Er wartete auf einem Felsvorsprung vor ihrer Höhle. Der Abgrund unter ihm war so tief, dass er es nicht wagte, über den Rand hinunter zu schauen.
Sie war aufgebracht, wie er es erwartet hatte. Wie so oft hatte sie ihn gedankenlos in seiner Menschengestalt zurückgelassen. Er wäre ihr nur zu gern gefolgt, doch er konnte nicht. Seine Beine waren zu schwerfällig und seine Arme zu nackt zum fliegen. Und der Weg nach unten war - seinen Menschenaugen nach zu urteilen - ein Weg in den sicheren Tod - tief und schmerzhaft.

Also wartete er dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte.

Eine mondlose Nacht brach herein.
Es wurde so dunkel, dass er nicht mehr sehen konnte, wo ihn seine Füße hintrugen. Also tastete er sich einen Weg in die Höhle hinein. Er wollte es nicht riskieren, gedankenverloren einen falschen Schritt zu machen und dabei den Tod zu finden.

Die Höhle wirkte kalt ohne sie.
Es war nicht das erste Mal, dass sie nachts einfach weg blieb. So war sie nunmal, und er kannte sie gar nicht anders. Aufbrausend, temperamentvoll und unberechenbar. Stur vor allen Dingen, auch wenn sie nichts davon zugeben würde.
Blind tastete er nach dem Regal, das magisch in den Stein gehauen war. Er hatte schon länger einen Vorrat an Kerzen und Streichhölzern dort verstaut.

Die Flamme wirkte schwach im Gegensatz zu dem grünen Feuer, das sie sonst entfachte. Aber hinter dieser kleinen Flamme steckte auch keine Magie. Es war lediglich nur eine kleine Kerze.
Die Höhle zweigte in zwei Räume. Der Raum zur Rechten führte in eine Art kleine Küche. Dort standen sogar ein Tisch und Stühle aus Wurzelwerk geflochten, und eine Öffnung in der Felswand sorgte darin tagsüber für etwas Licht.

Er war müde. Also ging er in den anderen Raum, der von einem riesigen Nest eingenommen war. Es rangte mit Zweigen und Wurzeln die Wände hinauf und wirkte wie eine Rose von Jericho - wunderschön und wie eine Kugel.
Das Nest war groß genug für zwei, dachte er und fragte sich, ob das ihre Intention gewesen war.
Bisher hatte er noch nie den Mut gehabt, das Thema anzusprechen.

Direkt davor an der Wand hatte sie ihm einen Schlafplatz eingerichtet, der ihn mehr an eine Kiste eines Bauern erinnerte als an ein Nest. Immerhin war es groß genug, um seiner groben menschlichen Form Platz zu bieten.
Es war alles andere als bequem. Das trockene Gras, mit dem sein Menschennest ausgelegt war, piekste ihn, dass es ihn selbst im Schlaf noch störte. Beschweren kam für ihn allerdings nicht in Frage. Dafür hatte er eine Decke, die sie mit ihren eigenen Federn gefüllt hatte, und das machte all das Pieken und Stechen wieder wett!

Er träufelte etwas flüssiges Wachs auf einen Stein daneben und befestigte die Kerze darauf. Die Wachsschichten darunter zeugten von den vielen Nächten, die er dort allein verbracht hatte.
Er kuschelte sich in die Decke und starrte auf das Lichtspiel, das die kleine Flamme an die Höhlenwand warf.
Und weil der Schlaf ihn mied wie die Katze das Wasser, fing natürlich auch noch sein Magen an zu knurren.
Außer einem warmen Platz mit pieksendem Gras in seinen Ohren und seinem Nacken, blieb ihm wohl nichts anderes übrig als todmüde wach zu bleiben. Auch wenn seine Knochen schmerzten und der Tag recht turbulent war.
Trotz Decke, wollte ihm nicht so richtig warm werden.
Die Kerze war mittlerweile fast heruntergebrannt. Dunkelheit hüllte ihn nach und nach in einen Kokon aus flackernden Punkten vor seinen Augen.
So verging die Zeit. Er hoffte inständig, dass sie sich am Morgen wieder blicken lassen würde, oder er müsste tatsächlich selbstständig herunterklettern.
Bisher hatte sie ihn nie wirklich vergessen, nur manchmal... ab und zu... unabsichtlich, ganz bestimmt.

Die Augenlider waren schwer als er den Wind hörte, der von zwei kräftigen Flügeln aufgewühlt wurde. Verschlafen versuchte er den Blick zu fokussieren.
Es gelang ihm nicht.
Und so stolzierte eine schlanke Fae in die Höhle hinein, umgeben von grün leuchtendem Nebel.

»Wie kannst du nur so seelenruhig schlafen!« fauchte sie. Ihre Stimme schrillte unbarmherzig in seinen Ohren, dass sein Kopf gleich anfing, unangenehm zu pochen. »Du machst dir wohl keine Gedanken, was?«

»Nenn' mir einen Grund, warum ich nicht schlafen sollte«, stöhnte er und zog die Decke über seinen Kopf, welche mit einem Ruck von seinen gerade warm gewordenen Gliedern weggerissen wurde. Er hätte es vorhersehen können.

»Aurora will tatsächlich diesen Prinzen heiraten und stellt sich damit gegen die Moore und gegen meinen Rat. Das ist offensichtlich für dich kein Grund zur Sorge!« Ihr Gesicht war unmittelbar über dem seinen, so nah, dass ihr Atem warm über seine Wange strich.

»Und was willst du dagegen machen? Sie einsperren und gegen ihren Willen in den Mooren festhalten?« entgegnete er ihr ruhig und wandte den Blick von ihr ab, um stattdessen nach der Decke zu suchen, die zumindest mehr Wärme versprach als die bloßen Höhlenwände und ihr kaltes Feuer.

»Wenn sie das vor dieser dummen Entscheidung bewahren würde! Ich würde alles dafür tun, damit Aurora sicher bleibt und nicht von den Menschen enttäuscht wird... besonders nicht von den Männern.« Ihre Roben schleiften raschelnd über den Boden während sie auf und abging.

»Aurora ist nicht in Gefahr...« setzte er an.

»Und woher willst du das wissen, Diaval?« unterbrach sie ihn forsch.
Er blieb ihr eine Antwort schuldig, während er nach der Decke tastete, aber nur kalten Felsen fand.
»Siehst du, nicht einmal du hast eine Antwort dafür!« sah sie sich bestätigt.

Diaval ließ sich seufzend auf das Grasbett zurückfallen. »Und was wird aus ihr, wenn sie Philipp nicht heiraten wird? Was hat sie vom Leben zu erwarten, wenn sie ewig allein bleibt?«

»Sie wird nie allein sein in den Mooren!« unterbrach sie ihn erneut. Ihre Augen blitzten gefährlich.

»Allein nicht, aber einsam. Willst du das?« fragte er ruhig.

»Sie hat die Moorkreaturen um sich und die Baumwächter... Sie hat dich... und mich, wie soll sie da einsam sein können?« fragte sie als würde allein der Gedanke an Absurdität strotzen.

»Weil nicht jeder den Weg einschlägt, den du für dein Leben offenbar gehen möchtest.« Es lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Das hätte er nicht sagen sollen.
Sie ging ganz langsam auf ihn zu und kam ihm erneut so nahe, dass das grüne Funkeln in ihren Augen sein Blickfeld einnahm.

»Und was genau ist das für ein Weg, wenn ich fragen darf?« Jede einzelne Silbe quoll gefährlich giftig über.

Jetzt war es eh zu spät, einen Rückzieher zu machen.

»Du hast den Weg gewählt, keinen Gefährten für dich zu beanspruchen. Du willst kein eigenes Kind, das du mit diesem Gefährten haben könntest. Du suchst keine Partnerschaft mit jemandem, die auf Liebe und ebenbürtigem Respekt gegenüber besteht. Aber genau das ist es, was Aurora haben möchte, und wenn sie glaubt, das alles in Philipp sehen zu können, wirst du - egal, was du machst - auf verlorenem Posten stehen, wenn du ihr diese Möglichkeit verwehren willst. Sie kann nicht dein Leben leben, genau so wenig wie du ihres leben kannst.«

Er wartete auf ihren Wutausbruch und das Gefühl von ihrer Magie, wie sie die Struktur seines Körpers veränderte, seine Knochen brach und schrumpfen ließ, wie seine Wahrnehmung die Welt plötzlich riesengroß erscheinen lassen würde und er als Mehlwurm keine Möglichkeit hatte, weiterhin seine Meinung kund zu tun.

Doch das Gefühl blieb aus.
Er war - oh, Wunder - immer noch in seiner Menschengestalt. Und er fror immer noch.

»Alle Menschen sind schlecht. Im Schloss ihres Vaters wurde sie nicht glücklich, weil die Menschen sich dort von ihrer schlechten Seite gezeigt haben und sie nur betrügen und belügen wollten.«

»Nicht alle Menschen sind gleich und nicht jeder hat die Absicht, Aurora zu belügen, Philipp am wenigsten von allen. Er liebt sie, und sie liebt ihn.«

»Alle Menschen sind schlecht, beschönige es nicht!« unterbrach sie ihn, diesmal weniger laut.

»Aurora ist auch ein Mensch«, erinnerte er sie.

»Und das habe ich ihr nie vorgeworfen!« entgegnete sie ihm empört. Er überging einfach diese Lüge.

»Es gibt einen Zeitpunkt im Leben eines Elternteil, an dem man die Kinder loslassen muss.«

»Was weißt du schon vom Elternsein?« Sie ging zu ihrem Nest ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Darüber war er beinahe froh, denn so musste er den beissenden Schmerz nicht von seinem Gesicht wischen. Stattdessen murmelte er seine Antwort nur. Gerade mal so laut, dass er sich selbst hören konnte.
Maleficent kroch in ihr Nest und folgte ihrem allnächtlichen Ritual, das daraus bestand, die Wickel um ihren Kopf und ihre Hörner zu lösen, den Nacken und die Flügel zu strecken, während ihre Haare in glatten Strähnen über ihre Schultern und ihren Rücken fallen würden. Nur dieses Mal tat sie es etwas energischer und weniger entspannend. Die Wickel landeten achtlos in einer Ecke. Mit den Fingern kämmte sie sporadisch ihre Haare durch und ließ sich unzeremoniell auf das Nest sinken, ihm den Rücken zudrehend.

»Wenn du Menschen so sehr hasst, warum hast du mir die Gestalt eines Menschen gegeben?«

Sie drehte ihren Kopf gerade so weit, dass sie ihn ungläubig über ihre Schulter anschauen konnte.
Diaval wusste im gleichen Moment, dass es ein Fehler war, aber er konnte seine Zunge wie so oft einfach nicht im Zaum halten.

»Du hättest mich in jedes andere Wesen verwandeln können oder mir einfach nur die Gabe des Sprechens geben können. Stattdessen hast du mich in das verwandelt, was du am meisten auf der Welt hasst. Warum?«

Das grüne Flimmern um sie herum erstarb allmählich, so dass es wieder stockdunkel wurde. Totale Finsternis hatte einen Nachteil: Er konnte nicht sehen, ob er sich in Acht nehmen sollte oder nicht.
Stille kehrte in der Höhle ein, bis er davon ausging, dass sie eingeschlafen war. Doch dann:
»Ich brauchte jemanden, der meine Anweisungen verstand und keinen Unsinn von sich geben würde, wenn er von meinem Auftrag zurückkehrt. Die Moorkreaturen können nicht alle sprechen. Die meisten quasseln nur unverständliches Zeug vor sich hin. Dich in einen Menschen zu verwandeln war die logischste Wahl von allen Möglichkeiten.«

»Wenn ich als Rabe hätte sprechen können, hättest du das nicht tun müssen.«

»Warum auf einmal die Sorge um deine Gestalt? Ich habe dir die Gestalt geschenkt und damit Verstand in dein kleines Vogelhirn eingehaucht! Sei gefälligst dankbar dafür!« stöhnte sie genervt auf.

Das Eis wurde immer dünner.

»Hey, Raben sind intelligente Vögel!« protestierte er.

»Und genau das sind sie: Vögel. Ich habe dir eine andere Gestalt gegeben, die den Bauern verjagen würde, der im Begriff war, dich gradewegs zu erschlagen. Wenn dein kleines Vogelhirn nicht zu vernebelt ist, wirst du dich vielleicht noch daran erinnern. Also warum die ganze Fragerei? Du bist jetzt über zwanzig Jahre hin und wieder in dieser Gestalt. Warum beschwerst du dich jetzt darüber, undankbare Kreatur!«

»Du hast mir einen Verstand gegeben. Das gibt mir die Möglichkeit, Fragen zu stellen, weiter nichts. Ich bin keinesfalls undankbar, ganz im Gegenteil.«

»Du hast eine seltsame Art, das zu zeigen«, unterbrach sie ihn erneut.

Diaval seufzte leise.
Nicht, dass es das erste Mal war, dass sie dieses Gespräch führten. Es lief jedoch immer darauf hinaus, dass sie sich in Schweigen hüllte und er als Tier für den Rest der Nacht endete.
»Warum bist du wirklich aufgebracht?« fragte er nach einer Weile. Das Knistern und Rascheln aus ihrem Nest verriet ihm, dass sie noch nicht schlief.

»Philipp hat Aurora und uns zu einem Abendessen in Ulstead eingeladen. Angeblich wollen sie uns kennenlernen«, sagte sie schließlich.

»Aber das ist doch ein gutes Zeichen!«

»Oh, Diaval, du kleiner naiver Rabe!«, stöhnte sie enttäuscht.

»Warum naiv? Philipp hat bisher nie Aurora in irgendeiner Weise geschadet. Er ist gebildet und charmant. Er hat Aurora nie das Gefühl gegeben, weniger zu sein als das, was sie wirklich ist. Anders als die anderen am Hof in Perceforest. Er behandelt Aurora stets respektvoll und angemessen. Nicht von oben herab und er ist auch nicht herrisch gegenüber anderen. Das bedeutet zumindest, dass seine Eltern ihn gut erzogen haben. Also können seine Eltern keine schlechten Menschen sein, wie du es von allen Menschen immer annimmst.« Diaval konnte sich kaum in seinem Enthusiasmus stoppen. Sie würden Ulstead sehen und Maleficent würde genauso respektvoll empfangen werden wie Aurora, schließlich war sie doch ihre Mutter - gewissermaßen. Das musste doch etwas bedeuten in Ulstead!

»Du vergisst, dass es bei Königen Brauch ist, die eigenen Kinder nicht selbst zu erziehen. Er hat vielleicht eine gute Erziehung genossen. Das lässt aber gar nichts auf seine Eltern schließen. Ulstead ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Das bedeutet nie Gutes, merk dir das, Diaval!« wandte sie ein.

Diavals gute Laune nahm jedoch keinen Abbruch. »Du hast vor den Menschen dort nichts zu befürchten...«

»Ich fürchte mich nicht vor den Menschen! Sie verdrehen die Wahrheit so wie es ihnen gefällt. Wenn das Treffen in Ulstead schief läuft, wird es auf Aurora und die Moore zurückfallen und die Menschen werden die Moore erneut angreifen.«

»Nun mal doch nicht immer alles gleich so schwarz an! Wenn du willst, kann ich dir einige ihrer Bräuche erklären. Philipps Eltern wollen Aurora und dich bestimmt nur kennenlernen.«

Auf einmal erstrahlte die Höhle in giftigem Grün. Es war so hell, dass er sich die Augen abschirmen musste und ein schmerzverzerrtes Grummeln von sich gab.

»Was habe ich mit den Bräuchen der Menschen zu schaffen? Ich habe nicht die Absicht, mit ihnen länger zu kommunizieren als unbedingt nötig. Wir werden da schneller wieder weg sein, also warum sollte ich mir die Mühe geben?« Ihre Stimme hallte laut von den Wänden wider.

»Weil du damit Aurora zeigst, dass sie dir wichtig ist...«

»Das weiß Aurora auch so!«

»Und dass du sie bei ihrer bevorstehenden Hochzeit unterstützen wirst. Dann wird sie sich nicht so allein fühlen, wenn sie sich dort einleben wird. Wenn sich seine Eltern und du gut verstehen oder zumindest gut im Einklang miteinander auskommen können, wird Aurora sich nur um die Aufgaben sorgen müssen, die ihr als zukünftige Königin aufgebürdet werden«, murmelte er unter seinem Arm hervor, den er immer noch über seine Augen hielt.

»Aurora ist bereits eine Königin! Sie hat hier ihre Aufgaben. Wovon sprichst du, du alberner Vogel!«

Er blinzelte kurz unter seinem Arm hervor und es war immer noch schmerzhaft hell. »Licht...!«

»Oh, ist es dir etwa zu hell?«

»Ist es.«

»Gut!« Er hörte das süffisante Lächeln aus diesem einen Wort sehr deutlich heraus.
Natürlich hatte sie nichts an der Helligkeit geändert. Er versuchte also, sich an das grelle Licht zu gewöhnen.

»Bitte reg dich nicht so darüber auf«, flehte er sie an.

»Du hast gut reden! Aurora hat bereits ein Volk, um das sie sich kümmert. Ulstead ist nichts dagegen!«

»Die Menschen leben in einem Patriarchat.«

»Mir ist egal, worin die Menschen hausen!«

Diaval schnaufte müde.
»Das Patriarchat ist kein Ort, an dem man lebt, sondern ein System«, fing er an zu erklären. »Bei den Menschen sind Frauen nicht so hoch angesehen wie Männer. Wenn eine Frau heiratet, wird sie in die Familie des Mannes aufgenommen. Das Sagen hat der Mann. Genau so läuft es bei den Königen ab. Der König heiratet, seine Angetraute wird in seinem Königreich aufgenommen, genau wie ihre Ländereien oder Mitgift, die sie in die Ehe mit einbringt. Königinnen haben keine politische Macht. Nur Könige haben Macht.«

»Nur den Menschen kann so etwas verachtenswertes einfallen. Ich wusste schon immer, dass Menschen ein kriegerisches Volk sind, aber dass sie dies selbst in ihren eigenen Familien fortleben... Weiß Aurora von diesem Brauch?« fragte Maleficent mit erstaunlich ruhiger Stimme, was Diaval mehr zermürbte als einer ihrer Wutausbrüche.

»Ich habe nicht mit ihr über ihre Hochzeit gesprochen. Ich war ein Rabe als ich Zeuge seines Antrags wurde.« Allmählich hatten sich seine Augen an das grelle Licht gewöhnt und er suchte nach der Decke, die sie eben von ihm heruntergezogen hatte. Sie müsste irgendwo in der Nähe von seinem Bettkasten sein. Aber da war sie nicht.

»Was muss ich noch wissen über die schrecklich unlogischen Sitten der Menschen?« fragte sie ohne ihn dabei anzusehen.

Diaval schaute sich weiterhin um. War die Decke unter dem Bettkasten? Aber da war kein Spalt. Vielleicht hatte sie die Decke nach draußen befördert?

»Bei Tisch setzen sich zuerst die Frauen, die Männer dürfen sich erst setzen, wenn die Frauen Platz genommen haben. Es sei denn der König ist anwesend, dann setzt sich der König zuerst und anschließend alle anderen Gäste. Stefan hat nie viel Wert auf Etiquette gelegt.« Der Name stolperte über seine Lippen wie jedes andere normale Wort, bevor er erkannte, wessen Namen er genannt hatte. »Tschuldigung... Ich wollte nicht seinen Namen erwähnen.«

»Es sind schon wieder Pilzkobolde verschwunden«, lenkte sie plötzlich ein. »Jemand macht Jagd auf uns. Die Kobolde haben es mir gesagt. Sie kamen nachts als sich die Kobolde in ihre Höhlen zurückgezogen hatten, hoch oben in den Baumstämmen. Es waren Menschen. Sie hatten kleine Käfige und Beutel dabei, um ihre Beute zu verschleppen.«

»Wir sollten uns mit Balthasar besprechen, wenn du wieder zurück bist aus Ulstead«, schlug Diaval vor. »Vielleicht ist den Baumwächtern etwas aufgefallen. Sie beschweren sich oft bei Aurora über die menschlichen Eindringlinge nahe der Grenze.«

Das Licht erlosch mit einem Mal. Nur ein leichtes Glimmen ließ vage Schatten vermuten.
»Was soll das heißen 'wenn ich zurück bin'?! Du wirst mich begleiten! Das ist keine Bitte!«
Er traute zuerst seinen Ohren nicht.
Sein Atem stockte bei ihren Worten und eine alte Hoffnung keimte auf, die er schon lange nicht mehr verspürt hatte.
»Natürlich wirst du mich als mein Diener begleiten, also schau nicht so überrascht, törichter Vogel«, fügte sie hinzu, bevor er irgend etwas sagen konnte.
Die Enttäuschung war größer als ihm lieb war, und trotzdem sagte er nichts.

»Also worauf sollte ich achten, damit ich diese schwachen Bodenläufer nicht wie die Hühner aufscheuche?« fragte sie und setzte sich auf.

»War... war das ein Scherz?« Er starrte sie ungläubig an. Ein Grinsen kroch über sein Gesicht.

»Sei nicht albern!« wehrte sie ab.

»Doch, doch! Das war eindeutig ein Scherz!« Eine ungewöhnliche Welle unverhofften Mutes, die ihn sich erheben ließ und seine Füße an ihr Nest tragen ließ. Etwas, das er sich vor einigen Jahren nie getraut hätte. Ohne zu fragen setzte er sich auf den Rand des Nestes und erntete einen recht skeptischen Blick ihrerseits.
»Wenn Ihr wirklich mit mir als Diener am Dinner teilnehmen möchtet, wird das hier zwischen uns...« Er deutete mit dem Zeigefinger zuerst auf sie und anschließend auf sich selbst. »...nicht möglich sein.«

Verwirrt wartete sie auf eine Erklärung.

»Adelige haben keinen persönlichen Kontakt zu ihren Dienern. Sie pflegen keine Konversation mit ihnen und sie lassen sich erst recht nicht von ihnen belehren...«

»Na, da solltest du dir vielleicht ein Beispiel an ihnen nehmen!« unterbrach sie ihn erneut.

Diaval überging ihren herabsetzenden Kommentar, auch wenn es ihm schwer fiel. »Könige und Königinnen haben Berater oder Minister. Auch wenn diese Leute keine politische Macht besitzen, so sind diese widerum auch adelig. Kein Berater, Minister oder Ritter gehört der bäuerlichen Schicht an. Wer mit dem Adel verkehrt, der gehört selbst zum Adel. Der König wird sich nicht mit dem Geschwätz seiner Diener begnügen oder gar einen Rat von diesen annehmen.«

Er drehte sich etwas zur Seite. Ihr stechender Blick lenkte ihn ab und es war schmerzhaft überhaupt an eine solche Konstellation zu denken. Furcht keimte in ihm auf, dass sie Gefallen daran finden könnte.

»Wenn Ihr den Hof betretet, Herrin, werde ich nicht an Eurer Seite stehen, sondern immer einige Schritte hinter euch. Ich werde Euch keinen Rat geben können, ohne Euch vor dem Königspaar gesellschaftlich zu entblößen. Ihr werdet mich als Euren Diener vorstellen, und wenn das Dinner beendet ist und Ihr Euch mit dem Königpaar in den Salon begeben werdet für Konversation und eventuell etwas Musik, wird man mich nicht mehr im selben Raum dulden. Die Diener werden damit beschäftigt sein, das Essen abzutragen und den Esssaal aufzuräumen. Man wird von mir erwarten, dass ich mich der Dienerschaft anschließe, um denen zu helfen. Wollt Ihr mich als einen Raben vorstellen? Ich denke nicht, dass die Menschen Euch glauben werden, dass ich einer bin. Es könnte als ein gutes Zeichen angesehen werden, wenn ihr mich als Euren menschlichen Diener vorstellt. Je nachdem wie die Menschen es auszulegen imstande sind.«

»Und damit riskieren, dass die Menschen mich als schwache Moorkreatur betrachten, weil ich auf die Belehrung eines einfachen menschlichen Dieners angewiesen bin?« Maleficent schüttelte den Kopf und bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick.

»Ihr könntet meiner menschlichen Gestalt etwas hinzufügen«, schlug Diaval vor.

Ihre Augen erhellten in einem goldenen Glanz. »Ich könnte dir Hörner aufsetzen.«

Er zögerte. Die Sehnsucht in seiner Brust verlangte nach etwas anderem. »Wie wäre es mit Flügeln?« fragte er unsicher. Seine Stimme zitterte.

Wenn sie überrascht oder verärgert war, so zeigte sie es ihm diesmal nicht.
»Flügel?« fragte sie, obwohl sie seine Worte sehr wohl gehört hatte.

Er nickte. Ein wenig zu eifrig. »Es würde den Menschen zeigen, dass Ihr nicht die Einzige seid, dass es mehr von Eurer Sorte gibt.«

Zischen sog sie die Luft ein. Wie ein gebranntes Kind wich sie vor ihm und seinen Worten zurück und das Licht verfärbte sich wieder grün.
Grün war nie ein gutes Zeichen.

»Verzeiht mir meinen Übermut. Ich wollte mich Eurer nicht anmaßen.« Er fühlte sich auf einmal elend. Sein Herz pochte bis hoch in seinen Hals. »Vergesst, dass ich etwas derartiges vorgeschlagen habe. Wenn meine Herrin mir Hörner aufsetzen möchte, um mich von den Menschen abzugrenzen, wird es mir eine Freude sein, sie zu tragen.«

»Ich werde es mir überlegen...« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Ihr müsst nicht...«

»Ich sagte, ich überlege es mir!« sagte sie diesmal mit einer Bestimmtheit, die beide sehr irritierte. »Und hör auf, dich so gezwungen auszudrücken.«

Ein Moment der Stille legte sich über sie.

»Das würde ich gerne. Aber wenn ich mir einen Patzer leiste beim Dinner, wird man Euch und Eure Stellung in den Mooren unter Euresgleichen in Frage stellen. Das könnt Ihr Euch nicht leisten, Herrin, und das werde ich nicht zulassen.«

»Immer so umsichtig für einen bloßen Diener. Das Dinner ist übermorgen. Geh schlafen, mein wachsamer Rabe.« Und damit war die Unterhaltung beendet.

Er wusste sofort, dass sein Rat nicht mehr gebraucht wurde. Obwohl ihn das oftmals nicht vom weiterreden abhielt, musste er sich eingestehen, dass er sehr müde war. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, doch er überspielte seinen Hunger gekonnt.
»Wo habt Ihr meine Decke hingelegt?« fragte er schließlich. Wenn er schon hungrig einschlafen würde, wollte er es zumindest unter einer warmen Decke tun.

»Deine Decke?« Ihre Frage troff vor Skepsis. »Soweit ich weiß, sind das meine Federn, mit der die Decke gefüllt ist.«

»Ihr habt sie mir geschenkt, wenn ich Euch daran erinnern darf, Her... kraaah!«

Die Welt um ihn herum wuchs zu einer riesigen Dunkelheit heran. Raben sahen bei Nacht nicht besonders gut, was auch verständlich war, schließlich waren sie keine Nachtvögel. Diaval fühlte trotzdem die Welt um ihn herum wachsen, obschon er es war, der einfach kleiner wurde. Die Federn brachen durch seine Haut hindurch. Seine Zähne bildeten sich zurück und an ihrer Stelle wuchs ein kräftiger schwarzer Schnabel hervor. Normalerweise erleichterte es sein Gemüt, wenn sie ihn in seine geliebte Vogelgestalt zurückverwandelte. Wenn er endlich wieder seine Flügel ausstrecken und den Wind unter ihnen spüren konnte, oder er einfach nur seinen Schnabel unter seine Flügel schieben konnte zum heiß ersehnten Nickerchen hoch oben im Baum, wo ihm seine menschlichen Beine nicht hintragen konnten.

Doch dieses Mal fühlte es sich wehmütig.
Es war nicht richtig. Er wollte ihr noch so vieles sagen. Dinge, von denen sie jetzt schon wusste, dass sie sie nicht hören wollte.
Letztendlich machte sie mit ihm sowieso, was ihr gefiel. Wenn sie ein Pferd brauchte, verwandelte sie ihn in eines. Wenn sie einen Drachen brauchte, war das Wort noch nicht ausgesprochen und ihm bohrten sich riesige Schuppen aus seiner bloßen Haut.
Jede Verwandlung war mit Schmerzen verbunden, die er ihr gegenüber nie erwähnte.
Das Dinner war erst in zwei Tagen. Damit blieb ihm genügend Zeit, um sie auf die königlichen Benimmregeln vorzubereiten. Wenn seine Herrin schon in Ulstead eingeladen war - entgegen aller Erwartungen - so musste er doch dafür sorgen, dass sie einen guten Eindruck machte.

Der Frieden von Ulstead und den Mooren stand auf dem Spiel.
Niedergeschlagen hüpfte er zu seinem Bettlager zurück. Zumindest versuchte er es. Er würde es niemandem sagen, aber seine menschlichen Augen waren - entgegen aller körperlichen Nachteile - besser bei Nacht als seine Rabenaugen.
Mit anderen Worten: Er konnte nicht einmal ertasten, wo er gerade hinhüpfte, denn als Rabe hatte er keine Hände, um sich in der Dunkelheit voranzutasten. Immerhin brauchte er die Decke jetzt nicht mehr.
Allerdings war das nur ein kleiner Trost.

Auf seinem Bettlager schabte er sich mit seinen Krallen eine Kuhle, in die er sich hineinsetzen und sein Federkleid aufplustern konnte. Sein Schnabel verschwand unter seinem rechten Flügel, da fühlte er auf einmal zwei Hände seinen kleinen Körper packen. Seine Krallen verloren den Halt und er wurde an etwas weiches gedrückt.
»Du brauchst nicht gleich zu schmollen!« Und ehe er begreifen konnte, wie um ihn geschah, legte sie sich zurück in ihr Nest, mit ihm in ihrem Arm und ihre Flügel schützend um sie beide herum gelegt.
Er wagte es nicht, sich auch nur einen Deut zu bewegen.
Seine Lider wurden unheimlich schwer bis er dem Schlaf nicht mehr widerstehen konnte.
Das leise 'Schlaf gut, mein treuer Freund' musste er definitiv geträumt haben.

TBC...