Veränderte Perspektive
von Callista Evans
Kapitel Nr. 13: Verschwiegen
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.
A/N: Es gibt tatsächlich ein Update, ihr seht richtig :-). Ich habe keine meiner Stories aufgegeben, weiß aber einfach nicht, wann es weitergeht; ich brauche meine Zeit! Also gibt es kein Versprechen mehr schneller weiter zu schreiben. Ich hoffe, dass ihr die Story trotzdem noch mögt. Ein ganz liebes Dankeschön an Mariacharly und Simone fürs Betalesen. Vielen Dank für eure Reviews!
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„Wer hätte gedacht, dass unsere Arbeit so prima Nebeneffekte haben würde", meinte Ginny als sie sich auf Hermiones Bett lümmelte und nach dem nächsten Stück Schokolade griff. „Ich finde es klasse, dass wir jetzt so viel Süßkram essen können, wie wir wollen, ohne auf die Kalorien achten zu müssen."
Hermione setzte ein träges Grinsen auf und nickte zu der Bemerkung der Freundin. Es hatte sich so ergeben, dass die beiden abends nach ihrer neusten Freizeitbeschäftigung noch eine kurze Zeit zusammen saßen und über die Ereignisse des Tages sprachen. Auch diesmal war es wieder recht spät geworden, doch die beiden jungen Hexen wollten auf den Schlummerschwatz einfach nicht verzichten. Eine riesige Schüssel mit Schokolade, Bonbons und Keksen stand auf dem kleinen Tisch, den Hermione an das Bett hatte schweben lassen.
Trotz ihrer Müdigkeit konnte sich die Ältere eine Antwort nicht verkneifen.
„Eigentlich ist es logisch. Bei dieser anstrengenden Tätigkeit wird so viel Energie verbraucht, dass unsere Körper geradezu auf Nachschub angewiesen sind. Ich habe viel mehr Hunger als früher."
„Ja, wir machen Ron jetzt locker Konkurrenz, was die Nahrungsmengen angeht, die wir verdrücken können." Wie zur Bestätigung griffen beide jungen Frauen gleichzeitig in die Schüssel.
„Wo wir gerade bei Ron sind", nahm Ginny den Faden wieder auf, als sie ihren Nougatriegel bewältigt hatte, „er hat mich gefragt, was das für eine seltsame Kräfteverschiebung war, die letzte Woche aufgetreten ist. Weder Harry noch du hatten ihm Näheres dazu sagen können oder besser wollen, da hat er gemeint, ich wüsste vielleicht etwas." Das Gesicht der Rothaarigen verriet mit keinem Muskel, was ihre wahren Absichten bei diesem Gespräch waren.
Hermione erkannte sofort, worauf diese Bemerkung abzielte, beschloss aber mitzuspielen. „Was hast du ihm geantwortet?", wollte sie wissen. Die Schulsprecherin hatte mehr oder weniger darauf gewartet, dass so eine Frage kommen würde. Sie hatte bisher versucht, die Fragen der Freunde abzublocken. Allerdings war die Gryffindor dankbar, dass sowohl Ginny als auch Harry sich als verschwiegen gezeigt hatten. Doch die Schonfrist, die sie ihr gegeben hatten, war nun wohl vorbei.
Schon merkwürdig, vor kurzem hatte Hermione sich noch gewünscht, jemanden zu haben, bei dem sie sich aussprechen könnte. Doch nun, da sie sich in der Situation befand, war es ihr doch nicht so ganz recht. Ihr kam spontan das Sprichwort in den Sinn: 'Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Es könnte in Erfüllung gehen.' Wo hatte sie das nur letztlich gelesen?
Ginny hatte sich mit der Antwort Zeit gelassen und noch einmal in die Schüssel gegriffen. Während sie an einem großen Erdnussbutterkeks kaute, sah man, wie sich ihre Stirn in Falten zog. Das war ein deutliches Anzeichen dafür, dass sie angestrengt nachdachte. „Ich habe ihm erzählt, ich hätte eine ungefähre Ahnung, was da passiert sein könnte, aber da die Reaktion nicht von mir ausgegangen wäre, stehe es mir nicht zu, ihn darüber zu informieren."
Im Klartext hieß das: ‚Hermione, sieh zu, wie du das erklärst'. „Er wird bestimmt nicht locker lassen", kam es gleichzeitig wie aus einem Mund von ihnen beiden. Die zwei Mädchen grinsten sich an. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas passierte. Durch die enge Zusammenarbeit hatten sie oft ähnliche Gedanken und ab und zu passierte es einfach, dass sie diese auch gleichzeitig aussprachen.
Ron. Hermione dachte zurück an das letzte Jahr. Sie und Ron hatten sich im letzten Jahr ein wenig besser vertragen. Zwar gab es da immer noch die ewigen Streitereien, aber das war schon fast zu einem Ritual geworden und ohne diese Reibereien hätte ihnen etwas gefehlt. Sie war sich damals im Klaren gewesen, dass die Zuneigung, die sie für Ron empfand, sich veränderte. Doch trotzdem war da etwas in ihr, das verhinderte, dass die Sache ernster wurde. Inzwischen hatte die junge Frau erkannt, dass die Gefühle, die sie für Ron empfunden hatte, vorgeschoben waren, eine Form von Sicherheit, weil er ihr so vertraut war. Somit musste sie sich niemand anderen suchen, in den sie sich dann richtig verliebte. Somit hatte sie die innere Gewissheit, dass alles mit ihr in Ordnung und sie völlig normal sei, schließlich sie war ja verknallt in einen Jungen, so wie das für Mädchen ihres Alters üblich war. Da weder Ron noch sie bereit waren, ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen (und darüber war sie sich seltsamerweise sicher gewesen), bestand für sie keine Gefahr, sich jemandem preiszugeben, sich auf jemanden einzulassen.
Hermione fühlte Ginnys Blick auf sich ruhen.
Ron war nicht der einzige hartnäckige Weasley, so viel war Hermione klar. Auch Ginny wollte wissen, was da vor einer Woche genau vorgegangen war. Die Schulsprecherin seufzte innerlich auf. „Ist ja schon gut, ich werde es euch erzählen", brachte sie hervor, ohne ein Gähnen komplett unterdrücken zu können. Es galt jetzt noch ein letztes Mal Zeit zu gewinnen. „Aber nicht jetzt, ich muss schlafen. Wir können morgen weiterreden, okay?" Die Rothaarige nickte und stand auf. „Dann bis morgen", erwiderte sie und ging zur Tür.
Hermione hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte ausgiebig. „Bis Morgen, Ginny", brachte sie noch heraus, als die Tür auch schon ins Schloss fiel. Die Hexe stand auf und schaffte es gerade so eben, sich ins Bad zu schleppen, um ihre Zähne zu putzen. Schon halb schlafend zog sie ihre Kleidung aus und ließ sie einfach neben ihrem Bett fallen. Ihr Nachthemd war angenehm weich und wärmte ihren kurz zuvor entblößten Körper. Es war noch immer ziemlich kalt - draußen wie drinnen - und sie empfand die Kälte des Schlosses in ihrem erschöpften Zustand immer sehr intensiv. Schnell schlüpfte sie unter die Bettdecke und löschte das Licht. Sie wollte nur noch eins – schlafen.
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Hermione erwachte am nächsten Morgen durch ein wohl vertrautes Geräusch. Sie hatte tief und fest geschlafen, so als habe ihr jemand eine Portion vom Trank des traumlosen Schlafes verabreicht. Eine Mischung aus Kratzen und Miauen machte sie darauf aufmerksam, dass ihr Kater Krummbein bereits wach war und trotz des Wochenendes nicht bereit war, auf sein Frühstück zu warten. Mit den Worten: „Ja, du hast Recht, mein Guter, du hast Hunger und ich sollte dich nicht länger warten lassen", schlug die Hexe ihre Bettdecke mit bedauernder Miene zurück.
Nachdem sie ihr Haustier versorgt, sich frisch gemacht und ein paar Kekse als Frühstücksersatz zu sich genommen hatte, saß sie zunächst einfach still da und wusste nicht recht, was sie anfangen sollte. Sie hätte sich ja zurück ins Bett legen können, doch wenn sie einmal wach war, konnte sie ohnehin nicht wieder einschlafen.
Die Schülerin war es gar nicht mehr gewohnt, keinen festen Zeitplan zu haben. Ihre Gedanken wanderten zu einem ganz bestimmten Lehrer. Sie hatte gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis ihre Freunde herausfänden, welche Gefühle sie für den Professor für Zaubertränke hegte. Sie war sich darüber klar geworden, dass sie ihnen Rede und Antwort stehen müsste, doch musste dies schon so bald passieren?
Als sie vor einer Woche während ihrer Testphase die Verbindung zwischen sich und Severus gespürt hatte, war sie darüber genau so überrascht gewesen wie er, (davon hatte sie ein Blick auf den Magier überzeugt). Sie wusste, dass der ursprüngliche Schritt von ihr ausgegangen war, wenn auch unbewusst. Aber dass er auch bereitwillig mitgemacht hatte, das hatte sie erstaunt. Inzwischen schien er sein Nachgeben zu bereuen, denn seit jenem Moment wich er ihr aus, wo er nur konnte. Bei dem Projekt Sammelzauber wirkte er noch verschlossener als sonst und achtete darauf, sich stark abzugrenzen. Da sie ihn inzwischen schon besser einschätzen konnte, erschien sein Verhalten logisch - es war sein Schutzmechanismus. Trotzdem verspürte sie ein schmerzhaftes Ziehen, wenn sie an sein abweisendes Verhalten dachte. Das würde sie allerdings nicht mehr aufhalten.
Die Schulsprecherin schüttelte den Kopf, so dass ihre langen lockigen Haare wild um sie herum wirbelten. Es hatte keinen Zweck, jetzt darüber nachzudenken. Und was ihre Freunde anging, so würde sie ihnen einfach erzählen, wie das alles passiert war und darauf hoffen, dass weder Ron noch Harry total ausflippten, wenn sie die Wahrheit erführen.
Sie beschloss, die Zeit zum Lernen zu nutzen. Durch die besonderen Projekte, die sie stark in Anspruch nahmen, blieb dafür nicht mehr die Zeit, die sie normalerweise aufgewendet hätte. Sie war sehr froh, dass sie sich schon im Voraus so viel Wissen angeeignet hatte. Trotzdem konnte sie die Panik vor der Prüfung nicht vollkommen verdrängen. Auch das Wissen, dass Angesichts des Kampfes gegen Voldemort die NEWT (UTZ) Prüfung nicht so wichtig sei, konnte sie nicht davon abbringen, gut abschneiden zu wollen.
Gerade als sie an einem von Professor McGonagall empfohlenem Buch saß, klopfte es an der Tür. Sie fuhr auf und hörte Harrys gedämpfte Stimme durch das Holz hindurch. „Hermione, bist du da? Wir sind es, Ron, Ginny und ich. Wo warst du beim Frühstück? Mach doch die Tür auf!"
Hermione entfuhr ein abgrundtiefer Seufzer. Sie konnte ihrem Schicksal nicht länger entgehen. „Ich komme schon", rief sie den ungeduldigen Freunden entgegen und öffnete ihnen die Tür. Die beiden Jungen stürmten ins Zimmer, während Ginny langsam hinter ihnen her kam. Mit einem entschuldigenden Ausdruck im Gesicht, der eindeutig „Was erwartest du, es sind Männer" sagte, setzte sich die Rothaarige auf einen Stuhl. Harry zog ein Paket aus seinem Umhang und legte es auf den Rand des überquellenden Schreibtisches.
„Ein Frühstückspaket für dich, von Dobby persönlich zusammengestellt. Es geht nicht, dass du nichts isst." Die junge Hexe sah den ernst blickenden jungen Mann erstaunt an. „Ich habe gestern Nachmittag fast schlapp gemacht, weil ich früher vom Lunch wegmusste. Diese Magieverschiebungen verbrauchen verdammt viel Energie. Iss jetzt ... und dann würde ich zu gerne mehr über diese Aktion in der letzten Woche wissen."
Hermione gehorchte lachend und überlegte, dass die gluckenähnliche Besorgnis und der militärisch fragende Tonfall einen sonderbaren Kontrast bildeten, dem Freund aber gut zu Gesicht standen. An seinen Führungsqualitäten hatte sie allerdings nie gezweifelt, doch der einfühlsame Zug, den er in der letzten Zeit entwickelt hatte, verbesserten diese um ein Vielfaches. Ein letzter Bissen samt Kauen und Schlucken brachten sie zurück zu dem Problem, dass sie jetzt bewältigen musste. Wie sag ich's meinen besten Freunden?
Hermione schluckte; es war doch schwieriger als sie sich das vorgestellt hatte. Sie schaute sich die Gesichter der Kameraden eines nach dem anderen an. Zuerst betrachtete sie Rons fragenden Ausdruck in den Augen. Er war derjenige, der am wenigsten wusste und den die Konfrontation mit den Tatsachen wohl am meisten schocken würde. Harrys Miene verriet, dass er mit seinen Ahnungen der Wahrheit sehr nahe war, denn seine hochgezogenen Augenbrauen und seine trotz der Fürsorge leicht abweisende Haltung sprachen für sich. Der einzige Lichtblick war Ginny, denn die Freundin warf ihr einen aufmunternden Blick zu.
„Ich ... ich weiß nicht, wie ich anfangen soll", gestand die brünette junge Frau.
„Na, am besten vorn", kam Rons Antwort, in dem Versuch, die Sache voran zu treiben. Der Rothaarige rutschte unruhig in seinem Sitz hin und her, denn er ahnte sehr wohl, dass die anderen mehr wussten als er, und das schien ihn zu wurmen.
Seine Schwester ergriff das Wort. „Erzähl uns doch einfach, was es mit dieser plötzlichen Verschiebung der Kräfte in der Übung letzte Woche auf sich hatte, Hermione?" Ihre Stimme war sanft und so wurde Hermione etwas leichter ums Herz. Auch sie musste schon eine Ahnung haben, warum dies geschehen war und es schien sie nicht zu erschüttern; zumindest nicht in dem Maße, wie Hermione es befürchtet hatte. Vielleicht war sie aber einfach neugierig und wollte ihr die Einleitung so einfach wie möglich machen.
„Die unbekannte magische Energie, die ihr gespürt hattet, stammte von ... Professor Snape." Der Satz war heraus und Hermione merkte, wie sich Erleichterung in ihr ausbreitete. Es war zwar erst der erste Schritt, aber nun würde es nicht mehr zu ändern sein und sie musste weitermachen.
Sie versuchte aus Rons Gesichtsausdruck zu lesen, was in seinem Kopf vor sich ging. Harry und Ginny hatten bereits davon gewusst, also konnte sie sich erst einmal auf Ron konzentrieren. Doch hier machte ihr Harry einen Strich durch die Rechnung. „Ja, das habe ich mir schon gedacht, aber ..." Er kam nicht weiter, weil Ginny ihn in die Seite stieß. Doch zu spät, Harrys Antwort und Ginnys Reaktion dazu waren für Ron der letzte Beweis, dass er der Einzige war, für den die Information neu war. Sein Gesicht wurde rot und seine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Na prima, ich bin mal wieder der Letzte, der davon erfährt. Das hätte ich mir nach eurem geheimnisvollem Getue schon denken können." Er stand auf. „Ich werde ..." doch er kam nicht weiter, denn Ginny hatte sich ebenfalls erhoben und ihm einen der berühmten Molly-Weasley-Blicke zugeworfen. Kein Heuler wäre wirkungsvoller gewesen. Ohne Worte setzte der junge Zauberer sich wieder hin.
Auch Ginevra nahm wieder Platz und meinte: „Aber ich dachte, es muss eine Bindung zwischen den Personen bestehen, eine Form von Freundschaft ... oder ähnliches ..." Sie verstummte und ihre Worte hingen bedeutungsschwer im Raum. Ihr Gesicht verriet deutlich, welche Schwierigkeiten sie allein mit dieser Vorstellung hatte.
Hermione spürte, wie ihre Wangen zu glühen anfingen. In ihrer Verlegenheit wollte sie zu Boden schauen, als ihr Rons Gesichtsausdruck ins Auge fiel. Der rothaarige Freund schien seinen Wutlevel (zunächst) erstaunlich schnell gesenkt zu haben. Der ungläubige Ausdruck seiner Augen verriet, dass er sehr wohl die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hatte. Wäre ihr das Geständnis nicht so unangenehm gewesen, hätte sie wohl über das Gesicht, das der Freund in diesem Augenblick zog, lachen können. Ihm schienen die Augen förmlich aus dem Kopf zu fallen.
Harry war bislang stumm geblieben und als er jetzt sprach, war seine Stimme ruhig – für Hermiones Geschmack zu ruhig - und gab nicht preis, war er dachte. „Nur um jeden Zweifel auszuschließen, ... es gibt da also etwas ... zwischen dir und Snape, was stark genug war, dass du seine magische Energie aufnehmen konntest? Ich meine ..."
Aber hier wurde er von Ron unterbrochen, der mit seinen Gefühlen weitaus weniger zurückhaltend war und der sich von seinem ersten Schock erholt hatte.
„Du magst also Snape. Du bist doch nicht etwa verknallt in ihn?"
Erstaunlich, wie schnell der Freund zu dieser Schlussfolgerung gekommen war. Sie nickte, wohl wissend, dass diese Antwort einen Sturm entfachen würde. Und richtig, der Zauberer mit dem hitzigen Temperament kam dadurch so richtig in Fahrt.
„Wir reden hier von SNAPE, dem schleimigen Typen, dem Lehrer, der uns seit dem ersten Tag hier das Fürchten gelehrt hat. Der Fledermaus, die im Gegensatz zu allen anderen Lehrern niemals bereit war, deine außergewöhnlichen Leistungen anzuerkennen. Dem Hauslehrer von Slytherin, der wo immer er die Gelegenheit hatte, einem anderen Haus Punkte abzuziehen, diese auch genutzt hatte. Der ..."
Hier schaltete Hermione ab und ihr Blick blieb mehr durch Zufall an Ginny und Harry hängen. Die beiden hatten sich in stummem Einvernehmen angesehen, die Augen leicht verdreht und zu Hermione hinübergelächelt. Ginnys Hände bewegten sich und per Zeichensprache erklärten sie das Verhalten: So ist er bei den Quidditch Spielen auch immer.
Die Schulsprecherin musste ein Grinsen unterdrücken. Wenn sie die Rede von Ron mit etwas Abstand betrachtete, tat es ihr wohl, dass er sich um sie sorgte. Auch die Tatsache, dass er ihre schulischen Leistungen so anerkannte, wozu er sich sonst kaum herabließ, freute sie. Also ließ sie ihn erst einmal weitermachen. Hermione wollte, dass der Freund sich erst einmal die Entrüstung von der Seele redete, bevor sie anfing, Erklärungen abzugeben. Trotzdem blieb dieses merkwürdige Kribbeln in ihrer Magengegend bestehen.
„… und du willst mir ernsthaft verklickern, du l ... magst ihn wirklich? Das ist krank!", setzte er noch nach und ließ sich dann tief in den Sessel fallen, von dem er sich gerade aufgerichtet hatte.
Nun ergriff Ginny das Wort. Ihre Stimme klang, als würde sie sich Sorgen um die Freundin machen. „Snape ist nicht gerade der Typ, in den man sich so ohne weiteres verguckt. Was ist da passiert, dass sich deine Meinung so geändert hat?"
Hermione schluckte. Sollte sie den Freunden erzählen, was dieser Kuss unter dem Mistelzweig bewirkt hatte? Ihnen von der Unsicherheit im Umgang mit dem Zaubertranklehrer berichten? Wie sie sich durch die gemeinsame Arbeit aneinander gewöhnt hatten und sie bemerkt hatte, dass er außerhalb des Unterrichts durchaus anders sein konnte?
Sie wusste ja selber nicht genau, wie es passiert war, dass sie so empfand. Sie holte tief Luft, um zu antworten, als Harry sich zu Wort meldete. „Es hat mit diesem Kuss zu tun, von dem du uns damals erzählt hast, nicht wahr?" Seine Stimme hatte erneut diesen strengen Tonfall und Hermione schluckte.
„Welcher Kuss?" Die Frage kam von Ginny, wurde aber vollständig von den anderen ignoriert.
Hermione nickte erneut und entgegnete: „Ja, irgendwie hat diese Begegnung wohl den Stein ins Rollen gebracht. Ich … ich weiß auch nicht genau, wie es geschehen konnte, ich habe das nicht gewollt und doch … bin ich froh, denn ich hatte die Chance, einen etwas anderen Severus Snape kennen zu lernen, als den gefürchteten Professor. Es ist nicht so, als würde ich ihn plötzlich durch eine rosarote Brille betrachten und sein Verhalten schön malen … doch er war anders als früher, wenn wir zusammengearbeitet haben … er versteht, wie wichtig mir das Lernen ist, ich fühle mich in seiner Gegenwart wohl ..."
Sie schwieg und ihre Gedanken schweiften ab. Rons Räuspern holte sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. „Was ist eigentlich mit ihm?" Der Rothaarige betonte das letzte Wort und verzog dabei sein Gesicht. „Snape ist dein Lehrer, er darf das nicht. Es ist verboten … er ist dir doch wohl nicht zu nahe getreten oder hat dich mit irgend so einem Zauber beeinflusst?" Der angrifflustige Gryffindor erhob sich erneut und merkte gar nicht, wie bedrohlich sein Gesichtsausdruck geworden war. Seine rechte Hand zuckte in Richtung linker Ärmel, wo er gewöhnlich seinen Zauberstab trug.
„Nein, nein, was denkst du nur?" Hermione schüttelte ihren Kopf und legte die Hand auf den Arm des Freundes. „Wie du vorhin so treffend bemerkt hast, handelt es sich hierbei um Professor Snape. Er wollte das Ganze noch viel weniger als ich und wenn ich an seine Reaktionen denke, so hat er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, mich auch nur ansatzweise sympathisch zu finden. Ich habe zuerst auch gar nicht damit gerechnet und wenn er – mehr aus Versehen - eine freundliche Geste gezeigt hatte, war er hinterher umso gemeiner gewesen, aber dann…" Hermiones Stimme wurde erst leiser und verstummte dann ganz. Sie dachte daran, wie er sie aus den Klauen Voldemorts gerettet und wie er auf sie reagiert hatte, als sie danach wieder nach Hogwarts zurückgekehrt waren.
Harrys Stimme holte sie zurück: „Zumindest erklärt sich, so, warum er ohne weiteres bereit war, euch zur Rettung zu eilen." Sein Gesicht zuckte, als kämpfe er dagegen an, seine wahren Gefühle preiszugeben. Wann hatte er gelernt, sich derart gut zu beherrschen? Hermione kannte den Freund gut genug, um zu erkennen, dass er gerne mehr gesagt hätte, aber wusste, dass dies zwecklos war. Auch er kannte sie gut genug um zu wissen, dass alles, was er jetzt sagen würde, an ihrem Dickkopf abprallen würde.
Die Hexe mit den lockigen Haaren blickte wieder auf. „Ich wollte ja auch nur versuchen, euch klar zu machen, dass dies nicht geplant war, weder von Severus noch von mir. Es ist passiert und keiner kann etwas für seine Gefühle. Gerade weil es nicht sein darf, hat Severus sich dagegen gewehrt."
„Na anscheinend nicht genug, denn sonst wäre das mit der Verschiebung ja nicht passiert", brummelte der Quidditch-Captain, setzte sich aber wieder hin. Er sah nicht gerade glücklich aus, doch der gefürchtete Ausbruch blieb aus. Vorerst. Hermione wusste, dass dies noch nicht alles zu dem Thema gewesen sein konnte. So wie sie Ron kannte, würde er etwas Zeit brauchen, um die Angelegenheit zu verdauen, um dann später mit weitaus unangenehmeren Fragen und Feststellungen anzukommen. Doch zunächst hatte sie ein wenig Zeit gewonnen.
Doch eine Frage konnte Ron sich nicht verkneifen: „Und jetzt? Wie soll es weitergehen?" Diese Frage hatte sich Hermione auch immer wieder gestellt. Doch eine befriedigende Antwort gab es nicht. Sie gab eine ausweichende Antwort: „Du hast seine Reaktion in der letzten Woche bemerkt."
Harry schaute Hermione mit ernster Miene an. „Wir alle kennen Snape und wissen wozu er fähig ist. Er mag auf der richtigen Seite sein, dich sogar gerettet haben, aber er ist Snape. Er ist kein netter Mensch." Ginny fiel ein: „Ja, denk dran, wie er so drauf ist. Kannst du dir wirklich vorstellen, dass er und du … und ihr habt euch wirklich geküsst?", kam es ungläubig und auch ein wenig neugierig von der rothaarigen Freundin.
Auch wenn sie sich schon komisch dabei vorkam, fiel Hermione nichts anderes ein als zu nicken. Die Augen der rothaarigen Freundin schienen vor Erstaunen aus ihren Höhlen fallen zu wollen. Das war eine weitere Sache, die bestimmt noch weiter ausdiskutiert werden musste, doch es würde leichter sein, wenn die beiden Frauen unter sich waren. Sie signalisierte ein ‚Später' zu Ginny und schaute kurz in Richtung Harry und Ron. Die rothaarige Freundin fuhr fort: „Snape kann und wird – und das vielleicht nicht einmal mit Absicht – dir sehr wehtun. Du bist unsere Freundin und wir wollen einfach nicht, dass dir so etwas passiert."
Sie machte eine Pause. „Aber ich denke, das wird deine Meinung nicht ändern. Du bist nun einmal ein Starrkopf und was du dir in den Kopf gesetzt hast, setzt du durch. Wäre es jemand anders, könnte ich dich verstehen. Mir würde es genauso gehen, wenn jemand versuchte, mir Harry auszureden." Ein Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Aber es ist eine geniale Sache, dass du Snape dazu gebracht hast, dir, einer Gryffindor, so viel Vertrauen zu schenken."
Der letzte Satz hob die Stimmung im Raum. Auch die Jungen fanden den Gedanken wohl gut, denn sie konnten ein Feixen ebenfalls nicht unterdrücken. Hermione war froh, das diese erste Aussprache so glimpflich verlaufen war. Am besten beließ sie es erst einmal dabei. Es würde früh genug wieder aufgerollt werden.
Schnell versuchte die Schulsprecherin das Thema zu wechseln. „Heute Abend sind also die Creeveys und Blaise dran. Was meint ihr dazu, dass es so gut funktioniert hat, Luna, Hannah und Lavender in den Kreis zu bringen? Wenn wir es schaffen, den Kreis mit unseren Freunden aufzubauen, dann können die Mitglieder des Ordens sich um andere Zauber kümmern. Ich bin gespannt, ob das heute mit Colin, Dennis und Blaise auch so gut klappen wird."
„Es ist überhaupt erstaunlich, dass wir bisher ohne Schwierigkeiten so weit gekommen sind, allerdings haben wir ja auch keine andere Wahl." Bei Harrys Worten sah Hermione ihn genauer an. Trotz des energischen Zuges, der sein Gesicht so viel erwachsener machte, war deutlich zu erkennen, wie erschöpft der Dunkelhaarige wirkte. Er war blass und ab und zu zuckte es in seinem Gesicht, als würde etwas ihn schmerzen.
Sie alle könnten eine Pause und etwas Ruhe vertragen, doch dazu blieb keine Zeit. Sie mussten weitermachen. Allerdings war es Samstag und von draußen schien die Sonne ins Zimmer. Hermione entschloss sich, etwas Ungewöhnliches zu tun. Sie klappte ihre Bücher zu und meinte: „Wir sollten das schöne Wetter nutzen und nach draußen gehen." Mit diesen Worten schlüpfte sie in ihre Stiefel, nahm ihre dicke Jacke von der Garderobe und ging als erste hinaus.
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Abends bei ihrem Training im Kreis stellte Hermione fest, dass sie beobachtet wurde. Severus hatte sich in eine Ecke des Raumes gesetzt und war, wie schon die letzten Tage, fast mit dem dunklen Hintergrund verschmolzen. Dennoch war sie sich seiner Gegenwart immer bewusst. Hatte er bereits festgestellt, dass Ron, Harry und Ginny von ihren Gefühlen zu ihm wussten? Sie hielt das für möglich, denn er war ein guter Beobachter und ihre Freunde - zumindest die beiden Jungs – waren nicht gerade die besten Schauspieler. Doch sie konnte die Tatsachen nicht ändern und musste sich jetzt auf ihre Aufgabe konzentrieren.
Colin, Dennis und Blaise hatten sich bereit erklärt, bei dem Zauber mitzuwirken. Für Blaise war das ein besonderes Zugeständnis, denn er hatte ohnehin die Streitigkeiten seines Hauses auszuhalten. Er erzählte kaum etwas über die Dinge, die dort stattfanden, doch an einem Tag war er zurückgewichen, als Hermione ihn am Arm berührt hatte. Bei der Bewegung war der Ärmel hoch gewirbelt worden und hatte einen Blick auf den Arm des jungen Mannes freigegeben. Eine frische Narbe, wie von einer Brandwunde verursacht, war dort zu erkennen gewesen. Die junge Hexe registrierte einen Blickwechsel zwischen dem Hauslehrer von Slytherin und seinem Schüler. Hoffentlich würden sich die Schüler von Slytherin bald wieder beruhigen.
Es war Zeit, den Zauber mit den neuen Mitgliedern des Kreises aufzubauen. Außer den Schülern und Snape war heute nur Remus anwesend. Der Orden hatte einen wichtigen Einsatz, so viel hatte Hermione aus den Bemerkungen von Albus heraus gehört. Die Todesser hatten ihre Bemühungen verstärkt, die Zaubererwelt so einzuschüchtern, dass diese sich zurückhielt oder gar das machte, was Voldemorts Gefolgsleute ihnen sagten, aus Angst selber zu den Opfern der Anschläge zu werden.
Ihr Projekt musste so schnell wie möglich fortgesetzt werden, denn niemand wusste, wie viel Zeit ihnen blieb, bis Voldemort zum direkten Schlag gegen Harry und den Orden ausholen würde.
Dieser Gedanke tat sein Übriges, um sie nervös zu machen. Die Schülersprecherin versuchte sämtliche beunruhigende Überlegungen aus ihrem Kopf zu verdrängen. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgabe.
Nach wenigen Minuten wurde sie gelassener. Sie schaffte es ohne große Probleme Nevilles magische Kraft einzusammeln. Es war ein inzwischen vertrauter Vorgang, ein Stück Routine, welche ihr ein Gefühl von Sicherheit vermittelte. Ginny hatte in der Zwischenzeit Rons Magie aufgenommen. Hermione spürte es an der Veränderung der magischen Strukturen im Raum. Sie kam sich seltsam vor, wie sie gleich einem Tier ihre mentalen Fühler ausfuhr und so die Energie von anderen einsammelte. Die junge Frau stellte sich vor, eine Biene zu sein, die den lebenswichtigen Honig für den Bienenstock sammelte, denn diese Vorstellung erleichterte ihre Arbeit. Jetzt waren alle ihr schon vertrauten magischen Schwingungen vorhanden. Der Raum schien sich förmlich aufzuladen. Sie bemerkte, wie Ginny die mittlerweile geläufigen Worte murmelte und neue magische Wellen sich zu den gesammelten hinzufügten.
Nun war es an ihr, den nächsten Schritt zu machen. Auch sie sprach die Worte, die den Zauber bewirkten. Es war nicht jedes Mal aufs Neue notwendig, das hatte ihr der Ausrutscher mit Severus deutlich gezeigt, doch sie fühlte sich sicherer dabei. Wie zur Beruhigung lächelte sie zu Blaise hinüber, der sie nervös ansah. Vorsichtig tastete sie nach seiner magischen Energie. Mit jedem Üben war es leichter für sie geworden, die Magie von den anderen zu … orten und nach ihr zu greifen. Schon wollte die Hexe die Essenz von Blaise' Magie zu sich heran ziehen, als sie plötzlich heftigen Widerstand spürte. Der Kollege aus dem DA-Club schien nicht loslassen zu wollen.
Hermione wusste nicht, wie sie reagieren sollte, als es einen magischen Rückstoß gab, eine Form von Vibration. So ähnlich musste es sein, wenn man in eine Steckdose griff. Die Schulsprecherin registrierte noch, wie sie von dem Stoß nach hinten geschleudert wurde, als ihr plötzlich ganz flau wurde. Sie fiel nach hinten und erwartete den harten Aufprall. Doch dieser blieb aus. Die Schülerin fiel weich auf eine Art riesiges Kissen. Dann drehte sich alles vor ihren Augen und wurde schließlich schwarz. Wie aus weiter Ferne drangen Stimmen an ihr Ohr, riefen ihren Namen, doch sie konnte nicht antworten und dann schwand auch der Rest ihres Bewusstseins und sie versank in eine tiefe Ohnmacht.
Ende des Kapitels
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