Abraxas stützte beide Hände an den Fliesen ab, während das heiße Wasser über seinen Rücken lief. Den Blick zum Boden gesenkt, verharrte er in dieser Position, während seine Gedanken sich immer schneller drehten. Er konnte immer noch nicht fassen, was gerade vorgefallen war. Welche Freiheiten er sich mit Hermine genommen hatte.
Und dass sie ihn dafür nicht zurechtgewiesen hatte, sondern im Gegenteil angedeutet hatte, dass sie es auch wollte.
Scham brannte heiß in ihm, als er sich daran erinnerte, wie gut sie sich angefühlt hatte in seinen Armen. Wie ihr leises Stöhnen Dinge mit ihm angestellt hatte, die er nie für möglich gehalten hatte. Sie gehörte Tom. Abraxas war sich inzwischen nicht mehr sicher, ob wirklich Liebe zwischen den beiden war, aber das war irrelevant. Hermine war nicht seine. Er hätte sie niemals anfassen dürfen. Er wusste, wie sehr sie ihn mochte, wie sehr sie darunter litt, zu Tom zu gehören, und doch hatte er die Finger nicht von ihr lassen können. Er hatte sie verführt.
Er atmete tief durch und richtete sich auf. Irgendwann würde er sich wieder der Realität stellen müssen. Hermine hatte Seiten an sich, die sie perfekt für Tom machten. Sie war unfassbar stark und intelligent. Er hatte gesehen, wie gnadenlos sie sein konnte. Er hatte am eigenen Leib gespürt, dass sie die Macht und den Willen hatte, andere zu quälen, wenn es Tom verlangte.
Unbarmherzig, mächtig, zu allem entschlossen.
Das war die Hermine an der Seite von Tom. Aber Abraxas wusste, das war nicht alles. Er hatte genau gesehen, wie zerbrechlich sie sein konnte. Wie gut und offen und warmherzig. Er sah in ihren Augen, dass sie ehrlich zu ihm war. Er sah in ihren Augen, wenn sie litt, wenn sie versuchte, stark zu sein, obwohl sie sich schwach fühlte. Sie hatte ein gutes Herz und deswegen war er ihr verfallen. Mehr als irgendein Mensch, den er je kennengelernt hatte, wusste er, dass Hermine ein gutes Herz hatte. Sie war es wert, dass er für sie kämpfte.
Entschlossen drehte er das Wasser ab und griff nach dem Handtuch, das er sich um die Hüfte band. Aus dem Spiegel starrte ihm das immer gleiche blasse Gesicht entgegen. Nichts deutete darauf hin, dass sich etwas verändert hatte, doch er spürte tief in sich, etwas war anders. Sie hatte zugegeben, dass sie ein Geheimnis hatte. Sie wollte es ihm erzählen, aber sie konnte noch nicht. Er würde es herausfinden. Und dann würde er dafür sorgen, dass er da sein konnte für sie, wenn sie bereit war, sich ihm zu öffnen.
Er hatte nicht vor, Tom zu betrügen. Trotz allem, was Hermine durchleiden musste an Toms Seite, hatte er immer noch Respekt für seinen Freund. Er hatte ihm Treue geschworen und er meinte es noch immer ernst. Eine Welt, in der Zauberer und Hexen sich nicht verstecken mussten, in der sie sich um die Schwächeren, die Muggel kümmerten, das war eine Vision, die er teilte. Seit jeher war seine Familie darauf bedacht, das Blut rein zu halten, um stark zu bleiben, und jetzt endlich, mit ihm, war es an der Zeit, diese Stärke zu nutzen.
Nein, er würde Tom nicht betrügen. Er würde tun, was seine Pflicht war: Eine Familie gründen, einen Erben zeugen und das Haus Malfoy auf immer zur Loyalität gegenüber Tom Riddle verpflichten. Gemeinsam würden sie eine bessere Welt für alle erschaffen.
Aber wenn entlang des Weges Hermines Herz sich ihm zuwandte, wenn sie Tom verließ, dann wäre er da.
Grimmig rieb nickte er seinem Spiegelbild zu. Es war an der Zeit, die Fühler auszustrecken und Vorbereitungen zu treffen. Es war an der Zeit, seinen Vater um Hilfe zu bitten.
oOoOoOo
Hermine lag im Bett, ihr Kopfkissen mit Armen und Beinen umklammert, die Decke über den Kopf gezogen. Sie wünschte, sie könnte die Welt um sie herum vollständig aussperren. Sie bereute, was vorgefallen war.
Nicht, weil sie bereute, Abraxas näher gekommen zu sein. Vielmehr hatte sie realisiert, dass es egal war, wie sehr sie Abraxas mochte. Wie sehr sie sich wünschte, ein Leben mit ihm aufbauen zu können. Nicht nur ihre Zeitreise machte das unmöglich.
Auch Tom stand dem im Weg.
Ohne dass sie es recht bemerkt hatte, hatte sie einen Teil ihres Herzes an ihn verloren. Wo sie sich bei Abraxas wohl und geliebt fühlte, fühlte sie sich bei Tom herausgefordert und gesehen, wie es noch nie jemand vorher getan hatte. Ihre Beziehung zu ihm war ungesund, dessen war sie sich bewusst. Und doch konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass sie an seiner Seite ihr volles Potential erreichen könnte.
Abraxas würde sie glücklich machen, daran hegte sie keinen Zweifel. Aber konnte sie wirklich glücklich sein, wenn sie nicht herausgefordert wurde?
Als sie kurz zuvor unter der Dusche gestanden hatte, war ihr das aufgegangen. Es war, als ergäbe plötzlich alles Sinn. Sie liebte Abraxas aus ganzem Herzen, aber sie konnte nicht länger sagen, dass sie Tom nicht liebte. Gerade in den letzten Wochen hatte er zudem eine überraschend fürsorgliche Seite gezeigt, die es ihr nur noch schwerer gemacht hatte, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen.
Wie sollte sie jetzt frohen Mutes in die Zukunft zurückkehren, wenn ihr Herz so an die Vergangenheit gefesselt war? Wie sollte sie in der Zukunft Voldemort zerstören, wenn sie doch Tom verfallen war?
Fest presste sie ihre Kiefer aufeinander, um die Tränen zurückzuhalten, die unwillkürlich in ihr aufgestiegen waren. Sie musste sich beruhigen und darüber nachdenken. Über alles. Aus einer ganz neuen Perspektive. Unter einer anderen Prämisse. Vielleicht war es nicht ihr Ziel, einen Weg zu finden, Voldemort in der Zukunft zu töten. Vielleicht war das Gegenteil der Fall und sie sollte den Samen pflanzen, der es ihr erlaubte, ihn in der Zukunft von seinem irrsinnigen Plan abzubringen.
Genervt stieß sie die Luft aus und zog sich die Decke vom Kopf. Ihr Herz schmerzte, aber sie war nicht dafür geschaffen, tatenlos rumzusitzen und abzuwarten. Sie musste das Gespräch mit Tom über die Horkruxe fortführen. Sie musste wissen, was er sich dabei dachte. Wenn sie ihn in der Zukunft auf einen anderen Weg lenken wollte, musste sie seine Beweggründe verstehen. Ging es ihm wirklich nur darum, dem Tod zu entkommen?
Wusste er, dass sie zerstört werden konnte? Und wenn ja, wusste er wie? Machte er sich darüber überhaupt Gedanken? Wie schnell würde er neue Horkruxe erschaffen? So viel, was sie nicht wusste.
Es war an der Zeit, dass sie ihre Mission ernstnahm und das tat, was sie für richtig hielt. Sie hatte sich selbst in die Vergangenheit geschickt – und nach ihrer jetzigen Annahme war alles, was ihr widerfahren war, ihr schon immer hier widerfahren. Sie würde also immer an diesem Punkt angekommen sein, wo ihre Gefühle für Tom sich geändert hatten. Sie würde immer nach einem Weg gesucht haben, Tom nicht zu töten, sondern von seinem Plan abzubringen.
Das war die ganze Zeit ihre Mission gewesen.
Sie würde sich darum kümmern, alleine. Wenn sie Dumbledore gegenüber auch nur andeutete, was sie dachte, würde er sie davon abbringen wollen. Er würde es nicht verstehen. Sie würde ihm einfach sagen, dass sie die Lösung gefunden hatte, aber ihm nicht sagen konnte, weil es die Zukunft verändern würde, wenn er es wüsste. Was vermutlich auch die Wahrheit war.
Lächelnd umschlang sie das Kissen fester und schloss die Augen. Sie mochte es, einen Plan zu haben. Alles würde gut werden.
oOoOoOo
Tom wusste, dass es ihm nichts brachte, weitere Runden in seinem Zimmer zu drehen, doch er konnte sich nicht stoppen. Angespannt lief er auf und ab, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Blick stur zu Boden gerichtet. Alles in ihm drängte ihn, zu Hermine zu gehen und sie zur Rede zu stellen.
Was hatte sie alleine mit Abraxas außerhalb des Gemeinschaftsraumes so spät am Abend zu schaffen?
Wenn es nicht Lestrange gewesen wäre, der ihn auf diesen Umstand aufmerksam gemacht hatte, wäre er schon längst bei Hermine im Zimmer. Doch da es ausgerechnet er gewesen war, dem er kein Wort mehr glauben wollte, hielt er sich zurück. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, als würde er Lestrange glauben, wenn er Hermine irgendetwas vorwarf. Nicht nur würde Hermine ihm das nicht verzeihen, er selbst wollte sich nicht von diesem Wurm manipulieren lassen.
Und doch.
Er war sich nur zu bewusst, dass Abraxas nach wie vor Gefühle für Hermine hatte. Er rechnete es ihm hoch an, dass er es nicht einmal versuchte zu leugnen. Er wusste, Abraxas würde seine Beziehung zu Hermine respektieren. Er hatte dafür gesorgt, dass selbst der Sohn der Familie Malfoy zu viel Angst hatte, um sich gegen Lord Voldemort zu stellen.
Aber was, wenn Hermine ihre Haltung geändert hatte? Würde Abraxas sich immer noch zurückhalten, wenn Hermine ihn versuchte zu verführen?
Fluchend blieb er stehen. Alles in ihm schrie danach, Hermine in ihrem Zimmer aufzusuchen, aber er spürte, dass es falsch war, dem Impuls nachzugeben. Sie hatte ihm einst widersprochen, als er erklärt hatte, dass Angst das beste Mittel war, um Gefolgschaft loyal zu halten. Sie würde ihm nicht folgen, wenn er ihr Angst machte.
Ein zynisches Grinsen huschte über seine Lippen. Angst. Wie sehr hatte er sich darauf ausgeruht, hatte es genutzt, um sie gefügig zu machen. Und nun stand er hier und sah so viel klarer, dass er mit Angst nicht das erreichte, was er wollte. Nicht bei ihr. Er wollte nicht ihre Gefolgschaft.
Er wollte ihr Herz.
Mehr als alles andere wollte er sie besitzen. Sie sollte nur ihn sehen, nur an ihn denken, nur Augen für ihn haben. Kein anderer Mann sollte sie ansehen und wenn, dann sollte er spüren, wie unwichtig er für Hermine war, weil sie keinen Platz für andere hatte. Nur für ihn, nur für Tom.
Wusste sie überhaupt, dass er so dachte?
Entschlossen schüttelte er den Kopf. Das Problem waren diese Gefühle. Die Wut, die ihn manchmal überkam, ungezügelt und alles verschlingend. Und dieser Zwang, sie besitzen zu müssen. Er würde nicht weiterkommen, solange er über diese Gefühle nachdachte. Er brauchte einen Plan, Dinge, die er tun konnte, um sich wieder zu fokussieren auf das, was wichtig war.
Er wollte die Welt verändern. Mit Hermine an seiner Seite, als seine Ehefrau, aber mit ihm als Führer. Nichts anderes zählte. Es war egal, was Hermine dachte, fühlte oder tat. Vielleicht konnte sie ihm helfen, seine Ziele zu erreichen, aber er würde es auch ohne sie schaffen. Er brauchte sie nicht, also war es sinnlos, so viele Gedanken an sie zu verschwenden.
Er würde ihr sagen, dass er seine Hochzeitspläne ernstmeinte und sie würde akzeptieren. Sie würden nach ihrem Abschluss heiraten, dann gehörte sie für immer ihm. Dann würde er sich auf alles andere konzentrieren können. Wenn sie sich jetzt offiziell verlobten, dann gehörte sie praktisch schon jetzt ihm. Er musste sich keine Sorgen mehr um andere machen.
Er rieb seine Hände aneinander, während er entschlossen geradeaus starrte. Das war ein guter Plan. Er spürte, wie langsam wieder Ruhe in ihn kehrte. Wenn sie offiziell verlobt waren, gehörte sie ihm. Dann wäre sie für immer außer Reichweite für Abraxas. Gleich morgen würde er ihr das sagen.
Er sollte sich vor Ende des Schuljahres noch näher mit Horkruxen beschäftigen. Zwei waren bei weitem nicht genug, aber wenn die unkontrollierbaren Gefühle, die er jetzt hatte, ein Resultat der Seelenspaltung waren, dann würde er seinen Plan eventuell überdenken müssen. So leicht es ihm auch gefallen war, sich die Loyalität seiner Hauskameraden zu sichern, wenn er mit den Familienoberhäuptern sprechen würde, brauchte er alle seine Sinne.
In Gedanken versunken stand er auf und durchquerte den Raum. Er würde vor Ablauf des Schuljahres testen, wie gut seine bisherigen Gefolgsleute auf das Dunkle Mal reagierten. Es war von höchster Notwendigkeit, dass sie seinem Ruf immer Folge leisteten, egal in welchen Umständen sie sich gerade befanden. Nur, wenn er sich darauf verlassen konnte, würde er nach Hogwarts darauf vertrauen können, dass sie ihm wirklich folgten.
Ohne darauf zu achten, was er tat, griff er nach der Klinke seines Zimmers und trat hinaus. Wenn er sich sicher sein konnte, die UTZ-Prüfungen mit Bestnoten bestanden zu haben, würde er Schulleiter Dippet von seinem Interesse berichten, Professor hier zu werden. Natürlich war im Moment kein Posten frei, doch Tom wusste, dass Professor Merrythought nach den Sommerferien nicht zurückkehren würde, um Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu unterrichten. Und wenn der Schulleiter dann so kurzfristig Ersatz brauchte, war es gut, wenn sein Name bereits im Spiel war.
Lächelnd schaute Tom auf – und erstarrte.
Er stand im Ganz zu den Schlafsälen der Schülerinnen, vor Hermines Tür. Er hatte nicht herkommen wollen, hatte seinem Impuls nicht nachgeben wollen. Und nun stand er doch hier.
Heiße Wut stieg in ihm hoch. Ehe er wusste, was er vorhatte, hatte er die Tür aufgestoßen und trat ein.
