Kurzbeschreibung (vollständig): Rumtreiber-Zeit | Lily Evans hat ihr Ziel erreicht und ist wie erhofft Schulsprecherin geworden, doch ihr Partner ist ausgerechnet James Potter. Und als wäre das noch nicht Aufregung genug, bekommt die siebte Klasse auch einen Neuzugang — in Form von einer ehemaligen Sandkastenfreundin von James. Da ist Chaos vorprogrammiert! Doch dann gibt es auch noch den Dunklen Lord und seine Anhänger. Und während sich die Gedanken der Siebtklässler um Parties, Streiche, Schulsprecheraufgaben, Dates oder das nächste Quidditchspiel drehen, bemerken sie die herannahende Gefahr zu spät.

Vorwort: Hier ist es endlich, das erste Kapitel meines Langzeitprojekts! Etwa zwanzig Kapitel sind schon fertig, die ich nun nach und nach hier hochladen werde, weitere sind in Arbeit. Ich hoffe, es gefällt!

Disclaimer: Das Harry Potter – Universum ist Eigentum von J. K. Rowling, es liegen keinerlei Rechte bei mir und ich beabsichtige nicht mit dieser Geschichte Geld zu verdienen. Mir gehören nur der Plot, Jeanne Moreau, Becky Mulligan, Rina Lestrange und einige unbedeutende Nebencharaktere.


Professor Dumbledore musste den Verstand verloren haben, davon war Lily überzeugt. Was in Merlins Namen konnte ihn dazu bewegt haben, Potter zum Schulsprecher zu ernennen? James Potter, den ständig Unruhe stiftenden, arroganten Widerling. Der mit Vorliebe den Unterricht störte und alle Lehrer in den Wahnsinn trieb. Der den Schnatz klaute, nur um vor anderen damit angeben zu können. Der die Rüstungen im Nordflügel verhext hatte, sodass diese anfingen, Schüler zu erschrecken. Der Slytherins zum Spaß verfluchte!

Potter als ein gutes Vorbild für jüngere Schüler? Nie im Leben würde er Schulregeln durchsetzen, wo er doch selbst andauernd gegen sie verstieß. Er als Schulsprecher von Hogwarts, das bedeutete Chaos und Willkür! Was hatte sich der Schulleiter nur dabei gedacht?

All die Freude über ihre eigene Ernennung war Lily komplett vergangen. Sie konnte es einfach nicht fassen. Wieso hatte Dumbledore von allen Siebtklässlern ausgerechnet Potter zu ihrem Partner erkoren? Sie schafften es doch nicht einmal, eine normale Unterhaltung zu führen, ohne in einer hitzigen Diskussion zu enden. Lily konnte sich nicht vorstellen, auch nur eine Minute mit ihm zusammenzuarbeiten.

Aufgebracht stürmte die frisch gebackene Schulsprecherin durch die Gänge des Hogwarts-Express. Vermutlich erschrak so mancher der jüngeren Schüler, der in diesem Moment zufällig aus seinem Abteil herausblickte, über den grimmigen Gesichtsausdruck des großen, rothaarigen Mädchens, das an ihm vorbeirauschte. Lily bemerkte nichts davon, sie war so sehr in Gedanken, dass sie ihrer Umgebung kaum Beachtung schenkte.

Doch ihre Unaufmerksamkeit rächte sich nur wenig später. Völlig unerwartet prallte ihre Schulter gegen etwas Hartes und machte sich durch einen dumpfen Schmerz bemerkbar. Lily stieß einen überraschten Schrei aus, taumelte, stolperte einige Schritte zur Seite und krachte schließlich gegen die Zugwand.

Stöhnend setzte sie sich auf und rieb sich den Kopf. Als das Schwindelgefühl langsam nachließ, öffnete sie die Lider und blickte direkt in die besorgten braunen Augen ihrer besten Freundin.

„Lily! Oh Lily, ist alles ok? Es tut mir so leid!", sprudelte es sofort aus Becky hervor und bevor Lily reagieren konnte, hatte Becky ihr schon einen Arm umgelegt und half ihr durch die offene Abteiltür auf eine Bank.

„Es tut mir wahnsinnig leid, ich habe dich nicht gesehen. Ich bin raus, um Marlene zu suchen, und hatte gerade einen Schritt vor die Tür gemacht, da bist du schon voll gegen mich geknallt", redete Becky weiter auf die immer noch benommene Lily ein.

„Schon ok, Becky", setzte Lily beschwichtigend an.

„Bist du dir auch sicher, dass du dir nichts getan hast?", unterbrach Becky sie besorgt.

„Hey, ganz ruhig! Ich bin doch nicht aus Zucker!"

Daraufhin erntete Lily einen verwirrten Blick. „Wie kommst du denn darauf?" Schon während sie die Frage stellte, hellte sich Beckys Gesicht auf. „Ach, das ist wieder so ein Muggelsprichwort, oder?"

Lily nickte und begann ihre Kleidung zurecht zu ziehen, wobei sie sich gleichzeitig den Kopf hielt. Das würde bestimmt eine Beule geben.

„Aber was machst du überhaupt hier?", fragte Becky daraufhin.

Wieder sah Lily ihre beste Freundin verwirrt an. Dann erst fiel ihr der ganze Schlamassel wieder ein und sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Solltest du nicht ...?", setzte Becky fragend fort.

Mit verzweifeltem Blick lugte Lily unter ihren Armen hervor.

„... im Schulsprecherabteil sein? Den Schulsprecher kennenlernen? Die Einführung der Vertrauensschüler vorbereiten?", vollendete sie Beckys Frage. „Nein danke, ich verzichte!"

Becky sah sie erstaunt an und fragte misstrauisch: „Lily, hast du dir deinen Kopf nicht vielleicht doch etwas zu hart angeschlagen?"

Ein kurzes, hysterisches Lachen entfuhr Lily, dann schlug sie erneut die Hände vor ihr Gesicht.

„Lily?", fragte Becky nun besorgt. Sanft streckte sie ihren Arm nach Lily aus.

Widerwillig senkte Lily langsam ihre Hände, bis es schließlich aus ihr herausbrach: „Becky, er hat IHN zum Schulsprecher ernannt."

Ihre Freundin sah sie verständnislos an, daher zwang Lily sich, seinen Namen auszusprechen.

Wie vom Donner gerührt riss Becky ihre Augen auf. „Nein!", entfuhr es ihr. Für einen kurzen Augenblick schien sie wirklich entsetzt, dann jedoch begann sie zu schmunzeln. „Nein, das kann nicht sein", brachte sie kichernd hervor.

Fassungslos sah Lily sie an. Was war denn daran so lustig? Das war eine Katastrophe!

„Hör auf zu lachen, Becky! Das ist nicht lustig!"

Doch Becky beruhigte sich nicht.

„Potter ist ein arroganter Mistkerl! Er und Schulsprecher? Ich meine, wie soll das funktionieren? Du weißt doch, dass wir uns nicht ausstehen können!", redete Lily sich in Rage.

„Was ist denn hier los?", fragte die blonde Ravenclaw, die soeben in der Abteiltür erschienen war.

Beim Klang ihrer Stimme wandte Lily sich um.

„Marlene!", rief sie erfreut und sprang auf, um ihre Freundin zu umarmen. Dann erklärte sie: „Du musst mir helfen, Becky ist verrückt geworden!"

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Marlene erst Lily, dann die immer noch lachende Becky an. „Was habe ich verpasst?", fragte sie.

„Potter ist Schulsprecher", grummelte Lily.

Marlene stutzte kurz. „Okay, und das weißt du, weil …?" Noch während sie diese Frage stellte, zog sie den einzig möglichen Schluss, und ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Oh, Lily, herzlichen Glückwunsch!" Sie breitete ihre Arme aus und drückte die verblüffte Lily an sich. „Das hast du dir doch immer gewünscht!"

„Ja, schon", grummelte Lily, „aber doch nicht mit Potter!"

„Ach komm schon, auch ein James Potter wird erwachsen. Die Lehrer werden schon ihre Gründe haben, dass sie ausgerechnet ihn gewählt haben", argumentierte Marlene.

„Außerdem steht er auf dich", fügte Becky schelmisch grinsend hinzu. „Er wird alles tun was du willst, nur um dir zu gefallen."

„Er steht überhaupt nicht auf mich!", protestierte Lily. „Das ganze Gefrage nach einem Date hat er schon ewig aufgegeben – Merlin sei Dank! Und erzähl mir nicht, du erinnerst dich nicht mehr an meine mindestens wöchentlichen Auseinandersetzungen mit ihm. Jedes Gespräch mit Potter läuft darauf hinaus, dass wir uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf werfen. Das hat doch jeder in Hogwarts mitbekommen!"

„Was sich liebt, das neckt sich", erwiderte Becky schelmisch grinsend.

Lily sah ihre beste Freundin empört an. „Das ist totaler Schwachsinn!"

„Naja, wenn du meinst", gab Becky klein bei. „Aber vielleicht musst du ihn auch nur richtig kennenlernen. Dafür hast du ja jetzt viel Zeit." Sie fing wieder an zu kichern.

„Ich kenne ihn schon, Becky, vielen Dank. Er ist arrogant, bricht andauernd die Schulregeln und verhext zum Spaß Slytherins. Ich kenne niemanden, der so häufig Strafarbeiten bekommen hat wie er! Und da willst du mir erzählen, er wäre ein guter Schulsprecher?"

Anstatt einer Antwort lachte Becky nur laut auf.

„Lily, genau dieselben Vorwürfe hast du ihm schon vor zwei Jahren gemacht", entgegnete Marlene, die das Hin und Her zwischen ihren Freundinnen zuvor nur schmunzelnd beobachtet hatte. „Damals konnte ich dir nur recht geben, aber das ist zwei Jahre her. Erzähl mir nicht, du bist noch dieselbe wie vor zwei Jahren."

Lily war drauf und dran zu widersprechen, doch dann hielt sie inne. Sie begann über die Worte ihrer Freundin nachzudenken und musste erkennen, dass Marlene recht hatte. Vor zwei Jahren hatte Lilys Welt ganz anders ausgesehen. Damals war noch Severus ihr bester Freund gewesen und ihre jetzigen Freundinnen hatte sie kaum gekannt. Es war seitdem wirklich viel passiert. Aber sie war skeptisch, ob dies auch für Potter galt.

Marlene, als hätte sie Lilys Gedanken gelesen, fügte hinzu: „Gib ihm eine Chance."

Lily sah ihre blonde Freundin daraufhin an und fragte sich beklommen, wieso nicht Marlene Schulsprecherin war. Diese reagierte immer besonnen, nie impulsiv. Sie war genauso fleißig wie Lily und hatte vermutlich noch keine einzige Strafarbeit bekommen, ebenso wie sie selbst. Aber vor allem hätte Marlene sicherlich keine Schwierigkeiten mit Potter. Manchmal wünschte sich Lily, sie wäre ein wenig mehr wie ihre Freundin.

Dann kehrte ihr Selbstvertrauen zurück. Der Schulleiter hatte sie zur Schulsprecherin ernannt und keine andere. Lily fasste einen Entschluss: Sie würde das schaffen; sie würde sich von Potter nicht entmutigen lassen. Entschlossen stand sie auf.

„Na, gut. Ich muss dann wieder los."

Lily verabschiedete sich jeweils mit einer Umarmung von ihren Freundinnen und verließ das Abteil. Sie beeilte sich, zurück zum Schulsprecherabteil zu gelangen, denn sie ging davon aus, dass Potter inzwischen dort auf sie wartete. Doch Lily fand das Schulsprecherabteil genauso vor, wie sie es zurückgelassen hatte. Auf dem großzügigen, ovalen Tisch lag der halb geöffnete Brief von Professor Dumbledore, aber keine Spur von Potter.

Leiser Groll begann in ihr aufzusteigen und ihre guten Vorsätze ihm gegenüber gerieten ins Wanken. Wieder fragte sie sich, wie der Schulleiter nur auf die Idee gekommen sein konnte, diesen unzuverlässigen Kerl zu ernennen. Lily fielen kaum Siebtklässler ein, die für diesen Posten schlechter geeignet waren als Potter.

Seufzend ließ sie sich auf die Bank sinken und überlegte, was sie nun tun sollte. Es ärgerte sie, dass er seine Pflichten so wenig ernst nahm. Während sie auf ihn wartete, dachte sie sich immer mehr Möglichkeiten aus, wie sie Professor Dumbledore dazu bringen konnte, Potter als Schulsprecher zu ersetzen. In ihrem Kopf entstand die perfekte Argumentationskette, die vermutlich jeden von ihrem Anliegen überzeugt hätte. Doch Albus Dumbledore war nicht wie jedermann, er war ihr ein einziges großes Rätsel. Lily seufzte. Sie wusste ja nicht einmal, weshalb er Potter gewählt hatte, wie also sollte sie ihn vom Gegenteil überzeugen?

Lily warf einen Blick auf die Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen, ohne dass Potter aufgetaucht war. Schließlich wünschte sie den Kerl zum Teufel und wandte sich dem Brief auf dem Tisch zu. Da fiel ihr ein kleiner, roter Zettel ins Auge, auf dem in Schreibmaschinenschrift stand:

Du glaubst, du bist allein? Ich beobachte dich.

Irritiert betrachtete Lily den Zettel. Sie las die Nachricht noch einmal und hob schließlich den Kopf, um sich umzusehen. Aber in diesem Abteil war absolut niemand außer ihr. Sie sah wieder auf die Nachricht. Skeptisch drehte und wendete sie das rote Papier. Etwas verunsichert ließ sie noch einmal ihren Blick durch das Abteil schweifen. Was sollte das? Von wem war diese Nachricht?

Dann jedoch ärgerte sich Lily darüber, dass sie sich so leicht verunsichern ließ. Es war offensichtlich niemand im Abteil. Die Nachricht musste ein dummer Scherz sein. Vielleicht irgendeine neue Kreation der Rumtreiber. Bestimmt steckte Potter dahinter. Je mehr Lily darüber nachdachte, desto plausibler erschien ihr diese Theorie. Wieder stieg Groll in ihr auf, dieses Mal stärker. Sie fand, Potter sollte lieber zusehen, dass er hierherkam und ihr half, anstatt merkwürdige Nachrichten zu schreiben. Gereizt schwang sie ihren Zauberstab und verwandelte den Zettel in ein Häufchen Asche. Dann verscheuchte sie die Nachricht aus ihren Gedanken und wandte sich endlich dem Brief und ihren Aufgaben als Schulsprecherin zu.

Sie hatte den Ablauf des Treffens schon durchgeplant, nur noch die letzten Details fehlten, und so saß sie über ihre Notizen gebeugt da, als sich mit einem leisen Quietschen die Abteiltür öffnete. Lily sah nur flüchtig auf, erkannte James Potter und fixierte sofort wieder ihr Pergament. Sie tat so, als würde sie ihre Notizen durchlesen, doch in Gedanken verfluchte sie ihn. Jetzt, da die Arbeit getan war, tauchte er hier auf und wollte die Lorbeeren dafür einstecken. Sie malte sich aus, welche Reihe von blumigen Beschimpfungen sie dem arroganten Mistkerl dieses Mal an den Kopf werfen konnte. Doch sie hielt sich zurück und überlegte, was Marlene an ihrer Stelle tun würde. So in Gedanken entging ihr komplett der fassungslose Blick auf dem Gesicht des Schulsprechers.

„Äh ... hey, Evans", durchbrach Potter irgendwann die Stille.

Sie musste nicht aufsehen, um zu wissen, dass er sich gerade mit einer Hand durch sein sowieso schon unordentliches schwarzes Haar fuhr. Eine Geste, die sie jedes Mal zur Weißglut trieb.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme ... ich –"

In diesem Augenblick verlor Lily ihre Beherrschung und schnitt ihm höhnisch das Wort ab: „Oh, spar dir deine Ausreden, Potter! Ich will sie gar nicht hören."

„Aber ... ok", erwiderte er. Nun sah Lily doch überrascht auf. Normalerweise war es nicht so einfach, Potter aus dem Konzept zu bringen. Wie er so mit den Händen in seinen Hosentaschen und zerknirschtem Blick dastand, tat er ihr doch ein wenig leid. Sie seufzte.

„Wie wär's, wenn du dich erstmal setzt", schlug sie versöhnlich vor.

„Wie gütig", frotzelte er, folgte aber ihrem Vorschlag. Lily rollte die Augen und schwieg.

„Und jetzt?", fragte er nach einer Weile genervt. „Es tut mir leid, dass ich zu spät bin, ok? Können wir jetzt anfangen? Oder willst du weiter versuchen, mich mit deinem Blick zu töten? Es ist echt nicht meine Schuld, dass wir jetzt zusammenarbeiten müssen, ich hab mich ja nicht für den Job beworben!"

„Nicht deine Schuld?", fragte sie sarkastisch. „Du hättest ablehnen können!"

„Dein Ernst, Evans?" Er zog eine Augenbraue hoch.

Lily spürte, wie ihr Blut zu brodeln begann. Mit vor Ironie triefender Stimme entgegnete sie: „Dann soll ich mich also freuen, dass du überhaupt noch aufgetaucht bist? Ganz so, als ob deine Anwesenheit eine Ehre wäre?"

Er grinste und sie malte sich aus, was er gerade dachte. Sie lachte.

„Träum weiter. Nur Merlin weiß, was Dumbledore dazu getrieben hat, dich zu wählen. Jemand muss ihn mit einem Verwirrungszauber belegt haben."

Nun hielt sich auch Potter nicht mehr zurück und lachte seinerseits. „Genau, Evans. Das hättest du wohl gern. Aber ob du's glauben willst oder nicht, die Lehrer halten mich anscheinend für genauso fähig wie dich."

„Du und fähig?", fragte sie abfällig. „Du hältst dich keinen Tag. In weniger als vierundzwanzig Stunden werden sie dich ersetzen, durch jemanden, der vernünftiger ist."

„Das wird sich ja zeigen", entgegnete er, schien nun auch seine guten Vorsätze in den Wind zu schlagen und begann süffisant zu grinsen. „Weißt du, was ich glaube?"

Er machte eine Kunstpause, die Lily dazu nutzte, ihn mit misstrauisch funkelnden Augen anzusehen. Doch der Schulsprecher ließ sich davon keinen Deut verunsichern.

„Ich glaube, Dumbledore wollte keine zwei langweiligen und streberhaften Schulsprecher. Eine reicht vollkommen."

Langweilig und streberhaft? Lily schnaufte empört über diese Vorwürfe, doch Potter ging noch weiter: „Dumbledore ist nicht so engstirnig und verklemmt wie du. Er hat Sinn für Humor, ist dir das schon mal aufgefallen? Er findet unsere Streiche lustig – weißt du überhaupt was das heißt, Spaß zu haben?"

Am liebsten hätte sie ihm an den Kopf geschleudert, dass sie sehr wohl wusste, was Spaß haben bedeutete. Aber sie wusste auch, wie kindisch das klingen würde. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass einige Streiche der Rumtreiber tatsächlich lustig waren. Ganz zu schweigen von den Partys zu Schuljahresbeginn. Aber das würde sie vor Potter nie freiwillig zugeben.

„Ich glaube kaum, dass Dumbledore es lustig findet, wenn du Slytherins verhext", konterte sie stattdessen.

„Sie haben es verdient", zischte er.

„Niemand hat das verdient", schmetterte Lily zurück. „Zaubern auf den Korridoren ist verboten!"

„Ach, Evans", entgegnete er und ein gespielt bedauernder Ton lag in seiner Stimme. „Du bist doch nur sauer, weil du all die Jahre die perfekte Schülerin gespielt hast, um diesen Job zu bekommen. Du willst nicht einsehen, dass man auch Spaß haben und gleichzeitig gut in der Schule sein kann. Dass man kein langweiliger Streber sein muss, um Schulsprecher zu werden."

Lily kochte vor Wut. Ihre Gedanken rasten. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder, da ihr keine passende Entgegnung einfallen wollte. Ja, sie hatte viel gearbeitet. Allen hatte sie gezeigt, dass auch eine Muggelgeborene eine verdammt gute Hexe sein konnte. Sie war zurecht Jahrgangsbeste und nun Schulsprecherin. Ganz im Gegensatz zu ihm.

Frustriert ballte sie ihre Hand zur Faust. Dass sie noch ihre Feder in der Hand hielt, wurde ihr erst wieder bewusst, als diese mit einem Knirschen zerbrach und ein Splitter durch ihre Haut stach. Der Schmerz und die Wut trieben ihr Tränen in die Augen.

„Verfluchter Mist!", entfuhr es ihr. Ihre nagelneue Adlerfeder war zerbrochen. Die Feder, die sie von ihren Eltern für ihre Ernennung zur Schulsprecherin bekommen hatte.

„Lass mal sehen", forderte Potter. Es klang nüchtern, wie er das sagte, beinahe sanft. Doch als er nach Lilys Hand greifen wollte, zog sie diese abrupt weg.

„Finger weg, Potter!", fauchte sie. Ihr Gesicht glühte.

„Na gut", entgegnete er und lehnte sich zurück.

Mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung blickte Lily auf ihre blutende Hand und die zerbrochene Feder. Ihre Gedanken ersannen wüste Beschimpfungen für ihn. Sie gab ihm die Schuld an dem, was passiert war. Tief in ihr wusste sie, dass das nicht gerecht war. Doch in dem Moment konnte sie nicht rational denken. Dieser Mistkerl schaffte es immer in kürzester Zeit, sie zur Weißglut zu bringen. Wieso war er Schulsprecher? Wieso nur? Eine Welle der Verzweiflung schlug über ihr zusammen, doch sie verbot sich zu weinen, diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen. Energisch wischte sie eine Träne weg. Sie atmete tief durch, griff in ihren Umhang und holte ihren Zauberstab heraus. Mit einem Schwenk des zehneinviertel Zoll langen Weidenholzes ließ sie die verspritzte Tinte von Hand und Tisch verschwinden. Ein weiterer Schwenk säuberte die Wunde und ein Verband begann sich um ihren Handballen zu wickeln. Niedergeschlagen versuchte Lily auch ihre Feder zu reparieren, doch insgeheim wusste sie, dass kein Reparo der Welt diese einzigartige Feder wieder zum Schreiben bringen würde.

Potter beobachtete das Ganze und konnte nicht verbergen, dass er beeindruckt war. Er pfiff anerkennend.

„Gibst du Nachhilfe?"

„Nicht witzig, Potter", knurrte Lily und ein erneuter Streit bahnte sich an.

Später wusste sie nicht mehr so genau, wie sie das Treffen mit den Vertrauensschülern überlebt hatte, doch irgendwie war es verhältnismäßig gut über die Bühne gegangen. Sie hatte mit den Vertrauensschülern alle wichtigen Informationen besprochen und ihnen die Passwörter gegeben, die Zeit war wie im Flug vergangen und dann war der Zug auch schon in Hogsmeade eingefahren. Im Nachhinein fiel Lily auf, dass Potter die ganze Zeit kein Wort mehr gesagt hatte.

Besser so, dachte sie für sich.

Erleichtert stieg die Schulsprecherin aus dem Hogwarts-Express. In Gedanken schon bei dem herrlichen Festmahl erschrak sie, als sie keinen einzigen Schüler mehr auf dem Bahnsteig entdeckte. Ihr war nicht bewusst gewesen, wie viel Zeit während ihres Kontrollgangs durch den Zug vergangen war. Lily fand den dunklen Bahnsteig ein wenig unheimlich und ertappte sich dabei, wie sie ihren Zauberstab umklammerte und sich verstohlen nach verdächtigen Schatten umsah.

Energisch schüttelte sie den Kopf. Das war doch alles nur Einbildung! Wieso war sie nur so furchtsam? Dann jedoch kam ihr ein weiterer beunruhigender Gedanke: Was, wenn alle Kutschen zum Schloss schon fort waren? Ihr graute es davor, allein und zu Fuß zum Schloss laufen zu müssen.

Eilig verließ sie den Bahnsteig und hatte Glück. Eine einzige Kutsche stand noch vor dem Bahnhof, fast so, als hätte diese auf Lily gewartet. Erleichtert stieg sie ein, ließ sich auf die Bank plumpsen und atmete tief durch. Nur den Bruchteil einer Sekunde später setzte sich die Kutsche mit einem Ruck in Bewegung. Lily lehnte ihren Kopf an die Kutschenwand und versuchte zu entspannen. Als sie überraschend von ihrer besten Freundin begrüßt wurde, erschrak sie heftig.

„Bei Merlin, Becky, was machst du hier? Ich dachte, du wärst schon längst am Schloss!"

„Ich habe mir Sorgen gemacht, weil ich dich nirgends finden konnte", erwiderte Becky. „Wir haben schon befürchtet, Potter und du habt die Zauberstäbe gekreuzt. Apropos, wo ist Potter eigentlich? Lebt er noch?"

Obwohl es duster in der Kutsche war und Lily nichts sehen konnte, war sie sich sicher, dass Beckys Augen schelmisch glitzerten. Die Rothaarige zog vorwurfsvoll die Augenbrauen hoch.

„Du hast ihn doch nicht verhext, oder?" Lily konnte Beckys breites Grinsen förmlich hören.

„Was denkst du denn von mir? Natürlich nicht!", protestierte sie.

„Nicht?" Becky klang enttäuscht. „Dabei siehst du so aus, als würdest du ihn am liebsten umbringen."

Lily rollte die Augen. Bevor sie ihrer Freundin erklären konnte, dass sie nach gar nichts aussah, weil Becky sie überhaupt nicht sehen konnte, ertönte eine weitere amüsierte Stimme aus der anderen Ecke der Kutsche.

„Wie ich prophezeit habe. Du schuldest mir eine Galleone!"

„Remus?", fragte Lily erstaunt. Sie kniff ihre Augen zusammen, aber obwohl sich ihre Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie nicht mehr als vage Schemen erkennen. Allerdings hörte sie ein Klimpern von Geld aus Beckys Richtung.

„Ihr habt nicht ernsthaft gewettet!", empörte sie sich und starrte ungläubig in die Dunkelheit.

Da mischte sich noch eine weitere männliche Stimme ein: „Hey, nicht so schnell. Vielleicht haben sie sich ja geküsst?"

„Black? Sag mal, spinnst du?!"

Lily zog ihren Zauberstab und erhellte mit einem Lumos die Kutsche. Nachdem sich ihre Augen an das grelle Licht gewöhnt hatten, erblickte sie die grinsenden Gesichter ihrer Mitschüler. Lilys Blick glitt vorwurfsvoll von einem zum nächsten. Zuerst sah sie Sirius Black verachtend an; von ihm hatte sie nichts Anderes erwartet. Auf Remus verweilte ihr Blick länger. Ihm hätte sie nicht zugetraut, sich in diese Wette reinziehen zu lassen. Zuerst erwiderte er ihren Blick grinsend, doch sein Gesichtsausdruck wurde schnell entschuldigend und schon konnte Lily ihm nicht mehr böse sein. Zuletzt fixierte Lily ihre beste Freundin. Diese grinste sie breit an, ohne auch nur eine Spur von Reue zu zeigen. Lily kniff die Augen zusammen und bedachte Becky mit einem bösen Blick.

„Was ist denn nun?", unterbrach Black das Blickduell und Lilys Blick schwenkte zurück zu ihm.

„Habt ihr?", fragte er weiter und wackelte provokant mit seinen Augenbrauen. „Naja, kann ja schon mal passieren. Erst streiten, dann ..." Black ließ das Ende seines Satzes offen.

Im nächsten Augenblick hatte Lily ihrem unverschämten Mitschüler einen gezielten Tarantallegra auf den Hals gejagt. Becky brach in Gelächter aus und Lily meinte, so etwas wie verdient zu hören. Black, dessen Beine nicht aufhören konnten wild zu tanzen, zog daraufhin seinen Zauberstab. Kurz bevor er Lily verhexen konnte, ging Remus dazwischen, entwaffnete ihn und beendete mit einem Finite den Tanz.

„Wollt ihr etwa, dass Gryffindor Punkte verliert, bevor wir Hogwarts überhaupt betreten haben?", fragte er vorwurfsvoll und gab dann Black dessen Zauberstab zurück.

Es herrschte betretenes Schweigen in der Kutsche. Lily fühlte sich mit einem Schlag schlecht. Sie ärgerte sich über Potter, über Black, und besonders darüber, dass sie sich so leicht hatte provozieren lassen. Seit wann verhexte sie einfach so andere? Sie war Schulsprecherin, verdammt noch mal. Sie sollte ein gutes Vorbild für die jüngeren Schüler sein.

Wenige Augenblicke später stoppte die Kutsche vor dem Schlossportal. Die vier Siebtklässler stiegen aus und wurden schon von Potter und Pettigrew erwartet.

Das Quartett ist komplett, dachte Lily, sparte sich aber einen bissigen Kommentar und rollte nur die Augen.

In diesem Moment trat die Hauslehrerin der Gryffindors aus dem Schloss. Professor McGonagall lief zielstrebig und mit gewohnt ernstem Blick auf die Gruppe zu. Zum ersten Mal wurde Lily bei ihrem Anblick ein wenig mulmig zumute. Die Lehrerin hatte doch nicht etwa Wind davon bekommen, dass sie Black verhext hatte? Aber Lilys Sorge war unbegründet.

„Mister Potter, Miss Evans", sprach Professor McGonagall die beiden Schulsprecher an. „Gut, dass ich Sie beide hier antreffe. Ich darf Ihnen ausrichten, dass der Schulleiter Sie nach dem Festmahl in seinem Büro erwartet."

Lily nickte perplex und wartete auf erklärende Worte, doch die Lehrerin drehte sich schon wieder um und verschwand im Schloss. Becky warf ihrer Freundin einen fragenden Blick zu, doch Lily zuckte nur mit den Schultern. Sie konnte sich darauf genauso wenig einen Reim machen.

„Lass uns in die Große Halle gehen, mein Magen hängt mir in den Fußknöcheln", schlug Becky daraufhin vor.

Lily musste lachen. „Kniekehlen, Becky. Muggel sagen: Mein Magen hängt mir in den Kniekehlen."

„Sie hat eben besonders viel Hunger", meinte Remus ebenfalls lachend.

Die Einführungszeremonie der Erstklässler ging in diesem Jahr schneller vorbei als gewöhnlich. Vielleicht kam es aber auch nur Lily so vor, weil es ihre letzte Einführungszeremonie auf Hogwarts war. Die Jahre zuvor hatte das Ende ihrer Schulzeit immer so weit entfernt gewirkt, dass sie kaum einen Gedanken daran verschwendet hatte. Nun fühlte es sich merkwürdig an, dass Hogwarts für sie schon so bald Geschichte sein würde.

Energisch verdrängte sie ihre wehmütigen Gedanken und konzentrierte sich auf das bevorstehende herrliche Festmahl. Wie alle anderen Schüler wartete sie darauf, dass sich der Schulleiter zu seiner kurzen Eröffnungsrede erhob, doch stattdessen öffnete sich plötzlich mit einem lauten Quietschen das Tor zur Eingangshalle.

Wie ein Magnet zogen die zwei eintretenden Gestalten alle Blicke auf sich. Lily erkannte ihre Hauslehrerin sofort, aber das Mädchen an ihrer Seite hatte Lily noch nie gesehen. Es musste etwa in Lilys Alter sein – viel zu alt für eine verspätete Erstklässlerin. Verwundert und neugierig beobachtete Lily die beiden auf dem Weg zum Lehrertisch. Fragen tummelten sich in Lilys Kopf. Wer war dieses Mädchen? Wieso kam sie erst jetzt nach Hogwarts? Und wieso war sie nicht zusammen mit den Erstklässlern eingeteilt worden?

Die anderen Schüler schienen ebenso verwirrt, denn der Geräuschpegel schwoll mit zunehmendem Getuschel an. Die wildesten Vermutungen wurden aufgestellt.

„Hammer Figur!", erhob sich Blacks Stimme über die anderen.

Lilys Augen schnellten in seine Richtung und sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Dieser Kommentar war so typisch für den selbsternannten Frauenschwarm. Hätte es einen Pokal für hirnlose Kommentare gegeben, hätte Lily ihn ohne Zögern Black verliehen.

„Miss Schulsprecherin hat Angst, dass sie nun schlechtere Chancen bei Mister Schulsprecher hat", rief Black, der Lilys Blick bemerkt hatte, und knuffte Potter in die Seite. Lily rollte die Augen über diese absurde Behauptung. Potter reagierte zu ihrem Erstaunen überhaupt nicht, sondern blickte nur starr nach vorne.

Bevor Lily sich darüber wundern konnte, stupste Becky sie in die Seite.

„Wer ist das?", zischte sie, wohl in der Hoffnung, ihre Freundin könnte mehr wissen, da sie Schulsprecherin war.

„Ich habe keinen Schimmer", gab Lily leise zurück und wandte ihren Kopf wieder zum Lehrertisch, darauf gespannt, was Professor Dumbledore sagen würde.

Er erhob sich und es wurde sofort mucksmäuschenstill in der Halle. Jeder lauschte seinen Worten wie gebannt. Wie zu erwarten, beantwortete er nicht einmal annähernd alle Fragen, die sich die Schüler stellten. Nur über zwei Dinge gab er Aufschluss: sie hieß Jeanne Moreau und sie kam aus Frankreich. Mit den restlichen Fragen würden die Schüler die Neue also selbst löchern müssen.

Nachdem Dumbledore sich wieder gesetzt hatte, wurde dem Mädchen der sprechende Hut aufgesetzt. Lilys Bauchgefühl sagte ihr, dass der Hut Slytherin verkünden würde, noch bevor er richtig ihren Kopf berührte. Aber vielleicht war es weniger ihr Bauchgefühl, als das Aussehen der Neuen. Sie hatte einfach diese Aura des Stolzes und der Gleichgültigkeit. Dazu kam die wie angegossen sitzende Hogwarts-Uniform – vermutlich eine Maßanfertigung. Das kannte Lily nur von wenigen ihrer Mitschüler, und diese kamen ausnahmslos aus alten, reichen und reinblütigen Zaubererfamilien.

Dass Lily die Zeit für diese Überlegungen hatte, lag daran, dass der Hut sich entgegen ihrer Erwartung sehr viel Zeit mit seiner Entscheidung ließ. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er laut „GRYFFINDOR" rief.

Erstaunt blickte Lily nach vorne – halb in der Erwartung, der Hut würde rufen: „April, April! Ich meinte natürlich Slytherin." Aber das tat er natürlich nicht. Nachdem Lily ihre erste Überraschung überwunden hatte, schalt sie sich innerlich. Wie hatte sie das Mädchen nur allein nach ihrem Aussehen beurteilen können? Sie sollte eine Person richtig kennenlernen und nicht auf das Äußeres achten! Ein leiser Seufzer entwich ihr. Früher hatte sie geglaubt, Schulsprecher zu sein bedeutete perfekt zu sein. Doch nun sah sie, dass sie noch in so vielem an sich arbeiten musste. Aber sie würde besser werden, da war sie sich sicher.

Zuallererst würde sie die Neue besser kennenlernen, beschloss Lily. Da sie sich ab sofort einen Schlafsaal zusammen mit den anderen Gryffindor-Siebtklässlerinnen teilten, würde sie dafür in nächster Zeit auch wunderbar Gelegenheit haben.

Dumm nur, dass Lily ihre Rechnung ohne Professor Dumbledore gemacht hatte. In diesem Moment war sie sich nicht bewusst, dass noch das Treffen mit dem Schulleiter anstand, und so ahnte sie auch nicht, welche Überraschung er für die beiden Schulsprecher bereithielt, eine Überraschung, die keinem der beiden gefallen würde.