» Carmen Perpetuum –
Die Geschichte vom ewigen Lied «
»Di, coeptis […]aspirate meis primaque ab origine mundi
Ad mea perpetuum deducite tempora carmen!« -
»Götter, […]begünstigt meine Vorhaben vom Ursprung der Welt bis zu meiner Zeit und führt
hin zum ewigen Lied.«
(Ovid – Metamorphosen, Proömium)
Komm mit mir, in das Land des einstigen Etruriens* und begebe dich geradewegs in sein Herz. Denn dort wirst du eine kleine Stadt vorfinden. Unscheinbar, verloren in der stillen Einsamkeit von weiten Landen und dunklen Wäldern liegt sie auf einem Hügel, umgeben von silbergrauem Nebel, der sich wie zum Schutze über die Dächer legt und in die verschlungenen Gassen kriecht. Doch ich rate dir, dich von ihnen rasch abzuwenden, denn allzu schnell umfangen sie dich mit ihrer verwunschenen, dennoch endlichen Schönheit.
Stattdessen sieh nach oben, folge meinem Blick.
Inmitten jener Idylle, die Geborgenheit zu geben scheint, alle wirr umherirrenden Gedanken mit ihrem Charme umfängt und sie in sanften Träumen verweilen lässt, da thront ein Schloss. Erhaben über die Stadt und unberührt vom stetigen Kommen und Gehen der Winter ragt es mit seinen Turmspitzen und Zinnen aus dem Nebel hervor und verbirgt sich zugleich vor neugierigen Blicken in einer es umgebenden Unscheinbarkeit. Vom Wandel der Zeiten vergessen wirkt es, so ruhig ist seine Ausstrahlung, und dennoch stellt es mit seinen gotischen Fenstern, welche einst durch vollendete Handwerkskunst in romanische Mauern eingearbeitet wurden, und eleganter Stuckfassade, Balkonen und Erkern ein Spiegelbild vieler Leben dar, als ein stiller Zeuge längst vergangener Ereignisse, die auszusprechen jedoch einem Frevel gleichkäme.
Kein Geheimnis, welches von dem kalten Stein behütet wird, so belastend es auch sein mag, wird je nach außen durch die dichten Mauern dringen, denn das Schloss ist denen, die es beherbergt treu.
Doch innerhalb jener Mauern wird geflüstert. Oftmals hinter vorgehaltener Hand, manchmal scheinen es gar nur Gedanken zu sein, die wie ein Geist durch die dunklen Gänge huschen und sich hinter Säulen, Türen und Zimmerecken verbergen und, wann immer ein jemand an ihnen vorübergeht, aus ihren Verstecken geschlüpft kommen, um sich demjenigen, der sie geweckt hat, anzuvertrauen.
Dann umgarnen sie ihn, zischen ihm Worte ins Ohr, die ansonsten unter einem Mantel des Schweigens zurückgehalten werden, versuchen, auf ihn Einfluss zu nehmen und hinzuweisen auf das Unrecht, das hinter diesen hier Mauern geschah oder auf das Elend, das so manch Gepeinigtem in jenem Raum dort widerfuhr.
Gedanken, Ideen, Erfahrungen, die, tief verwoben in die dunklen Ritzen und Nischen des Gesteins, sich danach sehen, ihrem Gefängnis aus einem Gebilde aus Lügen zu entfliehen und die Wahrheit zu verkünden.
Verrat, der verborgen im kühlen Schatten schlummert.
Hass, der, nachdem er einst Verderben brachte, nun in geheimen Ecken und Winkeln lauert.
Liebe, welche eingeschrieben in uraltes Pergament und Papyrus vom Licht berichtet und Kunde von besseren Zeiten bringt.
Sehnsucht, festgehalten in antiken Gemälden, die die hohen Wände verzieren, in feinen Pinselstrichen zum Ausdruck gebracht.
Unausgesprochene Worte in fremden Sprachen, die in der feuchten Luft hängen und für immer durch die Gänge, Gemächer und Säle des Schlosses schweben werden, in der Hoffnung von ihrer ewigen Unvollkommenheit erlöst zu werden…
Denn ewig sind all die Geschichten, die in die Seele des alten Schlosses eingeprägt sind, welches nie vergessen wird, entgegen den Versuchen seiner Bewohner, vergessen zu machen, was nicht hätte geschehen sollen und Erinnerungen festzuhalten, welche es stets zu verstehen wissen, selbst in düsteren Zeiten ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.
Doch auch ich vergesse nicht. Tag und Nacht wandere ich rastlos durch das Schloss, spähe in Zimmer, schlüpfe durch angelehnte Türen hinein, lausche durch Mauern hindurch, nehme alles in mir auf.
Schließe deine Augen, spüre meine Anwesenheit. Nimm meine Hand und lass dich von mir leiten. Ich kann dir berichten von Anfang an von dem was war, dem was ist, bis zu dem, was sein wird, von all jenen Ereignissen, die sich durch meine Erzählung zu einer immer fortwährenden Melodie zusammensetzen werden.
Denn ich bin das ewige Lied der Zeit…
*antike Landschaft in Mittelitalien. Sie umfasste unter anderem die Toskana, also die Region in Italien, in der Volterra liegt
