Veränderte Perspektive

von Callista Evans

Kapitel Nr. 9: Unkontrolliert

Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.
A/N.: Ich danke wieder meinen lieben Beta-Lesern für ihre famose Arbeit. Ein Hoch auf Nici1807 und Simone, die so wesentlich dazu beitragen, dass meine Texte besser aussehen! Einen Extragruß an Iarethirwen. Ich hoffe du bist bald wieder auf dem Damm! Vielen Dank für eure Reviews!

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Im Vorraum zu Dumbledores Büro lief eine aufgeregte Molly Weasley hin und her. Ihr Ehemann saß auf einem Sessel in der Ecke. Er war nicht weniger unruhig als sie, doch er wollte seine Energie für wichtige Dinge aufsparen. Die Gesichter beider Rotschöpfe spiegelten die Verzweiflung, durch die Unfähigkeit zu handeln, wieder. Gerade Mollys Züge warfen Sorgenfalten auf, die tiefe Linien in ihr Antlitz gruben und sie um Jahre älter aussehen ließen. Minerva McGonagall stand in der Mitte des Raumes und versuchte, die besorgte Mutter zu beruhigen. Da trat Dumbledore ein, der von einem Hauselfen über die Besucher informiert worden war. Genau in dem Augenblick als er zu Molly hinüber gehen wollte, um sie zu beruhigen, erschien ein Feuerblitz. Fawkes erschien aus dem Nichts und sein leises Singen erfüllte den Raum. Sofort ging der Schulleiter von Hogwarts zu seinem Phönix. „Wo und wer, Fawkes?" Für seine, fast immer ruhige, Stimme klangen die Worte ungewöhnlich bewegt. Die Antwort des magischen Wesens ließ ihn aufatmen und er wandte sich nun den besorgten Weasleys zu. „Molly, Arthur, kommt mit! Ginny ist auf dem Weg ins Schloss. Fawkes hat sie entdeckt und wird sofort zu ihr zurückfliegen." In diesem Moment verschwand der Vogel und hinterließ eine kleine Feuerwolke. Sie machten sich alle auf den Weg.

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Severus Snape verdrehte innerlich die Augen. Das wäre ja auch zu schön gewesen. Schnell zog er Hermione mit sich. Er versuchte einen Sicherheitsabstand zwischen sie beide und die anderen Todesser zu bringen. Die junge Frau an seiner Seite bewegte sich etwas mühselig. Ihre diversen Körperteile schienen von den Fesseln noch ganz taub zu sein. Ein kurzer Zauberspruch ließ einen Schutzschirm entstehen, der sie genau drei Minuten lang vor den Flüchen und Sprüchen der anderen bewahrten würde. Genügend Zeit für ihn. Im Hintergrund ertönte nun wieder die hohe Stimme seines ehemaligen Meisters, der um jeden Preis verhindern wollte, dass sein Plan scheiterte. „Ich will das Schlammblut haben, bringt es zurück!
Severus, ich habe es doch gewusst. Du schleimiger Wurm eines Verräters, das wirst du noch bitter bereuen. Lasst mich durch. Sofort!" Die große verhüllte Gestalt seines Meisters näherte sich nun ihrem Standort. Voldemort schleuderte seine Gefolgsleute, die ihm im Weg standen, einfach beiseite.

In höchster Eile zog Severus unauffällig eine leere Phiole aus der Tasche. Er flüsterte ein leises „Portus" um sie zu aktivieren. Dann griff er nach Hermiones Hand und legte sie zusammen mit der eigenen auf die Oberfläche des gläsernen Behälters. Sofort wurde er von einem ihm bekannten Sog am Nabel erfasst und er sackte zusammen mit der jungen Hexe gen Boden. Sie wurden in einen bunten Wirbel gezogen, der sie vorwärts trieb. Es ging immer weiter, scheinbar endlos. Er schloss die Augen. Erst als seine Füße mit voller Wucht auf Widerstand stießen, öffnete er sie wieder. Mit einem unsanften Plumps endete seine Reise. Hermione war, genau wie er, auf der Erde gelandet. Sie versuchte die geschundenen Hände zu bewegen um sich aufzusetzen.

Erst jetzt bemerkte er, dass ihre Beine quer über seiner Hüfte lagen. Der ungewöhnliche Körperkontakt löste ihn aus seiner Benommenheit. Der Zauberer zog die junge Hexe mit sich vom Boden nach oben. Völlig kontroverse Emotionen ließen ihn zunächst stumm bleiben, während sie sich nun rasch auf den Weg machten. Der Portschlüssel hatte die beiden Entkommenen an die Grenze von Hogwarts gebracht. Als oberste Priorität galt es, sich jetzt in Sicherheit zu bringen. So wollte er die zögernde Hermione an der Hand mit sich ziehen. Nach wenigen Metern hielt er jedoch inne, da sie kaum mitkam. Die Fußgelenke wiesen Quetschungen von den unsichtbaren Fesseln auf und jeder Schritt schien sie zu schmerzen. Ohne zu Überlegen nahm er sie auf seine Arme und trug sie auf schnellstem Wege zum nächsten Eingang. Geschickterweise, schließlich hatte er selbst den Portschlüssel hergestellt, befand sich ein kleiner Geheimgang in der Nähe. So gelangten sie ins Schloss, in jenen Teil, wo die Kerker lagen.

Hermione hatte sich wehrlos gefühlt, trotz der Tatsache, dass ihre Fesseln längst entfernt waren. Ohne ihren Zauberstab hatte sie Severus nicht helfen können. Sie war ihm eher eine Last gewesen, da ihr Körper an verschiedenen Stellen höllisch weh tat und sie sich dadurch nicht richtig bewegen konnte. Er hatte an alles gedacht gehabt und sie beide mittels eines Portschlüssels aus der brenzligen Situation befreit. Auch nach der unsanften Landung war wider Erwarten kein böses Wort über seine Lippen gekommen. Er half ihr nur stumm, indem er sie zur Burg zurücktrug. Sie hatte die Umgebung trotz der Dunkelheit erkannt und wusste, wo sie sich befand. Manchmal war es ein echter Vorteil so gut mit Harry und Ron befreundet zu sein. Der Forschungsdrang der zwei hatte die drei Freunde das gesamte Hogwarts-Gelände erkunden lassen, im Laufe der dort verbrachten Schuljahre.

Jetzt, wo sie sich in Sicherheit befand, wurde ihr erst so richtig bewusst, was da eigentlich passiert war. Sie schluckte, als sie daran dachte, wieviel Glück sie und auch Ginny gehabt hatten. Sie waren den Fängen von Voldemort entkommen. Allerdings wusste dieser nun über Severus Bescheid. Durch ihre Leichtsinnigkeit und die ihrer Freunde war seine Tarnung aufgeflogen. Sie hatten sich einfach überrumpeln lassen. Nervös schaute sie in das Gesicht des dunkelhaarigen Mannes. Die markanten Züge waren durch den geringen Abstand noch viel prägnanter als sonst. Erst jetzt registrierte sie, wie nahe sie ihm war. Ihr Herz fing stürmisch an zu klopfen und ihre Wangen fühlten sich mit einem Mal ganz heiß an. Sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter. Eine leise Stimme in ihrem Inneren flüsterte: „Er hat mich gerettet. Er ist mir zu Hilfe gekommen. Er ist mein Held!" Sofort schaltete sich eine zweite Stimme ein: „Oh Mann, komm auf den Boden der Tatsachen zurück! Seit wann bist du eine romantische Spinnerin geworden. Er hat dir geholfen, weil du seine Schülerin bist und dem Orden angehörst. Das hätte er für jeden getan."

Gerade als die beiden Stimmen einen Streit beginnen wollten, hielt Severus plötzlich an. Er setzte sie vor einer Mauer ab, an deren Wand ein riesiger Wandteppich hing. Den Rücken zu ihr gewendet, schien er mit dem Zauberstab zu schwingen, während leises Gemurmel an ihr Ohr drang. Wie von unsichtbarer Hand geteilt, glitt der Wandteppich auseinander und gab den Blick auf einen schmalen Gang frei. Der Zauberer ging voraus und winkte ihr, ihm zu folgen. Nur wenige Schritte weiter war eine schmale Tür, die sich nun öffnete, nachdem er das Passwort gesprochen hatte. Allerdings so leise, dass sie es nicht verstand. Er hob sie erneut hoch und trug sie zu einer kleinen Couch, die sich an einer Wand des Zimmers befand.

Auf Severus' Fingerschnippen hin meldete sich Winky, die sofort nach seinen Wünschen fragte.
„Geh unverzüglich zu Professor Dumbledore und berichte ihm, Professor Snape und Miss Granger seien hier auf Hogwarts und damit in Sicherheit. Los, schnell, beeile dich!" Nun wandte er sich zu Hermione, die völlig erschöpft auf dem Sofa zusammengesunken war.
„Du rührst dich nicht von der Stelle bis ich wieder da bin." Mit diesen Worten eilte er hinaus, um in seinen privaten Vorräten nach einem Schmerz- und Heiltrank für die junge Hexe zu suchen. Ohne Widerspruch nahm sie den Kelch mit der Flüssigkeit von ihm entgegen und schluckte den gesamten Inhalt in einem Zug hinunter. Snape beobachtete seine Schülerin genau und als sie den leeren Behälter auf dem kleinen Beitisch abgestellt hatte, fuhr er sie an: „Wie konntet ihr so leichtsinnig sein? Was habt ihr euch dabei gedacht, euch zu trennen und wieso habt ihr euch so einfach überrumpeln lassen?" Was wäre passiert, wenn ich nicht zufällig in der Nähe gewesen wäre?" Er sah sie vorwurfsvoll an und registrierte nicht, wieviel er mit diesen Fragen preisgab. Es waren nicht nur seine Worte, sondern auch sein Tonfall, der verriet, welche Sorgen er sich um sie gemacht hatte. Ihm fiel noch etwas ein. „Warum war eigentlich keiner der anderen von Albus abgestellten Helfer bei euch? Sind denn Auroren so leicht abzulenken?" er schüttelte den Kopf.

Hermione antworte nicht gleich auf seinen Wortschwall, sondern sah zunächst betreten zu Boden. Ihr schlechtes Gewissen ihm gegenüber regte sich durch seine Fragen wieder. Erst als sie am Tonfall des Lehrers erkannte, wie besorgt er klang, hob sie ihren Kopf und sah ihm in die Augen. Auch in diesen spiegelte sich etwas wieder, was ihr Herz schneller klopfen ließ. Aber sie war auch verwirrt. Vielleicht bildete sie sich seine Fürsorge ja auch nur ein und es war reine Pflichterfüllung gewesen. Sie musste es genau wissen. Seine dunklen Augen hielten ihrem fragenden Blick stand. Sie wollte sprechen, doch war sie sich nicht sicher, ob ihre Stimme ihr gehorchen würde. Die Gryffindor in ihr übernahm und sie räusperte sich. Dann hörte sie zu ihrem eigenen Erstaunen ihre klare, kaum unsicher klingende Stimme: „Du hast dir Sorgen um mich gemacht, hast dein Leben und deine Tarnung aufs Spiel gesetzt. Warum?"

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Während in den Kerkern dieses Gespräch geführt wurde, hatte sich Harry zusammen mit Ron aus der Bibliothek gestürzt, in dem Moment, als Dumbledores Nachricht sie erreichte. Sie trafen mit der Gruppe aus dem Büro des Direktors zusammen und liefen gemeinsam zu der Stelle, wo Ginny sich befinden sollte. Seit der Pseudo-Angriff der Dementoren stattgefunden hatte, waren Hogwarts Sicherheitsvorrichtungen noch ein weiteres Mal verschärft worden. Selbstverständlich war der Ausgang der Schüler sofort nach dem Zwischenfall abgebrochen worden. Diese Dinge hatte der Junge-der-überlebte mitbekommen. Dadurch war Ginny so gut wie sicher, sobald sie sich innerhalb des Hogwarts Gelände befand.

Als sie sich der Stelle näherten, an der sich Harrys Freundin aufhielt, bemerkte er mit Erleichterung, dass sie die Geistesgegenwart besessen hatte, sich auf die sichere Seite des Hogwarts-Geländes zu begeben. Je näher sie kamen, desto besser konnte der Gryffindor erkennen, wie mitgenommen seine Freundin von der Sache war. Das ließ seine Wut auf Voldemort erneut emporsteigen. Es war bereits das zweite Mal, dass sich dieser dreiste Magier an Ginny vergriffen hatte (auch wenn es beim ersten Mal indirekt durch sein Tagebuch geschehen war). Harry wollte zu ihr eilen, doch Molly war schneller. Bereits unterwegs hatte er von 'Mutter Weasley' mehrere Male ein leises: „Mein Baby, meine Kleine!" vernommen. Er konnte es ihr nicht verdenken, dass sie ihrem Mutterinstinkt hier nachgab und als erste zu ihrem Kind eilte.

Der Phönix hatte sich an Ginnys Seite niedergelassen und versuchte, die junge Hexe zu trösten. Mehr hatte sie nicht zugelassen, sonst hätte der Vogel sie längst zum Schloss zurückgeflogen. Ginevra Weasley saß zusammengekauert an einen Baum gelehnt und ihre Hände bedeckten das Gesicht. Ihre Gestalt erzitterte und schien gar nicht wahrzunehmen, dass sie nicht mehr alleine war. Erst als Molly laut den Namen ihrer Tochter rief, schien Leben in sie zu kommen und sie sah auf. „Mom!" war alles, was sie heraus brachte und dann ließ sie sich wie ein kleines Kind von ihrer Mutter in die Arme nehmen.

Harry stand nun etwas betreten mit Ron daneben und wusste nicht recht, wie er reagieren sollte. Er spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals formte und räusperte sich. Durch dieses Geräusch aufmerksam gemacht, drehte sich Molly schnell herum und winkte sowohl Harry als auch Ron zu sich herüber. „Kommt schon, Jungs! Ginny braucht auch euren Trost. Ganz besonders deinen, Harry." Diese Aussage von Molly Weasley und ihr gleichzeitiges einladendes Winken, waren wohl das Zeichen, dass sie Harry als Freund ihrer Tochter akzeptierte. Er war ja schon immer wie ein Familienmitglied behandelt worden, aber diesmal war es noch etwas offizieller.

Albus Dumbledore sah sich aufmerksam auf dem Gelände um. Nichts auffälliges war zu erkennen. Jetzt, nachdem Ginny wieder da war, wollte er alle zurück im Schloss wissen. Darin war es am sichersten. Außerdem war die junge Weasley nicht die einzige, um die er sich sorgte. „Bitte beeilt euch schnell zurück ins Schloss zu kommen. Ich muss zurück ins Büro. Vielleicht gibt es schon eine Nachricht von Severus." Mit diesen Worten entfernte sich der Schulleiter und rief seinen Phönix zu sich. Der Vogel würde nun hier nicht mehr gebraucht.

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„Warum?" Die Frage von Hermione stand noch immer im Raum. Severus wusste selber nicht genau, wie die Antwort darauf lautete. Genau das Gleiche hatte er sich seit seiner Entscheidung vor der Boutique im Ort auch immer wieder gefragt. Er war so aufgewühlt, ihm war noch nicht einmal aufgefallen, dass er sie geduzt hatte und sie ihn auch. Doch das war auf einmal nicht mehr entscheidend. Ihre Flucht und damit Rettung, seine aufgeflogene Tarnung und nicht zuletzt die Nähe von Hermione, als er sie auf seinen Armen hierher getragen hatte, das alles waren zuviel an Emotionen auf einmal. Und dennoch musste er diese Frage beantworten, für sich selbst und auch für sie. Plötzlich fühlte er sich wieder wie ein Junge und nicht wie der Mann, der er war.

„Es ist mir durchaus klar, dass du von mir, dem bösen Zaubertranklehrer, keine Freundlichkeit erwartest." Halt das war nicht so gut. Sarkasmus war hier nicht angebracht. „Du weißt aus eigener Erfahrung mit mir, dass ich nicht gerade der Freundlichste bin." Bei dieser Untertreibung konnte Hermione nicht verhindern, dass sich ihre Mundwinkel nach oben verzogen. „Aber du weißt auch, dass ich nicht immer das Ekel sein muss, für das mich deine Freunde halten. Ich wollte nicht, dass du in den Händen der Todesser landest und darum bin ich dir gefolgt, um dich zu befreien. Meine Rolle bei dem Dunklen Lord wäre über kurz oder lang sowieso aufgeflogen. Er hatte schon längere Zeit kein Vertrauen in mich. Und das zurecht." Die letzten Worte waren mehr an sich selbst gerichtet. Er verstummte, doch seine Gedanken führten das Gespräch weiter.

Ich wollte nicht, dass sie dir etwas antun, denn du hast das nicht verdient. Du bist der erste Mensch seit langer Zeit, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühle. Du bist jemand mit dem es zu Streiten Spaß macht. Du bist endlich einmal jemand, mit dem ich auf hohem Niveau etwas diskutieren kann. Du bist jemand, für den ich gerade Gefühle entwickle, die nicht sein dürfen. Seine schwarzen, nun warm schimmernden Augen, hatten die ganze Zeit auf ihrem Gesicht geruht. Hermione hatte die Stille nicht unterbrochen, so als ahnte sie, das er innerlich den Monolog fortsetzte. Nun erhob sie sich von dem Sofa.

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Als Albus Dumbledore auf seinen gewohnten Schleichwegen sein Büro erreichte, wartete davor schon eine zappelige Winky auf ihn. Aus gutem Grund hatte nur seine persönliche Hauselfe Zutritt zu seinen Räumen. Er nahm die Kleine mit durch die Eichentür und sah sie fragend an.
„Professor Schulleiter, Sir, mein Meister sagen, dass er und die Miss Granger zurück ist."
Der alte Magier atmete tief aus. Der Druck, den er in der Magengegend empfunden hatte, ließ mit einem Mal nach und auch seine Züge wirkten weniger verspannt. „Schön, Winky, dass sind gute Neuigkeiten. Ich hoffe, die beiden sind unverletzt. Ich werde sie später selbst aufsuchen."
Gut, dann gehe jetzt wieder zurück. Danke, Winky!"

Die Hauselfe verschwand mit einem mehr sanften als lauten Knall. Der Schulleiter beschloss, aus mehr als einem Grund, Severus und Hermione noch ein wenig Zeit zu gönnen, bevor er sie aufsuchte. Außerdem wollten die anderen mit Sicherheit sofort wissen, dass auch Hermione und Snape es zurückgeschafft hatten. Das war keine Nachricht, die er durch dritte übermitteln konnte und wollte. Er schritt zum Kamin hinüber und griff nach dem Gefäß, welches das Flohpulver enthielt. Molly hatte schon auf dem Hinweg verkündet, dass sie Ginny auf jeden Fall zur Krankenstation bringen wollte. Dort würde der Direktor nun bestimmt die ganze Truppe antreffen. „Pomfreys Sonderzimmer", waren seine Worte, als er das Pulver in die Flammen warf.

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Hermione stand nun direkt vor Severus. Sie konnte seine Wärme wieder spüren. Der Gedanke an die Art, wie er sie vorhin hierher getragen hatte, erwärmte sie und hinterließ in ihr das Gefühl, dass kleine Schmetterlinge in ihrem Bauch umher flatterten. Der Lehrer schwieg immer noch. Doch es war ihr, als würde seine sonst eher starre, steife Haltung viel weicher und geschmeidiger sein. Auch meinte sie an seiner Körperhaltung und speziell an seinem Gesichtsausdruck erkennen zu können, dass er noch mehr zu sagen gehabt hätte. Sie kannte ihn inzwischen gut genug, um erkennen zu können, dass er mit sich selbst kämpfte. Etwas in ihr sagte ihr, dass es dieses Mal nicht darum ging, eine sarkastische Bemerkung zu unterdrücken. Sollte das Unmögliche wahr geworden sein? Sollte da in seinen Augen ein Gefühl gewesen sein, von dem sie bis vor kurzer Zeit noch nicht wusste, dass sie es sich von ihm wünschen würde? Sollte da bei ihm echte Zuneigung ihr gegenüber vorhanden sein?

Die leise feine Stimme im Hintergrund vollständig ignorierend, verringerte sie die noch bestehende Distanz zwischen sich und Severus. Sie musste es genau wissen und seine Nähe ließ sie mutiger sein, als sie es sonst gewesen wäre. Vielleicht war es auch nur die außergewöhnliche Situation, in der sie sich befunden hatten, die sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Es war auch nicht wichtig, was diese Situation herbeigeführt hatte, sondern nur noch, dass es so war. Dieses Mal gab es keinen Zwang von außen. Dieses Mal tat Hermione Granger es ganz bewusst. Sie legte ihre Arme um den Hals des schwarzhaarigen Zauberers und zog ihn zu sich heran. Als sie keinen Widerstand von seiner Seite spürte, schloss sie die Augen und suchte mit ihren Lippen die seinen.

Severus Snape hatte an dem Funkeln in Hermiones braunen Augen erkennen können, dass sie etwas vorhatte. Als sie die Distanz zwischen ihnen überbrückt hatte, fühlte er wieder, ausgelöst durch ihre Nähe, wie ihn ein wohliger Schauer durchlief. Der Rhythmus seines Herzschlages beschleunigte sich. Zu jeder anderen Zeit hätte er sich so weit unter Kontrolle gehabt, sich von ihr zurückzuziehen. Den Abstand zu finden, der notwendig gewesen wäre um seine Kontrolle wieder zu erlangen. Doch auch ihn hatten die vorangegangenen Begebenheiten nicht völlig kalt gelassen. Sein inneres Gleichgewicht war aus den Fugen geraten. Er reagierte ganz anders, als er es geplant hatte. Der Zauberer rührte sich nicht von der Stelle, unfähig diesen Moment zu zerstören, sondern er genoss einfach den Augenblick. Als ihre schlanken Arme ihn berührten und ihn zu sich heranzogen, war er nur von einem Wunsch beseelt. Er wollte noch einmal spüren, wie sich ihre Lippen auf den seinen anfühlten. Es war als bliebe die Zeit für einen Augenblick stehen. Sie waren für diesen Moment nicht mehr Hermione und Severus, sie waren einfach zwei Menschen, die das Gefühl hatten, die Welt wäre für sie stehen geblieben.

Er fühlte, wie seine Sinne sich zu erweitern versuchten, um möglichst alle Einzelheiten aufzunehmen. Der zarte Duft, der Hermione umgab, inzwischen schon vertraut durch die gemeinsame Arbeit. Die sanften Kurven ihrer Lippen, die er schon einmal gekostet hatte. Der leicht minzige Geschmack, der ihm schon beim ersten Mal aufgefallen war und ihre Art zu küssen, die sein Blut in Wallung brachte. Er erwiderte ihren Kuss mit einer Leidenschaft, die ihn selbst in Erstaunen versetzte. Ohne zu zögern hatten sich seine Lippen geöffnet, um ihr den begehrten Einlass zu gewähren. Er berührte ihre Zungenspitze mit seiner und sie fingen miteinander zu spielen an. Er erforschte ihren Mund und glitt langsam mit seiner Zunge über ihren Gaumen, was sie leise aufseufzen ließ. Das gefiel ihm sehr und der Rest seines Verstandes zog sich zurück, um Platz zu machen für die intensiven Gefühle, die in überfluteten.

Hermiones Spannung löste sich in Wohlgefallen auf, als Severus so enthusiastisch auf sie reagierte. Hatte sie vor nicht allzu langer Zeit noch vor Angst gezittert, war es dieses Mal Freude, die sie nicht ruhig werden ließ. Sie ließ sich in diesen Kuss fallen, kostete ihn aus. Als sie beide sich von einander trennen mussten, um nach Luft zu schnappen, bemerkte sie wie er zusammenzuckte. Sein Gesicht wies eine Spannung auf, die auf starke Schmerzen hindeutete. Dieser Anblick holte sie augenblicklich in die Wirklichkeit zurück. Wie hatte sie so ignorant sein können zu glauben, dass jetzt alles gut war? Sie hatte doch mitbekommen, wie Voldemort Severus beschimpft hatte. Das der Verrat am dunklen Lord nicht ohne Folgen bleiben würde, hatte sie geahnt. Doch dass dies so schnell geschehen könnte, hatte sie nicht bedacht. Welche Macht hatte dieser ... dieses Monster über seine Todesser? Sie blickte Severus an und hatte den Wunsch ihm zu helfen.

„Was kann ich tun?", fragte sie knapp.
„Nebenan, die grüne Phiole... Wasser in den kupfernen Kelch ..." Der Zaubertränkemeister keuchte. Schweißperlen standen ihm auf seiner Stirn. Hermione kam seiner Aufforderung nach und holte die gewünschten Gegenstände herüber.
„Jetzt sieben Tropfen in das Wasser geben und vermischen." Sie folgte seinen Anforderungen. Er streckte sein Hand aus um den Kelch entgegen zu nehmen. Vorsichtig trank Severus den gesamten Inhalt in einem Zug aus. Sie nahm ihm den Trinkpokal aus der Hand und beobachtete ihr Gegenüber sorgfältig. Innerhalb kürzester Zeit schien der Zauberer leichter zu atmen und seine Anspannung ließ nach. Er öffnete den Mund um eine Frage zu stellen. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit.
„Sind da drüben in der Schale noch welche von Albus' Zitronendrops?" Die Frage war ernst gemeint und so ging sie in die angegebene Richtung um nachzuschauen. Sie kam mit einer fast leeren Schüssel zurück. Zu ihrem Erstaunen nahm der dunkelhaarige Mann die Bonbons und steckte sie in den Mund. Als sie zu einer entsprechenden Frage ansetzen wollte, winkte er ab und meinte nur: „Später!"

Es vergingen keine zehn Minuten und schon hatte er, wenigstens äußerlich, wieder die Kontrolle über seinen Körper erlangt. Verdammt, Severus hatte nicht damit gerechnet, dass die Wirkung der ersten Tropfen so schnell nachlassen würde. Er hätte darauf gefasst sein müssen. Doch darum musste er sich später kümmern. Zunächst hatte er ein ganz anderes Problem. Hermione. Wie hatte er das, was eben passiert war, zulassen können. Sie war seine Schülerin, das durfte er nicht vergessen. Damit so etwas nicht noch einmal passierte, musste er versuchen einen gewissen Abstand zwischen sie beide zu bekommen. Um ihrer beider willen.

„Hermione", seine Stimme klang so streng wie schon lange nicht mehr. „Was da vorhin vorgefallen ist, hätte niemals passieren dürfen. Auch die vorher stattgefundenen Ereignisse können nicht entschuldigen, was wir beide getan haben. Ich bin hier Lehrer und der Schulleiter vertraut mir. Ich kann dieses Vertrauen nicht mit Füßen treten. Wir können nicht Ihre Ausbildung und meine Position als Lehrer aufs Spiel setzen ...". Hier machte er eine Pause um sich zu sammeln, damit der nächste Satz glaubwürdig war.
„... nur um einer spontanen und unwichtigen Gefühlsregung nachzugeben." Er sah wie ihre Augen zu schimmern anfingen und hätte sie am liebsten wieder in die Arme genommen. Stattdessen sprach er mechanisch weiter: „Es gibt im Moment andere Dinge, die Priorität haben. Der Kampf gegen den Dunklen Lord sollte jetzt unser einziges Ziel sein." Während er diese Sätze formulierte, versuchte er sich selbst von deren Inhalt zu überzeugen. Sein Blick fiel auf die Tür und mit einem Mal fragte er sich, wann Dumbledore hier auftauchen würde.

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Als hätte er es geahnt, stand Albus Dumbledore nicht wenige Meter von der Tür zu Snapes privaten Räumen und hob den Arm, um anzuklopfen. Wer ihn genauer kannte, hätte an seinem Gesichtausdruck erkannt, dass er wieder einmal mehr wusste, als er zugeben würde. Gleich nach seinem Besuch auf der Krankenstation wollte er sich auf den Weg in die Kerker machen. Er hatte eine bereits schlafende Ginny, ihren wachenden Freund und ihre Verwandten angetroffen, um ihnen die Neuigkeit mitzuteilen. Dann führte ihn sein Weg zu Severus' Quartier. Einer Angewohnheit nachgebend, hatte er sich in seinen Unsichtbarkeitszauber gehüllt, um von niemandem gesehen zu werden. Als auf sein Klopfen niemand öffnete, verschaffte er sich selbst Zutritt, aus lauter Sorge, dass doch noch etwas passiert sei.

Der Anblick, der ihn erwartete, bestätigte allerdings das Gegenteil. Schnell zog er sich wieder zurück, damit seine Anwesenheit unbemerkt blieb. Sonst hätte er offiziell als Schulleiter hier einschreiten müssen. Albus grinste bei dem Gedanken, welch interessanten Nebeneffekt Voldemort erzielt hatte. Sein mächtiger Gegner hatte ihm so unbeabsichtigt in die Hände gespielt. Ein schöner Zufall, dass er zum richtigen Augenblick dort war, denn diese privaten Informationen hätte ihm sein Spiegel nicht preisgegeben. Es war schon beim ersten Mal ein Wunder, dass der magische Gegenstand genaue Details verraten hatte. Doch das hing wohl mit der erzwungenen Situation damals zusammen. Jetzt erschien dem alten Magier genügend Zeit vergangen zu sein und er hämmerte mit seinem Zeigefinger leise gegen das Holz. Nach Severus' Aufforderung öffnete er schwungvoll die Tür und trat ein.

Hermione hatte bei Severus' Worten nur mit Mühe ihre Fassung wahren können. Sie war nicht mehr fähig klar zu denken. Das Einzige was sie wusste war, dass er sie zurückgestoßen hatte. Ihr Selbsterhaltungstrieb schaltete sich ein und löste nur einen einzigen Wunsch in ihr aus. Sie wollte hier weg. Wollte allein sein. Wollte sich in ihrem Zimmer in ihr Bett vergraben, nur ihren Kater als Trost dabei und nie wieder aufstehen. Sie erhob sich mit leicht zittrigen Beinen und räusperte sich. In diesem Moment hörte sie ein Klopfen an der Tür und kurz darauf stand Albus vor ihnen. Seine forschenden Augen ruhten auf ihr. Sie musste den Blick abwenden. Er ging jedoch weder auf Hermiones stilles Verhalten ein noch auf Severus abweisendes.

„Ich wollte nur kurz vorbeischauen, um nach dem Rechten zu sehen. Ah, Hermione du bist auch hier! Zu eurer Information: Ginevra Weasley ist sicher hier angekommen und ihre Familie sowie Harry kümmern sich um sie. Ich denke, ihr habt alle eine Menge mitgemacht, doch darüber reden wir morgen. Ihr braucht jetzt Ruhe, meine Kinder. Severus, kann ich noch etwas für dich tun?" Das reichte Hermione und sie hob den Kopf und schaute zu den beiden Zauberern hinüber.
„Ich bin sehr müde und aufgewühlt von dem Geschehenen." Ein unergründlicher Blick traf den Zaubertranklehrer. „Wenn ihr mich nicht mehr braucht, gehe ich jetzt zu meinem Zimmer." Ohne eine Antwort abzuwarten stand sie auf und verließ den Raum.

Ende des Kapitels