Ich wollte schon seit einer Weile mal ein Kult AU ausprobieren und da ich bei meinen anderen Geschichten noch immer am Verzweifeln bin, habe ich nebenbei angefangen hieran zu schreiben und nach Monaten ist es endlich fertig.
Ja, es wird ein Zweiteiler bleiben. Nein, es hat nichts mit meinen anderen Geschichten zu tun, es ist ein eigenes AU. Heißt außerdem: Es hat nicht viel mit dem Kanon zu tun, auch die Dämonenkönige sind teilweise anders als im Manga. Shiemis Mutter und Großmutter haben außerdem Namen von mir bekommen, da es irgendwann wirklich etwas nervig wurde immer „Shiemis Großmutter/Mutter" zu schreiben. Dennoch hoffe ich, dass es euch gefällt.
Begriffserklärung:
Daimyo: Lokale Herrscher im feudalen Japan
Kami: Meist mit „Götter" übersetzt, bezeichnet im Shinto verehrte Götter, Geister und Naturgeister. Eine richtige Definition ist jedoch oft schwierig.
Ich wünsche viel Spaß! :)
Es war eine Vollmondnacht in der sich für Rin alles ändern sollte, die Zeichen dafür tauchten bereits Monate zuvor auf. Der Tag hatte wie immer begonnen, er war aufgestanden, hatte sich schnell fertig gemacht, seine Hausarbeiten erledigt und anschließend seine Freunden getroffen. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte er ein unangenehmes Gefühl, welches ihn nicht los lassen wollte. Natürlich wusste er woran es lag, ebenso wusste er allerdings, dass er nichts daran ändern konnte, außer er wollte selbst in Schwierigkeiten geraten und seinem Dorf Probleme bereiten. Daher verhielt er sich wie sonst und ließ sich nichts von seiner Unruhe anmerken, ganz egal wie schlecht er sich dabei fühlte.
Der Rest des Dorfes war derweil belebt wie eh und je. Kinder spielten miteinander, zwei Männer reparierten das Hausdach des alten Maruyamas und einige Frauen hängten die Wäsche auf, während sie ausgelassen unterhielten. Auf dem ersten Blick wirkte dieser Ort wie ein normales, wenn auch sehr abgelegenes Dorf im Wald, allerdings trog der Schein. Sicher, die Ernten waren hervorragend, Krankheiten selten und ihr Leben an sich idyllisch, aber dafür wurde ein hoher Preis gezahlt. Hatte ein Außenseiter das Pech, sich in diesem Wald zu verlaufen, so kam er nie wieder heraus.
Es war keine schöne Angelegenheit, nur leider war es für ihr Überleben notwendig, zumindest wurde es den Dorfbewohnern so von Kindesbeinen immer wieder eingetrichtert. Dient den Göttern, gehorcht ihnen, hinterfragt sie nicht und ihr werdet belohnt werden, widersetzt euch dagegen und ihr Zorn wird euch treffen. Sie sahen alles, sie wussten alles und es gab kein Entkommen vor ihrem Urteil. Die meisten Menschen würden es wahrscheinlich als Aberglauben abtun, die Dorfbewohner wussten es besser. Die Götter waren real und sie bekamen immer, was sie wollten. Rin sollte das schon bald auf die harte Tour lernen.
„Bitte, tut das nicht!", schrie eine Frauenstimme und zerriss damit die bisher herrschende Stille auf dem Dorfplatz. Niemanden kümmerte es, für sie war es eine alltägliche Affäre. Was waren schon einige Menschenleben, wenn eine gesamte Gemeinschaft davon profitierte? „Wir haben nichts falsch gemacht! Lasst uns bitte gehen!"
Der Mann, der sie hinter sich her zerrte, schenkte ihren Schreien kaum Beachtung, ebenso wenig die anderen zwei Männer, welche gerade damit beschäftigt waren, den Ehemann sowie deren Tochter, ein Mädchen in Rins Alter, an den Lebensbaum zu fesseln. Ein recht ironischer Name, wenn man bedachte, dass er der Schauplatz der Opferungen war, jedoch war es nicht nur der älteste und größte Baum des Waldes, sondern zudem die Grundlage ihres gesamten Lebens. Er war ihre Verbindung zu den Göttern und somit unersetzlich.
„Ich flehe euch an, lasst wenigstens meine Frau und meine Tochter gehen! Ich sterbe an ihrer Stelle, aber bitte lasst sie leben!", flehte nun der Ehemann, das Mädchen schluchzte derweil leise und sah sich suchend in der Menge um, bis sie Rin entdeckte. Mit flehenden Augen sah sie ihn an, doch er schaute schnell in eine andere Richtung. Er hatte von Anfang an gewusst, was ihnen bevorstand, es jetzt zu bedauern wäre heuchlerisch und streng genommen gab es keinen Grund. Ihr Leben im Austausch für das Leben vieler war ihrer Ansicht nach ein mehr als gerechter Tausch. Andere würden diese Position als Ehre sehen.
Inzwischen war die Dorfälteste hinzugekommen, welche trotz ihres hohen Alters und ihrer bereits gebeugten Haltung Ruhe und Stärke ausstrahlte. Ihren Namen kannten nur die wenigstens, dies spielt allerdings keine Rolle, da sie sie alle einfach „Obaa-san" nannten. Als Anführerin ihrer Gemeinde war sie eine wichtige Verbindung zu den Göttern, immerhin erhielten sie und der Hohepriester Träume und Visionen von ihnen, womit sie automatisch deren Willen verkündeten. Damit galt ihnen jeglicher Respekt, niemand wagte, sich ihnen zu widersetzen oder gar ihre Entscheidungen zu hinterfragen. Zu dumm, dass die Außenseiter dies nicht begriffen.
„Leider ist es nicht möglich, Ihre Frau und Ihre Tochter zu verschonen.", erklärte sie höflich und lächelte den Mann freundlich an. „Außenseitern ist es nicht erlaubt, der Außenwelt von uns zu erzählen und die Götter werden zudem ungeduldig."
„Es gibt keine Götter!", schrie die Frau zurück, nun hysterisch. „Das ist nur irgendein dummer Aberglaube! Und wenn Sie sich Sorgen machen, dass wir es weitersagen, müssen Sie sich keine Gedanken machen! Wir werden niemanden etwas erzählen, das schwöre ich!"
Sofort ging ein wütendes Raunen durch die Menge, manche Leute machten Anstalten, sie für diese Beleidigung der Götter persönlich zum Schweigen zu bringen, doch verstummten, als die Älteste ihre Hand hob. „Seid nicht wütend, sie verdienen unseren Zorn nicht. Sie wissen es nicht besser.", beruhigte sie die Menge, bevor sie sich wieder an die Familie wandte. „Wir erwarten nicht, dass ihr Außenseiter das versteht.", fuhr sie sanft fort. „Nur wenige hatten je die Ehre, sie selbst zu sehen. Doch wisset, dass euer Opfer nicht vergebens sein wird, denn ihr werdet unserem Dorf weiterhin Leben und Wohlstand schenken. Es gibt keinen besseren Tod."
„Dann lassen Sie sich doch selbst an Ihre Götter opfern!", fuhr das Mädchen sie an, noch immer schluchzend. Sie erhielt nur ein trauriges Lächeln von der alten Dame. „Ich bedauere wirklich, dass ihr nicht die Wahrheit sehen könnt, aber ihr seid leider zu verblendet und zu befleckt von den Sünden der Außenwelt. Ihr würdet die Worte nicht begreifen. Ich rate euch, euch nicht zu wehren, dann besteht die Chance, dass es schnell vorbei ist. Nach der langen Wartezeit werden sie es wahrscheinlich möglichst zügig beenden wollen. " Natürlich kämpften sie weiterhin vergeblich gegen die Fesseln an, ganz egal wie sinnlos es war. Selbst wenn sie sich hätten befreien können, wären sie nicht weit gekommen und alle wussten es.
Während Obaa-san das Ritual begann, warfen sich alle Dorfbewohner auf die Knie, den Kopf zum Boden gesenkt und begannen zu beten. Rin war einer der wenigen, der dies im Stillen tat und hoffte derweil auf ein schnelles Ende. Es war stets dieselbe Prozedur: Fremde verliefen sich und trafen entweder auf Dorfbewohner, die im Wald arbeiteten oder fanden das Dorf direkt, wo sie zunächst freundlich aufgenommen wurden. Sie durften sich umsehen, wurden versorgt und redeten mit den Bewohnern, wobei jedoch genau zugeteilt wurde, wer mit wem sprach. Sie hatten immer wieder festgestellt, dass die Fremden am positivsten auf gleichaltrige reagierten, somit war es dieses Mal Rin gewesen, der das Mädchen rumgeführt hatte.
Hikari war ihr Name, allerdings war es so viel einfacher, sie nur als „das Mädchen" zu bezeichnen und somit als namenloses Schlachtvieh zu sehen. Schlussendlich wurden die Opfer dann entweder unter Drogen gesetzt oder nachts im Bett attackiert und ihrer Wertsachen beraubt, anschließend verbrachten sie den nächsten Tag eingesperrt in Zellen eines dafür speziell errichteten Gebäudes, um für die Opferung vorbereitet zu werden. Schon als Kind wurde man Zeuge dieses Geschehen, somit war es vollkommen selbstverständlich, Rin hatte sich jedoch nie wirklich mit dem Gedanken anfreunden können.
Natürlich hatte er seine Meinung dennoch für sich behalten. Er war schon immer sehr talentiert darin gewesen, sich Strafen einzuhandeln und er wollte nicht riskieren, dass am Ende sein Vater die Schuld bekam. Als Hohepriester hatte er einen gewissen Ruf zu wahren und da Rin irgendwann seinen Posten übernehmen sollte, konnte er sich erst recht nicht erlauben, seine Gedanken kundzutun. Stattdessen akzeptierte er es wie der Rest als Teil seines Lebens und tat seine Pflicht.
Zu seiner Erleichterung war Obaa-san endlich fertig und fiel ebenfalls auf die Knie, worauf mehrere Sekunden Stille folgte, von den leisen Gebeten, dem Rauschen des Windes in den Bäumen und dem verzweifelten Kampf der Familie abgesehen. Dann, plötzlich wie ein Kanonenschuss, ertönte ein gellender Schrei, gefolgt von dem Geräusch brechender Knochen und reißendem Fleisches. Hikari schrie nach ihren Eltern, sie lebte also noch. Entweder wollten die Götter sie zusehen lassen und dann töten oder sie planten, sie mitzunehmen. Ein Lachen ertönte, ein weiterer Schrei, der abrupt abriss, doch keine weiteren Geräusche folgten. Sie hatten das Mädchen also lebend mitgenommen.
Rin beneidete sie wahrhaftig nicht. Keiner wusste, was sie mit den Lebenden taten und er wollte es gar nicht wissen. Verdammt, sie waren nicht einmal sicher, was genau die Götter waren! Die meisten gingen davon aus, dass es sich bei ihnen schlicht und ergreifend um sehr mächtige Waldgeister handelte, diese lebten immerhin zu Genüge in den Wäldern. Ihm war es relativ egal, er wusste, was seine Aufgabe war und dieses Wissen reichte bereits. Er dachte nicht darüber nach, was sie mit Hikari anstellen würden und tröstete sich stattdessen mit dem schnellen Tod der Eltern, denn manchmal wurden die Tötungen der Opfer ewig herausgezögert.
Ob nun aus reinem Sadismus, Langeweile, perverser Neugier oder gar gelegentlicher schlechter Laune, es kam durchaus vor, dass sich diese Prozedur über Stunden hinweg zog, was die Dorfbewohner dazu zwang, die ganze Zeit betend in ihrer gebeugten Haltung zu verharren. Wer weiß, vielleicht wollten die Götter sie so erinnern wer das Sagen hatte, obwohl es vollkommen unnötig war.
Allerdings war es noch zu früh zum Aufatmen, die erdrückende Präsenz verschwand nicht. Offenbar waren einer oder sogar mehrere zurückgeblieben und ließen alle Anwesenden teils ehrerbietig, teils besorgt die Luft anhalten. In der Regel verschwanden ihre Gebieter sofort, sie waren also entweder unzufrieden, sie wollten noch etwas oder genossen einfach das Bild das sich ihnen bot. Es wäre es nicht das erste Mal, dass sie sich noch einen von ihnen schnappten, wenn ihnen die Opfer nicht ausreichten. Für die Dorfbewohner war es kein Grund zur Angst, im Gegenteil. Es war eine große Ehre als Opfer ausgewählt zu werden, dennoch zuckte Rin zusammen, als er spürte wie er von mehreren Blicken durchbohrt wurde.
Sofort verkrampfte er, machte aber nicht den Fehler, den Kopf zu heben. Leute waren bereits für geringere Vergehen gestorben und er würde nicht einer vor ihnen sein. Keiner wusste wirklich wie die Götter aussahen, lediglich Obaa-san und seinem Vater waren bereits flüchtige Blicke erlaubt gewesen, allerdings hatten sie nie ihre Gesichter gesehen. Noch immer spürte er ihre Augen auf sich und begann sich allmählich zu fragen, ob sie irgendetwas von ihm erwarteten oder seine Tauglichkeit als weitere Mahlzeit beurteilten.
Seine ehemalige Lehrerin würde jetzt wahrscheinlich verkünden, dass er sich das eingebrockt hatte, weil er seine Gebete vernachlässigt hatte und tatsächlich zermarterte er sich das Hirn darüber, was er eventuell vergessen oder falsch gemacht haben könnte. Seine Gebete hatte er erledigt, ebenso wie seine Arbeiten, er hatte seinem Vater und den anderen Priestern bei einigen Ritualen assistiert und sämtliche Schriften gelesen. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob sie von seiner Abneigung gegenüber den Opferungen wussten. Immer wieder war er gewarnt worden, dass die Götter über alle Vergehen Bescheid wussten und gegen seinen Willen verkrampfte er noch mehr. Um nicht am Ende doch das Tabu zu brechen und den Kopf zu heben, begann er sämtliche Schriften und Gebete, die ihm einfielen gedanklich aufzusagen. Für vielleicht eine weitere Minute blieb weiterhin alles still, dann verließen ihn endlich die Blicke und die Präsenz verschwand so plötzlich wie sie gekommen war.
Sie waren also vorerst befriedigt, das Fortbestehen ihres Dorfes war damit erneut gesichert. Erleichtert atmete Rin aus und stand langsam auf. Erst jetzt wurde ihm bewusst wie sehr er zitterte und wie steif er geworden war. Wie lange hatten sie dagehockt? Sein Blick wanderte zum Fuß des Baumes und wie erwartet war alles voller Blut sowie einigen Fleischfetzen. Knochen sah er keine, diesbezüglich waren sie stets gründlich. Wie so oft fragte er sich, ob sie die Opfer fraßen oder einfach nur Spaß daran hatten, sie zu zerfetzten. Allerdings war dann fragwürdig warum sie die Leichen mitnahmen. Er hatte gelernt, diese Gedanken zu verdrängen. Ohne mit der Wimper zu zucken, machten sich sofort mehrere Männer daran Ordnung zu schaffen, unterdessen zerstreute sich die Menge, teilweise bereits tief in Gesprächen versunken.
Rin hatte keine Lust mit seinen Freunden zu reden und musste ohnehin zurück zum Tempel, daher suchte er das Gesicht seines Adoptivvaters in der Menge. Nach einigen Sekunden entdeckte er ihn bei Obaa-san, offenbar in einer Diskussion vertieft, wenn er Mimik und Gestik richtig deutete. Er wollte sie nicht stören und suchte stattdessen Maruta, Kyodo, Nagatomo und Izumi, die restlichen Priester seines Tempels. Lange musste er nicht umher wanderten, sie erwarteten ihn bereits am Rande des Platzes. „Hallo, Rin.", wurde er von Izumi begrüßt. „Wo ist Shiro?"
„Redet noch mit Obaa-san, es sah wichtig aus.", antworte er schulterzuckend. „Ich glaube, wir sollten schon mal vorgehen." Der Rest stimmte zu, woraufhin sie sich gemeinsam auf den Weg machten. Niemand sprach und sie machten sich direkt nach ihrer Ankunft daran, die morgige Zusammenkunft vorzubereiten. Sie war stets früh am Morgen, daher versuchten sie die Vorbereitungen bereits am Abend davor abzuschließen. Sie mussten schon so sehr früh aufstehen, um die ersten Gebete und Meditationen hinter sich zu bringen, da wollten sie nicht auch noch das erledigen müssen.
Eine halbe Stunden später war alles erledigt und sie atmeten erleichtert auf. Da Shiro nicht zurück war und sie gerade zusammen saßen, reden sie weiter über ihren Tag, wobei sie natürlich irgendwann auf die Opferung zu sprechen kamen. Rin redete ungern darüber, ließ sich das allerdings nie anmerken und versuchte zumindest so zu tun als wäre er daran interessiert. „Immerhin war es dieses Mal schnell vorbei, sonst hätte das hier wieder ewig gedauert.", hörte er Nagatomo erleichtert sagen, woraufhin er ein Nicken seitens Izumi erhielt. „Das kannst du laut sagen. Erinnert ihr euch noch an das eine Mal, wo sich das drei Stunden gezogen hat? Anscheinend hatten sie da einen wirklich schlechten Tag."
Ja, Rin erinnerte sich nur zu gut an diesen einen Zwischenfall. Die Gruppe bestand aus nur fünf Leuten, doch hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt, sodass sie es tatsächlich geschafft hatten, für eine Weile zu entkommen, allerdings nicht für lange. Rin hatte derweil das Pech gehabt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und war dadurch in das folgende Handgemenge hinein gezogen worden. Am Ende hatte er mehrere Prellungen, ein blaues Auge und zwei gebrochene Rippen kassiert. Wirklich nicht die beste Erinnerung.
Zumindest war es relativ schnell geheilt, ein weiterer Umstand dem sie den Segen der Götter verdankten. Als die Gruppe dann jedoch geopfert wurde, ließen sich die Götter Zeit mit ihren Tod und zwangen ihre Anhänger somit mehrere Stunden lang betend auszuharren. Keiner wusste, warum sie so erbost gewesen waren, möglicherweise lag es daran, dass die Außenseiter versucht hatten, ihre Schriften zu stehlen. Zu seiner Erleichterung kam endlich Shiro nach Hause und zwang sie damit ihr Gespräch zu unterbrechen. Ein wenig verlegen schaute er sich um, bevor er mit sprechen begann. „Es tut mir sehr leid, dass ihr das alles selbst erledigen musstet.", entschuldigte er sich zerknirscht. „Ich hatte etwas mit Obaa-san zu klären und das hat länger gedauert als erwartet."
„Kein Problem, dafür darfst du nächstes Mal alles allein vorbereiten.", stichelte Maruta grinsend. „Ich hätte nichts gegen einen Tag Urlaub." Shiro verdrehte die Augen, musste allerdings lächeln und wandte sich an Rin. „Obaa-san möchte übrigens morgen nach der Zusammenkunft etwas mit dir besprechen, es klang wichtig." Sofort musste der Jüngere schlucken. Hoffentlich hatte sie nichts von dem versehentlichen Feuer in dem Lager mitbekommen. Noch immer hatte keiner eine Erklärung für das, was geschehen war.
Er hatte zusammen mit seinen Freunde das Lager aufgeräumt und wie immer hatten sie Witze gerissen und gelacht, dann stand von einer Sekunde auf die nächste eine der Kisten in Flammen. Rin hatte es zunächst gar nicht bemerkt, da er in eine etwas hitzigeren Diskussion mit Suguro verwickelt gewesen war, doch laut den anderen hatten sie einige blaue Funken gesehen, dann ging plötzlich das Feuer los. Sie hatten es bisher erfolgreich verheimlich (was ihre Strafe noch schlimmer machen würde, wenn man sie erwischte) und er betete, dass sie nichts erfahren hatte. Auf die daraus resultierenden öffentlichen Demütigungen sowie Essens- und Schlafentzüge konnte er wirklich verzichten. „Und sie hat nicht gesagt worum es geht?", hakte er vorsichtig nach.
„Nein, aber ich bin sicher, du musst dir keine Sorgen machen."
Rin nickte langsam, ein Klopfen an der Tür unterbrach jedoch ihr Gespräch und Shiro öffnete diese sichtlich verwundert. Sie erwarteten keinen Besuch um diese Zeit, daher gingen sie davon aus, dass es jemand war, der Rat suchte. Stattdessen wurden sie von Shiemi begrüßt, eine von Rins Freundinnen und die Tochter der Dorfapothekerin. „Entschuldigen Sie bitte, meine Mutter hat mich geschickt, um Ihnen die bestellten Kräuter und Salben zu bringen.", sagte sie und hielt dem älteren Mann einen Beutel entgegen. „Wir hatten leider sehr viel zu tun, darum haben wir es nicht eher geschafft, es vorzubringen."
Ein wenig überrumpelt nahm Shiro die Lieferung entgegen. „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, es drängt nicht und ist schon ziemlich spät. Ich wäre morgen sowieso vorbeigekommen.", sagte er. „Aber Dankeschön. Ich hole noch schnell das Buch für deine Mutter. Warte hier so lange, in Ordnung?"
Das Mädchen nickte kurz, woraufhin der Hohepriester sie und Rin allein zurückließ. Die anderen Männer verließen ebenfalls den Raum, jedoch nicht bevor sie den Jüngeren wissend angrinsten. ‚Ugh, manchmal sind sie unmöglich.' Er hätte niemals zugeben sollen, dass er ein wenig in sie verschossen war und da sie dieses Jahr beide 16 und somit volljährig wurden, konnte es durchaus passieren, dass sie sogar miteinander verheiratet werden würden.
In der Regel wählte man seinen Partner oder seine Partnerin nicht selbst, stattdessen entschieden Obaa-san und der Dorfrat darüber wer gut zusammen passte. Sie bestimmten auch, ob und wie viele Kinder ein Paar bekommen würden sowie ihre Aufgaben im Dorf. In ihrem Fall würde Rin vermutlich eines Tages Shiros Position übernehmen, während Shiemi den ihrer Mutter einnahm. Er selbst hatte es allerdings nicht gerade eilig damit und zwang sich zurück in die Gegenwart, weil Shiemi ihn besorgt ansah.
„Rin, ist alles in Ordnung? Du warst den ganzen Tag abwesend und nach der Opferung bist du so schnell weg gewesen. Die anderen machen sich ebenfalls Sorgen." Mist, Rin hatte wirklich gehofft, sie hatten nichts gemerkt. Er zwang sich schnell zu eine Lächeln und schüttelte mit dem Kopf. „Nein, Nein. Alles gut. Ich schätze, mir war nur etwas mulmig wegen…du weißt schon." Shiemi nickte wissend und seufzte. Natürlich begriff sie sofort, was er meinte, immerhin hatte sie ebenfalls oft die zweifelhafte Ehre ihre „Gäste" herumzuführen. Mit ihrer schüchternen und doch herzlichen Art ließen die meisten direkt sämtliche Vorsicht fallen.
„Das verstehe ich. Sie wirkten nett. Aber es ging nicht anders, ansonsten zahlt das ganze Dorf den Preis und das will ich nicht, also tu ich es und gib mein bestes.", sie zögerte kurz, bevor sie weiterredete. „Nur manchmal wünschte ich, es gäbe eine andere Möglichkeit." Rin nickte zustimmend, weiter sprachen sie jedoch nicht darüber, andernfalls könnten sie in Schwierigkeiten geraten. Renzo war schon einmal in Teufelsküche gekommen, weil er den Mund etwas zu weit aufgerissen hatte und sie wollten das nicht wiederholen.
Sie redeten noch eine Weile über alltägliches bis Shiro mit dem Buch zurückkehrte und das junge Mädchen ihrer Wege schickte. Da es bereits spät war und sie früh raus mussten, gingen sie direkt ins Bett, wo Rin nach seinen Gebeten in einen unruhigen Schlaf verfiel. Für gewöhnlich hatte er einen tiefen Schlaf, weswegen er nicht damit rechnete, sich in einem Traum wiederzufinden.
Darin befand er sich erneut auf dem Dorfplatz, dieses Mal war er allerdings kein Zuschauer, sondern war selbst an den Lebensbaum gefesselt. Er versuchte etwas zu sagen, aber kein Laut kaum heraus. Seine Versuche sich zu befreien misslangen ebenfalls, er konnte keinen Muskel rühren. Alles war gespenstig still, nicht einmal der Wind rauschte durch die Bäume und eine unnatürliche Kälte ging ihm durch Mark und Bein. Sein Blick wanderte nervös hin und her, dabei entdeckte er nach und nach immer mehr Dorfbewohner, ebenso wie ehemalige Opfer, darunter sogar die Familie von heute, die ihn mit einem leeren Gesichtsausdruck anstarrten. Zudem brannte wenige Meter von ihm entfernt ein blaues Feuer und ließ ihn stutzen. Laut ihren Schriften war derartiges Feuer das Merkmal ihres stärksten Gottes.
Erneut versuchte er nach jemanden zu rufen, wieder versagte seine Stimme ihren Dienst. Noch nie hatte er einen derartigen Traum gehabt und obendrein gewusst, dass er träumte. Es wusste wie albern Angst in einer solchen Situation war, in einem Traum konnte nichts passieren, nur leider half es ihm nicht mal ansatzweise sich zu beruhigen. Für eine ganze Weile passierte nichts, die Stille drückte ihm allmählich auf das Trommelfell und seine Beobachter machten keine Anstalten sich zu bewegen. Alles danach geschah so plötzlich, dass er es kaum registrierte.
Mit einem Mal wurde er von etwas gepackt und er fuhr schweißgebadet aus dem Schlaf hoch. Hektisch schaute er sich um, atmete allerdings erleichtert auf, als er sein Zimmer erkannte. Es war noch tiefste Nacht und alles schien ruhig, daher legte er sich wieder hin. Bevor er wieder einschlief konnte er allerdings nicht das Gefühl abschütteln, dass ihn noch immer irgendetwas oder irgendjemand anstarrte.
„Ich hasse euch. Ich hasse euch ALLE.", murmelte Rin verdrießlich, sein Kopf ruhte derweil auf der Tischplatte. Izumi tätschelte ihm mitfühlend den Rücken, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. „Wir können nichts dafür, wir müssen dich nun mal wecken, sonst verschläfst du."
„Wer kommt denn auf die dumme Idee, die Zusammenkunft so früh zu legen? Wenn ich wirklich Hohepriester werde, schiebe ich die auf 14 Uhr oder so.", grummelte Rin missmutig und starrte seinen Teller an, als hätte dieser ihn und all seine Vorfahren tödlich beleidigt. Beinahe sofort erhielt er von Shiro einen Klaps auf den Hinterkopf. „Jammern macht es nicht besser und die erste Zusammenkunft ist schon immer so früh, daran wirst du nichts ändern können. Jetzt mache dich lieber fertig.", rügte er ihn streng. „Und dieses Mal schläfst du besser nicht ein."
Rin brummelte etwas vor sich hin, dies schien seinem Vater aber bereits zu reichen. Warum musste er überhaupt dort hin? Als ob er nicht schon längst die Schriften auswendig konnte. Zumindest so gut wie. Nun, vielleicht konnte er nicht alles im genauen Wortlaut zitieren, aber er verstand zumindest die Bedeutung dahinter und konnte alles erklären, war das nicht eigentlich genug? Sowohl Obaa-san als auch Shiro würde ihm wohl die Ohren lang ziehen, wenn sie seine Gedanken hören könnten.
Den Göttern sei Dank verlief die Zusammenkunft reibungslos und Rin schaffte es tatsächlich, die ganze Zeit wach zu bleiben. Jetzt musste er nur noch dieses Gespräch mit Obaa-san hinter sich bringen, seine Pflichten erfüllen, seine restlichen Gebete erledigen und schon konnte er ins Bett bis Zeit für das Essen war. Er mochte diesen Plan. Er musste nicht lange suchen, die alte Dame erwartete ihn bereits am Altar. „Ihr wolltet mich sehen, Obaa-san?"
„Oh bitte, nicht so förmlich.", erwiderte sie gut gelaunt. „Setzen wir uns, meine Knochen sind leider nicht mehr, was sie früher mal waren. Gestern war noch alles gut und heute Morgen reichte schon eine falsche Bewegung und es ging direkt mit dem Rücken los. Pass du nur gut auf deine Knochen auf, hörst du? Du hast immerhin nur einen Körper, also behandele ihn gut!" Rin stimmte schnell zu, dann setzten sie sich gemeinsam auf eine der Bänke. „Also, du wolltest mit mir reden?", hakte er erneut nach, woraufhin sie seufzte. „Hach, die jungen Leute, immer wollen sie alles schnell erledigen. Aber gut, sicherlich hast du keine wirkliche Lust, dich mit einer alten Schachtel wie mir zu unterhalten."
„H-Hey, ich meinte nicht-"
„Ach, mach dir keine Gedanken.", unterbrach sie ihn abwinkend. „Ich nehme es dir nicht übel, ich war früher genauso. Die ganzen alten Leute haben immer nur geredet, dabei wusste ich das alles längst und wollte nur meine Ruhe. Das wird sich wohl niemals ändern, aber es ist Teil der Älter werden." Sie sah ihn an, in ihrem Blick lag eine deutliche Wärme. „Deine Mutter wäre so stolz auf dich…ich erinnere mich noch gut an den Tag deiner Geburt und heute bist ein wundervoller junger Mann geworden. Auch wenn du ein unumstrittenes Talent hast, dich in Schwierigkeiten zu bringen. Allein der Zwischenfall mit den Bienen…"
„Okay, komm. Da war ich sechs.", grummelte Rin, konnte jedoch nicht anders als rot zu werden. Dennoch fragte er sich, worauf sie genau hinaus wollte. Sie war sicher nicht hier, um über alte Zeiten zu reden. Sie schien seine Verwirrung zu spüren und lächelte ihn an.
„Vergib mir, ich schätze, ich sehe dich immer noch als kleines Kind. Du warst als Baby so winzig und deine Mutter hatte ich ebenfalls bereits als Säugling auf dem Arm. Shiro wird es sicherlich ähnlich sehen, nicht? Es ist nie einfach, sein Kind groß werden zu sehen, aber ich komme immer mehr vom Thema ab." Sie seufzte leise und sah ihn dann ernst an. „Ich tu das nur ungern, aber da du nicht von selbst gekommen bist, frage ich jetzt nach. Mir ist aufgefallen, dass die Götter während der Opferung gesterj Interesse an dir gezeigt haben. Rin, sei bitte ehrlich. Hattest du in letzter Zeit irgendwelche Zweifel? Oder gar daran gedacht, unsere Gemeinschaft zu verlassen?"
Vollkommen verdattert starrte er sie an und sagte das erste, was ihn in den Sinn kam. „Wäre das nicht eher etwas, was ich mit Shiro bereden sollte? Weil er der Hohepriester und alles ist?"
„Das ist wahr, aber ihm fehlt in diesem Fall das nötige Urteilsvermögen und als Dorfälteste ist es genauso meine Pflicht, euch anzuhören.", erwiderte sie und musterte ihn durchdringlich. „Also sag mir bitte die Wahrheit, ich möchte nur helfen und wenn du lügst, schadest du dir selbst. Hattest du Zweifel an den Göttern und unseren Lehren?"
Rin antwortete nicht sofort und biss sich nervös auf die Lippen. Natürlich musste er ehrlich sein, alles andere würde es schlimmer machen, aber er wusste, dass es nicht folgenlos bleiben würde. Schließlich nickte er langsam. „Ja, aber nicht an den Göttern sich.", sagte er schnell, den Blick der älteren Frau ausweichend. Schon seltsam, dass er ausgerechnet sie und Shiro bei sowas nicht ansehen konnte. „Ich verstehe nicht, warum sie Menschenopfer brauchen. Diese Außenseiter haben nichts Falsches getan und ihre Leben sind nicht weniger wert als unsere!" Wie erwartet erhielt er einen missbilligenden Blick, der ihn zusammensacken ließ. Egal wie alt er war, er fühlte sich stets wie ein zu Recht gescholtenes Kind, wenn Obaa-san ihn so ansah.
„Rin, insbesondere du solltest unsere Grundsätze kennen."
„Natürlich kenne ich sie, aber sie erklären nicht, warum wir das tun sollen!", protestierte der Jüngere ein wenig schnippischer als er wollte. „Wenn wir ihnen nichts tun, haben sie keinen Grund jemanden schlechtes von uns zu erzählen!" Obaa-san schüttelte seufzend den Kopf, ihr Gesichtsausdruck war jedoch sanfter geworden. „Kind, du bist nicht der erste, der mich das fragt, doch du solltest vorsichtig damit sein. Wenn du Fragen hast, komm zu mir oder gehen zu deinem Vater. Wir verheimlichen nichts voneinander und das erwarte ich von dir ebenfalls."
Rin ließ ein wenig beschämt den Kopf hängen und entschuldigte sich, was die ältere Frau ein wenig milder zu stimmen zu schien. „Du musst verstehen, die Außenseiter sind anders als uns. Ihr Verstand ist benebelt, sie werden von Gelüsten, Gier und Machthunger angetrieben, das macht sie taub gegenüber den Worten der Götter. Wir dagegen wurden auserwählt, um ihnen zu dienen und ihre Lehre zu verbreiten. Unsere Vorfahren haben ihre Botschaft erhalten und es ist unsere Pflicht, alles zu tun, was sie verlangen. Dafür beschützen sie uns und segnen uns mit Glück, Wohlstand und einem langen Leben, doch die Außenseiter sind zu engstirnig um das einzusetzen. Sie halten uns für verrückt und sehen auf uns herab, weil sie Angst davor haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Wüssten sie von uns, würden sie alles daran setzen, uns zu vernichten. Genau darum verlässt niemand diesen Wald. All diese Einflüsse von außerhalb bringen dich auf den falschen Weg, weg von den Göttern und weg von der Erleuchtung."
„Aber die meisten Fremden sind nett und machen sich nie über uns lustig oder behandeln uns von oben herab."
„Das liegt daran, dass sie in der Minderheit sind. Es liegt in der Natur dieser Menschen. Betrachten sie jemanden als minderwertig oder rückständig, versuchen sie direkt diesen ihre Ideale aufzudrücken. Würden wir das zulassen, wäre es unser Ende und wenn wir diese Leute gehen lassen, werden sie allen von unserem Dorf erzählen. Manche mag es nicht interessieren, doch die meisten würden sofort versuchen, einen Vorteil daraus zu schlagen. Sie verstehen die Wichtigkeit unser Aufgabe nicht und wollen uns sogar dafür töten, obwohl wir das richtige tun. Es liegt im Interesse des gesamten Dorfes sie zu opfern, wir sind eine Familie und sicherlich willst du nicht deine eigene Familie verraten?"
„Nein, natürlich nicht!", versicherte Rin hastig, der nun ein schlechten Gewissen bekam. „Aber warum müssen es die Götter manchmal so sehr in die Länge ziehen?" Er erhielt einen weiteren tadelnden Blick, als wäre er ein Kind, dass beim Fleisch stehlen erwischt worden war. „Es steht uns nicht zu, dies zu hinterfragen. Die Götter wissen mehr über diese Leute als wir, sie kennen ihre Sünden und bestrafen sie entsprechend." Das…klang logisch. Richtig? „Und bevor du fragst, nein, wir können sie nicht selbst töten, andernfalls können die Götter aus ihren Toden keine Kraft ziehen. Die Opferungen sind unumgänglich, so bedauerlich es sein mag."
Sie betrachtete Rin für eine Weile und nickte schließlich langsam. „Da es das erste Mal für dieses Jahr ist, werde ich milde sein. Es wäre wohl das Beste, wenn du die nächsten Tage in Isolation verbringst und die Götter um Vergebung bittest. Ich möchte außerdem, dass du unsere Schriften wiederholst. Ich prüfe dich persönlich und entlasse dich erst dann, wenn ich zufrieden bin. Die Götter werden dich zurück zum richtigen Pfad führen."
Genau das hatte Rin befürchtet. Es war nicht das erste Mal, dass er dazu verdonnert wurde, daher nickte er nur seufzend. Das war zumindest noch eine relativ leichte Strafe, da gab es deutlich schlimmeres. Normalerweise war es nicht erlaubt, während der Isolation zu essen oder zu schlafen, da es ablenkte. Er hatte dies bereits einige Male durch und war nicht erpicht auf ein weiteres Mal.
Dummerweise kam Shiro dazu, dem er ebenfalls beichten musste, was er bereits Obaa-san erzählt hatte. Er wirkte genauso wenig begeistert, war allerdings nicht zu wütend. Nur kurzdarauf folgte Rin widerwillig der Ältesten aus dem Haus, um sich zur Kammer der Sühne zu begeben. Das würden ein paar anstrengende Tage werden.
Einen knappen Monat später verließ Rin zum ersten Mal seit beinahe einem halben Jahr das Dorf. Hin und wieder hatte er weiterhin Träume, behielt diese allerdings vorerst für sich. Momentan hatten sie wichtigeres zu tun. Er, seine Freunde und einige weitere Jugendliche waren zusammen mit Shiemi, deren Mutter Shion sowie ihrer Großmutter Hanako losgeschickt worden, um Heilpflanzen und Kräuter zu sammeln, da der Winter stetig nahte und sie somit jede Menge Vorräte benötigten.
Er war keinesfalls ein Pflanzenexperte, doch es war nicht das erste Mal, dass er zum Sammeln eingeteilt worden war, daher hatte er relativ schnell den ersten Beutel voll. Izumo, die einige Meter von ihm entfernt ebenfalls beschäftigt war, wirkte allerdings ziemlich abgelenkt. Normalerweise würde er nicht weiter darauf achten, inzwischen wich sie ihnen jedoch schon seit fast einer Woche aus und allmählich machten sich er und die anderen Sorgen. Nach kurzem Zögern ging er auf sie zu. Vielleicht würde sie offener sein, wenn sie allein waren.
„Izumo, ist alles in Ordnung bei dir?", fragte er das Mädchen besorgt. Sie zuckte erschrocken zusammen, offenbar hatte sie ihn nicht bemerkt. „O-Oh, ja alles gut! Natürlich, warum sollte es anders sein!", fuhr sie ihn kurz angebunden an, aber der andere Jugendliche ließ sich nicht beirren. „Komm schon, wir kennen dich, dich beschäftigt etwas." Da sie nicht antworte, beschloss er, die Strategie zu wechseln. „Na gut, ich lass dich in Ruhe, aber wenn du jemanden zum Reden brauchst, kannst du jederzeit zu mir kommen."
Er wandte sich ab und wollte gehen, aber sie hielt ihn wie erwartet auf. „Warte! Es…Ich schätze mal, es gibt da etwas.", sagte sie zögerlich und sah sich ein wenig nervös um. „Wir sind allein oder? Die anderen sind außer Hörweite?" Nachdem Rin es bestätigt hatte, zog sie ihn dennoch hinter einen Baum und sah sich weiter um, als würde sie erwarten, jeden Moment überrascht zu werden.
„Ich weiß, das wird seltsam klingen.", begann sie langsam. „Ich war vor einigen Wochen bei Obaa-san und habe ihr dabei geholfen, ihr Archiv aufzuräumen. Ich habe dabei etwas über meine Eltern gefunden und so wie es aussieht, ist meine Mutter doch nicht tot." Ziemlich überrascht von dieser Enthüllung, ließ Rin das kurz sacken. Izumo und ihre Schwester hatten beide Eltern früh verloren, ihr Vater war ein Verräter gewesen, während ihre Mutter bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Was genau dieser Unfall war, vermochte seltsamerweise niemand zu beantworten. „Aber wenn sie nicht tot ist, wo ist sie dann?"
„Ich weiß es nicht, so wie es klang, ist sie eines Nachts in den Wald gelaufen und nicht zurückgekehrt, aber es gab wohl in einer Außenseiterstadt Sichtungen von ihr. Das klingt verrückt, aber was, wenn es wahr ist? Warum hat sie dann mich und Tsukumo zurückgelassen?! Das ergibt alles keinen Sinn!"
Sie zögerte kurz und schien noch etwas sagen zu wollen, doch dann hörten sie plötzlich Shiemis Mutter nach ihnen rufen. „Rin und Izumo, ihr könnt reden und gleichzeitig arbeiten! Los jetzt, wir haben nicht mehr ewig Zeit! Wir verschwenden Sonnenlicht!", drängte sie. Sofort zuckte Izumo zusammen, als hätte man ihr eine Backpfeife verpasst. „E-Entschuldigung!", rief sie zurück und lief sofort los, um weiter Pflanzen zu sammeln. Rin fuhr ebenfalls mit seiner Arbeit fort, konnte jedoch nicht anders, als daran zu denken, was er soeben erfahren hatte. Niemand durfte das Dorf verlassen, außer in ganz seltenen Sonderfällen wie Vorratsbeschaffung. Was um alles in der Welt sollte Izumos Mutter also in einer solchen Stadt treiben?
Er war so in Gedanken, dass er kaum bemerkte wie er sich langsam immer weiter vom Rest entfernte. Als er es endlich bemerkte, war er längst außer Sichtweite und wollte direkt umdrehen, allerdings ließ ihn etwas inne halten. Plötzlich hatte er ein sehr seltsames Gefühl, etwas drängte ihn dazu, tiefer in den Wald zu gehen. Zögerlich trat er einige Schritte nach vorne, da er wusste, dass sie nicht allein gehen sollte. Zwar drängte alles in ihm ihn dazu, weiter zu gehen, aber er erinnerte sich zu gut an die Warnungen seines Vaters und der anderen Erwachsenen im Dorf.
Sie waren Kinder des Waldes, die Götter und Waldgeister würden ihnen nicht grundlos schaden, dennoch war es unklug allein unterwegs zu sein. Manche Naturgeister stahlen gerne Menschen und selbst wenn sie es meist nicht böse meinten, so konnte es durchaus passieren, dass man nie wieder zurückkehren konnte. Ihr Platz war im Dorf, daran bestand kein Zweifel. Nur warum wurde dieses Verlangen dann immer stärker? Es war als würde etwas nach ihm rufen, nur seltsamerweise machte es ihm keine Angst, im Gegenteil. Er wollte dem Ruf folgen, es würde schon nichts passieren. Notfalls konnte er immer noch umdrehen und die anderen mussten es nicht erfahren.
Erneut setzte er sich in Bewegung, dann legte sich allerdings ohne Vorwarnung eine Hand auf seine Schulter und er stieß einen erschrockenen Laut aus. „Rin, hier bist du! Du solltest wirklich nicht so weit weg von der Gruppe sein!", hörte er Hanako, sagen. Erschrocken und zugleich erleichtert drehte er sich um. „Tut mir leid.", entschuldigte er sich. „Ich weiß nicht warum, aber…na egal." Er wollte es als Einbildung abtun, die ältere Dame sah ihn dagegen neugierig an. „Ja, sprich ruhig weiter. Hast du etwas gesehen? Oder gehört?"
„Irgendwie schon.", gestand Rin langsam. „Es waren keine richtigen Laute, aber ich hatte trotzdem das Gefühl jemand würde mit mir reden und zu sich zu sich rufen. Es war als wäre ich…"
„In Trance?", schlug Hanako vor, worauf der Jüngere nickte. „Ich weiß, das klingt dumm, aber-" Er verstummte, als sie eine Hand hob. „Das ist alles andere als dumm, Rin.", sagte sie freundlich. „Mir scheint, als hättest du die Aufmerksamkeit eines Waldgeistes erregt. Grünmänner vielleicht, von ihnen gibt es hier viele. Mach dir keine Sorgen, sie sind in der Regel nur neugierig." Rin war zwar nicht ganz überzeugt, stimmte aber zu und folgte der alten Dame zurück zu ihrer Gruppe. Der Rest des Tages lief ohne weitere Zwischenfälle ab, nur bekam er leider nicht die Gelegenheit erneut mit Izumo zu reden, sodass er an diesem Abend mit mehr Fragen als Antworten nach Hause ging. Im Laufe der nächsten Monate konnte er allerdings weiterhin nicht das Gefühl abzuschütteln, beobachtet zu werden und es waren ganz eindeutig keine Grünmänner.
Die nächste Gruppe Außenseiter kam erst im Winter, um genau zu sein am 16. Dezember, zu ihnen. Es war wirklich ein Glücksfall, wären noch länger keine Fremden gekommen, hätte man Opfer unter der Dorfbewohnern ausgelost. Es konnte dabei jeden treffen, besonders hoch war das Risiko, wenn ein Verwandter ein Verräter gewesen war, doch glücklicherweise mussten sie selten darauf zurückgreifen, zumindest in der Zeit seit Rins Geburt. Gelegentlich meldeten sich Leute freiwillig, insbesondere ältere, die ihre Familien entlasten wollten und nicht mehr arbeiten konnten. Umso besser, dass sie direkt so viele neue Opfer bekommen hatten, das würde die Götter für eine ganze Weile besänftigen.
Die Gruppe bestand aus sieben Leuten, vier waren männlich und drei weiblich, aber vom Alter her ziemlich gemischt. Der älteste Mann war bereits 30, die älteste Frau war 26, der Rest war in der Altersspanne von 18 bis 22. Laut ihren Berichten hatten die jüngeren Leute ihren Urlaub in einer Lodge am Waldrand verbracht und beschlossen, im Wald wandern zu gehen, hatten sich allerdings verirrt und waren dabei auf die beiden Älteren gestoßen.
Rin verstand nie, wieso sich aller Nase lang Leute verliefen, vermutete jedoch, dass die Götter ihre Finger im Spiel hatten. Wie sonst brachte man es zustande, vom Waldrand aus so tief in diesen Wald vorzustoßen? Er beobachtete wie mehrere Dorfbewohner die ziemlich durchgefroren Besucher in die Gästehütte führten und seufzte innerlich. Obaa-san hatte ihn bereits beiseite genommen und darum gebeten, ihnen zusammen mit Izumo und Shiemi zusätzliche Decken zu bringen. Warum nur hatte er das Gefühl, dass er wieder Fremdenführer spielen durfte?
Die Opferung war für die Wintersonnenwende, also dem 21. Dezember, angesetzt, daher mussten sie versuchen, die Fremden möglichst lange hinzuhalten. Natürlich könnten sie sie einfach niederschlagen und einsperren, diese Strategie hatte sich in der Vergangenheit allerdings öfter als Problem herausgestellt, weil es vielen Fremden immer wieder gelungen war, sich irgendwie zu befreien und wegzulaufen. Schlussendlich waren sie nicht weit gekommen, dennoch wollten sie es besser nicht riskieren.
Außerdem bestand laut Obaa-san kein Grund sie unnötig zu verängstigen und da ihr Tod ihrem Dorf half, war es nur richtig ihnen entsprechende Gastfreundschaft zu geben. Zumindest in dieser Hinsicht stimmte er ihr hundertprozentig zu. Kurz darauf standen er und die anderen beiden Mädchen bereits mit den Decken im Haus, wo ihnen sofort die wohlige Wärme der Feuerstelle entgegenschlug.
Im Gegensatz zu den restlichen Häusern gab es hier nur den Wohn- beziehungsweise den Schlafbereich sowie ein Badezimmer. Grund war, dass es speziell zur Unterbringung der Opfer galt und somit keine weiteren Räumlichkeiten benötige. Zehn Betten waren jeweils zu fünft in zwei Reihen aufgeteilt, zwischen denen jeweils ein kleiner Beistelltisch sowie einige Truhen für Kleidung standen, während sich genau in der Mitte des Raumes die offene Feuerstelle befand. Daneben war ein Tisch mit mehreren Stühlen und das war so ziemlich alles. Lediglich eine Leiter befand sich noch im Raum und führte auf den Dachboden, der als Speicher diente. Es war sehr spartanisch, aber mehr als ausreichend, zumal die Außenseiter hier nicht ohnehin lange blieben.
Alle saßen auf ihren Betten, eine der Frauen hatte den Knöchel verbunden, ein Mann dagegen die Hand. Ihre Verletzungen zu versorgen gehörte zur Gastfreundschaft dazu, ganz egal wie knapp die Vorräte waren. Teilen war etwas, was ihnen stets gepredigt wurde und niemand beschwerte sich darüber. „Hallo, tut uns leid, dass wir stören.", hörte er Izumo sagen. „Wir sollen euch weitere Decken bringen."
„Ah, Danke!", bedankte sich der scheinbare Anführer der jüngeren Gruppe. „Das wäre aber gar nicht nötig gewesen."
„Heute Nacht werdet ihr deswegen dankbar sein, es wird ziemlich kalt hier draußen.", antwortete Rin, während er die Decken ablegte. „Ehrlich gesagt ist es verwunderlich, dass ihr es bis hier her geschafft habt, ohne Erfrierungen abzubekommen."
„Ich finde es ja eher verwunderlich, dass mitten im Wald ein einzelnes Dorf rumsteht. Man sollte meinen, das wäre zumindest mal irgendwo erwähnt oder gar auf Karten verzeichnet.", grummelte eine der Frauen. Sie stach mit ihren kurzen, grünen Haaren ziemlich aus der Gruppe hervor. Rin hatte gefärbte Haare schon immer faszinierend gefunden, nur leider gab es nichts Vergleichbares im Dorf und es war ohnehin verboten. Es war nur eine Verschwendung von Ressourcen und somit unnötig, daher hatte er es nie ausprobiert.
„Mariko!", zischte die Frau mit dem verstauchten Knöchel, doch Mariko verschränkte die Arme und musterte Rin scharf. „Schon etwas seltsam, dass hier ein ganzes Dorf lebt, vollkommen abgeschieden und noch dazu in einem Wald, der berüchtigt dafür ist, das Leute in ihm verschwinden. Schon etwas seltsam, oder?" Oh, wunderbar. Sie war eine dieser Außenseiter.
„Der Wald ist groß und Kompasse spielen hier verrückt, also kann man sich schnell verlaufen. Und wenn unser Dorf nicht auf den Karten ist, werden die nicht korrekt sein. Da ist das nicht verwunderlich.", konterte Rin. Nach all den Jahren hatten sie alle mehr als genug Erfahrung darin, sich aus derartigen Situationen herauszureden. Aus den Augenwinkeln sah er die dritte Frau der Gruppe, die an der Wand lehnte und ihn genau zu beobachten schien. Ihre langen rot-blonden Haare machten sie noch auffälliger als Mariko.
Sie hatte nichts gesagt, seit sie im Dorf angekommen waren, zumindest hatte er sie nicht sprechen gehört, dennoch hörte sie aufmerksam zu. Offenbar war sie nicht weniger vorsichtig, wenn auch weniger feindselig. Schnell fuhr er fort, bevor er sich zu sehr ablenken ließ.
„Wir haben selbst rund ums Dorf Markierungen verteilt damit wir uns nicht so leicht verlaufen, wenn wir im Wald unterwegs sind. Wenn wir schon sowas brauchen, haben Fremde erst recht schlechte Karten." Das war nicht mal eine Lüge, tatsächlich wurden sie meist gefunden, weil die Außenseiter ihre Markierungen sahen und ihnen folgten. Mariko gab sich damit allerdings nicht zufrieden. „Und warum lebt ihr hier überhaupt? Es ist das 21. Jahrhundert und ihr scheint nicht mal Strom zu haben. Habt ihr was zu verstecken?"
„Mariko, das reicht jetzt!", fuhr endlich der Gruppenführer dazwischen. „Sie waren so nett und haben uns aufgenommen, du solltest mal etwas dankbarer sein. Abgesehen davon steht es uns nun wirklich nicht zu, über sie zu urteilen."
„Sie hat aber allerdings recht. Es ist ziemlich seltsam.", warf der der einzige Nicht-Japaner der Gruppe ein. Er hatte blonde, lange Haare und obwohl Rin ihn nicht kannte, fand er ihn direkt unsympathisch. „Das erscheint ein mehr als seltsamer Ort zu sein, um ein Dorf zu errichten."
„Ja, finde ich auch.", bestätigte der Mann mit der verletzten Hand. Wundervoll, direkt waren mindestens vier Leute misstrauisch. Das konnte eventuell zu einem Problem werden, daher machte Rin einen gedanklichen Vermerk, sie besonders im Auge zu behalten. Izumo hatte derweil schon zur Antwort angesetzt, die sie immer und immer wieder gegeben hatten.
„Das liegt daran, dass unsere Vorfahren von ihrem ursprünglichen Land vertrieben worden sind und sich verstecken mussten. Sie hatten sich angeblich gegen ihren Daimyo gestellt, was allerdings nicht stimmt. Daher waren sie gezwungen sich an einem Ort niederzulassen, wo man sie nicht finden würde. Mit der Zeit ist das Dorf dann gewachsen und die Nachfahren sind geblieben. Einige verlassen das Dorf irgendwann, aber sie kommen oft mit ihrer Familie zurück oder wenn sie alt und im Ruhestand sind." Erneut war es die Wahrheit, bis auf der letzte Teil. Niemand ging, man wurde hier geboren und man starb hier, aber das Gegenteil zu behaupten half oft dabei Zweifel zu zerstreuen. Bei Mariko war es ganz offensichtlich wirkungslos.
Zwar sagte sie nichts, doch ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. Sie würde wohl ein Problem darstellen, das mussten sie der Ältesten berichten, sobald sie hier raus waren. Wie gerufen öffnete sich die Tür und Obaa-san betrat den Raum, wie immer mit einem Lächeln. „Wie ich sehe, habt ihr euch bereits eingelebt. Das freut mich! Braucht ihr sonst noch etwas?"
„Nein, Danke. Sie haben schon genug getan!", antwortete der Mann, der bisher still geblieben war. Wenn sich Rin korrekt erinnerte, war er der jüngste der Gruppe. „Ohne Sie wären wir erledigt gewesen."
Obaa-san winkte kopfschüttelnd ab und lachte freundlich. „Das ist doch nicht der Rede wert. Wer Hilfe braucht, soll diese auch bekommen, nicht wahr, Kinder?" Rin und die Mädchen nickten zustimmen, Mariko schnaubte allerdings leise, was der alten Dame natürlich nicht entging. „Stimmt etwas nicht, Liebes?", fragte sie höflich.
Es war immer wieder erstaunlich, wie sie in jeder Situation Ruhe bewahrte. Manche der Fremden waren wie Mariko ziemlich kritisch und aggressiv gewesen, doch Obaa-san ließ sich davon nie beeindrucken, was ihr nur noch mehr Respekt innerhalb des Dorfes einbrachte. Mariko behielt ihren aggressiven Tonfall jedoch bei, die missbilligenden Blicke der anderen ignorierend. „Im Leben gibt es nichts umsonst. Sie wollen sicher etwas im Gegenzug, niemand verschwendet begrenzte Ressourcen für Fremde."
„Oh, unsere Ressourcen sind mehr als ausreichend. Die Gebäude halten jedem Wetter stand und unsere Vorräte könnten uns durch ein ganzes Jahr bringen.", erwiderte die alte Dame gut gelaunt. „Davon abgesehen ist gegenseitige Hilfe der Wille der Götter. Wir sind alle Menschen, warum sollten wir uns also nicht helfen?"
„Dann sind Sie ziemlich naiv-"
„Mariko, genug!", fauchte der Anführer, nun sichtlich genervt, bevor er sich an Obaa-san wandte und sich schnell entschuldigte. „Bitte, ignorieren Sie meine Schwester einfach. Mariko ist nur sehr müde, sie wird dann grantig, aber meint es nicht so. Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen. Ich bin übrigens Toma."
Natürlich lächelte die Älteste verständnisvoll und nickte ihm zu. „Freut mich sehr. Mach dir keine Sorgen, ich kenne dieses Problem nur zu gut. Mit mir kann man nichts anfangen, wenn ich nicht genug Schlaf bekomme, fürchte ich. Meine Mutter hat mich oft gescholten, weil ich ziemlich respektlos werden konnte."
Manche von ihnen lachten höflich, Shiemi, Izumo und Rin tauschten derweil Blicke. Obaa-san war schon Dorfälteste gewesen, als sie gerade mal laufen konnten, sie sich als junge Frau vorzustellen oder gar als respektlos wirkte daher unmöglich. Allerdings war das lange Leben ein weiteres Geschenk der Götter, daher wunderte es wenige, dass sie bereits über 100 Jahre alt war.
Sie zuckten zusammen, als sie sich plötzlich an sie wandte. „Shiemi, deine Mutter sucht dich, sie braucht dich im Laden. Rin, Shiro sucht dich ebenfalls, du sollst bei den Vorbereitungen für die Wintersonnenwende helfen." Sofort stieg Rins Laune, denn dies bedeutete, dass er beim Kochen helfen durfte. Er kochte bereits für seine Familie, bei derartigen Festen hatte er allerdings immer noch den meisten Spaß.
„Die Wintersonnenwende?", hörte er Toma neugierig fragen. „Ja, sie ist in wenigen Tagen. Es ist eines unserer wichtigsten Feste, ihr könnt gerne teilnehmen.", erklärte Obaa-san als ob sie diesbezüglich eine Wahl hatten. Sie würden in jedem Fall da sein, immerhin waren sie die Hauptattraktion. „Mit Saoris verletztem Knöchel werdet ihr vorerst ohnehin nicht gehen können."
„Wir haben Ihre Gastfreundschaft bereits genug beansprucht-"
„Oh, nein, ich bestehe darauf! Das Wetter wird vorerst nicht besser werden und ich möchte nicht, dass ihr euch verirrt. Da könnt ihr genauso gut gleich zu unserem Fest kommen. Es wäre nun wirklich nicht fair, wenn wir alle feiern und ihr in diesem Haus festsitzt. Abgesehen davon ist es immer schön, einige neue Gesichter zu sehen."
„Wenn es dort Bier gibt, bin ich in jedem Fall dabei." Überrascht wandten sie sich an die Frau, die noch immer an der Wand lehnte und sie nun angrinste. „Shura, Sie könnten wirklich etwas höflicher sein!", kritisierte Saori, doch die Frau zuckte nur mit den Schultern. „Was denn? Ohne ist es nun wirklich kein richtiges Fest und ich hatte schon seit Tagen nichts. Abgesehen davon hab ich doch gesagt, dass du mich duzen kannst. Ich bin keine alte Schachtel. Was sagst du dazu, Angel?"
„Nun, ich schätze, es wäre nur höflich.", sagte der blonde Mann. Angel war also sein Name? Interessant. Woher er wohl kam? Vielleicht konnte er später mehr herausfinden, nur musste er aufpassen, was er fragte. Eigentlich sollten sie sich keine Geschichten von der Außenwelt anhören, manchmal übermannte ihn dennoch die Neugier. „Oh, ihr werdet auf eure Kosten kommen, keine Sorge.", versicherte Obaa-san. „Allerdings fürchte ich, dass viele unserer Gerichte eher einfach sind im Vergleich mit dem Essen, das ihr gewohnt seid."
„Hey, ich bin nicht wählerisch.", grinste Shura schulterzuckend. „Ist sicher besser als unser Kantinenessen." Damit stimmte auch der Rest zu und Obaa-san scheuchte die drei Jugendlichen aus dem Haus, damit sich ihre Gäste ausruhen konnten. Kaum waren sie draußen und die Tür geschlossen, sah sie die drei erwartungsvoll an, welche natürlich sofort verstanden, was sie hören wollte. „Diese Mariko wird ein Problem sein. Das Mädchen mit den kurzen, grünen Haaren.", berichtete Rin. „Sie vertraut uns nicht."
„Ich denke, das hat sie schon selbst gemerkt.", sagte Izumo bissig, aber die Älteste schien das nicht zu stören. „Wir behalten sie im Augen, es sollte kein so großes Problem darstellen. Ich mache mir eher Gedanken wegen dieser Shura. Sie ist wesentlich aufmerksamer, als sie zugeben würde und gerade das macht sie gefährlich. Seid vorsichtig, wenn ihr mit ihr redet." Sie hielt kurz inne, dann nickte sie kurz, während sie Rin ansah.
„Es ist zwar ungewöhnlich, aber ich möchte, dass du und Izumo versucht, ihnen nahe zu kommen. Vielleicht reagieren sie positiv auf jüngere Leute." Beide waren nicht allzu begeistert, da sie mit den Vorbereitungen beschäftigt sein würden, natürlich akzeptierten sie dennoch und hinterfragten ihre recht ungewöhnliche Entscheidung nicht. Obaa-san wusste schließlich immer, wie man am besten vorging.
Am nächsten Morgen kehrten Rin und Izumo zu der Gruppe zurück, um ihnen das Dorf zu zeigen. Alle waren bereits wach und angezogen, offenbar hatte man ihnen gesagt, dass sie kommen würden. „Hey, ihr seid die beiden von gestern!", wurden sie von Toma begrüßt. „Du warst Rin, oder?" Der Jugendliche nickte, woraufhin er sich an Izumo wandte. „Tut mir leid, deinen Namen habe ich nicht mitbekommen." Sie stellte sich ebenfalls kurz vor, wirkte dabei jedoch sehr zurückhaltend. Glücklicherweise schien Toma sie nur für schüchtern zu halten und hinterfragte er es nicht weiter. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, um den Rest der Gruppe vorzustellen.
„Meine Schwester Mariko kennt ihr ja schon.", sagte er ein wenig verlegen und nickte als nächstes zu dem Mann, der ihr gestern bezüglich ihres Misstrauens zugestimmt hatte. Er stellte sich als Akihiko vor und der letzte und jüngste hieß Kai. Die restlichen Namen kannten sie bereits, daher machten sie sich nicht die Mühe, sich erneut vorzustellen. Rin wusste jetzt schon, dass er sich die Namen nicht merken würde, es lohnte sich einfach nicht. Nun da sie die Vorstellungsrunde hinter sich gebracht hatten, führten sie die Gruppe nach draußen und begannen mit der Tour.
Sie wirkten ziemlich fasziniert von ihrer Lebensweise, sogar die zuvor so misstrauische Mariko hörte sich all ihre Erklärungen kommentarlos an. Sie waren nicht sicher, ob das wirklich ein gutes Zeichen war, sprachen es allerdings nicht an. Besonders interessant für die Fremden war allerdings der Lebensbaum. „Der stand also schon, als eure Vorfahren das Dorf errichtet haben? Das erscheint mir fast unmöglich.", sagte Toma staunend und betrachtete den riesigen Baum vor ihnen mit einem beinahe schon ehrfürchtigen Gesichtsausdruck. „Aber echt.", stimmte Kai zu. „Der erinnert mich total an diesen Baum von mein Nachbar Totoro…" Weder Rin noch Izumo wussten, was er meinte, fragten aber nicht nach. Sie waren es gewohnt, derartige Referenzen nicht zu verstehen.
„Laut unseren Schriften ist es der älteste Baum des Waldes und die Säule, die unsere Welt mit Gehenna, der Welt der Götter verbindet. Durch ihn fließt gewaltige Kraft, denn er ist der Herzschlag dieses Waldes. Solange es ihm gut geht, wird der Wald fortbestehen und gesund bleiben", erklärte Izumo, welche nun doch ein wenig aus ihrer Schale gekommen war. „Er ist wirklich wunderschön.", gestand Saori, deren Blick auf den riesigen Stamm fixiert war. „Ein Jammer, dass nicht mehr Leute ihn zu Gesicht bekommen."
Die restliche Zeit verging wie im Fluge, trotz der anfänglichen Spannungen hatten sie viel Spaß und die Außenseiter zeigten sich überraschend interessiert, was eine angenehme Abwechslung war. Sicher, andere Fremde stellten ebenfalls Fragen, aber man merkte schnell, dass sie die Dorfbewohner oft für Spinner hielten. Richtig unhöflich war allerdings noch nie jemand geworden, zumindest nicht in Rins Beisein. Eh sie sich versahen, fanden sie sich erneut am Haus wieder, wo Saori und Mariko sofort im Inneren verschwanden.
Allmählich begann Rin ebenfalls zu frieren, daher wollte er so schnell wie möglich zurück ins Warme. Angel folgte den beiden Frauen Sekunden später, warf Rin jedoch noch einen misstrauischen Blick zu. Oh, ja. Dieser Mann würde Ärger bedeuten. Akihiko ging ebenfalls in das Haus, Toma dagegen hatte sich für die Festvorbereitungen angeboten und steuerte bereits das entsprechende Haus an. Somit blieben sie allein mit Shura und Kai zurück, die sie ein wenig unsicher musterten. Schließlich räusperte sich Shura kurz.
„Also…wollt ihr nochmal mit rein kommen oder müsst ihr wieder los?" Normalerweise würden sie höflich ablehnen und sich verabschieden, doch da Obaa-san sie darum gebeten hatte, ihnen näher zu kommen, sagten sie zu. Natürlich war Mariko davon wenig begeistert und stürmte sofort nach draußen, als sie erfuhr, dass ihr Bruder allein los gegangen war, um bei den Vorbereitungen zu helfen. Saori war bereits eingeschlafen, daher setzten sie sich etwas weiter weg, um sie nicht aufzuwecken. Für eine Weile herrschte Stille, die schlussendlich von Kai durchbrochen wurde. „So, ihr lebt hier also schon seit eurer Geburt?", fragte er langsam und ließ beide automatisch nicken. „Unsere Familien leben hier schon immer. Etwas anderes kennen wir nicht.", antwortete Rin schulterzuckend.
„Und ihr wolltet nie weg von hier? Ihr müsst zumindest etwas neugierig sein.", hakte Shura nach. Izumo zögerte, bevor sie antwortete. „Nicht wirklich. Ich will meine Schwester nicht allein zurück lassen."
„Sie wäre doch bei deinen Eltern.", warf Angel unerwartet ein, woraufhin sie grimmig mit dem Kopf schüttelte. „Meine Eltern sind vor 6 Jahren gestorben, wir leben seitdem bei unserer Tante. Ich liebe sie zwar, aber es wäre falsch, meine Schwester da allein zu lassen." Kai zuckte zusammen, mit dieser Antwort hatte er wohl nicht gerechnet. „Mein Beileid. Ich hätte nicht fragen sollen." Izumo zuckte nur mit den Schultern und sagte nichts, daher wandte er sich an Rin. „Jetzt trau ich mich fast nicht zu fragen…", sagte er etwas nervös klingend, doch der Jüngere winkte ab. „Schon in Ordnung. Meine Mutter ist ebenfalls tot, sie starb bei meiner Geburt und mein Vater ist unauffindbar. Wahrscheinlich kommt er nicht mal von hier."
„Oh, verdammt. Erneut, mein Beileid."
„Danke.", nickte Rin, wobei er den Gedanken verdrängte, dass sein leiblicher Vater höchstwahrscheinlich ein weiteres Menschenopfer gewesen sein war. Um neue Gene in den Genpool zu bringen, schliefen Dorfbewohner hin und wieder mit Fremden, manchmal sogar gegen deren Willen. Ihn würde es nicht wundern, wenn es bei seinem Vater der Fall gewesen war. Warum sonst sollte er nicht hier sein? Für ihn war es nichts Falsches, es gab eine Menge Kinder hier, die von diesem Umstand betroffen waren.
Manche stammten sogar nicht ursprünglich aus dem Dorf, sondern wurden als Säuglinge den zu opfernden Außenseitern weggenommen und als einer der ihren aufgezogen. Sein Freund Konekomaru gehörte beispielsweise in die letzte Kategorie. Der Großteil machte sich wenig Gedanken darüber, immerhin war es ausschließlich zum Wohle des Dorfes. „Ich wurde von Shiro, dem Hohepriester unseres Dorfes aufgenommen. Er war schon seit ihrer Kindheit mit meiner Mutter befreundet und später verlobt, daher war es nicht weiter schwer für ihn, mich als Sohn anzunehmen."
„Warte, deine Mutter war verlobt, aber hatte ein Kind mit jemand anderen?", platzte es aus Kai hervor. Rin hätte sich am liebsten selbst in den Hintern getreten, als ihm sein Fehler bewusst wurde. ‚Konzentrier dich, du machst das doch nicht zum ersten Mal!' rügte er sich selbst, äußerlich zwang er sich zu einem verlegenen Grinsen. „Sie haben sich verlobt nachdem meine Mutter…na ja, das mit meinem Vater hatte.", log er. „Es war für beide überraschend, aber ihn hat es nie gestört. Selbst wenn wir nicht blutsverwandt sind, für mich ist und bleibt er mein Vater. Ich werde vermutlich sogar sein Nachfolger, also ein Grund mehr warum ich nicht gehen will. Dort draußen gibt es ohnehin nicht wirklich etwas für mich."
„Du klingst allerdings nicht gerade begeistert darüber.", kommentierte Shura. „Kein großer Religionsfreund?"
„Nein, ich bin einfach nicht der Typ, der sich vor den Leuten hinstellt und Zusammenkünfte leitet.", erwiderte Rin schulterzuckend. „Aber mal sehen, vielleicht kommt es am Ende ganz anders und ich mache was anderes. Ich denke da noch nicht drüber nach."
„Zusammenkünfte?", hakte Angel nach.
„Zusammenkünfte sind, wenn wir uns zum gemeinsamen Beten im Tempel treffen. Dort wird dann meditiert und aus unseren Schriften gelesen.", erklärte Rin. „Ich würde allerdings lieber irgendwas mit meinen Händen tun. Kochen vielleicht, darin bin ich ganz gut." Dies ließ Shura aufhorchen und sie lehnte sich ein Stück nach vorne. „Dann solltest du Arthur hier mal ein paar Tipps geben. Bei ihm brennt sogar Wasser an. Solange du ihn nicht würzen lässt. Oder schneiden. Oder braten.", grinste sie und bekam dafür ein kurzes Lächeln von Rin. „Was soll das denn jetzt heißen?!", fauchte Angel derweil empört. Rin konnte nicht anders, als ihn mit einem aufgeblasenen Gockel zu vergleichen.
„Angel, wegen dir hat die Mikrowelle im Pausenraum gebrannt. Mal ganz zu schweigen von der Sache mit der Paprika-"
„Wage es ja nicht, die Geschichte zu erzählen!"
„Ich verspreche nichts.~", lachte sie zur Antwort. Während ihr Kollege langsam vor sich hin kochte, nickte Rin grinsend. „Kann ich gerne machen. Ich helfe immer beim Kochen für die Feste, vielleicht kannst du mitmachen."
„Nicht nötig, ich kann kochen!", kam die giftige Antwort, aber Kai ignorierte das Gezeter und stellte bereits die nächste Frage, die sowohl Rin als auch Izumo im kalten erwischte. „Also, ich will ja nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber ich habe mich gefragt, warum ihr eure Dorfälteste Obaa-san nennt. Ist sie wirklich eure Großmutter?" Beide sahen sich überrascht an, dann setzte Rin schnell zur Erklärung an.
„Nein, nein, wir sind nicht verwandt!", versicherte er schnell, bevor sie dumme Ideen bekamen. „Aber sie ist die Älteste im Dorf und kennt so ziemlich jeden seit der Kindheit, sie ist also für viele wirklich wie eine Großmutter, darum nennen wir sie alle so." Sichtlich erleichtert nickte Kai. „Gut, verstehe. Nichts für ungut, ich dachte …na egal." Oh, sie wussten ganz genau, was er gedacht hatte, aber sie würden sich dumm stellen. Bei einer derart abgelegenen Gemeinschaft war es nicht weiter ungewöhnlich, nur würden sie das nicht zugeben. Shura und Angel hatten zwischenzeitlich ihre Zankerei beendet und hatten sich die Erklärung mit großem Interesse angehört. „Was mich mal interessieren würde, du sagtest ja, dein Vater wäre der Hohepriester des Dorfes, richtig?", fragte Shura langsam.
„Ja, stimmt." Rin war nicht sicher, worauf sie hinaus wollte, daher hielt er sich zurück.
„Ihr praktiziert also Shinto? Oder Buddhismus?"
„Weder noch. Wir beten verschiedene Götter an, aber sie haben nicht viel mit den Shinto Kami gemeinsam. Es ist zu kompliziert zum Erklären.", sprang Izumo ihm bei. Sie bewegten sich auf ein kritisches Thema zu, hoffentlich würden die Fremden locker lassen. Natürlich gaben sie nicht nach, andernfalls wäre es ja zu einfach. „Ihr habt doch sicherlich Schriften, nicht wahr?", sagte Shura plötzlich, „Mich würde das interessieren, könnte ich mir die näher ansehen?"
„Das wird nichts bringen, sie sind in einem Dialekt geschrieben, den nur wir verstehen. Das soll unsere Geheimnisse vor Außenseitern schützen." Rin wusste, dass er sich um Kopf und Kragen reden könnte, daher wählte er seine Worte zögerlich. „Es ist Teil unserer Tradition, aber wir könnten die Älteste fragen, wenn ihr wollt und ihr könntet euch zumindest den Tempel ansehen. Also, natürlich nur den Raum, wo wir die Zusammenkünfte abhalten, der Rest ist unser Wohnbereich, da lassen wir ungern Leute rein."
Selbstverständlich würde Obaa-san niemals ja sagen, denn die Schriften waren für ihre Leute das wichtigste, aber zumindest konnten sie so vorerst Zeit schinden und der Tempelbesuch war in jedem Fall erlaubt. Den Göttern sei Dank gaben sie endlich nach und das Gespräch bewegte sich in eine andere Richtung, die allerdings schon bald eine unerwartete Wendung nahm. „Was soll das heißen, du hast noch nie im Leben Manga gelesen oder überhaupt davon gehört?!", fragte Kai entsetzt, den Mund und die Augen weit aufgerissen. „Und ihr kennt keine anderen Gerichte als Wurzel und Beeren?!"
„Hey, nur weil wir im Wald leben, ernähren wir uns nicht nur davon!", protestierte Rin, aber der andere hörte kaum zu. „Ihr kennt kein Subway, kein Sushi, keine Pizza, keine Chips, GAR NICHTS! Mal ganz zu schweigen von Kinos, Videospielen, Musik-"
„Beruhig dich mal, dir platzt noch ein Blutgefäß.", mischte sich Shura schnaubend ein. „Sie kennen es eben nicht anders."
„Wenn wir raus sind, komme ich nochmal zurück und bringe euch was vorbei. Ihr verpasst sonst das Wichtigste im Leben.", sagte Kai dumpf und ließ Rin ungewollt den Blick abwenden. „Danke, aber schon gut. Das wäre den Aufwand nicht wert."
„Aber seid ihr denn überhaupt nicht neugierig?", fragte Kai ungläubig. „Ihr habt euch doch bestimmt schon mal gefragt, was außerhalb des Waldes liegt. Wenn ihr wollt, kann ich euch meine Manga leihen. Das ist jetzt zwar nicht unbedingt das beeindruckendste, aber dann seht ihr wenigstens mal was anderes." Verdammt nochmal, warum musste er so nett zu ihnen sein! Konnte er nicht ein Arschloch sein?! Das würde alles einfacher machen! „Das ist wirklich nett, aber Obaa-san würde das nicht gern sehen.", sagte Rin schnell, da Izumo seltsam still blieb. „Trotzdem Danke." Natürlich erhielt er neugierige Blicke, wechselte allerdings schnell das Thema. Wenn sie seinetwegen Verdacht schöpften und versuchten abzuhauen, würde er in Schwierigkeiten sein.
Es war bereits dunkel, als sich Rin auf den Weg zurück zum Tempel machte. Bei ihm war Shura, die sich den Tempel von innen ansehen wollte, die anderen waren zu müde und würden es an einem anderen Tag erledigen. Da noch etwas Zeit bis zur Zusammenkunft war, hatte Shiro sicherlich nichts dagegen. „Das ist also der Tempel?", fragte die Frau neugierig, als sie schließlich an ihrem Ziel angekommen waren. „Du siehst überrascht aus.", stellte Rin ein wenig verwundert fest. Die ältere Frau zögerte bevor sie antwortete. „Na ja, es sieht nicht nach etwas aus, das man in Japan sieht. Sieht teilweise europäisch aus und noch irgendeine andere Bauform, aber ist irgendwie schwer einzuordnen. Östlich? Ne, passt auch nicht…"
„Du scheinst ja einiges über Architektur zu wissen."
„Nicht wirklich, aber ich war schon öfter im Ausland unterwegs, da sieht man einiges."
„Verstehe." Ohne eine Antwort abzuwarten öffnete er die Tür und trat ein, Shura folgte nach kurzem Zögern. „Bitte Schuhe ausziehen.", wies er an, was sie wortlos tat. Sie betraten den Hauptbereich und Shura stieß ein leises Pfeifen aus. „Wow, hat was. Und das steht schon seit der Gründung eures Dorfes?"
„Laut unseren Schriften ja. Hier wird jährlich alles kontrolliert und ausgebessert oder ersetzt." Eine weitere Regel dieses Dorfes: Der Tempel war das wichtigste Gebäude, egal was passierte. Selbst wenn das Dorf dabei war niederzubrennen, die erste Sorge galt ihm und natürlich dem Götterbaum. „Rin, bist du das?", hörte er Izumi aus irgendeiner Ecke rufen. „Shiro wollte gerade nach dir suchen lassen!"
„Ich war mit unseren Besuchern beschäftigt, eine möchte sich den Tempel ansehen!", rief Rin zurück. Sekunden darauf erschien der Priester, der aussah als wäre in einen Schornstein gefallen. „Probleme mit dem Ofen?", fragte der Jüngere grinsend, woraufhin der sein Gegenüber missmutig schnaubte. „Irgendwann werfe ich dieses vermaledeite Teil persönlich vor die Tür und zünde es an. Ständig halten sie alles auf den neuesten Stand, aber ein verdammter Ofen ist nicht drin.", grummelte er, bevor er sich an Shura wandte. „Hallo, tut mir wirklich leid wegen der Begrüßung. Wir haben…logistische Probleme.", entschuldigte er sich und wirkte aufrichtig verlegen. Ob Fremde oder nicht, wer wollte schon gern so gesehen werden? „Mein Name ist Izumi. Ich würde Ihnen ja die Hand geben aber nun ja." Er hob entschuldigt die Hände, um seine schwarzen Handflächen zu zeigen, Shura lachte aber nur. „Hey, kein Problem. Shura reicht übrigens vollkommen, ich fühl mich sonst alt."
„Gut, dann freue ich mich, dass du hier bist, Shura. Leider beginnt in knapp einer Stunde unsere Zusammenkunft, daher müsst ihr euch etwas beim Umsehen beeilen."
„Alles gut, Rin hat schon Bescheid gesagt.", erwiderte sie gelassen. „Oh, dann hat er ausnahmsweise mal an die Zeit gedacht? Man soll es nicht glauben.", ertönte nun Shiros Stimme. Rin war so auf Izumi konzentriert gewesen, dass er ihn gar nicht bemerkt hatte. „Und du hast einen Gast dabei. Eine unserer Besucher nehme ich an?" Natürlich wusste er, wer Shura war, seine Frage war reine Formsache. Wahrscheinlich war sich Shura sogar dessen bewusst, aber in diesem Fall spielte sie dennoch mit. „Japp, ich bin Shura.", bestätigte die Frau nickend. „Sie sind dann also der Hohepriester und Rins Vater?"
„Ah, Rin hat also von mir erzählt. Ja, das ist korrekt.", erwiderte Shiro gelassen und seufzte. „Und jetzt dankt er es mir, indem er sich an allen möglichen Orten rumtreibt und ständig Ärger macht. Aber gut, das sind wohl einfach Kinder."
„Hey, alter Mann!", mischte sich Rin empört ein. „Ich werde in etwas mehr als einer Woche 16, dann bin ich erwachsen!"
„Erwachsen?", echote Shiro gespielt empört und sah sich übertrieben um. „Wo denn? Ich sehe hier keine Erwachsenen." Rin wurde natürlich rot und warf seinem Vater einen bösen Blick zu, Shura und Izumi fanden das ganze dagegen natürlich sehr unterhaltsam. „Ihr scheint euch ja wirklich nah zu stehen.", stellte sie lachend fest. „Ich bin fast neidisch."
„Also kamst du nicht mit deinem Vater klar?", platzte es aus Rin hervor, wofür er einen strengen Blick von Shiro erhielt. „Sowas fragt man nicht, Rin!", wies er ihn zurecht, doch Shura winkte ab. „Kein Ding, ich steh dazu. Meinen Vater habe ich nie getroffen, meine Mutter wollte mich nicht, also bin ich im Waisenhaus gelandet und wurde dann zwischen einigen Pflegefamilien hin und her geschoben bis ich volljährig war. Was denn?", fragte sie, als sie die verdutzten Blicke der drei Männer sah. „Du…wurdest wirklich von niemanden aufgenommen?", hakte Izumi verwundert nach.
„Ich hatte keine Verwandten und die Pflegefamilien haben wie gesagt immer gewechselt. Ist das bei euch nicht ähnlich?"
„Ja und nein.", warf Shiro ein. „Wenn ein Kind die Eltern verliert und keine Verwandten hat, wird es bei einer Familie untergebracht, aber die ziehen es dann als ihr eigenes auf. Wir achten aufeinander, es wäre also undenkbar, ein Kind so im Ungewissen zu lassen." Rin und Izumi nickten zustimmend. Es war eins der Dinge, die sie am meisten an ihrem Dorf schätzten. Sie waren eine große Familie, Streitereien wurden sofort aus der Welt geschafft, man hatte keine Geheimnisse untereinander und passte aufeinander auf. Bei jedem Fest und jeder Versammlung war es selbstverständlich, nicht nur auf die eigenen Kinder zu achten, alles andere wäre vollkommen unverantwortlich.
Nun war es Shura, die überrascht drein schaute. „Wow, das klingt fast zu gut um wahr zu sein.", gestand sie. „Aber macht wohl Sinn, wenn man bedenkt, dass ihr hier mitten im Wald hockt und euch alle untereinander kennt. Ich hab dagegen nicht mal jemanden, der Zuhause auf mich wartet.", sie seufzte kurz, grinste dann aber. „Aber gut, genug gejammert. Reden wir über was anderes."
Von da an waren die Gespräche etwas angenehmer. Rin und Shiro führten Shura gemeinsam herum und beantworteten einige Fragen, während Izumi verschwand, um sich zu waschen und umzuziehen. Wie so oft verging die Zeit rasend schnell, sodass Rin ihre Besucherin schon bald zurück zu ihrer Unterkunft begleiten musste. Ihre Zusammenkünfte und viele ihrer Zeremonien waren etwas, dass kein Außenseiter sehen sollte und glücklicherweise verstand Shura das. Rin erinnerte sich nur zu gut an eine Gruppe, die das nicht akzeptieren wollte und sich heimlich eine ihrer Zeremonien angesehen hatte. Man musste wohl nicht erwähnen, dass sie das sehr schnell bereut hatten.
Sie waren nur wenige Meter vom Haus entfernt, als ihn erneut das überwältigende Gefühl überkam, beobachtet zu werden. Er blieb ruckartig stehen und sah sich um, aber wie schon in den letzten Monaten konnte er nichts entdecken. Inzwischen war er sicher, dass es wirklich Waldgeister waren, die Frage war nur, was sie in ihm sahen. Verärgert schien er sie nicht zu haben, allerdings hatte alles angefangen, nachdem ihn die Götter so lange bei der letzten Opferung angestarrt hatten.
Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihm etwas auf den Hals gehetzt hatten, er war ihre Aufmerksamkeit schlicht und ergreifend nicht wert. Nur was war es dann? „Rin, alles in Ordnung?", hörte er Shura fragen, woraufhin er ein wenig abwesend nickte. „Ich dachte nur, ich hätte was gesehen. Alles gut.", versicherte er schnell, da sein Gegenüber noch immer besorgt drein schaute. „Gehen wir, der Alte erzählt mir was, wenn ich zu spät komme." Zwar schein sie nicht ganz überzeugt, aber kam der Aufforderung nach.
Endlich angekommen, verabschiedete sie sich und Rin trat den Rückweg an. Noch immer spürte er fremde Blicke auf sich und schaute zögerlich Richtung Wald. Er hatte noch etwas Zeit, vielleicht sollte er versuchen sich umzusehen? Ihm wurde die Entscheidung abgenommen, als er hörte wie Nagatomo seinen Namen rief. Der Priester war noch draußen unterwegs gewesen und hatte ihn entdeckt, sodass er keine andere Wahl hatte als zurückzugehen. Natürlich wurde er gefragt, warum er nicht direkt zurückgekommen war, aber er wich der Frage aus. Er war nicht sicher, was er selbst davon hielt, daher würde er das sicher nicht rumerzählen.
Die Zusammenkunft lief wie immer ab und direkt nach dem Abendessen schleppte er sich bereits in sein Zimmer und ließ sich auf sein Bett fallen. Obwohl der Tag relativ ruhig gewesen war, fühlte er sich als hätte er Schwerstarbeit geleistet. Nach nur wenigen Minuten war er bereits eingeschlafen, nur um erneut von seltsamen Träumen heimgesucht zu werden. Am nächsten Morgen schleppte er sich mühsam aus dem Bett und ahnte bereits, dass dies erst der Anfang war.
Drei Tage später hielt es der Jugendliche nicht mehr aus. Die letzte Nacht hatte er beinahe kein Auge zubekommen, da er die ganze Zeit das Gefühl gehabt hatte, aus der Dunkelheit beobachtet zu werden. Seine Träume wirkten ebenfalls immer realer und er war am Morgen mit einigen blauen Flecken aufgewacht. Langsam bekam er es wirklich mit der Angst zu tun, daher berichtete er Shiro alles. Er konnte deutlich sehen wie dem älteren Mann sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich, doch er zwang sich zu einem Lächeln und holte stattdessen Obaa-san dazu. Diese wirkte zwar verblüfft, aber nicht wirklich schockiert.
„Ich gebe zu, ich habe noch nie gehört, dass jemand so junges solche Träume hat. Priester und die momentanen Ältesten sicher, aber Akolythen…" Sie hielt kurz inne und summte nachdenklich. „Die Götter nutzen Träume oft, um uns Botschaften zukommen zu lassen, doch ein Traum, der sich ständig wiederholt ist recht ungewöhnlich. Natürlich könnte es sein, dass irgendein Waldgeist Gefallen an dir gefunden hat oder dich ärgern will. Ich denke, ein Reinigungsritual könnte helfen und vielleicht noch Salz an den Fenstern und Türen. Dann warten wir erstmal ab und schauen, was passiert."
„Was soll das heißen „Gefallen gefunden"? Die wollen mich nicht als Opfer, oder?", fragte Rin ein wenig überrumpelt, aber glücklicherweise schüttelte die Älteste den Kopf. „Nein, ich würde mir an deiner Stelle vorerst keine Gedanken machen. Wie gesagt, sie spielen gern Streiche, ich bezweifele, dass das etwas mit den Göttern zu tun. Beobachte das einfach weiter und achte darauf wie sich die Träume entwickeln."
Der Jugendliche war alles andere als beruhigt, dennoch nickte er und versuchte sich einzureden, dass sie recht hatte. Bisher war nichts Schlimmes geschehen, sicherlich gab es keinen Grund zur Sorge. Er würde dieses Reinigungsritual durchführen und hoffentlich ließ ihn dann das, was sich scheinbar an ihn geheftet hatte, endlich in Ruhe. Shiro sicherte ihm seine Hilfe zu und sie gingen nach oben, um es direkt zu erledigen. Während sie arbeiteten, war der Priester überraschend still, selbst wenn er sein Bestes gab so zu tun als wäre alles normal. Das Ritual war schnell vollzogen und Shiro half ihm dabei, das Salz zu verteilen, anschließend musste Rin den Tempel verlassen, um draußen bei den Vorbereitungen zu helfen, die bereits auf Hochtouren liefen.
Morgen würden sie nicht mehr viel Zeit haben, obwohl die Opferungen erst am Abend stattfinden würden. Inzwischen etwas beruhigter machte er sich auf den Weg zum Küchengebäude, da er wie so oft fürs Kochen eingeteilt war. Beschweren würde er sich nicht, er tat das gern, dennoch war es ein seltsames Gefühl, wenn er das Essen kochte, was die Außenseiter essen würden. In der Regel vergifteten sie das Essen nicht nur am Tag der Opferung, sondern bereits an dem davor. Somit war er nicht weiter überrascht, als eine der Frauen an seinen Topf herantrat und Opium hinzufügte. „So, das sollte fürs erste genügen.", kommentierte sie. „Rin, sei so gut und bring ihnen das Essen vorbei. Izumo hilft dir."
Der Jugendliche nickte nur und nahm den Topf, während Izumo die Schüsseln trug. Ihm fiel auf, dass sie dunkle Schatten unter den Augen hatte, offenbar hatte sie wie er nicht die beste Nacht gehabt. Er beschloss, später nachzufragen, vielleicht hatte sie ähnliche Erfahrungen wie er gemacht. Kai öffnete ihnen derweil die Tür und begrüßte sie fröhlich. „Ach, ihr bringt uns wieder Essen? Das müsst ihr nicht, wir hätten es uns selbst geholt! Trotzdem Dankeschön!"
„Kein Problem, es ist besser, wenn wir das bringen. In der Küche ist grad eine Menge los, da wollt ihr jetzt nicht hin, glaubt mir.", winkte Rin schnell ab und stellte den Topf auf dem Tisch ab. Izumo stellte ebenfalls die Schüssel ab, sagte allerdings nichts.
„Können wir euch noch bei irgendetwas helfen?", fragte Toma. „Ihr scheint ziemlich beschäftigt zu sein."
„Danke, aber wir kommen klar.", antwortete Rin und wandte sich zum Gehen. „Ich muss leider wieder los, lasst den Topf einfach stehen, wenn ihr fertig seid. Wir holen ihn uns später zurück." Er war bereits an der Tür, zu seiner Überraschung hatte sich Izumo jedoch nicht von der Stelle gerührt. „Geh du schon mal vor.", bat sie ihn. „Ich hatte Saori versprochen, dass ich ihr zeige, wie man diesen Tee macht, den wir ihr letztens gebracht haben."
„Das musst du nicht tun, ihr seid doch beschäftigt!", protestierte Saori sofort, aber Izumo bestand darauf. Rin fand ihr Verhalten zwar ein wenig merkwürdig, da sie normalerweise Abstand zu den Außenseitern hielt, zuckte dann aber nur mit den Schultern und verließ die Hütte allein. Er hatte noch immer zu tun, da blieb keine Zeit, sich noch Gedanken um andere zu machen.
Knappe 2 Stunden später hatte er allerdings Izumo nirgends entdecken können, obwohl sie ebenfalls in der Küche aushelfen sollte. Den anderen schien es nicht aufzufallen, doch er machte sich allmählich Sorgen. Zwischendurch traf er Bon, Konekomaru und Shima, aber sie wussten nicht ebenfalls nicht, wo sie war. Kurzerhand beschloss er, eine kurze Pause einzulegen und machte sich auf dem Weg zum Haus seiner vermissten Freundin. Nach seinem Klopfen blieb es für eine ganze Weile still, schließlich öffnete Izumos Schwester die Tür und sah ihn verwundert an.
„Hey, Tsukumo.", begrüßte Rin die Achtjährige. „Ist Izumo da?" Er erhielt ein Nicken zur Antwort und das Mädchen trat beiseite, damit er reinkommen konnte. „Sie ist in ihrem Zimmer, aber ich glaube, sie ist beschäftigt. Sie rennt schon die ganze Zeit rum und kramt in ihren Sachen.", berichtete sie. Zunächst dachte er sich nichts dabei, er ging davon aus, dass sie nur nach etwas suchte, daher ging er direkt zu ihrem Zimmer und klopfte an die Tür. „Izumo, ich bin's!", rief er durch die Tür. „Ist alles in Ordnung bei dir?"
„Ä-Ähm ja! Sekunde!", kam die gehetzt klingende Antwort von der anderen Seite der Tür. Ein lautes Poltern ertönte, gefolgt von Fluchen und einem schleifendem Geräusch. Sekunden darauf öffnete sich die Tür und die andere Jugendliche begrüßte ihn sichtlich nervös. „Tut mir leid, ich habe was gesucht. Ist etwas passiert?"
„Ich wollte nur nach dir sehen. Die anderen meinten, sie hätten dich seit heute Morgen nicht mehr gesehen und du solltest eigentlich in der Küche helfen." Während er sprach, wanderte sein Blick natürlich in das Zimmer und auch wenn Izumo einen Teil verdeckte, fiel ihm sofort das Chaos auf. Überall lagen Klamotten und Bücher verstreut, ein Stuhl war umgestoßen worden und die Schranktüren standen weit offen. Offenbar hatte sie ihre Klamotten förmlich aus dem Schrank gerissen und dann beiseite geworfen. „Wow, ist bei dir ein Erdbeben gewesen?", kommentierte er überrascht. Für gewöhnlich war die andere Jugendliche wesentlich ordentlicher, er konnte sich nicht daran erinnern, ihr Zimmer jemals unaufgeräumt gesehen zu haben. Allein schon, weil ihre Tante und ihr Onkel Unordnung gar nicht zuließen. „Wie gesagt, ich habe etwas gesucht.", erwiderte Izumo kühl. „Nicht dass dich das etwas angehen würde."
Ein wenig überrumpelt von ihrer Feindseligkeit, trat er einen Schritt zurück. „Ganz ruhig, ich wollte ja nur sicher gehen, dass alles in Ordnung ist.", versuchte er sie zu beruhigen. Izumo sagte nichts und verschränkte die Arme. „Wie du siehst, geht es mir gut. Du kannst also wieder gehen."
„Wieso bist du so gemein zu Rin?", ertönte plötzlich Tsukumos Stimme. Während die beiden Jugendlichen gesprochen hatten, war sie unauffällig dazu gekommen und sah ihre Schwester empört an. „Er ist immer nett zu uns!" Izumo wich dem anklagendem Blick des jüngeren Mädchens aus, schien aber zumindest ein schlechtes Gewissen zu haben. „Tut mir leid.", murmelte sie schließlich. „Ich bin etwas im Stress und meine Laune ist nicht die Beste." Etwas sagte Rin, dass mehr dahinter steckte, dennoch nickte er, da er keinen weiteren Streit provozieren wollte. Die Sorge blieb natürlich, immerhin verhielt sich seine Freundin alles andere als normal. Irgendetwas bedrückte sie, nur warum rückte sie nicht mit der Wahrheit heraus? Hatte es etwas mit dem zu tun, was sie ihm vor einigen Monaten erzählt hatte? Zumindest schien sich Tsukumo damit zufrieden zu geben und verschwand in ihrem eigenen Zimmer. „Ist wirklich alles in Ordnung?", hakte er ein letztes Mal nach, als er sich sicher war, dass das jüngere Mädchen sie nicht hören würde. Er erhielt nicht sofort eine Antwort, Izumo rang sichtlich mit sich, bevor sie schließlich nickte.
„Ja, es ist alles gut. Ich komm in ein paar Minuten nach und helfe euch in der Küche, ich muss nur noch etwas finden. Okay?"
Ein wenig widerwillig nickte der Schwarzhaarige und ließ sich zur Haustür bringen. „Denke bitte nur dran, dass ich da bin. Also, falls du jemanden zum Reden brauchst.", erinnerte er seine Freundin vorsichtig. Glücklicherweise schien sie das nicht als Angriff zu sehen und nickte. „Ja, Danke. Bis nachher dann." Damit schloss sie die Tür und ließ einen verunsicherten Rin auf der Türschwelle zurück. Irgendetwas verheimlichte sie und er war nicht sicher, ob er wissen wollte, was es war.
