Veränderte Perspektive
von Callista Evans
Kapitel Nr. 15: Ruhig
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine
Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir
nur ausgeliehen. Die Stories allerdings sind mein Eigentum.
A/N:
Hallo, da bin ich wieder mit einem neuem Kapitel. Ich hoffe, es
gefällt euch. Meine lieben Betaleserinnen Maria und Simone waren
wieder ganz fleißig und haben allerlei Fehler ausgebügelt.
Vielen Dank dafür!
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Vertraute Geräusche weckten Hermione aus ihrem Traum. Sie wollte ihre Augen öffnen, sich bewegen, doch ihr Körper schien ihrem Willen nicht gehorchen zu wollen. So blieb der jungen Hexe nichts anderes übrig, als zu warten. Allmählich nahm sie trotz der Einschränkungen, denen sie unterlag, ihre Umgebung wieder besser wahr. Sie vernahm die Stimmen von Harry, Ron und Ginny, die sich anscheinend eifrig unterhielten.
Jetzt erinnerte sie sich wieder an den Vorfall bei ihren Versuchen. Sie hatte versucht, Blaise' magische Energie an sich zu nehmen. Dieser Versuch war jedoch fehlgeschlagen. Sie wusste noch, dass es einen Rückschlag gegeben hatte und dass es dann plötzlich? dunkel um sie geworden war.
Die Schulsprecherin wollte sich aufrichten, den anderen verständlich machen, dass sie wach war, aber selbst ihre Stimme schien ihr nicht zu gehorchen. Was war nur in dem Trank gewesen, den die Medihexe ihr am Abend verabreicht hatte? Aber auch wenn Geduld nicht gerade ihre Stärke war, es blieb ihr keine andere Alternative als abzuwarten. Mit dem Willen, das Beste aus der Situation zu machen, versuchte sie sich auf das Gespräch der Freunde zu konzentrieren.
„… ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich's nicht mit eigenen Augen gesehen hätte." Das war eindeutig Harrys Stimme.
„Snape ist tatsächlich hier gewesen, um nach Hermione zu sehen!" In Ginnys Stimme klang ein gewisser Unglauben mit.
Hermione wurde neugierig. Sie versuchte erneut, die Augen zu öffnen, was ihr dieses Mal auch gelang. Doch sie schloss sie gleich wieder, denn das Licht brannte in ihren Augen wie ein viel zu greller Blitz. Außerdem wusste sie, die Freunde würden ihr Gespräch ohne Zweifel unterbrechen, wenn sie mitbekämen, dass sie wach war. Sie wollte doch zu gern wissen, woher Harry diese Information hatte und was die anderen erwidern würden.
„Klar, er war da und es hat ihn ganz schön irritiert, als Harry beim Davonschleichen fast über den Tarnumhang gestolpert wäre und es laut geknackt hat." Das war Ron und sein Tonfall verriet, wie wenig erfreut er über den Vorfall war.
„Wieso seid ihr beide eigentlich mitten in der Nacht hergekommen, um nach uns zu sehen?"
Gut, Ginny, dachte Hermione, das würde mich auch interessieren. Sie versuchte probehalber ihre Arme zu bewegen, ganz darauf bedacht, dass dies nicht auffiel. Es funktionierte.
„Na, weil sie uns vorher nicht zu euch lassen wollten und das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen." Man konnte hören, dass Harry bei den Worten ein Grinsen im Gesicht hatte.
Nach einer kurzen Pause fragte er:
„Was ist, Ginny? Wieso schüttelst du den Kopf und grinst dabei so merkwürdig?"
„Auch wenn ich es immer noch nicht ganz glauben kann, dass Snape sich mitten in der Nacht aufmacht, um nach uns … ähm nach Hermione zu sehen, es ist …", sie zögerte, „es ist irgendwie romantisch, dass er sich um sie sorgt."
„Romantisch! Bei dir klappert's wohl im Besenschrank, Schwesterherz. Snape und romantisch, das ist ja wohl wie …", hier suchte Ron wohl angestrengt nach einem passenden Vergleich, „wie Trelawney, die plötzlich zum Quidditch Star wird. Demnächst erzählst du uns noch, dass Dumbledore eine Freundin hat." Rons Ausbruch kam nicht unerwartet und diesmal hatte Hermione Mühe, keine Reaktion zu zeigen, denn sie schwankte zwischen Amüsiertheit über seine Vergleiche und Sorge um ihre Freundschaft.
Severus war also besorgt um sie. Ihr Herz machte einen schnellen Hüpfer. Gut zu wissen. Und ihre Freunde hatten einen weiteren Beweis, dass Snape nicht nur das Ekel war, das sie aus dem Unterricht kannten.
„Mensch, Ron, hör auf. Ich weiß, dass dir das nicht passt, aber Hermione kann es doch nicht einfach abschalten und …"
Hermione ahnte, dass eine Diskussion anstand, auf die sie absolut keine Lust hatte, also bewegte sie sich geräuschvoll und schlug die Augen auf.
Die drei Freunde wandten sich erwartungsgemäß ihrem Bett zu. „Hey, Mione, wie geht es dir?", wollte Ron wissen und schien seinen Wortwechsel mit Ginny schon fast wieder vergessen zu haben.
„Ich glaube ganz gut", war ihre Antwort, nachdem sie sich vorsichtig aufgerichtet hatte. Die Antwort entsprach der Wahrheit. Sie fühlte sich weder schwindelig noch war ihr übel und allmählich meldete sich ihr Magen. Die Unterhaltung ging mit belanglosen Themen weiter. Snape wurde mit keinem weiteren Wort erwähnt und schon nach kurzer Zeit kam Madame Pomfrey mit zwei Frühstückstabletts und einem neuen Stärkungstrank.
„Frühstück, ihr zwei, und danach eure Medizin. Und ihr Jungs lasst die beiden jetzt noch ein wenig in Ruhe. Ich sehe schon, dass es euch wieder besser geht, aber trotzdem werdet ihr noch bis heute Abend hier bei mir bleiben."
In ihrer energischen Art schob sie Harry und Ron, die noch zögerten, zur Tür und setzte einen ihrer strengen Blicke auf.
Kurze Zeit nachdem sie das Frühstück beendet hatten, klopfte es an der Tür. Nur wenig später stand Madame Pomfrey mit Molly und Arthur Weasley vor ihnen. Beide Gesichter verrieten auf den ersten Blick die Sorgen, die sie sich um ihre Tochter machten, und Hermione bemerkte, wie Ginny unruhig hin und her rutschte. Arthur sagte nicht viel, sondern ging nur zu Ginny und nahm sie in seine Arme. Molly dagegen war weniger zurückhaltend. Nach einer kurzen, aber intensiven Begrüßung, die fast den Eindruck machte, als wollte Mrs Weasley die beiden Mädchen zu Tode drücken, ging die Befragung los.
„Was ist passiert? Warum konntet ihr das nicht verhindern? War niemand da, um euch zu helfen? …" Ein ganzes Bataillon von Fragen stürmten auf sie ein und die Körpersprache von Ginnys Mutter ließ keine Zweifel daran, was sie davon hielt, dass gerade ihre Tochter eine so gefährliche Aufgabe übernommen hatte.
Es kostete alle Mühe, Mrs Weasley zu beruhigen und ihr zu erklären, wie wichtig es war, dass Ginny diese Arbeit tat. Ginny seufzte. „Mom, es ist das Richtige, und wenn ich eins bei dir und Daddy gelernt habe, dann ist es, dass man das Richtige tun sollte, auch wenn es nicht der einfache Weg ist. Ich habe früher schon genug verkehrt gemacht." Ginnys Worte nahmen ihrer Mutter alle Gegenwehr. Molly stoppte mitten im angefangenen Satz und schluckte sämtliche Argumente, die sie anbringen wollte, hinunter.
„Aber du bist doch noch …", fing Molly an, jedoch sprach sie den Satz nicht zu Ende. Stattdessen nahm sie ihre Tochter erneut in die Arme und seufze leise. „Ich mache mir einfach schreckliche Sorgen … um uns alle."
Nachdem diese Konfrontation sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte, unterhielten sie sich noch eine Weile über die Zwillinge und Bill. Trotzdem waren sowohl Ginny als auch Hermione erleichtert, als die Weasleys sich wieder auf den Weg machten.
Der Rest des Tages verlief ohne besondere Vorkommnisse. Die Jungs waren in ihren Klassen und sie und Ginny plauderten über alles Mögliche, allerdings nicht über einen gewissen Lehrer. Dennoch verrieten ihr die auftretenden Pausen in ihren Gesprächen, dass die Freundin sich ihre Gedanken zu diesem Thema machte. Immerhin hatte Ginny ihr indirekt zu verstehen gegeben, dass sie als ihre Freundin ihre Neigung zwar nicht verstand, aber akzeptierte. Hermione war froh darum, denn ihre Freundschaft war ihnen beiden viel wert und es war schön zu sehen, dass sie Bestand hatte, auch wenn eine Meinungsverschiedenheit vorhanden war.
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Am Abend betrat Hermione erleichtert den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Poppy Pomfrey hatte die beiden Schülerinnen mit den Worten entlassen, dass sie sich noch schonen sollten, aber durchaus am Unterricht teilnehmen könnten.
Die Schulsprecherin fühlte sich noch ein wenig schlapp, aber es ging ihr gut genug, um sich noch mit ihren Freunden zusammenzusetzen.
„Es war heute schon auffällig, dass die Slytherin sich so friedlich verhalten haben. Da steckt doch irgendein Trick dahinter. Wer weiß, was die noch alles planen?", fragte sich Ron.
„Also ich fand es mal angenehm, dass sie nicht ständig damit beschäftigt waren, sich gegenseitig Zaubersprüche und Flüche an die Köpfe zu werfen. Aber ich glaube nicht, dass die was planen." Harrys Gesicht war ernst und in seinen Augen war dieses Funkeln, das sagte: ‚ich weiß mehr als ihr'.
Hermione ließ den Blick über die anderen Gryffindors im Raum schweifen. Es hörte zwar niemand direkt zu, aber man wusste ja nie. Sie nahm sich vor, Harry später noch einmal darauf anzusprechen. Das Gespräch plätscherte so vor sich hin und bald verabschiedete sich Hermione müde von den anderen.
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Am nächsten Tag bekam Hermione Gelegenheit, sich die Veränderungen der Slytherins mit eigenen Augen anzusehen. Zu ihrem Bedauern war Severus an diesem Morgen beim Frühstück nicht anwesend. Aber die Schüler aus dem Haus der Schlange zu beobachten, war Abwechslung genug. Es war ein Unterschied wie Tag zu Nacht, doch die Slytherins selbst schienen es nicht so bewusst wahrzunehmen, wie anders sie sich verhielten.
In der großen Halle herrschte zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder Ruhe und Hermione beobachtete neugierig, wie die Slytherins friedlich wie noch nie miteinander umgingen. Das ging nicht mit rechten Dingen zu, dachte sie bei sich.
In diesem Moment ging Draco Malfoy an ihr vorbei. Sie erwartete den üblichen Kommentar von ihm, doch er ging stumm vorbei und blickte mit sonderbarem Gesichtsausdruck auf etwas oder jemanden in ihrer Nähe und verließ dann die Halle.
Die Schulsprecherin wandte den Kopf in diese Richtung und stellte erstaunt fest, dass Draco Ginny angeschaut hatte. In seinem Blick hatte kein Hass und keine Arroganz gelegen, sondern eher so etwas wie … hier stockte ihr Gedanke. Konnte es ein Blick voller Sehnsucht gewesen sein, den Draco Ginny zugeworfen hatte? Die Hexe beschloss, die Sache weiter zu beobachten.
Jetzt sah sie Blaise Zabini auf sich zukommen. Seine Augenbrauen zogen sich ein kleines bisschen zusammen und zeigten deutlich sein Bedauern. „Hermione, es tut mir Leid, das … das habe ich nicht gewollt", murmelte er leise. Der sonst eher zurückhaltende junge Mann legte seine Hand auf die ihre. „Es ist ja alles wieder in Ordnung, Blaise. Mach dir keine Sorgen. Es war gut, mal zu sehen, dass nicht immer alles so einfach ist." Sie lächelte ihn aufmunternd an.
Die Spannung löste sich aus den Zügen
des Slytherins. Er lächelte zurück und ging dann weiter.
Blaise wirkte etwas müde. Hermione beschloss, dass es an der
Zeit war, mit Harry zu sprechen. Nach dem Essen zog sie ihn mit sich
zu ihrem Zimmer.
„Was weißt du über die Slytherins
und ihr verändertes Verhalten?"
„Ich? Wie kommst du nur darauf?"
„Harry
James Potter, du kannst mir nichts vormachen. Ich habe dein Gesicht
beobachtet, als wir uns gestern darüber unterhalten haben. Du
hattest diesen Blick. Und nun raus mit der Sprache", erwiderte sie
in ihrem typisch herrischen Tonfall.
„Nun, ich weiß nicht besonders viel, aber ich habe mitbekommen, wie Professor Dumbledore mit Snape sprach und so etwas wie: ‚Gut gemacht, Severus!' gesagt hat. Dabei haben die beiden den Slytherins nachgeschaut. Also hat Snape seine Finger im Spiel und vielleicht auch der Schulleiter."
Bei der Erwähnung von Snapes Vornamen wurde Hermione plötzlich ganz warm im Gesicht und sie blickte zur Seite. Harrys Grinsen, welches sie aus den Augenwinkeln noch erfasst hatte, verriet ihr aber, dass er es gesehen hatte.
„War's das? Ich muss noch meine Sachen zusammen suchen. Bis gleich, Hermione", meinte der Dunkelhaarige kurz darauf und ging ohne ihre Antwort abzuwarten hinaus.
Hermione sah auf ihre Uhr. Mist, sie hatte gerade noch Zeit, ihre Tasche zu packen und sich auf den Weg zum Klassenzimmer zu begeben.
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Nach den aufregenden und anstrengenden Tagen der letzten Zeit kam es Hermione ein wenig merkwürdig vor, einen relativ normalen Tag zu erleben. Im Unterricht passierte nicht besonders viel und auch die Gesprächsthemen im Gryffindor Gemeinschaftsraum enthielten nur das übliche Stöhnen über den Unterrichtsstoff, ein wenig Quidditch oder Bemerkungen wie süß der ein oder andere Typ doch sei. Es kam Hermione vor wie die Ruhe vor dem Sturm. Harry wirkte äußerlich gefasst, aber wer ihn, wie die Schulsprecherin, näher kannte, der konnte erkennen, dass er mit den Gedanken ganz woanders war. Außerdem wirkte er sehr unruhig.
Beim Abendessen war das neue Verhalten der Slytherins schon fast ein alter Hut und die meisten Schüler widmeten sich dem Essen, als wäre es das letzte Mal, dass sie so etwas Leckeres bekämen. Hermiones Blick streifte zum wiederholten Mal den Lehrertisch.
In diesem Augenblick bemerkte sie, wie Albus sich mit einem eindeutig zu ernsten Gesichtsausdruck an Severus wandte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Der Schulleiter verschwand wieder. Nur kurze Zeit später stand der Zaubertranklehrer auf und verließ betont langsam die Große Halle. Auch von Minerva, die vorhin ebenfalls anwesend gewesen war, fehlte jetzt jede Spur.
Einem Impuls folgend stieß Hermione Harry und Ron an, nickte Ginny unmerklich zu und meinte: „Ich bin satt und muss noch mal in die Bibliothek, bevor es dort wieder voll wird."
Sie erhob sich und ging zügig hinaus. Draußen suchte sie nach den Lehrern. Harry und Ron folgten ihr kurze Zeit später nach. Mit einem Griff zog Harry die Rumtreiberkarte aus seinem Ärmel. Normalerweise trug er sie nicht ständig mit sich herum. Auf ihren fragenden Blick hin meinte er nur: „Ich will auf alles gefasst sein!"
Diese Aussage bestätigte Hermione, dass der Freund mehr wusste oder wahrnahm, als er preisgab. Sie bildete sich diese merkwürdige Unruhe also nicht nur ein. Schnell hatten sie herausgefunden, dass die drei Lehrer sich in einem kleinen, wenig benutzen Raum in der Nähe des Lehrerzimmers aufhielten. Beherzt klopfte Hermione an die Tür. Sie öffnete sich sofort. Dort standen die drei zwischen von Spinnenweben durchzogenen Tischen und Stühlen. „Ah, ihr seid es", kam es gelassen von Dumbledore. Er deutete ihnen, hinein zu kommen und die Tür zu schließen. „Ein gutes Timing. Ich habe gerade eine Nachricht von Alastor und Tonks bekommen." Er wartete geduldig, bis sie die Tür geschlossen hatten.
„Eine Schar von dunklen Gestalten hat sich im verbotenen Wald versammelt. Sie befinden sich in der Nähe des großen Weihers in der Mitte des Waldes. Man hat Dementoren, Vampire und einige Todesser dort gesichtet. Sie schienen auf etwas oder jemanden zu warten."
„Voldemort", nickte Harry bestätigend. „Ich kann spüren, dass er immer näher kommt." Sein Gesicht zeigte wieder diesen entschlossenen Ausdruck, den Hermione inzwischen schon so gut kannte. Niemand erwiderte etwas. Hermione meinte eine spürbare Spannung im Raum wahrzunehmen. Eine Mischung aus Furcht und Entschlossenheit machte sich breit.
Mehr aus dem Bedürfnis nach Schutz als aus logischem Denkvermögen kam eine Frage in ihr hoch. „Wie will er denn angreifen? Den Schutz, der um Hogwarts liegt, kann er aber doch nicht durchdringen oder … Albus?"
„Hogwarts gilt immer noch als einer der sichersten Orte der Zaubererwelt. Wir haben unser Möglichstes getan, um die Abwehrmechanismen und –zauber zu verstärken. Ob das ausreichen wird, kann ich leider nicht sagen. Tom ist ein sehr schlauer und fähiger Zauberer. Man darf ihn nicht unterschätzen. Wir müssen auf alles gefasst sein."
Für Hermione hatte der Schulleiter immer als die personifizierte Sicherheit auf Hogwarts gegolten. Ihn jetzt genau so unsicher und gar nicht allwissend zu erleben, ängstigte sie mehr, als sie zugeben wollte. Sie versuchte, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.
Albus hatte inzwischen weiter gesprochen. „Wir sollten zunächst die Kollegen und dann auch die Schüler informieren. Es ist wichtig, dass jetzt keine Panik ausbricht. Minerva, könntest du alle Lehrer benachrichtigen? Severus, bitte informiere Remus und die Weasleys. Die anderen dürften inzwischen durch Tonks die Nachricht erhalten haben."
„Wir werden die anderen vom DA-Club informieren." Harry sprach betont ruhig und Hermione bewunderte ihn dafür. Ihr Freund zog die falsche Galleone aus der Tasche seines Umhangs und aktivierte sie.
Dumbledore nickte. Es schien das Zeichen zum Aufbruch zu sein, denn die anderen begaben sich zur Tür. Hermione, die ihre Angst noch immer nicht ganz unter Kontrolle hatte, musste sich setzen, so sehr zitterten ihre Knie. Harry und Ron waren schon hinausgestürmt, um Ginny zu suchen. Die Schulsprecherin hatte ihren Blick auf den Boden gerichtet und bemühte sich, ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen, als sie den Schatten bemerkte, der sich direkt neben ihr befand.
Sie blickte auf und sah direkt in die dunklen Augen von Severus Snape. Einen Moment befürchtete sie, dass er eine ironische Bemerkung machen würde. Doch seine Augenbrauen waren nicht im ironischen Bogen nach oben gezogen, er betrachtete sie mit … Sorge?
Der Stolz der Gryffindor regte sich in Hermione. Sie wollte nicht, dass er sie so schwach erlebte, und wandte den Blick ab. „Es ist richtig und normal, Angst zu haben, Miss Granger", hörte sie seine Stimme. „Wer sich nicht vor dem dunklen Lord fürchtet, der ist ein Dummkopf. Es ist nur wichtig, sich nicht von dieser Angst beherrschen zu lassen."
Sie sah erneut nach oben. Der Zaubertränkemeister hielt ihr seine Hand entgegen, um sie hoch zu ziehen. Die junge Frau schluckte. Dann atmete sie tief ein und aus, um Kraft zu sammeln. Sie nahm seine Hand und stellte sich wieder auf ihre Füße. Einen Moment lang schauten sie sich ernst in die Augen.
„Hä-äm, Hermione?" Rons Stimme erklang von der Tür. Sein Tonfall war eindeutig verärgert und sein vorwurfsvoller Blick sprach Bände. „Wo bleibst du nur? Wir haben keine Zeit zu verlieren." Seine Miene war finster, als er Snape betrachtete; er konnte ein Schnauben kaum unterdrücken. Hermione hielt einen Moment die Luft an.
Snape tat, als wäre ihm nichts weiter aufgefallen. Nur seine Augen verengten sich ein wenig. Er sah Ron scheinbar gleichmütig an und meinte dann: „Mr Weasley hat ausnahmsweise einmal Recht. Sie sollten sich beeilen."
Mit den für ihn typischen Bewegungen drehte er sich um, wodurch sein Umhang aufwirbelte. Ehe sie sich versah, hatte er den Raum mit großen Schritten durchquert, wobei er leise vor sich her murmelte, und war verschwunden.
Ron verzog nur das Gesicht, hielt aber den Mund. Er nahm ihren Arm und zog sie mit sich. Gerne hätte Hermione ihm die Meinung gesagt, aber es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Der Bereich der Eingangshalle war mittlerweile voller Schüler, die ihr Abendessen beendet hatten und die große Halle verließen. Hermione konnte sich bei aller inneren Unruhe oder vielleicht auch gerade um sich abzulenken, einen Blick auf die Stundengläser nicht verkneifen. Sie musste unwillkürlich grinsen. Rons Augen waren ihrem Blick gefolgt und ihm entfuhr ein leises „Dieser Bastard", als er bemerkte, dass Gryffindor 20 Punkte verloren hatte.
Ein paar Freunde aus der DA hatten sich zu ihnen gesellt. Harry winkte ab, als sie anfingen, ihm Fragen zu stellen. „Wir treffen uns in einer halben Stunde im Raum der Wünsche", war seine einzige Antwort. Er hielt Ginnys Hand fest, als wolle er sie nie wieder los lassen. „Sorry, Leute, aber ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen. Wir sehen uns gleich." Mit diesen Worten zog er seine Freundin mit sich und war kurz darauf verschwunden.
„Lass uns schnell die Kurve kratzen, sonst sind wir dran", bemerkte Ron. Hermione, die das gleiche gedacht hatte, nickte und in völliger Eintracht liefen sie die Flure entlang zum Gryffindor Gemeinschaftsraum.
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Kurze Zeit später betrat Hermione zusammen mit Ron den Raum der Wünsche. Viele der Freunde waren bereits da und der Geräuschpegel hatte schon ein hohes Niveau erreicht, da Ernie, Hannah und die Patil - Schwestern eine Diskussion darüber begonnen hatten, warum sie denn nun hierher kommen sollten.
Schnell hatten sich die Augen der Schulsprecherin an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Auf den ersten Blick schien es, als entspräche die Einrichtung dem üblichen Übungsraum. Sie ging an den großen Kissen, die sich wie immer auf dem Boden befanden, vorbei. Aber schon die Titel auf den Büchern, die wie schon so oft auf den Holzregalen an den Wänden standen, verrieten, wie ernst es in diesem Fall aussah. Da waren Titel wie ‚Den Feind um jeden Preis niederstrecken' oder ‚Angriff als Präventivmaßnahme im Magierduell'.
Auch die Gegenstände waren um einige merkwürdig anzusehende Utensilien erweitert. Ein paar davon waren definitiv Waffen. Harry musste den Raum als Erster betreten haben. Dennoch konnte sie ihn bei ihrem suchenden Rundblick nicht finden.
Jetzt öffnete sich, wie aus dem Nichts, eine Tür, die vorher nicht zu sehen gewesen war, und Harry betrat den Raum. Direkt hinter ihm war Ginny, die noch immer seine Hand hielt. Trotz des dunklen Raumes war zu erkennen, dass ihr Gesicht förmlich glühte und ihre Lippen glänzten. Anscheinend hatten die beiden die Zeit gut genutzt.
Mit Harrys Erscheinen hatte sich das Gemurmel zuerst zu einem Flüstern gesenkt und war dann ganz verstummt. Der Ernst im Gesicht des jungen Mannes ließ einige schon ahnen, was der Zauberer ihnen zu sagen hatte.
Der Junge-der-überlebte räusperte sich. „Ihr wisst, lange Reden waren noch nie meine Stärke. Es ist soweit. Voldemort" - bei der Erwähnung des Namens zuckten noch immer einige der Zuhörer zusammen – „Voldemort macht sich zum Angriff bereit. Wir wissen noch nicht, was er vorhat, aber er ist hier … im verbotenen Wald."
Ein Tumult brach aus. Alle schienen auf einmal zu sprechen. Man konnte sein eigenes Wort kaum verstehen. Aufregung und Furcht waren so spürbar in diesem Raum, dass man beinahe danach greifen konnte. Nur mit Mühe schaffte Harry es, sich wieder Gehör zu verschaffen. Seine Stimme wurde sehr laut, um gegen das Gemurmel anzureden. „Leider haben wir keine Zeit mehr für weitere Experimente. Versucht ruhig zu bleiben und wenn es soweit ist, hoffe ich, ich kann auf euch zählen."
Sein Blick fiel auf Hermione. Sie wusste, was er sie damit fragen wollte. Ihr Herz fing an, schneller zu schlagen, und ihr war, als drücke eine unsichtbare Hand ihr den Hals zusammen. Doch sie schluckte tapfer ihre Angst hinunter und nickte ihm zu. Egal, was beim letzten Mal passiert war, sie würden es erneut versuchen und die magische Energie für ihn einsammeln.
Hermione schaute zu Ginny hinüber. Auf deren Gesicht erschien eine bittere Entschlossenheit und sie umfasste Harrys Hand. Dieser Blick ließ die Schulsprecherin ein wenig ruhiger werden. Gemeinsam würden sie es schaffen.
„Du kannst dich auf uns verlassen, Harry!", sagte Hermione und ging auf ihren Freund zu. Auch von den anderen kamen zustimmende Worte und Gesten. Harry holte tief Luft. Sein Gesicht verzog sich für einen Moment zu einer Grimasse. Dann entspannte es sich wieder. „Zunächst werden wir …"
Doch an dieser Stelle brach der Zauberer ab und verstummte. Einen Moment lang herrschte Stille, weil jeder darauf wartete, dass Harry weiter sprach. Aber nichts dergleichen geschah. Hermione starrte den Freund an. Sein eben noch auf sie gerichteter Blick wurde unscharf, so als wäre er mit seinen Gedanken ganz weit weg.
Da stimmte doch etwas nicht!
„Harry, Harry, was ist los?" Ginnys Stimme war eindeutig zu schrill und zu hoch. Die Rothaarige zog ihren Freund am Arm und als er nicht reagierte, wedelte sie wie wild mit ihren Händen vor seinem Gesicht.
Der Dunkelhaarige zeigte keine Reaktion. Er starrte weiterhin mit glasigen Augen geradeaus; sein Blick verlor sich in weiter Ferne. Plötzlich kam Bewegung in ihn und Hermione wollte schon erleichtert aufatmen, als sie bemerkte, wie er Ginny einfach von sich wegschob und wortlos zum Ausgang schritt.
Als Ron Harry in den Weg trat, wurde dieser achtlos beiseite gestoßen und musste aufpassen, dass er nicht zu Boden stürzte. Mit festem Griff umfasste Hermione ihren Zauberstab, richtete ihn auf den Freund und rief: „Finite Incantatem". Doch nichts geschah. Harry lief einfach weiter. Die anderen wichen sofort zur Seite wodurch er ungehindert den Raum verlassen konnte.
Hermione, Ron und Ginny folgten ihm im kurzen Abstand. Die Flure waren allesamt verlassen. Der Freund schien sein Tempo zu beschleunigen. Er rannte die Treppen förmlich herunter. Um den Abstand nicht zu groß werden zu lassen, hetzten die drei hinterher.
Trotzdem wurde die Distanz zwischen ihnen immer
größer. Als Ginny, Ron und Hermione sich gerade mitten auf
der Treppe in der zweiten Etage befanden, fing diese an zu wackeln.
Die Treppe würde ihre Richtung ändern. Auch das noch! Da
fluchte Ron kurzatmig:
„Verdammt, er will nach draußen.
Was sollen wir jetzt machen?"
Ende des Kapitels
