- Kapitel 14 -

Sie waren in einer merkwürdigen Stimmung zurück zum Schloss gegangen. Hermine barfuß mit ihren Schuhen in der Hand und einem halben Meter Abstand zu ihm. Severus mit einer tiefen Falte zwischen seinen Augenbrauen und der brennenden Frage, wie er mit dem Dunklen Lord umgehen würde, wenn Hermine in seinem Kopf war.

Er hatte keine Antwort auf diese Frage gefunden, bis sie die Eingangshalle erreichten. Der Punkt, an dem ihre Wege sich trennten. Er hatte Hermine gesagt, dass sie einen Tag pausieren würden und sie hatte es akzeptiert. Vielleicht, hatte er gedacht, als er ihr hinterher sah, wie sie barfuß die große Treppe hinauflief, vielleicht würde der Dunkle Lord ihn noch eine Weile lang verschonen. Wenn schon nicht mit den Treffen, dann vielleicht doch wenigstens mit Legilimentik. Und wenn nicht … würde er einen Weg finden.

Severus hatte wirklich geplant, diesen einen freien Tag zu nutzen. Die Stimmung zwischen ihm und Hermine war zum ersten Mal seit langem entspannt, er hoffte sehr auf ein paar ruhige Stunden in seinen Räumen.

Aber irgendwie … ging es ihm nicht gut. Er wusste nicht, was es war, er konnte nicht den Finger darauf legen. Sein Frühstück hatte er nicht angerührt, er hatte nur den Kaffee getrunken. Die Sonne, die seine Räume mit Licht geflutet hatte, hatte ihm in den Augen wehgetan. Und kaum hatte er die Füße hoch gelegt und sich in einen Roman (kein Fachbuch) vertieft, hatte sich ein ihm gänzlich unbekannter Schmerz in seinem Unterleib aufgebaut, der zu einer solchen Intensität angeschwollen war, dass er leise geseufzt hatte. Mit gerunzelter Stirn hatte er in den kalten Kamin gestarrt und abgewartet. Nach ein paar Sekunden ebbte der Schmerz wieder ab, aber ein dumpfes Echo blieb.

Ein paar Minuten später wiederholte sich das gleiche. Und dann nochmal. Beim vierten Mal hatte ihn dann ein Verdacht überkommen, der ihm ungelogen ein Wimmern entlockt hatte.

Und so stand er nun an diesem freien Tag vor Hermines Tür und klopfte dreimal kräftig, aber nicht penetrant. Es dauerte eine Weile, ehe sie öffnete. Und als er sie erblickte, stellte er fest, dass sie genauso mies aussah, wie die Schmerzen sich anfühlten. Sie seufzte und lehnte sich gegen den Türrahmen, während sie eine weitere Welle dieses Schmerzes mit einem lang gezogenen Atemzug und geschlossenen Augen ertrug – ebenso wie Severus.

„Hermine, was ist das?", fragte er, als es vorbei war.

Ihre zuvor blasse Gesichtshaut färbte sich leicht rosa. „Rate mal. Es trifft nur Frauen, kommt alle vier Wochen und ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit der Natur." Sie zog ihren Morgenmantel vor den Körper und verlagerte das Gewicht aufs andere Bein.

Severus seufzte schwer. „Ich hoffe, wir lösen unsere Konflikte, bevor du deinem Kinderwunsch nachkommst", sagte er dunkel.

Sie lächelte müde. „Willst du reinkommen?"

Er rieb sich die Stirn und fragte sich, wie weit die Macht dieses Trankes reichte und ob er jemals wieder einen ruhigen Tag haben würde, bevor die Verbindung sich aufgelöst hatte. Und er fragte sich, ob er Hermine noch einmal dazu bringen würde, seine Hilfe anzunehmen, ohne dass sie ihn anschrie und ihm eine Ohrfeige gab. Nein, er hatte keinen Schmerztrank in der Tasche; das war zu offensichtlich. Aber er kannte andere Methoden und aus ganz und gar eigennützigen Gründen brannte er darauf, sie anzuwenden.

Also nickte er und ging an ihr vorbei ins Zimmer. Im Gegensatz zu seinem letzten Besuch war es dieses Mal ordentlich. Die Fenster waren allerdings verhängt. Er zog eine Augenbraue hoch.

Hermine schlich derweil zu ihrem Bett zurück und rollte sich halb sitzend, halb liegend darauf zusammen. „Such dir irgendwo einen Platz. Ich bin heute eine schlechte Gastgeberin." Sie blinzelte ihn aus geröteten Augen an und zog die Beine dichter an den Körper, als sich ihr Unterleib wieder verkrampfte.

Severus verzog das Gesicht und setzte sich an den Schreibtisch, der unter dem rechten Fenster stand. Der Schmerz zog bis in seine verdammten Oberschenkel! Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen und atmete auf, als der Schmerz nachließ.

„Tut mir leid", sagte Hermine leise. Sie war noch blasser geworden.

„Warum nimmst du keinen Schmerztrank?", fragte er.

„Mir wird übel davon und …"

„… das ist dir ohnehin schon", beendete Severus ihren Satz. „Ja, ich hab es gemerkt."

„Tut mir leid", sagte sie wieder.

Er winkte ab. „Ich vermute, das alles ist jetzt auch schlimmer als sonst?"

Sie nickte. „Und das bringt sonst schon keinen Spaß." Sie rieb sich mit den Handballen über die Augen, bis sie ganz rot waren.

„Darf ich dir meine Hilfe anbieten, ohne dass du …" Er wurde von mehr Schmerz unterbrochen und legte unwillkürlich die Hand um die Kante der Tischplatte, drückte sehr fest zu. „… ohne dass du mir wieder eine Ohrfeige gibst?", fuhr er mit gepresster Stimme fort.

„Du darfst alles tun, wenn es hilft. Außer es ist ein Stupor." Sie kniff die Augen zusammen. „Ist es ein Stupor?"

Severus feixte. „Die Vorstellung ist verlockend, aber nein, es ist kein Stupor."

„Dann bin ich für alles offen."

Er stand auf und ging zum Bett. „Leg dich gerade hin und mach deinen Bauch frei", sagte er, während er sich vor das Bett kniete. Hermine sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an, tat aber, was er gesagt hatte, als er ihren Blick auf die gleiche Art erwiderte.

Hermine rutschte ein Stück auf dem Bett nach unten, streckte die Beine aus und schlug den Morgenmantel auf, bevor sie das Schlafanzugoberteil nach oben zog. Ihr Bauch hob und senkte sich langsam, aber an ihrem Hals konnte Severus ihren Puls rasen sehen. Und ja, er spürte auch ihre Nervosität. „Ich tu dir nichts", sagte er deswegen mit gerunzelter Stirn.

„Ich bin nicht deswegen nervös", murmelte Hermine und biss sich auf die Innenseite ihrer Lippe.

Severus schüttelte kaum merklich den Kopf. „Schließ die Augen." Er streckte die Hände aus und legte sie auf ihren Bauch. Hermine sog scharf die Luft ein und Adrenalin rauschte durch Severus' Körper. Er biss die Zähne aufeinander und wartete, bis es nachgelassen hatte. Dann streckte er seine Magie aus und ließ sie in Hermines Körper fließen. Seine Handflächen kribbelten, genauso wie ihre Bauchdecke kribbeln würde. Severus kannte diese Behandlung bereits aus beiden Perspektiven.

„Was tust du?", fragte Hermine überrascht.

„Shh", machte Severus und konzentrierte sich auf die Schmerzen, die gerade wieder anfingen, sich in Hermines Unterleib aufzubauen. Er folgte dem Schmerz und ließ seine Magie in die Muskulatur ihrer Gebärmutter fließen, die sich daraufhin erwärmte und lockerte. Noch bevor der Schmerz sich komplett aufgebaut hatte, ließ er wieder nach.

Hermine atmete hörbar auf, Severus lächelte. Dann ließ er seine Magie das tun, was sonst die Muskulatur tat – nur dass sie das schmerzlos tat. Er nahm die Hände von Hermines Bauch und sie blinzelte. „Wow", hauchte sie, während sie ihr Shirt runterzog. „So viel steht fest: Falls ich mal ein Kind bekomme, will ich, dass du dabei bist."

Severus stand auf. „Das kann jeder anständige Heiler. Du musst einen Finite über dich sprechen zu der Zeit, zu der die Krämpfe sonst nachlassen."

Sie nickte. „Danke." Dann setzte sie sich auf und lehnte sich gegen das Kopfende ihres Bettes.

Er nickte. „Ich wünsch dir noch einen angenehmen Tag", sagte er und ging zur Tür.

„Severus?"

Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Kannst du … nicht noch bleiben?"

„Weswegen?"

Hermine schluckte. „Für die Basis?"

Er verdrehte die Augen. Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? „Ich hätte die Verbindung beenden sollen", grollte er leise, während er zum Schreibtisch zurückkehrte, den Stuhl neben ihr Bett stellte, sich hinsetzte und ein Bein über das andere schlug. „Also?"

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Gib dir bloß nicht zu viel Mühe."

„Mühe wofür?"

„Unsere Konflikte zu klären? Das Ziel dieser Verbindung zu erreichen?"

Er griff sich an die Nasenwurzel. Natürlich. Miss Granger hatte ein neues Rätsel gefunden, das es zu lösen galt. Das Auflösungsritual gewann an Attraktivität.

„Oder willst du die Verbindung doch lieber magisch lösen?"

„Nein", grollte er.

„Warum eigentlich nicht?"

Jetzt zog er eine Augenbraue hoch. „Ist das einer unserer Konflikte?"

Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ist es?"

Severus holte tief Luft, beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Knien ab. „Vielleicht sollten wir damit aufhören, unsere Fragen mit Gegenfragen zu beantworten."

„Klingt vernünftig. Was schlägst du vor?"

Er kniff die Augen zusammen. „Wir stellen abwechselnd Fragen."

„Müssen wir jede Frage beantworten?"

„Definitiv nicht!", schnaubte er.

„Natürlich." Sie verdrehte die Augen.

„Dafür lasse ich dich anfangen", entgegnete er nonchalant.

Ein durchtriebenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Dann bleiben wir doch gleich mal beim Thema: Warum willst du die Verbindung nicht magisch lösen?"

„Weil du sie nutzen willst, damit wir besser zusammenarbeiten können."

„Und?"

„Und was?"

„Das ist doch nicht der einzige Grund."

Severus biss die Zähne aufeinander. „Weil ich auch denke, dass es hilfreich sein könnte, Konflikte zu lösen."

„Und?"

„Nichts und!", sagte er scharf.

Nun beugte auch Hermine sich vor und setzte sich am Rand des Bettes auf ihre angewinkelten Beine. „Doch. Das ist nicht alles."

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Woher willst du das wissen?"

„Weil dir Konflikte egal sind. Wenn es nur um die Konflikte gehen würde, hättest du mir gesagt, ich soll mich wie eine Erwachsene benehmen und es runterschlucken. Und dann hättest du dieses Ritual durchgezogen."

„Vielleicht sollte ich das tun."

„Vielleicht. Oder du bist zur Abwechslung mal ehrlich und lässt jemanden sehen, was dich bewegt."

Er sah sie finster an. Sie drängte ihn schon wieder in eine Ecke, in der er sich nicht wohl fühlte. Eine Ecke, in der er nicht stehen wollte, weil ehrlich sein bedeutete, angreifbar zu sein und angreifbar zu sein war lebensgefährlich.

Vielleicht ahnte Hermine, was ihm durch den Kopf ging. Sie hatte in letzter Zeit ein beängstigendes Talent dafür entwickelt, ihn lesen zu können. Ohne Legilimentik. Jedenfalls war es dieses Mal sie, die sagte: „Ich tu dir nichts, Severus."

„Doch, tust du", grollte er, ehe er es verhindern konnte.

Ihre Augen wurden ein bisschen größer. „Was tue ich dir?"

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin dran."

Hermine holte tief Luft und ließ sie ungenutzt wieder entweichen. „Schön."

„Warum bist du nicht schon nach den ersten zwei Wochen wieder gegangen?" Er hatte sie ekelhaft behandelt. Nicht mal Potter oder Longbottom hatte er jemals so ekelhaft behandelt wie Hermine in den ersten Wochen ihrer Zusammenarbeit. Sie hatte es mit stoischer Gelassenheit hingenommen. Eine Gelassenheit, die ihn noch ekelhafter hatte werden lassen.

„Es ging nicht um mich", sagte sie einfach.

„Wie meinst du das?"

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin dran."

Severus verdrehte die Augen.

„Also: Was tue ich dir?"

Er biss die Zähne aufeinander und rieb sich die Stirn. Für einen Moment war die Verlockung groß, die Beantwortung dieser Frage zu verweigern. Aber sie hatte recht; sie sollten versuchen, den Zweck der Verbindung zu erfüllen, wenn sie sie schon nicht magisch lösen wollten. Es kostete ihn trotzdem Überwindung, ihr eine ehrliche Antwort zu geben. „Du konfrontierst mich mit deinen Gefühlen. Du zwingst mich dazu, Dinge zu empfinden, die ich … mir lange abgewöhnt habe."

Hermine schluckte. „Und das kannst du nicht aushalten."

„Ich bin dran", sagte er hohl, ohne sie anzusehen.

„Das war keine Frage."

Er hob den Blick, begegnete ihrem aber nur für einen kurzen Moment. Nein, er konnte es nicht aushalten. Weder ihre Gefühle, noch die Art, wie sie ihn ansah. „Wie meintest du das, es wäre nicht um dich gegangen?"

„Du hättest jeden, den Professor Dumbledore dir zuweist, so behandelt. Es ging um dich und ihn. Er hat über deinen Kopf hinweg entschieden und du hast das gehasst. Mich rauszuekeln war dein Versuch, es ihm heimzuzahlen."

Severus schluckte. Bei Merlin, sie konnte ihn lesen! Besser als er sich selbst. Die Reue, die er jetzt empfand, war seine eigene. Er fing ihren Blick ein und sagte: „Es tut mir leid."

Hermine lächelte. „Danke."

Und dass sie ihm diese Entschuldigung tatsächlich glaubte, ließ ihn wieder schlucken. Es waren nicht mal ihre Gefühle und trotzdem konnte er sie kaum aushalten. Er nickte steif.

„Also: Warum willst du die Verbindung nicht mit dem Ritual lösen?"

Severus stöhnte. Er hatte gedacht, er hätte sie von dieser Frage abgelenkt. Aber sie war Hermine-verdammt-nochmal-Granger, nicht wahr? Sie vergaß keine ihrer verdammten Fragen! Diesmal knirschte Severus mit den Zähnen, ehe er sagte: „Weil Albus findet, es täte mir gut, mich mit … aufrichtigen Gefühlen auseinanderzusetzen."

Hermine runzelte die Stirn. „Was Professor Dumbledore findet, ist dir doch egal. Nein, da steckt was anderes dahinter. Aber du bist dran."

Severus rümpfte die Nase. „Du gibst doch eh keine Ruhe damit."

„Stimmt. Also verzichtest du auf deine Frage?"

„Ja", knurrte er.

„Gut. Was steckt noch dahinter?"

„Möglicherweise", begann er, „und das ist ein großes Möglicherweise!"

„Natürlich."

„Möglicherweise …" Er presste die Lippen aufeinander und atmete scharf aus. Dass ihm sein Herz gerade bis zum Hals schlug, hatte nichts mit Hermines Gefühlen zu tun. „… mag ich den Gedanken, die Verbindung zu lösen, genauso wenig wie den, sie aufrecht zu erhalten."

Sie sackte ein bisschen in sich zusammen. „Kenn ich." Das war alles, was sie sagte und diese zwei Worte machten es irgendwie … besser.

Severus nickte. Jetzt war es okay, ihr in die Augen zu sehen. „Warum bist du nicht mehr mit Weasley zusammen?"

Sie legte ein bisschen den Kopf in den Nacken, während sie über seine Frage nachdachte. „Es hat nicht funktioniert. Es hat ihn nicht interessiert, was ich bei der Arbeit gemacht oder gelernt habe, mich hat nicht interessiert, was er bei der Arbeit gemacht oder gelernt hat. Und mich hat Quidditch nicht interessiert. Er liebt es, Schach zu spielen – und ich bin miserabel im Schach." Severus schnaubte, sie lächelte. „Ich bin Frühaufsteher, er Langschläfer. Er kann stundenlang Fantasien über … fiktive Dinge nachhängen, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Weder auf die magische, noch auf die wissenschaftliche Art. Mich macht das wahnsinnig!"

„Verständlich", warf Severus ein.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ron und ich können befreundet sein. Dann ist es okay, dass mich diese Dinge an ihm nerven, als Freundin dürfen sie mich nerven und ich kann ihn trotzdem lieb haben. Aber als Partnerin … Wir haben zu wenig gemeinsam, um als Paar zu funktionieren. Versöhnungssex verliert seinen Reiz, wenn man ihn zu oft hat." Eine zarte Röte stieg ihr in die Wangen.

Er zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts dazu.

Hermine biss sich auf die Innenseite ihrer Lippe, als hadere sie mit sich, ihre nächste Frage auszusprechen.

„Frag schon", sagte Severus mit dunkler Stimme.

„Woher sind die Narben auf deinem Oberkörper?"

Er zuckte unmerklich zusammen. Diese Frage hatte er nicht kommen sehen. Er setzte sich gerade hin, fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Ich war ein wildes Kind", murmelte er schließlich.

„Lügner", sagte sie auf dieselbe Art.

Severus schnaubte. „Keine Lüge. Ich war ein wildes Kind. Und mein Vater hat das gehasst." Er hatte den Kopf etwas zur Seite gedreht und sah sie aus dem Augenwinkel nicken. „Warum hast du dich auf die Gefühle für mich eingelassen?" Er hatte ihr diese Frage schon mal gestellt und sie hatte gesagt, er wäre noch nicht bereit für die Antwort auf diese Frage.

Hermine sah ihn an und das Rot auf ihren Wangen vertiefte sich. „Ich glaube nicht, dass ich dir darauf eine verbale Antwort geben kann."

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Wie kannst du sie mir denn beantworten?"

Sie stemmte sich hoch und nahm erst das eine, dann das andere Bein vom Bett. Schließlich stand sie vor ihm, der Morgenmantel hing offen an ihr und ihr Geruch stieg ihm in die Nase, als er zu ihr aufsah. Sie streckte die Hand aus und Severus wich vor ihrer Berührung zurück. Hermine schnalzte leise mit der Zunge. „Ich glaube, du bist immer noch nicht bereit für diese Antwort", sagte sie.

Aber als sie sich umwandte und zum Bett zurückgehen wollte, griff er nach ihrer Hand und hielt sie auf. „Lass es drauf ankommen." Seine Stimme war ein tiefer, grollender Bass und weil gerade weder Hermine ihre Gefühle vor ihm verbarg, noch er sie aus seinem Geist aussperrte, spürte er ihre Reaktion darauf, als wäre es seine eigene. Ein Schaudern lief durch seinen Körper, eine Gänsehaut über seinen Rücken. Es war ihm nicht bewusst gewesen, dass er so was mit seiner Stimme tun konnte. Er schnaubte leise.

Hermine zuckte mit den Schultern, ein halbes Lächeln auf ihren Lippen. Aber sie kam zu ihm zurück, legte ihre Hand an seine Wange (weich und ihre Finger waren ein bisschen kühl) und beugte sich zu ihm hinunter. Bevor sie ihn küsste, hielt sie inne und zog die Augenbrauen hoch. Eine letzte Rückversicherung. Severus nickte.

Es war lange her, dass er das letzte Mal jemanden geküsst hatte. Und damals hatte er es nicht so ganz freiwillig getan. Bisher hatte es nur eine Frau in seinem Leben gegeben, die er wirklich hatte küssen wollen, alle (wenigen) anderen waren … mehr oder weniger eine Notwendigkeit gewesen.

Ob er Hermine wirklich küssen wollte, konnte er nicht mal sagen, als ihre Lippen schon längst auf seinen lagen. Auch nicht als sie mit ihrer Zunge über seine Unterlippe strich und auch nicht, als er seinen Mund ein kleines Stück öffnete. Aber es war irgendwie auch nicht wichtig, ob er es wirklich wollte. Sie wollte es und sie ließ ihn teilhaben an den Gefühlen, die dieser Kuss in ihr auslöste. Es waren überwältigende Gefühle, die er noch niemals zuvor empfunden hatte. Wie ein Schwarm Doxys in seinem Bauch und zu viel guter Feuerwhiskey in seinem Kopf, während er auf einem Karussell stand.

Severus wusste nicht, welcher Teil seines Gehirns sich dazu entschieden hatte, aber er hob die Hand und ließ sie in ihre Haare gleiten, hielt ihren Kopf fest und intensivierte diesen Kuss, der sie sich so unglaublich fühlen ließ – und ihn dadurch auch. Er trank von diesem Gefühl, als hätte er nach Jahren in der Wüste endlich eine Oase gefunden. Es war egal, dass es nicht sein Gefühl war, in diesem Moment konnte er sowieso nicht mehr unterschieden zwischen ihren und seinen Gefühlen. Sie ließ ihn teilhaben und das reichte.

Als Hermine sich zurückzog, waren ihre Lippen rot und ihre Wangen auch. Ihre Zunge schnellte hervor, als wollte sie den letzten Rest seines Geschmacks von ihren Lippen kosten. Sie wich seinem Blick erst aus, dann begegnete sie ihm kurz, dann etwas länger. Dann lächelte sie. „Deswegen habe ich mich auf diese Gefühle eingelassen", sagte sie heiser.

„Nein", entgegnete er, während sie einen Schritt nach hinten wich und sich auf ihr Bett sinken ließ. „Du konntest gar nicht wissen, ob es hierzu jemals kommen würde. Was ist der wahre Grund?"

„Ich bin dran", sagte sie und lächelte hinterhältig.

„Ich hab noch eine Fragen gut", tat er ihren Einwand ab und lehnte sich nach vorn, stützte wieder die Ellbogen auf die Knie. Sie waren nur noch eine Handbreit voneinander entfernt.

„Sehr slytherin."

Seine Augenbrauen zuckten. „Also?"

Sie sah ihn zwei, drei, vier Sekunden lang an, dann sagte sie: „Ich hab dich durchschaut, Severus Snape." Sein Name aus ihrem Mund löste ein ähnliches Gefühle bei ihm aus, wie seine Stimme bei ihr. „Dein Kopf und mein Kopf, die hatten den gleichen Innenarchitekten. Wenn du mal für eine halbe Stunde aufgehört hast, mich fertig zu machen, dann haben wir wunderbar zusammen im Labor funktioniert. Bei jedem Glas Wein, das wir miteinander getrunken haben, an jedem Abend, an dem wir so lange diskutiert haben, dass wir die Zeit vergessen haben … da hab ich gemerkt, dass du die Art Mann bist, die Ron nicht ist. Ja, die ersten Wochen waren hart." Sie verzog ein bisschen das Gesicht, als ein kleiner Stich sie durchfuhr. „Aber bald wollte ich nicht mehr eine einzige Minute missen, die wir zusammen verbracht haben. Ich hab mich auf diese Gefühle eingelassen, weil ich nicht anders konnte. Egal wie klein die Chance war, dass so ein Kuss wie eben jemals passieren würde … ich hatte keine andere Wahl. Du bist der Mann, den ich an meiner Seite haben will. Ich kann mir keine Alternative vorstellen."

Als sie aufhörte zu reden, war es, als würde sich ein Bann lösen. Nein, nicht die Verbindung. Die war immer noch da. Er spürte immer noch ihre Gefühle gegen seinen Geist schwappen. Ein anderer Bann. Einer, der ihn dazu gezwungen hatte, ihr in die Augen zu sehen und nicht einmal zu blinzeln, während sie all diese Dinge sagte, die sich absolut ehrlich anfühlten, aber nicht wahr sein konnten. Er konnte unmöglich der Mann sein, von dem sie sprach. „Ich bin nicht dieser Mann", sagte er also hohl.

Hermine lächelte traurig. Sie legte eine Hand an seine Wange und nickte. „Doch, bist du. Und weil du das nicht glauben kannst, wünsche ich mir noch mehr, dass du es drauf ankommen und mich dir das Gegenteil beweisen lässt."

Er schloss die Augen und atmete, während ihre Hand auf seiner Wange lag. Ihr Daumen strich über seine Haut. Ihre Finger waren jetzt nicht mehr ganz so kühl. Ihre Nervosität hatte sich gelegt. Etwas. Aber was auch immer sie gerade fühlte, ließ ihn ganz tief drinnen beben.

Oder waren das seine eigenen Gefühle?

Severus blinzelte und ohne ihr in die Augen zu schauen, stemmte er sich auf die Beine und verließ wortlos ihr Zimmer.