Mit aufgerissenen Augen starrte Hermine zur Tür. Sie war gerade endlich dabei gewesen einzuschlafen, da war die Tür aufgegangen. Das gedimmte Licht des Flurs drang in ihr dunkles Zimmer und zeigte nur die Silhouette, doch sie wusste genau, wer dort stand.
Tom.
Hart presste sie ihre Lippen aufeinander. Dass er hier war, unangekündigt, mitten in der Nacht, konnte nur eines bedeuten. Irgendwie hatte er erfahren, was zwischen ihr und Abraxas vorgefallen war. Sie wusste nicht, wie und woher, doch das war irrelevant. Tom hatte mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie ihm gehörte, und auch, wenn sie wusste, dass er das nicht aus Liebe sagte, so würde er trotzdem wütend sein.
Sie hatte kaum Zeit, einen klaren Gedanken zu formen, da war er bei ihr, die Tür hinter sich magisch verriegelt, sein Körper über ihr, auf ihr. In seinen Augen las sie Wut und Verzweiflung. Hermine erwartete, dass er ihr Vorwürfe machen würde, dass er ihr weh tun würde, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen beugte er sich zu ihr runter und küsste sie.
Als würde sich seine Verzweiflung auf sie übertragen, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und erwiderte den Kuss. Sie zog ihn noch näher an sich, klammerte sich an ihn, küsste ihn mit aller Macht. Sie würde diesen Jungen, diesen Mann, in wenigen Wochen verlieren – vermutlich für immer. Selbst wenn es ihr in der Zukunft gelang, ihn zu Verstand zu bringen, so wäre er dann ein anderer.
Und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.
Schwer atmend löste sich Tom von ihr. Mit einem Schwenk seines Zauberstabes sorgte er für ein wenig Helligkeit in ihrem Zimmer, dann kehrte sein Blick sofort zu ihr zurück. Noch immer standen Wut und Verzweiflung in seinen Augen. Sie griff mit beiden Händen nach seinem Gesicht und strich ihm zärtlich über die Wangen.
„Hermine", flüsterte er, seine Stimme gepresst, „ich muss wissen … ich muss von dir wissen, dass du mir gehörst. Unwiderruflich."
Sie schluckte. „Ich gehöre dir, Tom, das weißt du. Ich habe es dir schon so oft gesagt."
Er schüttelte den Kopf. „Das reicht nicht. Worte bedeuten nichts." Für einen Moment schien er zu zögern. Sie las in seinen Augen, wie seine Wut immer wieder hochflammte, doch schließlich verschwand sie und ließ nur noch Entschlossenheit zurück. „Heirate mich. Ich meine es ernst. Sei meine Verlobte, ganz offiziell, und dann, wenn wir unseren Abschluss haben, heirate mich."
Tränen schossen Hermine in die Augen und sie hatte keine Kraft, sie zu unterdrücken. Sie konnte ihm nur leere Versprechungen geben. Sie würde ihn verlassen, ehe sie ihn heiraten konnte. Schluchzend reckte sie sich hoch und presste ihm einen Kuss auf die Lippen. „Ich wäre sehr gerne deine Verlobte", flüsterte sie heiser.
Langsam löste sich Tom von ihr. Sie rückte ein Stück ab, um sich ebenfalls aufrecht hinsetzen zu können. Für mehrere Herzschläge sahen sie einander an, stumm, suchend. Es war schließlich Hermine, die den Blick abwendete. „Ich meine es ernst, Tom. Auch ohne deine Verlobte zu sein, gehöre ich dir. Mein Herz gehört dir."
Kurz schwieg Tom, den Blick ebenfalls von ihr abgewendet. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. „Ich weiß nicht, was das bedeutet. Dein Herz gehört mir. Ich verstehe das nicht. Wie fühlt sich das an?"
Ein trauriges Lächeln huschte über Hermines Lippen. Woher sollte jemand wie Tom auch wissen, wie sich Liebe anfühlte? Und wie sollte sie es ihm beschreiben, wenn sie selbst nicht verstand, warum sie so fühlte? Ungeduldig wischte sie sich die Tränen von den Wangen. Sie würde ihn verlassen, aber jetzt gerade konnte sie da sein für ihn. „Es ist schwer zu beschreiben. Wenn ich mir vorstelle, dass du nicht mehr da bist, schnürt es mir die Luft ab. Wenn ich Zeit mit dir verbringe, habe ich das Gefühl, mehr von mir zeigen zu können als bei anderen. Ich will Dinge mit dir erleben. Zeit verbringen."
Sie griff nach seiner Hand und ohne zu zögern verschränkte er seine Finger mit ihren. Sein Blick lag auf ihren verwobenen Händen. „Wenn ich daran denke, dass du mit einem anderen Mann zusammen sein könntest, werde ich wütend. Wenn ich könnte, würde ich dich einsperren, irgendwo, wo niemand zu dir kann. Niemand außer mir soll dich sehen, mit dir sprechen, dich spüren." Er stockte und brach ab.
Hermine rückte noch näher an ihn ran, bis ihre Körper eng aneinander gepresst waren. „Du kannst mich nicht wegsperren, Tom. Wir sind alle freie Menschen. Nur wenn wir unserem freien Willen nachgehen können, können wir wirklich wir selbst sein. Würdest du mich wollen, wenn ihr aufhöre, einen eigenen Willen zu haben?"
Sie spürte, wie sein Körper sich verkrampfte. „Ich weiß es nicht", stieß er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. „Ich weiß es nicht. Hermine. Ich kann nicht … Du verstehst nicht … ich bin anders als du."
Langsam führte sie ihre verwobenen Hände zu ihrem Gesicht, um ihm einen Kuss auf seine Handinnenfläche zu hauchen. „Natürlich bist du das. Aber wir sind uns ähnlich genug, um uns gegenseitig zu verstehen."
Mit einem Ruck entzog er sich ihr und stand auf. Unruhig ging er vor ihrem Bett auf und ab, den Blick stur auf den Boden gerichtet. „Du verstehst mich nicht. Du kannst mich nicht verstehen. Du siehst nicht … es ist anders für mich. Wenn ich dich behalten kann im Austausch für deinen freien Willen, ich würde es tun. Begreifst du das nicht?"
Hermines Mund wurde trocken. Sie spürte ihr Herz im ganzen Körper klopfen. Was wollte Tom ihr sagen? Was verstand sie nicht? „Das glaube ich nicht, Tom. Hast du nicht immer wieder gesagt, dass ich interessant für dich bin, weil ich stärker bin als andere? Weil ich mich dir widersetze? War das nicht der Grund, warum du überhaupt Interesse an mir geäußert hast?"
Tom blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Die Verzweiflung, die sie zuvor gesehen hatte, war wieder zurück. Sein Gesicht war blass, die Hände zu Fäusten geballt, seine Brust hob und senkte sich zu schnell. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie ihn. Was auch immer in ihm vorging, es schien ihn mehr aufzuwühlen als alles, was sie je zuvor gesehen hatte.
„Du verstehst es nicht", murmelte er leise, beinahe zu sich selbst. „Vielleicht ist es gut, dass du nicht verstehst. Vielleicht bedeutet es, dass du wirklich mir gehörst und du nicht einmal auf die Idee kommst, dass es anders sein könnte."
Verwirrung machte sich in ihr breit. Was war es, das sie nicht verstand? Wieso wühlte es Tom so auf? Sie befeuchtete ihre Lippen, ehe sie sich vom Bett erhob und vor ihn stellte. Entschlossen blickte sie zu ihm auf. „Erkläre es mir. Hilf mir, zu verstehen. Ich will dich verstehen, Tom."
„Du wirst nicht aufhören, bis ich es ausspreche, nicht wahr, mein Herz?" Toms Stimme hatte plötzlich einen gefährlichen Tonfall angenommen. Wo vorher noch Verzweiflung gewesen war, war nun nur noch Wut übrig.
Unsicher machte Hermine einen Schritt zurück. Tom folgte ihr, zwang sie, noch einen Schritt zu machen, bis sie an ihr Bett stieß und rückwärts darauf fiel. Etwas in seinem Blick machte ihr Angst. Sie fühlte sich plötzlich wie eine Maus, die einer Katze in die Falle gegangen war. Hektisch versuchte sie, über das Bett vor ihm zu flüchten, doch er war schneller. Seine Hand schoss vor, grub sich in ihre wilde Lockenmähne, und zog sie zurück zu ihm. Hart riss er an ihren Haaren, zwang sie, den Kopf in den Nacken zu legen und zu ihm aufzuschauen.
„Du brauchst mich, Hermine." Seine Worte klangen eiskalt, während in seinen Augen Flammen der Wut loderten. „Du wirst mich immer brauchen. Niemand kann dir geben, was ich dir gebe."
Wimmernd versuchte Hermine, sich aus seinem schmerzhaften Griff zu winden, doch er hielt sie unerbittlich fest. Sein Blick bohrte sich in ihren. „Sag es! Sag, dass du mich brauchst!"
Plötzlich verstand sie. Seine Wut, seine Verzweiflung. Alles ergab mit einem Mal Sinn.
„Du brauchst mich", hauchte sie, ohne sich darum zu scheren, was sie damit anrichten könnte. „Du brauchst mich und deswegen willst du mich einsperren. Du hast Angst, dass ich dich nicht brauche, nicht wahr, Tom? Das ist es, was dir so viel Angst macht."
Seine Augen weiteten sich beinahe unmerklich. Sie hatte genau ins Schwarze getroffen. Doch bevor sie sich darüber freuen konnte, schoss seine zweite Hand vor und legte sich unerbittlich um ihre Kehle. Ein mörderischer Ausdruck trat in seine Augen. „Du brauchst mich, Hermine Dumbledore. Ohne mich bist du nichts."
Instinktiv spürte sie, dass sie sich in einer lebensbedrohlichen Lage befand. Das Machtverhältnis zwischen ihnen hatte sich plötzlich umgekehrt und Tom wusste das. Das machte ihn unberechenbar. Vor wenigen Monaten noch hätte sie sich darüber gefreut, hätte sich gratuliert dazu, eine Schwäche in Tom, in Lord Voldemort gefunden zu haben, die sie ausnutzen konnte.
Tom Riddle brauchte sie und nichts fürchtete er mehr, als dass sie ihn verlassen könnte, weil sie ihn nicht mehr brauchte.
Doch sie hatte keinen Grund und vor allem keine Zeit zur Freude. Tom hatte eine Schwäche offenbart, das war auch ihm bewusst, und sie ahnte, wie sein üblicher Weg wäre, damit umzugehen. Sie musste ihn beruhigen, um ihn zurückzuholen.
„Ich brauche dich. Ich werde dich immer brauchen."
Obwohl die Worte kalkuliert waren, fühlten sie sich doch richtig an. Als hätte sie die Wahrheit gesprochen. Mit angehaltenem Atem wartete sie ab. Ihr Kopf schwamm, seine Hand um ihre Kehle schnürte ihr die Luft ab, während sein Griff in ihren Haaren heiße Schmerzen über ihre Kopfhaut sandte.
Dann, endlich, ließ er von ihr ab. Als wäre plötzlich alle Kraft dahin, sank er vor ihr auf den Boden, legte seinen Kopf auf ihren Schoß und schlang seine Hände um ihre Hüfte. „Ich weiß, mein Herz. Du wirst mich immer brauchen und ich werde immer da sein für dich."
Erleichtert nahm Hermine einige tiefe Atemzüge, während sie mit einer Hand beruhigend über seinen Kopf strich. Das war von Anfang an ihr Ziel gewesen. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, dass es ihr Plan gewesen war, Tom zu geben, wonach er sich sehnte – ein Opfer, das er brechen konnte, das er manipulieren konnte, das sich ihm aber immer wieder widersetze und genau deswegen so verlockend für ihn war. Sie hatte erreichen wollen, dass er sie brauchte, damit sie das zu ihrem Vorteil nutzen konnte. Nur deswegen hatte sie sich ihm schwach präsentiert. Nur deswegen hatte sie sich trotz ihres Hasses auf ihn eingelassen.
Und nun, da sie endlich hatte, was sie wollte, wollte sie es nicht mehr. Sie wollte Tom nicht manipulieren und ausnutzen. Sie wollte ihm nicht das Herz brechen. Gerade erst hatte sie beschlossen, dass es nicht länger ihre Mission war, eine Schwäche zu finden, die sie gegen ihn nutzen konnte – und ausgerechnet jetzt hatte sich ihr diese Schwäche offenbart.
Während sie ihn weiter streichelte, wanderten ihre Gedanken zu Abraxas. Sie liebte ihn genauso wie Tom und doch ganz anders. Abraxas war der perfekte Mann, einer, den sie sich aussuchen würde, um ein Leben aufzubauen, eine Familie zu gründen. Bei Tom wusste sie, dass diese Dinge immer schon zum Scheitern verurteilt waren. Tom würde unwiederbringlich den falschen Weg wählen und zum Monster werden.
Vielleicht war das der Grund, warum sie für Tom so viel stärker brannte. Gerade weil sie wusste, dass sie ihn nicht retten konnte, schlug ihr Herz so heftig für ihn. Erneut stiegen Tränen in ihr hoch. Die Schlacht um Hogwarts, Ron, Harry, der Orden, all das war inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass es ihr beinahe unwirklich vorkam. Und doch war es ihr Schicksal, dorthin zurückzukehren und weiterzumachen, als hätte es dieses Jahr nie gegeben.
Plötzlich wünschte sie sich, dass sie auf der Stelle in ihre Zeit zurückkehren konnte. Sie wollte Tom wiedersehen, Tom als Lord Voldemort, und wollte sehen, ob sie ihn von seinem zerstörerischen Plan abhalten konnte. Jeder weitere Mord, den sie verhindern konnte, zählte für sein Seelenheil. Doch sie musste sich gedulden.
„Tom", flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme, „komm, lass uns schlafen. Lass uns heute gemeinsam schlafen. Ich will in deinen Armen liegen."
Er hob den Kopf und schaute sie an, ein Lächeln auf seinen Lippen. Als wäre eine Last von ihm abgefallen, lächelte er sie an, offen, aufrichtig. Es kostete sie alle Kraft, ihre Tränen zu verbergen.
Sie würde für Tom kämpfen, hier und in Zukunft.
