Fassungslos starrte er auf das Stück Pergament, das er kurz zuvor einer kleinen, braun getupften Eule abgenommen hatte.

Sehr geehrter Mr. Finnigan,

bedauerlicherweise muß ich Ihnen mitteilen, daß Schüler keine Hunde mit nach Hogwarts bringen dürfen. Es fehlt an einer geeigneten Unterbringungsmöglichkeit, und die Pflege des Tieres ist schwer mit Ihren zeitlichen Verpflichtungen zu vereinbaren.

Sie dürfen gern eine Katze, Kröte oder Eule mitbringen. Auch andere Vögel, Lurche oder Kleintiere werden häufig genehmigt. Es gibt hier einige Rabenvögel und Falken, und auch Salamander, Frettchen und Mäuse hat Hogwarts schon gesehen.

Ich freue mich darauf, Sie im September zu begrüßen.

Minerva McGonagall

Stellvertretende Schulleiterin

Er las es wieder und wieder, doch der Inhalt blieb der gleiche. Keine Hunde in Hogwarts. Schließlich machte er seiner Verzweiflung Luft.

„Mum! Ich darf Clover nicht mitnehmen!"

Seine Mutter stellte die Teekanne ab, stand auf und eilte um den Frühstückstisch, um ihn in den Arm zu nehmen.

„Das tut mir leid."

Tränen liefen ihm über die Wangen. Wie sollte er so lange ohne seinen Setter auskommen? Und was würde Clover allein zu Hause tun? Schon als sie den Brief geschrieben hatten, hatte seine Mutter ihm gesagt, daß es wohl nicht klappen würde, doch er hatte bis zuletzt gehofft. Nun tat sich ein Abgrund vor ihm auf. Von Schmerz und Unrast getrieben machte er sich los und rannte aus dem Zimmer. Sein Vater rief ihm nach, doch er verstand die Worte nicht. Er lief schneller.

Hinter dem Haus ließ er sich in die Nische zwischen Wand und Regentonne fallen. Er zog die Beine an und vergrub sein Gesicht zwischen Händen und Knien. Augenblicke später war Clover da, schob seinen Arm beiseite und stubste ihm die kühle Hundenase an die heiße, tränennasse Wange. Er schloß das Tier in die Arme und vergrub sich in seinem Fell.

Er mußte eine Weile dort gesessen haben, denn irgendwann waren die Tränen versiegt. Er wischte sich über die Augen und putzte sich die Nase. Clover leckte ihm die Hände, dann bellte er und lief ein Stück von ihm fort. Seamus sah auf und bemerkte seinen Vater. Dieser kam heran und reichte ihm die Hand.

„Komm, gehen wir ein Stück mit den Hunden."

Seamus nickte und ließ sich aufhelfen. Wenige Minuten später passierten sie das Gartentor, begleitet von fünf Hunden und mit drei Welpen an der Leine. Von der Meute umgeben gingen sie zwischen den Weiden zum Wald und folgten den Pfaden im Schatten der Kronen und des dichten Unterholzes. Gelegentlich riefen sie die Tiere wieder heran, sonst schwiegen sie. Seamus merkte, daß es ihm besser ging. Das Vertraute half, und er liebte die langen Streifzüge mit den Hunden, in Begleitung seines Vaters oder inzwischen auch allein. Doch es blieb ein dumpfer Schmerz in seiner Seele, und Furcht begleitete ihn, ließ sein Herz rasen und hüpfen, wie es das sonst nicht tat. Clover stöberte nicht herum wie sonst, sondern blieb die ganze Zeit an seiner Seite, als wolle er ihm Trost spenden.

Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs, als der Vater wieder sprach:

„Ich verstehe, daß es dir schwerfällt, Clover zurückzulassen. Bei deinem ersten großen Abenteuer allein."

„Es ist so ungerecht! Alle möglichen Haustiere dürfen mit, warum keine Hunde?"

„Ich habe deine Mutter gefragt, wie es in Hogwarts ist. Sie sagt, daß es in den Schülerunterkünften wirklich nicht möglich ist, Hunde gut zu versorgen, und draußen auf dem Gelände wäre er viel allein. Spätestens ab dem dritten Schuljahr hättest du nicht die Zeit, jeden Tag lange mit ihm zu spielen und spazieren zu gehen. Und du müßtest ihn daran hindern, im Wald zu stromern, weil dort auch gefährliche Kreaturen leben." Er schwieg einen Moment. „Ich hoffe, das letzte war übertrieben", setzte er dann nach.

Seamus schluckte. Ein Teil von ihm sah ein, daß Clover es zu Hause besser haben würde. Und dennoch… Was sollten sie nur ohne einander machen?

„Euch werde ich auch vermissen, aber wir können uns wenigstens Briefe schreiben. Clover wird mich vergessen, wenn ich so lange weg bin."

„Nein, das wird er nicht. Er wird dich vermissen und sicher am Anfang auch darunter leiden. Aber er hat die anderen Hunde, und er hat uns. Hazel hat versprochen, sich viel um ihn zu kümmern und dir jede Woche zu schreiben."

Unwillkürlich mußte er lächeln. Seine kleine Schwester konnte ein Biest sein, aber wenn es wichtig war, hielten sie zusammen. Sie würde seine Augen und Ohren zu Hause sein. Zumindest, bis sie in zwei Jahren selbst nach Hogwarts käme.

So kam es, daß Seamus mit Wehmut, aber doch voll Neugier und Vorfreude auf den September wartete.