Der Teenager näherte sich der Gruppe und hielt inne, als er Diego und Viktoria erblickte. Weder hatte Diego ihre Hand losgelassen noch machte Viktoria Anstalten, diesen Umstand zu ändern. Erst durch Felipes große Augen schien er sich dessen bewusst zu werden und löste sich unwillig von ihr.

Diego räusperte sich. „Mein Sohn Felipe weiß über alles Bescheid. Wir können also offen sprechen."

Der Junge lächelte unsicher und antwortete mit seinen Gesten – zu schnell für Don Alejandro; Diego hatte jedoch keine Mühe, ihm zu folgen und übersetze für die anderen: „Felipe schlägt vor, dass ich erst mit euch alleine rede, während er sicherstellt, dass wir von keinem gestört werden."

„Unsere Bediensteten sind uns treu ergeben und verschwiegen. Glaubst du wirklich, dass das notwendig ist, mi hijo?", zögerte Alejandro. „Ich möchte auch nicht, dass sich der Junge ausgeschlossen fühlt."

Überrascht bemerkte der alte Caballero, wie sich Felipes Gesicht leicht rötete. Weshalb war der Teenager verlegen? Alejandro hatte ihn doch gar nicht angesehen, sondern Diego – wie konnte der Taubstumme dann sein Gesicht gesehen haben?

Zu seiner Überraschung lachte Diego kurz auf. „Alles in Ordnung. Felipe muss euch später auch noch ein Geständnis machen, fürchte ich. Es ist besser, wenn ich den Anfang mache. Wobei ihr ja das Wichtigste schon wisst", erklärte er und gab damit zum ersten Mal indirekt zu, dass Viktoria mit ihrer Vermutung recht hatte.

Alejandro hatte den Eindruck, dass der Junge erleichtert war und nun ein wenig schuldbewusst in seine Richtung blickte, ehe er sich wieder aus dem Staub machte.

Er kam nicht dazu, sich weiter darüber Gedanken zu machen.

„Weshalb hast du es uns nie gesagt, Diego?", hörte er Viktoria fragen. Gleichzeitig beobachtete er, wie sich die Hände der beiden erneut trafen. Sein Sohn drückte aufmunternd die ihre, ehe er antwortete: „Ich musste euch beide schützen. Meine Mission ist gefährlich und ich kann jederzeit gefangen und enttarnt werden. Nur euer Unwissen konnte verhindern, dass ihr neben mir am Galgen landen würdet, sollte ich mit der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, scheitern."

„DeSoto hätte uns das nie geglaubt", widersprach die Frau. „Er hat mich oft verdächtigt, Zorros Identität zu kennen und es war schwer genug, ihn immer wieder vom Gegenteil zu überzeugen. Wie hätte er erst reagiert, wenn herauskommt, dass mein bester Freund hinter der Maske steckt und uns allen zum Narren hält? Davon abgesehen…", nun wandte sie sich direkt an ihn, „wusste Alejandro bereits Bescheid."

„Was für mich ebenfalls neu ist! Wie lange weißt du es schon, Vater?"

„Erst seit kurzem", verriet er. „Am Tag nach deiner Verletzung. Ich kam zufällig vorbei, als einige zwielichtige Kerle Viktoria bedrängten. Diese Vaqueros erwähnten meine Eskapade als Zorro. Ich habe dich in den letzten Tagen genauer beobachtet und am Ende die richtigen Schlüsse gezogen."

„Viktoria, davon hat mir keiner erzählt", sagte Diego betroffen. „Ein Glück, dass euch beiden nichts passiert ist."

„Das war halb so schlimm. Dein Vater ist auch in seinem Alter noch sehr schlagfertig. Eine gewisse Neigung für Tavernenschlägereien liegt offenbar in der Familie", beruhigte sie mit einem leichten Kichern.

Alejandro wusste – durch eigenes Erleben oder durch Erzählungen im Pueblo – dass Zorro Viktoria schon des Öfteren vor ungehobelten Männern oder Banditen in ihrer Taverne beschützt hatte. Bisweilen hatte der Maskierte auch seine Fäuste benutzt, wenn es zu gefährlich gewesen war, seine Waffe zu ziehen.

„Keine Ahnung, was du meinst, ich bin ein Bücherwurm und Hobbywissenschaftler", scherzte Diego. „Es gibt keinen friedliebenderen Menschen in ganz Kalifornien."

„Si, so hast du es uns immer glauben lassen. Nur warum hast du es nicht einmal mir gesagt, mein Sohn? Ich bin dein Vater! Ich hätte dich unterstützt. Wir hätten gemeinsam besser gegen den Alkalden kämpfen können."

„Bist du da sicher?", widersprach Diego energisch. „Vielleicht hat Viktoria recht und DeSoto hätte nicht geglaubt, dass ihr beide nichts von meinem Alter Ego wusstet. Wäret ihr aber auch in der Lage gewesen, euch in der Öffentlichkeit entsprechend zu verhalten? So zu tun, als wäre Zorro ein Fremder für euch? Nicht versehentlich Diego zu rufen, wenn es mal gefährlich wird? Eure Angst um mich zu verstecken und stattdessen Viva El Zorro zu rufen? Den anderen Leuten im Pueblo spüren zu lassen, dass ihr von Diego ‚enttäuscht' seid, weil sich zu wenig für Los Angeles engagiert? Diese Maskerade, ob sichtbar oder nicht, war schwierig genug für mich. Aber ich hatte wenigstens die Gewissheit, dass ihr euch keine Sorgen um mich machen müsst."

„Es ist schrecklich", murmelte Viktoria. „All die Jahre warst du mit dieser Bürde ganz allein. Ich habe mir kaum Gedanken darüber gemacht, wie es für Zorro sein könnte, wenn er sein Kostüm gerade nicht trägt. Es tut mir so leid."

„Es war meine Entscheidung, Viktoria. Ihr müsst euch beide keine Vorwürfe machen. Diese Täuschung war unser Schutz. Ich musste alles tun, dass mich keiner mit dem Helden von Los Angeles in Verbindung bringen würde. Davon abgesehen, hatte ich Felipe. Ich war also nicht allein."

„Aber all die Jahre. Wir haben so viel Zeit verloren, mein Sohn", seufzte Alejandro.

„Es war nie so geplant gewesen, Vater", gab Diego zu. „Das erste Mal, als ich Zorros Maske anlegte, geschah es, um dich und Viktoria zu retten. Ich hatte gehofft, dass ein paar Auftritte als maskierter Rächer ausreichen würden, um den Alkalden zur Vernunft zu bringen. Schließlich gaben er und seine Soldaten stets ein lächerliches Bild ab, wenn sich Zorro einmischte. Ich dachte fälschlicherweise, er würde daraus lernen und zu Recht und Ordnung zurückkehren."