Alejandro war gerade auf dem Weg zum Zimmer seines Sohnes, als er fast mit Felipe zusammenstieß, der gerade mit einem leeren Tablett aus der Türe kam. Diego hatte den ganzen Tag das Bett gehütet und sich von dem Jungen das Essen aufs Zimmer bringen lassen.
„Felipe, Achtung!", rief der alte Caballero erschrocken. „Alles in Ordnung?"
Geschickt balancierte der Angesprochene das Tablett auf seinen Händen und vermied dadurch, dass es auf den Boden fiel. Als Antwort lächelte er schief und nickte.
„Dann ist mein Sohn also mit dem Essen fertig. Gut. Und entschuldige bitte, Felipe!"
Der junge Mann gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass alles in Ordnung war und machte sich auf den Weg zur Küche, um das Tablett dort wieder abzuliefern.
Alejandro hatte zwar die Hacienda den ganzen Tag nicht verlassen, Diego und Felipe jedoch nicht weiter behelligt. Er wollte seinem Sohn Zeit geben, sich zu erholen und ihm weiter Gelegenheit geben, sich mit dem Jungen abzusprechen. Es war ihm mittlerweile klar, dass dieser mehr in Diegos Geheimnisse und Pläne eingeweiht war als er selbst. Weiter hoffte er, dass sich sein Sohn dazu überwunden hatte, ihm das Kostüm zu zeigen. Vielleicht würde er sich dadurch tatsächlich besser erinnern können. Natürlich war er auch neugierig genug, die Verkleidung einfach anzufassen und genauer zu untersuchen. Im Rahmen dessen natürlich, was Diego zulassen würde.
Hoffnungsvoll trat er in Diegos Raum ein und bemerkte erleichtert, dass dieser einen recht wachen und erholten Eindruck machte.
„Hola mein Sohn. Wie geht es dir?"
„Besser!" Der junge Caballero grinste. „Marias Kochkünste könnten Tote aufwecken. Sie ist die Einzige, die an Victoria herankommt."
„Die beiden zusammen, wir wären nur noch am Essen und würden Mendoza Konkurrenz machen, was den Bauchumfang betrifft", scherzte Alejandro.
„Madre de Dios! Was für eine Vorstellung!", schmunzelte Diego.
„Apropos Victoria – ich vermute, sie vermisst dich. Schließlich besuchst du sie sonst täglich in der Taverne. Was hälst du davon, wenn ich sie in nächster Zeit mal wieder zu uns einlade, sobald es dir wieder besser geht?"
Sein Sohn nickte. „Gerne. Hast du sie heute im Pueblo besucht?"
„Nein!" Alejandro schüttelte den Kopf. „Ich wollte hier auf der Hacienda bleiben, solange du krank bist."
„Das ist nicht nötig. Felipe kann sich um mich kümmern. Schließlich ist das allein meine Schuld, dass ich vom Pferd gefallen bin."
Sein Vater zuckte mit den Schultern. „Das kann dem besten Reiter passieren. Ich wette, selbst Zorro ist dagegen nicht gefeit. Schließlich ist er auch nur ein Mensch, auch wenn man versucht ist, das zu vergessen."
„Das richtige Stichwort. Ich habe Felipe gefragt, wegen Zorros Sachen."
Alejandro versuchte, seine Anspannung nicht zu deutlich zu zeigen. „Und? Hatte er sie später abgeholt, oder ist sie noch da?"
Diego blickte nachdenklich. „Ich vermute, er hat mehrere Verkleidungen, sonst hätte er sie uns nicht dagelassen. Felipe hatte sie sicher versteckt. Vielleicht dachte er sie auch als kleine Entschädigung; schließlich bist du wegen ihm fast gestorben."
„Wenn war das allein meine Schuld mein Sohn, nicht seine. Kannst du mir sie zeigen?"
„Du bist auch gar nicht neugierig, oder?", lächelte sein Gesprächspartner. „Felipe hat sie vorhin gebracht und vorübergehend in meinem Schrank verstaut. Allerdings ist das auf Dauer nicht sicher. Ich wollte dir aber deinen Wunsch erfüllen. Du kannst sie dir gerne ansehen."
„Ich danke dir, mein Sohn. Und unterstehe dich, aufzustehen. Bleibe ruhig in deinem Bett!", erklärte Alejandro energisch, als er Diegos Bemühungen bemerkte, sich zu erheben. „Dein alter Vater mag alt sein, so alt nun doch aber nicht."
Vorsichtig öffnete der den unverschlossenen Schrank. Auf dem unteren Fach lag, sauber zusammengefaltet, die berühmte Verkleidung.
Beinahe ehrfürchtig begann Alejandro damit, jedes einzelne Stück herauszuholen und genau zu betrachten. Außer Zorros Waffen und sein Hut war alles vorhanden, sogar die Maske. Dies war insoweit bemerkenswert, da ihm DeSoto diese doch sicher abgenommen hatte, bevor er ihn verhaften ließ? Alejandro erinnerte sich undeutlich an einen frohlockenden Ignazio, der ihm das schwarze Tuch triumphierend aus dem Gesicht riss.
Diego schwieg, beobachtete seinen Vater jedoch schmunzelnd.
Schließlich war er es, der wieder das Wort ergriff: „Zufrieden?"
„Si!", bestätigte der alte Mann. „Die Kleidung unseres Helden ist von hervorragender Qualität. Was mich auch angesichts seines wertvollen Degens und seiner Kampfkünste nicht weiter überrascht. Ich wusste schon immer, dass mehr hinter Zorro steckt. Ich bin mir sicher, dass er von edler Herkunft ist."
„Da könnte viele Ursachen haben, Vater", antwortete Diego zögerlich. „Vielleicht bekam er seine Ausrüstung zufällig oder geschenkt. Jeder könnte hinter seiner Maske stecken."
„Richtig. Sofern er entsprechend groß ist." Alejandro blickte seinen Sohn nachdenklich an, ehe er fortfuhr: „Wie dem auch sei – nun ist es an der Zeit, Zorro endlich für ein und allemal loszuwerden."
A/N:
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Zur Fragen in einem Review:
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Warum die Soldaten noch nicht bei Diego aufgetaucht sind:
DeSoto weiß noch nicht, dass Diego verletzt bzw. krank (so die offizielle Aussage) ist. DeSoto hat gegenüber Diego auch so etwas wie einen blinden Fleck – der junge Vega und Zorro, das erscheint ihm einfach zu abwegig. Don Pablos Sohn ist vermutlich einfach bekannt dafür, rebellisch zu sein.
De facto ist seit Zorros Verletzung auch noch nicht so viel Zeit vergangen – es mag mehr erscheinen, da ich viele Dialoge in die Geschichte integriert habe.
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Zum Katz- und Maus- Spiel zwischen Diego und seinem Vater:
Bekanntlich möchte Diego Alejandro schützen. Alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen, und je länger man lügt desto schwerer wird es, mit der Wahrheit rauszurücken.
