Veränderte Perspektive
von Callista Evans
Kapitel 8: Gewagt
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.
A/N.: Hallo Leute! Vielen Dank für eure Reviews. Wie immer habe ich michsehr darüber gefreut. Ein dickes Dankeschön an meine Beta-Leserin Simone! Und nun viel Spaß!
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Neville Longbottom war durch die plötzlich eintretende Stille erwacht. Gerade als er sich bewegen wollte, bemerkte er die dunklen Gestalten, die damit beschäftigt waren Ginny zu fesseln. Anscheinend verhinderte ein geräuschdämpfender Zauber, dass die Hexe etwas sagen konnte, denn sie wehrte sich nach Leibeskräften gegen ihre Überwältiger. Ihrem Mund und den Gesichtszügen zu Folge fluchte sie hemmungslos. Zum Glück für den jungen Mann hatten die kaufwütigen Mitschülerinnen allerlei Kleider auf den Stühlen verteilt und dabei auch Neville zum größten Teil damit zugedeckt. Er erkannte sofort, dass er sich nicht bewegen durfte, wenn er nicht entdeckt und ebenfalls gefangen genommen werden wollte. Er konnte nur beobachten was passierte, um später Hilfe zu holen. Doch aus seiner Perspektive konnte er weder erkennen, wo die Verkäuferin sich befand noch wo Hermione abgeblieben war. Da erklang die Stimme seiner Mitschülerin aus der Kabine und ehe er sich versah, wurde auch sie gefangen genommen. Als Gryffindor durchaus nicht feige, doch klug genug zu erkennen, wo seine Grenzen waren, hielt sich der Magier zurück, durch das Wissen, dass die Gegner in der Überzahl waren.Nachdem die Todesser mit ihren Opfern die Boutique verlassen hatten, sah Neville durch das Fenster, wie sich eine weitere Figur dem Szenario näherte. Erleichtert und gleichzeitig beunruhigt erkannte er den Zaubertranklehrer. Zu seinem Erstaunen zog dieser eine allzu bekannte Maske aus der Tasche und setzte sie auf. Sofort zog der Schüler sich zurück und stolperte dabei fast über die bewusstlose Miss Nuts.
„Miss, Miss wachen Sie auf, ... ich brauche Ihre Hilfe!" Die noch recht junge Hexe war erstaunlich schnell wieder auf den Beinen. „Haben Sie einen Kamin und sind Sie an das Flohnetzwerk angeschlossen?" Dem sonst eher gemütlichen Zauberer konnte es nicht schnell genug gehen. Er riss der freundlichen Ladenbesitzerin den Behälter mit dem Flohpulver förmlich aus der Hand und brüllte laut. „Notfallsituation. Hogwarts, das Büro des Schulleiters, bitte!" Zum Glück war Professor Dumbledore anwesend und konnte den Schutzzauber, der den Kamin in seinem Zimmer schützte, entfernen und mit Neville Kontakt aufnehmen. Es dauerte eine Weile, bis der aufgeregte Schüler fähig war, dem Direktor vernünftig Rede und Antwort zu stehen. Erst im Büro des Direktors war er wieder fähig, verständliche Sätze zu formulieren und so den Schulleiter von den Geschehnissen zu informieren. Zur Überraschung des Gryffindor beruhigte es den alten Zauberer zu erfahren, dass sein Zaubertränkemeister bei der Entführung beteiligt oder zumindest anwesend gewesen war. Mit dem Hinweis, dass er, Dumbledore, nun Gegenmaßnahmen ergreifen musste und ihn dabei nicht gebrauchen konnte, wurde Longbottom weggeschickt.
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Harry Potter und Ron Weasley waren von Remus Lupin zu Seite gezogen worden, als sie sich gerade in Bewegung setzen wollten, um nach den jungen Frauen zu schauen. Es kostete den früheren Lehrer alle Überzeugungskraft, sie davon abzuhalten, wieder zurückzugehen. „Remus, kannst du nicht verstehen, dass ich nachschauen muss. Es geht schließlich um meine Freundinnen!" Harrys Stimme verriet den inneren Aufruhr indem er sich befand. „Harry, wenn Severus' Vermutung richtig ist, dann ist es genau das, was der dunkle Lord von dir erwartet. Du willst doch nicht erneut zu seinem Spielball werden, nur weil du nicht fähig bist klar zu denken!" Der Werwolf hatte den sich wehrenden Zauberer mit beiden Händen festgehalten. Lupin war erstaunlich stark, was sicherlich ein Nebeneffekt seines dualen Daseins war. Der letzte, eindringlich gesprochene Satz brannte sich in das Gehirn des dunkelhaarigen Jugendlichen und bewirkte, dass er ruhiger wurde. Ron hatte wortlos bei ihnen gestanden, wohl noch immer benommen von den Tatsachen, die er vor kurzem erst erfahren hatte. Eine seltsame Ruhe kam über den nachdenklichen Harry Potter und mit entschlossener Stimme bemerkte er: „Ich muss sofort zu Dumbledore!" Er drehte sich auf dem Absatz um und rannte den Weg nach Hogwarts zurück. Ihm folgten ein immer noch fassungsloser Ron und der sprachlose Lupin.
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Hermione Granger erwachte von einem kräftigen Schlag, der ihr Gesicht traf. Es war dunkel um sie herum und so konnte sie nur die Umrisse von verschiedenen Gestalten mit langen dunklen Roben in ihrer Nähe entdecken. Sie befand sich im Freien. Das konnte sie an dem Geruch nach Wald und feuchtem Moos ausmachen. Das Knistern und der Duft von verbranntem Holz rührten von einem Feuer. Nicht allzu weit entfernt sah sie im Schatten eine schmale Figur, die sich gleich ihr selbst hin und her wand und versuchte frei zu kommen. Wie es schien waren auch ihre Hände gefesselt. Als der Schein des Feuers ihre roten Haare reflektierte, wusste sie, dass auch ihre Freundin Ginny den Todessern zum Opfer gefallen war. Denn trotz ihres schmerzenden Kopfes, konnte sie sich genau an die Szene in dem Geschäft erinnern.
„Bleib ruhig Schlammblut oder du wirst es bereuen!" Der halblauten Drohung folgte ein fester Griff in ihren Nacken, der sie beinahe aufschreien ließ. Die Stimme des Todessers hinter ihr war ihr fremd. Also befand sich Malfoy inzwischen woanders. Sie wurde nun von dem fremden Mann auf die Knie gezogen und musste in dieser Position verharren. Plötzlich erschien es ihr, als ob sämtliche Geräusche verstummt wären. Eine merkwürdig hohe Stimme ertönte und verursachte, dass sich Hermiones Härchen am gesamten Körper aufrichteten, denn sie verbreitete eine Kälte, die unmenschlich war. Sie kannte oder viel mehr wusste nur von einem Wesen, dass fähig sein würde, so viel Hass, alleine durch seine Art zu Sprechen, auszudrücken.
Severus Snape war sich mit einem Mal sicher, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Doch nun gab es kein Zurück mehr. Er war nur froh, dass er Lucius und seine Mitstreiter mit einem fadenscheinigen Argument hatte abspeisen können. Die Todesser waren so voller Enthusiasmus, dass ihre Aktion nach Plan verlaufen war, dass niemand von ihnen sich großartig Gedanken um Severus' plötzliches Erscheinen machte. Bei dem dunklen Lord würde das schon ganz anders aussehen. Doch wiederum konnte er nicht einfach mitansehen, wie die beiden Freunde von Potter einfach entführt wurden. Schließlich war Ginevra Weasley die Tochter und Schwester von mehreren Ordensmitgliedern und Hermione Granger war selbst vor kurzem Mitglied geworden. Es war seine Pflicht gegenüber dem Phönixorden die beiden zu retten. Das war sein Motiv gewesen, sich in diese Gefahr zu begeben. Zumindest redete er sich das ein. Jetzt musste ihm schleunigst etwas einfallen, wie die zwei jungen Frauen aus dieser Lage befreit werden konnten.
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Albus Dumbledore war keineswegs so ruhig wie er dem jungen Neville vorgetäuscht hatte. Wenn er auch innerlich eine gewisse Erleichterung verspürte, dass die Ungewissheit über den nächsten Zug von Tom Riddle ein Ende hatte. Er konnte nun reagieren. Die Nachricht, dass Snape in das Geschehen verwickelt war, nahm er sehr zwiespältig auf. Zum einen war es immer gut einen Informanten direkt vor Ort zu haben. Im Notfall würde Severus eingreifen können und das Schlimmste zu verhindern wissen. Andererseits stand die Funktion als Doppelagent ohnehin schon auf wackeligen Füßen. Wenn der dunkle Lord zu früh Verdacht schöpfte, waren nicht nur die beiden Hexen in Gefahr, sondern auch sein geheimer Informant. Doch auf diese Dinge hatte selbst Albus im Augenblick keinen Einfluss und deshalb konzentrierte er sich auf sein aktuelles Problem. Er würde Harry und seine Freunde davon überzeugen, dass es keinen Zweck hätte, wenn sie versuchten die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ein Klopfen an der Eichentür zu seinem Büro ließ ihn hoffen, dass er dieses Problem sofort in Angriff nehmen könnte.
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Mit seinem reptilienartigen Gesicht, dessen rote Augen seltsam kalt leuchteten, sah Voldemort auf seine Diener und deren Gefangenen herab. Als sein Blick auf Hermione fiel beugte sie den Kopf nach unten. Es war reiner Instinkt, der verhindern wollte, dass der dunkle Magier ihr in die Augen sah. Erst einige Zeit später wurde ihr klar, dass sie so verhindert hatte, dass er ihre oberflächlichen Gedanken wahrnahm. Schließlich war er ein Meister auf dem Gebiet der Legilimens. Die Todesser waren alle vor ihrem Meister auf die Knie gefallen, so dass ihr Aufpasser seinen Griff gelockert und durch einen Zauberspruch ersetzt hatte. Nur am Rande vernahm sie, dass sich jetzt ein anderer Todesser neben ihr befand. Ihr Entsetzten wuchs, als sie Zeuge einer Bestrafung eines Gefolgsmannes wurde, der den Herrn wohl nicht würdig genug begrüßt hatte. Sie war sich trotz ihrer Angst vor dem unmenschlichen Schwarzmagier darüber im Klaren, dass nicht sie und Ginny diejenigen waren, um die es hier wirklich ging. Doch auch wenn sie als Lockvogel für Harry und seine Helfer dienen sollten, wer garantierte, dass diese Bestie und seine Anhänger sich nicht einen Spaß daraus machten, sie und Ginny zu quälen? Wenn sie nur wüsste, was mit ihrem Zauberstab passiert war. Sie fühlte sich merkwürdig, fast wie nackt, ohne ihn.
Severus Snape hatte sich klar gemacht, dass er alles auf eine Karte setzen musste, um seine beiden Schülerinnen zu befreien. Er musste ein Ablenkungsmanöver in die Wege leiten. Bei dieser Aktion würde mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Identität als Spion für die Gegenseite bekannt werden. Da der dunkle Lord ihm aber ohnehin nicht mehr vertraute, war das ein Preis, den zu zahlen er bereit war. Vielleicht würde ihm aber auch die Verwirrung über seinen Verrat an Voldemort zugute kommen und er könnte die Zeit nutzen, um sie alle drei hier ohne Schaden herauszuholen. Zunächst einmal musste er sich mit den zwei Hexen verständigen. Er würde ihre Mitarbeit und schnelle Reaktion benötigen. Zum Glück wussten die beiden von seiner Doppelidentität. Das würde einige Erklärungen ersparen. Hermione war ganz in seiner Nähe. Er schlich sich unbemerkt zu ihr. Um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen flüsterte er ihr leise zu.
So langsam gewöhnten sich Hermiones Augen an die Dunkelheit. Als sie erneut zu der Stelle hinsehen wollte, an der die Freundin sich befand, merkte sie einen Windhauch, der über ihren Rücken zog. Erst jetzt registrierte sie, dass es trotz der Jahreszeit nicht kalt war im Wald. Ein Wärmezauber schien das gesamte Gebiet abzudecken. Der dunkle Lord hatte wohl nicht nur das Gesicht einer Schlange, anscheinend hatte er auch deren Empfindlichkeit gegenüber Temperaturwechsel im Blut. Geschieht ihm recht, dachte die Hexe trotzig. Die Freundin verhielt sich merkwürdig still, schien aber wohlauf zu sein. Da vernahm sie eine leise Stimme an ihrem Ohr. Sie musste sich anstrengen die Worte zu verstehen. „Hermione, ... bin hier ... dir zu helfen!" Es war wie in ihrem Traum nur mit dem Unterschied, dass sie sofort wusste, wer diese Worte ausgesprochen hatte.
Ginny Weasley war kein ängstlicher Typ. Wie die meisten Gryffindor hatte sie das Herz eines Löwen oder in ihrem Fall einer Löwin. Das jenes ihr in dem besonderen Fall in 'die Hose' gerutscht war, konnte man ihr nicht verdenken. Durch ihre Unaufmerksamkeit war es den Todessern ein leichtes gewesen, sie zu überwältigen. Gleich nachdem sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, hatte sie schon seine Anwesenheit gespürt. Sie war vertraut mit der Aura von Tom Riddle. Auch wenn sie damals in ihrem ersten Jahr nur mit einem viel jüngeren Ich des Magiers, in Form seines Tagebuches, konfrontiert worden war. Sie merkte, wie sich von ihrem Magen ein unheimliches Kribbeln nach oben zog. Gleichzeitig begann ihr Herz in einem mehr als schnellem Rhythmus zu schlagen.
Mit dem Zittern zusammen kam die Panik. Viele Gedanken schwirrten auf einmal in ihrem Kopf. Zuerst war es die Angst, der furchterregende Magier könnte erneut von ihr Besitz ergreifen wollen. Dann kam ihr der Gedanke, dass man ihre Eltern wegen ihrer Mitgliedschaft im Orden des Phönix bestrafen wollte und sie das Opfer sein sollte. Doch als die erste Welle der Emotionen sich auf ein niedrigeres Niveau herab senkte und ihre Überlegungen logischer werden ließ, kam sie auf den richtigen Grund. Natürlich, es war wegen Harry. Sie und auch Hermione, die genau wie sie gefangen worden war, sollten als Lockvogel dienen. Als sie zu ihrer Freundin hinüber sah, bemerkte sie neben der Hexe einen Todesser, deren Körperhaltung ihr vertraut vorkam. Sie zermarterte sich das Gehirn, bis plötzlich ein Name vor ihrem inneren Auge auftauchte. Severus Snape. Das passte zu dem, was sie über ihren Lehrer wusste. Hoffentlich war er in der Lage zu helfen. Das Bild von Freundin und Lehrer neben einander, brachte sie auf einen rettenden Einfall. Zumindest für sie,Ginny, gab es schon mal eine Fluchtmöglichkeit. Aber zuerst war es Zeit für einen Weasley-Trick. Gut, dass die Zwillinge ihr ein paar nützliche Muggel-Kniffe beigebracht hatten. Sie bewegte vorsichtig die Hände und löste die Fesseln. Doch was war mit Hermione?
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Auf schnellstem Wege hatte Harry Potter das Büro von Dumbledore aufgesucht. Seine Gedanken drehten sich immer wieder um den einen Punkt. Wieder einmal hatte Voldemort es geschafft. Er bangte sich um Menschen, die ihm nahe standen. Er war es Leid, ständig am kürzeren Hebel zu sitzen. Er konnte sich doch nicht ewig von seinem Todfeind einschüchtern lassen. Nein, es war an der Zeit etwas zu unternehmen. Dumbledores Versicherung, dass Professor Snape alles tun würde, seine Freunde zu retten, beruhigte ihn keineswegs. Doch er war inzwischen klug genug einzusehen, dass er nicht einfach losstürmen konnte, um die zwei zu retten. Aber es war das letzte Mal, dass er sich derart in die Defensive drängen ließ. Entschlossen setzte er dem Schulleiter auseinander was er für die Zukunft plante. Überredet, aber nicht vollständig überzeugt, stimmte der alte Magier schließlich zu. Sie fingen an, wo Hermione ihre Projekte zu starten pflegte, in der Bibliothek.
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Hermione fühlte eine Welle der Erleichterung, die allerdings genauso schnell verschwand, wie sie gekommen war. Severus war in ihrer Nähe. Es war noch nicht alles verloren. Er würde ihnen nach Kräften beistehen. Doch konnte der Zauberer in seiner wichtigen Nebenfunktion als Spion überhaupt helfend eingreifen, ohne sich zu verraten? Da, sie fühlte, wie der Zauber, der ihre Hände gebunden hatte, sich löste. Doch sie war schlau genug, die durch die starre Haltung verkrampften Finger, nicht schon jetzt zu bewegen. Dies hätte unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Stattdessen sah sie erneut zu der rothaarigen Freundin, die in einer ähnlichen Haltung kauerte wie sie. Dabei bemerkte die junge Frau wie Ginny versuchte, Hermione auf sich aufmerksam zu machen.
Dank einer Idee, die die beiden Frauen im letzten Jahr gehabt hatten, war ihnen eine Verständigung möglich. Durch einige Gespräche über die Muggel-Bräuche waren sie auf das Thema Geheimsprache gekommen. Es hatte Ginny fasziniert, dass bei manchen Sportarten oder auch auf der Börse Befehle durch bestimmte Körpersignale übermittelt wurden. Sie hatte Hermione und einige andere Mädchen aus dem DA überzeugt, doch auch so eine Sprache zu entwickeln, um sich zum Beispiel unbemerkt über Jungen oder Lehrer austauschen zu können. Aus Spaß hatten sie es tatsächlich geschafft, sich so zu verständigen. Doch mit der Zeit war diese Sprache in Vergessenheit geraten, da es viel wichtigere Dinge gab. Jetzt kam ihnen der Spaß zugute. Ginny konnte ihr die neuste Erkenntnis mitteilen. Wieso die Freundin ihre Hände bewegen konnte, war ihr ein Rätsel. Manchmal staunte sie über Ginnys Fähigkeiten. Sie wollte gerade antworten, als sie bemerkte, wie sich die rotglühenden Augen von Voldemort auf sie richteten und erneut ein fast schmerzvolles Vibrieren in ihrem Inneren auslösten. Um möglichst nichts preiszugeben, senkte sich ihr Blick wieder auf den Boden.
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Um zu verhindern, dass Neville Longbottom zu wilden Spekulationen verleitet wurde, war es Remus Lupin zur Aufgabe gemacht worden, den verwirrten Zauberer in einige Geheimnisse einzuweihen. Auch wusste man, dass der junge Gryffindor vertrauenswürdig genug war, das Ganze für sich zu behalten. So erfuhr der junge Neville vom Orden des Phönix. Ihm war bisher vorenthalten worden, dass seine Eltern für diese Institution gearbeitet hatten und dass sie Voldemort mehrfach nur knapp entkommen waren. Remus versprach ihm, er würde einige alte Erinnerungen an Alice und Frank in ein Denkarium ablegen, damit Neville Gelegenheit bekäme, sie einmal so zu sehen, wie sie früher waren. Doch im Moment gab es wichtigere Angelegenheiten.
„Du fragst dich sicher, warum Professor Dumbledore nicht entsetzt war, als du ihm von deiner Beobachtung erzählt hast?" Neville konnte nur nicken.
„Severus Snape war früher ein Todesser. Doch er hat die Seiten gewechselt und arbeitet seitdem als Doppelagent für den Orden. Dumbledore vertraut ihm ... und wir anderen auch. Er versorgt uns mit Informationen über den dunklen Lord und seine Machenschaften. Leider konnte er nicht rechtzeitig herausfinden, was Voldemort im Moment plante. Erst in letzter Sekunde wurde ihm bewusst, dass eine Entführung stattfinden würde. Er versucht zur Zeit zu verhindern, dass deinen Mitschülerinnen etwas zustößt. Ich brauche dir wohl nicht extra zu erklären, dass die Dinge, die du soeben von mir erfahren hast, der Geheimhaltung unterliegen. Solltest du dieses Wissen nicht annehmen wollen, können wir allerdings die Informationen mit einem Vergessenszauber wieder löschen. Es ist deine Entscheidung."
Bei den letzten Worten hatte sich der Rücken des jungen Mannes gestrafft und in seinen Augen erschien ein resoluter Glanz. „Ich bin sehr froh um dieses Wissen. Auch bin ich stolz, dass ich als vertrauenswürdig genug eingestuft werde. Jetzt erklärt sich vieles. Snapes merkwürdiges Verhalten und auch warum er meine Eltern so gut kannte. Ich möchte helfen, wenn ich kann." Lupin nickte seinem ehemaligen Schüler zu und meinte: „Wir werden sehen. Doch im Moment können wir nur abwarten."
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„Es wird Zeit sich mit den Gefangenen zu beschäftigen. Wir können ihnen nichts antun, zumindest jetzt noch nicht. Das würde Potter sofort merken. Doch vielleicht haben sie ja Informationen für mich über meine Widersacher, das junge Bürschchen Potter und diesen alten Trottel Dumbledore." Die Sätze wurden von der Stimme mit jenen kalten hohen Frequenzen untermalt und hallten durch den Wald. Dem folgte ein Lachen, dass hässlicher nicht hätte sein können.
Wieder hatte Hermione das Gefühl, dass ihr gesamter Körper in Alarmbereitschaft ging, nur durch das bloße Hören dieser Laute. Die große, dunkle Gestalt im Zentrum des Geschehens näherte sich ihrer Position. Je geringer der Abstand zwischen ihr und jener nicht vollständig menschlichen Kreatur wurde, desto furchteinflößender empfand sie sein Erscheinungsbild. Da waren die langgliedrigen Hände, deren Haltung rohe Gewalt versprachen oder das bleiche, düstere Gesicht mit den schlangenartigen Nüstern. Am schlimmsten waren jedoch die scharlachroten Augen, deren Blicke den Wahnsinn nicht verbergen konnten. Bevor sie sich in totaler Panik verlor, machte sie eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf. So signalisierte die Hexe ihrer Freundin, dass diese ihren Plan sofort umsetzen sollte. Die Todesser legten die Änderung ihrer Haltung als Angst aus. Gerade als Voldemort seine Spinnenfinger ausfuhr, um ihr Kinn anzuheben, kam es zu einem Tumult.
Severus Snape hatte es bisher irgendwie geschafft, sich so im Hintergrund zu halten, dass sein Meister ihn nur am Rande wahrnahm. Es war kein Zauber, sondern simple Körpersprache, die ihn fast unsichtbar erscheinen ließ. Seine gesamte Haltung signalisierte: ich bin nicht wirklich da. Er hatte diese Taktik schon mehr als einmal angewandt und hoffte, dass sie auch dieses Mal Wirkung tat. Er musste schnell handeln, bevor der dunkle Lord die Möglichkeit fand, Informationen aus den beiden Hexen heraus zu bekommen. Zum Glück war der Meister der Zaubertränke, wie immer, für den Notfall ausgerüstet. Als Doppelagent muss man immer auf alles gefasst sein. Er tastete in seiner Tasche nach einem bestimmten Gegenstand. Nach kürzester Zeit hatte er ihn in der linken Hand. Griffbereit, unter den weiten Ärmeln seiner Robe verborgen, befand sich auch sein Zauberstab. Er hatte die Szenerie lange genug beobachtet, um sich die rechte Übersicht zu verschaffen. Jetzt war es Zeit zu handeln.
Ginevra Weasley nahm all ihren Mut zusammen und zerbiss die Kapsel, die sich seit kurzer Zeit in ihrem hohlen Zahn befand. Sie spürte förmlich, wie sich ihre Kräfte verstärkten. Ein unsichtbarer, für niemand anderen wahrnehmbarer Schutzwall, entstand rund um ihren Körper. Nun hatte sie genau eine halbe Stunde Zeit, um sich aus dieser verzwickten Lage zu befreien. Hoffentlich waren Hermione und der Professor in der Lage die Aufregung, die sie gleich zu verursachen gedachte, für die eigene Flucht zu nutzen. Sie hatte wirklich Glück. Da sie noch nicht volljährig war, hatte niemand es für nötig befunden, sie mit einem Anti-Apparierzauber zu versehen. Niemand ahnte, dass sie im DA den Zauber zusammen mit anderen, auch noch zu jungen, Mitgliedern geübt hatte und erfolgreich gewesen war. Das würde ihr nun das Leben retten.
Hermione merkte, wie sich der unheimliche, bösartige Zauberer wieder von ihr entfernte. Sie stieß bewusst die Luft aus den Lungen aus, als sie feststellte, dass sie den Atem angehalten hatte. Das war höchste Zeit, Ginny, sprach sie gedanklich zu der Freundin. Welche Handlung der Freundin genau den Aufruhr verursacht hatte, war ihr entgangen. Doch dafür konnte sie nun erkennen, wie der Rotschopf die Zauberspruch generierten Fesseln förmlich sprengte. Auch der Kampf gegen die verschiedenen Todesser, die nun alles versuchten, die Hexe wieder einzufangen, konnte seinesgleichen suchen. Durch die Masken konnte man natürlich keine Regungen ausmachen. Doch nach den Schmerzlauten zu urteilen, waren die Männer des Lords gut bedient. Ginny feuerte nicht nur einen Zauberspruch nach dem anderen ab, sie trat und biss gleichzeitig nach allen Seiten. Drei der Todesser waren bereits durch 'Stupor' außer Gefecht gesetzt und zwei andere hielten sich die Stellen, an denen sich jetzt Bissmale befanden. Hermione hätte der Freundin gerne geholfen, doch das war nicht möglich.
Severus Snape beobachtete aus den Augenwinkeln, wie die junge Weasley gegen seine 'Kollegen' kämpfte. Es war ihm sofort klar, dass sie die Kapsel eingesetzt hatte. Nur so war es ihr möglich, ohne Zauberstab wirkungsvolle Zaubersprüche anzuwenden. Dank des Tohuwabohus, dass seine Schülerin veranstaltete, konnte er sich ganz auf die Rettung von Hermione konzentrieren. Natürlich behielt er das Spektakel trotzdem im Auge, denn man konnte ja nie wissen. Er versuchte gerade die letzten Zauberbanne von der brünetten Gryffindor zu nehmen und fluchte dabei gedanklich vor sich hin. Verdammt, der Antizauber gegen das Apparieren war noch gesondert geschützt und erforderte eine lange komplizierte Gegenformel. Dafür war zu wenig Zeit. Da hatte Ginny Weasley sich befreien können und trat ein paar Schritte zurück. Ehe auch nur ein Todesser reagieren konnte, war sie verschwunden. Das bekannte Geräusch des Apparierens war allerdings im Lärm untergegangen. Doch Severus war über die Übungen jenes Clubs von Albus auf dem Laufenden gehalten worden und wusste Bescheid. Sein Meister fing an Gift und Galle zu spucken. Es wurde höchste Zeit für seine Rettungsaktion. Er fasste Hermione am Arm. In diesem Moment ertönte eine unheilvolle Stimme: „Halt, Severus!"
Ende des Kapitels
