Dieser Jemand lag entspannt in seinem Bett, als es an seiner Tür klopfte.

„Entra, la puerta està abierta", rief Diego und richtete sich langsam auf, so dass er auf seiner Matratze saß, als sein Vater eintrat.

„Mein Sohn! Entschuldige die Störung!"

Der junge Vega zeigte auf den bequemen Stuhl, der neben seinem Bett stand. „Du störst nicht. Setz dich doch."

„Danke!" Mit einem freundlichen Lächeln kam er dem Vorschlag nach. „Wie geht es dir, Diego?"

„Schon besser, mach dir keine Sorgen, Vater. Ich denke, in ein paar Tagen bin ich wieder fit."

„Deine Verletzung – ich würde gerne einen Blick darauf werfen, wenn du mich lässt?"

Sein Sohn grinste schief, ehe er erwiderte: „Ich möchte den Verband jetzt nicht abnehmen. Ein wenig kenne ich mich damit aus, und Felipe versorgt mich sehr gut. Er ist sehr geschickt und lernt schnell."

Alejandro nickte. Die Antwort überraschte ihn nicht wirklich – vielmehr hatte er so etwas in der Art erwartet.

„Wie du meinst. Nur bitte, nimm das nicht auf die leichte Schulter – nicht, dass sich die Wunde entzündet oder du doch innere Verletzungen hast."

„So schlimm ist es nicht", beruhigte Diego. „Durch den Sturz habe ich mir ein paar Rippen geprellt, das ist schmerzhaft, aber ungefährlich."

Der alte Mann bemerkte, dass sein Sohn den direkten Augenkontakt vermied.

Ein weiterer Hinweis, wenn auch kein Beweis.

Er räusperte sich.

„Deine Wunde könnte dich trotzdem in Gefahr bringen, Diego. Zorro wurde gestern Nacht beim Kampf verletzt, an der gleichen Stelle wie du."

Für einen Bruchteil einer Sekunde zeigte sich Sorge auf dem Gesicht seines Sohnes – Alejandro hätte es wohl nicht bemerkt, wenn er den anderen nicht genau beobachtet hätte – bevor Diego wieder den Teilnahmslosen mimte. „Ich glaube nicht, dass das für uns ein Problem darstellen sollte."

„Täusche dich nicht, mi hijo. Dieser junge Soldat, der Zorro verletzt hat…"

„Guillermo Ruiz?"

„Si. Also dieser Guillermo ist ganz erpicht darauf, unseren maskierten Reiter zu fangen. Sollte er erfahren, dass du das Bett hütest, wird er dich verdächtigen und dich aufsuchen, egal ob DeSoto ihn dazu beauftragt oder nicht! Du musst das ernst nehmen, Diego!"

Der junge Caballero sah ihn stirnrunzelnd an und für einen Augenblick schien es, als wolle er etwas sagen. Gespannt beobachtete Alejandro ihn, um nach kurzer Zeit enttäuscht festzustellen, dass Diego sich erneut vor ihm verschloss, denn er antwortete: „Es ist keine Gefahr, Vater. Jeder weiß, dass ich nicht gut kämpfen kann und sonst auch nichts mit Zorro gemeinsam habe."

‚Vielleicht mehr als du zugeben willst.' Dem alten Mann gelang es, seinen Ärger und Frust zu unterdrücken. Weshalb war sein Sohn nicht ehrlich zu ihm?

Oder war doch er, Alejandro, ein alter Narr und sah Dinge, die so gar nicht existierten? Hatte er sich in den letzten Stunden ein Kartenhaus errichtet, aus dem Wunsch heraus, Diego wäre mehr wie er selbst, um dann erleben zu müssen, dass es in sich selbst zusammenfallen musste?

„Diego - du weißt, der Alkalde braucht nicht viel mehr als einen Vorwand, um Leute einzusperren oder anderes Unrecht zu tun. Ob unschuldig oder nicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Und wenn es nur darum geht, Zorro eine Falle zu stellen."

Der junge Adlige lächelte. „Ich bin sicher, unser Maskierte würde nicht zulassen, dass Unschuldige unter den Pressalien Ignacios leiden. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass ich in Gefahr schwebe – aber er wird mir helfen, sollte es nötig sein."

„Wie kannst du dir da so sicher sein?"

„Zorro hat das Pueblo noch nie im Stich gelassen. Es würde nicht zu ihm passen. Außerdem bin ich Victorias bester Freund, und jeder weiß, dass sie ihm wichtig ist. Es wäre also absolut unlogisch, mir NICHT zu helfen. Und was eine mögliche Falle ist – natürlich wäre es eine. Zu offensichtlich, um es nicht zu sehen. Und Zorro ist schlau genug."

Zweifel überkamen Alejandro. Wenn sein Sohn auf den schwarzen Reiter baute, dann konnte Diego nicht ‚er' sein.

„Bevor ich es vergesse,", ergänzte Diego wie beiläufig, „es wäre nett von dir, wenn du nach unserem Gespräch nach Felipe schicken könntest. Ich sollte etwas mit ihm besprechen."

Felipe?!

Dem alten Mann wurde plötzlich einiges klar.

Natürlich! Weshalb war ihm dieser Gedanke nicht vorher gekommen?

Die beiden – Felipe und Diego – klebten ja geradezu aneinander. Es war davon auszugehen, dass der Taubstumme einiges von seinem Sohn wusste, was ihm selbst verborgen blieb.

Alejandro war stets davon ausgegangen, dass Zorro Helfer haben musste, die das Pueblo ausspionierten und dem Helden über die Vorkommnisse dort informierten.

Die Vorstellung, dass sich auch Felipe in Gefahr begab, gefiel ihm jedoch überhaupt nicht.

„Hijo! Ich weiß, du stehst dem Jungen sehr nahe! Trotzdem solltest du ihn nicht in… nicht überfordern."

„Si. Keine Sorge, das werde ich nicht."

Wie sehr wünschte sich Alejandro, offen reden zu können. Sich zu vergewissern, dass sein Verdacht – mittlerweile wohl sogar mehr als das – berechtigt war.

Er wollte helfen, seinen Sohn unterstützen – dies war die beste Möglichkeit, seiner Angst um ihn zu begegnen.

Aber es war nicht an ihm, das Geheimnis zu lüften. Er würde den Wunsch Diegos diesbezüglich respektieren.

Zumindest im Moment.

Vielleicht konnte er aber auf andere Weise seinen Sohn aus der Reserve locken?

So kommentierte er die Rolle des Jungen nicht weiter, sondern wechselte das Thema. Vielleicht konnte er so erreichen, dass sein Sohn die unsichtbare Maske, die er in diesem Moment trug, ablegte.

„Ich hatte heute ein seltsames Erlebnis, als ich Victoria in ihrer Taverne besuchte. Eine Begegnung, die mir eine Erinnerung zurückbrachte. Wenigstens teilweise."

Diegos Stimme verriet seine Neugierde. „Was war das für eine Erinnerung?"

„Die eines alten Mannes, der ein Zorros Kostüm fand, es sich anzog und auf Toronado direkt nach Los Angeles ritt. Du hat mich damals glauben lassen, es sei alles ein Traum gewesen."

„Das ist richtig." Erstaunlich, wie äußerlich gelassen Diego blieb. Man konnte jedoch eine gewisse Anspannung bemerken, wenn man genau hinsah. „Verzeihe mir bitte. Ich hielt es für besser."

„Das mag sein. Du bist mir jedoch eines schuldig – mir alles zu erzählen, was damals geschehen ist."

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A/N:

Lieben Dank an alle Leser und Reviewer. Es freut mich, wenn ihr ein wenig Freude mit dieser Geschichte habt.

Ich bin einige Tage fort und werde nicht schreiben können. Es geht aber weiter, sobald ich wieder zu Hause bin.