Vielen Dank an cloudshape to ennien für die Kommentare!
Kommentare machen mich glücklich und ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich kann gerade ein bisschen Glücklich gebrauchen. ;)
Ich wünsch euch einen schönen Sonntag und viel Spaß mit dem neuen Kapitel!


Kapitel 4 – Mulligatawny

Da ist ein Zimmer am Ende des Flurs,
in das lässt du mich nicht rein.
Die Türe ist versiegelt und dahinter tickt die Uhr
immer noch in der Vergangenheit.

(Maxim - Scherzkerzen)

Harry zog die Nase hoch und rutschte ein Stück höher auf den mächtigen Ast der Buche, auf dem er saß. Das Blätterwerk um ihn herum rauschte im scharfen Wind, während er beobachtete, wie der Regen an der Oberfläche des Schutzzaubers abperlte, die vorbeifahrenden Autos nicht mehr als bunte Schatten hinter seinem Fokus. Vage erinnerte er sich an kleine Szenen aus Muggelfilmen, die Dudley früher angesehen hatte, während er alle möglichen und unmöglichen Hausarbeiten erledigt hatte. Kriminalfilme, in denen die Ermittler ohne den Luxus von Magie zurechtkommen mussten. Er mochte sich gar nicht vorstellen, wie klamm und ungemütlich es während einer langen Observation im Auto ohne Wärme- und Frischluftzauber werden konnte. Dagegen war diese Buche, ihr mit einem Komfortzauber ausgestatteter Ast und die Schutzblase, die den Regen fernhielt, die reinste Offenbarung.

Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen wandte er sich Ron zu, um ihn an diesem Gedanken teilhaben zu lassen, doch die gerümpfte Nase seines Freundes hielt ihn davon ab. Unverwandt starrte er auf das Fenster von Imogen Baskin, das sich hell gegen den grauen Tag abhob. Die junge Studentin saß an ihrem Schreibtisch und schrieb auf ein Pergament. Selbst nach vier Tagen fiel es ihr sichtlich schwer, die Anwesenheit der Auroren vor ihrem Fenster zu vergessen; immer wieder starrte sie zu ihnen hinauf, ohne sie durch den Illusionszauber überhaupt sehen zu können.

„Was meinst du", brach Harry schließlich doch das Schweigen, „ob der Typ heute endlich auftaucht?"

Ron zuckte gedankenverloren mit den Schultern. „Ich könnte mir bei diesem Wetter besseres vorstellen, als meine Exfreundin umzubringen."

„Ich hoffe sehr, du kannst dir auch bei strahlendem Sonnenschein besseres vorstellen, als deine Exfreundin umzubringen", erwiderte Harry trocken.

Das riss Ron aus seinen Gedanken. Betreten tauschte er einen Blick mit seinem Freund und Vorgesetzten und wischte sich über das Gesicht. „Natürlich", nuschelte er. Es knackte und rauschte, als eine stärkere Windböe durch die Baumkronen fegte; der Ast, auf dem sie saßen, schwankte träge.

Einen Moment lang kehrte Schweigen ein und Harry überlegte, ob er wirklich dieses spezielle Thema ansprechen und weiter in der Wunde bohren sollte. Doch die Art, wie Ron auf der Innenseite seiner Wange herumkaute und sich wieder auf ihren Auftrag konzentrierte – so intensiv als stünde er unter Hypnose – weckte in Harry den Verdacht, dass sein bester Freund Redebedarf hatte.

„Wie geht es Rose?"

Zuerst bekam er wieder nur ein Schulterzucken zur Antwort. Dann jedoch bestätigte sich Harrys Verdacht: „Ich weiß es nicht. Die letzte Nacht war nicht so gut. Hermine hat mit ihr im Kinderzimmer auf dem Schaukelstuhl geschlafen. Heute Morgen hat man ihr nichts angemerkt, aber diese Nächte werden immer häufiger." Er stockte und wischte sich über die Augen, wie um die klebrigen Finger der Müdigkeit zu verscheuchen. Seine Stimme versank fast vollständig im anschwellenden Rauschen des Regens, als er hinzufügte: „Letztens ist sie einfach umgefallen. Mitten aus dem Stand heraus. Als hätte … jemand ihr den Boden unter den Füßen weggezogen." Er schluckte. „Es wird immer schlimmer, Harry."

Der starrte mit schmalen Augen auf das gegenüberliegende Mehrfamilienhaus, auf Imogen Baskin, die sich gerade die langen blonden Haare ausschüttelte und zu einem frischen Knoten band. Dann kehrte er zu seinem Freund zurück und nickte. „Ich weiß. Aber du darfst nicht aufhören, an eine Lösung zu glauben."

„Das tue ich nicht. Es gibt sogar einen echten Grund zur Hoffnung." Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er fortfuhr: „Hermine war gestern wieder in Hogwarts. Wie es aussieht, hat Snape vor seinem Tod an einem Trank geforscht, der uns nützlich sein könnte."

Harry zog die Augenbrauen in die Stirn und gab einen überraschten Laut von sich. „Snape, ja?", warf er ein.

Ron nickte mit einem düsteren Blick. „Damit hätte ich auch nicht gerechnet. Trotz allem … Aber von mir aus könnte es auch von Du-weißt-schon-wem persönlich kommen, solange es Rose das Leben rettet." Er stützte sich mit dem Ellbogen auf einem kleineren Ast zu seiner Rechten ab und zuckte zusammen, als dieser knackend unter dem fremden Gewicht nachgab.

„Klar", stimmte Harry zu, „ich hab nur einfach nicht damit gerechnet, dass er uns nochmal den Hintern retten könnte."

Ron nickte, die Lippen geschürzt. Nach ein paar Sekunden sagte er leise: „Ich bereue es trotzdem nicht, ihn damals gehasst zu haben."

Harry verzog das Gesicht. „Er hat sich nicht unbedingt beliebt gemacht." Auch wenn das alles mittlerweile völlig unwichtig und irrelevant erschien. Nach dem, was er in Snapes Erinnerungen erfahren hatte, hatte er versucht, so viel wie möglich über ihn rauszufinden. Über ihn und seine Mum. Er hatte so verbissen nach Informationen gesucht, dass Ron ihn als obsessiv bezeichnet hatte. Harry hatte nicht mal gewusst, dass Ron dieses Wort kannte. Aber viel mehr als seine Schülerakte war dabei nicht herausgekommen und außer Snapes Geburtsdatum und ein paar Vermerke von Strafarbeiten und Besuchen im Krankenflügel hatte er darin nichts gefunden. Nicht mal Professor McGonagall hatte ihm noch viel mehr erzählen können. Das Persönlichste von Snape, von dem Harry wusste, war vermutlich das Tränkebuch des Halbblutprinzen gewesen und das war im Dämonsfeuer im Raum der Wünsche verbrannt.

„Nein, hat er nicht", sagte Ron in seine Gedanken hinein. „Und selbst jetzt legt er uns noch Steine in den Weg."

„Was ein echter Slytherin ist …", murmelte Harry.

Dann glitten seine Blicke flüchtig über eine in schwarz gekleidete Gestalt, die sich der Haustür ihres Opfers näherte. Plötzlich waren seine Sinne geschärft und er stieß Ron so heftig in die Rippen, dass der beinahe vom Baum purzelte. „Es geht los!"

„Na endlich!", seufzte er und machte sich an den Abstieg.


Mit einem Stoffhund in der Hand und einer überraschend schüchternen Rose neben sich durchquerte Hermine die Schülermengen, die sich nach der ersten Doppelstunde eine kurze Pause auf den Ländereien gönnten. Ein intensives Summen lag in der Luft, immer wieder durchbrochen von hellem Lachen und lauten Rufen. Sie fühlte eine unerwartete Sehnsucht nach ihrer eigenen Schulzeit in sich aufsteigen, für einen Moment so intensiv, dass sie schwer seufzte.

Widerwillig riss sie sich vom Anblick des bevölkerten Schlossportals los und drehte sich zu ihrer Tochter um. Rose stand – in der linken Hand ein Bilderbuch, in der rechten ihr liebstes Besenmodell – in der Nähe einer Gruppe von Schülern, die lebhaft die letzte Unterrichtsstunde besprachen. Sie lauschte so andächtig, dass ihr der Mund offen stand.

„Kommst du, Rose?", sprach Hermine sie schließlich an und lächelte, als sie irritiert blinzelte und dann eilig die wenigen Schritte aufholte, die sie von ihrer Mutter trennten. Im nächsten Moment hing sie an Hermines Bein und verbarg das Gesicht im Stoff der Hose. „Was ist denn los?" Hermine strich durch die weichen Locken, konnte die gedämpfte Antwort jedoch nicht verstehen.

Ein lautes Johlen ließ Hermine zusammenzucken, zwei Schüler jagten an ihr vorbei. Dann ging sie in die Hocke und drehte Rose an den Oberarmen zu sich. „Soll ich dich tragen, Mäuschen?"

Rose nickte und wischte mit dem Handrücken unter ihrer laufenden Nase hinweg. Mit gerunzelter Stirn zog Hermine ein Taschentuch aus ihrem Umhang und beseitigte das Problem auf die unbeliebteste aller Arten, was Rose auch prompt die ersten Worte seit Betreten des Schulgeländes entlockte: „Nich'! Is' eglich."

„Vorher war es ekliger", versicherte Hermine ihr und drückte ihr den Stoffhund in die Arme, ehe sie sie hochhob. Rose schmiegte ihr Gesicht gegen das große Ohr des Hundes, der momentan ihr einziger Verbündeter aus der Kuscheltierarmee war. Hermine hatte sie böswilligerweise dazu gezwungen, sich neben den anderen beiden Spielzeugen für einen ihrer Rekruten zu entscheiden.

Mit nun schnelleren Schritten durchquerte Hermine den Tumult der Pause und trat kurz darauf in die ruhige Eingangshalle. An Tagen wie diesen, wenn das Wetter über dem schottischen Hochland freundlich und warm war, begegnete das Schloss einem mit einer Grabesstille. Sie war früher oft in eben diese hinein gestolpert, wenn sie in ihrem Bestreben nach Pünktlichkeit allzu früh zum Klassenzimmer für die nächste Stunde aufgebrochen war. Harry und Ron waren ihr nicht immer und – wenn doch – nur äußerst widerwillig gefolgt. Ein Lächeln schlich über Hermines Lippen.

Sie fand Professor Flitwick im Klassenraum für Zauberkunst, das sich seit dem Ende ihrer Schulzeit vor zehn Jahren kaum verändert hatte. Nach den Schäden, die der Endkampf dem Schloss zugefügt hatte, hatte es natürlich eine Renovierung erfahren, doch offensichtlich hatte der kleine Zauberer darauf geachtet, es so gut es ging in seinen Urzustand zurückzuversetzen.

„Mrs Weasley", begann er erfreut und legte die Aufsätze beiseite, die er gerade überflogen hatte.

Der Klang der förmlichen Anrede mit seiner vertrauten Stimme war wie ein falscher Ton. „Bitte, nennen Sie mich Hermine, Sir!", bat sie daher und rutschte Rose etwas höher auf ihre Hüfte.

„Gerne. Ich nehme an, an meinen Vornamen erinnern Sie sich noch, Hermine?" Seine Augen blitzten, während er hinter seinem Schreibtisch hervortrat und zu ihnen kam.

„Natürlich." Eine zarte Röte überzog ihre Wangen angesichts dieses unerwarteten Angebots.

„Und ich nehme an, das ist Rose", wandte Professor Flitwick seine Aufmerksamkeit dann eben dieser zu, die noch immer verschüchtert auf Hermines Arm saß.

„Ja, das ist sie. Normalerweise ist sie nicht so still, aber die letzte Nacht war etwas unruhig. Ich befürchte, sie brütet etwas aus." Hermine schaukelte ein bisschen auf und ab.

„Was is' das?", fragte Rose schließlich leise und deutete auf ein Fließdiagramm, das von der letzten Unterrichtsstunde übrig geblieben war und mitten im leeren Raum zwischen den ersten Bänken und der Tafel schwebte. Es bestand nur aus leuchtenden Buchstaben, Zahlen und Zeichnungen von Zauberstabbewegungen.

Filius betrachtete seine Lehrhilfe und gab einen nachdenklichen Laut von sich. „Das ist meine Art, ein Bild zu malen", erwiderte er dann und zückte seinen Zauberstab. „Mit Magie mitten in die Luft." Er machte ein paar schnelle Bewegungen und aus den zuerst wahllosen Strichen, die sich in demselben hellen Blau vor ihm bildeten, wurde bald das detaillierte Abbild eines Einhorns. Es scharrte mit dem Vorderhuf über den unsichtbaren Boden und warf die Mähne in die Luft. Ein Blitzen lenkte Roses Aufmerksamkeit auf die Spitze des Horns.

„Ein Einhorn!", nuschelte sie und ließ achtlos das Besenmodell fallen, als sie nach der Illusion griff.

Der Professor kicherte, hob den kleinen Besen auf und hielt ihn Rose hin – die sich allerdings nicht traute, ihn anzunehmen.

„Professor Flitwick tut dir nichts", versicherte Hermine ihr. Doch Rose drehte den Kopf weg und versteckte wieder das Gesicht, dieses Mal am Hals ihrer Mutter. Hermine seufzte und nahm den Besen entgegen. „Heute ist nicht ihr Tag. Ich hoffe, es ist trotzdem in Ordnung, dass ich sie mitgebracht habe. Ich pass auch auf, dass sie nichts anstellt in Professor Snapes Räumen."

Professor Flitwick winkte ab. „Das macht überhaupt nichts, Hermine. Kommen Sie, ich bringe Sie nach unten. Sonst schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig bis zur nächsten Stunde." Er warf der Uhr an der hinteren Wand des Klassenzimmers einen Blick zu und verließ dann vor ihr den Raum.

Hermine strich gedankenverloren über die Stirn ihrer Tochter, schätzte die Temperatur ab und entschied schließlich mit einem lautlosen Seufzen, dass sie das Risiko in Kauf nehmen musste. Die Zeit lief ihnen davon.


Zwei Stunden später saß Hermine wieder im Schneidersitz auf dem Boden in Snapes Wohnzimmer und starrte das Gemälde an der Wand an. Sie hatte einen Wachtrank genommen, den sie gestern noch schnell in der Apotheke gekauft hatte, bevor sie Rose abgeholt hatte. Sie musste ihre fünf Sinne beisammen haben, wenn sie Snapes Rätsel knacken wollte. Und dieses hier war offensichtlich schwerer als das Flaschenrätsel, das er zum Schutz des Steins der Weisen beigesteuert hatte.

Während Rose in einer kleinen Ecke spielte, geschützt von einem Zauber, der sie in eben jener Ecke halten würde, hatte sie sowohl die Zeit, als auch die Welt um sich herum komplett vergessen. Nur ab und zu drang die helle Stimme ihrer Tochter bis zu ihr durch, wenn sie sich auch nicht die Mühe machte, einen Sinn hinter ihren teils recht eigenwilligen Selbstgesprächen zu finden.

Nun lehnte Hermine sich seufzend gegen das Bücherregal und stellte die Beine auf. Sie zupfte mit den Zähnen an der feinen Haut ihrer Unterlippe und legte den Kopf zur Seite. Ein Lichtschimmer wanderte über den Bauch der rechten Phiole und über einige Windungen der ineinander verschlungenen Hälse. Von hier aus war es unmöglich zu erkennen, welcher der beiden Stopfen am oberen Bildrand zu welcher Phiole gehörte. Die gläsernen Hälse waren ineinander verschlungen wie zwei erstarrte Schlangen.

„Mum-my!", wurde sie abrupt aus ihren Betrachtungen gerissen.

„Ja …", murmelte Hermine und wandte nur widerwillig ihren Blick ab.

„Ich muss ma'!" Rose lehnte sich mit ihren kleinen Händen gegen die Barriere, die ihr Schutzzauber erschaffen hatte, drückte sich im nächsten Moment sogar die Nase daran platt. Für sie waren diese unsichtbaren Hindernisse so alltäglich wie Glasscheiben.

„Na dann …" Stöhnend stemmte Hermine sich auf die Beine und hob Rose aus ihrer Spielecke. „Mal sehen, wo Professor Snape sein Bad hat."

Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, die Räume, die hinter den beiden Türen lagen, nicht zu betreten. Obwohl der Bewohner dieses Quartiers seit elf Jahren tot war, war seine Präsenz noch immer so spürbar, dass ihr allein bei der Vorstellung, in seinem Schlafzimmer zu landen, die Röte ins Gesicht stieg. Nur ein kleiner Teil in ihrem Kopf starb beinahe vor Neugier – es war derselbe, der sie auch dazu veranlasst hatte, das Haar auf Milicent Bullstrodes Umhang ohne genauere Überprüfung als eines von ihren anzusehen. Seitdem hatte Hermine die Einwände dieses Teils weitestgehend ignoriert.

Zuerst blieb sie vor der linken Tür stehen, ihre Hand lag bereits auf der kühlen Klinke. Doch dann orientierte sie sich anders und ging zur rechten. Rose begann auf ihrem Arm zu zappeln und so schloss Hermine die Augen, sandte ein Stoßgebet an jemanden, der gewillt war, ihr zuzuhören, und stieß die Tür auf.

Bevor sie blinzelte, vernahm sie ein Knistern, dann das Rauschen der Fackeln, die sich selbst nach all den Jahren noch von alleine entzündeten. Ihr Blick fiel auf den weißen Rand einer Badewanne. „Glück gehabt", murmelte Hermine und beeilte sich, Rose auf die Toilette zu setzen.

„Das is' aba eine droße Tojette", stellte die fest, als sie weit nach vorne gebeugt da saß, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hintenüber zu kippen.

„Die Toilette ist ja auch für große Menschen."

„Können denn droße Menschen nich' auch …" Sie gähnte herzzerreißend. „… nich' auf eine kleine Tojette gehen, Mummy?"

„Sie könnten schon, aber sie tun es nicht gerne. Bist du fertig?"

„Uh-uh", war die Antwort, zusammen mit einem Schütteln des rot gelockten Kopfes. Für einen Moment herrschte Stille, dann: „Warum nich', Mummy?"

„Was meinst du?" Hermine war in Gedanken schon wieder bei dem Rätsel des Gemäldes und hatte das Gespräch komplett vergessen. Es war wichtig, das spürte sie einfach!

„Warum …", begann Rose mit einem schweren Seufzen, über dessen Ursprung Hermine sich nicht gänzlich sicher war, „… gehen droße Menschen nich' auf kleine Tojetten?"

„Weil sie zu niedrig sind."

„Aba für kleine Menschen sin' so welche Tojetten doch viel zu droß!" Sie riss die Arme in die Luft und rutschte dabei ein Stück nach hinten. Rasch legte Hermine ihre Hände auf Roses Knie.

„Die meisten kleinen Menschen wachsen aber noch, während große Menschen nie wieder so klein werden, dass sie auf kleine Toiletten gehen können."

Rose runzelte angestrengt die Stirn und schielte an ihrem Pony vorbei zur Decke. „Echt nich'?", fragte sie dann. „Werd' ich nie wieder so klein, dass ich unter die Wursel im Garten durchpass?"

Ein Schmunzeln glitt über Hermines Lippen. „Nein, so klein wirst du nie wieder. Bist du jetzt fertig?"

„Glaub schon."

Da das die sicherste Zustimmung war, die Rose derzeit in ihrem Repertoire hatte, packte Hermine diese Gelegenheit sofort beim Schopf und stellte sie auf ihre eigenen Beine. Während sie damit beschäftigt war, Rose wieder herzurichten, spielte diese mit Hermines Haaren und sang ein unverständliches Lied vor sich hin.

„Wie lange bleiben wir noch hier, Mummy?", fragte sie, als sie das kleine Bad verließen und Hermine sie zurück ins Wohnzimmer lotste. Mit ihrer freien Hand wischte sie sich über die Augen.

„Ein bisschen noch. Bist du müde?"

Wieder erhielt sie das kecke „Uh-uh!" zu Antwort, wusste es jedoch besser. „Was is' das?" Sie zog ihre Finger aus Hermines Griff und deutete auf das Gemälde.

„Ein Bild."

„Das weiß ich doch!" Ein strafender Blick traf Hermine. „Das da drauf!"

„Das sind zwei Glasflaschen. Man nennt sie Phiolen."

„Fi-jollen?", wiederholte sie fragend.

„Phi-olen", korrigierte Hermine, „mit einem langen O."

Lautlos formte Rose das neue Wort mit den Lippen. „Was macht man damit?"

Hermine ging neben ihr in die Hocke. „Man bewahrt etwas darin auf. Einen Trank zum Beispiel."

„So einen eglichen wie den gegen das Kopfaua?" Die kleine Nase rümpfte sich.

„Ja, den könnte man darin abfüllen", stimmte Hermine zu.

„Auch die Bäh-Subbe?"

Hermine lachte. Rose sprach von Mulligatawny, einer stark gewürzten Suppe, die Molly auf ihrer letzten Geburtstagsfeier serviert hatte. Rose war alles andere als angetan davon gewesen und seither hatte diese Suppe ihren wenig schmeichelhaften Beinamen weg. „Nein, Suppe füllt man nicht in Phiolen", erklärte sie schließlich.

„Aba das ist doch die Bäh-Subbe!" Sie streckte erneut ihre Hand aus und deutete auf den hellgelben Inhalt der rechten Phiole.

„Nein, das …" Hermine stockte und kniff die Augen zusammen. Im nächsten Moment stand sie wieder aufrecht und ging mit heftig schlagendem Herz zum Gemälde. Das war doch nicht Mulligatawny! Oder? Sie legte den Kopf schief und musterte die Phiole. Nein. Das war ein Düngetrank. Da war sie sich sicher. Sie hatte davon gelesen. Nur die besten Tränkemeister konnten ihn zubereiten, ohne dabei ihr Labor in die Luft zu jagen. Das konnte nicht …

Hermine wandte sich von dem Bild ab und Snapes Bücherregal zu. Mit zur Seite geneigtem Kopf las sie die Buchrücken und zog schließlich eine sündhaft teure Enzyklopädie der Zaubertränke hervor, um die sie bei Flourish & Blotts schon mehrmals herumgeschlichen war. Aber sie hatte nie ins Budget gepasst. Das Buch war mit diversen magischen Spielereien ausgestattet und sie war nicht überrascht gewesen, als sie es gestern in Snapes Regal entdeckt hatte. Nun blätterte sie durch die Seiten, bis sie den Düngetrank gefunden hatte, und tippte den Eintrag mit der Spitze ihres Zauberstabes an. Über den Buchseiten erhob sich eine Art magisches Hologramm, das den korrekt zubereiteten Trank zeigte. Hermines Blick flog zum Gemälde und dann wieder zurück zu dem Buch.

„Heilige Scheiße …", murmelte sie gedankenlos.

Rose kicherte. „Du has' Seisse gesagt."

Hermine verzog das Gesicht. „Ähm … ja. Das war nicht okay." Und Rose würde es garantiert einige Tage lang nicht vergessen.

Aber sie hatte recht gehabt! Der Düngetrank hatte eine andere Farbe. Er war mehr sandfarben und nicht so gelblich wie der Inhalt der Phiole. Wie konnte Professor Snape das übersehen haben?

Oder hatte er das gar nicht?

Mit vor Aufregung zitternden Fingern schlug sie die Enzyklopädie zu und stellte sie zurück ins Regal, ehe sie sich auf das Gemälde konzentrierte und mit ihrem Blick die Details abtastete. Jetzt, wo sie wusste, wie der Düngetrank tatsächlich aussah, bestand kein Zweifel daran: Der Inhalt der rechten Phiole war Mulligatawny. Der der linken aber eindeutig Felix Felicis. Was würde einen Tränkemeister dazu veranlassen, sich ein Gemälde ins Wohnzimmer zu hängen, auf dem einer der eindrucksvollsten Zaubertränke und eine gewöhnliche Suppe nebeneinander standen, ja quasi ineinander verschlungen waren? Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder es war ihm egal und ihm hatte einfach nur das Bild gefallen – was Hermine sich jedoch beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Oder er hatte sich etwas dabei gedacht.

„Ich wage nicht zu behaupten, dass ich Sie gut kannte, Sir", murmelte Hermine langsam, während sie mit heißem Gesicht die Kurven musterte, die der Hals der Phiole mit der Suppe vollführte, „aber ich bin mir sicher, dass Sie sich bei allem etwas dachten. Und hierbei …" Sie biss sich auf die Unterlippe und streckte die Hand aus, um jenen Stopfen zu berühren, der die Flasche verschloss. Ihre Fingerspitze kribbelte, so als würde ein auf dem Gemälde liegender Zauber etwas prüfen. Vermutlich ihre Intention, denn sie war sich ziemlich sicher, dass sie auch gestern schon die Stopfen berührt hatte, ohne dass etwas passiert war. Das Bild prüfte, ob man wusste, warum man diesen Stopfen berührte.

Und offensichtlich war es mit Hermines Intention zufrieden. Ein leises Zischen war zu hören, als das Gemälde ein Stück auf sie zukam. Hermine trat einen Schritt zurück und beobachtete mit großen Augen, wie es dann mit einem scharrenden Geräusch zur linken Seite glitt und einen schmalen Durchgang freigab.

„Und hierbei wollen Sie testen, wer den falschen Zaubertrank erkennen kann", beendete sie beeindruckt den Satz, den sie kurz vorher begonnen hatte. „Wow."

Vor ihr lag ein schmaler Gang, der sich schon nach einem Meter in kompletter Dunkelheit verlor. Kühle, trockene Luft schlug ihr entgegen, der Geruch von altem Gestein und eine kaum wahrnehmbare Mischung von Kräutern. Hermines Herz schlug heftig gegen ihre Rippen.

Erneut wandte sie sich zu Rose um; sie saß inzwischen still auf dem Boden, den Daumen im Mund und den Stoffhund in ihrem Arm. Ihre blauen Augen glänzten, während sie Hermine beobachtete, ihre Zehen wackelten in den geringelten Socken. Hermine seufzte. Sie sollte mit ihr nach Hause gehen und ihr einen der modifizierten Aufpäppeltränke geben, die Heilerin Goodale ihr für Fälle wie diesen mitgegeben hatte.

Aber alles in ihr drängte vorwärts, hinein in den Gang, der in seiner Dunkelheit ein weiteres Geheimnis verbarg. Ja, Rose gehörte ins Bett oder zumindest mit ihr zusammen auf die Couch, aber ihr lief auch die Zeit davon. Sie konnte Rose nur nicht einfach hier sitzenlassen, alleine in einer fremden Umgebung, während sie bestenfalls empfindlich auf einen der anderen Tränke reagierte oder schlimmstenfalls eine Erkältung ausbrütete. Seufzend fuhr Hermine sich über die Stirn und sah sich um.

Ihr Blick fiel auf ihren Umhang. Ihr Mundwinkel zuckten, als ihr eine Idee kam. Sie nahm ihren Zauberstab zur Hand und veränderte den Umhang in Form und Beschaffenheit, außerdem belegte sie ihn mit einem Zauber, der das Gewicht, das vom Stoff getragen wurde, gleichmäßig über ihren gesamten Körper verteilen würde. Dann band sie sich den nun weichen Stoff um die Schultern und Hüften. „Komm her, Mäuschen", sagte sie und ging in die Hocke.

Ohne den Daumen aus dem Mund zu nehmen, lächelte Rose sie an und stemmte sich auf die Beine. Sie schwankte, brauchte einige Sekunden, um ihr Gleichgewicht zu finden, dann durchquerte sie eilig das Zimmer und schmiegte sich mit einem kaum hörbaren Laut in Hermines Arme.

Hermine strich ihr die Haare aus der Stirn, spürte die Hitze an ihren Fingerspitzen und gab ihr einen Moment, um die Geborgenheit der Umarmung zu genießen. Dann hob sie sie hoch und setzte sie kurzerhand in den Umhang. Der Stoff zog sich fest um die Rundungen von Roses Po und Rücken, presste sie gegen Hermines Oberkörper und ließ ihr gerade genug Freiraum, um den Kopf bewegen zu können. „Ist es gut so?", fragte Hermine und schielte auf die roten Locken hinab.

Rose nickte und zog die Nase hoch. Dann lehnte sie sich müde gegen die Brust ihrer Mutter und lutschte weiter an ihrem Daumen.

Hermine wandte den Blick nach vorne und ging mit ihrer Tochter im Tragetuch zielstrebig auf den nun freien Durchgang zu. „Lumos!", befahl sie ihrem Zauberstab und streckte ihn vor sich aus; er beleuchtete einen enttäuschend kleinen Teil des schmalen Ganges. Dementsprechend langsam wagte sie sich vorwärts, setzte ihre Füße vorsichtig voreinander und bereute es zeitweise, dass sie sich Rose vor den Bauch und nicht auf den Rücken gesetzt hatte. Mit jedem Meter, den sie hinter sich ließ, wurde die Luft kälter; eine Gänsehaut zog sich über ihre Arme und den Rücken hinunter.

Nach einer Strecke, die ihr furchtbar lang vorkam, sich bei einem Blick zurück jedoch als eine Distanz von höchstens zehn Metern entpuppte, tauchte eine Wand vor ihr auf. Massiv und stabil zog sie sich in die Höhe, graue Steine mit heller Maserung, die teilweise die Ausmaße eines kleinen Findlings hatten. Obwohl sie sich so tief unter der Erdoberfläche befand, mit dem Schwarzen See in der Nähe und in einer Gegend, die um die zweihunderfünfzig Regentage im Jahr hatte, waren sie absolut trocken.

Instinktiv legte Hermine ihre freie Hand auf Roses Rücken und leuchtete mit der Spitze ihres Zauberstabes die Wand ab. Auf der linken Seite, etwa in Höhe ihrer Hüfte, wurde sie fündig. Da, wo sich bei einer Tür die Klinke befand, wartete die Mauer mit einem weiteren Rätsel auf. Hermine sank ein Stück in sich zusammen.

„Sie haben echt Spaß an so was, hm?", grollte sie und ging in die Hocke. Rose protestierte leise, als dabei ihr Bein in Bedrängnis geriet, beruhigte sich jedoch augenblicklich, als Hermine es beiseite geschoben hatte. Das Schnucken, das sie mit ihrem Daumen verursachte, war für lange Minuten das Einzige, das die Stille des Ganges durchbrach.

Hermine lehnte sich mit der Schulter gegen die rechte Wand und blinzelte müde. Die nächste Hürde bestand aus einem Quadrat, in dessen vier Ecken sie die steinernen Abbilder von Pflanzen erkennen konnte. In der Mitte gab es vier Vertiefungen im Stein, jede mit einer römischen Ziffer versehen. Mit schmalen Augen lehnte Hermine sich weiter nach vorne und versuchte zu erkennen, um welche Pflanzen es sich handelte.

Die Figur in der rechten unteren Ecke konnte sie schnell als Schlafbohne identifizieren. In der rechten oberen Ecke fand sie eine Affodillwurzel. Die linke Seite beherbergte im oberen Eck einen Strauch, den sie im ersten Moment nicht zuordnen konnte. Erst als sie das letzte Abbild als Baldrianwurzel erkannte, kombinierte sie aus dem Strauch den Wermut – die einzige noch fehlende Zutat zum Trank der Lebenden Toten.

„Das ist ja schon fast zu leicht", murmelte Hermine und eine steile Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen.

Sie streckte eine Hand aus und schob den Wermut von seiner ursprünglichen Position auf die Vertiefung mit der Ziffer I. Sie meinte, ein leises Klicken zu hören, als das filigrane Abbild einrastete. Für den nächsten Schritt flogen ihre Finger einen Moment zwischen der Affodill- und der Baldrianwurzel hin und her. Sie wusste, es war eine Wurzel, die im Sud des Wermuts gekocht werden musste. Doch die Schulzeit und ihre letzte Trankzubereitung waren so entsetzlich lange her.

Mit einem dumpfen Laut entschied sie sich für die Affodillwurzel und schob sie am Wermut vorbei auf die Ziffer II. Wieder das Klicken, Hermine atmete auf.

Gedanklich ging sie die Unterrichtsstunde, in der sie mit Professor Slughorn eben diesen Trank zubereitet hatten, noch einmal durch. Die Jahre, die seitdem vergangen waren, hatten einen nahezu undurchsichtigen Schleier auf ihren Erinnerungen hinterlassen; doch die Ungeduld, die sie bei der Zubereitung empfunden hatte, das Gefühl, zum ersten Mal in einer Zaubertrankstunde die Kontrolle zu verlieren, und die nüchterne Erkenntnis, dass Harry keinerlei Schwierigkeiten hatte, obwohl er so offensichtlich gegen die Anweisungen des Rezepts verstieß, brandeten beinahe ungetrübt durch ihren Verstand.

Sie schüttelte den Kopf und griff nach der Schlafbohne, um sie auf die dritte Vertiefung zu ziehen. Die Miniatur war etwas schwergängig, kratzte vernehmlich über den Stein und verhakte sich etwa zwei Zentimeter vor dem Feld mit der Ziffer III. Hermine musste ihr Gewicht verlagern und sich schwer dagegen stemmen, um sie wieder in Bewegung zu setzen. Als es klickte, wischte sie sich mit dem Handrücken ein paar Schweißtropfen von der Stirn.

Danach blieb für die Baldrianwurzel nur noch der vierte Platz frei und dieses Mal sperrte die Zutat sich auch nicht so vehement dagegen. Dieses letzte Klicken ging unter in einem hohen Quietschen, das Rose aus ihrem Dämmerschlaf riss. Sie zuckte zusammen, drehte den Kopf herum und versuchte, die Quelle des Lärms zu finden.

Hermine hingegen drehte sich von der Wand weg und trat ein paar Schritt in Richtung der Behausung ihres ehemaligen Lehrers zurück. Ein zartes Vibrieren übertrug sich durch den Boden bis in ihre Füße und über die Wände direkt in ihre Finger. Sie schauderte und beugte sich über den kleinen Körper ihrer Tochter, um sie vor was auch immer zu schützen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war es schließlich vorbei. Hermine musste niesen durch den Staub, der plötzlich in der Luft lag. Das Licht an ihrem Zauberstab war erloschen, nur vom Eingang her sickerte gelbes Licht bis zu ihren Füßen.

„Mummy?", fragte Rose mit leiser Stimme.

„Es ist okay. Schlaf weiter. Lumos maximus!"

Mit dieser nun helleren Lichtquelle wagte Hermine es, sich wieder der Dunkelheit des geheimen Ganges zuzuwenden. Etwas forscher als beim ersten Mal schritt sie voran, doch die Mauer, die sie vorhin aufgehalten hatte, war verschwunden. Nahtlos war sie in die Wand zu ihrer Linken geglitten, hatte nicht mehr zurückgelassen als eine kaum wahrnehmbare Vertiefung zwischen zwei Steinen. Wer immer das alles hier eingerichtet hatte, er hatte gewusst, was er tat. War es tatsächlich möglich, dass Professor Snape, der so bekennend angewidert gewesen war vom Umgang mit dem Zauberstab, so beeindruckende Leistungen damit vollbracht hatte?

Die kalten Steine würden ihr auf diese Frage keine Antwort geben und so setzte Hermine ihren Weg fort. Der schmale Gang erweiterte sich bald zu einem großen Raum, etwa in den Maßen der Schülerlabore ein Stockwerk höher. Mehrere große Tische reihten sich nebeneinander, ein jeder mit Feuerstellen und Haken für die Anbringung eines Kessels ausgestattet. In die Wände waren mehrere Regale eingelassen, in denen Kessel, Werkzeuge und längst verdorbene Zutaten in trüben Gläsern standen. Ein diffuses, unbestreitbar magisches Licht hüllte alles ein.

Nox!", murmelte Hermine, nachdem sie sich aus ihrer Starre gerissen hatte, und das Licht an ihrer Zauberstabspitze erlosch. Mit offenem Mund betrachtete sie das professionelle Labor, das vermutlich der Grund dafür gewesen war, dass Severus Snape nicht in das Quartier der Schulleiter umgezogen war.