Awake – Wach
Originaltitel: Awake
Autor: Theolyn
Übersetzt von Wine Witch
Beta-Korrektur: Sun and Stars und Fedora23.
Vielen Dank für Eure sorgfältige und kompetente Arbeit!
Disclaimer: Harry Potter gehört JK Rowling. Autor und Übersetzer spielen lediglich in deren Sandkasten. Kein Geld, nur Spaß.
Anmerkungen der Übersetzerin:
Herzlichen Dank an Theolyn für die freundliche Erlaubnis zur Übersetzung.
Kapitel 1
Master-Heilerin Dr. med. Hermione Granger zog die abgewetzte Akte des Patienten 0691 von ihrem wohlbekannten Platz im Regal für „Problempatienten". Über die Jahre hatten die Unterlagen vieler Patienten eine Zeitlang dort residiert. Einige hatte sie geheilt. Einige hatte sie verloren. Einige waren aus ihrer Fürsorge anderswohin entlassen worden. Aber keiner hatte sich so lange in einem Schwebezustand befunden wie dieser. Und jetzt, endlich, nach zwanzig frustrierenden Jahren, war die Zeit dieses Patienten gekommen.
Hermione strich vorsichtig die Außenseite des Ordners entlang und löste die Zugangssperrzauber, die alles darin nur ihren Augen allein zugänglich machten. Akribisch genau ging sie ihre Notizen durch, obwohl sie in Wirklichkeit lange schon in ihrem Gedächtnis eingegraben waren. Sie hätte gerne gedacht, dass jeder Patient, der in ihre Fürsorge kam, die gleiche, sorgfältige Beachtung erfuhr. Aber sie wusste, dass dies nicht ganz stimmte. Jeder Patient war einzigartig, ja. Und praktisch jeder Patient war für irgendjemanden jemand Besonderes …, aber dieser Patient, dieser Patient war für jeden jemand Besonderes. In der ganzen Zauberergemeinschaft. Es war ein feiner Unterschied, aber ein grundlegender.
Während sie sich mit vielen Patienten beschäftigt hatte, die den Weg zu ihrem Schreibtisch gefunden hatten, hegte sie für diesen eine andere Art von Entschlossenheit. Als sie die Grenzen dessen erreicht hatte, was Magie für ihn tun konnte, war es tatsächlich diese Zielstrebigkeit gewesen, die sie dazu gebracht hatte, sich mit ihrem Zeitumkehrer den Weg in die Muggelwissenschaft der Neurologie zu bahnen und ihren Master in Heilkunde durch einen altmodischen Doktor der Medizin zu ergänzen. Sieben Jahre Schlafmangel waren eine Strapaze für ihren Körper gewesen und mörderisch für ihre ohnehin auf tönernen Füßen stehende Ehe trotz des offensichtlichen Stolzes, den Ron aufgrund ihrer Leistungen gezeigt hatte. Aber die Ergebnisse waren es wert gewesen. Natürlich nicht im Fall von Patient 0691, zumindest noch nicht. Er schlummerte weiter. Aber andere, inzwischen viele andere, hatten davon profitiert.
Hermione griff nach den EEGs des Patienten. Sie hatte ein Jahr ständigen Kampfes gebraucht, um dieses intelligente Gerät ihrer wachsenden Sammlung von medizinischen Muggelgeräten hinzuzufügen. Die Treuhänder hatten es erst zugelassen, als sie ihre gefährlichste Waffe gezückt hatte: Harry Potter, der drohte, den Tagespropheten zu alarmieren, dass das St. Mungo nicht ALLES versuchte, um den größten Helden von Dumbledores Krieg zu heilen. Danach hatten die Knauser ihre fest zugeschnürten Geldbeutel problemlos geöffnet.
Sie betrachtete das erste EEG-Diagramm genau. Es war sehr aufregend gewesen zu sehen, wie das Gerät ihre medizinische Intuition bestätigte. Dieser brillante, bissige Verstand war da drinnen, immer noch vital und lebendig, fest verschlossen unter seinen Okklumentikschilden, rege, aber unerreichbar wie ein Raketenkommandant in einem kalten Kriegsbunker.
Spätere Auswertungen waren immer weniger beruhigend gewesen. Er bewegte sich weg von ihnen, so glaubte Hermione. Die Perioden geistiger Aktivität wurden weniger. Weniger regelmäßig. Weniger hektisch. Bald, ahnte sie, würde er vollkommen verschwunden sein, und das blasse Fleisch seines Körpers würde nichts als eine leere Hülle werden.
Allein der Gedanke daran versetzte ihren Bauch in verzweifelten Aufruhr … aber – daran erinnerte sie sich selbst immer wieder –, dass das Ende nahte, war Grund zur Hoffnung. Seine Schilde würden brechen, sobald er sich über sie hinaus entfernte.
Es war sowohl frustrierend als auch äußerst erstaunlich, dass seine Verteidigungswälle so lange gehalten hatten. Hermione hielt dies für einen starken Beweis – hätten sie einen gebraucht – für die Macht seiner Magie und für die schiere Brillanz ihrer Konstruktion, dass seine Okklumentikschilde über so viele Jahre hinweg undurchdringlich geblieben waren. Kein Wunder, dass Voldemort unfähig gewesen war, sie zu brechen. Sie waren perfekt. Oder waren es gewesen. Erst jetzt, endlich, nur weil sein Verstand ihnen entglitt, hatte die Konstruktion zu versagen begonnen. Sie war beinahe, beinahe durchgekommen. Wäre sie ein wenig ausgeruhter gewesen, ein wenig energiegeladener, ein wenig mehr in Höchstform, dann hätte sie Erfolg haben können.
Dieses Mal war sie vorbereitet. Sie hatte geschlafen. Volle sechs Stunden, eine echte Leistung für sie. Sie hatte eine volle Mahlzeit gegessen, inklusive der Kohlehydrate und Fette, die sie normalerweise mied. Und sie hatte sich den ganzen Morgen zurückgehalten und nicht einmal einen Wingardium Leviosa benutzt. Ihre Batterien, physisch, geistig und magisch, waren voll aufgeladen.
Sie war so bereit, wie sie nur sein konnte. Heute. Heute würde sie ihn erreichen. Heute würde sie Severus Snape nach Hause bringen.
Granger klemmte sich die Akte unter den Arm, steckte in jede ihrer Taschen eine Zaubertrankphiole und verließ ihr Büro. Obwohl es sie drängte anzufangen, nahm sie sich die Zeit, jede Heilerin und jeden Heiler zu begrüßen, die sie unterwegs traf. Ein Wort hier, eine Geste da, ein dezenter Vorschlag, wo er gebraucht wurde. Sie hatte lang und hart gearbeitet, um diese altmodische Institution in ein Modell an Effizienz zu verwandeln, und sie würde die Arbeitsmoral nicht schwächen, indem sie irgendein Mitglied ihrer Belegschaft zu kurz kommen ließ. Sie verdienten ihr Bestes. Sogar jetzt.
Obwohl sie eine Dreiviertelstunde brauchte, um ihr Ziel zu erreichen, bedauerte sie dies nicht. Ihre langsame Tour hatte einen gerade entstehenden Irrtum aufgedeckt, drei bescheidene Erfolge und eine Assistentin, von der sie jetzt überzeugt war, dass sie befördert werden sollte. Sie würde sich am nächsten Morgen um die Beförderung kümmern. Gab es einen größeren Erfolg, als zuzusehen, wie jemand sich entwickelte, den sie geschult hatte?
Patient 0691 zurückbringen. Ja. Genau das.
Station C war ruhig, einfach gestaltet und schön. Sie lag Richtung Westen und war am Nachmittag vom Sonnenlicht durchflutet. Draußen rauschte eine Gruppe Lorbeerbäume und schickte jedes Mal, wenn ein Windhauch durch sie strich, Duft und Geräusche hinein. Es war eine alte Station, daher waren die Räume großzügig, nicht öffentlich zugänglich und heiß begehrt. Nur die wohlhabendsten Familien konnten sich den Aufpreis für diese Etage leisten.
Kaum ein Ort – so die Meinung der Treuhänder –, um einen Langzeit-Komapatienten unterzubringen. Sie kämpfte und gewann auch diesen Krieg. Auch wenn Snape sich möglicherweise seiner Umgebung nicht bewusst war, Hermione war es. Ihr gefiel der Gedanke, dass er in einem sonnendurchfluteten Raum lag. Nach einem in kalten Kerkern verbrachten Leben schien dies das Mindeste, was sie für ihn tun konnte.
Selbst für einen Master der Heilkunst war Legilimentik ohne Augenkontakt schwierig auszuführen. Sie würde hundertprozentige Konzentration benötigen. All ihre eigenen Schilde und Verteidigungswälle würden für den Vorgang vollständig gesenkt werden müssen, um einen winzigen Erfolg erlangen zu können.
Obwohl der Krieg lange vorüber war, war Hermione wie jeder andere Veteran unfähig, schutzlos zu operieren, und daher nahm sie sich die Zeit, die Tür, das Zimmer und die Fenster mit einem Öffnungs- und Schutzzauber zu versehen. Sie alle würden sich bei ihrem leisesten Gedanken öffnen, aber der Zauber würde alles, was weniger mächtig als ein volles Aurorenregiment war, davon abhalten hereinzukommen.
Als Nächstes stellte sie vorsichtig zwei Zaubertränke auf den Nachttisch. Einen davon hoffte sie zu verabreichen. Der andere? Nun, er hatte das Recht auf diesen, wenn er sich dafür entschied. Sie hoffte jedoch, er würde das nicht tun …, aber die Entscheidung war dennoch seine.
Sie schob einen stabilen Stuhl ein Stück näher an die Seite seines Bettes. Dann strich sie ihre Roben glatt und starrte auf ihren Patienten. Dies würde hoffentlich das letzte Mal sein, dass sie ihn unbeteiligt sah.
Ehe sie sich setzte, strich sie mit kühler, professioneller Hand über sein kurzgeschnittenes Haar. Zu ihrer eigenen Überraschung drückte sie dann einen leichten Kuss auf seine Stirn.
„Viel Glück", sagte sie zu sich selbst so sehr wie zu ihm. Dann setzte sie sich und nahm seine Hand in ihre beiden Hände.
„Auf geht es, Professor. Schauen wir, ob wir Sie diesmal finden."
