Veränderte Perspektive

von Callista Evans

Kapitel 5: Geplant

Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.

A/N.: Ich danke meiner treuen Beta-Leserin Simone für ihre erneute Rotstift-Aktion. Auch meinen lieben Reviewern ein herzliches Danke schön. Besonders an die, die ich per Mail nicht erreichen kann. Ihr helft mir mit eurer Meinung sehr. Hoffentlich gefällt euch dieses Kapitel. Ich freue mich über eure Rückmeldung. LG Callista

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Die Ferien waren vorbei und alles lief wieder seinen gewohnten Gang. Die Schüler der siebten und der fünften Klasse begannen langsam nervös zu werden angesichts der anstehenden NEWTs (UTZ) bzw. OWLs (ZAG). Hermiones langfristige Zeitplanung kam ihr jetzt zu Gute. Sie hatte ja ein Ehrenprojekt angenommen, um dass sie sich zusätzlich zu ihren Prüfungsvorbereitungen kümmern musste. Zusammen mit den Treffen der DA und ihren Pflichten als Schulsprecherin hatte sie einen so vollen Terminplan, dass sie kurz überlegte, noch einmal einen Zeitumkehrer zu benutzen. Doch dann erinnerte sie sich, wie erschöpft sie in ihren dritten Jahr gewesen war, und sie sah davon ab.

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Severus Snape krümmte sich vor Schmerzen zusammen. Er hatte es gerade so eben geschafft zu apparieren, als er auch schon zu Boden ging. Mit Müh' und Not schleppte er sich zu seinen Privaträumen. Es war nicht das erste Mal, dass er einem Crutiatus-Fluch ausgesetzt gewesen war. Nein, es hatte ihn eine Menge Überzeugungsarbeit und Schmerzen gekostet, bis der dunkle Lord damals bei seiner Rückkehr bereit gewesen war, ihn wieder in seinen Reihen aufzunehmen. Dieses Mal schien jedoch der Frust von Voldemort größer als je zuvor. Seit der offiziellen Bekanntwerdung der Wiederkehr von 'Du-weißt-schon-wem', wie er noch immer vom Ministerium der Magie genannt wurde, hatte der dunkle Magier einige seiner Pläne verwerfen müssen. Zwar herrschte noch immer die gleiche Furcht vor ihm wie vorher, aber der Widerstand, der gegen ihn aufgeboten wurde, war größer denn je. Die Muggelfreunde und Halbblüter schienen, nach Meinung des dunklen Lords, dem alten Trottel Dumbledore mehr zu vertrauen, als den Einschüchterungstaktiken der Todesser. Alles zusammen brachte Voldemort in eine Stimmung, die die Anhänger des dunklen Lords nun ausbaden durften. Irgendwie schaffte der Doppelagent es schließlich zu seinem Vorratsschrank mit den privaten Zaubertränken für den Notfall. Erst als er drei verschiedene schmerzstillende Flüssigkeiten herunter gewürgt hatte (warum mussten Schmerzmittel eigentlich immer so widerlich schmecken?) hörte er auf zu zittern, und war fähig, sich zu entspannen. Langsam fing sein Gehirn wieder an, normal zu funktionieren. Er musste zu Dumbledore, um ihm Bericht zu erstatten.

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In der großen Halle herrschte wieder der gewohnte Lärmpegel vor. Mit einigem Grinsen, vielem Geflüster und diversem Austausch von Sickeln und Knuts hatten die Gryffindor und einige andere auf das Händchen halten von Ginny und Harry reagiert. Die beiden Hauptpersonen schienen es gar nicht zu registrieren, dass sie das Gesprächsthema von so vielen anderen Schülern waren. Sie waren so aufeinander fixiert, dass Ron und Hermione das neue Paar anstoßen mussten, um sie darauf aufmerksam zu machen. Innerlich seufzte Hermione auf. Nicht dass sie ihrer Freundin nicht gönnen würde glücklich zu sein, doch ein wenig neidisch war sie schon. Es wäre schön, jemanden zu haben, der einen gut versteht, der einen nicht vom Lernen abhalten würde, sondern es förderte, der sie in die Arme nahm, ...
Vor ihren Augen tauchte ein Bild auf. Eine dunkle Gestalt mit langen, feingliedrigen Händen und Lippen, die so gut küssen konnten. Ein plötzlicher Schmerz in der Seite holte sie in die Wirklichkeit zurück. Ron hatte sie mit dem Ellbogen in die Rippen gestoßen, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Hermione, wenigstens du könntest dich mit mir unterhalten, wenn unsere beiden Turteltäubchen hier schon zu keinem gescheiten Wort fähig sind. Wo bist du bloß mit deinen Gedanken?

Die junge Hexe konnte nicht verhindern, dass eine feine Röte in ihrem Gesicht erschien. Ron schaute sie verwundert an. Er erinnerte sich wieder an ihr Gespräch bei der Weihnachtsfeier. Vor lauter Gedanken um Ginny war ihm (und auch Harry) das merkwürdige Verhalten der Freundin entfallen. Doch er beschloss bei nächster Gelegenheit nachzuholen, was sie versäumt hatten und die Freundin zur Rede zu stellen. Hermione unterdessen wusste nicht wo sie hinschauen sollte. Hatte sie gerade wirklich einen Tagtraum von ihrem Zaubertranklehrer gehabt? Himmel, hoffentlich sah man es ihr nicht an, sonst würde sie in der Krankenstation enden, wegen Unzurechnungsfähigkeit.

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Mit einer innerlichen Unruhe, die er sich niemals vor anderen anmerken lassen würde, saß Albus Dumbledore in seinem Büro. Er konnte sich nicht dazu überreden zum Dinner hinunter zu gehen. Schon seit Stunden wartete er auf die Rückkehr des Mannes, den er gebeten hatte, sich immer wieder für die gute Sache in Gefahr zu bringen. Jedes Mal wenn er Severus in Voldemorts Nähe wusste, kamen die Gewissensbisse wieder hoch. Jedes Mal fürchtete er um das Leben des Mannes, dem er so gern ein Freund wäre, wenn dieser es nur zulassen würde. Und jedes Mal war er erst wieder ruhig, wenn er seinen Zaubertränke-Meister wieder sicher auf Hogwarts wusste.

Endlich, nach sich endlos ausdehnenden Minuten, (Snapes Anwesenheit in seinen Räumen war ihm inzwischen von den Hauselfen gemeldet worden), klopfte es an der Tür. Bitte tritt ein, Severus! Dumbledore betrachtete den Angesprochenen und ihm fiel auf, dass der ohnehin schon blasse Mann jetzt fast grau im Gesicht aussah. Den dunklen Augen, die sonst Funken sprühen konnten, wenn auch meistens im Ärger oder voller Sarkasmus, fehlte jeglicher Glanz. Die ganze Erscheinung des sonst so gefürchteten Lehrers wirkte eingesunken und kraftlos. Das konnte nur eines bedeuten. fragte Albus mit schuldbewusstem Blick. Ja, aber deshalb bin ich nicht hier. Snape winkte ab. Er wollte sobald wie möglich wieder zurück in seine Gemächer. Er brauchte dringend Ruhe.
Der dunkle Lord hat neue Pläne entworfen. Leider ist er in letzter Zeit immer misstrauischer geworden. Das bedeutet, er weiht nur noch die Diener von ihm ein, die an den direkten Aktionen beteiligt sind. Ich weiß nur, dass Lucius Malfoy in der Sache mitmischen wird, und mein Gefühl sagt mir, dass er seinen Sohn bei der Angelegenheit mit einplant. Unglücklicherweise kann ich bei Draco nicht sicher sein, ob er schon so weit von seinem Vater manipuliert wurde, dass er ohne zu zögern alles macht, was ihm aufgetragen wird. Ich hatte gehofft, er würde nicht der Denkweise seines alten Herrn verfallen, sondern einsehen, was richtig und was falsch ist.
Verdammt! Warum konnte Lucius nicht in Askaban versauern? Aber natürlich hatte sein großer Reichtum ihm auch hier wieder aus der Schlinge geholfen. Geld ist Macht, das galt nicht nur in der Muggel-Welt, sondern genauso in der magischen. Der Schulleiter schwieg einen Moment und schien zu überlegen.
Kannst du mir noch irgendeinen Anhaltspunkt geben? Mir scheint, Voldemort konzentriert seine Pläne mal wieder auf die Vernichtung von Potter. Das war wahrscheinlich der Grund, warum mich heute der Fluch getroffen hat. Immerhin treffe ich Harry (habe ich wirklich Harry gesagt?) fast täglich und habe es trotzdem nicht geschafft, ihn als Geschenk für meinen Lord auszuhändigen. Die Vorbereitungen für den nächsten Winkelzug scheinen aber noch anzudauern. Ich hoffe beim nächsten Mal erfolgreicher zu sein. Albus wollte wohl seinen Kollegen nicht länger als notwendig aufhalten und beendete das Gespräch, nachdem sie die restlichen Informationen ausgetauscht hatten.

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Wie gewohnt klopfte die Schulsprecherin abends an die Tür zum privaten Labor des Professors. Das Klassenzimmer konnte sie betreten, weil sie ein eigenes Passwort dazu bekommen hatte. Nachdem er zweimal einen Versuch hatte unterbrechen müssen, der wichtig gewesen war, um die junge Frau einzulassen, entschied er sich ihr eingeschränkten Zutritt zu gewähren. Zu ihrem Erstaunen war die Tür offen und sie ging hinein. Das Labor wurde nur durch wenige Fackeln an der Wand notbeleuchtet und es war keine Spur von Snape zu erkennen. Das war ungewöhnlich für den Lehrer, der noch nie einen Termin vergessen hatte. Gerade als sie ihre Schritte Richtung der Tür, die wohl zu seinen Privaträumen führte, lenken wollte, öffnete sich diese. Der Professor kam herein. Mit Schrecken sah sie, wie schlecht er aussah. Selbst seine Stimme klang anders als sonst: Miss Granger, ich kann heute nicht an unserem Projekt weiterarbeiten. Wenn Sie die notwendigen Handgriffe für heute erledigt haben, können Sie wieder gehen! Er war schon fast wieder aus der Tür heraus, als sie leise fragte: Snape drehte sich noch einmal herum. Er wusste, er konnte dieser intelligenten jungen Frau nichts vormachen. Mit einem kurzen Nicken antwortete er knapp: und verschwand wieder dorthin von wo er hergekommen war. Schweigend erledigte Hermione die erforderlichen Handhabungen und ging dann sinnend zurück zu ihren Räumen.

Auch in dieser Nacht schlief sie sehr unruhig. Zuerst wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her. Als sie endlich eingeschlafen war, hatte sie einen Traum. Sie befand sich an einem furchteinflößenden Ort. Sie ahnte nicht, wo sie sich befand. Es war stockdunkel. Das einzige was sie wusste, war die Tatsache, dass sie in großer Gefahr war. Plötzlich war da ein Flüstern zu hören. Es kam wie aus tiefen Nebeln zu ihr hinüber. Sie konnte es nicht sicher sagen, aber sie schien die Stimme zu kennen. Vertrau mir, ich werde dich retten! versprach sie und Hermione wusste, es war ihre einzige Chance. Schweißgebadet wachte sie auf und brauchte mehrere Minuten, bis sie wusste, wo sie war.

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Ron Weasley machte einen regelrechten Schlachtplan. Er würde Hermiones Geheimnis schon herausbekommen. Dank seiner Fähigkeiten im Schach und der vielen Trainings-Strategien, die er als Team-Captain der Gryffindor-Quidditch-Mannschaft entwickelt hatte, war das eine Kleinigkeit für ihn. Zunächst musste er Harry von Ginny loseisen. Die Frischverliebten hingen wie Kletten zusammen und es war eine Sache, wenn die beiden Jungen herausbekamen, was mit ihrer Freundin los war, aber eine andere Sache, wenn Ginny es auch mitbekam. Er wollte Neville bitten, seine Schwester abzulenken. Neville Longbottom hatte sich in den letzten Jahren stark verändert. Schon in den Anfängen der DA konnte man die Veränderung bemerken. Durch das Mitwirken bei der vermeintlichen Rettung von Harrys Paten, war nicht nur sein Selbstbewusstsein, sondern auch sein Ansehen in der Schule (außer bei den Slytherins natürlich) gewachsen. Nachdem er in seinem sechsten Schuljahr nicht mehr gezwungen war das Fach Zaubertränke zu belegen, war er regelrecht aufgeblüht. Mit dem Selbstvertrauen wuchs auch sein magisches Potential, dass so lange Zeit unterdrückt gewesen war. Allein seine Ungeschicklichkeit, die hin und wieder noch durch kam, erinnerte an den Neville von früher. Er war nun ein gefragter Nachhilfelehrer in Kräuterkunde. Als Ron ihn um den kleinen Gefallen bat, willigte er ein, ohne weitere Fragen zu stellen.

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Hermione machte sich Sorgen. Sie hatte ihren Zaubertranklehrer bei keiner Mahlzeit gesehen. Die nächste Unterrichtsstunde würde erst übermorgen sein, genau so wie ihr nächster Termin für das Ehrenprojekt. Sie wollte wissen, wie es ihm ging. Erst heute beim Mittagessen hatte sie den Blick von Dumbledore registriert, als dieser über den leeren Stuhl des abwesenden Lehrers hinwegglitt, und sie erschrak darüber, wie sich das sonst so freundliche Gesicht so finster und sorgenvoll verzog.

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Albus Dumbledore saß vor seinem Denkarium und versuchte mit Hilfe dieses magischen Gegenstandes einen roten Faden im Geschehen um seinen größten Feind zu bekommen. Er wusste, dass die Zeit langsam knapp wurde und bereitete sich mental darauf vor, entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Die Schulzeit von Harry Potter, der einzigen Hoffnung im Kampf gegen Voldemort, neigte sich dem Ende zu. Danach würde ihn Albus nicht mehr in dem gleichen Maß beschützen können wie zuvor. Trotz der guten Ausbildung, die der junge Zauberer hier erhalten hatte, war Voldemort stärker, allein durch die Tatsache, dass er dunkle Magie benutzte. Das magische Potential, des Jungen-der–überlebte zusammen mit dessen Mut und Tatendrang würden nicht ausreichen, den schlimmsten Schwarzmagier des Jahrhunderts zu besiegen. Und auf Glück allein wollte der alte Magier in einer so wichtigen Angelegenheit nicht setzen. Er schob das Denkarium beiseite. Es war besser mit einer Person aus Fleisch und Blut darüber zu sprechen. Minerva konnte ihm sicher besser helfen, als der seelenlose Kasten. Leider war sie zur Zeit stark mit hausinternen Angelegenheiten beschäftigt Bis dahin musste er mit sich selbst und dem Denkarium vorlieb nehmen.

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Das Treffen des DA-Clubs ein paar Tage später bot Ron die richtige Gelegenheit für sein Vorhaben. Da Harry als Leiter des Clubs sich nicht nur Ginny widmen konnte, viel es Neville leicht die Rothaarige abzulenken. Sie bildeten ein Team beim Üben und später zog er sie in ein Gespräch. Um nicht unhöflich zu wirken, ging Ginny mit Neville zurück zum Gryffindor-Turm. Jetzt brauchte Ron nur noch Hermione und Harry unter einem Vorwand im Raum der Wünsche festzuhalten. So Mione, keine Ausreden mehr, was wolltest du uns auf der Weihnachtsfeier nicht erzählen? begann der rothaarige Quidditch-Captain ohne Umschweife. Ach ja, das habe ich völlig vergessen!, rief Harry mit einem breiten Grinsen im Gesicht aus, und auch er schaute die Freundin erwartungsfroh an. Was hat dich denn bloß davon abgelenkt, im Leben deiner besten Freundin herumzuschnüffeln? Hermiones Versuch auf lustige Art von ihrer Situation abzulenken schlug prompt fehl. Wohl noch nie verliebt gewesen, Bücherwurm?, konterte der schwarzhaarige junge Mann. Sie musste schlucken. Die beiden Jungen ahnten nur, dass sie im Sommer einen Freund gehabt hatte. Schon öfter hatten sie versucht über solche Bemerkungen heraus zu bekommen, was genau in ihrem Urlaub passiert war. Doch die junge Hexe hatte es immer wieder geschafft sich herauszuwinden. Besser sie sprach über ihren Ex-Freund als über die Begegnung mit Snape unter den Misteln. Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Ron, der zwar immer noch gerne wissen wollte, was die Freundin in Italien erlebt hatte, brachte das Gespräch wieder auf den Punkt.

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Minerva McGonagall war es gewohnt, dass Albus zu ihr kam, wenn sein Denkarium versagte. Obwohl sie längst nicht alle Geheimnisse des geliebten Mannes kannte (bei so vielen Lebensjahren war das eine zu große Menge), war ihr Wissen groß genug, um helfen zu können. Auch sie bangte sich um den jungen Potter und damit um ihrer aller Zukunft. Das Zauberministerium war keine große Hilfe im Kampf gegen den Dunklen Magier und seine Anhänger. Nach der Bekanntwerdung von Voldemorts Rückkehr sah es zunächst so aus, als würde Fudge versuchen, vergangene Fehler wieder gut zu machen. Doch nachdem erste Gewalttaten gegenüber Opponenten des Verfechters der Reinblütigkeit bekannt wurden, zog der Minister 'den Schwanz ein'. Wahrscheinlich spielte Geld auch hier eine zusätzliche Rolle. Malfoy war einer der ersten gewesen, die Askaban wieder verlassen hatten. Das gemeine Volk der Zaubererwelt wurde angehalten, sich zurückgezogen und unauffällig zu verhalten, um weitere Aktionen der Todesser auf ein Minimum zu reduzieren. Wenigstens waren sämtliche verfügbaren Auroren in Alarmbereitschaft versetzt worden. Alles in allem keine gute Voraussicht auf den finalen Kampf, der nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Als Albus nun mit dem Bericht über die neuste Entwicklung fertig war, sprachen sie noch lange Zeit über die Gegenmaßnahmen, die der Orden ergreifen könnte und würde. Eine neue Versammlung war fällig.

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Als Hauslehrer von Slytherin fiel es Snape nicht schwer, Draco Malfoy zu beobachten. Der junge blonde Mann genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Er zeigte allerdings keine sonderbaren Verhaltensweisen. Da seine Abneigung gegen Muggelgeborene oder Schlammblüter, wie es korrekterweise in Voldemorts Kreisen hieß, die Weasleys oder Potter ohnehin bekannt war, konnte Severus bisher nur wenig in Erfahrung bringen. Eines hatte ihn wohl stutzig gemacht. Dracos Reaktion auf die Tatsache, dass Potter und Ginevra Weasley seit neustem ein Paar waren. Der Lehrer würde seinen vermeintlichen Lieblingsschüler weiterhin im Auge behalten.

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Hermione saß in der Zwickmühle. Die Jungen würden nicht eher Ruhe geben, bis sie alles in Erfahrung gebracht hatten. Obwohl es für sie sehr peinlich sein würde die Geschichte mit dem Mistelzweig zu erzählen, war ihre größte Sorge, dass Snape sie fertig machen würde, wenn er mitbekommen sollte, dass sie geplaudert hätte. Sie seufzte resigniert und sagte: O.K., ich erzähle euch alles, aber ihr müsst mir schwören, es auf jeden Fall für euch zu behalten. Niemand und ich meine NIEMAND darf es je erfahren, sonst bin ich so gut wie tot! Oh Mann, sie hatte ja einen Sinn für Dramatik.
Nach diesem Satz platzten Harry und Ron beinahe vor Spannung und sie versprachen, alles was sie jetzt erfuhren, für sich zu behalten. Hermione erzählte ihnen nun die Story, ließ aber einige Einzelheiten aus, um nicht zu riskieren total verlacht zu werden. Kaum war sie fertig, so fingen die beiden Jungs an wie hysterisch zu lachen. Du hast was? mehr brachte Ron nicht heraus.
Ich sagte doch, ich musste Professor Snape küssen! Muss ja irre romantisch gewesen sein witzelte Harry. Die junge Frau wurde wieder rot. Morgaine sei Dank, würden die beiden Zauberer es als Ärger und nicht als Verlegenheit wegen Harrys Aussage interpretieren. Wenn er merkt, dass ihr es wisst, könnt ihr euch warm anziehen! Dann war dass, was er bis jetzt mit euch gemacht hat, ein Kinderspiel dagegen. Sorry Mione, wir sollten eher dich bedauern, es muss schlimm für dich gewesen sein. Ron schüttelte sich bei dem Gedanken, dass seine Freundin dieses Ekel hatte küssen müssen. Irgendwann beruhigten die beiden Freunde sich wieder und Hermione hoffte, alles bald unter den Teppich kehren zu können.

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Die Mitglieder des Orden des Phönix würden sich in ein paar Tagen in ihrem Hauptquartier treffen. Da Sirius Black keinen direkten Erben hatte, war das Haus seinem Patensohn Harry zugefallen, der es genau wie vorher Black dem Orden zur Verfügung stellte. Noch immer konnte niemand außer den Eingeweihten den Grimmauldplatz Nr. 12 finden. Hier waren sie weiterhin in Sicherheit. Die in Hogwarts wohnenden Mitglieder würden einen Portschlüssel benutzen, um dorthin zu gelangen.

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Hermione dachte intensiv nach. Sie beschäftigte sich wieder mit der Frage, ob die Kapseln, die sie und Snape gerade zu entwickeln versuchten, wirklich von Nutzen sein würden. Aus der Vergangenheit war bekannt, dass bei einem Überfall, den die Todesser vornahmen, kaum jemand Zeit fand seinen oder ihren Zauberstab zu zücken, geschweige denn irgendwelche Kapseln einzunehmen. Nein, es müsste eine bessere Idee her. Sie ließ ihre Gedanken ein wenig schweifen. Nur noch wenige Monate und sie würde Hogwarts verlassen. Inzwischen war die Burg für sie mehr ein Zuhause als das bei ihren Eltern. Plötzlich machte es Klick in ihrem Gehirn. Ihre Eltern, die Zahnärzte. Sie musste ihnen sofort schreiben. Sie fragen, ob ihre Theorie in Praxis umsetzbar sei. Die Schulsprecherin setzte einen Brief auf, der per Eil-Eule an ihre Eltern geschickt wurde.

Ein paar Tage später beim Frühstück erhielt Hermione Post von ihrem Vater. Aufgeregt über die positive Antwort zappelte sie den ganzen Tag herum und konnte sich kaum auf den Unterricht konzentrieren. Abends bei ihrem Treffen mit Professor Snape arbeiteten beide an der Konzentration der Lösungen für die Kapsel. Sie entschloss sich, ihn in ihr Projekt einzuweihen, da sie seine Hilfe bräuchte. Er verstand sofort, welche Hilfe ihre neue Idee für das 'Kapsel-Projekt' wäre und sie erweiterten ihre Bemühungen auf ein umfassendes Testprogramm. Beiden erschien es inzwischen selbstverständlich zusammen zu arbeiten. Noch vor ein paar Wochen hätten beide, der Lehrer und die Schülerin, gelacht, wenn man ihnen davon erzählt hätte. Doch Albus Dumbledore hatte gewusst, dass er die richtigen Leute für diese Aufgabe zusammen geführt hatte (mal abgesehen von seinem privaten Projekt). Beide waren wissbegierig, neugierig und sehr intelligent. Sie waren hartnäckig genug, eine Sache durchzuziehen von der sie überzeugt waren, und hatten das erforderliche hohe magische Potential, um erfolgreich sein zu können. Sie waren das perfekte Team.

Hermione genoss es an der Forschung teilzunehmen. Sie stellte fest, dass sie fähig war, sich hier in der Gegenwart des sonst so gefürchteten Lehrers zu entspannen. Sie konnte lernen und forschen in einem. Seit ihrer 'Aussprache' in der Bibliothek schien der Mann, der gerade neben ihr den Inhalt des Kessels umrührte, ein ganz anderer zu sein als der, den sie vorher kannte. Sie beobachtete ihn hin und wieder. Dabei wurde ihr bewusst, dass sie tatsächlich anfing ihn zu mögen. Und das erschreckte sie. Es war eine Sache, Tagträume von jemandem zu haben, den man zufällig küssen musste, den man kaum (persönlich) kannte und den allerdings keiner leiden konnte. Die Distanz gab da eine gewisse Sicherheit. Es war eine ganz andere Sache, wenn dieser Jemand zu einer Person wurde, die man immer besser kennen lernte und die so gut mit einem zusammen arbeitete, dass das Gefühl entstand, man sei sich ähnlich. Hinzu kam die Tatsache, dass er nicht nur zwanzig Jahre älter war als sie, sondern auch noch ihr Lehrer. Es wurde Zeit, dass sie ihre Gedanken in eine andere Richtung lenkte. Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit, denn keiner wusste, wie viel Zeit bis zum nächsten Anschlag von Voldemort noch bleiben würde.

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Harry Potter fasste sich an die Stirn. Obwohl er im letzten Schuljahr mehrere Techniken erlernt hatte, die den Schmerz der durch seine Narbe entstand, reduzierten, konnte er manchmal nicht verhindern, dass dieser durchbrach. Nach seinen vergeblichen Versuchen von Snape Okklumentik zu lernen, wollte er lieber einen anderen Weg finden gegen Voldemorts Eindringen in seinem Geist vorzugehen. Doch der Schulleiter hatte ihm keine Wahl gelassen. Diesmal hatte ihn Dumbledore selbst unterrichtet. Außerdem brachte Madame Pomfrey ihm noch Meditations- und Entspannungstechniken bei, die das Erlernen von Okklumentik einfacher erscheinen ließen. Gegen Ende seines sechsten Schuljahres war Harry fähig Voldemort gedanklich abzuwehren. Der junge Zauberer fluchte leise vor sich hin. Er hatte im Moment wirklich etwas anderes im Sinn, als sich mit Voldemort auseinander zusetzen. Dafür war Zeit genug, wenn die Versammlung stattfand. Er hatte vorgehabt mit Ginny im Schloss auf die Suche zu gehen, nach einem Platz, an dem sie sich ungestört treffen konnten. Der Gedanke an die rothaarige junge Frau förderte nicht gerade seine Fähigkeit, sich zu entspannen und zu konzentrieren. Er brauchte länger als gewöhnlich bis der Schmerz wieder ein erträgliches Level hatte.

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Die Versammlung des Ordens war nicht besonders erfolgreich. Man hatte sie zweimal verschieben müssen, weil jeweils mehrere wichtige Mitglieder spontane Einsätze, die zur Klärung der Situation notwendig waren, hatten. Die Tatsache, dass Snape nicht genügend Informationen weitergeben konnte, führte zu einer erneuten Auseinandersetzung zwischen Alastor Moody und Severus Snape. Die beiden Kontrahenten nahmen kein Blatt vor den Mund und zum ersten Mal hörten Harry und Ron Worte aus dem Mund ihres Lehrers, die ihnen die Sprache verschlugen. Mit sichtlich erröteten Gesichtern lauschten sie dem Streit, um ja keine Silbe zu verpassen. Hermione schüttelte innerlich den Kopf. Mit wie wenig man junge Männer doch beeindrucken konnte. Wer hätte gedacht, dass ihre Freunde Snape einmal fast bewundernd ansehen würden. Sie selber hatte ja schon vorher eine Kostprobe seiner Flüche mitbekommen. Irgendwann griff Albus ein und verbannte beide Gegner in verschiedene Ecken des Raumes und verbot jede Form von verbalen Angriffen für den gesamten Abend. Als Hermione und Severus von ihren Fortschritten berichten sollten, ließ er ihr den Vortritt. Sie fing mit dem Bericht über die bisherigen Erfolge an. Dann kam sie auf ihre Erweiterung des Projektes zu sprechen.

Ich kam auf die Idee als ich an meine Eltern dachte, die beide Zahnärzte sind. Es wäre unpraktisch die Kapseln erst noch in den Mund nehmen zu müssen. Viel einfacher ist es, sie schon eher dort zu deponieren. In einen Zahn eingeschlossen. (Sie hatte so etwas in der Art in einem Muggelkrimi gelesen). Die Kapsel muss dann allerdings eine besondere Hülle besitzen, doch dieses Problem hat Severus bereits gelöst. Mit einem spitzbübischen Seitenblick in Richtung des Genannten, registrierte sie seine erhobene Augenbraue. Der Zauberspruch, mit welchem der Zahn belegt wird, ist so gut wie fertig. Einzig die Formel des Stärkungstrankes muss nochmals modifiziert werden.Vielen Dank für die gute Arbeit an euch beide! Albus wirkte müde und nach einigen Abschiedsworten war die Runde aufgehoben. Die drei jüngsten Mitglieder gingen noch kurz zu den Weasleys und verabschiedeten sich von Remus. Dann kehrten sie nach Hogwarts zurück.

So schnell es möglich war verließ Severus Snape die Versammlung. Er war es Leid von Moody beschuldigt zu werden. Es war zwar am Anfang verständlich, dass der paranoide Auror ihm nicht vertraute, doch er hatte, seiner Meinung nach, inzwischen bewiesen, dass er vertrauenswürdig war. Albus Dumbledore, der ihm wirklich vertraute, war schließlich kein Dummkopf. Vielleicht hätte er vor Mad-Eye so argumentieren sollen. Und dann noch diese vertrauliche Anrede von Miss Granger. Er hatte sich doch klar und deutlich zu diesem Thema geäußert. Der Zaubertranklehrer würde seiner Schülerin im Unterricht eine passende Antwort auf diese Provokation geben. Obwohl es sich irgendwie gut anhörte, wie sie Severus sagte. Nachdem er den Grimmauldplatz 12 verlassen hatte, apparierte der Zauberer an den Rand des verbotenen Waldes und begab sich zur Burg zurück.

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Zurück im Gryffindor-Turm wollten die drei Freunde noch ungestört über die geschehenen Ereignisse diskutieren, deshalb bot Hermione an, sich in ihrem Zimmer zu treffen. Als Schülersprecherin stand ihr Zimmer für jeden offen, der sie um Hilfe bitten wollte, obwohl sie jede Person erst ausdrücklich herein bitten musste. Wäre das nicht der Fall, hätten einige Slytherin, Draco an erster Front, schon versucht sie hier zu überfallen. Ginny hatte schon mit so etwas gerechnet und deshalb eine Verabredung mit Luna Lovegood und Colin Creevy in der Bibliothek getroffen. Sie wollten zusammen einen Aufsatz für Zauberkunst schreiben. Die beiden Jungen konnten sich erst gar nicht darüber beruhigen, wie Snape und Moody sich gegenseitig tituliert hatten. Im Geheimen planten sie, sich möglichst viele Schimpfwörter zu merken.
Sag mal, Hermione, warst du nicht erstaunt, unseren sonst so korrekten Lehrer so fluchen zu hören?Nein, ich hatte schon einmal das Vergnügen, und hättet ihr nicht so über den Mistelzweig-Unfall gelacht, wüsstet ihr das längst. Hermiones Stimme verriet deutlich, was sie von dieser Art von Kommunikation unter vernünftigen Leuten hielt. Ihr war es wichtiger über die neuen Pläne von Harrys Erzfeind zu spekulieren. Auch wenn die drei gerade erst mal siebzehn Jahre alt waren, hatten sie so viele Erfahrungen mit Voldemort gesammelt, dass ihnen manchmal Sachen auffielen, die die anderen übersahen. Doch auch sie blieben diesmal ratlos. Nach zwei weiteren Stunden, in denen Pläne geschmiedet und wieder verworfen wurden, beschlossen sie für heute Schluss zu machen. Beim Herausgehen drehte sich Ron noch einmal herum und fragte die todmüde aussehende Freundin: Sag' mal, wie schaffst du es die anderen Mitglieder so natürlich mit Vornamen anzusprechen? Hermione konnte ein stolzes Lächeln nicht unterdrücken, sagte dann aber mit gespielter Arroganz: Das mein lieber Ron, ist ganz einfach: meine Begabung mich als Erwachsene unter solchen völlig natürlich zu verhalten. Und jetzt raus mit euch! Niemand brauchte zu wissen, dass sie heimlich geübt hatte, nach ihrem ersten kläglichen Versuch mit Dumbledore.

Ende des Kapitels