Diese Geschichte wurde ursprünglich von mir am 12-26-04 veröffentlicht. Sie umfasst 14 Kapitel und wird von mir ohne inhaltliche Änderungen erneut hochgeladen. Die Story selbst hat keinen direkten Bezug zu den HP-Büchern und spielt weitestgehend außerhalb des Canons.


An den von mir verwendeten Personen und Handlungsorten des Harry Potter Universums besitze ich keinerlei Rechte.

Die Geschichte selbst ist jedoch mein Eigentum und darf ohne meine Zustimmung weder verwendet, kopiert, noch übersetzt werden!

Aus gegebenem Anlass weise ich ausdrücklich darauf hin, dass Zuwiderhandlung eine Straftat darstellt!


Die Anordnung

Kapitel 1

Das erste, was Severus Snape an diesem Morgen vernahm, war – wie so oft – sein eigenes Fluchen.

Er hatte sich an einem Montagmorgen aus dem Bett gequält und war ins Bad geschlurft, wo ihm ein stets mürrischer Mann im Spiegel begegnet war. Der Gesichtsausdruck stimmte schon – nur die Bartstoppeln störten. Also hatte er nach dem Rasierer gegriffen und nicht bedacht, dass er am Tag zuvor neue Klingen eingelegt hatte.

„Au – verdammt", keuchte er, als Blut sich zu einem intensiven Rosa mit dem weißen Rasierschaum vermischte.

Er schaffte es, sich noch zweimal zu schneiden, bevor er endlich fertig war. Als er gerade einen Zauber anwenden wollte, um die Schnitte zu heilen, klopfte es an seiner Tür.

Er stöhnte auf und ging hin, um zu sehen, wer die Frechheit besaß, ihn so früh am morgen zu stören. Die Tür quietschte erbärmlich beim Öffnen und Professor Sprout, die davor stand, hielt sich gequält die Ohren zu.

„Was wollen Sie?", fragte der Zaubertrankmeister in gewohnt genervter Art.

Die kleine Lehrerin sah ihn verärgert an. „Sie sollten mal Ihre Tür ölen …", sagte sie nasal.

Snape hob eine Augenbraue an und lächelte süffisant. „Ja. Danke für den Tipp. Und Sie sollten mal Ihre Stimme ölen. Also was gibt's?"

Sie räusperte sich und sagte dann beleidigt: „Ich komme ja nicht freiwillig zu Ihnen, es ist nur so, dass ich ..." Sie druckste herum.

Snape verdrehte die Augen.

„Sie haben das kürzeste Streichholz gezogen …", sagte er dann wissend.

„Äh...genau", stammelte sie.

„Tja, Ihr Pech! Und was sollen Sie mir mitteilen?"

Professor Sprout schien erleichtert, jetzt, wo klar war, dass sie nur hier war, weil ihr nichts anderes übrig geblieben war. „Sie sollen eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn ins Lehrerzimmer kommen. Es gibt eine Versammlung. Irgendeine wichtige Sache, die von ganz oben angeordnet wurde. Mehr weiß ich auch nicht."

Snape sah sie genervt an. „Na toll. Warum habe ich das nicht früher erfahren? Seit wann wissen es die anderen Kollegen?"

Professor Sprout blickte ihn nun ängstlich an. „Tja, äh – seit gestern", nuschelte sie dann.

Sein Blick wurde finster. „Und warum kommen Sie erst heute damit zu mir?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Nun ja, als wir gestern losen wollten, wer zu Ihnen gehen muss, kamen wir so ins Gespräch und … ja, dann haben wir es irgendwie vergessen ..."

„Sie meinen, bei meinem Namen verfielen alle ins Lästern ..."

„Genau", bestätigte Sprout gutgelaunt. Dann zog sie die Augenbrauen vor Schreck nach oben und sagte: „Ich meine – nein, natürlich nicht … oder ..."

„Ja, ja, schon gut. Ich komme sofort."

Professor Sprout verließ schnellen Schrittes die dunkle Halle. Snape schloss die Tür und sah zur Uhr. „Verdammt, mir bleiben – großzügig gerechnet – ganze 5 Minuten."

So schnell es ging, schlüpfte er in seine Kleidung und bemerkte nicht, dass er sein Hemd falsch geknöpft hatte. Schnell verließ er seine Räume und verbrauchte zwei der kostbaren Minuten damit, Anti-Einbruchzauber über seine Tür zu legen.

Dann eilte er die Treppen hoch und quer durch die Eingangshalle, um auf schnellstem Wege ins Lehrerzimmer zu gelangen. Den Kopf hielt er gesenkt, damit sich die Schüler nicht über einen abgehetzten Snape lustig machen konnten. Allerdings waren die meisten Schüler ohnehin schon beim Frühstück in der großen Halle.

Plötzlich stieß er mit jemandem zusammen. Er wollte gerade etwas von 'Punkteabzug' zischen, als er erkannte, dass es sich gar nicht um einen Schüler handelte. Eine Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte, rieb sich die Schulter, ihr Gesicht war schmerzverzerrt.

Snape stöhnte innerlich auf. Wenn dies die Mutter eines Schülers war, konnte er sich wieder auf etwas gefasst machen. Die Frau sah ihn auffordernd an. Er stierte grimmig zurück.

„Sie haben mich umgerannt", sagte sie anklagend.

„Sie standen im Weg", erwiderte er nicht minder anklagend.

Die Frau trat einen Schritt zurück und musterte ihn von oben bis unten. Snape fühlte sich unter diesem Blick äußerst unbehaglich. Er sah sie ebenfalls prüfend an. Sie trug ein schlichtes graues Kostüm. Unter ihrem kurzen Rock kamen unendlich lange Beine zum Vorschein. Er sah schnell in ihr Gesicht. Sie sah immer noch erbost aus. Trotzdem konnte er es nicht verhindern, dass ihr Gesicht in seinen Gedanken ebenfalls als äußerst attraktiv gespeichert wurde.

Langes braunes Haar umspielte ihre Schultern. Sie sah ihn an, und er hätte um alles was ihm heilig war gewettet, dass sie genau wusste, was nun in ihm vorging. Aber er wäre natürlich nicht Severus Snape gewesen, wenn er nicht wenigstens versucht hätte, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen.

„Sie könnten sich entschuldigen", sagte sie ruhig.

Nun wurde er wütend. Was wollte diese Person von ihm? Nur weil sie so aussah wie … nun ja, wie sie aussah, sollte sie nicht glauben, dass er klein beigeben würde. Er sah abfällig auf sie herab.

Sie könnten sich ebenso gut entschuldigen", sagte er mit schnarrender Stimme.

Sie sah ihn erstaunt an und zuckte dann kurz mit den Schultern. Als sei nichts geschehen, setzte sie ein strahlendes Lächeln auf. „Nun, vergessen wir das", sagte sie freundlich „Vielleicht können Sie mir helfen, ich suche ..."

„Ich kann Ihnen nicht helfen, ich habe keine Zeit für so was. Fragen Sie die Hauselfen! Es wird sicher irgendwann einer auftauchen. Ich hab's eilig!" Damit wandte er sich um und ließ die junge Frau einfach stehen.

Auf seinem restlichen Weg zum Lehrerzimmer grummelte er leise fluchend vor sich hin.

Als er die Tür zu dem Raum aufriss, in dem bereits alle seine Kollegen versammelt waren, war seine Laune endgültig auf dem Tiefpunkt angelangt. Professor Dumbledore sah ihn erstaunt an.

„Ah, Severus. Da bist du ja endlich. Wir waren schon in Sorge um dich, da es ja eigentlich nicht deine Art ist, dich zu verspäten." Der Direktor lächelte gütig.

Snape wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, aber Dumbledore unterbrach ihn, indem er die Hand hob.

Mit einem bösen Blick in die Runde setzte sich Snape auf den einzigen Stuhl, der frei geblieben war. Es kam ihm vor, als sei der Abstand von seinem Stuhl zum nächsten um das doppelte größer, als der Abstand der anderen Stühle voneinander.

Mit einem Schnauben ließ er sich darauf nieder.

„Nun gut", begann Dumbledore. „Ich muss etwas bekanntgeben, und da uns lediglich eine halbe Stunde vor dem Unterrichtsbeginn bleibt, werde ich es so kurz wie möglich machen. Ach, hat jemand von Ihnen schon meine neue Kreation von Sahne-Gurke-Schoko-Bonbons probiert?"

Einige verzogen angewidert das Gesicht, andere lächelten nur dümmlich und schüttelten vage den Kopf.

„Ähm, Professor – Sie sagten, Sie machen es so kurz wie möglich, also was wollten Sie uns mitteilen?", fragte Minerva McGonagall vorsichtig.

Der alte Mann kratzte sich kurz am Kopf, bevor er fortfuhr.

„Nun, also wie ich schon sagte, handelt es sich um eine wichtige Mitteilung vom äh … Zaubereiministerium. Es ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, das vorsieht, die Lehrer an Zaubereischulen in ihrer wichtigen, und natürlich auch sehr anstrengenden, ja manchmal völlig nervenaufreibenden, aber genauso unerlässlichen und irgendwie ja auch ..."

„Professor? Vielleicht könnten Sie diesen Teil ein klein wenig abkürzen?", fragte McGonagall wiederum vorsichtig.

Er sah sie irritiert an, dann räusperte er sich und sagte: „Ja, natürlich. Sie haben vollkommen Recht. Also, um es kurz zu machen. Das Ministerium möchte sichergehen, dass die Lehrer dem Druck standhalten, der von allen Seiten auf ihnen lastet. Und um Sie nicht allein mit Ihren Problemen zu lassen, hat man entschieden, dass ab sofort jeder Schule ein psychologischer Beistand zur Seite gestellt wird. Dieser soll ausschließlich für die Belange des Lehrkörpers abgestellt werden. Die Schüler haben nach wie vor die gleichen Möglichkeiten, sich mit Problemen an uns zu wenden, aber nun haben wir ebenfalls die Möglichkeit, mit jemandem über unsere Probleme zu sprechen. Tja, hat irgendjemand noch Fragen?"

Eisige Stille hatte sich in dem kleinen Raum breitgemacht. Alle sahen sich verständnislos an.

Dann brach wildes Gemurmel los. Der Direktor klopfte sanft auf den Tisch. „Bitte, bitte, meine Damen und Herren, wenden Sie sich mit den Fragen an mich! Und bitte einer nach dem anderen."

Professor Flitwick hob wie ein Schüler die Hand und Dumbledore nickte ihm kurz zu. „Aber Direktor – die Frage, die wir uns alle stellen, ist ganz einfach: Warum? Wir fühlen uns nicht überfordert. Und wir sind bisher auch so ganz gut zurecht gekommen."

Erneut brach Gemurmel los. Diesmal hörte man allgemeine Zustimmung heraus.

„Tja, liebe Kollegen. Sehen Sie es von der positiven Seite. Denn schließlich ist eine Anordnung immer noch eine Anordnung. Auch ich bin leider nicht in der Lage, dem zu widersprechen. Also schlage ich vor, wir geben dem Ministerium keinen Anlass, weiteres Augenmerk auf uns zu richten und akzeptieren die Anweisung einfach."

„Welchen Psychologen schicken sie uns denn?", fragte nun Professor Sprout.

Dumbledore wirkte auf einmal etwas nervös.

Er sah auf seine Uhr und sagte dann in die Runde: „Tja, ich weiß auch nicht recht. Die gegenseitige Vorstellung hätte eigentlich auch noch vor dem Unterricht stattfinden sollen. Ich weiß auch nicht wo ..."

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn.

„Herein", rief der Direktor gutgelaunt.

Die Tür öffnete sich und mit strahlendem Lächeln trat eine junge Frau in den Raum. Severus Snape wäre fast von seinem Stuhl gefallen, als er die Frau von vorhin wiedererkannte.

„Ah, Miss Donnelly. Wie schön Sie begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Ihre Reise war angenehm?" Der Direktor hielt ihr die Hand zum Gruß hin.

Sie ergriff sie beherzt und antwortete dann: „Ja, danke Professor Dumbledore. Meine Reise war sehr angenehm. Das Schloss zu finden, stellte auch kein Problem dar, obwohl es in der Tat sehr gut versteckt liegt. Diesen Raum hier zu finden, hat mich vor etwas größere Probleme gestellt. Leider hat es ziemlich lange gedauert, bis ein Hauself kam, den ich nach dem Weg fragen konnte."

Sie warf einen kurzen Blick zu Snape, der es vorzog, die Tischplatte vor ihm zu inspizieren.

„Nun ja, jetzt sind Sie ja da. Ich freue mich wirklich sehr. Vielleicht sollte ich Sie als erstes den Kollegen vorstellen. Also, dies ist unsere neue Kollegin Miss Kirsten Donnelly. Sie kommt extra aus der Muggelwelt zu uns, da bei uns der Beruf des Psychologen keine Tradition hat."

Er lächelte die junge Frau nun an. „Sie müssen verstehen", sagte er augenzwinkernd, „wir Magier sind ungeduldige Leute. Statt wochenlang Psychogramme zu erstellen, wedeln wir lieber einmal kurz mit dem Zauberstab und schon sind die Probleme gelöst."

Sie sah ihn tadelnd an. „Nun Direktor, Sie wissen, dass die Probleme dadurch nicht wirklich gelöst sind. Sie sind dadurch nur verdrängt, aber genau dafür bin ich ja jetzt da."

Die Augen des Direktors lächelten nicht wirklich mit, als er sagte: „Genau, meine Liebe. Darf ich Ihnen nun die Lehrer vorstellen?" Er ging alle Lehrer einzeln durch und nannte Namen, Unterrichtsfächer und gab ein kurzes persönliches Profil zum Besten.

Kirsten Donnelly nickte jedem zu und schien sich gedankliche Notizen zu machen. Bei Snape angekommen, sagte Dumbledore: „Und dies ist Severus Snape. Unser Meister für Zaubertränke. Lassen Sie sich von seiner äußeren Erscheinung nicht täuschen, er ist ein sehr kultivierter Mann."

„Davon bin ich überzeugt", sagte die junge Frau mit Nachdruck.

Snapes Augen funkelten sie misstrauisch an. Die Psychologin klatschte in die Hände und sagte dann: „Nun, ich will Sie alle nicht länger aufhalten. Als erstes werde ich mir einen allgemeinen Überblick über Ihre Tätigkeiten verschaffen, dazu werde ich Sie stundenweise in Ihrem Unterricht besuchen."

Allgemeines Gemurmel machte sich wieder breit.

Kirsten Donnelly sah lächelnd in die Runde. „Ich denke, mit Ihnen werde ich den Anfang machen", sagte sie mit einem strahlenden Lächeln in Richtung Professor McGonagall, aber in dem Moment, als sie fertig gesprochen hatte, wandte sie sich zu Severus Snape herum, um ihm mit schelmischem Grinsen zu zeigen, dass sie ihn gemeint hatte.

Sein Gesicht war wie versteinert, aber der Psychologin entging natürlich nicht, dass seine Hände zu Fäusten geworden waren, und die Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Wollen wir?", fragte sie gutgelaunt.

Snape sagte nichts. Er schob seinen Stuhl, als er aufstand, so wütend nach hinten, dass dieser kreischend über den Boden schlitterte.

Die anderen Lehrer schauten ihn mit einer Mischung aus Schadenfreude und Mitleid an. Schließlich würden sie alle selber noch das Vergnügen dieser Inspektion haben.

Snape ging schnellen Schrittes durch den Flur, die Psychologin versuchte ihm zu folgen.

„Hätten Sie die Freundlichkeit, ein wenig langsamer zu gehen?", japste sie.

Er drehte sich im Gehen kurz zu ihr um und sagte, ohne seinen Schritt zu verlangsamen: „Durch diese lästige Besprechung bin ich spät dran. Mein Unterricht beginnt in zwei Minuten. Er findet übrigens im Kerker statt. Das ist unten, Miss Donnelly, im Keller."

„Vielen Dank für diesen Hinweis", sagte sie ironisch und immer noch sehr kurzatmig.

Der Zaubertrankmeister hatte inzwischen einen großen Abstand zu ihr gewonnen, trotzdem glaubte er, sie fluchen zu hören. Ein kurzes Grinsen spiegelte sich auf seinem Gesicht, dann bereitete er sich mental auf den Unterricht vor, und das Grinsen wurde bis frühestens zum Mittag aus seinem Gesicht verbannt.

Als er gerade das Wort an seine Klasse gerichtet hatte, schlich die Psychologin zur Kerkertür hinein. Er beachtete sie gar nicht. Die Schüler sahen sich verstört an.

Niemand hatte diese Frau je zuvor gesehen. Was wollte sie hier? Warum fragte Snape sie nicht, wer sie war und was sie dort zu suchen hatte? Er kannte sie also.

Die Schüler hatten zu flüstern begonnen. Snape sah sie wütend an.

„Vielleicht ist das seine Freundin", sagte gerade ein Mädchen kichernd zu ihrer Banknachbarin, worauf diese ihr einen Vogel zeigte.

'Verfluchte Erstklässler', dachte Snape gereizt. Sie sollten ihn inzwischen doch gut genug kennen, um zu wissen, dass in seinem Unterricht niemand zu tuscheln hatte, es sei denn derjenige stand auf SM.

Das Dumme war, dass diese blöde Göre so laut gesprochen hatte, dass alle im Kerker ihre Vermutung gehört hatten.

Tausende von Strafen schossen durch Snapes Kopf, aber keine brauchbare Erklärung für die Anwesenheit dieser Frau.

Kirsten Donnelly selbst war es nun schließlich, die sich erhob, und mit fester Stimme sagte:

„Nein, ich bin nicht die Freundin von Professor Snape. Ich bin eine Referendarin aus der Muggelwelt. Ich glaube, ihr kennt so etwas gar nicht. Also, ich sehe mir den Unterricht an, weil ich selber einmal Lehrerin werden möchte und ebenso gut und einfühlsam unterrichten möchte, wie euer Professor. Deshalb bin ich hier, um von ihm, und natürlich auch den anderen Lehrern, etwas zu lernen."

Dann setzte sie sich wieder und schlug die Beine übereinander.

Snape sah wie ihr Rock dadurch noch um ein Stückchen höher rutschte und dachte angestrengt über ihre Ausführungen – die ja eine glatte Lüge waren – nach.

Immerhin wurden die Schüler über ihre wahre Anwesenheit an dieser Schule im Unklaren gelassen – das war gut!

Er räusperte sich und begann dann mit seinem gewohnten Unterricht. Er ließ heute der Theorie den Vorrang. Die Schüler mussten die Rezepte, die sie bislang durchgenommen hatten, wiederholen und die Vorsichtsmaßnahmen bei der Zaubertrankbrauerei zusammenfassen. Anschließend ließ er sie alle einen kurzen Aufsatz darüber verfassen und setzte sich an sein Pult.

Er hielt seinen Blick auf das Buch vor ihm gerichtet. Plötzlich gellte ein Kreischen durch den Raum. Erschrocken fuhr er hoch und sah sich um. Ein Mädchen, das Vivian hieß, gab Geräusche von sich, die stark an eine Feuersirene erinnerten. Sie war ein Mädchen mit langen dunklen Zöpfen, die sie immer mit bunten Bändern umwickelte. Aber irgendwie sah sie jetzt merkwürdig aus.

Ein Zopf lag wie immer über ihrer Schulter, aber der andere Zopf war abgetrennt, und sie hielt ihn ungläubig in der Hand. Plötzlich hörte sie auf zu kreischen und schnellte von ihrem Stuhl. Wie ein Blitz hatte sie sich herumgedreht und ohrfeigte den Jungen, der hinter ihr saß.

Dieser war gerade dabei gewesen, eine Schere unter seinem Pult zu verstecken, und musste nun, trotz der Ohrfeige, laut lachen. Das machte Vivian um so wütender. Völlig die Befehle ihres Lehrers ignorierend, begann sie mit beiden Fäusten auf den Jungen einzuschlagen. Dieser ging in Deckung und legte die Arme über den Kopf.

Snape hatte versucht, die Schülerin durch Anbrüllen zur Raison zu bringen, diese hatte ihn anscheinend aber noch nicht einmal wahrgenommen. Er griff nach ihren Händen und versuchte sie festzuhalten. Die Schülerin wehrte sich wie von Sinnen, entwand ihm eine Hand und ehe er sich versah, flog ihre Faust auf sein Auge.

Ein heftiger Schmerz pochte durch seinen Kopf, er griff nun fester nach den Armen seiner Schülerin.

„Au", rief sie und sah ihn wütend an.

„Dieser Idiot hat meine Haare abgeschnitten", schluchzte sie schließlich, als sie erkannte, dass es ihr diesmal nicht gelingen würde, sich aus seinem Griff zu befreien.

Als er bemerkte, dass ihr Widerstand gebrochen war, ließ er sie vorsichtig los.

„Setzen Sie sich!", herrschte er sie an. Vivian drehte sich noch einmal kurz zu ihrem Peiniger um und ließ sich schließlich auf ihren Stuhl plumpsen.

„Mr. Wright, was sollen diese Kindereien?", fragte Snape und verschränkte die Arme vor der Brust, offensichtlich ein übler Fehler, denn sofort wirbelte Vivian erneut herum und ging abermals auf den Mitschüler los, der zu kichern begonnen hatte.

„Kindereien?", kreischte sie. „Er hat mein Leben zerstört. Wright, du mieses A..."

Weiter kam sie nicht, da Snape ihr mit einer Hand den Mund zuhielt und mit der anderen einen solchen Druck auf ihre Schulter ausübte, dass sie kraftlos auf ihren Stuhl sank.

„Sie bleiben jetzt da sitzen", sagte er gefährlich leise.

Kevin Wright kicherte immer noch. Snape drehte sich völlig entnervt zu ihm herum und sprach einen kurzen Zauberspruch. Der junge Mann griff sich erschrocken an den Hals und versuchte probehalber etwas zu sagen. Kein Laut kam über seine Lippen. Snape atmete erschöpft durch und stützte sich mit einer Hand auf das Pult seiner Schülerin. Seine Hand zuckte zurück, als er etwas Haariges berührte. Er sah irritiert darauf, hob schließlich den Zopf seiner Schülerin auf und betrachtete ihn eingehend.

Dann hielt er ihn ihr vor die Nase, damit sie ihn an sich nehmen konnte. „Am besten wird es sein, Sie schneiden den anderen einfach auch ab, dann ist doch alles halb so wild", sagte er müde und wandte sich dann wieder seinem Pult zu. „Mr. Wright, Hufflepuff werden wegen Ihnen 20 Punkte abgezogen. Und Sie müssen bis morgen fünf mal die gesamte Schulordnung abschreiben."

Vivian schluchzte erneut auf. „Das ist nicht fair!", rief sie. Snape kniff die Augen zusammen und sah sie böse funkelnd an. „Was haben Sie gesagt?", zischte er.

„Wenn Sie Hufflepuff 20 Punkte abziehen, betrifft das auch mich! Immerhin bin ich auch in Hufflepuff. Außerdem habe ich gar nichts davon, wenn er die Schulordnung abschreibt."

Snape griff sich an die Schläfe, er tippte bedächtig mit dem Zeigefinger dagegen. Schließlich sagte er: „Sie werden die Schulordnung ebenfalls abschreiben, Miss Lang. Ich denke, zweimal sollte genügen, um zu begreifen, dass Sie meine Entscheidungen nicht noch einmal kritisieren."

Dann schlug er das Buch vor sich zu und erklärte die Stunde für beendet. Die Schüler waren schneller aus dem Raum verschwunden, als man gucken konnte. Snape rieb sich abermals die Schläfe und stierte auf das Buch vor ihm. Plötzlich nahm er ein leises Räuspern wahr. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass die Psychologin ja auch anwesend war.

Sie hatte während der Vorfälle nicht ein einziges Geräusch von sich gegeben. Jetzt jedoch stand sie langsam auf und kam auf ihn zu.

„Man hat es nicht leicht, mit den Kindern heutzutage, nicht wahr?"

Er sah sie entgeistert an. Als sie merkte, dass er nichts darauf erwidern würde, fuhr sie fort: „Das arme Mädchen. Es dauert Jahre, bis Haare so lang wachsen."

Nun sah er sie grimmig an. Aber er schwieg immer noch.

„Sie hätten sie ruhig trösten können."

Das brachte jetzt das Fass zum Überlaufen.

„Trösten? Diese wild gewordene Furie hat mir ein blaues Auge verpasst! Sie kann froh sein, dass sie nicht nachsitzen musste!"

Die Psychologin fing an zu grinsen. Snape bemerkte es und sah sie böse funkelnd an. „Was gibt es da zu lachen?", fragte er drohend.

„Ach, kommen Sie. Sehen Sie sich mal an! Das ist echt lustig, wie Sie so dasitzen und schmollen."

„ICH SCHMOLLE NICHT", brüllte er sie an.

„Sie müssen lernen, über sich selbst zu lachen", erwiderte sie ernst.

Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Treiben Sie es nicht zu weit", warnte er sie.

Sie hob eine Augenbraue. „Sonst was?", fragte sie herausfordernd. „Muss ich die Schulordnung abschreiben, oder wollen Sie der Muggelwelt Punkte abziehen?"

Sie konnte förmlich hören, wie er mit den Zähnen knirschte. Plötzlich wurde sie sehr ernst. „Professor Snape, nach der Begutachtung Ihres Unterrichtes muss ich Ihnen leider zu regelmäßigen Sitzung in meiner Praxis – wo auch immer die demnächst sein wird – raten. Sie werden die Termine morgen mit mir absprechen, wenn ich weiß, wo ich untergebracht bin."

Snape hatte den Mund geöffnet und wollte gerade zu einer Schimpftirade ansetzen, als sie ihn mit einer herrischen Handbewegung unterbrach.

„Behalten Sie bloß Ihre Flüche für sich!", sagte sie bestimmt. „Ich erwarte Sie dann morgen. Schönen Tag noch!" Damit wandte sie sich um und schwebte förmlich zum Ausgang.

Was Snape in diesem Moment dachte, als sie durch die Tür entschwand, war in etwa dies: „Irgendjemand sollte ihr mal ihren verdammt niedlichen Hintern versohlen."

tbc