Diego sah seinen Vater unschlüssig an. „An was erinnerst du dich denn?"

Alejandro seufzte. „An einige Bruchstücke. In meinem Kopf ist jedoch alles recht durcheinander. Eine verrückte Geschichte war das."

„Das kann man wohl sagen", bestätigte ihm sein Sohn. „Und es hätte für dich böse ausgehen können. Ich bin Zorro mehr als dankbar, dass er dich gerettet hat."

„Das ist eine Erinnerung, dir mir fehlt – wenn ich nachdenke, ist das Letzte der Schlinge des Henkerseiles, welches ich um meinen Hals spüre. Bitte Diego, kläre mich auf! Was ist an jenem Tag geschehen?"

Noch immer hegte Alejandro leise Zweifel, was seinen Verdacht betraf. Er wusste daher nicht sicher, ob Diego ihm alles wahrheitsgemäß erzählen würde. Er brauchte aber Antworten – und wenn es nur eine Erklärung war, was an diesem denkwürdigen Tag alles geschehen war. Zumindest das, was Diego bereit war, ihm zu verraten.

Der junge Vega druckste ein wenig herum. „Ich habe nicht alles selbst mitbekommen, Vater. Manches weiß ich nur aus Erzählungen von Victoria oder der anderen aus dem Pueblo."

„Das ist mir klar, hijo. Trotzdem bitte ich dir darum, mir alles zu sagen, was du weißt."

„Nun ja." Diego zögerte einen Moment, ehe er weitersprach: „Du bist als Zorro bei Victoria in der Taverne aufgetaucht und hast ihr geholfen."

„Auf Toronado und in seinem Originalkostüm", ergänzte der alte Mann.

Sein Sohn warf ihm einen überraschten Blick zu, ehe er antwortete: „Im Gegensatz zu unserem Helden ist es dir leider nicht gelungen, unerkannt wieder zu verschwinden. DeSoto hat dich gefangengenommen, ins Gefängnis gesteckt und wollte dich am nächsten Tag hängen."

„An die Festnahme kann ich mich nicht erinnern. Aber Victoria hat mich besucht, glaube ich. Ich erinnere mich dunkel an ein Gespräch, bei dem es um eines meiner Pferde ging."

„Um eines deiner Pferde?", wunderte sich Diego und schüttelte verwirrt den Kopf. „Davon sagte sie nichts. Wir alle hatten furchtbare Angst um dich. Sie erwähnte, dass du fest davon überzeugt warst, Zorro zu sein und etwas – verzeihe bitte – verwirrt schienst."

„Das war ich wohl, wenn ich tatsächlich glaubte, mit unserem legendären schwarzen Reiter konkurrieren zu können", bestätigte er. „Und ich habe damit unnötigerweise euch auch noch in Schwierigkeiten gebracht."

„Es ist ja alles gut gegangen, Vater", beruhigte Diego.

„Ich vermute, du hast vergeblich versucht, DeSoto zur Vernunft zu bringen, nicht wahr? Es musste ihm doch auch klar sein, dass ich nicht der echte Zorro sein konnte."

„Es war eine Falle für unseren Fuchs. Er hat darauf gehofft, dass unser Held dich zu befreien versucht und er ihn dabei verhaften kann."

„Es tut mir leid", bedauerte Don Alejandro. „Ich habe durch meine Aktion dich und Victoria in Gefahr gebracht… und Zorro natürlich."

„Mach dir keine Vorwürfe. Du lebst und es ist auch sonst keiner zu Schaden gekommen."

Beide Männer schwiegen. Es war aber keine unangenehme Stille – beide hingen ihren eigenen Gedanken nach und jeder war froh um die Anwesenheit des anderen. Alejandro bedauerte, dass diese Momente so selten geworden waren – oft stritten sie sich, wobei es oft um die ‚Feigheit' oder ‚Teilnahmslosigkeit' seines Sohnes ging.

Dies würde sich ab sofort ändern.

Er räusperte sich. Wie würde Diego auf die nun folgende Frage reagieren?

„Wie war es für dich? Es muss doch schrecklich gewesen sein, als du mich mit am Galgen hast stehen sehen, so kurz vor der Hinrichtung?"

Der junge Vega seufzte vernehmlich und vermied den direkten Augenkontakt. „Ich … war nicht da, Vater."

‚Natürlich warst ‚DU' nicht da', dachte er sich. ‚Schließlich hat dein Alter Ego mich retten müssen. Aber da du offensichtlich deine Maskerade nicht beenden möchtest, werde ich wohl mitspielen müssen.'

„Ich kann dir nicht wirklich böse sein", erwiderte er deshalb. „Wer möchte seinen Vater schon hängen sehen."

Diego starrte ihn perplex an. „Du nimmst es mir nicht übel?!"

„Wie ich schon sagte, dein Verhalten ist unter diesen Umständen nachvollziehbar. Schließlich konntest DU nichts für mich tun."

Wie viele Vorlagen musste er seinem Sohn noch geben, damit dieser endlich mit der Wahrheit herausrückte?

Da dieser jedoch keine Anstalten machte, etwas darauf zu antworten, sondern eher etwas verwirrt dreinblickte, fuhr Alejandro fort: „Wie hat Zorro mich gerettet?"

„Er hatte sich als Mönch getarnt, verborgen unter einer großen Kutte. Sekunden bevor sich die Fallklappe öffnete, hat er den Strick mit einer Waffe – man munkelt mit einem Messer – zertrennt, so dass du unversehrt auf den Boden gefallen bist."

„Als Priester verkleidet! Das passt zu … ihm. Wie ging es danach weiter?"

„Er hat dich mit auf sein Pferd genommen und ritt unbehelligt davon. Direkt zu unserer Hacienda. Ich bin mehr als erschrocken, als er plötzlich bei mir aufgetaucht ist."

Alejandro nickte. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es abgelaufen ist. Ich hoffe nur, unser Maskierte hat genug Kostüme in Reserve. Wirklich ärgerlich, dass er auf der Flucht war und du ihm so seine Kleidung nicht mitgeben konntest."

Diegos Mimik blieb ruhig, sein Vater vermutete jedoch, dass sein Sohn gerade blitzschnell darüber nachdachte, wie er darauf reagieren sollte.

„Du hast recht. Ich glaube aber nicht, dass das ein Problem darstellt. Zorro muss immer damit rechnen, dass Teile seiner Verkleidung beschädigt werden und wird daher alles mehrfach lagern", antwortete der junge Vega nach einer kurzen Pause.

„Noch immer rätsele ich darüber nach, wie ich an das Kostüm gekommen bin. Aber so könnte ich es mir wenigstens ein Mal aus der Nähe betrachten. Wo hast du es denn hingetan, Diego?"