„Danke, Vater. Ich denke, ich komme nun allein zurecht."

„Allein zurecht?!" Don Alejandro schüttelte unwillig den Kopf. „Diego! Willst du mich zum Narren halten?"

Der junge Mann schaute ihn fragend an. „Ich verstehe nicht…"

Alejandro runzelte die Stirn. „Du bist verletzt, mein Sohn. Und versuche nicht, das zu leugnen. Für wie dumm hälst du mich?"

„Ach das meinst du." Diego kratzte sich verlegen am Kopf. „Du hast es also bemerkt."

Wollte sein Sohn Zeit schinden, um sich eine gute Antwort auszudenken? Es kam ihm fast so vor.

„Natürlich habe ich es. Weshalb wolltest du es vor mir verbergen?" Alejandro verstummte für einen Moment, ehe er, leicht besorgt, fortfuhr: „Es ist doch nichts Schlimmes, oder?"

„Nein, nein." Der junge Mann wich dem direkten Blick seines Vaters aus. „Es ist mehr peinlich, daher wollte ich nicht, dass du es bemerkst."

„Peinlich?!" Er konnte sich nicht helfen – irgendetwas an Diegos Verhalten irritierte ihn. Nicht zum ersten Male, wie er sich eingestehen musste. Manchmal erschien es ihm, als sei sein Sohn nicht ehrlich zu ihm. Bisweilen wirkte der junge Vega sogar bedrückt, als belaste ihn etwas.

Nonsens! Er bildete sich das nur ein!

Andererseits hatte ihm Diego auch diese seltsame Zorro-Geschichte verschwiegen.

Was war nur damals passiert und wie war er, Alejandro, in diese Höhle mit dem schwarzen Kostüm des Outlaws gekommen?

Der ältere Caballero kam nicht mehr dazu, diesen Gedanken weiterzuspinnen, da sein Sohn in diesem Augenblick auf die unausgesprochene Frage antwortete: „Es tut mir leid, Vater – ich bin vom Pferd gefallen."

Ein bekanntes Gefühl von Frustration und Enttäuschung überkam ihn. „Schon wieder? Diego, du solltest wirklich daran setzen, deine Reitkünste zu verbessern. Mittlerweile fällst du bald alle zwei Wochen mindestens einmal von Esperanza herunter. Und dabei ist unsere Stute lammfromm."

Es war seltsam, wie sehr sich Diego seit seiner Rückkehr verändert hatte. Vor seinem Aufbruch nach Spanien hatte sein Junge das Reiten beherrscht wie kein Zweiter, und Alejandro hatte ihn ständig bremsen müssen, nicht jeden wilden Gaul zu besteigen und zähmen zu wollen.

Was war in Spanien geschehen?

Dieser wirkte zerknirscht. „Ich versuche, es zukünftig besser zu machen."

„Zeig mir die Wunde!"

„Vater, ich…"

„Keine Widerrede! Schlimm genug, dass du das vor mir geheimhalten wolltest. Zieh dein Hemd aus und lass deinen alten Vater einen Blick darauf werfen", forderte Don Alejandro energisch.

Diegos Miene zeigte sehr deutlich, dass er nicht viel davon hielt. Trotzdem begann er folgsam, das Oberteil aufzuknöpfen.

Als er sich jedoch anschickte, sich den Stoff von seinem Körper abzustreifen, sprang ihm der alte Mann zur Seite. Anhand der langsamen und steifen Bewegungen war deutlich sichtbar, dass Diego Schmerzen empfand.

„Komm, ich helfe dir!" Alejandro packte das schlechte Gewissen. Er hätte nicht so forsch auftreten und seinen Sohn von Anfang an mit dem Ausziehen helfen sollen.

Gemeinsam entfernten sie das schicke Rüschenhemd und endlich, endlich konnte Alejandro die Wunde inspizieren.

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Oder hatte er zumindest gedacht. Ein professionell angebrachter Verband ließ keinerlei Rückschlüsse auf den Zustand der Verletzung zu, sondern verdeckte komplett die Sicht. Die weißen Stoffbahnen reichten vom Bauch bis zur Hüfte – demnach war die Verletzung großflächiger, als Alejandro angenommen hatte.

Auch sonst schien der Sturz weniger glimpflich abgegangen zu sein, als Diego ihm weismachen wollte. Man konnte am Oberkörper einige blaue Flecken und Schrammen erkennen, die teilweise auch etwas älter zu sein schienen.

Was tat sein Sohn eigentlich genau den lieben langen Tag? Und wie oft fiel Diego wirklich vom Pferd?

Der alte Don überlegte einen kurzen Moment. „Was hat Dr. Hernandez gesagt?", wollte er schließlich wissen. Über die anderen Ungereimtheiten würde er sich später mit Diego unterhalten.

„Weshalb Hernandez? Ich war nicht bei ihm. Felipe hat mich verarztet."

„Der Junge? Das hat er aber erstaunlich gut hinbekommen."

„Nun ja – ich habe ihm ein wenig geholfen und erklärt, wie er es machen muss!"

Das mochte sein. Alejandro war kein Arzt, aber er wusste, um einen solchen Verband so perfekt anzulegen, brauchte man schlicht und ergreifend Übung. Und das Rätsel blieb, woher Felipe diese hatte.

Heute schien der Tag der unbeantworteten Fragen zu sein. Und es wurden immer mehr.

Der Verband jedenfalls war noch sauber und die Stoffstreifen saßen fest an ihrem Platz. Ihn jetzt zu entfernen wäre für die Heilung alles andere als ratsam.

„Mein Sohn, weshalb hast du nichts gesagt?"

Der Angesprochene lächelte schief. „Das hätte nichts gebracht. Du hättest trotzdem darauf bestanden, es zu sehen."

Das war wohl wahr.

„Du solltest dich ausruhen und dich schonen, Diego. Ein wenig Bettruhe würde deinem Körper helfen, sich zu erholen."

Mit Diegos Gesundheit stand es auch sonst leider nicht zum Besten, so oft, wie sich dieser unwohl fühlte und in seinem Zimmer blieb. Wie konnte jemand, der so kränklich war und sich tagsüber kaum bewegte, eigentlich so viele Muskeln haben?

„Das werde ich tun. Nur eine Bitte…"

„Ja?"

„Es reicht, wenn du und Felipe von meinem Missgeschick wissen. Diese dumme Geschichte ist mir wirklich unangenehm. Könntest du behaupten, ich läge mit Fieber im Bett, wenn dich jemand fragt? Darüber wäre ich sehr dankbar."

A/N:

Diesmal ging es etwas länger, ich hatte privat und geschäftlich viel um die Ohren.