Kapitel 1: Freude und Angst: Ein schmaler Grad
Mein Name ist Ally Smiths, ich bin 13 Jahre alt, lebe in Distrikt 4 und gehe in die siebte Klasse, doch nun steht das erste Jubel-Jubiläum an. Ich habe Angst.
„Ally, Lizzy? Kommt ihr bitte runter, es ist Pflichtfernsehn", Die Stimme meiner Mutter riss mich und meine Zwillingsschwester Lizzy wieder zurück in die Wirklichkeit. Zuvor lagen wir lachend auf dem Boden unseres Zimmers, warum wir eigentlich lachten, wussten wir schon lange nicht mehr. Lizzy und ich sehen haargenau gleich aus, goldene Haare, eisblaue Augen, gebräunte Haut, klein und zierlich. Der einzige Unterschied war, dass ich meine Haare bis zur Taille trug und sie nur schulterlang, aber das war es auch schon mit den Unterschieden. Okay, vielleicht war ich noch ein bisschen sportlicher, da ich, im Unterschied zu ihr, täglich sehr weit schwamm und unserem Vater beim Muscheltauchen half. Lizzy war einfach nur dünn, sie mochte das Meer nicht so gern, sie machte lieber aus den Muscheln, die wir fanden Ketten, Armbänder und Ringe.
„Okay Mum! Wir kommen gleich!", rief ich, immer noch lachend zurück. Dann nahm ich meine Schwester am Arm und zog sie hinunter. Wir polterten die Holztreppe runter zum Wohnzimmer. Auf dem Weg sah ich wie jedes Mal kurz aus dem Fenster und erhaschte einen Blick auf das Meer, wie es ruhig dalag und die untergehende Sonne sich darin spiegelte. Mein Grinsen wurde noch breiter.
„Müsst ihr immer so laut sein, irgendwann kommen noch die Friedenswächter und klagen uns wegen Lärmbelästigung an", als mein Vater das sagte, fingen wir wieder an zu lachen. Unser Vater sah ganz anders aus wie wir, er hatte kurze schwarze Haare und warme braune Augen, von Natur aus hatte er eine etwas dunklere Haut, außerdem war er recht groß, weshalb er auch meistens mich mitnahm, wenn er an besonders engen Stellen tauchte. Wir kamen eher nach unserer Mutter, sie war klein dünn und hatte dieselben Haare und Augen wie wir, außerdem fanden wir, dass sie sehr hübsch war und immer lachte. Nun jedoch sah sie angespannt aus, sie saß auf der Couch und schenkte uns ein gezwungenes Lächeln. Lizzy und ich tauschten einen Blick. Was war los?
„Mum, Dad, warum ist Pflichtfernsehn?", fragte ich nun nicht mehr ganz so fröhlich.
„Das Jubel-Jubiläum", antwortete mein Vater knapp
Die Temperatur im Raum sank automatisch um ein paar Grad. Zitternd griff Lizzy nach meiner Hand und wir setzten uns zu unseren Eltern. Das Jubel-Jubiläum. Ich war wirklich keine ängstliche Person, doch wenn ich vor etwas Angst hatte, dann vor den Hungerspielen oder dem Kapitol. Und vor dem Jubiläum hatte ich folglich doppelt so viel Angst. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Fernseher die ganze Zeit schon lief.
