Veränderte Perspektive
von Callista Evans
Kapitel Nr. 14: Besorgt
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.
A/N: Nach langer Pause geht es weiter. Ich freue mich über eure Reviews, die auf jeden Fall zum Weiterschreiben motivieren. Auch dieses Mal wieder ein Danke schön an meine Betas Mariacharly und Simone.
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Severus Snape hatte stumm in einer Ecke gestanden und beobachtet, wie wieder einmal alle Vorbereitungen für diesen Sammelzauber getroffen wurden. Dank der Tatsache, dass die Fackeln und Kerzen gerade so viel Licht warfen, dass die Anwesenden sich gut erkennen konnten, fiel er in seiner dunkleren Nische nicht auf.
Das dachte er zumindest.
Seine Augen lagen auf der brünetten Hexe im Zentrum des Ganzen. Der Lehrer konnte nicht umhin, sie zu beobachten, auch wenn er sich selbst dafür hasste.
Sie zu sehen, löste bei ihm die widersprüchlichsten Gefühle aus.
Eine angenehme Wärme wollte sich in ihm ausbreiten, doch beinahe gleichzeitig erhob sich seine innere Stimme, die ihn einen törichten alten Narren schalt.
Hinzu kam der Ärger über sich selbst (und seine mangelnde Selbstdisziplin), der wie eine nicht auszuschaltende, tickende Uhr immer präsent war.
Endlich hatten alle Beteiligten sich versammelt und die Prozedur konnte beginnen. Snape ließ seinen Blick über die Hexen und Zauberer gleiten. Er blieb an Potters Gesicht hängen. Der Schüler musste dies gespürt haben, denn er sah auf und entgegnete den Blick mit seltsamem Gesichtsausdruck.
Sie beide hatten ja inzwischen eine Form von Waffenstillstand erreicht, welcher sich durch die unerwartete Hilfe des Jüngeren verstärkt hatte. Sie konnten sich immer noch nicht leiden, aber Gewohnheit und Toleranz hatten dazu geführt, dass sie sich ohne große Emotionen begegnen konnten.
Harrys Gesichtsausdruck verriet, dass er sich intensive Gedanken um seinen Zaubertranklehrer machte. Dann wandte sich der Blick des Jungen-der-überlebte zu Hermione hinüber und er zog wie im Zweifel die Stirn kraus. Severus begriff.
Über eine Woche lang hatte er es geschafft, die fragenden Blicke von Potter und auch von Ginevra Weasley komplett zu ignorieren. Darin war er gut, schließlich hatte er jahrelanges Training darin, Leute mit anderen Ansichten zu übersehen, als seien sie Luft. Bei einigen Kollegen funktionierte das immer.
Aber Potter war hartnäckig und etwas an seiner Körpersprache hatte sich seit heute geändert. Vorher war es ein eher fragendes Beobachten gewesen, doch jetzt – Severus wusste nicht, woher er die Gewissheit nahm – kam da eher eine Resignation, ein Akzeptieren von Tatsachen hinzu. Ein weniger guter Beobachter als Severus hätte den Unterschied sicher nicht feststellen können, aber er war sich sicher. Hermione hatte ihren Freunden etwas erzählt.
Severus' Herzschlag beschleunigte sich, als er sich ausmalte, welche Konsequenzen dies haben könnte und er wollte sich gerade in eine leichte Panik hineinsteigern, als er sich bewusst machte, dass Hermiones Freunde ihr bestimmt keine Schwierigkeiten machen wollten.
Gerade im richtigen Moment riss er sich zusammen, als die magische Energie im Raum sich veränderte, und eine Spannung spürbar wurde. Er reagierte sofort, als er Zabinis Gesicht betrachtete. Noch bevor er wusste, was geschah, hatte er ein großes Kissen magisch herbeigerufen, als Hermione und Ginevra schon einen entsetzten Schrei von sich gaben. Die junge Weasley wurde von Harry Potter aufgefangen, Hermione sank dank seiner Voraussicht auf das Kissen.
Er schaute auf und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass Ron Weasley bereits zum Kamin gelaufen war, um Madame Pomfrey zu rufen.
Erst als Poppy den Raum betrat, wich ein Teil der Unruhe, die den Lehrer erfasst hatte. Er war schließlich derjenige, der darum gebeten worden war, hier die Aufsicht zu führen.
Während die Medihexe sich um die beiden jungen Frauen kümmerte, hatte Severus sich nach Blaise umgesehen, dem das Ganze sichtlich peinlich war. Als Hauslehrer von Slytherin war es an ihm, sich um den Schüler zu kümmern und außerdem wurde es Zeit, dass er aufhörte, zu Hermione herüber zu schauen.
Aufmunternd versicherte der Zaubertranklehrer seinem Schüler, dass alles in Ordnung kommen würde und er sich keine Sorgen um seine Freunde machen müsse. Dabei fragte Snape sich, wen er eigentlich mit diesen Worten beruhigen wollte.
Inzwischen hatte Madame Pomfrey sich die der jungen Frauen angenommen.
„Was immer hier passiert ist, die beiden Mädchen haben noch einmal Glück gehabt. Gut, dass ich so zeitig gerufen worden bin", verkündete Poppy kurze Zeit später. „Ich werde alle beide mit auf die Krankenstation nehmen, um sicher zu stellen, dass dieser Unfall keine Nachwirkungen hat. Aber wenn nichts mehr nachkommt, habt ihr sie in zwei Tagen wieder zurück.
Miss Granger, Miss Weasley, können Sie schon aufstehen?", fragte sie die aus der Ohnmacht erwachten jungen Frauen. Von beiden Hexen kam ein Nicken und unsicher und mit sichtlich wackeligen Beinen taumelten die zwei Schülerinnen an den Armen von Potter und Weasley aus dem Raum.
Severus hatte noch einen Blick auf Hermiones blasses Gesicht geworfen, um sich dann an die anderen Personen zu wenden. „Ohne Miss Granger und Miss Weasley kann nicht weitergearbeitet werden. Begeben Sie sich in Ihre Häuser zurück!"
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Ein paar Stunden später klopfte es an der Tür zu Severus' Privaträumen. Es war schon spät und es kamen nur wenige Personen in Frage, die ihn um diese Zeit aufsuchen würden.
Der Lehrer hatte die Zeit damit verbracht, unruhig in seinem Wohnraum auf und ab zu laufen.
Ein paar Besuche in seinem Labor hatten es nicht geschafft, ihn abzulenken und zurzeit war dort auch nichts mehr zu tun. Madame Pomfreys Ausführungen waren nicht sehr präzise und informativ gewesen und deshalb machte sich Severus immer noch Sorgen um Hermione.
Außerdem fiel es ihm immer schwerer, sich hier in der Burg aufzuhalten, während die anderen wenigstens draußen ihre Aufgaben hatten, die sie erledigen konnten.
Es war so viel zu tun gewesen, dass sie es nicht einmal geschafft hatten, eine Versammlung abzuhalten. Begierig darauf neue Informationen zu erhalten, öffnete Snape mit Schwung die Tür und stand vor einem ernst blickenden Albus Dumbledore.
„Albus, komm herein! Wie ist es gelaufen?"
Der alte Magier folgte ihm sofort in den Raum und sie nahmen im Wohnraum Platz. „Die Angriffe der Dementoren treten immer häufiger auf. Es sind auch regelmäßig Muggel davon betroffen, da diese … Kreaturen ja vor niemandem Halt machen. Es wird immer schwieriger, andere Zauberer und Hexen dazu zu überreden, sich Voldemort entgegen zu setzen.
Die Vampire, die Riesen und die anderen Geschöpfe, die Tom auf seine Seite bringen konnte, jagen den meisten zu viel Angst und Schrecken ein.
Wir hatten Glück und konnten gerade noch verhindern, dass ein neues Attentat statt fand. Die betroffene Familie hat aber im Gegensatz zu den anderen beschlossen, sich uns anzuschließen. Die Todesser, denen ich begegnet bin, waren in merkwürdig angespannter, aggressiver Stimmung und auch die Dementoren zeigten ein noch aufdringlicheres Verhalten als sonst."
Der alte Magier, der zu ahnen schien, wie sehr Severus nach Information lechzte, gab ihm eine genaue Beschreibung der Situation draußen und sowie einen Bericht über das Attentat.
Severus knirschte mit den Zähnen und murmelte einen leisen Fluch über seine Verdammnis zur Untätigkeit.
Der Schulleiter seufzte und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, das ihm Snape vor die Nase gestellt hatte. Seine blauen Augen sahen den Jüngeren durchdringend an. Severus konnte deutlich erkennen, dass sich Albus ernsthafte Sorgen machte. Die sonst meistens fröhlich lächelnde Miene des alten Zauberers war verschwunden. Severus schätzte seinen Chef dafür, dass er ihm gegenüber davon Abstand nahm. Ihm brauchte er nichts vorzumachen und sein Heile-Welt-Gesicht aufzusetzen.
„Es ist bald soweit", sagte Snape in scheinbar normalem Tonfall und es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung. Beide Männer wussten, was das bedeutete und dennoch blieben sie äußerlich so ruhig, als sprächen sie über das Wetter. Der Schulleiter nickte. „Ich kann nicht genau ausmachen, woher ich das weiß, aber ich spüre es."
Ein Frösteln erfasste Severus, aber er fühlte auch, wie sich Erleichterung in ihm breit machte. Die Tatsache, dass er hier im Schloss herumsaß und nichts machen konnte, zerrte an seinen Nerven. Wenn es zum Äußersten käme, könnte er wenigstens kämpfen, er musste sogar, denn der Dunkle Lord würde ihn nicht einfach davon kommen lassen.
Entschlossen straffte er seine Haltung und seine Hand glitt unbewusst an die Stelle, wo sein Zauberstab sich befand.
Dumbledore hatte sich in der Zwischenzeit nicht gerührt, das Glas in seiner Hand schien vergessen zu sein.
Der Lehrer für Zaubertränke räusperte sich. Sofort richtete sich Albus wieder auf und betrachtete den Hauslehrer von Slytherin. „Das Sonderprojekt heute Abend …", begann Severus den Satz, doch er wurde von einer Geste Dumbledores gestoppt. „Ich weiß, ich war gerade bei Poppy. Sie hat sich ziemlich aufgeregt, dass die beiden Hexen sich so verletzt haben und wollte unbedingt erfahren, wie es zu dem Unfall gekommen war."
Severus musste seine Ungeduld zügeln, denn diese Information war ihm unwichtig. Er wollte wissen, wie es den beiden jungen Frauen ging. Unruhig rutschte er auf dem Sessel, auf dem er Platz genommen hatte, hin und her.
Albus schien, wie nicht anders zu erwarten war, zu ahnen, was in ihm vorging. „Hermione und Ginny geht es gut. Sie sind noch sehr erschöpft von dem Energierückstoß, aber sie haben nach Poppys Spezialbehandlung einen deiner selbst gemixten Stärkungstränke bekommen und es wird ihnen schon bald wieder gut gehen."
Der Zaubertranklehrer spürte den Blick des alten Magiers sehr deutlich auf sich ruhen, als dieser den Namen der Schulsprecherin aussprach. Dank seiner Erfahrung auf diesem Gebiet, brachte Severus es fertig, ein völlig ausdruckloses Gesicht zu zeigen.
Trotz des Ärgers über die besondere Wahrnehmungsfähigkeit des Schulleiters konnte Snape sich gegen die Erleichterung, die sich in ihm breit machte, nicht wehren. Doch er weigerte sich weiterhin, dies nach Außen hin sichtbar werden zu lassen. Aber Albus konnte man nichts vormachen.
Die ernsten Sorgenfalten im Gesicht des greisen Mannes wurden ein wenig gemildert, als Dumbledore ein kleines Lächeln aufsetzte.
„Du sorgst dich tatsächlich um sie", konstatierte Albus. Severus starrte seinen Vorgesetzten an und überlegte fieberhaft, wie er auf diesen Kommentar eingehen sollte, ohne sich gänzlich in die Nesseln zu setzen. Sie beide kannten sich zu gut genug. Severus wusste genau, dass mit dem ‚sie' nicht Ginny, sondern ganz allein Hermione gemeint war.
Vorbei war die Hoffnung, der Direktor könnte sich in dieser Angelegenheit vielleicht diskret verhalten und sie stumm ignorieren. Anders herum war es die Pflicht von Dumbledore, auf die Lehrer und die ihm anvertrauten Schüler Acht zu geben. Und dieser Pflicht kam der Schulleiter sehr gewissenhaft nach.
Sofort nahm der Zaubertränkemeister eine abwehrende Haltung an, um sich auf die erwarteten Vorwürfe vorzubereiten. Seine Arme verschränkten sich vor seiner Brust und er sprach in neutralem Ton: „Es sind unsere Schüler, natürlich mache ich mir Sorgen um sie."
Der Schulleiter schien die Antwort gar nicht zu beachten. „Hermione ist eine außergewöhnliche junge Frau und eine talentierte Hexe dazu."
Einen Moment lang herrschte Stille im Raum. Severus sah seinen Boss mit vor Erstaunen geweiteten Augen an. War das alles? Kein Vorwurf, kein Vortrag darüber, wie ein Lehrer sich gegenüber den Schülern in so einem speziellen Fall zu verhalten hatte?
Das war zu viel für Severus, der sich bereits mental auf Vorwürfe eingestellt und über Verteidigungsstrategien nachgedacht hatte. „Das ist nichts Neues. Davon reden Minerva und Filius schon seit Jahren … Hast du mir etwas zu sagen, Albus?" Die letzten Worte von Snape kamen in einem Tonfall, den man nur als aggressiv bezeichnen konnte.
„Nur eins: Severus, ich vertraue dir - in jeder Hinsicht. Du wirst nichts tun, was dir nicht erlaubt ist … noch nicht. Wenn die Schüler unsere Schule verlassen haben, sieht die Angelegenheit anders aus. Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass eine Verbindung zwischen einem Lehrer und einer Schülerin zustande gekommen ist, nachdem sie den Abschluss gemacht hatte."
In die blauen Augen trat ein Schimmer, als würde Albus weit in die Ferne blicken.
Severus räusperte sich und der Blick des Schulleiters wurde wieder scharf. Die tiefblauen Augen betrachteten den Lehrer für Zaubertränke. Severus kam es vor, als zeige sein Gegenüber einen Hauch von Verlegenheit. Konnte das sein bei dem großen Magier, den alle Welt als fast allmächtig wahrnahm? Allein der Gedanke, dass Dumbledore ihm gegenüber eine solche Schwäche zeigte, überraschte Severus. Gleichzeitig machte es ihn stolz, denn es war ein besonderer Vertrauensbeweis.
Er verstand nur nicht warum, es sei denn, es ging um …
Albus' letzter Satz brachte ihn auf die Spur. Er glaubte nun zu wissen, was der Schulleiter meinte, denn er war ein aufmerksamer Beobachter und wusste um Dinge, die anderen verborgen geblieben waren. Er würde den Direktor einfach mit seinem Wissen konfrontieren.
„Minerva war früher auch deine Schülerin", stellte Severus wie beiläufig und offenbar ohne jeden Zusammenhang in den Raum. Die blauen Augen schienen sich für einen Augenblick wie vor Erstaunen zu weiten, doch Albus hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Dann trat ein Lächeln in das Gesicht von Dumbledore. „Ich habe immer gewusst, man kann nicht viel vor dir verbergen. Wie lange weißt du schon von Minerva und mir?"
„Ich hatte schon in meiner Schulzeit den Verdacht, aber seit ich hier angefangen habe zu arbeiten, war ich mir schnell sicher. Es war nicht leicht es heraus zu bekommen, aber ein Geheimnis war schon immer ein Anreiz für mich."
„Nur gut, dass dieses Geheimnis bei dir in sicheren Händen ist, sonst bekomme ich Schwierigkeiten mit Minerva", scherzte der alte Magier. In erster Linie war es natürlich wichtig, dass Dumbledores Feinde nichts davon erfuhren; so viel war dem Zaubertränkemeister klar.
„Etwas ganz anderes", lenkte der Schulleiter ihr Gespräch wieder auf aktuellere Themen. „Was ist mit den Slytherins? Es wird Zeit, andere Maßnahmen zu ergreifen, bevor deine Schüler sich noch gegenseitig ernsthaft verletzen. Du hast, wie schon vorgestern erwähnt, freie Hand, auch wenn du zu ungewöhnlichen Mitteln greifen musst.
Ich will erst gar nicht wissen, was du vorhast. Hauptsache, es bringt die gewünschte Wirkung."
Severus war jedes Mal aufs Neue erstaunt, wenn solch ein Ausspruch von Albus Dumbledore kam. Er fragte sich allmählich, warum der alte Magier nicht in Slytherin gelandet war.
„Es ist alles vorbereitet. Ich kann nur hoffen, dass es uns die gewünschten Erfolge bringt."
Die beiden Männer unterhielten sich noch einige Minuten, doch dann verabschiedete sich Dumbledore und verließ Severus' Räume.
Der Zaubertranklehrer begab sich in sein Labor. Er prüfte dort einen frisch zubereiteten Trank auf seine Konsistenz und seine Augen blitzten zufrieden auf. Dann rief er seine Hauselfe Winky zu sich, die nur darauf gewartet zu haben schien.
„Master hat gerufen?", fiepte das kleine Wesen mit den großen Kulleraugen und sah ihren Herrn erwartungsvoll an. Selbst um diese Uhrzeit war sie noch genau so diensteifrig wie tagsüber. „Ich möchte, dass du den gestern besprochenen Auftrag ausführst. Du bekommst jetzt den Trank mit, den du überall im Slytherin-Territorium magisch zerstäuben sollst."
Winky schaute zu Severus auf und nickte. In ihren Augen spiegelte sich ihr Zögern wider, auch wenn sie gehorsam zum Kessel schritt. Sie fing den Trank mit ihren besonderen Kräften ein und eine Reihe von Blasen schwebten plötzlich, gefüllt mit dem Trank, neben ihr.
Es war zwar nicht seine Art, Hauselfen sein Handeln zu erklären, aber es war wichtig, dass diese Aufgabe korrekt ausgeführt wurde, deshalb meinte Snape erklärend zu Winky:
„Keine Angst, ich werde niemandem im Schloss etwas zu Leide tun. Es ist nur wichtig, dass die Schüler sich allmählich beruhigen. Setze den Trank im Gemeinschaftsraum und in den Schlafräumen frei, um sicher zu gehen, dass jeder Schüler aus Slytherin ihn in den nächsten Tagen einatmet. Geh jetzt, Winky!"
Die kleine Elfe nickte. Das typische Geräusch ertönte und sie war mitsamt den schwebenden Blasen verschwunden.
Obwohl Severus eine tiefe Müdigkeit verspürte, war er doch zu aufgewühlt und er konnte sich nicht aufraffen, ins Bett zu gehen. Deshalb beschloss er, noch einen letzten Rundgang durch das Schloss zu machen und nach dem Rechten zu sehen.
Als er unten an den Gläsern mit den Hauspunkten vorbei schritt, trat ein schmales Lächeln in sein Gesicht. Wenn die Schülerschar ahnte, was er für seine Slytherins plante, die er stets bevorzugt hatte, wären sie wohl sehr erstaunt gewesen.
Während Severus mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte und dabei den gewohnten Parcours durch das Gebäude ablief, herrschte in seinem Kopf ein ziemliches Durcheinander.
Er war nicht gewillt, es bestimmten Gedanken zu erlauben, sich dort breit zu machen. Aus dem Grund konzentrierte der Zauberer sich auf seine nächstliegende Aufgabe: die Schüler seines Hauses.
Er hatte vor, die Slytherins sozusagen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: mit List und Tücke. Der Hauslehrer dachte über die Auseinandersetzungen nach, die immer noch im Hause der Schlange stattfanden. Es lag an ihm, das einzugrenzen, denn er war schließlich die Ursache dafür. Außerdem würden seine Maßnahmen ihnen bei den bevorstehenden Kämpfen von Vorteil sein.
Ihm fiel mit einem Mal auf, dass Draco Malfoy sich in letzter Zeit sehr zurückgehalten hatte. Seine früheren Angriffe hatten nachgelassen und wenn Severus sich richtig erinnerte, hatte der junge Mann keine klare Stellung bezogen, als der große Streit in seinem Haus ausgebrochen war. Ob Draco doch neue Einsichten gewonnen hatte? Der Lehrer beschloss, ihn noch einmal genau zu beobachten.
So in Gedanken vertieft, hatte der Zaubertränkemeister nicht gemerkt, wo er sich nun befand. Hatte sein Unterbewusstsein ihn geleitet?
Er befand sich direkt am Eingang zum Krankenflügel. Severus merkte, wie sich in seinem Hals ein Gefühl der Enge breit machte, als er sich selbst eingestand, dass es einen Grund für seine Anwesenheit hier gab.
Schon wollte er sich umdrehen und einen anderen Weg einschlagen. Doch da ertönte eine leise Stimme in seinem Inneren: „Wenn du sowieso hier bist, kannst du auch direkt nachsehen, wie es ihr geht. Es ist mitten in der Nacht und keiner wird es je erfahren, dass du hier warst."
Er beschloss, auf diese Stimme zu hören, drückte entschlossen die Türklinke herunter und trat in den Krankenflügel ein.
Eine angenehme Stille empfing ihn. Es war, als würden die Geräusche von außen nicht bis hier hin vordringen. Unwillkürlich fragte er sich, ob ein Zauber auf diesem Teil des Schlosses lag.
Der Vorraum lag in sanftem Dämmerlicht, so dass Severus seinen Zauberstab nicht benutzen musste, um den Weg zu finden. Der typische Geruch nach magischen Heilkräutern und peinlich sauberen Betten lag in der Luft und er atmete tief ein.
Für ihn war dieser Duft vertraut, denn er war mehr als einmal hier gewesen im Laufe der vielen Jahre, die er in Hogwarts verbracht hatte. Für ihn bedeutete es Sicherheit, ein Ort, an den er gehen konnte und wo ohne viel zu fragen geholfen wurde.
Leise betrat er den Raum, in dem die kranken Schüler normalerweise untergebracht waren.
Ein Knacken ertönte. Blitzschnell drehte sich der ehemalige Spion um, doch es war nichts zu erkennen. Trotzdem hielt Snape inne und sah sich um, so gut es das wenige Licht erlaubte. Ein erneutes Knacken auf der anderen Seite des Raumes ertönte. Gleich darauf heulte der Wind durch die Gemäuer.
Severus versuchte, seinen Herzschlag wieder zu beruhigen. Das alte Gebäude würde ihn noch mal an den Rand des Wahnsinns treiben.
Da seine Augen sich inzwischen an die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte er weit hinten im Raum erkennen, dass zwei der Betten belegt waren.
Mit leisen, geschmeidigen Schritten näherte sich der Zauberer den zugezogenen Vorhängen. In diesem Bereich war mehr Licht, sicherlich eine magische Anwendung, die es Poppy erleichterte, auch nachts nach ihren Patienten zu sehen, ohne sie dabei zu wecken.
Seine Hand zog vorsichtig den einen Sichtschutz beiseite. Ein Büschel roter Haare verriet ihm, dass er das falsche Bett erwischt hatte. Ginny Weasley gab einen Schnarchlaut von sich und drehte sich auf die andere Seite.
Schnell zog Severus sich zurück. Der Schülerin schien es gut zu gehen und das wertete der Lehrer als ein gutes Zeichen. Doch er wollte sicher gehen und so ging er zur anderen Seite und fasste auch hier nach dem Vorhang.
Beim Aufziehen verursachte der schwere Stoff ein leises Knirschen am Boden. Er hielt inne, starrte aber wie gebannt zu der jungen Frau in dem Bett. Hermione lag ruhig und entspannt auf dem Kissen, die lockigen Haare verdeckten den größten Teil ihres Gesichtes. Sie wirkte sehr blass und unter ihren Augen zeigten sich deutliche dunkle Ringe.
Sie sah jung aus - viel zu jung. Und dennoch konnte er nicht verhindern, dass er bei ihrem Anblick ein wenig schneller atmete und sich wieder diese angenehme Wärme in ihm ausbreitete. Hinzu kam die Erleichterung, dass es ihr tatsächlich gut zu gehen schien.
Er gestattete sich noch einen weiteren schwachen Moment, um sie zu betrachten, dann trat er leise zurück und begab sich auf unverzüglichem Weg zurück in seine Räume.
Ende des Kapitels
