20. Missverständnisse
„Was ist mit mir, Miss Weasley?", fragte Severus höhnisch.
Das war zuviel für Ginnys Nerven, sie hob die Hand, um ihn zu schlagen, doch dann senkte sie langsam ihren Arm und seufzte.
„Du bist so erbärmlich, Severus Snape", sagte sie ganz leise.
Hoch erhobenen Kopfes schritt Ginny an dem verdutzt dreinschauenden Albus Dumbledore vorbei, hinaus in den Flur. Dort spürte sie wie ihr schwindelig wurde und sie in einer tiefen Schwärze versank.
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Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie die Decke ihres Zimmers im Fuchsbau. Jemand hielt ihre Hand ... Severus?
Ein Seitenblick brachte ihr die enttäuschende Erkenntnis: es war ihre Mutter, die sie freundlich und besorgt ansah.
„Alles in Ordnung Schatz? Was ist denn nur geschehen? Albus sagte, du und Severus hättet euch gestritten und dann wärst du in Ohnmacht gefallen. Was ist nur zwischen euch vorgefallen?"
„Er … er glaubt, ich wäre … er glaubt nicht, dass die Kleine …"
Ginny holte tief Luft. Sie glaubte nicht, die Wahrheit aussprechen zu können – selbst vor ihrer Mutter nicht.
„Er ist der Meinung, Jake wäre der Vater!"
„Aber du hast doch gesagt, es wäre nichts zwischen dir und diesem Jungen vorgefallen?", vorsichtig versuchte Molly, weiter nachzuhaken.
„Es war auch nichts zwischen uns!", protestierte Ginny.
„Und das hat Snape, äh, Severus dir nicht geglaubt?" Wut schwang in Mollys Stimme.
„Ich habe doch gesagt, er glaubt, ich wäre auch mit Jake zusammen gewesen!", Ginnys Stimme überschlug sich fast.
„Ich meinte, ob er dir auch nicht geglaubt hat, nachdem du es ihm gesagt hast."
„Mum, er glaubt, ich hätte ihn betrogen! Er hat noch nicht einmal gefragt, ob es stimmt! Er hat mir einfach nicht vertraut!" Tränen sammelten sich in Ginnys Augen.
„Du weißt schon, dass wir hier über Severus Snape sprechen?" Molly musste fast lächeln, als sie Ginny tröstend in ihre Arme zog.
„Was soll das denn heißen?", grollte Ginny.
„Nur, dass Severus Snape nicht gerade dafür bekannt ist, Menschen zu vertrauen. Aber ruhe dich erst einmal aus, dann kannst du immer noch mit ihm reden."
Anscheinend war sie tatsächlich eingeschlafen, denn lautes Rufen weckte Ginny einige Zeit später. Verwirrt suchte sie zunächst ihren Wecker – fast vier Stunden musste sie traumlos geschlafen haben.
„Ginny! Ginny mein Schatz, komm bitte herunter, du hast Besuch!", tönte Mollys Stimme von unten.
Eine jähe Freude durchfuhr sie, gefolgt von plötzlicher Sorge. Sie hoffte nur, dass Phyllis gekommen war.
Albus könnte sie kaum ertragen. Wie hatte das geschehen können? Sie hatte sich so gefreut …
Missmutig stieg sie die Stufen hinab, ging mit hängendem Kopf bis an den Küchentisch und sah mit einem gequälten Lächeln auf. Am anderen Ende des Raumes stand ein lächelnder Albus Dumbledore und ein griesgrämiger Severus Snape. Ihr Vater stand neben ihrer Mutter und hatte den Tränkemeister im Visier.
„Gäste, wie schön."
Ginny konnte den aufkeimenden Sarkasmus nicht unterdrücken. Sie war so verletzt, dass ihr die Gefühle der anderen einerlei waren.
Gerade als Albus ansetzen wollte, knurrte Severus: „Ich weiß nicht, was ich hier soll."
„Wenn ich mich Recht erinnere, hast du mit Ginny etwas gemeinsam, mein Lieber", sagte er mit einem belustig-ironischen Unterton. „Über deine Auslegung von ‚Gib auf Miss Weasley Acht und beschütze sie' haben wir uns schon ausführlich genug unterhalten." Albus konnte trotz seines gewohnt väterlichen Tones eine gewisse Strenge in diese Worte legen, die Ginny beinahe ein leichtes Grinsen auf die Lippen gezaubert hätte, wenn sie nicht so wütend auf Severus gewesen wäre.
„Wer weiß ob ich schuld an ihrem Zustand bin?", sagte Severus bitter. Seine Augen waren kalt wie Eis.
„Kannst du mir sagen, was du für einen Blödsinn redest?", herrschte Albus ganz gegen seine gewohnte Art.
„Wenn ich mich recht erinnere, können, wenn zwei Männer mit einer Frau geschlafen haben, die dann schwanger wird, beide der Vater sein."
Ginnys Augen wurden groß, dann schmal und sie schluckte ein paar Male, um überhaupt etwas sagen zu können.
„Es tut mir leid, Albus, doch ich bin leider etwas müde. Es würde mich freuen, wenn wir ein andermal reden könnten." Sie drehte sich ein Stück und sah nun Severus an. „Und du … du bist einfach jämmerlich, Severus."
Molly sah ihre Tochter erschrocken an, die jedoch ungerührt fortfuhr.
„Du kannst einfach nicht glauben, dass dich irgendjemand nicht verrät, oder? Ich wusste wirklich nicht, dass man Muggelbriefe zurückverfolgen kann …
und falls es dich interessieren sollte: Ich habe bisher nur mit einem Mann geschlafen, und wer das war, muss ich dir nicht erzählen.
Aber das Kind und ich werden auch ohne diesen Mann glücklich werden. Lebe Wohl, Severus Snape."
Ginny wand sich ab und verließ die Küche, ging entschlossen die Treppe hoch, doch mit jedem Schritt wurden ihre Beine schwerer. Immer mehr Tränen schossen in ihre Augen, bis ihre Sicht verschwamm. Sie ließ sich auf der obersten Stufe nieder und kniff vor Schmerz die Augen ganz fest zusammen.
Wie durch eine Wolke hörte sie die Worte, die aus der Küche zu ihr empor drangen.
„Musste das sein? Haben Sie meiner Tochter noch nicht genug angetan, Severus?", spie Molly dem Tränkemeister entgegen.
„Lassen Sie mich durch, Arthur", knurrte Severus.
„Sie werden auf der Stelle mein Haus verlassen, Mr Snape. Ich werde nicht zulassen, dass Sie ihr noch einmal zu nahe kommen."
„Geh' mir aus dem aus dem Weg!" Snapes Stimme war leise, doch so scharf wie ein Dolch.
„Severus, beruhige dich, bitte!" Albus versuchte zu vermitteln.
„Bleiben Sie stehen, Snape!", warnte Arthur, dann polterte es laut und Molly kreischte ärgerlich.
Albus schalt Severus, doch der schien sich nicht darum zu kümmern. Ginny hörte die unterste Stufe knarren. Dann einen weiteren Schritt. Sie sah hinunter und sah Severus die Treppe herauf kommen.
„Können wir reden?", schnarrte er.
„Ich wüsste nicht worüber", zischte sie.
„Ginny!", genervt schnaubte er.
„Es tut mir leid, doch ich kann dich jetzt wirklich nicht ertragen."
Ginny disapparierte auf der Stelle und ließ einen sprachlosen Severus Snape auf der Treppe stehen. Doch noch bevor einer der anderen reagieren konnte, verschwand auch Severus.
Ginny apparierte in der Scheune, ihrem Versteck und ihrer Zuflucht. Ein tiefer Seufzer entkam ihrer Brust. Es hatte so wehgetan. Sie mochte Severus noch immer, wurde ihr bewusst.
Sie wusste nicht was sie tun oder denken sollte. Aufgekratzt begann sie auf und ab zu tigern, als ein Knall sie erstarren ließ.
Sie musste sich nicht umdrehen, denn sie wusste, wer hinter ihr erschienen war. Fest presste sie die Augen zusammen, als würde er dadurch verschwinden, als er dicht hinter sie trat.
„Kannst du mir sagen, warum du jetzt so zickig bist?", fragte Severus. Man konnte seine Anspannung förmlich spüren.
„Ich … ich kann nicht mehr, Severus. Ich will nicht mehr. Ich will dich nicht mehr sehen." Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Ginny, rede mit mir, verdammt!"
„Weshalb denn? Hast du mit mir geredet?"
„Was?" Eine von Severus' Augenbrauen schoss ihn die Höhe.
„Neeeiiin, du hast einfach angenommen, ich hätte mit einem anderen Mann geschlafen!", donnerte Ginny erbost.
„Ich … so war das nicht gemeint ..."
„Du hast mich nicht einmal gefragt. Du bist einfach davon ausgegangen, dass es so ist!", unterbrach sie ihn.
„Ich saß in Askaban und jeder Wärter hat mir unter die Nase gerieben, dass das Mädchen, welches ich, entführt und geschändet´ hatte, von einem kleinen Muggel schwanger ist. Dann kam mir der Verdacht, dass du deshalb den Brief geschrieben hast …"
„Weshalb sollte ich dann mit dir geschlafen haben?"
Langsam hatte sie sich umgedreht und sah ihn an. Severus sah etwas verwirrt aus.
„Es … es war mir so klar, dass du mich los werden wolltest, nachdem du dich in diesen Jake verliebt hast. Deshalb hast du die Auroren gerufen!"
„Was?!? – Hast du dir mal durch den Kopf gehen lassen, was du da gerade erzählst?"
Severus machte einige Schritte zurück, so viele, bis er mit dem Rücken an die Holzwand stieß.
„Es klang logisch für mich!"
Hektisch massierte Severus seine Stirn, dann zeigte sich eine zornige Falte zwischen seinen Augen.
„Es ist nicht leicht, in Askaban zu sein!"
„Das habe ich auch nicht behauptet! Aber du hättest mir etwas mehr vertrauen können!"
„Es ist wirklich meins?", fragte er leise.
Doch Ginny antwortet nicht. Sie starrte an die Wand und versuchte sich zu beruhigen. Kleine Lichtkringel bildeten sich vor ihren Augen. Ginny verlangsamte ihre Atmung, um bei Bewusstsein zu bleiben.
Es war alles vorbei … Voldemort tot … Harry am Leben … Albus wieder aufgewacht … Hagrid und Severus auf freiem Fuß …
Ihre Augen brannten, Tränen liefen über ihre Wangen, doch erst als ein lautes Schluchzen ihren Körper erschütterte, erkannte sie, dass sie weinte.
„Ginny?", fragte Severus.
„Ist schon gut."
„Ah, deshalb die Tränen …
Verdammt, kannst du mir bitte sagen, weshalb du weinst? Ist das wegen dem Kind?", fragte er, nachdem Ginny nur schweigend dastand und mit ihrer Fassung kämpfte.
Langsam hob Ginny den Kopf, Wut brodelte tief in ihr. „Dem Kind? Unserem Kind!" Ihre Stimme wurde immer lauter und überschlug sich schließlich schrill.
„Ich verstehe einfach nicht, wo dein Problem ist", murrte Severus ärgerlich.
„Mein Problem? Das kann ich dir ganz genau sagen!
Ich kämpfe seit Wochen! Um dich, um das Leben unserer Tochter, deine Unschuld …
Was glaubst du eigentlich, was hier los war?
Alle glaubten, ich sei verrückt. Man drängte mich, unser Kind wegmachen zu lassen. Als ich mich für unsere Tochter entschieden habe und offen sagte, dass ich dich mag, hat man mich gemieden, mich still verachtet. Wie man mich hinter meinem Rücken nannte, will ich hier gar nicht sagen.
Selbst meine Familie hat mich geschnitten. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper unter ihnen. Oder glaubst du, ich hätte Weihnachten ohne sie verbracht, wenn ich mich nicht so sehr vor ihren Blicken gefürchtet hätte?
Dazu kam das Bangen um Albus und ... um dich. Ich war so oft bei ihm und wartete, dass er erwacht …
So viele Nächte habe ich wach im Bett gelegen und an dich gedacht. Wie es dir ging in Askaban, bin morgens mit rot geweinten Augen ins Ministerium gegangen …"
„Hättest du mir das nicht sagen können?"
„Und dann kommst du und … und …" Ginny schluchzte laut. „Du hast mir einfach nicht getraut!"
„Das hast du mir auch nicht gesagt. Du hast noch nicht einmal gesagt, das das Kind von mir ist!"
„Geh' jetzt! Ich kann und will dich jetzt nicht sehen! Geh'!"
Severus wand sich ab und ging einige Schritte, doch dann blieb er stehen.
„Sehen wir uns morgen bei Gran?", fragte er leise, ohne sich zu ihr umzudrehen.
„Natürlich, ich werde Phyllis´ Geburtstag nicht vergessen."
Severus disapparierte und Ginny atmete tief aus.
Sie hatte ihm einfach alles an den Kopf geworfen; dabei war er noch keinen Tag aus Askaban zurück. Sie hätte für ihn da sein müssen. Ihn unterstützen und ihm Halt geben. Stattdessen hatte sie ihm Vorwürfe gemacht, ihn angeschrieen. Sie hatte alles vermasselt, Severus würde nie wieder mit ihr reden …
tbc
