James war angespannt. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen, hob seine Hand um sich durch die Haare zu fahren, nur um die unwillkürliche Geste zu bemerken und die Hand so unauffällig wie möglich wieder in seiner Hosentasche verschwinden zu lassen. Er war sich immer noch nicht sicher, ob das, was er gleich tun würde mutig, richtig und wichtig oder einfach nur dumm war. Vermutlich letzteres, dachte er, aber er hatte seine Entscheidung bereits getroffen. Und wenn James über die Jahre des Unfugs und der unnötigen Risiken eines gelernt hatte, dann war es, dass es einen Moment gab, an dem es zu spät war, eine Entscheidung zu hinterfragen. Als er seine Gedanken damals Remus mitgeteilt hatte, hatte dieser irgendetwas auf Latein gelabert, nutzloser Arsch! Ah, wie gerufen, da kam die Person, die ihn für einen nutzlosen Arsch hielt!
„Evans, Hey! Evans!"
Lily, die gerade mit ihren Freundinnen durch den Gemeinschaftsraum lief, dreht sich zu ihm um drehte sich um, ihre Augen hart, die Lippen zusammengekniffen. „Was, Potter?" sagte sie, während sie ihren Zauberstab aus ihren Roben zog.
James schluckte. „Du.. Ich meine... Können wir kurz reden? Also unter 4 Augen?" Er beäugte ihren Zauberstab. „Ohne Hexe und Fluche?"
Schwer seufzend winkte sie ihren Freundinnen weiterzugehen, Marlene McKinnon und Hestia Jones hatten sogar noch die Frechheit zu kichern. Lily warf ihnen einen dunklen Blick zu, bevor sie sich mit einem noch dunkleren an James wandte. „Du hast 5 Minuten und ich behalte mir das Recht außerordentlich dumme, das heißt noch dümmerer Aussagen als sonst, mit einem Fluch meiner Wahl zu bedenken." Lilys Lächeln war diabolisch. „Also, Potter deine Zeit läuft."
James stand noch einige Sekunden abwägend vor Lily, bevor er sich dazu entschied sie beim Wort zu nehmen und nicht ihren Zorn zu provozieren. Naja, zumindest nicht zu stark. „Wenn du unbedingt meinst mich verfluchen zu müssen" sagte er, mit einem breiten Lächeln, „dann befürchte ich, dass wir aus dem Gemeinschaftsraum raus müssen. Wir können ja nicht zulassen, dass unser Prefekt Kollateralschäden verursacht, nicht?" Er zog Lily in Richtung Portaitloch.
„ Du könntest auch einfach versuchen dich weniger dumm anzustellen, Potter", sagte Lily, „aber solange ich freie Wahl für meine Hexe bekomme kann ich mich wohl nicht beschweren."
Der Gang, der sich hinter der fetten Dame öffnete war kühl und abseits der monderhellten Fenster dunkel. Das Flimmern der regelmäßig platzierten Kerzen erhellte die Umrisse der gotischen Wände und gab dem Gang trotz seiner Länge und Breite ein Gefühl von vertraulicher Geschlossenheit.
James zog Lily noch ein Stück vom Eingang zum Griffindor-Gemeinschaftsraum weg, bevor er sich in einer Fensterbank niederließ. Lily tat es ihm gleich.
„Nimm die Hand aus den Haaren.", durchbrach Lily das entstehende Schweigen. James schaute sie verdutzt an, bevor ihm auffiel, dass seine Hand wieder in seinen Haaren nach Halt gesucht hatte. Na toll, er hätte Lily auch gleich provozieren können! Schnell schielte er ein weiteres mal in Richtung Lilys Zauberstab, doch dieser lag noch still in ihrer Hand. Glück gehabt.
„Tut mir leid." Sagte er.
„Was?"
„Das mit den Haaren, ist ne blöde Gewohnheit."
Lily schaute ihn leicht verwirrt an und James ereilte der Gedanke, dass sie gerade darüber nachdachte, welch Fluch denn angemessen wäre. Also beeilte er sich mit einem entschuldigendem Lachen hinzuzufügen:
„Das mache ich immer, wenn ich nervös bin."
Er wartete, aber Lily schien dies nicht kommentieren zu wollen.
„Aber das ist nicht der Grund warum ich dich nach hier draußen gezerrt habe."
„Und ich dachte für einen Moment du hättest das letzte bisschen Verstand auch noch verloren." Murmelte Lily.
„Was noch zu zeigen wäre", erwiderte James trocken. Als er von seinen Händen auf und zu Lily sah, sah er zu seinem Unglauben, wie diese etwas abwesend, den Blick auf ihren Zauberstab, den sie gerade in ihren Händen drehte gerichtet, über seinen Kommentar lächelte. Lily Evans! Normalerweise lachte sie nur über ihn, wenn er sich wehtat oder von McGonnagal zurechtgewiesen wurde. Etwas an ihrem Lächeln, an ihrem Gesicht im hellen Mondschein faszinierte James; vielleicht war es auch einfach nur wieder Lilys Schönheit, die ihn fesselte, jedenfalls schaffte er es nicht sich dazu zu bringen seinen Blick von ihr abzuwenden.
Nach einigen Momenten bemerkte Lily wohl, dass er verstummt war und drehte sich fragend zu ihm.
„Du bi... Ich meinte -", er war leicht in Panik verfallen und versuchte nun sein Starren als Nachdenken zu kaschieren, offensichtlich wenig erfolgreich.
„Ich möchte bei dir entschuldigen.", brachte er hervor.
„Waren wir da nicht gerade schon?"
„Nein, ich meine, es geht nicht um die Haare." Er schaute wieder auf seine Hände.
„Vielmehr, ... also, es tut mir Leid. Ich wusste, dass du und Schni - ich meine du und Snape", der Name fühlte sich in seinem Mund komisch an, „Ich wusste, das ihr Freunde seit. Und ich glaube er hat dich verletzt."
Lily wollte etwas einwerfen, doch James war schneller. „Nein, Evans, lass mich ausreden, bitte, ich habe keine Ahnung, ob ich das nochmal schaffe und wenn du jetzt anfängst zu widersprechen, dann streiten wir uns wieder." Lily sah noch einen Moment so aus, als wollte sie ihm sagen, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt zum streiten sei, schloss allerdings zu James Verwunderung ihren Mund wieder und nickte.
„Danke. Also, wie gesagt Ich wusste, dass ihr Freunde seit und dass er dich verletzt hat, und ich fühle mich dafür schuldig." Lilys zuvor wütende Augenbrauen wanderten überrascht nach oben.
„ Nicht komplett", sagte James, „aber zum Teil. Der Idiot hat sich seine rassischen Einstellungen selbst zuzuschreiben, aber ich war in genug dummen Situationen, um zu wissen, dass man unter öffentlichem Druck anders denkt und handelt." Er pausierte.
„Und wenn ich eine Sache noch besser weiß, dann wie wichtig Freunde sind." Er schluckte, „Und ich fühle mich schuldig, dass es mit deinem nicht gut läuft. Und dafür möcht' ich mich entschuldigen."
Nun war es Lily, die ihn sprachlos anstarrte. James schaute verlegen aus dem Fenster in Richtung verbotener Wald.
„Warum?", brachte Lily endgültig hervor, „Ich verstehe es nicht, Potter! Warum?"
„Ich habe dir gerade erklärt warum ich mich entschuldige."
„Nein, das meine ich nicht!, also nicht nur!" Lily hatte scheinbar ihren initialen Schock überwunden. „Ich verstehe dich nicht, Potter! Warum entschuldigst du dich bei mir? Warum, wenn du diese Scheiße doch überhaupt täglich anstellst? Warum tust du anderen Leuten überhaupt weh? Was lässt dich glauben Schmerzen und Gelächter seien eine angemessene Strafe für Existenz? Warum entschuldigst du dich nicht bei denen? Bei Severus? Warum überhaupt ausgerechnet Severus? Potter, ich verstehe einfach nicht was falsch mit dir ist!"
Er wollte sich wehren, ihr widersprechend, schließlich hatten es diejenigen, die seine Zauber zu spüren bekamen es immer verdient, aber irgendetwas in Lilys Ton ließ ihn inne halten. Lily war aufgebracht, so viel war klar, doch keine der Anmerkungen war mit einem diabolischem Lächeln, dem gewohnten Ton der Überheblichkeit, oder gar der Verachtung belegt. Vielmehr, dachte James, klang Lily erschöpft; erschöpft und verzweifelt.
„Was, Potter, was soll das? Musst du anderen das leben zur Hölle machen?" Das klang für James schon fast flehend.
„Ich... „, er stockte. War Lily wirklich so aufgebracht über sein Verhalten? James wusste, dass sein Verhalten ihr auf die Nerven ging, sie zur Weißglut brachte. Aber nicht zuletzt deshalb verhielt er sich so, widersprach, machte Witze, spielte Streiche. Damit Lily ihm überhaupt ihre Aufmerksamkeit schenkte. Damit sie Gedanken auf ihn wendete, ihn sah, ansah, Worte in seine Richtung richtete; und offensichtlich hatte das auch funktioniert, aber das, Lilys resigniert Ratlosigkeit, die Verzweiflung. Das war nicht Lily, nicht die Lily die er kannte, das war die Lily die er geschaffen hatte. Wenn das das Resultat war, wie sollte er seine Taten damit rechtfertigen? Die Streiche an unschuldigen, an den Lehrern, an Lily selbst?
„Vielleicht hast du recht." Sagte er, seine Stimme nicht mehr als ein Flüstern.
Diese Möglichkeit auch nur zu bedenken bereitete ihm Kopfschmerzen. Behutsam lehnte er seinen Kopf gegen die kühle Scheibe. Lily starrte ihn indes ungläubig an.
„Was zu zeigen war?", fragte sie.
Seiner Verwirrung und Schmerz zum Trotz brachte James ein Lachen zu Stande. „Nein, also noch nicht. Ich meinte, was du vorgestern gesagt hast. Vielleicht bin ich einfach nur ein Hornochse, der jeden und alles verhext worauf er Lust und Laune hat."
Ja, er hatte sein Gründe mit Schnievelius zu kämpfen, andere Leute zu schikanieren, Lily auf die Palme zu bringen. Aber am Ende des Tages waren diese Gründe auch nur das, seine Gründe, seine Rechtfertigungen. Ihm wurde übel darüber nachzudenken, wie dünn sie waren, wenn er sie tatsächlich auch nur etwas kritisch betrachtete. Was machte das aus ihm? Eine egoistischen Hornochsen, einen schrecklichen Menschen, im Prinzip einen Slytherin? Er spürte die Galle in ihm hochkommen und versuchte sich auf etwas, egal was, bloß irgendetwas anderes zu konzentrieren. Da!, in der Reflexion der Scheibe konnte er Lilys Haar erkennen, wie es wohl sein würde, es anzufassen, seine Finger darin abwesend während einer langweiligen Schulstunde spielen zu lassen, es während intimster Momente zu fassen, seine im inneren überschäumende, chaotische Liebe im zerzausen auszudrücken. Geradezu panisch versuchte er seine Gedanken auf Lilys Haar, auf seine gewohnten und geliebten Fantasien zu lenken. Aber er spürte die Galle weiter in ihm aufsteigen. War er jetzt etwa von Lily angeekelt? Hatte er seine Liebe verspielt? Nein, das konnte es nicht sein, Lily war, naja, Lily eben, sie war beileibe nicht perfekt, aber sie war immer noch der um weiten schönste, warmherzigste und intelligenteste Mensch, den James sich vorstellen konnte. Viel zu pur, viel zu schön, als das er sie jemals verdienen könnte. Es traf ihn, wie ein Schlag. Er war nichts, weniger als nichts; im Vergleich zu Lily war ein Schandfleck auf der Erde. Wie konnte er jemals auch nur hoffen ihrer würdig zu werden.
Oh Gott, gleich würde er brechen.
„Was?", fragte Lily.
Hatte er das laut gesagt? Verdammt!
„Ich ...", James stockte. Jetzt zu sagen, dass Lily viel zu gut für ihn sei, wäre doch gar für seine Verhältnisse arg komisch. „Ich habe gerade den Gedanken zugelassen, dass ich vielleicht doch nicht so toll bin."
Er versuchte mit seinen Lippen etwas zu formen, das hoffentlich einem überzeugenden Lächeln nahe kam.
„Um nicht zu sagen das Gegenteil von toll oder gut."
Lilys weichem Blick nach zu urteilen hatte das mit dem Lächeln vermutlich nicht so gut geklappt. Schlimm genug, dass seine Selbstsicherheit ihn verlassen hatte, jetzt konnte er scheinbar nicht mehr einen selbstsicheren Eindruck vermitteln. „Das war das, was ich dir die ganze Zeit versucht habe schonend beizubringen.", sagte sie sanft, offensichtlich im Versuch die Stimmung zu erleichtern.
„Schonend? Erzähl das mal meinen Fußnägeln, die sind gestern dank deiner schonenden Versuche aus meinen Schuhen rausgewachsen!" Erwiderte James in gespielter Empörung.
Beide lachten, doch die Anspannung war immer noch da.
James ließ seinen Blick schweifen und fokussierte sich darauf zu atmen. Nachdem er wieder halbwegs das Gefühl hatte seinen Brechreiz unter Kontrolle zu haben, traute er sich wieder zu sprechen, „Bin ich-...", er schluckte, der Gedanke war schmerzhaft. Aber, wenn er ihn jetzt nicht aussprach, dann würde er es sich wohl nie trauen. Dann würde er im Zweifel immer wahr sein. „Bin ich das, was du vorgestern gesagt hast? B-Bin ich wirklich sie schlimm wie die? Ein Slytherin in allem, außer meiner Quidditchmannschaft?" Er wusste, das seine Augenwinkel feucht waren. Aber es war ihm egal. Das auszusprechen hatte ihn gerade jegliche Kraft gekostet. Wie lange hatte er Leute drangsaliert, nur weil sie die falsche Krawatte trugen? Nur weil sie ihren Eltern gefallen wollten? Nur weil sie ihm im weg standen? Seine Kehle brannte, sein Atem kam nur noch in Stößen, konnte es wirklich sein? Konnte er wirklich...
Die Verzweiflung war überwältigend. Hätte er doch, doch nur auf Remus gehört. Seine Gedanken rasten mittlerweile ohne sich auch nur einen Millimeter vorwärts zu bewegen. Er spürte, das er kurz davor war zusammenzubrechen. Aber da war irgendetwas. Irgendetwas hielt ihn in diesem Sog an Gedanken, Erinnerungen und Emotionen fest. Komischerweise fühlte es sich an, als hätte er irgendetwas wichtiges vergessen, übersehen. Es braucht noch einige Momente, bis er realisierte, dass das ein Signal seines Körpers war. Noch einige weitere, bis er realisierte, dass es aus seiner Hand kam. Erschrocken schaute er auf seine Hand. Und die Hand auf seiner Hand. Und dann auf Lily.
„Nein." sagte Lily, ihre Stimme fest. „Ich verstehe dich nicht Potter, vielleicht verabscheue ich dich auch ein wenig, aber so schlimm wie die? Das glaube ich nicht."
„Aber..." James Stimme brach, „aber warum, wie kannst du dir sicher sein? Du hast es selbst gesagt, ich verhalte mich genau so wie die. Schlimmer als manche, wenn ehrlich bin."
„Ich würde gerne sagen, weil du nicht glaubst, dass du besser als andere aufgrund deiner Geburt bist, aber du glaubst ja leider, dass du besser als alle anderen, einschließlich Dumbledore und Merlin bist. Aber was -"
James unterbrach sie, „Ich glaube nicht, dass ich besser als alle anderen bin." Er schaute Lily in die Augen. Lily schien zu verstehen, was er meinte und errötete etwas unter seinem Blick.
„Du verhältst dich aber so, und jetzt lass mich ausreden!" Sie äugte ihn kritisch, er nickte.
„Wie gesagt, Potter, ich verstehe dich nicht, aber wie ich heute entdecken durfte, hast du ja scheinbar ein Gewissen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einem von denen die Tränen kommen, wenn sie über ihr Verhalten nachdenken." Sagte Lily, als sei es das offensichtlichste auf der Welt.
„Aber das hilft denen, den ich wehgetan habe doch auch nicht! Ob ich mich schlecht fühle, oder nicht, es ändert nichts daran, was ich getan habe."
„Nein, tut es nicht." Sagte Lily mit nicht weniger Nachdruck. „Aber es heißt, das du weißt, was richtig und falsch ist, dass du dein Verhalten verändern und eine bessere Person werden kannst! Alternativ kannst du auch gerne weiterhin dein Fehlverhalten beweinen, dich gegen die Schuld verschließen, dich mit Späßen ablenken, es ist mir-" Sie biss sich auf die Lippe. „Es würde nichts verbessern. Im Gegenteil."
Irgendein kleiner Teil von James Gehirn flüsterte ihm gerade zu, das dass, was er tat unhöflich war, aber er konnte nicht anders, er war unfähig, etwas anderes zu tun als Lily mit offenem Mund anzustarren. „Du... Du glaubst ich könnte mich ändern?"
„Ich, du...", nun suchte Lily nach Worten, „Menschen können sich ändern. Und unsere Einstellung gegenüber Menschen kann sich ändern. Warum nicht auch zum positiven?"
James spürte, wie das Leben und Freude langsam wieder in ihn zurückfloss, vielleicht hatte Lily ja recht. Vielleicht war er gar nicht ekelhaft, oder vielleicht war es zumindest nur sein Verhalten. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, konnte er sich ja ändern. Er schäumte gerade zu über vor Freude. Er hatte eine Chance.
„Darauf eine bessere Person zu werden?" fragte Lily.
Verwundert schaute er sie an. Sie war errötet, ihre Stimme minimal höher als normal. Verdammt, hatte er das schon wieder laut gesagt? Aber warum war sie dann errötet?
Dann traf es ihn wie ein Blitz. Aber... Das konnte nicht sein. Lily hasste ihn, oder? Sie verabscheute ihn. Er liebte sie, aber es gab keine Welt, in der dieses Gefühl reziprok waren.
„Ja, eine bessere Person werden." Hörte er sich selbst sagen, während er ihr weiterhin in die Augen schaute. Lily schaute stumm zurück.
James konnte es nicht ganz glauben, aber eigentlich war er der Meinung, dass dieser Blick mehr kommunizierte als all die Worte der vergangenen fünf Jahre zuvor.
„Lily, .." sagte er, doch wurde von ihr unterbrochen. „Nein, Potter, nicht. Du hast eine Chance eine bessere Person zu sein. Bitte versau es nicht."
„Ich... Danke. Du hast keine Ahnung, was das deine Worte für mich bedeuten... Du bist eine wundervolle Person."
Lily errötete stärker, stand auf und sagte, „Ich glaube deine 5 Minuten sind um."
„Aber ich wurde doch noch gar nicht verhext!", beschwerte sich James.
Lily hatte schon die Hälfte des Weges zum Portraitloch zurückgelegt, bevor James sie einholte.
„Wenn du unbedingt drauf bestehst." Antworte Lily, während sie nonverbal irgendetwas in James Richtung schoss.
„Immer doch", antwortete er, während er den Hex so beiläufig wie eine Fliege nonverbal abwehrte, „aber ich muss schon sagen, während des Redens, nonverbal. Lily Evans, ich bin beeindruckt."
Lily lachte, „Hast du nicht gerade auch dasselbe Meisterwerk vollbracht?"
„Schon, aber wie du weißt behaupte ich auch einer der besten Zauberer seit Merlin zu sein." Sagte er augenzwinkernd.
„Meine Noten sind trotzdem besser." Sie hatte sogar die Frechheit sich zu ihm umzudrehen und die Zunge rauszustrecken!
„Pff! Erstens, du lernst!"
„Das klingt nach einer Anschuldigung."
„Ist es auch", sagte James, „zweitens, sind meine Noten systematisch durch die Lehrer verzerrt."
„Du meinst die Lehrer sind dir gegenüber voreingenommen?"
„Ein gänzlich unbegründeter bias!"
Lily verdrehte die Augen. „Gute Nacht, Potter, vielleicht wirst du ja in deinen Träumen fair behandelt."
Fair? Gerade Lily behandelte ihn in seinen Träumen mehr als nur fair, aber vermutlich war es klug sich diese Anmerkung zu verkneifen.
„Gute Nacht, Lily."
Kurz schaute er noch, wie Lily die Treppe in Richtung Mädchenschlafzimmer hinaufging, bevor er sich umdrehte und seine eigenen Stufen erklomm.
Während er die Treppen emporstieg. merkte er, wie ein Grinsen sich auf seinem Gesicht ausbreitete. Er, er! James Potter hatte gerade mit ihr, Lily-"Ich Hex dir dein Gesicht ab"-Evans gesprochen, er, James Potter hatte gerade mit Lily gewitzelt, er, James Potter, hatte Lily gerade einen Moment mit Lily erlebt.. James konnte sein Glück in diesem Moment noch nicht ganz fassen.
All die Zweifel, all der Horror über sein Handeln, all das schien in der Vergangenheit zu liegen. Und selbst wenn, selbst wenn dem so war, selbst wenn er schrecklich war, in diesem Moment hatte er keinen Zweifel daran, dass er besser werden könnte. Er war das Wert, naja, in erster Linie war Lily das Wert.
Er hatte sich gerade gedankenverloren auf sein Bett gesetzt, als eine große Gestalt ihn von hinten mit sich auf den Boden riss.
„HALLO, PROONGS!" Die Stimme, die diese Worte wenige Zentimeter von seinem Trommelfell entfernt schrie, war ihm vertrauter, als die seiner Mutter. Leider machte das weder die Schmerzen des Sturzes, noch die des Hörsturzes wett.
„Was zur Hölle, Sirius?"
„Du hast nicht reagiert, da dachte ich du könntest einen kleinen Wachruf gebrauchen", sagte Sirius, während er von James aufstand.
„Und wie kamst du zur Schlussfolgerung, dass eine Gehirnerschütterung der beste Weg sei mich aufzuwecken?"
Sirius lachte:" Unfehlbare Intuition, solltest du kennen, du hast den Begriff schließlich erfunden."
„Ich weiß", sagte James, „allerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass ich den spezifisch nur in Bezug auf Moony und mich definiert habe."
„Und ich bin mir ziemlich sicher, dass du deine Definition vorgestern Abend extensional zu meinen Gunsten erweitert hast."
James, immer noch auf dem Boden sitzend, schaute seinen besten Freund zweifelnd an: „War ich wirklich so betrunken?"
Sirius lachte noch lauter: „So betrunken? Prongs, wenn du das schon als so bezeichnest, dann ja, und noch viel mehr."
James stöhnte, er hatte wirklich keine Ahnung, bis gerade hatte er in der schönen Illusion gelebt, dass die 4 vorgestern Abend zusammen Schach gespielt hätten, aber jetzt wo er drüber nachdachte, wurde ihm klar wie unplausibel dieser Traum war.
„Keine Sorge, James", meldete sich Remus von seinem Bett zu Wort, „es ist nichts passiert, was wir nicht schon gesehen hätten."
Schwacher Trost. Mit einem weiteren Stöhnen hievte er sich zurück in sein Bett. So unbeabsichtigt seine Bescheinigung Sirius Intentionen auch war, gemäß der Definition seiner eigenen unfehlbaren Intention war sie unter Einfluss von Alkohol nur umso mehr gültig. Verdammt, das würde es nur noch schwieriger machen, ihn von einigen Dummheiten abzuhalten.
Wobei er eigentlich gerade mal einiges an Zeit bräuchte um über Dummheiten, oder besser gesagt, das, was Lily gesagt hatte, nachzudenken.
„Also", Sirius Stimme unterbrach seine Gedanken. „Letzte Nacht des Jahres. Das schreit nach etwas Unfug!"
„Einspruch, die letzten 2 Nächte waren voll mit Unfug, diese Nacht schreit nach Schlaf."
James drehte seinen Kopf weit genug, um zu erkennen, dass Remus gesprochen hatte, ohne von seinem Buch aufzusehen. Er kannte Remus lange genug, um zu wissen, dass das final NEIN! hieß. Leider verfügte Sirius nicht über James minimalen observativen Fähigkeiten.
„Remus!", Sirius gab sich geschockt. „Wie kannst du nur? Ich erinner mich noch, als wär es gestern gewesen. Aber das war es nicht. Es war einmal ein verregneter Tag im November, grau, stürmisch, vom Charakter ein wenig so, wie du gerade drauf bist. Es war an eben jenem Tag, dass 4 mutige, tapfere, heroische Erstklässler einen aufrichtigen Schwur gegenüber einander beschlossen..."
James schaltete ab. Sirius emotionale Kindheitsschwurrede hatte er oft genug gehört, er hatte sie sogar selbst oft genug gegeben. Aber alle Bemühungen Sirius würden heute Abend bei Remus auf taube Ohren stoßen. Remus hatte immer noch nicht von seinem Buch aufgeschaut, und James wusste, dass er das nicht tun würde, bis Sirius Rede beendet war, und er antworten würde.
Der Streit war jeden letzten Abend vor den Sommerferien der selbe. Welch Ironie, sinnierte James, wenn man bedachte, dass beide aus den selben Gründen handelten: Beide waren nicht allzu begeistert heimzukommen, der Gedanke an die kommenden Wochen beunruhigte sie. Nicht derart unruhig, dass ein außenstehender das identifizieren könnte, aber unruhig genug, dass James und Peter es merkten. Nun waren Sirius und Remus aber zwei Pole eines Magnets. Anstelle von halbem Leid ergab sich daraus dann oftmals doppeltes Leid - oder vierfaches. Sirius verhielt sich immer so, als würde ihn in Kings Cross der sichere Tod erwarten. Er wurde lauter, spielte noch mehr Streiche, verführte noch mehr Mädchen und hielt sich in keiner seiner Anmerkungen zurück. James konnte ihm im Angesicht seiner Familie dafür keine Vorwürfe machen, wäre er in Sirius Position, er würde vermutlich ähnlich reagieren. Das Problem war nur, dass Remus komplett gegenteilig reagierte. Remus Eltern waren keineswegs hirngewaschenen Tyrannen wie Sirius, im Gegenteil. Sie liebten Remus. Aber das war Teil des Problems. Sie liebten Remus, und konnten nichts für ihn tun, sie liebten ihn, und mussten ihn einmal im Monat einsperren, mussten einmal im Monat zuhören, wie Remus sich sein eigenes Fleisch zerriss. Entsprechend bedrückt waren Remus Ferien. James hatte die Lupins schon oft besucht, immer hing eine bedrückte Stimmung in der Luft. Mitleid für Geliebte zu empfinden war nicht schlimm, im Gegenteil, es war natürlich, unvermeidlich, richtig, aber wann immer Remus mit seinen Eltern zusammen war, fingen sie sich in einer Art Mitleids-Spirale, in der alle die anderen immer mehr und mehr bemitleideten. Remus operierte in dieser Atmosphäre wie immer unter Stress, er zog sich zurück, sprach weniger, machte weniger. Er behielt seinen Schmerz für sich und wollte ihn nicht abgeben, noch von ihm abgelenkt werden. Kurzum, er machte alles nur noch schlimmer.
Und in diesen Widersprüchen schaukelten sie sich die Woche vor den Ferien hoch, Remus im Versuch sich zurückzuziehen, Sirius im Versuch die letzten Tage so viel Spaß wie möglich mit seinen Freunden zu haben. Und heute war eben wieder jene Nacht, an dem die sich die Spannung zwischen beiden Polen entlud.
„Sirius, ich habe dir schon 4 mal nein gesagt, das nächste Nein brenn ich dir mit meinem Zauberstab auf die Stirn!" Remus Stimme klang für James mittlerweile schon eher nach Vollmond-Remus.
Er überlegte einzugreifen, allerdings schien Remus Entschlossenheit mittlerweile auch Sirius aufgefallen zu sein.
„Dann halt nicht, Moony." Er drehte sich weg. „Zu schade aber auch, Felicia Smith hat sich so sehr auf dich gefreut. Aber, es hilft alles nichts, dann muss ich mich wohl selbst um sie kümmern..." Für Remus augenscheinlich geschlagen ging Sirius langsam zu seinem Bett zurück. Von seiner Position aus konnte James allerdings das siegessichere Grinsen auf dessen Gesicht sehen.
„F... Felicia Smith?" mischte sich nun Peter mit ein. „Die Felicia Smith?"
„Lass es mich so sagen, Wormy. Besagte Felicia ist in Ravenclaw, sie ist in ihrem sechstes Jahr, hat langes, braunes Haar, eine kleine Stupsnase und eine Figur... eine Figur, die zu beschreiben sogar meine Eloquenz nicht vermag."
Sirius legte eine weitere theatralische Pause ein und James konnte sich nicht davon abhalten an sein letztes Quidditchspiel gegen Ravenclaw und die eng anliegenden Quidditchroben Felicias zu denken. Sirius Stimme holte ihn, und vermutlich auch die restlichen Marauder, aus seinen Gedanken zurück: „Kurzum: Ja, genau jene Felicia Smith."
„Ich komme mit!" Peter war von seinem Bett aufgesprungen und beeilte sich seine Schuhe anzuziehen.
„Sehr gut, allerdings habe ich dafür gesorgt, dass uns mehr als zwei Ravenclaws erwarten." Sirius Blick hing erwartungsvoll an Remus.
Dieser schaute zurück, Sirius genau in die Augen und sagte: „Fünf."
Er lehnte sich vor, „Vier." und holte seinen Zauberstab aus der Tasche „Drei."
Sirius hatte Remus Drohung scheinbar nicht vergessen, er schnappte sich schnell seinen eigenen Zauberstab und die Karte. „Peter, James? Los, beeilt euch!" Er hielt die Tür auf und gestikulierte ihnen sich zu beeilen. Peter stolperte, ein Schuh noch immer ungebunden, durch die Tür in die relative Sicherheit des Flurs.
„James?", rief Sirius ungeduldig.
„Ich komme nicht, mir geht's nicht so gut."
„Was? Aber James! Denk drüber nach, es muss nicht Ravenclaw sein, wir könnten auch mit unseren Besen gucken, ob wir in die Zimmer unserer Mädchen kommen. Ich wette Li..."
Weiter kam er nicht. Remus war bei Null angekommen und sprang im Versuch ein freies Schussfeld zu bekommen vom Bett auf. Sirius zog schnell die Tür zu.
„Zu Schade", sagte James, „aber das mit dem auf die Stirn schreiben muss ich mir wirklich für ein andern mal merken."
Remus warf ihm einen dunklen Blick zu. „Denk gar nicht erst dran „Voldemorts Haustier" oder so auf Snapes Stirn zu schreiben!"
„Gute Idee, danke für den Vorschlag."
Remus seufzte und setzte sich wieder auf sein Bett.
„Wo wir schon bei schlechten Ideen sind, warum hast du an der gerade eben nicht teilgenommen? Normalerweise bist du bei einem solchen Unfug nicht zu stoppen."
„Ich..." James erster Reflex war es Remus abzuwimmeln, um in Ruhe über das, was Lily gerade gesagt hatte nachzudenken. Allerdings musste er zugeben, dass er vermutlich auf Remus Hilfe angewiesen war, sollte er aus dem gesagten irgendwelche Schlüsse ziehen wollen, oder gar Taten folgen lassen.
„Ich war nicht in der Küche, das war nur eine Ausrede um euch loszuwerden."
„Ich glaube ich will gar nicht wissen, was jetzt folgt, oder?"
James ließ sich nicht beirren, „Ich habe mit Lily gesprochen."
„Was?"
„Ich habe mit Lily gesprochen."
„Gesprochen, du, Lily? Gesprochen?" Remus Stimme und Blick trieften vor Skepsis.
„Ja, ich habe mich mit Lily unterhalten."
Remus schnaubte unhörbar etwas unfreundliches.
„Ich, James Potter, habe mich mit Lily Evans unterhalten! Ist das wirklich so schwer zu glauben?" Remus Unglaube, wenngleich nicht unbegründet, wurde langsam unangenehm.
„Dass du mit Lily sprichst? Nein, dass ist überhaupt nicht schwer zu glauben. Ein Gespräch? Nur insofern man unter Gespräch den Austauschen von Flüchen, Hexen und verbalen Beleidigungen versteht. Hat euer Gespräch das alles umfasst? Vielleicht sollte ich ja mal dem Verfasser des Hogwart-Lexikons eine Eule schicken, dann kann der seine Definition auf den aktuellen Stand bringen."
„Unangebracht!"
„Gar nicht! Sag schon, hat Lily dich während des Gesprächs verhext? Hat sie dich beleidigt? Oder war dein Tagtraum auf dem Weg zur Küche derart lebendig, dass du ihn jetzt für echt hältst?"
„Erstens", James wurde langsam ungeduldig, zumal Remus keinen, naja, zumindest keinen richtigen Grund hatte ihn derart anzugehen."Das war kein Tagtraum. Zwei..."
„Also doch ein Duell."
Doch James ließ sich nicht beirren: „Zweitens, ja, Lily hat mich verhext und beleidigt, aber ich schwöre auf Merlins, Dumdledores und Voldemorts Unterwäsche, zwischen der Beleidigung und dem Hex hat ein echtes Gespräch stattgefunden."
Remus schien langsam zu realisieren, das James die Angelegenheit ernst meinte und ihn nicht auf den Arm nehmen wollte.
„Du meinst ein Gespräch im Sinne von Dialog, so etwas wie das, was wir hier gerade fabrizieren?"
„Wie dieses Gespräch, nur aufschlussreicher und signifikant freundlicher."
Remus sagte eine Weile nichts und schaute James abwägend an.
„Ehrlich?"
„Jaa."
„Scheiße." Remus hatte nun wohl bemerkt, dass es James ernst war und rieb sich nun das zu einer Grimasse verzogene Gesicht.
„Tut mir Leid", sagte er, sichtlich unwohl. „Ich.. Ich wollte dich nicht beleidigen, ich weiß, dass das für dich ein empfindliches Thema ist, ich habe mich wie ein Arsch benommen, schlimmer als Sirius. Und ich habe dafür keine Entschuldigung, es tut mir einfach leid." Und so sah er auch aus, dachte James.
„Das macht nichts. Hab das nächste mal nur etwas mehr Vertrauen in meinen Charme." Sagte James im Versuch Remus schuldigen Gesichtsausdruck zu lockern. Aber er meinte es auch. James konnte nachtragend sein, er hatte kein Problem damit einen Groll über Monate oder gar Jahre zu hegen, ein jeder Slytherin konnte das bestätigen. Seinen Freunden gegenüber war er aber zumeist nachsichtig und vergebend bis hin zur Treudoofheit. So auch gerade.
Remus Attacken hatten zwar wehgetan, seine vehemente Ablehnung hatte James geradezu schockiert, aber jetzt, wo Remus mit diesem bekannten, schuldigem Ausdruck, jenem, den er auch nach jedem Vollmond trug, vor ihm stand, da wollte James nichts anderes als seinen Freund aufmuntern. Er konnte Remus Unglauben verstehen, was heißt verstehen, hätte ihm gestern jemand gesagt, dass er sich noch heute so mit Lily unterhalten könnte, er hätte diese Person ausgelacht. Remus war nicht schuldig, er verdiente es nicht, sich dafür schlecht zu fühlen. Remus verdiente das nie.
„Ich konnte es einfach nicht glauben und ..." Aber James unterbrach ihn.
„Remus, ich meinte, was ich sagte. Ich nehme dir das nicht übel, ich hätte vermutlich selbst an deiner Stelle nicht anders reagiert. Wenn du trotzdem das Gefühl hast, etwas wieder gut zu machen müssen, dann hör mir einfach zu und Hilf mir!"
Remus sah noch kurz so aus, als wollte er widersprechen, doch dann änderten sich seine Gesichtszüge und ein schüchternes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Schieß los."
James überlegte noch kurz und entschied letztendlich Remus die ganze Geschichte zu erzählen und nicht nur das, was ihn plagte.
."...Und dann, auf dem Rückweg, habe ich sie dazu gebracht mich zu verhexen. Also nicht richtig verhexen, mehr so im Spiel. War trotzdem knapper als alles, was Slytherin gegen mich hinbekommen würde, wäre ich ein wenig langsamer gewesen wäre das echt peinlich ausgegangen." Beide lachten.
Abwesend schaute James gen Decke seines Betts, sein Blick war schweifend, gedanklich sah er nur Lily, Lily wie sie gelächelt hatte, wie sie seine Hand berührt hatte, aber auch wie sie verzweifelt um Verständnis rang.
„Was planst du jetzt zu machen?" Remus frage ließ Lilys Bild verblassen, allerdings war es in James Gedanken immer noch da, wenig verwunderlich, schließlich war sie ja auch die Antwort.
„Ich weiß nicht. Ich würde gerne sagen das, was Lily gesagt hat. Aufhören so ein Arsch zu sein, zumindest zu unschuldigen?"
„Ohne dich davon abhalten zu wollen, warum?"
„Remus," James atmete tief aus, ließ sich Zeit, versuchte herauszufinden wie er das, was er empfand in Worte fassen konnte. „Als ich Lily gegenübersaß, als ich - mein Verhalten aus einer anderen Perspektive, oder, eher überhaupt einer Perspektive betrachtet habe. Ich habe mich schrecklich gefühlt. Mir war heiß, ich konnte kaum noch atmen, meine Gedanken waren wie in einem dieser Hamsterräder, von dem du mir erzählt hast." James pausierte, allein die Erinnerung an die Emotionen und deren Ursache hinterließ ein schwaches Echo. Er spürte, wie sich eine Gänsehaut bildete. „Ich war wirklich verzweifelt. Lily hätte nicht mal einen Tritt gebraucht um mich verrückt werden zu lassen. Sie hätte mich da auch einfach so zurück lassen können. Sie hätte mehr Gründe als die meisten. Niemand, vermutlich nicht mal Sirius könnte ihr das verübeln. Aber das hat sie nicht getan. Sie ist dageblieben und hat mich fast wörtlich ins Licht der Hoffnung gezogen."
„Sie ist zu gut für mich, viel zu gut. Das war mir in dem Moment klar. Sie strahlt wie die Sonne, und ich bin es nicht würdig ihr nahezukommen. Der Gedanke, Remus, war fast noch schlimmer als alles davor."
Remus bedachte James mit einem nachdenklichen Blick: „Soll ich dir sagen, was ich denke?"
„Deshalb erzähle ich dir das hier gerade." James Lächeln war schwach.
„Du hast recht. Du hast dich oftmals wirklich wie Arsch verhalten und Lily ist viel, viel zu gut für dich."
Autsch, James verzog das Gesicht. Remus hatte natürlich recht, aber er selbst hatte gerade erst mit dem Gedanken seiner Unzulänglichkeit Bekanntheit gemacht. Seine schlimmsten Schlussfolgerungen nun so unverblümt bestätigt zu bekommen, tat weh. Insbesondere von jemandem so besonnen und vertraut mit ihm wie Remus.
„Aber das heißt nicht, das es so bleiben muss. Garantiert nicht ersteres und vielleicht auch nicht das letzteres."
„Ich weiß nicht, Remus, ich hoffe es. Lily hat was ähnliches gesagt. ,Menschen können sich ändern' oder so. Aber, kann ich? Ich weiß es nicht, du weißt es nicht. Vielleicht bin ich ja einfach so. Ein Arsch, der anderen den Tag versaut. Jemand der von Missgunst und Sarkasmus lebt. Lily sagt das muss nicht so sein, du sagst das, aber ich habe keine Ahnung wie!" James schloss die Augen.
„Verstehst du, Remus? Ich habe keine Ahnung, wie das aussieht, ein guter James! Ich habe keine Ahnung, wie gut aussieht, ich habe keine Ahnung, ob das überhaupt mit mir verträglich ist! Und selbst wenn, angenommen es ging, also angenommen ich wüsste wie, wie unehrlich, wie feige, wie verräterisch wäre es sich für einen Rock zu verändern? Wäre das Veränderung? Wäre das vortäuschen? Was würde aus uns?" James war emotional ausgelaugt, er war verzweifelt. Er spürte, wie ihm langsam schon wieder Tränen in die Augenwinkel stiegen.
„Siehst du, Remus? Ich habe den Gedanken vor einer Stunde gehabt. Erst bricht er mich selbst, ich akzeptiere ihn und selbst jetzt... Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll." Er suchte Hilfe in Remus Augen.
Remus hielt James Blick, stand von seinem Bett auf und setzte sich neben James.
„Kannst du drüber sprechen."
James nickte.
„Okay. Fangen wir mit dem Gut an. Du meinst, du hast keine Ahnung, was gut sein soll."
James nickte und öffnete den Mund um etwas hinzuzufügen aber Remus unterbrach ihn mit einer Geste.
„Was war es, dass du über Lily gesagt hast? Das sie zu gut für dich ist?"
James nickte wieder, sein Blick skeptisch.
„Da hast du dein Gut. Lily gut, du schlecht. Das ist dein moralischer Standard! Du weißt, was gut ist. Du weißt dadurch vielleicht sogar, wie du handeln musst. Wenn Lily soviel besser ist, als du, dann wird ihr Verhalten auch öfter als nicht besser als deines sein."
„Also soll ich mich Verhalten wie Lily?" James konnte Remus Gedanken nachvollziehen, aber die Schlussfolgerung schien ihm sehr suspekt. Er war nicht dafür gemacht ruhig dazusitzen, zu lernen, Beleidigungen wegzustecken und zu verhandeln. Er war impulsiv, er schlug oder hexte lieber als am Ende geschlagen oder verhext zu werden. Auch würde er keine zwei Stunden ruhig in der Bibliothek aushalten, zumindest nicht, wenn er mit seine Freunde, Spaß und Abenteuer lockten.
„Nein, nicht ganz. Du sollst dich an Lily orientieren."
„Wo ist der Unterschied?"
„Ich sage nicht, dass du die männliche Lily werden sollst. Es geht darum, dass du vielleicht das nächste mal bevor du eine Person schlägst, dich fragst: Was würde Lily davon halten? - Zugegebenermaßen, bei normal funktionierenden Menschen reicht es in der Regel die geplante Tat zu hinterfragen aber bei Leuten wie dir und Sirius, naja. - Also, du fragst was hält Lily davon und wenn Lily das schlecht finden würde, dann fragst du dich: Warum? Wenn die Antwort lautet: Weil ich damit eine Regel breche die niemanden verletzt und Lily einen Regelfetisch hat, dann ignorierst du die imaginierte Lily einfach. Wenn die Antwort lautet: Weil das fies ist und kein Mensch sich gegenüber seinen Mitmenschen, insbesondere diesen unschuldigen verhalten sollte, dann hörst du gefällig auf Lily."
„Klingt ja nach einer total praktisch Idee, danach lässt sich garantiert gut und freudig leben." Bemerkte James trocken.
„Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen. Glaub mir, du bist noch fast in einer guten Position, Muggle erfinden Gottheiten, damit sie einen Grund haben richtig zu handeln. Du hast eine Manifestierung davon direkt vor dir!"
James schüttelte den Kopf und spielte Remus Argumente noch einmal in seinem Kopf durch.
„Okay, zumindest was gut und schlecht angeht, hast du recht. Aber selbst wenn wir, nur mal theoretisch annehmen würden, das dem Anderen auch so wäre. Rein theoretisch also: Angenommen an Lily orientieren reduziert tatsächlich dummes Verhalten. Okay?" Remus nickte.
„Aber das heißt noch lange nicht, dass ich gut bin, in dem Moment, bin ich vielleicht keine große Schande mehr, aber Lily ist mehr als regelfolgsam. Sie verbessert aktiv das Leben anderer!" James gestikulierte wie um seinen Punkt zu unterstreichen, Remus hatte da aber offensichtlich andere Ansichten zu: „Und?", er hob eine Augenbraue an.
„Und was?"
„Wo liegt das Problem?"
„Moony!..."
„Na gut, dann komm halt nicht selbst drauf und ich erklär dir auch das.", sagte Remus mit einem spöttischem Grinsen. „Erstens, du bist James Potter, du könntest niemals niemanden im Weg stehen, das verlangt keiner von dir, die denen du im Weg stehst mal abgesehen, das heißt nicht unbedingt, dass du schlecht bist und wenn du niemandem im Weg stehen würdest, dann wärst du vermutlich auch nicht James Potter.
Zweitens, ja, Lily verbessert das Leben vieler anderer Menschen, aber das machst auch da, wenn es auch bedeutend weniger sind. Wa-", aber James unterbrach ihn mit einem humorlosem Lachen.
„Besser, wessen Leben mache ich besser?"
„Meines, zum Beispiel." Remus suchte James Blick, aber der weichte aus. „Okay, es sind vielleicht nicht so viele wie Lily, aber das ist zweitrangig, zumal du das ändern kannst. Was ich sagen möchte ist, deine Erkenntnis, das Lily gut ist, etwas, das du akzeptiert hast, also wag es ja nicht, mich jetzt zu unterbrechen!" Remus schoss ihm einen verärgerten Blick zu und James schloss wieder seinen Mund. „ Das heißt, du weißt mindestens das gut existiert und theoretisch auch einen möglichen weg dahin, Sprich, dich an Lily zu orientieren. Du hast komplett recht, das passt überhaupt nicht zu dir, aber jetzt, wo du weißt, dass gut und insbesondere besser als du existiert, jetzt ist es an dir herauszufinden, wie deine Art und Weise gut zu sein aussieht, wie du mit deinem Gewissen leben und ruhig einschlafen kannst."
„Das klingt kompliziert."
„Ist es, kompliziert und anstrengend."
„Warum muss ausgerechnet mein Leben so kompliziert sein?"
Remus lachte, „James, ich glaube das nennt man erwachsen werden und da hast du garantiert kein Monopol drauf."
James stöhnte und rieb sich die werden, na toll, das klang noch weniger attraktiv als Slytherin sein. Aber vielleicht -Nein, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt darüber nachzudenken. Der Abend war aus emotionaler Sicht mit einem Quidditchspiel vergleichbar und sein Kopf tat mittlerweile weh, als hätte er einen Bludger an die Stirn bekommen. Was er jetzt brauchte war eine Dusche und Schlaf!
