Versuch über Aspekte der Saison 5
Ein ehrenwertes Haus
Die Absätze der Stöckelschuhe klackten, als sie ihre langsamen Schritte die alte Steinstiege hinauf lenkte. Das Grün drängte mächtig aus den Ritzen hervor, und man konnte sehen, dass irgendjemand schnell die wuchernde Natur zurückgestutzt hatte, um die Treppe überhaupt nutzbar und annähernd ansehnlich zu machen. Die Böschung neben der Treppe war diesem Schicksal entronnen und undefinierbares Strauchwerk hatte sich reichlich Platz verschafft.
Sie schwenkte ihren Blick nach oben hin zur Tür, hin zum Haus. Ihrem Haus. Nein, feudal und protzig stand es nicht da. Die Front zur Treppe hin war zweigeschossig und wirkte als wäre das Haus aus einem Schlaf erwacht und würde seinem neuen Besitzer verschlafen und dennoch überrascht zuzwinkern. Neben der abgewitterten, roten Tür waren zwei kleine Fenster. Keine üppige Glasfassade – nur zwei kleine neckische Fenster mit Jalousiekästen.
Der linke Teil des Hauses war nur eingeschossig und trug ein Dach aus Schieferplatten wie eine Mütze, die halb vom Kopf gerutscht war. Links, so wusste sie, war die Küche. Richtung Norden zeigten auch dort keine Fenster. Der rechte Teil des Hauses war zweigeschossig. Das Schieferdach war hier anders aufgesetzt, sodass das Haus von oben gesehen wohl l-förmig sein musste
Zugegebenermaßen wirkte alles wenig einladend, und doch dachte sie bei sich, dass sie das eigenwillige Haus jetzt schon gernhatte.
Sie drehte sich um, hinter ihr hastete der Fahrer Commander Taylors die Stufen hoch. Der Commander war so freundlich gewesen, seinen Fahrer an diesem Tag abzustellen, um ihr beim Umzug behilflich zu sein. Er trug zwei schwere Taschen, doch das schien dem jungen Mann nicht viel auszumachen. Er drückte sich mit einem durch die Zähne gepressten „Sorry Ma'm" an ihr vorbei, stellte die Taschen vor die Tür, um zwei Stufen auf einmal nehmend wieder zum Auto zurückzulaufen, um den Rest ihrer Sachen auch noch die Stufen hochzuschleppen.
Kein sonderlich freundlicher junger Mann, so wie sie es alle nicht sind. Eher gestresst und dienstbeflissen. Die Pflicht, die Pflicht – nur keinen Anschein erwecken, nicht die Pflicht erfüllen zu wollen.
Sie ließ ihren Blick vom Auto in die Ferne schweifen und blickte nach Norden. Das Haus lag auf einem Hügel und überblickte das gesamte weite Tal. Weiter unten konnte man die nächsten Nachbarn sehen. Eine große Villa, die von einem alternden Commander und seiner Frau bewohnt wurden. Durch die angeschlagene Gesundheit der Gattin zog es die beiden ans Meer, aber nicht zu nahe wegen der ständig wehenden Brise sondern hinter der üppigen Dünung, die das meiste des Windes abhalten konnte. Die Gattin war eine kränkliche Person, die sich wenig bemühte, freundlich zu sein. Es würde hier also kaum jemand für Zerstreuung und Gesellschaft zur Verfügung stehen. Zu weit war die Stadt entfernt. Gerade waren die Vororte durch die diesige Meerluft kaum zu erkennen. Aber die einsame Straße, die sich zuerst den Hügel hinunterwand, um die Villa in einer anmutigen Kurve zu berühren und um dann einige hundert Meter wohl einem mäandrierenden Bach zu folgen und um dann wie eine scharfe Kante schnurstracks geradeaus ein Feld von dem anderen zu trennen. Links der gelbe Weizen und rechts wohl ein grünes Maisfeld.
Sie lächelte zufrieden in sich hinein: „Besucher sehen wir von weitem!"
Der junge Fahrer drückte sich zum zweiten Mal an ihr vorbei, und sie setzte ihre Schritte weiter. Die Stiege kam ihr endlos lang vor. Aber sie wollte die Treppe würdevoll hochschreiten. Das erste Mal hatte sie ein Haus. Und es war schön gelegen, denn hinter dem Haus, so wusste sie aus Erzählungen wäre ein Wald, durch den Trampelpfade bis ans Meer führen würden.
Als sie an der Tür angekommen war, drückte sie sanft dagegen und leicht ächzend ließ sich die Holztür aufdrücken und gab den Blick auf eine kleine Garderobe aus sehr dunklem Nussholz preis. „Tja, feudal ist anders." Da der Fahrer die Taschen vor die Tür gestellt hatte, musste sie darübersteigen, um die Tür weiter öffnen zu können.
„Mam, das war die letzte Schachtel!"
„Ich würde Sie bitten, die Schachteln und Taschen doch in die Garderobe zu stellen."
Sie hielt die Tür offen, während der Fahrer mit schnellen Bewegungen die Schachteln und Taschen in die Garderobe stapelte.
„Ich danke Ihnen!" sagte sie und versuchte etwas zu lächeln. Mit einem fahrigen, verstohlenen Blick flüsterte der junge Mann „bitte gerne" und etwas wie „Friede sei mit dir" und eilte schon wieder über die Treppe hinunter dem Wagen entgegen. Sie hatte auch ein „Friede sei mit dir" auf ihren Lippen und schaute dem Wagen nach, der schnell wendete, zuerst bedächtig die Schotterstraße den Hügel hinunterschaukelte, um dann beim Beginn der Asphaltstraße ordentlich auf das Gaspedal zu drücken.
Sie schloss die Tür hinter sich und trat von der Garderobe in das Haus. Links aus der Küche hörte sie gedämpfte Laute. Ellen – die Martha des Hauses – war schon vor 2 Wochen hergeschickt worden, um das Haus zu putzen. Offenbar hatte sie heute Hilfe, denn manchmal waren Gesprächsfetzen und auch verhaltenes Lachen zu hören.
Rechts führte eine kleine Stiege in das Obergeschoss, aber sie ging geradeaus weiter in das Wohnzimmer, das sie sofort gefangen nahm. Durch eine große Glasfront wurde der große Raum sonnengeflutet. Neben dem Fenster stand ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Wohl dazu gedacht Tee am großen Fenster zu trinken.
Der große altmodisch mit Holz getäfelte Raum wurde von einem riesig großen gemauerten Kamin dominiert davor eine ebenso riesig große Auslegeware, die eindeutig bessere Tage gesehen hatte und nur noch einen Hauch von Perserteppich verströmte. In Kombination, mit der ebenso durch die Patina der Zeit geformte Ledergarnitur und der mitten im Raum neben der Couch stehenden weißen Säule verströmte der Raum auf sie eine Stimmung, die ihr spontan zusagte. Mit Anlauf würde sie sich gerne jetzt auf die Couch werfen, die schmerzenden Schuhchen vom Fuß treten. Stattdessen ging sie langsam auf die Couch zu, setzte sich auf die Lehne und streichelte über das undefinierbare Braun des alten Leders. Ellen hatte ein paar Dekorationen aufgetrieben, um dem leeren Raum etwas Atmosphäre zu verschaffen. Aber das war ihr nicht wichtig, denn der Blick, den das Fenster offenbarte, war Schmuck genug. Das üppige Grün eines Waldes, bei dem sich seit langer Zeit niemand bemüßigt gefühlt hatte, Schneisen menschlichen Einflusses zu schlagen. Zur linken Hand bildete üppiges Buschwerk eine künstliche Mauer. Dichtes Blattwerk mit Beeren und Blüten.
Rechts führte ein zugewachsener Pfad direkt in den Wald, dessen Boden vermoost war. Das Moos arbeitete sich auch über umgestürzte Stämme und die vielen Steine, die im Wald lagen.
Sie ging näher zum Fenster, um den Ausblick zu genießen. Als müsste sie sich ein bisschen auf Zehenspitzen stellen, lugte sie verstohlen über die natürliche Mauer und ganz hinten blinzelte das Blau des Meeres herauf und rief ihr zu „He da bin ich!" Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ein Gefühl der Leichtigkeit strömte durch ihre Brust. Sie lehnte sich an das Fenster und streichelte sich über ihren Bauch. Sie fühlte sich glücklich.
„Ma'm, ich habe Sie gar nicht kommen gehört!" die immer etwas kratzige und bellende Stimme Ellens riss sie aus ihren Gedanken.
„Ja Ellen, der Fahrer der Taylors hat meine Sachen in die Garderobe gestellt."
„Ich werde die Sachen nach oben bringen. Ihr Raum ist die zweite Tür. Sind Sie hungrig? Wir haben uns in der Küche Scones gemacht." Sie war immer noch etwas geistesabwesend und deshalb bohrte Ellen mit einem fast kommandoartigen „Mary!" nach.
Sie nickte, presste die Lippen aufeinander und setzte sich langsam Richtung Küche in Bewegung. Ellen packte derweil eine der Schachteln, um sie in den ersten Stock zu tragen
Ellen rumpelte bereits wieder die Treppe herunter und wäre sie fast umgelaufen. Mit ihrer großen Hand packte sie die junge Frau am Arm, sah sie eindringlich an und fragte mit festen Worten: „Ist alles in Ordnung? Sie wirken …"
„… müde, Ellen, müde!"
Ellen schob sie einen kleinen Gang entlang, an dessen linker Seite eine Tür war und erklärte fast missmutig „Mein Zimmer!" und ein „Sie gehen da nicht rein!" schwang gefährlich mit. Ellens Reich war immer schon Sperrzone für sie gewesen. Und sie akzeptierte es, denn was alles in Ellens Reich passierte, es war besser, dass sie nicht allzu viel wusste.
Die Küche war ein durch die Stirnseite mit ihren raumhohen Fenstern heller Raum. Auch ein kleiner dunkler Esstisch stand Raum. Im Raum waren noch 2 Marthas, die heute offenbar gekommen waren, um die Küche einzurichten, Gläser zu putzen … An der Anrichte stand eine Schüssel mit buttrigen Scones.
Sie grüßte kurz, bevor Ellen sie auf einen Stuhl bugsierte. Die Marthas stellten behände Tee und die Schüssel mit Scones vor sie. Die drei Marthas gingen einen Schritt zurück und beobachteten sie.
Ja, sie war eine verdammte Sensation. Eine schwangere Gattin bekam man selten zu Gesicht. Sie seufzte, zog sich den kleinen türkisen Hut vom Kopf und legte ihn Ellen in die Hand. Sie öffnete die Schließe ihres Umhangs und übergab ihn ebenfalls der Martha, die beide Kleidungsstücke auf einen hölzernen Garderobenständer hängte. Mit beiden Händen nahm sie die Teetasse in die Hand und nippte kurz daran. „Es freut mich, Sie so gesund zu sehen." Nervös nestelte eine der anderen Marthas an ihrem Schurz herum. „Sie sind die Martha unserer Nachbarn? Ich habe Sie schon gesehen."
„Miriam! Mein Name ist Miriam."
„Schön Sie kennenzulernen, Miriam."
Miriam die Martha schaute nervös zu Ellen, die aber keine Miene der Zustimmung oder der Missbilligung verzog. „Wir machen weiter, wenn es Sie nicht stört." bellte Ellen, um etwas abgesetzt noch ein „Mary!" nachzuschieben. Es war ihre Art ihr zu demonstrieren, dass ihre Dienste als Martha in dem Haus, eher knapp bemessen wären. Ellen hatte anderes zu tun.
Oft war es an Mary zu kochen, zu putzen, die Betten zu machen und wenn es hart auf hart ging, als Martha verkleidet, sich durch die Supermärkte zu schmuggeln, damit genug Lebensmittel im Haus waren. Sie spielte mit. Ihr Leben war nicht langweilig wie das der anderen Gattinnen. Sie hatte zu tun. Wenn Ellen da war und Zeit hatte, so erledigte sie einen Hausputz, aber Aufgaben wie Hemden bügeln wich sie gekonnt aus. Nur war sie eben nicht oft da die Martha des Hauses und Mary fragte sie nie, was sie tat, wenn sie wochenlang nicht erschien. Sie hatte schon eine Ahnung, aber in die genauen Vorgänge nahm sie keine Einsicht.
Ellen ihrerseits brachte der jungen Gattin ihres Commanders Respekt entgegen. Mary tat ihre Arbeit, ohne zu murren, ohne zu fragen. Aber Mary war noch viel mehr in diesem Haus, sie war die perfekte Fassade: Eine junge Gattin mit Ausbildung, untadelig im öffentlichen Auftreten. Mary konnte sich naiv geben, genau wie es gewünscht war in der Gesellschaft Gileads. Aber Mary mauserte sich langsam zum Trumpf in dem Haus. Spätestens seit dem Montag vor 3 Monaten, als sie verkünden konnte, dass sie guter Hoffnung wäre und Ende des Jahres ein Kind erwarten würde. Seitdem öffneten sich für sie Türen, die sogar dem Commander verschlossen waren und Mary durchschnitt sie beherzt. Und genauso beherzt berichtete sie zu Hause von Gehörtem. Oft war es Klatsch aber manchmal auch wirklich gute, handfeste Information.
Sie konnte Mary auch Informationen für das Mayday-Netzwerk übergeben. Mary lieferte es ab, sammelte ein, gab weiter. Immer hinter ihrer türkisenen Fassade, lächelnd und Gilead scheinbar treu zu Diensten.
Mary war ein Glücksfall. Nicht auszudenken, wenn die Gattin des Commanders nicht dermaßen gut mitspielen würde wie die junge Frau mit ihren braunen Haaren und graubraunen Augen. Mary war klug. Niemand schöpfte Verdacht. Seit Mary im Haushalt war, war die Arbeit wesentlich einfacher geworden. Mary verstand einfach. Obwohl sie ihre Schulzeit zum größeren Teil in Gileads Schulen für Gattinnen abgeleistet hatte, und obwohl sie als Tochter eines bekannten Arztes Privilegien aller Art genossen hatte, war ihr Gilead keine Heimat geworden. Und Mary spielte gerne mit, dieses monströse Land zu schwächen.
Das Meer
Die Sonne blinzelte durch die Kronen der hohen Bäume, die hinter dem Haus einen dichten Wald formten, der die Häuser auf der Dünung vom Meer abschirmte. Sie drehte sich nochmal im Bett um, das in dem noch schmucklosen Raum neben Kasten und Kommode das einzige Möbelstück war. Die paar Umzugskisten und Taschen standen noch verstreut im Raum herum. Sie war gestern einfach zu müde gewesen, um auszupacken. Sie verspürte auch keine Eile. Die Marthas hatten noch vor Einbruch der Nacht das Haus verlassen und so auch die hochverehrte Martha dieses Hauses. Es könnte Wochen dauern, bis sie sich wieder zu einem Arbeitsbesuch im Haus einfand.
Mary war danach noch alle Hauseingänge abgegangen und hatte sie versperrt. Alleine - so weit draußen ohne Nachbarn? Dann war sie zu Bett gegangen und hatte ihr neues Bett mit einem traumlosen, tiefen Schlaf eingeweiht.
Langsam streckte sie die Füße aus dem Bett und fischte nach dem einzigen türkisenen Kleid, das ihr noch passte. Alle anderen Kleider saßen mittlerweile einfach zu knapp. Sie würde sich wohl etwas einfallen lassen müssen, um auch die nächsten Monate ordentlich gekleidet zu sein. Die unbequemen Stöckelschuhe würde sie wohl heute nicht anziehen, stattdessen schlüpfte sie in ein paar dicke Socken. Sie huschte die Treppe hinunter hin zur Küche, die sie wie erwartet leer fand. Sie öffnete alle Kästchen und Schubladen und fand eine nicht allzu berauschende Auswahl an Essen vor. Haferflocken, getrocknete Bohnen, ein Glas Tomatensauce, einen Sack Mehl, eine kleine Auswahl an Küchenkräutern und Gewürzen. Auch der Kühlschrank war halbleer und gab nur einen Liter Haltbarmilch und 10 Eier preis. Eine Weile würde es reichen für sie allein, aber spätestens am Wochenende müsse ein ordentlicher Einkauf her.
Etwas gedankenverloren setzte sie sich an den Esstisch und begann die Haferflocken in Milch aufzuweichen. Langsam löffelte sie vor sich hin. Von den Küchenfenstern aus konnte man heute gut die entfernte Ortschaft erkennen, die ihrerseits ein Vorort einer größeren Stadt war. Dort würde es wohl Supermärkte geben. Ohne Martha - natürlich wie immer - ein Kunststück der Organisation, sich Waren zu besorgen.
Ihr Blick schweifte weiter zu dem völlig verwilderten Garten neben dem Haus. Dornige Hecken wie Brombeeren hatten längst das Regiment auf dem abfallenden Hügel übernommen. Weiter hinten wo offenbar kein Humus mehr Pflanzen halt gab, wuchsen nur noch vereinzelte gelbliche Büsche aus dem Sand, der wohl vom Strand heraufgeweht wurde.
Sie erhob sich, stellte den Teller in die Spüle, ließ Wasser darüber laufen und stellte ihn in die Abtropfschale. In der Garderobe standen immer noch unzählige Kartons, die darauf harrten, verräumt zu werden. Auf dem obersten Karton hatte sie einen Schuh gezeichnet. Natürlich hätte man „Schuhe" schreiben können, aber da schreiben verboten war, musste man sich neue Wege des Wiedererkennens einfallen lassen. Sie kramte in dem Karton herum, bis sie fand was sie suchte.
Braune Boots, wie sie die Mägde trugen. Nicht dass sie die komischen braunen Dinger für besonders kleidsam hielt, aber für eine kleinen Ausflug durch den Wald hin zum Meer waren sie einfach besser geeignet als die türkisenen Schuhchen mit Absatz, die man ihr zugeteilt hatte. Es sollte auch festeres Schuhwerk in türkis geben, aber sie hatte kaum Gelegenheit gehabt eingehender danach zu suchen. Gummistiefel hatte sie dem Commander aufgetragen zu besorgen, aber weiß Gott, ob er zugehört hatte.
Sie schlüpfte in die Schuhe ohne Litzen und verließ das Haus durch die Hintertür in der Küche. Sie ging der Buschwerkmauer entlang, bis sie den kleinen kaum noch erkennbaren Pfad in den Wald fand. Der Pfad wand sich durch die riesigen Bäume und die moosbedeckten Steine, führte aber doch ziemlich gerade weg vom Haus. Die Luft schmeckte schön salzig und war frisch. Eigentlich wehte hier den ganzen Tag eine Brise manchmal landeinwärts, manchmal landabwärts.
Plötzlich lichteten sich die Bäume und der Weg machte eine scharfe Kurve nach rechts. Sie war an einer kleinen Klippe angekommen. Der Weg führte nun zuerst sanft nach unten, um dann treppenähnlich steil nach unten abzufallen. Als Zeichen menschlicher Zivilisation fanden sich bei der Treppe, die wirklich eine künstliche Treppe einmal gewesen sein musste, jetzt aber durch Wind und Wetter abgeschliffen wirkte, rostige Eisenstangen mit einer ebenso rostigen Drahtverbindung. Man konnte sich noch an den Stangen beim Abstieg festhalten, sodass es keine gefährliche Kletterei wurde, sondern nur etwas Vorsicht bei den einzelnen Schritten verlangte. Nach der Treppe führte der kleine Weg noch in zwei Kurven vorbei an ein paar zerzausten Bäumen hinunter zum Sandstrand.
Sie war hier heruntergestiegen, wo die Klippe am niedrigsten war, links und rechts wuchs die Klippe wieder an, bis sie am Ende des langgezogenen sichelförmigen Strandes auf der einen Seite zu einem kleinen Berg sich auftürmte. Oben auf dem Berg konnte man ein Gebäude erkennen. War es ein Leuchtturm? Oder ein Beobachtungsposten? So genau konnte man es nicht sagen. Auf der anderen Seite wurde der Strand von einer schroffen Felsnadel wie eine Mauer eingerahmt, die weit in die Bucht hineinragte und den linken Teil des Sandstrandes zu einem kleinen natürlichen Hafen formte.
Es wehte hier eine steife Brise, die ihr Haar zerzauste und wild in die Kleidung fuhr. Sie ging etwas dem Strand entlang, bückte sich nach der einen oder anderen Muschel. Sie setzte sich auf einen großen Stein und ließ den Blick über das Meer schweifen, das angefacht von der Brise ansehnliche Wellen auftürmte, die mit verspielten Schaumkronen dann auf den Strand klatschten. Aber es war friedlich hier, einsam und doch so frei. Wie gestern schon stülpte sich das Gefühl der Zufriedenheit angenehm und warm über ihre Schultern. Sie saß eine Weile da, dachte an nicht viel und beobachtete das Spiel der Wellen.
Ruhe
Der Wind war etwas stärker geworden und blies nun steif landeinwärts. Die Luft war salzig aber frisch. Sie stapfte zum Haus zurück, öffnete die Küchentür und schlüpfte in das Haus. Nach dem Spaziergang war ihr nach einem Tee. In der Küche fand sie Teebeutel mit Kräutertee mit Zimt (Halleluja was für eine Mischung), brühte sich Wasser auf und übergoss den Tee mit dem heißen Wasser. Während der Tee zog, stellte sie die Boots hinten in den Garderobenkasten und hängte ihren Umgang auf den Ständer daneben. Das Kleid, das eh schon an allen Ecken zwickte und so gar keine Umstände machte sich ihren neuen Umständen anzupassen, zog sie aus und warf es auf den Boden vor die Treppe. Nur mit Unterwäsche legte sie sich mit ihrem Zimttee auf die riesige Couch im Wohnzimmer.
Außer dem Wind, der draußen die hohen Bäume zum Rauschen brachte, war jetzt nichts mehr zu hören. Kein Ticken einer Uhr, kein Autolärm … nichts.
Sie fühlte sich auch gar nicht bemüßigt, ein Buch zur Hand zu nehmen. Sie las gerne, gerne auch mal die Bücher über Medizin und Chirurgie ihres Vaters. Aber heute war ihr einfach nur nach Couchliegen. Irgendetwas rumorte in ihr. Irgendetwas nagte in ihr. Aber es war kein unangenehmes Gefühl, eher ein leichtes, beschwingtes.
Es traf sie fast hart, als sie sich eingestehen musste, dass sie sich fast schon in einem Dauerzustand des Glücks befand. Niemals in ihrem Leben wollte sie heiraten, ein Haus im Nirgendwo bewohnen und in treuer Pflichterfüllung schwanger werden. Sie fand all die Frauen einfach nur abscheulich. Und jetzt lag sie in ihrem Haus auf der Couch, mit der Aussicht in 5 Monaten erstmals Mutter zu werden, verheiratet mit jemanden, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn leiden konnte. Sie war all das, was sie nie werden wollte und sie war dabei glücklich. Es ging ihr gut. Der Strandspaziergang hatte sie erfrischt, das leere Haus bot ihr Aktionsradius. Der Commander war eh so gut nie da und konnte ihr so kaum auf die Nerven gehen. Und in ihr wuchs etwas heran, das ihr ganz ungewöhnlicher Weise jetzt schon lieb war.
Irgendwie hasste sie sich für diese Selbstzufriedenheit. Wie sehr hatte sie jahrelang versucht, nicht verheiratet zu werden. Als sie mit 14 Jahren zur Frau gereift war, gab es sogar einige Bewerber. Durchwegs ältere Herren, Ärzte, einen Commander. Aber dann war ihre Mutter erkrankt und ihr Vater brauchte die älteste Tochter im Haus zur Unterstützung. So sehr es sie schmerzte, die Mutter krank zu wissen, es war eine Erleichterung, noch Jahre bei ihrer Familie verbringen zu dürfen.
6 Jahre dauerte das Leiden ihrer Mutter, bis sie dann doch durch einen schnellen gnädigen Tod erlöst wurde. Auch wenn sich ihr Ende abgezeichnet hatte, den Vater traf es hart, und so war an ein Arrangement allein aufgrund des angeschlagenen Zustands des Vaters nicht zu denken. Sie lebte sich gut ein in die Rolle einer, die vielleicht nicht heiraten würde. Sie ging ihrem Vater in der Arztpraxis immer mehr zur Hand und konnte mehr und mehr Aufgaben im Hintergrund übernehmen. Heimlich las sie seine Medizinbücher und träumte von einer Welt, in der auch Frauen Ärzte waren.
Irgendwie fühlte sie sich mit fast Mitte 20 über den Berg, dass der Kelch der Heiratens an ihr vorübergegangen sei. Bis zu jenem Tag, als ihr Vater sie zur Seite nahm und ihr ins Gewissen redete, ernsthaft darüber nachzudenken. Was wäre, wenn er stürbe, was würde aus ihr werden. Die Frage war berechtigt, für eine Martha war sie leider auf positive Fertilität getestet. „Magd oder Gattin, überlege es dir, Kind." hatte er gemeint. Klang verdächtig nach Pest oder Cholera.
Sie hatte sich Bedenkzeit erbeten, obwohl ihr klar war, dass sie einer Ehe wohl nicht entrinnen konnte, wenn sie nicht als Magd enden wollte.
„Keinen alten Mann!" war ihre Bedingung. Sie hatte einfach die lüsternen Blicke der Kandidaten aus ihrer Jugend in Erinnerung und bei dem Gedanken daran, schauderte es sie.
Was der Hochzeitsmarkt dann hergab, war zumindest zugegebenermaßen nicht unansehnlich, ging ihr durch Kommunikation nicht auf die Nerven, war gnädiger Weise oft abwesend und vom Sakrament der Ehe genauso begeistert wie sie selber. Im Prinzip hatte man zwei Unverheiratbare zusammengesteckt, die von den Werten Gileads längst abgefallen waren.
Ihr war es nicht nur gelungen, die Ehelosigkeit sondern auch die Jungfräulichkeit ins dritte Lebensjahrzehnt hinüberzuretten. An einer ehelichen Pflichterfüllung ging leider kein Weg vorbei. Ihrer Bitte, die Sache ordentlich und nicht mit ultimativer Lieblosigkeit über die Bühne zu bringen, hatte der Commander folgegeleistet und sie so auf den Pfad der Untugend geleitet, sodass ihr doch öfter mal nach Pflichterfüllung war. Es dauerte kein Jahr, bis sich das heilige Wunder in ihrem Haushalt einstellte.
Es war ihr klar, dass Ehe so wie in diesem Haus nicht funktioniert, aber es war ein Leben, das ihr momentan erträglich erschien und ihr bisweilen auch Glücksmomente wie heute bescherte. Angesichts der Tatsache, dass das doch noch immer Gilead war, fast schon … bemerkenswert.
Der Commander
Sie musste wohl auf der Couch eingenickt sein, als sie durch ein Geräusch geweckt wurde. Ein Schlüssel drehte sich in der Haustür. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und setzte sich auf. Als der Schlüssel auf das niedrigere Kästchen der Garderobe geworfen wurde, atmete sie tief ein. Der Commander war nach Hause gekommen.
Sie hatten irgendwann vereinbart, doch so zu tun, als wäre man ein Ehepaar und sich einiges an Spielregeln ausgemacht. Eine freundliche Begrüßung wäre eine davon. Also schälte sie sich von der Couch hoch und ging Richtung Garderobentür, die sich langsam öffnete.
„Hi! Willkommen zu Hause!" sagte Mary fast flüsternd und ging auf ihren Mann zu. Mit einem kräftigen Griff hielt sie ihn an den Oberarmen und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, um dann einen Schritt zurückzugehen. „Das reicht vollkommen!" dachte sie bei sich, alles andere wäre Überschwang und röche nach Leichtsinn. Sie spitzte kurz die Lippen und dachte belustigt bei sich, was wohl jetzt der Commander sich für eine Freundlichkeit überlegt hatte und stemmte die Arme in die Seiten.
Er atmete tief ein, ließ ein kurzes Lächeln über das Gesicht huschen, nickte und sagte einfach nur „hi".
Sie liebte das inbrünstig, wenn er eine Situation in Peinlichkeit ersterben ließ. „Hunger?"
„Ja".
Sie setzte sich Richtung Küche in Bewegung und fühlte, dass er ihr folgte. „Viel ist nicht da, leider!
Wir werden uns morgen irgendwie etwas Essbares besorgen müssen. Wie lange bleibst du, eigentlich?" Sie warf einen scharfen Blick halb über ihre Schulter hinweg.
„Trägt man als Gattin jetzt den ganzen Tag nur noch das Unterkleid?"
„Eine Nähmaschine wäre sehr hilfreich. Ich muss mir die Kleider rauslassen. Mir passt langsam keines mehr. Das wird ein richtig netter Shopping-Tag morgen." Sie bliebt vor der Anrichte in der Küche stehen und drehte sich um, um einen doch etwas kampfbereiten Blick ihrem Gatten zuzuwerfen. Kommt einfach bei der Tür herein nach Wochen der Abwesenheit, lässt sie den Umzug organisier,en und das erste was er dann verlautbaren lässt, ist eine wenig passende Anmerkung. Drei Minuten daheim und sie wäre schon wieder nicht ganz undankbar, wenn er dringend wegmüsse.
Die Botschaft war angekommen. Der Commander warf ihr einen nicht minder eindringlichen Blick zu, steuerte an ihr vorbei, um sich an den Esstisch zu setzen.
Sie schaltete den Wasserkocher ein und bugsierte die Schüssel mit den restlichen Scones auf den Esstisch. Sie kramte ein Teller aus dem Kästchen und holte die abgespülten Gläser aus der Spüle. Inzwischen zischte der Wasserkocher und sie goss in zwei Tassen heißes Wasser ein, um den Kräuter-Zimt-Tee aufzubrühen. Sie nahm je eine Tasse in eine Hand und trug sie beide zum Esstisch.
Sie setzte sich linkerhand zum Commander, der begonnen hatte einen Scone auseinanderzubrechen und ihn zu essen. Um die Stille zwischen ihnen erträglicher zu machen, nagte sie an ihrem Daumen herum, biss sich auf die Lippen, atmete tief und ließ ihren Blick über die Küche schweifen. Als sie etwas zur Ruhe kam, blickte sie verstohlen auf den Commander. Auf seine Hände, wenn er sich nach jedem Scone die drei Finger ableckte, die er benutzt hatte, um das Gebäck anzufassen. Auf die Krawatte, die er sich wohl beim Nachhausekommen gelockert haben musste. Auf seine schwarzen Haare, die sich gerne verselbständigten. Auf die langen Wimpern und die markanten Augenbrauen.
Ihre Blicke trafen sich. Sie sah weg, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Der Empfang war wieder in die Hose gegangen. Sie schaffte es einfach nicht, so etwas wie Nähe aufzubauen. Wahrscheinlich hätte es gereicht, ihm einfach die Scones hinzustellen, andererseits wollte sie es schnellstmöglich loswerden, dass er sich morgen nichts vornehmen solle.
Sie stütze ihren Kopf auf die Hand und atmete tief. Sie nippte ein bisschen am Tee, der noch sehr heiß war. Sie blies zur Abkühlung hinein und beobachtete wie sich auf dem Tee kleine Wellen bildeten.
Der Commander war inzwischen fertig und schob die leere Schüssel von sich und lehnte sich im Sessel zurück. Er spielte mit seinen Fingern an der heißen Tasse herum. Sie hatten sich einfach nichts zu sagen. „Entschuldige, dass ich dich so überfallen habe." räusperte sie sich.
„Ich bin für einige Tage zu Haus. Es ist schon möglich, dass wir Dinge besorgen, die wir brauchen." Mit einem Ruck stieß er sich vom Tisch weg und stand auf. Langsam ging er zum Küchenausgang, während er sich die Krawatte vom Hals zog und die Manschetten des Hemdes lockerte. „Danke." Flüsterte sie ich über die Schulter hinweg nach. Und im Nachsetzen fragte sie: „Du weißt wohin?"
Der Blick des Commanders wanderte nach vorne. Aber Mary stand dennoch auf, machte ein paar flinke Schritte Richtung Korridor und drückte sich am Commander vorbei. Sie ging die Treppe hoch und blickte sich kurz um. Natürlich folgte er ihr. Der obere Korridor hatte 4 Türen.
„Vorne hier," sagte Mary „das ist ein winziges Zimmerchen, aber es ist das einzige mit einem Fenster ins Tal." Sie fuhr mit dem Finger der Wand entlang zur nächsten Tür. „Das ist mein Zimmer. Geh besser nicht rein, ich habe noch nichts ausgepackt." Das Plappern tat ihr gut, während sie weiterging. „Das Zimmer ist gleich groß wie meines und es ist auch mit einer Tür verbunden." Sie stockte etwas und ´sagte dann fast unhörbar „Kinderzimmer". Sie blieb stehen und drückte sich in die Ausbuchtung der Tür des Kinderzimmers, um den Weg freizugeben zur letzten Tür.
„Ich habe alle Schachteln einfach hineinstellen lassen. Ellen hat das Bett überzogen, aber sonst …" sie biss sich auf die Lippe. „Danke, Mary!" er ging die paar Schritte auf sein Zimmer zu, drückte die Klinke nach unten, blieb aber dann stehen, drehte sich kurz um, sah sie an und sagte nochmal: „Danke, Mary, dass du dich um den Umzug gekümmert hast." Er nickte eindringlich und schob noch ein „Danke" nach. Sie kniff die Lippen zusammen und nickte. Die Situation zog sich peinlich in die Länge. Mary fühlte nicht, dass sie sich bewegen sollte, schaute aber zu Boden. Der Commander ließ die Hand von der Klinke ging einen Schritt zurück, sodass er fast gleichauf mit ihr stand. Er beugte sich ein bisschen nach unten und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Fast fragend sah er sie an, atmete etwas ein und nickte noch einmal. Mary atmete kurz durch die Nase aus und zog ihre Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln nach oben. „Gerne!" gab sie zurück.
Mit zwei Schritten war der Commander in seinem Raum verschwunden. Mary blieb noch im Gang an der Tür angelehnt stehen. Er bemühe sich. Keine Herumkommandiererei wie in anderen Haushalten. Eher ein ungeschicktes Ich-will-nichts-falsch-machen.
Mary setzte sich in ihr Zimmer und starrte auf die Kartons, die sie noch immer nicht ausgepackt hatte. Wozu auch – alle Kleider kniffen und spannten, jetzt wo sich der Babybauch mit Macht bemerkbar machte Ansonsten besaß sie nicht viel. Ein paar Bücher aus dem Besitz ihres Vaters, die sie zunächst heimlich las und als sie merkte, dass sich der Commander an lesenden Frauen nicht stieß, auch schon neben ihn herausholte, um diverse Krankheiten nachzuschlagen. Es kam sogar vor, dass er ihr ein Buch mitbrachte. Woher er sie bekam, fragte sie nie. Manchmal waren es romantische Frauenromane, manchmal Agententhriller, manchmal Berichte zur Welternährung … Mary war nicht wählerisch, sie verschlang das angebotene Verbotene mit Genuss. Wenn sie die Bücher ausgelesen hatte, verbrannte sie sie, und beschränkte ihren Besitz auf die wertvollen Medizinbücher. In einer Schachtel hatte sie Bilder und Kindheitserinnerungen, ein kleines Fotoalbum ihrer Familie, ein paar Geschenke aus Kindertagen. In einer anderen Schachtel waren noch Handarbeitsutensilien. Eigentlich sollte sie wie eine Besessene stricken, Gattinnen einladen und ihre Schwangerschaft zelebrieren. Nichts von alledem wollte sie wirklich tun und so hatte sie den Umzug immer geschickt vorgeschoben, um gesellschaftlichen Verpflichtungen auszustellen.
Sie setzte sich auf ihr Bett. In dem kleinen weiß gestrichenen Raum war noch Platz für einen 4-türigen aber schmalen Kasten und eine weiße Kommode mit 4 Schubladen. Da Ellen noch weiße Bettwäsche aufgezogen hatte, wirkte der Raum als hätte der Maler einfach einen weißen Kübel mit Farbe explodieren lassen, denn auch der Fußboden war aus sehr hellem Birnenholzparkett.
So wohl sie sich im dunklen Wohnzimmer fühlte, so unwohl und ungastlich empfand sie ihr Zimmer, das irgendwie an einen Untersuchungsraum der väterlichen Praxis erinnerte.
Es riss sie etwas aus ihren Gedanken. Es war ein sanftes Pochen in ihrem Bauch. Seit Tagen spürte sie es. Sie war sich sicher, dass das Baby Purzelbäume in ihrem Bauch schlug und so von innen an die Bauchdecke klopfte und sie so begrüßte. Jedes Mal wurde ihr warm ums Herz und sie musste mit sich lächeln. „Na du, auch schon wieder wach!" sprach sie ihren Bauch an, während sie ihn mit beiden Händen wie eine reife Melone hielt.
Mary atmete tief und quälte sich aus dem Bett hoch. Öffnete ihre Zimmertür ging die paar Meter durch den Gang und klopfte an die Tür des Commanders. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich die Tür öffnete. „Darf ich mit dir ein paar Minuten reden!" fragte sie. Ein fast nicht bemerkbares Nicken. Sie schob sich an der Tür vorbei und setzte sich auf das Bett. Das Zimmer des Commanders war auch nicht besonders groß, aber bot noch Platz für einen Schreibtisch und eine kleine Regalwand. Wie schon das Wohnzimmer hatte auch dieses Zimmer große Fenster, die zum Dünenwald hinzeigten, nur konnte man von hier das Meer noch besser sehen.
Sie lehnte sich etwas zurück und stützte sich auf ihre Arme. Plötzlich war ihr ihre Idee wieder sehr peinlich und deshalb presste sie es schnell heraus: „Seit ein paar Tagen kann man es spüren." Kurze Pause und mit einer eindringlichen Kopfbewegung und aufgerissenen Augen in Richtung des Commanders setzte sie noch „das Baby" nach.
Die Botschaft war angekommen. Der Commander setzte sich zu ihr auf das Bett, schaute ihr in die Augen. Er wollte ihr auf den Bauch fassen, zögerte aber einen Moment. Mary nahm seine Hand und legte sie auf den Bereich des Bauches, an dem sie gerade die zarten Stöße wahrnahm. „Spürst du es auch?" fragte sie. Die Hand des Commanders suchte auf dem Bauch herum, bis ein Lächeln auf seinem Gesicht erschien. Sie saßen sie einige Minuten da, bis er die Hand wegzog. Sie konnte aber an seinen Augen sehen, dass er sich freute. Vielleicht ging es ihm ja wie ihr. Man wollte es nie, aber jetzt da es passiert war, durfte man es doch genießen und sich erfreuen. „Wie oft?" fragte er. „Immer wieder, meistens wenn ich mich hinsetze - und vor allem in der Nacht. In der Nacht spüre ich es oft … wie es turnt." Sie musste auch lächeln. Da war er wieder so ein Moment – ein Moment der kleinen Freude, und diesen Moment durfte sie teilen.
Ich ließ mich nach hinten auf das Bett fallen. „Ahm, was machst du da?" fragte er. Ich rückte an die linke Seite des Bettes, zog mir die Decke bis zu den Schultern. Sie würde jetzt hierbleiben. Sie konnte es einfach gut leiden, jemandem zuzuhören, wie er neben mit langsam im Schlaf atmete. Das war schon im Internat so.
„Ich bin müde, Mary."
„Ich störe dich nicht."
Offenbar war der Commander auch zu müde zum Diskutieren. Das Bett zu teilen, war in Gilead nicht vorgesehen. Ein kleiner Hinweis auf das Recht … hätte auch nichts gebracht. Er wäre ihr doch bei einem Ohr rein und zum anderen rausgegangen. Er zog sich das Hemd aus und hängte es fein säuberlich in Schrank. Die Hose hängte er genauso geordnet über einen Stuhl, unter dem die Schuhe standen, die Socken zusammengelegt hineingesteckt.
Mit einem leichten Seufzer kroch er unter die Decke am rechten Rand des Bettes und deckte sich zu. Er gab sich dann aber einen Ruck und legte seinen Arm um ihren Bauch. Und wie als Dank kam auch gleich ein kleiner Kick im Bauch zurück. Auch ihn ließen diese Momente nicht kalt, und so drückte er sich enger an sie, sodass sein Kopf an ihrer Brust zu liegen kam. Es dauerte nicht lange, so hörte sie seine gleichmäßigen Atemzüge – er war eingeschlafen. Sie strich ihm durch die widerspenstigen schwarzen Haare und küsste ihn auf die Stirn. „Es geht doch, Commander Blaine. Es geht doch."
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Die Sonnenstrahlen, die durch das große Fenster fielen, kitzelten sie an der Nase als sie wach wurde. Das Bett neben ihr war leer und so schälte sie sich auch aus dem Bett und tapte bloßfüßig den Gang entlang, über die Stiege in die Küche. Kaffeegeruch stieg ihr in die Nase. Richtiger Kaffee – nicht den aus Wurzeln nachgemachten. Er lehnte in der Küche und trank seine Tasse. Es brauchte nur eines sehnsüchtigen Blickes, und er goss ihr auch eine Tasse ein. Sie zog den Geruch ein wie ein Raucher, der genüsslich an seiner Zigarette zog. Dann nippte sie langsam und ließ sich jeden Schluck auf der Zunge zergehen. Wann hatte sie das letzte Mal Kaffee? Sie konnte sich nicht erinnern. Es musste über ein Jahr her sein. Sie standen beide in der Küche, wortlos und tranken ihren Kaffee aus.
„Danke" sagte sie und deutete auf die Tasse.
„Wo müssen wir heute hin?"
„Hast du wirklich Zeit? Ich würde gerne Lebensmittel kaufen, Kartoffeln und so, damit wenigstens irgendwas im Haus ist. Das wäre das wichtigste. Wegen einer Nähmaschine würde ich gerne fragen. Viel Hoffnung habe ich nicht, dass es welche zu kaufen gibt. Aber Nähseide und Nadel würden auch schon helfen. Und … tja … ich sollte mich vielleicht doch beim Arzt vorstellen. Ich weiß zwar selber, dass es mir …" Sie machte eine kleine Pause. „… uns gut geht, aber sicher ist sicher."
Er nickte kurz.
Der Auftritt einer Gattin in einem Supermarkt war dementsprechend auffällig, aber da ihr das Kleid, das Ellen ihr geliehen hatte, viel zu eng geworden war, blieb ihr einfach nichts anderes übrig. Der Fleischverkäufer runzelte die Stirn, als er sie sah. Sie kannte ihn. Er hatte öfters mit Ellen zu tun. „Was soll ich denn tun?" zischte sie über den Tresen. „Mir wäre es auch anders lieber."
„Warten Sie hinten bei den Anlieferungsschleusen!" Sie überreichte ihm den Einkaufszettel und verließ schnell unter einer Vielzahl musternder Augen den Supermarkt.
„Sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?" fuhr sie der Verkäufer an. „Was soll ich tun?" gab sie zurück. „Verhungern. Wenn Sie eine andere Idee haben, dann nehme ich sie gerne an."
„Die habe ich. Sie geben der Martha in ihrer Nachbarvilla ihren Einkaufszettel, und ich mache Ihnen eine Hauszustellung. Wir machen das bei alten Menschen oder kranken oder …"
„Ich danke Ihnen. Wenn das geht, das kriege ich hin." Sie schlug einen freundlichen Ton an, denn sie wusste zu schätzen, dass der Mann sich für sie und vor allem wohl um Ellen und ihre Deckung Gedanken machte.
Nachdem sie Nadel und Faden ergattern konnte, fuhren sie zum Ärztezentrum. In der Eingangshalle dominierte die Farbe rot. Einige Mägde saßen im Warteraum, gut bewacht und warteten auf ihre Untersuchung. Als sie eintrat und ihren Blick über den großen Raum schweifen ließ, fixierten sie sofort wieder viele Augenpaare. Türkis war hier kaum gesehen. Hinter der Anmeldung wieselte ein junger Arzt hervor und ging schnurstracks an ihr vorbei, um den Commander zu begrüßen. „Sie müssen in den 2. Stock." Wies er dienstbeflissen an.
Der zweite Stock war luxuriös eingerichtet. Weiß in Weiß, so wie sie es von der Praxis ihres Vaters gewohnt war. Weiße geflieste Fußböden, weiße Ledersessel, weißer Marmor an den Tresen. Auch hier nahm ein eifriger junger Arzt zunächst den Commander und dann sie in Empfang, als hätte er schon den ganzen Tag auf den seltenen Besuch gewartet. Die Formalitäten waren schnell ausgefüllt. Bevor sie sich noch hinsetzten, stand bereits eine Tasse Schwarztee bereit.
Eine der Türen öffnete sich und heraus trat ein älterer Arzt in seiner weißen Kluft, begrüßte den Commander, nahm das Formular in die Hand, las es durch und kräuselte seine Stirn und wandte sich an Mary: „Sie waren noch nie beim Arzt seit Sie …?" Er legte seinen Kopf fragend schief. „Sie wissen aber schon, dass es das Gesetz vorsieht, Schwangerschaften sofort zu melden." Sie nagte auf ihrer Lippe herum, denn sie hatte es gewusst. „Sie sind ja schon …" er wiegte den Kopf hin und her und musterte sie von oben bis unten …"im sechsten Monat."
Mary atmete durch: „im vierten"" warf sie korrigierend ein. „Das lassen Sie meine Expertise sein!" gab der Arzt arrogant zurück.
Wortlos drehte er sich um 90 Grad und wies Richtung der Tür, aus der er gekommen war. „Ich werde Ihre Gattin jetzt kurz entführen." nickte er dem Commander zu.
Mary stand auf, ging durch die Tür und betrat einen Raum, der ihr aus der väterlichen Praxis vertraut vorkam. Der weiße Boden, die strahlend weißen Wände und alle Untersuchungsgeräte in weiß. Jeder Farbtupfer mutete hier wie eine frivole Ausgelassenheit an „Darf ich sie bitten sich auf die Untersuchung vorzubereiten!" Sie nickte und der Arzt verließ das Zimmer.
Sie streifte ihren Umhang ab, zog sich die Schuhe von den Füßen und streifte sich die Unterhose über die Beine. Alles legte sie sorgsam zusammen und legte sich auf die Untersuchungsliege.
Es dauerte fast eine kleine Ewigkeit, bis der Arzt zurückkam. Mit gekonnten Bewegungen legte er ihre Beine auf die dafür vorgesehenen Einrichtungen, streifte sich einen Handschuh über und untersuchte sie. „Es geht Ihnen also gut." „Sehr gut sogar. Wir hatten einen Umzug zu bewältigen und da ist mir der Arztbesuch einfach … entfallen. Ich fühle mich etwas unkonzentriert, seit ich schwanger bin. Aber das ist ja normal." „Sind Sie hier der Arzt?" kam es unwirsch zurück. „Entschuldigen Sie!" warf Mary ein „Mein Vater war Dr. Weisz. Vielleicht höre ich mich wirklich wie ein Arzt an."
Der Tonfall des Arztes änderte sich und klang gleich freundlicher: „Ich kannte Ihren Vater gut. Wie geht es ihm?"
„Seit ich geheiratet habe, habe ich ihn auch nicht mehr gesehen. Er war in den letzten Jahren zunehmend kränklich." Mary verzog das Gesicht, die Untersuchung war einigermaßen schmerzhaft geworden.
„Sie haben in der Tat Glück. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Dann will ich Ihnen glauben, dass sie als Tochter von Dr. Weisz einschätzen konnten, wie es Ihnen geht! Ich würde Sie bitten, dass Sie ihr Kleid über den Bauch ziehen, damit wir noch eine Ultraschalluntersuchung machen können."
Sie gehorchte und fühlte sogleich das kalte Gel auf ihrem Körper, auf dem das Ultraschallgerät gleiten würde. Der Doktor fuhr mit dem Apparat über ihren Bauch und wieder zurück. Nach oben und nach unten. Dann wiederholte er den Vorgang. Mary wurde leicht unruhig: „Warum sagte er nichts?" Er müsse längst das Baby gesehen haben, vermessen, Geschlecht bestimmt. Ein so erfahrener Arzt braucht für diesen Vorgang keine Ewigkeit.
„Mrs. Blaine, entschuldigen Sie mich kurz!"
Mary war leicht panisch. Hatte sie es übertrieben mit ihrer Warterei? Der Arzt kam zurück mit dem Commander im Schlepptau. Auch der junge Arzt, der sie in Empfang genommen hatte, drückte sich bei der Tür rein. Der Arzt fuhr wieder mit dem Ultraschallgerät über den Bauch. „Mr. Blaine, Mrs. Blaine, sehen Sie das auch, was ich sehe?"
Der Commander kniff die Augen zusammen, aber Mary sah es sofort. Zwillinge. In ihrem Kopf begann es zu drehen. Sie wollte eigentlich kein Kind und jetzt wuchs das Leben so üppig in ihr heran. In einer Welt, die kaum noch Kinder hervorbrachte, war ihnen ein Kunststück gelungen. Sie konnte nicht anders. Ihr kamen die Tränen.
„Sehen Sie es?" bohrte der Arzt nach. „Ihre Frau erwartet Zwillinge." Der junge Arzt an der Tür unterdrückte einen Schrei der Entzückung. „Zwei Jungs, wenn Sie es genau wissen wollen." erklärte der Arzt weiter. Ganz geistesabwesend ging der Commander einen Schritt zurück, seine Hand langte nach Mary, strich ihr durch die Haare. Als er die tränennassen Stellen neben den Augen berührte, wandte er den Blick ihr zu. Ungläubig, fassungslos. Beide wussten, dass ihnen etwas gelungen war, das in dieser Welt kaum noch vorkam.
„Wir sehen Sie jetzt regelmäßig, Mrs. Blaine." Tadelte der Arzt und wischte ihr das Gel vom Bauch. Mary nickte wortlos mit gesenktem Blick. Irgendwie saß der Schock der guten Nachricht tief. „4 Wochen!" Der junge Arzt hielt dem Commander einen Zettel mit einem Datum hin.
Beide verließen wortlos die Praxis, mit schnellen Schritten durchquerten beide den Wartesaal und stiegen schnurstracks ins Auto. Als Mary saß, begann sie zu weinen. Sie wusste nicht, ob es Tränen der Freude, der Überraschung, der Angst waren. Sie kamen einfach und rannen ihr über die Wangen. Sie hatte damit nicht gerechnet. Was würde das für sie bedeuten?
Der Commander saß wie angewurzelt hinter dem Lenkrad. Ihm ging es wohl gleich. Schließlich gab er sich einen Ruck, ergriff Mary mit der rechten hinter dem Kopf und mit der linken wischte er ihr die Tränen aus dem Gesicht. Mary sah, dass er sie unsicher anblickte. Da musste sie lächeln und sagte nur: „Schön."
Und er tat etwas, was er noch nie getan hatte. Er zog sie an sich, und sie küssten sich. Nicht verstohlen und schnell auf die Wange, wie sonst immer. Nein richtig. Mary berührte mit der Hand sachte seine Wange. Wieder rannen ihr die Tränen über die Wange. Aber jetzt wusste sie, es waren Tränen der Freude.
