Veränderte Perspektive

von Callista Evans

Kapitel Nr. 12 Entschieden

Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.
A/N.: An alle, die mich noch nicht aufgegeben haben. Es tut mir Leid, dass es so wahnsinnig lange gedauert hat, bis es weitergeht. Das war nicht so geplant gewesen und soll keine Dauereinrichtung sein. Ich freue mich sehr, über die Reviews, die ich bekommen habe. Mein besonderer Dank gilt Nici Cavanaugh und Mariacharly, die mir so gut geholfen haben, als es gar nicht weitergehen wollte. Auch Simone hat mir wieder ihre bewährte Korrektur zukommen lassen. Ihr seid die Besten, Mädels!
Jetzt bleibt nur noch eins. Viel Spaß beim Lesen!

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Missmutig stocherte Severus Snape mit einem Schüreisen in den Flammen seines Kamins. Die Uhr auf dem Sims darüber zeigte an, dass es bald Zeit werden würde für die, seiner Meinung nach, völlig unnötige Besprechung der Hauslehrer. Das Wetter draußen spiegelte ziemlich genau seine Laune wieder. Es war ein frostig kalter Tag mit ununterbrochenem Schneeregen, der gerade in den Kerkern dafür sorgte, dass man sich am liebsten nicht vom Kamin weg bewegte.

„Severus, ich habe für heute Abend ein Treffen der Hauslehrer veranschlagt. Bitte komm pünktlich um 20:00 Uhr in mein Büro." Albus' Stimme war freundlich wie immer gewesen. Er hatte jedoch keinen Zweifel daran gelassen, dass es sich hierbei um eine Aufforderung handelte, der man besser nicht widersprach und schon gar nicht zuwider handelte. Wie um ihn zu ärgern, ertönte ein einmaliges Gongen und erinnerte ihn,dass ihm nur noch eine halbe Stunde Aufschub blieb. Dann würde er sich wieder das sinnlose Geschwätz der Kollegen anhören müssen. Die dunklen Augenringe und die noch fahlere Gesichtsfarbe des ohnehin blassen Mannes spiegelten wider, wie erschöpft und müde er sein musste. Und doch konnte er sich keine Ruhe gönnen.

Gerade wollte er sich auf das Sofa setzen, als ein lautes Scheppern die stillen Räume durchdrang. Das in letzter Zeit eindeutig zu oft ertönte Geräusch ließ für ihn nur einen Schluss zu. Und richtig, eine kleinlaute, sich selbst kasteiende Winky betrat den Raum. In der Hand hielt sie eine, Merlin sei Dank, heile Flasche Cognac. „Winky bringt den von Meister gewünschten Cognac."

Severus hatte bemerkt, dass sein Vorrat erschöpft war und Winky angewiesen ihn aufzufüllen.
„Was war das für ein Scheppern?" Severus Stimme hatte einen strengen, aber nicht kalten Ton. Seine sonst so geschickte Hauselfe hatte in der letzten Zeit auffällig oft etwas fallen lassen, eine Anordnung nicht vollständig ausgeführt oder sonst seine Geduld strapaziert. Durch seine angespannte Situation hatte er sich des Öfteren dazu hinreißen lassen, eine ganze Schimpfkanonade auf Winky abzulassen, was diese stets stumm und mit reuigem Blick hatte über sich ergehen lassen. Danach war es ihm für kurze Zeit besser gegangen und allmählich fragte er sich, ob genau das die Absicht der Elfe gewesen war.

„Winky wollte Meister auch ein Glas mitbringen. Aber Glas ist runtergefallen. Winky macht sofort wieder sauber." In unterwürfiger Geste erwartete sie ein Donnerwetter. Doch diesmal blieb es aus. Severus brummte nur ein kurzes: „Dann geh jetzt sofort!", wandte sich um und verstaute die neue Flasche in seinem Schrank. Leider war dies der falsche Zeitpunkt, sich ein Glas davon zu gönnen.

Der Zaubertrankprofessor begab sich sich zur gegebenen Zeit an den bestellten Ort. Ihm war das Treffen schon aus dem Grund nicht recht, da wohl logischerweise sein Haus im Mittelpunkt der Gespräche stehen würde. Entsprechend war seine Laune, als er sich zu besagtem Treffen einfand. Das verbesserte sich auch im Laufe der Diskussion nicht. Im Gegenteil, er bemerkte, wie sich sein Magen zusammenzog und sich Aggressionen in Form von Hitze in ihm ausbreiteten. Langsam öffnete er seine bereits zur Faust geballten Hände wieder und versuchte etwas Spannung aus seiner Haltung zu nehmen. Gerade in diesem Moment ertönte ein Klopfen an der Tür. Wenn man genau war, hatte es sich mehr nach einem Feuerwerk aus Trommeln und Hämmern angehört.

Die Anwesenden sahen sich voller Erstaunen an, denn der Zutritt zu diesem Eingang stand nicht jedem offen. Auf Albus' „Herein!" öffnete sich die Eichentür und ein dunkler Haarschopf kam zum Vorschein.
„Professor Dumbledore, ... ich muss Sie dringend sprechen." Der Junge-der-überlebte sprach diese Worte mit einem unterdrückten Vibrieren in der Stimme aus. Offensichtlich war er sehr aufgeregt, aber bemüht, es sich nicht anmerken zu lassen. Ungern gestand Severus sich ein, dass ihm diese Unterbrechung gerade recht kam. Er beobachtete, wie Potter etwas in das Ohr des Direktors flüsterte, und konnte eine gewisse Neugierde nicht unterdrücken.

„Meine Lieben, ich würde unsere Zusammenkunft gerne aufheben, denn Mr. Potter hier hat mir etwas Wichtiges mitgeteilt. Sie sind nicht böse, wenn wir früher Schluss machen?" Mit diesen Worten wandte sich Albus an seine Angestellten und zog den Schüler an seiner Seite in den Raum hinein. Schnell standen die Kollegen Sprout und Flitwick auf, verabschiedeten sich und verließen als erste den Raum. Der Schulleiter signalisierte ihm selber und auch McGonagall, dass sie bleiben sollten.

Mit kurzen und prägnanten Worten gab Potter seinen Bericht ab.
„Wir, ... Neville hat einen Zauber gefunden, der es uns vielleicht ermöglicht, Voldemort zu besiegen." Diesem einleitenden Satz folgte eine kurze Erklärung, wo und wie sie diesen ominösen Zauber entdeckt hatten. Die Neuigkeit hatte aber nicht den vom Schüler gewünschten Erfolg. So viel erkannte Severus sofort. Entgegen der Begeisterung des jungen Mannes hielten Minerva, Albus und selbstverständlich auch er sich mit ihren Emotionen zurück. Das alles klang ja schön und gut, schien aber noch nicht näher durchdacht zu sein. Es verwunderte ihn, dass die sonst so auf Eigeninitiative bedachte Schülergruppe sich in diesem Fall sofort an ihre Lehrer gewandt hatte. Nicht, dass dies falsch gewesen wäre, es war nur völlig untypisch für Harry Potter.

Entweder spiegelte sich dieser Gedanke auf seinem Gesicht wider oder der junge Zauberer hatte gewaltige Fortschritte in Sachen Legilimens gemacht, denn plötzlich bemerkte Severus, wie er von zwei smaragdgrünen Augen fixiert wurde. „Ich wollte eigentlich zuerst selber ein wenig mehr Informationen zu dem Zauber sammeln, aber Hermione hat darauf bestanden, dass ich mich zuerst an Sie wende." Severus konnte ein Grinsen gerade eben noch vermeiden. Ja, es passte zu Hermione selbst den Jungen-der-überlebte dazu zubringen, etwas sofort zu tun, was er erst später erledigen wollte. Interessant war es auch, dass im Gegensatz zu ihr sich Harry noch immer nicht traute, seine Lehrer mit Vornamen anzusprechen. Er merkte, wie er den Faden verlor und versuchte sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren.

„ ... denn da gibt es noch etwas anderes, sehr merkwürdiges.
Als Hermione mir das Buch mit dem Text herüber reichen wollte, schien es, als wollte es sich dagegen wehren. Wir haben drei Anläufe gebraucht, bis ich es endlich in den Händen halten konnte. Neville musste für mich die Seite aufschlagen. Ich habe versucht, die Worte selber zu lesen, aber die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Ron und Ginny erging es ähnlich. Außer Neville war nur noch Hermione fähig, das Schriftstück zu lesen."
Severus zog die Augenbrauen hoch. Auch die anderen beiden schienen erstaunt zu sein, denn Albus erwiderte: „Ich denke, das sollten wir uns genauer anschauen. Sind deine Freunde noch in dem Studierzimmer?"

Natürlich waren sie das. Severus' Gedanken wurden von dem Nicken des Schülers bestätigt. Also machte sich ihre kleine Gruppe auf, um ebenfalls zum Studierzimmer zu gelangen. Auf dem Weg dorthin wunderte sich der Lehrer, dass es ausgerechnet Longbottom war, der den Zauber entdeckt hatte. Eine Ironie des Schicksals, wie es schien. Bei ihrem Eintritt betrachtete der Lehrer Hermione und ihren Gesichtsausdruck genau. Sie hatte gerötete Wangen und in ihren Augen war ein Leuchten zu erkennen. Ihre lebhaften Bewegungen verrieten, wie sehr sie die Angelegenheit fesselte.

„Ich kann doch nichts dafür, dass ich den Text lesen kann, Ron." Dann bemerkte sie die Neuankömmlinge. Mit Verwunderung registrierte der Lehrer den Blick, den die junge Frau ihm zuwarf. Obgleich seiner Bemühungen sie auf Abstand zuhalten, strahlte sie ihn unverhohlen an. Er ließ seine unbewegliche Maske einen Moment fallen, zog seine Augenbrauen hoch und erlaubte so seinen Gesichtszügen, sie fragend anzuschauen. Ein Ruck ging durch ihre schlanke Gestalt. Ihr Lächeln wurde nun von einem entschlossenen Funkeln ihrer Augen untermalt. Zum Glück für ihn räusperte sich Albus in diesem Augenblick.

„Meine Lieben, wie Harry mir soeben erzählt hat, seid ihr da auf eine Möglichkeit gestoßen, wie Voldemort besiegt werden könnte. Wir würden gerne alles darüber hören, was ihr schon herausgefunden habt. Hermione, wärst du so nett uns zu informieren und uns den Text aus dem Buch vorzulesen?"

Mit Feuereifer begann die junge Hexe mit ihrer Aufgabe. „Nevilles Fund ist ein sehr alter und selten benutzter Zauber. Wie wir inzwischen festgestellt haben, hat er eine sonderbare Schutzfunktion. Nicht jeder kann den Text lesen, selbst ein Translare-Spruch prallt wirkungsvoll an diesem Zauber ab. Der Zauber ist sehr mächtig und von daher auch entsprechend gefährlich in der Anwendung. Eine falsche Anwendung hätte fatale Auswirkungen auf die Zauberkräfte der anwendenden Personen."

Severus, dem Hermiones ausschweifenden Erklärungen aus dem Unterricht wohl bekannt waren, nutzte die Gelegenheit, sich hier einzuschalten und gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.
„Könnten wir so langsam auf den Punkt kommen. Was ist das für ein Zauber?" In seinem Bemühen die Anrede geschickt zu umgehen, traf der Zaubertränkemeister nicht ganz den von ihm angedachten Tonfall. Es klang mehr nach bloßer Ungeduld als nach Sarkasmus.

Hermione nickte nur, ließ sich aber in ihrem Redefluss nicht stören.
„Der Concip-Transfer ist ein Sammelzauber. Nach den Unterlagen ist er nur selten angewendet worden und deshalb ist nicht allzu viel über ihn bekannt. Der Zauber ermöglicht es, die magischen Kräfte von Hexen und Zauberern zu vereinigen, um dann mit der geballten, konzentrierten Zauberkraft zu arbeiten. Der Zauber ist in zwei verschiedene Stufen eingeteilt, da er sehr komplex ist. Niemand kann diesen Zauber alleine ausführen; für jede Phase wird mindestens eine Person benötigt, die die Kontrolle übernimmt. Die beiden Personen müssen nicht nur gut zusammen arbeiten können, sondern es muss auch eine enge Verbundenheit zwischen ihnen bestehen. Der erste Teil des Zaubers dient zur Sammlung, zur Zentrierung der Kräfte. Auch hier ist es wichtig, dass eine Verbundenheit zwischen den Beteiligten besteht – zumindest zwischen Geber und Empfänger. Diese Aufgabe hatte in der Vergangenheit immer eine Frau - oder manchmal auch zwei Frauen - gehabt. Man hat nie herausgefunden warum, aber bei Männern funktioniert die Vereinigung der Kräfte nicht so effektiv.
In der zweiten Stufe werden die gesammelten Kräfte benutzt, um damit gewaltige Zauberleistung zu vollbringen. Obwohl in dem Buch 'Die Geschichte Hogwarts' nichts darüber vermerkt ist, habe ich einen Vermerk gefunden, in dem es heißt, der Zauber habe geholfen, Hogwarts zu erbauen."

Hermione schwieg einen Augenblick, so als wollte sie den anderen die Möglichkeit geben, die Neuigkeiten zu verarbeiten. Während sein Gehirn die Information aufnahm und verarbeitete, beobachtete Severus die junge Frau. Ihre Wangen waren noch immer etwas gerötet und auf der Stirn war diese kleine Falte erschienen, die immer dann auftauchte, wenn sie hochkonzentrierte Überlegungen anstellte. Wahrscheinlich hatte sie im Kopf bereits die ersten Pläne entworfen, wie der Zauber genutzt werden könnte.

Minervas Stimme durchbrach die eingetretene Stille. „Das Ganze klingt sehr gefährlich und es scheint keine Garantie auf Erfolg zu geben. Wie stellt ihr euch das im Einzelnen vor oder habt ihr euch das noch nicht überlegt?"

Die Antwort darauf kam prompt und wie jeder zu erwarten schien natürlich von Hermione.
„Ich war mir erst nicht sicher, ob dieser Zauber für unsere Zwecke geeignet wäre, doch dann habe ich mich wieder an die Lieder des sprechenden Hutes erinnert. Seit zwei Jahren versucht er eindringlich darauf hinzuweisen, dass sich alle Häuser vereinigen sollen. Außerdem glaube ich nicht, dass es Zufall war, dass Neville diesen Text gefunden hat."

Severus sah, wie Hermione tief Luft holte und dann fortfuhr. „Wenn wir es schaffen sollten, unsere magischen Kräfte zu sammeln, um sie Harry zur Verfügung zu stellen, könnte er damit Voldemort überwinden. Er hätte genügend Macht, den dunklen Lord mit einem Remorphus-Zauber zurück zu verwandeln und ihn dann ... zu besiegen."

„Wieso Harry und nicht Albus?" Severus konnte sich diese Frage nicht verkneifen. Nun schaltete sich der Schulleiter in das Gespräch ein. Bislang hatte er schweigend zugehört. Seine Hände, die bis auf die gestreckten Zeigefinger gefaltet und in Höhe seines Mundes an sein Gesicht gelehnt waren, lösten sich von seinen Lippen. Er antwortete bedächtig: „Es ist nicht an mir, Voldemort zu überwältigen, Severus, sonst hätte ich es längst getan. Ich bin nicht stark genug dafür. Meine Kräfte reichen gerade so aus, ihn in Schach zu halten. Tom müsste das inzwischen gemerkt haben, denn er hat immer wieder versucht, meine Grenzen auszutesten. Die Prophezeiung behauptet, dass nur Harry dies fertig bringen kann."

„Aber wie soll er das schaffen, wenn der Zauber so komplex ist? Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Und wer soll ihm dabei helfen? Wer soll diesen ersten Teil übernehmen und sich gleich ihm dieser großen Gefahr aussetzen?"

Während er diese Fragen formulierte richteten sich Severus' Augen auf Harry, der seltsamerweise noch keinen Ton gesagt hatte, seit sie alle diesen Raum betreten hatten. Auch in diesem Moment schwieg er noch, nur seine angespannte, konzentriert wirkende Haltung verriet, dass er der Unterhaltung mit Aufmerksamkeit gefolgt war. Der Zaubertränkemeister erkannte, wie der junge Mann den Anlauf nahm, etwas zu erwidern, als unversehens eine helle, zweistimmige Antwort ertönte.
„Ich!"

Der Blick des Zaubertranklehrers wanderte zum Ursprung dieses Ausrufs. Hermione und Ginny hatten wie aus einem Munde gesprochen. Trotz ihres unterschiedlichen Aussehens glichen sich die beiden Hexen aus Gryffindor in diesem Augenblick sehr. Das Blitzen in ihren Augen, die angespannten, entschlossenen Gesichtszüge und die energisch vor der Brust verschränkten Arme gaben Zeugnis von der Ernsthaftigkeit ihrer Aussage.
Severus bemerkte, wie Ron Weasley, der ganz in der Nähe seiner Schwester stand, schlucken musste. Der Rothaarige hatte zwischen den beiden jungen Frauen und seinem besten Freund hin und her geschaut, zum Reden angesetzt und sich dann doch zurückgehalten.

Diesmal konnte der Junge-der-überlebte nicht länger schweigen. „Das ist genau das, was ich nicht wollte. Ich wollte euch nicht in Gefahr wissen und erst recht nicht absichtlich dort hinein schliddern lassen." Als Severus sich dem Sprecher zuwandte, registrierte er mit Erstaunen, wie vertraut der Ausdruck auf dem Gesicht des jungen Mannes ihm vorkam. Er erkannte darin Sorge um die beiden Mädchen, die Erkenntnis, dass ihr Angebot wahrscheinlich die beste Lösung für das Problem war und Resignation, dieses Risiko eingehen zu müssen. Es war, als hätte Severus einen Spiegel vor Augen, der ihm seine eigenen Emotionen zurückwarf, auch wenn sich sein Hauptaugenmerk nur auf eine der beiden jungen Damen konzentrierte.

Severus fühlte den Drang zu widersprechen ebenfalls. Er wollte ausrufen, dass dies viel zu gefährlich für ... die Schülerinnen sei, und doch wusste auch er bereits zu diesem Zeitpunkt im Inneren, dass es das Richtige war. Also schwieg er vorerst und achtete aus den Augenwinkeln auf die Reaktion seiner Kollegen. Minerva war schon vorhin deutlich zusammen gezuckt. So viele ihrer Schüler, die bald in ernster Gefahr sein würden. Das machte der Hauslehrerin von Gryffindor zu schaffen. Doch auch sie blieb stumm, biss sich auf die Lippen und umklammerte die Lehne des Stuhls, der vor ihr stand, als gäbe diese Geste ihr besseren Halt.

Gleich allen anderen Anwesenden hatte Severus dann zu Albus hinüber geblickt, um mit Spannung abzuwarten, was dieser zu sagen hätte.
Albus hatte den Kopf etwas schief gelegt und starrte gedankenverloren durch die Gläser seiner Halbmondbrille, als überlege er noch, ob er damit einverstanden war. Dann brach der alte Zauberer die erneut eingetretene Stille.

„Die Gefahr in dieser Angelegenheit ist tatsächlich sehr groß, aber das brauche ich euch wohl nicht zu erzählen." Albus' Bemerkung war eher rhetorischer Natur. Sie prallte gleichsam ab, an der Entschlossenheit der Personen im Raum. „Zunächst müssen wir ausprobieren, ob der Zauber funktioniert. Erst dann können wir eine endgültige Entscheidung treffen. Ihr habt in den letzten Monaten ein verantwortungsvolles Handeln gezeigt. Auch wenn es uns Älteren schwer fällt, euch die Angelegenheit zu überlassen, werden wir es tun.

Wenn dieser Zauber zur Anwendung kommt, ist dies wohl die beste Lösung. Ihr beide, Hermione und Ginny, könnt gemeinsam Harry zur Seite stehen. Es sieht so aus, als wäre uns auch hier noch einmal der Zufall zur Hilfe gekommen. Nicht nur, dass eine außerordentliche Bindung aus Freundschaft und Liebe zwischen euch dreien besteht. Nein, auch hier gibt es noch einen Extra-Bonus: die Zauberstäbe."

„Es tut mir Leid, Sir, ich hatte noch keine Gelegenheit Ginny und Hermione davon zu unterrichten." Es kam Severus vor, als sei Potter ein wenig verlegen, als er diese Erklärung abgab. Zauberstäbe? Severus hatte selber keine Ahnung worum es ging, ließ sich dies aber nicht anmerken. Die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten. Albus nutzte die Gelegenheit sie alle zu informieren.

„Harry hat mit seiner großzügigen Geste eine Verbindung zwischen Ginny, Hermione und sich selbst geschaffen, die ihnen noch von Nutzen sein könnte. Wenn jemand einen Zauberstab an einer Person außerhalb seiner Familie verschenkt, bedeutet dieses Geschenk einen gleichzeitigen Schutz für den Empfänger. Ähnlich dem Mechanismus mit dem Lily damals Harry beschützt hatte, kann dadurch ein größerer Schutz erwirkt werden, allerdings nur wenn beide beteiligten Parteien sich in unmittelbarer Nähe befinden." Severus war, wie die meisten anderen im Raum, dieser Erklärung mit Erstaunen gefolgt. Davon war ihm nichts bekannt gewesen. Albus erklärte etwas von uraltem, verloren gegangenem Wissen der Magierwelt.

Während dieser Erklärung wanderte Severus' Blick wieder zu den jungen Frauen. Sie hatten noch nichts zu Albus' Vorschlag gesagt, jedoch war es ihm, als fände bereits ein Austausch zwischen ihnen beiden statt. Sie hatten sich einander zugewandt und sahen sich mit ernsten Augen an. Als der Direktor verstummte, ergriff Ginevra Weasley das Wort:

„So hatte ich mir das eigentlich nicht gedacht. Allerdings kenne ich dich, Hermione, zu gut, um zu wissen, dass dich niemand so schnell von etwas abbringen kann, was du unbedingt tun möchtest. Auch mir ist diese Sache so wichtig, dass ich nicht davon zurücktreten werde, nachdem ich mich einmal dazu durchgerungen habe. Es sieht so aus, als wäre es die beste Lösung, es gemeinsam zu versuchen."

„Du siehst das völlig richtig. Mein Entschluss steht fest. Ich verstehe, dass auch du dies hier unbedingt machen willst. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir beide zusammenarbeiten."
Hermione reichte der Freundin die Hand. Ginny nahm diese in die ihre und drückte sie fest und energisch. Severus verzog sein Gesicht angesichts so viel heroischer und damit für Gryffindor so typischer Emotionen. Zumindest wussten die jungen Leute im Ansatz, was sie erwartete, denn jeder von ihnen war dem dunklen Lord schon begegnet.

Dann meldete sich Harry Potter noch einmal zu Wort.
„Wenn dies die einzige Möglichkeit ist Voldemort zu besiegen, werden wir es tun." Wieder zeigte sein Blick jene Entschlossenheit, die Severus schon einmal gesehen hatte. Ihnen war allen nicht wohl bei dem Gedanken, dem mächtigen Schwarzmagier gegenüber zu treten, um ihn zu bekämpfen. Doch sie waren alle bereit das Notwendige zu tun.

Ab diesem Zeitpunkt ging alles auf einmal sehr schnell. Der Rest der Besprechung lief wie ein Film vor ihm ab. Noch immer empfand er es als merkwürdig, diesen jungen Leuten das Schicksal der Zaubererwelt in die Hände zu legen. Hinzu kam, dass sein Herz jedes Mal einen holprigen Satz machte, wenn er sich vergegenwärtigte, welche Rolle Hermione in dieser Schlacht haben würde.

Nur noch am Rande bekam er mit, wie die anderen anfingen Pläne zu schmieden, wie und wann sie den Zauber ausprobieren wollten. Sie sprachen davon, Molly und Arthur Weasley und auch Lupin als erste zu bitten, mitzuwirken. Die Wahl der ersten beiden war logisch, wenn er daran dachte, dass die Weasleys Harry und Hermione ja fast wie Familienmitglieder behandelten. Selbst er hatte das mitbekommen. Auch bei Lupin musste er zugeben, dass dieser zu den jungen Leuten eine Art Freundschaft aufgebaut hatte. Severus fühlte sich unwohl bei dem Gedanken daran, dass der Werwolf so freundschaftliche Gefühle für alle drei hegte.

Er selber würde versuchen, sich möglichst aus der Sache heraus zu halten. Vielleicht konnte er die Möglichkeit nutzen, sich in seine Kerker zurückzuziehen, um endlich wieder seine Ruhe zu finden. Wie so oft setzte er seine Körpersprache ein, versuchte mit dem Hintergrund zu verschmelzen und am besten gar nicht aufzufallen. Da ertönte plötzlich Albus' Stimme direkt neben ihm. Verdammt, bei dem alten Magier wirkte der Trick einfach nicht.

„Severus, ich möchte, dass du als Beobachter und Überwacher unser Experiment beaufsichtigst. Ich selber werde mich um einen Abschirm- und Schutzzauber kümmern, deshalb kann ich es nicht selber übernehmen. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Würdest du dies bitte für uns machen?" Mit zusammengekniffenen Lippen nickte der Zaubertränkemeister. Albus Dumbledore wusste genau, was er sagen musste, um ihn zu überzeugen. Das Appellieren an seine Vertrauenswürdigkeit war immer noch der beste Weg. Dem konnte der dunkelhaarige Zauberer einfach nicht widerstehen, denn zu wichtig war das Vertrauen des Schulleiters in ihm.

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Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit Planung und ersten Durchführungen des Experiments. Severus hatte während seiner 'Aufsicht' genügend Zeit zu überlegen, wie er in die unangenehme Lage gekommen war. Er saß mehr oder weniger nutzlos in einer Ecke des Raumes herum und beobachtete, wie die anderen ihre ersten Versuche mit dem komplizierten Zauber starteten. Schnell hatte sich gezeigt, dass die jungen Frauen mit etwas Übung und gezielter Konzentration fähig waren, ihre Aufgabe zu bewältigen.

Nach ein paar Tagen hatten sie es geschafft, die magische Energie von Ron, Arthur und Molly Weasley aufzunehmen und diese an Harry weiter zu leiten. Kurze Zeit später waren dann Longbottom und Lupin dazugekommen, um den Kreis zu vergrößern. Die Harmonie, die für den Zauber notwendig war, hatte bei Severus ein merkwürdiges Ziehen in der Magengegend verursacht, eine Mischung aus Unbehagen und einem anderen Gefühl, das er nicht einsortieren konnte. Trotzdem war seine Aufgabe nicht so uninteressant, wie er zuerst erwartet hatte.

Auch heute hatte Severus wieder dabeigestanden und mit einer seltsamen Mischung aus Abstoßung und Faszination beobachtet, wie sich der Kreis aufbaute. Es war Albus gelungen, ihre 'Übungen' soweit abzuschirmen, dass niemand - selbst der dunkle Lord nicht - fähig sein würde, etwas davon aufzuspüren. Was man von außen erkennen konnte, war nicht besonders viel. Die Gesichter von Hermione und Ginny Weasley waren vor lauter Konzentration ganz angespannt. Bis auf die gemurmelten Worte der beiden Hexen im Zentrum war es vollkommen still im Zimmer.

Severus nahm wahr, wie sich die magische Energie im Raum bewegte. Es schienen sich unsichtbare Kraftlinien zwischen den jungen Frauen und den anderen Personen im Raum auszubilden. Bald umgab die beiden Hexen eine Aura, die ein magisches Potential verhieß, das nicht allein ihr eigenes sein konnte. Er kannte den nun folgenden Schritt genau. Sie würden nun die gesammelte Energie an Harry Potter weitergeben, der - gleich ihm selber - etwas abseits stand. Dennoch war zu erkennen, dass der junge Mann ein Teil des Ganzen war.

Da bemerkte er ein sanftes Kribbeln, ein unsichtbares Tasten, als würde jemand an der Tür zu seinem Geist anklopfen. Warum er darauf reagierte und sich nicht sofort zurückzog, wusste er nicht. Anscheinend war ihm die andere Präsenz vertraut genug, dass er seinen Geist nicht davor verschloss. Wie von selbst, fast ohne besonderes Zutun von seiner Seite, geschah es. Er ließ einfach los und gab sie kurzfristig ab, seine Magie. In die Hände von Hermione Granger.

Er öffnete seine Augen, von denen er nicht wusste, dass er sie geschlossen hatte, und erkannte am Gesicht der Schulsprecherin, dass auch diese überrascht von der Entwicklung der Ereignisse war. Ihre Blicke begegneten sich und Hermiones Erstaunen verwandelte sich in ein Lächeln.

Auch die anderen Personen hatten eine Verschiebung von magischer Energie registriert, doch nur die beiden anderen Hauptakteure waren in der Lage zu erkennen, was hier passiert war. Severus sah das Zucken in ihren Gesichtern, welches ihre Überraschung verriet. Dennoch brachen sie die Übung nicht ab, sondern hielten die benötigte Konzentration bei. Schneller als sonst wurde der Zauber wieder gelöst. Erst danach wurde er mit den erstaunt blickenden Gesichtern von Harry Potter und Ginevra Weasley konfrontiert.

Ende des Kapitels

Noch ein Anmerkung zu den Zaubern, die ich verwendet habe. Ich habe ein wenig im Lateinischen Wörterbuch gesucht, um passende Begriffe zu finden.
Translare -übersetzen
Concip-Transfer: concipio- zusammenfassen; transfere -übertragen
Remorph: re- zurück; morph von meta morphosis -Verwandlung