Veränderte Perspektive
von Callista Evans
Kapitel Nr. 18: Instinktiv
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen. Die Stories allerdings sind mein Eigentum.
A/N: Es geht weiter, denn ich kann euch doch nicht im Regen stehen lassen ;) Auch bei diesem Kapitel geht mein Dank an meine Betas Simone und Mariacharly, die weiter auf der Jagd nach den Fehlerteufeln waren.
Auf diesem Weg vielen Dank an Susanna (vielen Dank für deine Geduld, es wunderbar zu lesen, dass du noch mitfieberst und es dir noch immer gefällt) und Poetica (ja, du hattest Recht und ich fand es toll, dass du es sofort erkannt hast. Was die Cliffies angeht, so mag ich sie einfach gerne ;)).
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Der Gesang verebbte und mit ihm auch die betörende Wirkung auf seinen Geist. Von einer Sekunde auf die andere erwachte Severus Snape aus seiner Starre. Trotz der verwirrenden Umstände reagierte sein Körper sofort. Reflexartig versuchte er, nach seinem Zauberstab zu greifen und bemerkte erst jetzt, dass seine Hände magisch auf den Rücken gefesselt waren.
Wütend zerrte Snape an den Banden, doch diese schnürten sich nur noch enger um seine Handgelenke. Seine Augen gewöhnten sich gerade erst an diese Mischung aus Dunkelheit und flackerndem Licht, dennoch versuchte er sofort, sich zu orientieren.
So viel zum Thema Vorbereitung auf den Kampf!
Hier stand er, ohne Zauberstab, gefesselt, in mitten einem Meer aus Todessern, und schaute in das unbarmherzige, unmenschliche Gesicht des dunklen Lords, dessen Züge zu einer entstellten Grimasse verzogen waren.
Allerdings waren die rot funkelnden Augen nicht auf ihn gerichtet, sondern sie starrten auf eine Stelle direkt neben ihm, und ein Seitenblick verriet dem Zaubertränkemeister, wer sich neben ihm befand.
Es war Harry Potter, der schmerzverkrümmt neben ihm stand und hartnäckig versuchte, nicht umzufallen.
Doch es blieb keine Zeit für weitere Gedanken oder gar Mitleid. Severus musste sich orientieren, herausfinden, was genau hier passiert war, und wie sie aus dieser Situation wieder herauskamen - am besten bevor der dunkle Lord seine Aufmerksamkeit auf ihn richtete.
So gut sie es vermochten, suchten seine Augen rasch die Umgebung ab. Sie befanden sich im Zentrum des Geschehens, welches durch ein Feuer gut beleuchtet wurde.
Es war ein fast bizarrer Kontrast, im Hellen schienen Zeit und Raum stehen geblieben zu sein, so als ob sie unter einem Schutzzauber stünden, während um sie herum, in der Dunkelheit, die Kampfgeräusche immer weiter zunahmen.
Nur am Rande nahm Severus wahr, welche Gestalten - inzwischen stumm - am Rande des Weihers saßen. Frauen mit Vögelleibern - Sirenen! Das erklärte seinen Zustand zumindest zum Teil und ebenfalls das seltsame Verhalten der Todesser, die zuvor alle an ihren Ohren hantiert hatten.
Nur wenige Todesser befanden sich in der Nähe des dunklen Lords. Snape erkannte sie nicht alle, da sie ihre Masken trugen, aber Pettigrew war allein schon aufgrund seiner gebeugten Haltung auszumachen. Niemand schien Severus oder Potter anzugreifen, sie waren wohl allein für Voldemort bestimmt.
Überall in der Nähe, dort, wo vor Dunkelheit kaum etwas zu erkennen war, schien ein Kampf zu toben, dessen Ausmaß Severus nur erahnen konnte.
Sprüche wurden gerufen, geröchelt, geraunt. Stimmen, mal leise, mal laut, fluchten, flüsterten, formulierten einen Zauber nach dem anderen. Rote, grüne, gelbe Blitze zischten hin und her, trafen ihr Ziel, andere verfehlten es, verpufften und ließen kurze Einblicke in den Wald vernehmen, um Sekundenbruchteile später wieder zu verglühen.
Die kurzen Einblicke in das Kampfgeschehen hinterließen einen bitteren Geschmack in Snapes Mund. Hilflosigkeit, Wut, Angst und Trauer, all diese Gefühle schienen ihn auf einmal zu überwältigen und mussten doch unterdrückt werden. Auf dem Boden zwischen den Bäumen lagen Gestalten – nicht als Feind nicht als Freund zu identifizieren - teils reglos, teils vor Schmerzen zuckend, bleich, mit Blut bedeckt …
Es war schwierig Einzelheiten auszumachen. Dennoch glitten Snapes Augen durch die Dunkelheit, suchten nach Gesichtern, vertrauten Zügen.
Wo war sie?
Ab und zu glaubte er jemanden zu erkennen, doch die Lichtverhältnisse waren einfach zu schlecht. Allein bei einem war er sich sicher: die Person dort drüben links neben der dicken Eiche war Remus, dessen Zauberstab gerade einen wahren Hagel an Zaubern auf zwei schwarze Gestalten versprühte.
Doch da war noch eine Sache, die ihm zu schaffen machte: Wo war Albus Dumbledore?
Voldemort schien sich dasselbe zu fragen, denn seine roten Augen bewegten sich immer wieder suchend hin und her, während er Harry Potter beschimpfte und verhöhnte. Snape kannte seinen ehemaligen Meister zu gut, um nicht zu wissen, dass er auf etwas Bestimmtes wartete.
Als hätten die Gedanken ihn gerufen, stand Dumbledore mit einem Mal im hellen Feuerschein da, scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Erhobenen Zauberstabs schritt der alte Magier auf Voldemort zu.
Dieser hatte mit der Ankunft seines Gegners gerechnet oder sie sogar erwartet. Ein lässiger Wink aus dem Handgelenk des Dunklen Lords und demonstrativ richteten seine Gefolgsleute ihre Zauberstäbe auf Snape und Potter. Gelassen und als käme er nur zum Tee vorbei, nickte Albus seinem Gegner zu.
„Hallo, Tom!", grüßte er ihn mit freundlicher Stimme.
„Dumbledore, da bist du ja endlich. Wir haben nur auf dich gewartet." Die Stimme des Dunklen Lords war klar und deutlich zu verstehen, selbst durch das Getöse des Kampfes im Hintergrund. „Wie du siehst, sind deine ‚besonderen Freunde' schon länger bei uns. Du kommst gerade rechtzeitig, um mit ansehen zu können, wie dein Schützling von uns geht. Und danach werde ich mich um den Verräter kümmern."
„Tom, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich tatenlos zusehen werde, wie du Harry und Severus tötest?" Er machte eine Pause. „Wir beide brauchen uns doch nichts vorzumachen. Du hattest vor, mich auf diesem Weg zu dir zu locken und hier bin ich. Für Winkelzüge ist wohl kaum der richtige Augenblick."
Der Dunkle Lord wirkte überrascht von den sehr direkten Worten des alten Magiers, denn er war es nicht gewohnt, dass jemand sofort zur Sache kam. Severus fragte sich, was Albus geplant hatte und wie er sich gegen den dunklen Zauberer wehren wolle, wenn dieser doch seine beiden Gefangenen als Druckmittel benutzen würde, und dass Dumbledore Harry freiwillig opfern würde, kam auf keinen Fall in Frage.
Es krachte ein Stück weiter links, als erneut ein Fluch sein Ziel verfehlte und in eine ausgedorrte, trockene Tanne traf, die sofort lichterloh zu brennen begann. Im Schein ihres Lichts erkannte Snape nun doch einige Gestalten. Da war Tonks mit ihren rosafarbenen Haaren, wie sie gekonnt den Flüchen auswich und selber einen Spruch nach dem nächsten abfeuerte. Ihr heller Umhang war schmutzig, als hätte sie sich auf dem Boden gewälzt. Direkt nebenan war Flitwick, der als ehemaliger Duellmeister in seinem Element schien, und der, um seine Größe auszugleichen, auf einem Baumstumpf stand.
Doch für Snape war es wichtiger, die Auseinandersetzung zwischen Voldemort und Dumbledore zu verfolgen ... Gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn Albus verkündete in dem Moment: „Dann sollte es aber auch ein Gefecht zwischen uns beiden bleiben."
Ein rascher Seitenblick des alten Magiers fiel erst auf Harry, dann auf Snape.
Ehe irgendjemand reagieren konnte, machte Dumbledore eine schnelle Bewegung. Er wirbelte im Halbkreis herum, die bislang geballte Faust öffnete sich. Das Letzte was Severus sah, bevor er instinktiv die Augen schloss, war glitzernder, feiner Sand, der sich wie zu einer Art Nebenschwaden umformte und die Todesser einhüllte.
Als aus ihrer Richtung Schmerzensschreie und Wutgeschrei zu ihm drangen, wusste der Zaubertränkemeister, dass Albus sein Ziel erreicht hatte. Die Helfer der Dunklen Lords würden beschäftigt sein, bis sie wieder klar sehen zu konnten – aber das würde noch einige Zeit dauern. Am vertrauten Geräusch erkannte Severus, wie hastig Masken abgerissen wurden.
Snape konnte seine Schadenfreude nicht unterdrücken. Er überlegte, ob es bereits sicher genug war, seine Augen wieder zu öffnen. Da glaubte er eine leise Stimme zu hören.
„Sir!"
Vorsichtig öffnete der Zauberer erst das eine und dann das andere Auge. Er versuchte herauszubekommen, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war, und sein Blick blieb an Potter hängen. Der junge Mann schaute ihn eindringlich an. Severus musterte ihn scharf und entdeckte dann, dass der Schüler seine Hände frei bewegen konnte, aber immer noch so tat, als sei er gefesselt.
Dann spürte der Lehrer für Zaubertränke, wie jemand sich an seinen Fesseln zu schaffen machte. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, machte er zunächst keine Anstalten, sich herumzudrehen. Dennoch fiel es ihm schwer, seine Neugierde zu unterdrücken.
In der Zwischenzeit hatte Dumbledore den Dunklen Lord in ein Gefecht verwickelt. Damit lenkte er Voldemorts ganze Aufmerksamkeit auf sich. Plötzlich verdunkelte sich die Waldfläche um sie herum. Einer der Zauber war anscheinend in den Weiher fehlgeleitet worden. Seine gewaltige Kraft hatte eine riesige Welle kalten Wassers hervorgerufen, die das Feuer nahezu zum Erlöschen brachte.
Die Sirenen waren bereits zurück gewichen. Der Raum, den der Kampf der beiden magischen Giganten einnahm, wurde immer größer. Die Luft flimmerte. Severus konnte deutlich die magische Energie wahrnehmen, die von den Kämpfenden ausging.
Das brachte seine Gedanken zurück zu einer anderen Person, die er noch immer nicht erblickt hatte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Hermione Granger nicht bei dem Kampf dabei war. Es ging schließlich darum, ihren Freund Harry zu befreien. Wo war sie?
Er fühlte, dass seine Hände nun frei waren und um sich zu vergewissern, bewegte er sich vorsichtig.
Noch immer waren die meisten Todesser erfolglos damit beschäftigt, die herkömmlichen Zauber auszutesten, um Albus' Spezialsand aus den Augen zu entfernen.
Er riskierte nun doch einen Blick nach hinten und sah … niemanden. Dafür fühlte er eine kleine, kalte Hand, die seine drückte und ihm dann einen Zauberstab übergab. Er nahm das fremde Holz und verstaute es zunächst unauffällig in seinem Ärmel.
Die Gestalten von Dumbledore und Voldemort waren nun von einem Flammenmeer umgeben. Beide waren für den Moment so auf den anderen fixiert, dass sie nichts anderes wahrzunehmen schienen. Genau der richtige Zeitpunkt, um sich aus dem Zentrum des Geschehens zu entfernen. Snape richtete seine Augen auf Harry, der ihn genau beobachtete und nur auf ein Zeichen zu warten schien.
Ein kurzes Nicken, eine schnelle Bewegung mit der Hand und beide Zauberer standen mit gezücktem Zauberstab vor den überraschten Todessern, deren Augen gerötet und voller Tränen waren.
Severus fand sich Rücken an Rücken mit dem Schüler wieder, den er jahrelang nur verachtet und gehasst hatte. Doch das war jetzt unwichtig. Allein die Tatsache, dass der junge Magier wusste, wie man kämpft und überlebt, war entscheidend.
Gemeinsam schickten sie Salve um Salve aus Flüchen und Zaubersprüchen gegen die Feinde. Ein Fluch traf Snape in die Seite. Er taumelte und wäre fast gefallen, aber im letzten Moment hielt Potter ihn am Arm fest. Mit einer schnellen Handbewegung ließ Harry seinen Zauberstab über Severus gleiten und erstickte so die kleine Flamme, die Snapes Umhang zu verbrennen drohte.
Für einen winzigen Moment hatte Severus ein Déjà vu und für einen Moment sprangen seine Gedanken zu der Person, die ihn vor Jahren auf diese Weise außer Gefecht gesetzt hatte. Aber dafür war nicht der richtige Augenblick. Snape konzentrierte sich erneut.
Sie zwangen die letzten Gegner zurück und setzten sie mit dem ‚Petificus totalus' außer Gefecht.
„Wo sind sie?" Severus wunderte sich, wie rau seine Stimme klang, als er Harry diese Frage zurief, während sie sich in die Dunkelheit begaben.
Er brauchte dem Schüler nicht zu sagen, wem seine Frage galt, da war er sich sicher.
Doch da kamen ihnen mehrere Vampire entgegen gestürmt. Wieder mussten sie sich verteidigen, es blieb keine Zeit nachzudenken, keine Zeit sich zu verständigen. Snapes Körper übernahm die Führung, er wehrte sich mit Sprüchen, die er glaubte, schon längst vergessen zu haben.
Plötzlich standen ihnen zwei Personen gegenüber. Der eine war noch durch die Maske vermummt, doch Snape hatte Lucius Malfoy sofort erkannt. Die bedrohlich wirkende Haltung hatte allerdings keine Wirkung auf Severus. Direkt daneben stand Draco. Er wirkte seltsam abwesend.
Sofort regte sich beim Zaubertränkemeister das schlechte Gewissen. Schließlich hatte er die Schüler seines Hauses mit dem besonderen Trank ruhig gestellt und somit dafür gesorgt, dass sie die denkbar schlechteste Ausgangsposition in diesem Kampf hatten.
„Snape!" Lucius' Stimme klang kalt und die Verachtung war unüberhörbar. Der Kampf war an dem stolzen Mann nicht spurlos vorüber gegangen. Dem sonst so auf sein Äußeres bedachten Todesser war die Maske im Gesicht verrutscht und von dunklen Spritzern Dreck oder Blut überzogen. Sein teurer Umhang hing zu einer Seite bis zum Boden herab und Stofffetzen streiften über die Erde. In der Hand den Zauberstab bewegte sich der ehemalige Freund auf ihn zu.
„Verräter! Ehrloser Betrüger! Du glaubst wohl, dass du entfliehen kannst? Wie konntest du so tief sinken?"
Lucius' Handbewegung war fließend und seine Worte kaum zu verstehen.
Snape blieb gerade noch Zeit für einen Gegenzauber, als der gelbe Blitzstrahl des Zauberstabs auf ihn losschoss. In allerletzter Sekunde wurde er abgelenkt und zischte an ihm vorbei ins Nichts.
Doch Lucius ließ ihm keine Pause, er feuerte neue Zauber hinterher, immer schneller, bis Severus, der mit dem fremden Zauberstab erheblich mehr Kraft und Energie aufwenden musste, um sich zu verteidigen, zurückweichen musste.
Potter schien noch mit Draco beschäftigt zu sein, wenngleich dieser in seinem Zustand kein ernstzunehmender Gegner sein konnte. Lucius schien seinen Sohn vergessen zu haben. Severus war sich sicher, dass der Vater durchaus den merkwürdigen Zustand seines Sohnes bemerkt haben musste. „Dein Sohn …", keuchte der Meister der Zaubertränke in dem Versuch Zeit zu schinden.
„Mein Sohn!" Lucius spuckte die Worte förmlich aus und mit einer blitzschnellen Geste warf er die Maske vom Gesicht und starrte Snape wutentbrannt an.
Severus kannte Lucius und seine Launen, aber so zornig hatte er ihn nie zuvor erlebt. „Mein Sohn hat nicht bemerkt, dass er einem Zauber zum Opfer fiel … mein Sohn hat entweder Gefühle für ein Schlammblut oder für eine Blutverräterin. Mein Sohn ist unfähig, auf sich selbst aufzupassen und selber Schuld, wenn er jetzt dafür bezahlen muss!"
Sein Gesicht war vor Abscheu völlig verzerrt.
Severus war Slytherin genug, Lucius' Emotionen zu seinem Vorteil zu benutzen. Jetzt war er es, der Zauber um Zauber aus dem Stab in seiner Hand entließ. Der blonde Mann war ein harter Gegner, er wich geschickt aus und wehrte die anderen Sprüche ab.
Durch ihren Kampf hatten sie sich weiter in den Wald bewegt. Severus hatte zunächst nicht darauf geachtet, aber jetzt fraß sich die Kälte um so mehr in sein Bewusstsein. Er spürte, dass sie nicht nur natürlichen Ursprungs war, nein, es war eine Kälte, die sich auch in seinem Inneren ausbreitete. Dementoren! Auch Lucius schien sie zu spüren, denn er hielt inne.
Sie sahen sich an und dann verschwamm auch schon Snapes Sicht. Die eisige Kälte verdichtete sich, schien sich in ihn hinein zu fressen, ihn mit sich zu reißen in eine bodenlose Tiefe. Es war als wäre die Luft zu Eis geworden. Er vernahm plötzlich die tiefe Stimme seines Vaters. „Das wird dich lehren, mir nicht zu gehorchen, du undankbarer …" Instinktiv beugte sich Severus nach vorne, rollte sich zusammen, die Arme wie zum Schutz über dem Kopf. Jetzt wurde der Tonfall höher und die Figur veränderte sich. Snape schaute auf. Sie schien auf dem Kopf zu stehen ... oder nein, er hing kopfüber in der Luft.
„Wer will sehen, wie ich Snivellus die Unterhose ausziehe?"
Nur mit Mühe riss er sich gedanklich von der Erinnerung los.
Glücklicher Gedanke, glücklicher Gedanke. Mit letzter Kraft klammerte sich Severus an diese Worte und wiederholte sie wie ein Mantra. Er suchte verzweifelt in seinem Geist nach einem Moment, einer Erinnerung, die er nutzen konnte, um einen Patronus-Zauber zu erzeugen, während sein Körper zu erstarren schien, festgehalten im Frost, ohne Hoffnung, ohne auch nur den Hauch von Wärme weder von innen noch von außen. Wahrscheinlich war es das Beste, einfach aufzugeben und sich mit dem Unabänderlichen abzufinden.
Doch halt, da war es, erst winzig klein, doch das Gefühl schien sich auszubreiten. Es blieb keine Zeit, sein Gewissen zu fragen, ob es richtig war, was er tat. Er tauchte in die Erinnerung ein. Sie wurde immer deutlicher vor seinem inneren Auge: große, braune Augen, ein Lächeln, Locken, die sich wunderbar weich anfühlten, süße warme Lippen auf den seinen.
Einen Moment lang ergab er sich selbstvergessen der Erinnerung an dieses wunderbare Gefühl, denn diese allein schien ihn schon zu wärmen.
Wärmen! Wie ein eisiger Dolch durchfuhr es ihn, als die Realität ihn wieder in ihren Klauen hatte. Es wurde höchste Zeit zu handeln, sonst war alles zu spät!
Er formulierte die Worte, um den Schutzzauber auszusenden. Völlig verfroren beobachtete er, wie sich ein feiner, weißer Faden von dem Zauberstab in seiner Hand löste und zügig eine feste Form annahm. Noch immer waren seine Gedanken bei ihr, als der Patronus seine endgültige Form annahm und die Kälte langsam nachließ.
Erschöpft ließ er sich auf den Boden sinken.
Ausruhen! Nur einen Moment …
Schwer atmend folgte sein Blick der weißen, geistgleichen Sphinx, die die Dementoren mit all ihrer Macht zwang, sich zurückzuziehen.
Severus zog den Umhang fester um sich, um der noch immer vorhandene Kälte entgegen zu wirken. Dabei tasteten seine Finger an der linken Tasche vorbei, deren Inhalt er hervorzog.
Schokolade?!
Da er erinnerte sich, dass Albus vor zwei Tagen meinte, ihm diese Süßigkeit zustecken zu müssen. Waren das seherische Fähigkeiten oder nur der übliche Drang, seine Leckereien mit allen teilen zu wollen? Egal, mit noch zittrigen Händen entfernte er das Papier und schlang die braune, süße Masse hinunter.
Der Gedanke an Albus ließ ihm keine Ruhe. Er hatte sich schon viel zu lange aufhalten lassen, er musste wieder zurück, um den Schulleiter und die anderen beim Kampf zu unterstützen. Wo steckte denn Potter inzwischen?
Mit zusammengebissenen Zähnen zog er sich hoch. Ohne einen weiteren Blick an Lucius zu verschwenden, lief der Zaubertranklehrer auf die Stelle zu, wo gerade unter lautem Krachen ein neues Flammenmeer in die Luft stieg.
Durch das Chaos wusste er nicht genau, wohin er sich zuerst wenden sollte, wusste nicht einmal, wer seine Unterstützung nötiger gebrauchen konnte, Albus oder Harry. Die oberste Priorität bestand darin, dass sie es schafften, den Dunklen Lord ein für alle Mal zu erledigen, zu vernichten. Wie es meistens in Kriegsschlachten war, konnte man diese nicht bis ins kleinste Detail planen, da durch den Gegner eine große Unbekannte in die Rechnung einging, die unberechenbar war.
Er hielt gedanklich inne, als ihm bewusst wurde, wie theoretisch und damit absurd seine Gedankengänge waren, während seine Füße sich rein mechanisch weiter vorwärts bewegten. Er versuchte seine Überlegungen auszublenden und sich allein auf seine Instinkte zu konzentrieren.
Seine Schritte richteten sich erneut der freien Fläche zu, an dessen Rand prasselnde Flammen nun für so viel Licht sorgten, dass Snape erkennen konnte, wie eine Gestalt gerade in diesem Moment mehrere Meter über ihnen durch die Luft geschleudert wurde, um dann gleich einem schweren Sack mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufzuprallen. Das grässliche, grausame Gelächter, das dieses Bild untermalte, gellte dröhnend und unangenehm vertraut in seinen Ohren. Von Flammen fast umringt, lag dort ganz von seiner farbenfrohen Robe bedeckt, still und ohne sich zu rühren, Albus Dumbledore.
Snape stockte der Atem, als Sekunde um Sekunde verging, ohne dass sich etwas tat, ohne dass sich der Schulleiter bewegte. Die Zeit schien still zu stehen und alle Geräusche, selbst das schrille, wahnsinnige Gelächter, schien meilenweit entfernt zu sein, bis es schließlich ganz verstummt war und das Knistern des Feuers die einzig, hörbaren Laute bildete. Der Qualm musste seine Augen erreicht haben, denn der Zaubertränkemeister hatte mit einem Mal Mühe klar zu sehen und blinzelte heftig.
Dann ertönte ein hoher, klagender Laut.
„Albus!"
Aus der Dunkelheit stürzte Minerva McGonagall auf die leblose Gestalt, ohne an ihre eigene Sicherheit zu denken. Bevor sie ihr Ziel erreichte, nahm Snape die Bewegung wahr.
Dort, gegenüber im Dämmerlicht!
Doch ehe er reagieren konnte, war es schon geschehen. Die Lehrerin für Verwandlung wurde von einem grünen Blitz getroffen. Sie sank leblos zu Boden, nur wenige Meter neben ihrem Lebensgefährten.
Ende des Kapitels
A/N: Dieses Kapitel hat mich einiges an Haareraufen und Fluchen gekostet und deshalb bin ich sehr neugierig auf eure Meinung.
