

Hermine verzog das Gesicht. „Es wird gleich besser, Mäuschen", flüsterte Hermine und legte eine Hand an Roses Hinterkopf. „Bald wird es besser …"

Es dauerte einige Minuten, bis Rose ihren rechten Daumen fand und daran zu nuckeln begann, ab und an durchbrochen von leisem Jammern. Das gleichmäßige Schmatzen war eine enorme Erleichterung. Und während der Wärmezauber allmählich zu wirken begann, sog Rose schon die Wärme aus Hermines Körper in sich auf und driftete in einen unruhigen Dämmerschlaf. Ihre Zehen bewegten sich weiter und ihre kleinen Finger spielten mit dem Ausschnitt von Hermines Nachthemd.

Diese wandte den Blick durch das Fenster in den klaren Sternenhimmel und wog die Möglichkeiten ab, die ihr blieben. Rose schlief problemlos, wenn sie ihr zehn Tropfen eines für diese Nächte gedachten Trankes in den Mund träufelte. Sie hatte die ausdrückliche Erlaubnis ihrer Heilerin, das zu tun. Doch Heilerin Goodale ging auch davon aus, dass Rose ohnehin binnen des nächsten Jahres sterben würde und diese Meinung teilte Hermine nicht.

Davon abgesehen halfen Hermines Nähe und eine aufrechte Position ähnlich gut. Etwas langsamer, aber trotzdem … Es schien nicht so schlimm zu sein, dass der Trank unbedingt notwendig wäre. Und es war nicht die erste Nacht, die sie hier im Schaukelstuhl mit ihr verbrachte.

Hermine seufzte und sah auf den Kopf ihrer Tochter hinab. Sie fühlte sich warm an, als sie ihr Kinn dagegen lehnte. Der Geruch von sauberer Kinderhaut und den Überbleibseln des unruhigen Schlafes stieg in Hermines Nase und ließ sie freudlos lächeln. Als sie sich sicher war, dass Rose wieder eingeschlafen war, rief Hermine eines ihrer Bücher aus dem Wohnzimmer zu sich, legte es auf den kleinen Tisch links neben sich und begann zu lesen, während sie weiterhin mit einem Fuß den Schaukelstuhl bewegte.


Sie wachte auf, als ihr jemand ein schweres Gewicht vom Brustkorb nahm. Urplötzlich fühlte Hermine sich beraubt, ein Gefühl, das sie beinahe jede Nacht aus dem Schlaf schrecken ließ und so auch jetzt. Sie schnappte nach Luft und sah sich mit weit aufgerissenen Augen um. Bis sie Ron entdeckte, der seine Tochter auf dem Arm hatte und sich leise mit ihr unterhielt.

Er lächelte Hermine zerknirscht an. „Ich hatte gehofft, dass du weiterschlafen kannst, wenn ich sie früh genug nehme."

Hermine sank ein Stück zusammen, wischte sich mit den Händen über das Gesicht und seufzte. Verspannt setzte sie sich auf und streckte ihre Glieder. „Man kann einer Mutter nicht unbemerkt das Kind vom Schoß nehmen."

Was auch immer Ron auf diese Feststellung hatte antworten wollen, er wurde von der zarten Stimme seiner Tochter unterbrochen: „Da wa' eine Sildgröte und die hat … hat …" Rose seufzte und drehte die Augen zur Decke.

„Was hat die Schildkröte gemacht?", hakte Ron nach.

„Mich getragen", vollendete sie den Bericht ihres Traumes.

„Nein!", sagte er erstaunt, ehe er sich wieder Hermine zuwandte. „Geh duschen, Mine. Ich hab noch eine halbe Stunde Zeit."

Sie nickte widerwillig; es ging Rose offensichtlich besser. Was nichts daran änderte, dass sie sie nach Nächten wie dieser ungern auch nur eine Minute aus den Augen ließ. „Sie braucht ihre Tränke, Ron, bevor es zu spät ist."

„Ich weiß. Ich geb sie ihr gleich."

Hermine nickte, sah die beiden aber trotzdem noch einen Moment lang unschlüssig an und kaute auf ihrer Unterlippe. Doch sie konnte ihre Körperpflege nicht gänzlich auf Eis legen und gerade nach der unbequemen Nacht im Schaukelstuhl sehnte sie sich nach der Massage des warmen Wassers, das hoffentlich ihre verspannten Muskeln lockern würde.

Bevor sie das Zimmer verließ, küsste sie erst Rose auf die Stirn, dann Ron auf die kühlen Lippen. Sie murmelte ihm ein „Danke!" zu und verschwand ins Bad.


Als sie später an diesem Morgen nach einem Schmerztrank gegen ihren verspannten Nacken und ein paar Zaubern gegen die dunklen Augenringe vor dem Kamin hockte, um mit Evie Kontakt aufzunehmen, stieß Hermine unerwartet auf einen Widerstand. Der Kamin ihrer Freundin war verschlossen, sie war nicht da.

Perplex sank Hermine auf ihre Füße zurück und starrte in die grünen Flammen, die sich nur langsam und unter sinnlosem Verbrauch des Flohpulvers wieder gelb färbten. Regen prasselte gegen die Fensterscheiben und ließ die Wahrscheinlichkeit, dass Evie mit Ethan auf dem Spielplatz war, rapide gen Null sinken. Es kitzelte unangenehm in Hermines Bauch.

Kopfschüttelnd rief sie sich zur Vernunft. Auch in einem magischen Haushalt mussten alltägliche Dinge wie Einkäufe oder Termine erledigt werden. Dass Evie einmal nicht zu Hause saß und darauf wartete, dass sie Rose bei ihr parkte, war noch lange kein Grund, etwas Schlimmes zu befürchten.

Gedanklich ging sie jeden durch, bei dem sie Rose in guten Händen wusste. Arthur und Molly arbeiteten, ihre eigenen Eltern lebten in Australien. Lily zahnte gerade und hielt Ginny zusätzlich zu den Jungs auf Trab, da wollte sie ihr nicht auch noch Rose aufs Auge drücken. Und Fleur stand kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes. Hermine presste die Lippen aufeinander. Außer Evie gab es niemanden.

Sie stützte sich auf ihren Beinen ab und stemmte sich in die Höhe. Ihre Knie knackten, als sie sich in die Senkrechte begab, und ihr wurde einen Moment lang schwindelig. Sie hielt sich am Kaminsims fest, bis es nachließ.

Im nächsten Moment wurden schnelle Schritte hinter ihr lauter und noch ehe sie sich umdrehen konnte, spürte sie Roses Hände, die sich fest in den Stoff ihrer Hose klammerten. „Jetz' zu Esann, Mummy?"

Sie strich durch die roten Haare, genoss das Gefühl der weichen Locken auf ihren Fingerspitzen und schüttelte bedauernd den Kopf. „Tut mir leid, Rose. Ethan ist nicht zu Hause."

„Warum?", fragte sie, offensichtlich zutiefst enttäuscht.

„Vermutlich ist er mit Evie beim Einkaufen." Hermine löste den Griff von Roses Fäusten und nahm sie bei der Hand. „Möchtest du stattdessen mit mir kommen?", fragte sie diplomatisch und ging ins Kinderzimmer zurück. Ehe Rose antworten konnte, blieb Hermine jedoch entsetzt im Türrahmen stehen. Der Teppichboden war übersät mit Bauklötzen, Besenmodellen, Buntstiften und wild bemalten Pergamenten. „Wie sieht es denn hier aus?"

„Hübs!", verkündete ihr Sprössling und kicherte frech.

„Das ist Ansichtssache", murmelte Hermine. Es war wirklich erstaunlich, wie wenig Zeit Rose brauchte, um ein ehemals ordentliches Zimmer in ein Chaos zu verwandeln. Trotzdem lächelte sie ein bisschen. Es tat gut, Rose nach Nächten wie der letzten so zu sehen. Als wäre sie ein gesundes Kind. Als gäbe es nichts, das … „Bevor wir losgehen, musst du erst mal aufräumen", riss Hermine sich aus ihren Gedanken.

„Neeeein, Mummy. Ich will noch weiterspielen!" Rose zerrte ihre kleine Hand aus Hermines Griff und sank auf die Knie, nur um mit einem roten Stift Kreise auf ein zerknülltes Pergament zu malen.

„Du kannst ein paar Spielsachen mitnehmen", entschied sie sich angesichts ihres Tatendrangs in Sachen Snape zu einem Kompromiss.

Doch auch der stieß bei ihrer Tochter nicht eben auf Begeisterung: „Alles!"

„Nein, nicht alles. Das wird zu viel, Rose."

Auf diese resolute Ablehnung begann Roses Kinn verdächtig zu zittern, während sie sich mit stockendem Atem in eine Flut falscher Tränen hineinsteigerte. Hermine seufzte innerlich und bereitete sich auf einen harten Kampf vor.