Sowohl Arian als auch Severus hatten keine wirklich fröhlichen Ferien. Arian, weil sie sich ständig Vorwürfe machte, aber mit niemandem darüber redete, und Severus, weil er niemanden zum Reden hatte, selbst wenn er gewollt hätte. Wie jeden Sommer übermannten ihn seine schlimmsten Angewohnheiten wieder – übermäßiger Alkohol- und Tränkekonsum – und Alpträume waren wie immer an der Tages- beziehungsweise Nachtordnung. Zusätzlich hatte er das beunruhigende Gefühl, sein Dunkles Mal würde prickeln. Er wusste nicht, ob es an dem Gespräch mit Albus lag, ob er es sich einbildete oder ob es der Wirklichkeit entsprach. Nicht selten erwachte er mitten in der Nacht, schweißgebadet und unsicher, was tatsächlich real war. Er wünschte sich nichts sehnlicher als Ablenkung, am besten in der Form von Arian.

Einmal wieder war er des nachts wach und rieb frenetisch an dem blassen Mal aus Totenschädel und Schlange auf seinem linken Unterarm herum, als es plötzlich an seinem Fenster klopfte und er erschrocken zusammenfuhr. Außen vor der Scheibe in der Dunkelheit konnte er geradeso den Umriss einer Eule ausmachen. Er öffnete das Fenster und nahm den Brief entgegen. Wer verschickte um diese Uhrzeit Post? Da erkannte er Arians Handschrift und augenblicklich wurde ihm ganz flau im Magen – war ihr etwas passiert?

Lieber Severus,

ich hoffe, du schläfst gerade und ich habe dich nicht geweckt, hier ist es auch schon spät, ich kann nur nicht schlafen und Caryl hat sicher lang zu fliegen… aber ich vermisse dich. Ich bin noch bei meiner Familie und das ist auch schön, aber ich wünschte, ich könnte dich einfach jederzeit sehen, so wie in Hogwarts.

Naja, egal, ich schicke das jetzt ab, bevor ich's mir anders überlege.

Ich liebe dich.

Arian

Severus saß ganz still auf seinem Bett. Arian lag wach und weil sie ihn vermisste, hatte sie kurzerhand ihre Eule zu ihm geschickt – von Deutschland! – obwohl sie wusste, dass sie ihn erst in den allerfrühsten Morgenstunden erreichen würde? Schlagartig vermisste er sie noch mehr als zuvor und wollte am liebsten sofort zu ihr.

„Caryl?"

Die Waldkauzdame sah ihn aus dem Schatten der Vorhänge vorwurfsvoll an.

„Ja, ich hab' dich schon wieder nicht erkannt. Es ist aber auch dunkel."

Caryl klackerte unwirsch mit dem Schnabel.

„Was denn? Entschuldigung – jetzt zufrieden? Immer noch nicht?" Er rollte mit den Augen. „Ich hab' keine Eulenkekse, hatte ich noch nie. Toast kann ich vielleicht anbieten…"

Ergeben schlurfte Severus ins Erdgeschoss und in die Küche, Caryl ihm flatternderweise dicht auf den Fersen. Dort angekommen warf er ihr die letzte Scheibe Toastbrot auf die Arbeitsplatte und ließ sich mit einem Glas Wasser am Tisch nieder. Ein Teil von ihm hätte Caryl beinahe gleich wieder losgeschickt, doch was sollte er schreiben?

„Wie geht es Arian?", fragte er die Eule.

Diese sah von ihrem Toast auf und musterte ihn mit durchdringenden Augen.

„Ich mein' das durchaus ernst, Vogel." Langsam wurden seine nackten Füße auf dem abgetretenen Linoleum kalt. Das Wetter war in den letzten Tagen wenig sommerlich gewesen.

Die Käuzin vertilgte in aller Seelenruhe das Brot, dann flatterte sie hinüber auf die Tischplatte und pickte Severus in den Arm.

„Autsch!"

Erneut traf ihn ein strenger Blick.

Er seufzte. „Ich kann lesen, danke, Federvieh."

Empört hackte Caryl ihm den Schnabel in den Handrücken und zeterte los, als er daraufhin nach ihr schlug. Sie verfolgte ihn sogar zurück in sein Schlafzimmer, wo er Arians Brief noch einmal auffaltete

und las. „Ich liebe dich" hatte sie geschrieben. Hier stand es, tiefschwarze Tinte auf gelblichem Pergament. Beinahe ehrfürchtig strich er mit dem Finger über diese magischen drei Worte und schloss die Augen, stellte sich vor, wie es wäre, wenn Arian jetzt bei ihm wäre… und riss sie ganz schnell wieder auf. Zum Glück war sie es nicht, sonst wäre sie jetzt in der Bruchbude, die er sein Haus nannte, und würde ihn obendrein im Nachthemd sehen. Zwar verdeckte es das meiste, das er verstecken wollte, doch es war nicht auszumalen, was passieren würde, wenn sie sein Dunkles Mal sähe…! Denn sie hatte ihn nie so angesehen wie die anderen, mit diesem tiefverwurzelten Misstrauen, das ihm anklagend „Todesser!" aus ihren Augen entgegenschrie. Sie hatten andere Differenzen gehabt, doch das war bei ihr nicht so. Sie wusste nichts davon.

Caryl gab einen Laut von sich, der für eine Eule sehr verschnupft klang, und steckte scheinbar resigniert den Kopf unter einen Flügel.

„Bleibst du jetzt etwa hier?", fragte Severus entgeistert. Er erhielt keine Antwort. Stattdessen blieb er allein mit seinen Gedanken, was Arian wohl tun würde, sollte sie von seiner Vergangenheit erfahren. Natürlich fand er so erst recht keinen Schlaf.

Als die Sonne aufging, begann Caryl erneut, ihn anzustarren und auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Aus dem Badezimmer konnte er sie gerade noch mit einem Zauber heraushalten, doch ansonsten gab es kein Entkommen. Sie platzierte sich einfach mitten auf seinem Schreibtisch, als er etwas arbeiten wollte. Erst als sie ihm seine beste Schreibfeder direkt vor die Nase legte, gab er auf – sie würde anscheinend nicht eher wieder Ruhe geben und verschwinden, als dass er Arian geantwortet hatte.

Arian,

deine Eule nervt mich

Nein, das war irgendwie nicht ganz das, was er schreiben wollte, obwohl es natürlich durchaus der Wahrheit entsprach.

Letztlich bauchte es viele Anläufe und viel zerknülltes Pergament, bis er einigermaßen zufrieden war.

Arian,

deine Eule hat mich nicht geweckt – ich war sowieso noch wach und hätte den Abend auch lieber in deiner Gesellschaft verbracht.

Wir sehen uns spätestens zu der vorgezogenen Versammlung in Hogwarts.

Severus

Kaum hatte er Caryl damit losgeschickte, zerbrach er sich den Kopf darüber, ob er sich lächerlich machte und um Aufmerksamkeit bettelte wie ein kleines Kind. Manchmal hasste er sein einsames Leben…

Die Lehrerversammlung war wirklich nicht mehr allzu lang hin, war sie diesmal doch schon für den 18. August angesetzt. Also nur noch läppische drei Wochen. Albus war der Meinung, sie müssten dieses Jahr besonders viel vorbereiten, nur warum hatte er natürlich wieder nicht verlauten lassen… Doch seit Severus in der Nacht Arians Brief erhalten hatte, dachte er an wenig anderes, wenn er nicht gerade am Brauen kleinerer Experimente war. Dass ein paar Tage später erneut Caryl auf seiner Fensterbank saß, war also eine große Erleichterung.

Ich bin zurück in Wales. Wollen wir uns sehen? Neben der Marina in Swansea gibt es ein neues Restaurant, das ich gerne ausprobieren würde. Könnten uns Donnerstagmittag an der Statue von Captain Cat treffen. Hast du Lust?

Und ein Herz unter dem Text. Dass sein eigenes Herz wie wild klopfte und schon selbstständig eine Antwort verfasste, war dabei gar nicht von Belang. Doch wie sollte er diesen Treffpunkt finden? Wer bei Merlin war dieser Captain Cat? Andererseits, wenn es eine Statue von ihm gab, würde ihn vielleicht jemand in der Stadt kennen, selbst wenn Severus so mit den Muggeln in Kontakt treten musste. Geschwind kritzelte er seine Rückantwort auf ein übriges Stück Pergament.

Als er schließlich am Donnerstag in einer vermüllten Gasse in der Nähe der Docks in Swansea apparierte, war er bereits etwas zu spät dran, da er nicht gewusst hatte, was er anziehen sollte. Es war warm, also hatte er sich letztendlich für ein weißes Hemd und eine schwarze Stoffhose entschieden – lang, selbstverständlich. Die industrielle Vergangenheit der Stadt war unübersehbar, doch man arbeitete hier daran, das Image zu verbessern, ganz im Gegensatz zu seiner Heimatstadt Cokeworth, in der selbst die ehemals besseren Gegenden mittlerweile ziemlich heruntergekommen waren. Die Marina fand Severus relativ leicht, doch dort angekommen, stellte sich ihm erneut die Frage, wie er Arian finden sollte – überall schienen Menschen herumzulaufen…

„Kann ich dir helfen, Junge?", erkundigte sich da eine Stimme mit einem so starken Akzent, dass er sie beinahe nicht verstanden hätte. Ein älterer Herr mit einem Spazierstock saß auf einer Bank in der Sonne, von seiner geöffneten Jacke ausgehend ein dekorierter ehemaliger Soldat.

„Danke", sagte Severus. „Ich suche die Statue eines gewissen Captain Cat."

Der alte Mann lachte und murmelte etwas von wegen da sei er nicht der Einzige, bevor er ihm eine kurze Wegbeschreibung gab.

Tatsächlich waren einige Touristen in Grüppchen um die Bronzeskulptur eines Seemanns mit einer großen Glocke versammelt und links daneben, etwas abseits… Severus hätte sie fast nicht erkannt: In einem knappen, bauchfreien Top und Jeans-Shorts sah sie aus wie eine typische Muggelfrau im Sommer. Eine wunderschöne Frau. Er schluckte schwer.

„Severus!" Arian fiel ihm um den Hals und presste ihre Lippen auf seine. „Ich hab' dich so vermisst!" Ihre Augen strahlten und ihre seltsame Distanziertheit von vor den Ferien schien verschwunden.

Severus war nicht übermäßig begeistert, dass sie ihre Zuneigung ausgerechnet mitten in der Öffentlichkeit zeigen musste, doch es tat so gut, sie wieder an seiner Seite zu haben, dass seine Rüge nur sehr knapp ausfiel: „Nicht hier, bitte."

„OK", meinte sie mit einem Lächeln.

Das kleine Lokal, in dem sie essen wollten, lag nur ein paar hundert Meter entfernt und von den Außentischen aus konnte man die Boote und Yachten beobachten, die sachte auf dem Wasser wippten. Den Nachmittag über teilten sie verschiedene Speisen in Tapas-Größe und tranken Bier und Cider aus der Region. Severus ließ Arian erzählen und warf nur ganz selten etwas aus seinen eigenen Ferien ein, schließlich gab es nicht wirklich irgendetwas Gutes zu berichten. Wenn sie wüsste, wie seine Tage und vor allem die Nächte abliefen, würde ihr bestimmt augenblicklich der Appetit vergehen.

„Severus?", riss ihn Arians Stimme aus seinen dunklen Gedanken. „Hast du…" Sie spielte nervös mit einer Serviette herum. „Hast du vielleicht Lust, noch auf einen Wein mit zu mir zu kommen?"

Überrumpelt sah Severus sie an. Zu ihr nach Hause? Sie wollte ihn wirklich bei sich zuhause haben? In Hogwarts war das ja noch etwas anderes, aber… nun gut, sie wohnte sicherlich auch nicht in so einer üblen Gegend wie Spinner's End… Was er so über die letzten Jahre mitbekommen hatte, war ihre Familie nicht bettelarm, auch wenn sie nicht zu den gutbetuchten Reinblutfamilien zählte, die nicht einmal arbeiten mussten.

„Du musst natürlich nicht, das kam mir grad nur so, weil es nicht weit ist – eigentlich könnte man sogar einen langen Spaziergang draus machen – und ja…"

„Ja", sagte er schnell, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

„Was?"

„Auf einen Wein?"

„Oh, ach so!" Sie kicherte etwas undamenhaft. „Ja, schön."

„Wie lang ist denn der Weg zu Fuß?"

„So um die zwei Stunden."

„Und das nennst du einen Spaziergang?! Wie betrunken bist du?!"

„Nicht betrunken genug, um… Ach, lassen wir das, apparieren wir lieber…"

Sie bezahlten, verließen das Lokal und suchten sich eine verlassene Ecke hinter einem leerstehenden Bürogebäude, um zu disapparieren. Als sie wieder auftauchten, standen sie auf einer Wiese auf einer Klippe und man konnte das Meer rauschen hören, das sich bis zum Horizont erstreckte. Ein weiß getünchter Leuchtturm ragte auf einem Felsen aus dem Wasser, das in der langsam sinkenden Sonne glitzerte. Nur ein paar Meter entfernt stand ein kleines, aber schickes Häuschen, dessen Garten von einem weißen Holzzaun umschlossen war, von dem die Farbe abblätterte.

„So…", murmelte Arian und strich mit rhythmischen Handbewegungen über das Gartentor. „Magst du mal eben kurz deine Hand da drauflegen?"

Mit einer gehörigen Portion Misstrauen tat Severus, wie geheißen. Er fühlte Magie durch seine Hand pulsieren wie ein silbernes Prickeln. Wie konnte ein Prickeln silbern sein? Doch genauso schien es zu sein…

„OK, super, komm rein. Die Schutzzauber lassen normalerweise nur Leute rein, wenn ich sie explizit hereinbitte und beim Namen nenne. Dachte aber, ich könnte deine magische Signatur gleich hinzufügen, dann sparen wir uns das nächstes Mal."

Severus schluckte und betrat schweigend den Garten. Das hatte er nicht von ihr erwartet. Womit hatte er so viel Vertrauen verdient…?

Im Haus durchquerten sie die kleine Diele in die Küche, die über ein paar Treppenstufen nach unten mit dem Wohnzimmer verbunden war, wo Seren auf dem Sofa zusammengerollt war und schlief, bewaffneten sich mit Gläsern und einer Flasche chilenischem Rotwein und gingen hinaus auf die Terrasse. Während Arian ein paar Kerzen anzündete, betrachtete Severus die untergehende Sonne über dem Meer. Es war so wunderschön hier…

„Sev?"

Er zuckte unwillkürlich zusammen. Der alte Spitzname… Niemand hatte ihn je verwendet außer Lily… Doch dass Arian ihn jetzt benutzte, machte ihm wider Erwarten nichts aus. Im Gegenteil. So entspannt, wie sie in der Hollywoodschaukel saß, ein Bein angezogen, das Glas Wein in der Hand, passte es perfekt, denn in diesem Moment war sie das Einzige, das ihm irgendetwas bedeutete. Ihm wurde ganz warm ums Herz. Er war wirklich zu viel allein gewesen in den Ferien… Noch als die Sonne schon längst im Meer versunken war und die Kerzen langsam herunterbrannten, saßen Severus und Arian nebeneinander in der Hollywoodschaukel, die Weinflasche leer zu ihren Füßen. Arian hatte sich an seine Seite gekuschelt und die Augen geschlossen. Severus wagte sich kaum zu rühren, so wunderbar fühlte es sich an, sie so nah bei sich zu haben. Niemand anderem würde er überhaupt gestatten, ihn in irgendeiner Weise zu berühren, zu negativ waren seine damit verknüpften Erfahrungen, doch Arians sanfte Hartnäckigkeit hatte einmal wieder gesiegt. Und er genoss ihre Wärme und Nähe, sehnte er sich doch gleichzeitig genau danach. Er war ein wandelndes Paradoxon.

Irgendwann meinte sie: „Das war ein schöner Tag, hm?"

„Ja… Aber ich sollte jetzt langsam gehen, es ist schon spät."

„Kannst gerne auch hierbleiben."

Hierbleiben? Severus verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Das konnte sie unmöglich ernst meinen…

„Eh… nein", presste er hervor und stand auf, sie vorsichtig von sich herunterschiebend. „Das ist nicht nötig."

Sie sah so aus, als wollte sie etwas entgegnen, doch dann lächelte sie nur und nickte.

Noch Stunden später, als er hellwach im Bett lag, musste er an diesen einen Satz denken. Sie hätte ihn bei sich übernachten lassen. Hätte sie gewollt, dass sie in einem Bett schliefen? Bei dem Gedanken überlief ihn eine Gänsehaut. Genau davor hatte er Angst gehabt, als er so überstürzt gegangen war, doch wenn sie vielleicht an so etwas dachte, musste er sich auch damit auseinandersetzen… und dann entscheiden, was er wollte…