Kapitel 4
Es waren wohl noch keine fünf Minuten seit seiner Ankunft vergangen, als Harry Hermines aufgeregte Stimme rufen hörte.
„Harry?! Bist du hier? Wenn du hier bist, antworte! Harry!"
Ron fiel ebenfalls ein.
„Harry? Wo steckst du?"
Harry seufzte. Er wollte niemand sehen und hören.
„Lasst mich in Ruhe. Ich will alleine sein."
Doch mit der Ruhe war das so eine Sache. Und das lag nicht nur an den Stimmen von Hermine und Ron (und der kurz danach auftretenden Erscheinung von Alastor Moody), ihren polternden Schritten im Flur, oder an dem gegen die Fenster prasselnden Regen, der an den uralten einfachverglasten Scheiben besonders laut schallte. Es war vor allem das schauerlich-schrille Geschrei des Portraits von Mrs. Black, die seit seiner Ankunft durch den ehemaligen Familiensitz der Blacks schallte und alle beschimpfte und verdammte, die es wagten, ihre von verdorbenem Blut durchströmten dreckigen Füße in das altehrwürdige, edle Anwesen zu setzen, allen voran Blutsverräter, Halbblüter und Schlammblüter. Also alle, die im Haus waren.
„Oh halt endlich deinen elenden Schnabel, du zeternde alte Schabracke", lederte ihr ein hörbar genervter Ron entgegen, worauf sie tatsächlich kurz die Luft anhielt, nur um nach dem Schock über diese Umgangsformen umso schriller und lauter zu wüten.
„Harry, wo bist du?"
Obwohl Hermine etwas außer Atem war, flehte sie fast.
Schwer genervt atmete Harry geräuschvoll aus. Er wusste, dass sich Hermine nicht verscheuchen ließ, und er wusste ebenso, dass Ron nicht von ihrer Seite weichen würde. Tatsächlich hätte ihm nicht mal sein Tarnumhang helfen können, befand sich dieser doch gut verstaut in Hermines Perlenhandtasche, die sie keine Sekunde aus den Augen ließ.
„Salon", rief Harry schließlich resignierend.
Sofort hörte er das Rumpeln schneller Schritte zunächst im Flur, dann im Treppenhaus, und keine zehn Sekunden später war Hermine in den einst eindrucksvollen Saal gestürmt, gefolgt von einem hinterher eilenden, schwer schnaufenden Ron.
Harry hob seinen in einem Kissen vergrabenen Kopf an und sah von dem Sofa auf, auf das er sich gleich nach seiner Ankunft vor lauter Kummer und Frust geworfen hatte.
„Was wollt ihr hier? Ich will niemanden sehen."
Hermine baute sich wütend vor ihm auf.
„Was wir hier wollen? Harry! Du kannst nicht hier bleiben! Und vor allem kannst du nicht einfach so verschwinden! Was wenn dich jemand entdeckt?"
„Mir auch egal", brummte Harry widerspenstig und ließ dann wieder seinen Kopf ins Kissen sinken.
„Uns aber nicht!", schrie Hermine nun aufgebracht. „Harry, hier ist es nicht sicher! Yaxley war eingeweiht, hier können überall Todesser oder Greifer sein! - Ron, sag auch mal was!"
Ron stellte sich demonstrativ neben Hermine und machte einen genauso entschlossenen Eindruck wie sie.
„Harry, Kumpel, hör auf Hermine! Du weißt, dass sie Recht hat. Wir müssen hier weg und zurück zum Fuchsbau. Dort ist es sicher, hier nicht!"
Harry stöhnte, als er die von Sorgen, Angst und auch Wut gezeichneten Gesichter seiner beiden besten und engsten Freunde sah. Tief in seinem Herzen, und nicht ganz so tief in den Windungen seines Gehirns wusste er, dass sie Recht hatten. Aber weder wollte er das zugeben noch auf sie hören. Die von Ginny gerissene frische Wunde war einfach viel zu tief und tat viel zu sehr weh, als dass er sich in der Lage sah, zurückzukehren.
„Ich kann nicht zurück zum Fuchsbau", nuschelte er schließlich leise in sein Kissen. „Nicht jetzt. Nicht nach dem, was vorgefallen ist."
Hermine schluckte, und es sah aus, als hätte sie damit in einem Mal ihre ganze angestaute Wut auf Harry hinuntergewürgt.
„Was ist denn vorgefallen?", fragte sie nun mit leiser, einfühlsamer Stimme.
Harry schüttelte den Kopf.
„Ich will nicht drüber reden..."
„War es Ginny?", fragte Ron plötzlich. „Hat sie dir etwas angetan? Ich stelle sie zur Rede, wenn du das willst!"
Harry schwieg.
Hermine ließ den Kopf zwischen Harry und Ron herwandern. Ihr bester Freund war emotional völlig fertig auf dem heruntergekommenen Sofa zusammengesunken und schaffte es gerade einmal, sie aus einem Augenwinkel heraus anzusehen. Ihr anderer Freund – oder sollte sie sagen, ihr Freund? - stand aufgebracht neben ihr und drohte, auf seine Schwester loszugehen. Hermine rollte mit den Augen. Jungs...
„Ok Harry", sagte sie schließlich in einem resoluten Tonfall, mit dem sie wohl auch Voldemort höchstpersönlich auf sein Zimmer hätte schicken können. „Zwei Stunden. Dann kehren wir zum Fuchsbau zurück. Ron, du verschwindest jetzt sofort, informierst George, Bill und Fleur, dass wir Harry gefunden haben und bläst die Suchaktion ab. Möglichst so, dass deine Eltern nichts davon mitkriegen. Sie haben derzeit genug um die Ohren, da müssen sie sich nicht auch noch um ums drei Sorgen machen." Hermine schaute auf ihre Armbanduhr. „Wenn wir um 17 Uhr nicht zurück sind, dann ist uns was zugestoßen und du weißt, was du zu tun hast. Ich bleibe so lange hier bei Harry. Zu zweit ist es sicherer."
Noch bevor Harry antworten konnte und damit die Möglichkeit hatte zu widersprechen, nickte Ron mit nahezu militärischem Gehorsam Hermine zu, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand aus dem Raum. Kurze Zeit später ertönte erneut die grelle Stimme von Mrs. Black, die wieder begann Gott und die Welt zu beschimpfen, als Ron an ihr vorbei joggte, dann der vertraute laute Knall, der immer auftrat, wenn Ron disapparierte.
Hermine sah Harry an, der noch immer vor ihr auf dem Sofa kauerte und ihre Beine oder Füße anstarrte, während er tunlichst vermied, ihr ins Gesicht zu schauen.
„Kann ich mich zu dir setzen?", fragte sie schließlich behutsam.
Harry zögerte einen Moment, dann richtete er sich missmutig brummelnd auf und rutschte zur Seite, sodass sie neben ihn passte. Hermine nahm etwa 20 cm neben ihm Platz, zunächst ohne etwas zu sagen.
„Du und Ginny, ihr habt gestritten, oder?", fragte Hermine nach einer ganzen Weile, als sie den Eindruck hatte, dass sich Harry wieder etwas gefangen hatte. Eigentlich war es mehr eine Feststellung als eine Frage.
Harry nickte kaum merklich. Sein Blick war auf ein Loch im runtergekommenen Fußbodenteppich vor ihm fixiert, das wohl von einem hungrigen Doxy verursacht worden war. Hermine signalisierte Verständnis und lehnte sich nach vorne, das Gesicht auf die Hände gestützt. Sie sah aus, als rekapitulierte sie die letzten Tage, um selbst herauszufinden, was wohl geschehen war.
„Wenn du darüber reden willst, ich bin hier", sagte sie schließlich.
Harry schüttelte den Kopf.
„Nicht jetzt."
„Ok", antworte Hermine und legte ihre Hand auf sein Knie, wobei sie mit ihrem Daumen sanft über seine Knieseite strich. So blieben sie eine ganze Weile nebeneinander sitzen. Und von Minute zu Minute begann es Harry, wenn auch noch lange nicht gut, so doch zumindest etwas besser zu gehen. Nicht dass er es zu diesem Zeitpunkt eingestanden hätte, wie wichtig ihm Hermines Nähe in diesem Moment gerade war, zumindest nicht ohne mit dem Cruciatus-Fluch gefoltert zu werden. Doch Tatsache war, dass es ihm mit Hermine neben ihm und ihrer Hand auf seinem Knie allmählich gelang, das emotionale Chaos in seinem Kopf nach und nach grob zu ordnen. Es dauerte zwar sehr lang, aber nach einiger Zeit fing er an, sich etwas zu entspannen und aus dem sprudelnden Strom brennend heißer Emotionen wieder klarere Gedanken herauszufiltern, die er schließlich auch artikulieren konnte.
„Ginny hat mich verlassen", sagte er schlussendlich geradeheraus, nachdem vielleicht eine halbe Stunde seit Hermines Ankunft vergangen war.
Hermine sah Harry mit traurigen Augen an, wenn auch nicht sonderlich überrascht.
„Das tut mir sehr leid, Harry", sagte sie mitfühlend und legte ihren Arm um seinen Rücken, zog Harry an sich und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Kann ich irgendetwas für dich tun, damit es dir besser geht?"
Harry schüttelte deprimiert den Kopf.
„Ich glaube nicht."
Hermine nickte.
„Wenn du was brauchst, du weißt, dass ich für dich da bin. Sag Bescheid, ja?"
Diesmal signalisierte Harry nur nonverbal Zustimmung, doch das reichte Hermine vollkommen aus. Anschließend saßen sie wieder einige Minuten gemeinsam aneinander gelehnt auf dem Sofa, wobei niemand einen Ton von sich gab. Nur leises Atmen war zu vernehmen, dazu das Prasseln von schweren Regentropfen gegen Fensterscheiben. Es war auch nicht nötig. Für Harry war gerade alleine Hermines Anwesenheit an seiner Seite wichtig, während sie aus langer Erfahrung im Umgang mit ihrem in emotionalen Angelegenheiten doch eher schwierigen Freund wusste, dass sie Harry ohnehin nur dann zum Reden bewegen konnte, wenn er reden wollte.
„Weißt du", sagte Harry eine ganze Weile später, „irgendwie ist es ironisch. Das ganze letzte Jahr über, quasi seit der Hochzeit, dachte ich tief in mir drin, dass ich das Duell mit Voldemort nicht überleben würde. Ich habe es nie jemandem gesagt, und mir auch selbst nur manchmal eingestanden, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann war ich mir sicher, dass dass ich sterben würde. Dass ich keine Zukunft haben würde. Deswegen hatte ich ja die Beziehung mit Ginny überhaupt erst abgebrochen. Um sie zu schützen. Dass sie sich nicht in etwas stürzt, was zwingend scheitern muss, und dann am Boden zerstört wäre. Und nun habe ich überlebt, wider Erwarten, lebe, und all die Hoffnungen und Zukunftspläne, die ich mir nie wirklich zu haben erlaubt habe, fallen in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Und ich kann gar nichts dafür. Sondern es ist Ginny, die endgültig den Schlussstrich zieht."
Hermine schluckte, das war auch für sie neu. Zumindest war es neu, es Harry so deutlich sagen zu hören.
„Das ist wirklich ironisch", stimmte sie ihm zu. „Aber du hast nun eine Zukunft, Harry. Das ist das Wichtigste! Auch wenn es sich jetzt vermutlich nicht so anfühlt. Deine Zukunft steht dir offen, ob mit oder ohne Ginny. Es geht weiter. Du hast überlebt, du lebst, du bist jung, du kannst dein Leben gestalten, wie du es dir in deinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konntest."
Harry seufzte, während sich in seinen Augen frische Tränen sammelten, und in dem Seufzen lag all der Frust, der sich nicht nur die letzten Stunden, sondern Wochen, Monate, wenn nicht gar Jahre angestaut hatte.
„Warum fühlt es sich dann nicht so an, Hermine?" Es war fast ein Schluchzen. „Warum ist es, als würde alles zerbrechen, als liefe alles schief? All die unschuldigen Toten, all das Leid, all die Menschen, die trauern, all der Schmerz... Es ist, als folgte auf alles Gute, auf jedes positive Ereignis eine ganze Welle von Schlechtem! Ich will das einfach nicht mehr. Es ist, es nimmt einfach kein Ende... Ich will einfach nur, dass es aufhört!"
Hermine schluckte, während ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie hatte Harry noch nie so niederschlagen gesehen, und schon mal gleich gar nicht erlebt, dass er es so offen äußerte. Für gewöhnlich zeigte Harry vor allem Freude und Wut offen, während er hingegen Seelenleid meist tief in sich hineinfraß und versuchte, alleine damit klarzukommen. Das hier also war neu, und zu Hermines Überraschung wusste sie nicht, wie sie mit dieser neu entdeckten Seite von Harry (oder war es eine Seite, die er erst kürzlich entwickelt hatte?) umgehen sollte. Oder was sie darauf antworten sollte. Stattdessen tat sie, was ihr in dieser Situation am passendsten erschien. Sie drückte Harry mit beiden Armen so fest an sich, wie sie nur konnte, vergrub ihr immer nasser werdendes Gesicht an Harrys Hals und lockerte ihre zur festen Umklammerung gewordene Umarmung erst dann wieder, als ihre Arme zu krampfen begannen. Zu ihrer Überraschung erwiderte Harry ihre Umarmung mit gleicher Intensität und einem verzweifelten Durst nach Nähe und Trost, wie sie es von ihm bisher nie erlebt hatte. Harry zog sie an Schulter und Taille so nah und fest an sich, dass es fast weh tat, und zeigte keinerlei Anstalten, sie wieder loszulassen oder auch nur seinen Griff abzuschwächen. Minutenlang pressten Harry und Hermine ihre das letzte Jahr über so geschundenen Körper an sich und sogen gegenseitig die wohlige Wärme des jeweils anderen in sich auf, um die bittere Kälte zu vertreiben, die tief in ihnen drinnen immer mehr ihren psychologischen Tribut forderte. Es war eine lange überfällige Notreaktion zweier schwer mitgenommener Seelen, die sich in dieser so ungestümen wie innigen Umarmung entlud, und auf Harrys Seite auch ein totaler Kollaps aller über die Jahre aufgebauter Schutzmechanismen aus falschem Stolz und Furcht vor eingebildeter Schwäche.
Als sich Harry nach gefühlt einer dreiviertel Ewigkeit wieder von Hermine löste – wenn auch nicht komplett, einer seiner Arme lag weiterhin in der Nähe ihrer Schulter – atmeten sie beide deutlich schwerer als sie das jemals nach einer Umarmung getan hatten, fühlten sich dafür aber bei weitem besser als noch einige Minuten zuvor.
„Danke", presste Harry schließlich hervor; es war das einzige, was ihm einfiel. „Das, das hat gut getan."
Hermine nahm seine freie Hand in ihre und drückte sie.
„Jederzeit, Harry. Ich glaube, das haben wir... einfach mal gebraucht, nach allem, was geschehen ist", seufzte sie mit beschlagener Stimme, bevor sie wegsah und aus dem Fenster hinaus in die Ferne starrte.
Harry nickte kaum merklich, wobei er nicht wusste, ob aus purer Schüchternheit oder aus dem fehlenden Willen sich einzugestehen, wie viel wichtiger ihm Hermine in den letzten Monaten geworden war. Er wusste nur, dass er noch nie eine Umarmung wie diese erlebt hatte. Auch nicht von Ginny. Und sie auch noch nie so sehr gebraucht hatte.
Die nächsten Minuten saßen sie anschließend mit losem Körperkontakt weiter auf dem Sofa, redeten über Belanglosigkeiten und schwiegen auch immer mal wieder, ohne dass es in irgendeiner Weise unangenehm wurde. Im Gegenteil, gerade die Zeiten, in denen sie nicht redeten, fühlten sich besonders gut an, zeigten sie doch ein ein tiefes gegenseitiges Verständnis ohne die Notwendigkeit Worte benutzen zu müssen.
Wie kam es eigentlich dazu", wollte Hermine schließlich wissen. „Was hat Ginny gesagt?"
Daraufhin erzählte ihr Harry, was er von Ginny erfahren hatte, erst noch etwas widerwillig und einsilbig, dann aber doch in allen Details, und soweit er sich erinnern konnte, mit den gleichen Worten, die auch Ginny benutzt hatte. Hermine hörte zu, nur selten stellte sie eine Zwischenfrage zum besseren Verständnis. Als er geendet hatte, und auch Hermine keine weiteren Fragen mehr hatte, stellte Harry fest, dass es ihm erneut ein Stückchen besser ging. Es war kein großer Fortschritt, aber doch sah die Welt wenigstens wieder etwas besser aus, was auch immer das bedeuten mochte. Nach einigen Minuten vertrautem Schweigens zog Hermine ihre Beine an sich, lehnte sich seitlich gegen Harry und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
Für eine ganze Weile saßen sie anschließend schweigend auf der Couch, die Harry seit seiner Ankunft nicht verlassen hatte, und starrten hinaus in das Grau des Himmels. Dann sah er sie in den Augenwinkeln. Erst eine, dann eine zweite, schließlich mehrere direkt hintereinander.
„Weinst du?", fragte Harry, faktisch nur das Offensichtliche aussprechend.
Hermine schüttelte zunächst den Kopf, doch dann wischte sie sich die frei fließenden Tränen aus dem Gesicht und schniefte mehrfach.
„Ich habe gerade an meine Eltern gedacht", erklärte sie schließlich deprimiert.
Harry schluckte. Er konnte mit seiner Vorgeschichte nur zu gut nachempfinden, was in ihr gerade vorging.
„Ich habe sie seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen", sagte sie leise, ihre Stimme tränenerstickt, „noch hatte ich irgendeine Form von Kontakt. Kein Brief, kein Telefonat, nichts! Ich weiß gerade gar nichts über sie. Ich weiß nicht, ob es ihnen gut geht. Ich weiß nicht, wo sie genau sind. Ich weiß nicht einmal, ob sie gesund in Australien angekommen sind! Oder ob sie es geschafft haben, dort ein neues Leben zu beginnen..." Hermine schniefte. „Und, das schlimmste ist, selbst wenn sie mich wiedersehen würden, würde sie mich überhaupt nicht erkennen!"
Harry nahm sie in den Arm und zog sie an sich.
Hermine sog scharf die Luft ein und stieß sie danach geräuschvoll wieder aus, bevor sie anfing ihren Frust von der Seele zu reden.
„Als ich nach dem Tod Dumbledores alleine zu Hause saß und mich auf die Horkruxjagd vorbereitete, da klang der Plan in meinem Kopf so gut. Ich..., ich musste dafür sorgen, dass sie in Sicherheit waren. Dass sie nicht zwischen die Fronten gerieten, oder schlimmer, in die Hände Voldemorts. Da erschien es so naheliegend, ihre Erinnerungen zu löschen sie nach Australien zu schicken. Das war ein Jugendtraum von ihnen. Nach Australien fliegen und dort eine Praxis aufbauen, am besten in der Nähe eines schönen Sandstrandes. Tagsüber in der Praxis arbeiten, anschließend an den Strand, einen Cocktail schlürfen, Füße im Wasser baumeln lassen, gemütlich zusammen zu Abend essen, während die Sonne allmählich untergeht. Sie haben immer wieder davon erzählt, als ich jung war. Fast wären wir tatsächlich umgesiedelt, als ich noch klein war."
Harry, der gerade noch versucht hatte, sich in diesen Lebenstraum hineinzuversetzen, fühlte einen Stich in seinem Herzen bei dem Gedanken, dass er Hermine um ein Haar wohl nie kennengelernt hätte.
„Doch sie entschieden sich, dass es besser sei, wenn ich weiter hier in England zur Schule ging. Es gab da ein Mädchen, Ann. Sie war die einzige, mit der ich in der Schule etwas Kontakt hatte. Nicht viel, wir saßen nebeneinander und ich war zwei Mal zu ihrem Geburtstag eingeladen, aber für meine Verhältnisse war das damals schon eine enge Freundschaft. Meine Eltern fürchteten, dass sie mir die einzige Freundin nehmen würden, die ich jemals finden würde, wenn wir nach Australien zögen. War zu dem Zeitpunkt wohl keine allzu unrealistische Annahme. Naja, und dann kam etwas später der Brief aus Hogwarts, und es ging nicht mehr. Sie blieben also in England, während ich nach Hogwarts ging. Dort fand ich dich und Ron, aber dafür verlor ich meine Eltern."
Hermine blinzelte ein paar neue Tränen weg, dann begannen die Worte nur so aus ihr heraussprudelten.
„Und jetzt? Ich weiß nicht mehr, was ich fühlen soll, Harry. Ich musste doch etwas tun! Sie konnten nicht hier bleiben. Voldemort hätte sie gefoltert, getötet, als Köder benutzt, um uns zu kriegen, um dich zu kriegen, ich musste sie aus der Schusslinie kriegen! Es wäre nicht gut gegangen! Sie hätten sich ja nicht wehren können ohne Magie. Und jetzt ist Voldemort tot, aber ich kann sie immer noch nicht zurückholen. Es ist einfach zu früh, bei all den Todessern, die noch frei herumlaufen und jetzt mehr denn je auf Rache aus sind. Wenn die Wind davon bekämen, dass meine Eltern wieder da sind... Ich will, dass es ihnen gut geht, dass sie sicher sind. Dass es nicht umsonst war. Aber trotzdem..., ich vermisse sie einfach so sehr..."
Harry schlang seine Arme noch fester um Hermine. Es war das einzige, was ihm in der Situation richtig erschien, und das einzige, zu dem er in seinem eigenen emotionalen Zustand in der Lage war.
„Und dann ist auch noch die Situation mit Ron", schluchzte Hermine nach mehreren Minuten Stille, die nur von leisem Atmen und gelegentlichem Schniefen unterbrochen wurden.
Harry wurde hellhörig.
„Ron?"
Sie nickte traurig.
„Er ist so niedergeschlagen wegen Fred. Er zeigt es nicht immer, aber er leidet schrecklich, auch wenn er nichts sagt und es nach außen so wirkt, als ginge es ihm den Umständen entsprechend gut. In solchen Momenten will ich ihn einfach nur an mich drücken und nie mehr loslassen. Weil er es braucht. Und ich auch."
Harry wusste, dass sie recht hatte. Ron hatte versucht, seine Gefühlslage so gut wie möglich zu verstecken, und verglichen mit George, Mrs. Weasley oder Ginny war es ihm sogar überraschend gut gelungen, zumindest wenn man es relativ betrachtete. Für einen unbeteiligten Dritten mochte es sogar so ausgesehen haben, als sei er bereits über die ersten Phasen der Trauer hinweg und auf dem Weg der Heilung, doch Hermine und Harry wussten es besser. Tief in seinem Herzen war er schwer verletzt, und ab und an zeigte sich das auch offen, auch wenn er sich bemühte, sich unter Kontrolle zu haben.
„Dann gibt es die guten Momente", fuhr Hermine fort. „Wenn er lacht. Wenn ich seine blitzenden Augen sehe, sein schelmisches Lachen, seinen Humor fühle. Wenn er zeigt, dass ich ihm wichtig bin. Wenn er mir Komplimente macht, naja, oder es zumindest versucht." Hermine lachte kurz auf. Es wirkte in dieser Situation einfach irre, so als sei sie für eine Sekunde übergeschnappt, bevor sie weiter redete, als habe dieses Lachen nie stattgefunden. „Wenn er mich mit seinem Hundeblick ansieht, nachdem er endlich realisiert hat, was er falsches getan oder gesagt hat. Wenn ich fühle, dass er es ernst meint. In solchen Momenten will ich ihn einfach nur küssen und ihm um den Hals fallen..." Hermine stoppte kurz ihren Redeschwall. „Dann gibt es wieder andere, wo ich ihm am liebsten auf den Mond schießen würde. Wenn er wieder das infantile Kind ist, das er früher oft war. Dickköpfig, eifersüchtig, irrational. Wenn er weiter diskutiert, obwohl ihm längst die Argumente ausgegangen sind."
Hermine seufzte schwermütig.
Harry entwickelte etwas Bauchgrimmen bezüglich der Richtung, die die Unterhaltung mit Hermine einschlug, gleichzeitig drängte sich ihm der Eindruck auf, dass sie hier eine aktivere Gesprächsbeteiligung von ihm erwartete, die ihren Quasi-Monolog unterbrach.
„Habt ihr noch einmal, seit, du weißt schon, der Schlacht...", fragte Harry im vollen Bewusstsein, dass er Ron kürzlich erst die gleiche Frage gestellt hatte.
Hermine schüttelte den Kopf.
„Nein. Es, ich weiß nicht, Küssen fühlt sich derzeit einfach nicht richtig an. Glaube ich. Damals, während der Schlacht, nach allem, was vorgefallen war, ja. Es war genau das, was wir gebraucht hatten. Es war spontan, so lange überfällig, und gut. Mehr als gut, überwältigend! Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was da plötzlich in mich gefahren ist. Ich weiß nur, dass sich sehr viel aufgestaut hatte, und als er dann an die Hauselfen gedacht hat, was jeder andere vergessen hat, ich ja auch, dann hat einfach mein Hirn kurzzeitig ausgesetzt. Und all das, was sich bis dato aufgestaut hat, hat sich in einer riesigen Explosion entladen."
Hermine, die kurzzeitig richtig euphorisch geklungen hatte und deren letzte Sätze mit leuchtenden Augen aus ihr herausgesprudelt waren, sah von Harry weg und schließlich zu Boden.
„Aber es ist so viel passiert seit diesem Moment. Es fühlt sich an, als sei es in einem vorherigen Leben passiert", sagte sie traurig.
Harry seufzte. Ihm ging es genauso, und zwar nicht nur, weil er faktisch ein zweites Leben geschenkt bekommen hatte. Die wenigen Wochen seit der Schlacht fühlten sich unendlich lang an, die Erinnerungen davor wie ein schlecht erhaltenes Band verblasster Szenen aus einem uralten Schwarzweiß-Film, dessen einheitliches Grau nur hier und da von einigen bunten Fetzen besonders schöner Ereignisse unterbrochen wurde, ein paar einzelne Farbkleckse in einem Meer des Schmerzes.
„Wem sagst du das...", war das einzige, was er dazu sagen konnte.
„Ich bin einfach so verwirrt, Harry", fuhr Hermine fort. „Ich fühle so viel gleichzeitig und es fällt mir schwer, das alles einzuordnen. Ein Teil von mir will unbedingt mit Ron zusammen sein, so wie ich es mir seit dem vierten Schuljahr wünsche. Ein anderer Teil in mir fürchtet, dass wir einfach zu wenig Gemeinsamkeiten haben, um eine lange glückliche Beziehung zu führen. Wir sind so gute Freunde, aber wären wir auch ein gutes Paar? Ich weiß, dass ich mich körperlich wirklich zu ihm hingezogen fühle – lass das bitte einfach unkommentiert stehen, Harry – aber tief in mir drinnen befürchte ich, dass das auf Dauer nicht reichen wird, eben weil wir nicht so viele Gemeinsamkeiten haben, wie wir haben sollten. Über was reden wir? Meist reden wir mit dir oder über Themen, die dich betreffen. Wir können wunderbar mal einen halben Tag gemeinsam ohne dich überbrücken, aber können wir das auch dauerhaft? Sind wir wirklich beziehungsfähig? Oder ist das nur Schwärmerei, angefacht von dem ganzen Chaos um uns herum? Ron hat es doch auch gesagt, direkt danach. Es war eine Jetzt-oder-Nie-Situation. Du hast es doch gehört, oder?"
Harry nickte stumm.
„Wir waren inmitten einer grausamen Schlacht, in der unser Tod sehr wahrscheinlich war. Wir hatten nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Aber jetzt, nachdem wir überlebt haben, tauchen wieder all die Fragen auf, die damals egal waren. Allen voran, ob wir wirklich gut genug zusammen passen, dass wir eine echte Chance haben. Was wenn wir nur zanken und uns ständig in die Wolle kriegen?"
Hermine starrte kurz in die Ferne, und für einen Moment wirkte es so, als wollte sie nach einer verblassten alten Erinnerung greifen, sie erneut mit Leben füllen und sie so generalüberholt wieder in aller Frische zu schildern.
„Als ich vor unserem sechsten Jahr ein paar Tage vor dir im Fuchsbau ankam, waren die ersten beiden Tage wunderbar. Wir hatten so viel zu erzählen nach dem Sommer, und es lief echt super. Doch dann, als uns die Themen ausgingen, wurde es komisch zwischen uns und unsere Gespräche nahmen irgendwie einen unangenehmen, künstlichen Charakter an. Es fühlte sich einfach nicht so an, wie es sollte. Mehr als nur einmal war ich ganz froh, wenn mich Ginny aus Rons Gesellschaft befreit hat. Oder wenn Mrs. Weasley und eine Aufgabe zu erledigen gab. Ist das eine Basis für eine Beziehung? Zwischen Partnern sollte es keine unangenehme Stille geben, aus der man gerettet werden muss."
„Nein, ich denke nicht", sagte Harry ehrlich, nachdem er Hermines fragenden Blick sah.
„Und das war nicht nur bei dem Besuch so. Das haben wir immer wieder, und ich gewinne langsam den Eindruck, es wird eher mehr als weniger." Hermine schneuzte in ein Taschentuch. „Liegt das nun an dem Krieg oder liegt das an uns? Sind wir psychisch und emotional so fertig, dass unsere Kommunikationsschwierigkeiten derzeit einfach nichts bedeuten, oder sind doch eher wir das Problem? Weil wir nicht gut genug zusammenpassen. War es mit Viktor nicht auch das gleiche? Am Anfang war es schön, Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber nach einer Weile merkte ich, dass es keine wirkliche Basis zwischen uns gab für mehr. Irgendwann war es einfach nur noch creepy, wenn er mich in der Bibliothek beim Lesen und Lernen beobachtete. Uns fehlte einfach das Verbindende. Nicht irgendetwas Verbindendes, das findet sich immer, ok, fast immer, sondern etwas, das zwei Personen grundlegend zusammenschweißt, und das nicht leicht erschüttert werden kann. Das Gefühl, gleich zu ticken, sich blind zu verstehen, keine Sorgen haben, dass man in elementaren Aspekten konträrer Meinung ist. Verstehst du, was ich meine? Eine Art Seelenverwandschaft vielleicht. Ist das ein zu großes Wort?"
Hermine kaute auf ihrer Unterlippe herum, während sie kurz nachdachte, ob sie wirklich Seelenverwandschaft meinte, ließ den Gedanken dann aber einfach fallen.
„Ja, ich weiß, Ron ist nicht Viktor und kennt mich deutlich besser als er, und Ron ist auch von seinem ganzen Naturell her deutlich gesprächiger als Viktor. Mir fällt auch nichts ein, von dem ich denke, dass wir grundsätzlich inkompatible Weltbilder hätten. Er ist ein guter Mensch und ein guter Freund. Aber trotzdem, ich fürchte einfach, wir passen nicht so gut zusammen, wie ich es mir immer erhofft habe... Was meinst du, Harry?"
Harry zuckte leicht. Diese Frage hatte er befürchtet. Was sollte er dazu sagen? Ron war sein bester Freund, Hermine seine beste Freundin. Gemeinsam waren sie durch dick und dünn gegangen und hatten binnen sieben Jahren mehr erlebt, als jede normale Clique jemals erleben konnte. Und nun sollte er sagen, für wie realistisch er die Aussichten auf eine langfristige Beziehung Ron und Hermines hielt?
Harry sah Hermine an, die Unsicherheit stand ihm klar ins Gesicht geschrieben.
„Du fragst mich, ob ihr beide gut zusammenpasst?", fragte Harry, ganz so als müsste er sich vergewissern, dass er das gerade wirklich richtig verstanden hatte.. „Du weißt, dass du da gerade sehr viel von mir verlangst, Hermine...? "
Hermine blickte ihn flehend an.
„Bitte, Harry. Niemand kennt uns beide so gut wie du. Du bist der einzige, der mir dabei helfen kann. Und ich bin wirklich in einer Sackgasse angelangt und komme nicht weiter. Ich brauche neuen Input von einer Stimme außerhalb meines Kopfes."
Harry atmete tief durch, während er versuchte, eine ehrliche und zugleich möglichst brauchbare Antwort zu formulieren. Wann war es eigentlich passiert, dass man plötzlich auf die Stimmen in seinem Kopf hören wollte, statt alles zu versuchen, um sie zu unterdrücken?
„Das, was ich jetzt sage, bleibt aber unter uns, ja?"
Hermine sah ihn entrüstet an.
„Selbstverständlich bleibt das unter uns, Harry! Was denkst du von mir?"
„Entschuldige, Hermine. Das hätte nicht so rauskommen sollen. Ich weiß, dass du verschwiegen bist und so was nicht weitertratschst."
Hermines Blick normalisierte sich wieder.
„Sorry."
„Ihr seid tatsächlich ziemlich unterschiedlich", sagte Harry schließlich. „Du bist unglaublich klug, brilliant sogar, eloquent und findest zu allen Problemen eine Lösung, ganz gleich wie kompliziert sie sind. Du bist loyal und opferst dich für jeden auf, auch wenn du dich dabei manchmal selbst vergisst. Du willst einfach immer und überall Gutes bewirken, egal wie groß die Widerstände sind, auf die du dabei triffst. Manchmal denkst du aber einfach zu viel, bist übertrieben perfektionistisch zu kopfgesteuert, statt einfach mal zu machen. In solchen Situationen bist du einfach grundlos unsicher. Du nimmst auch keine Hand vor den Mund, sagst was du denkst und bist dabei manchmal ziemlich rechthaberisch. Damit können viele nicht umgehen..."
Hermine drückte kurz Harrys Hand und sah ihm tief in die Augen.
„Danke für die Komplimente!" Dann begann sie sie zu schmunzeln und knuffte ihn spielerisch in die Seite. „Und für die weitere Einschätzung natürlich auch."
„Ich bin nur ehrlich", vereidigte sich Harry.
Hermine wurde wieder ernst.
„Ich weiß. Und dafür bin ich dir auch sehr dankbar."
„Schön", bekräftigte Harry. „Dann jetzt zu Ron: Ron ist wohl eher der Typ impulsiver Bauchmensch. Pragmatisch, hat bei vielen Dingen ein gutes Bauchgefühl und die richtigen Instinkte. Er ist faul, aber kann, wenn er will, und wenn es darauf ankommt, dann hat er das Herz am rechten Fleck. Er ist mutig, beschützend und geht für uns ohne mit der Wimper zu zucken durchs Feuer, wenn es sein muss. Und er hat den Humor, den es braucht, um in solchen Situationen zu bestehen."
„Oh ja, das hat er!", lachte Hermine dazwischen.
„Seine größte Schwäche ist aber wohl sein schwaches Selbstbewusstsein. Das macht ihn dann auch häufig ziemlich eifersüchtig, gerade wenn er sich unterlegen fühlt. Wobei ich den Eindruck habe, dass er sich mittlerweile mehr zutraut als früher. Meinst du nicht auch?"
„Ja, das trifft es wohl ziemlich gut, Harry", sagte Hermine zustimmend. „Und das heißt nun?"
Harry dachte kurz nach, dann spiele er den Ball zurück zu Hermine.
„Sag du es mir. Ich habe meinen Input geliefert. Analysieren, überdenken und Schlüsse ziehen ist aber dein Spezialgebiet."
Hermine starrte ihn kurz böse an, bevor sie realisierte, dass er nicht unrecht hatte und in ihre typische Nachdenkhaltung mit starrem Blick und zerfurchter Stirn verfiel.
„Wir sind unterschiedlich", sagte sie schließlich nach ein oder zwei Minuten mit mehr als nur einem Hauch Überraschung in der Stimme. „Aber wenn du recht hast, dann haben wir vielleicht mehr Gemeinsamkeiten, als ich dachte. Wir sind beide loyal, wir sind beide mutig, wir schrecken vor keinen Hindernissen zurück. Und wir leiden beide an Unsicherheit und geringem Selbstvertrauen. Oberflächlich betrachtet mögen Ron und ich sehr unterschiedlich erscheinen, aber möglicherweise sind wir gar nicht so verschieden. Zumindest was unsere grundlegenden Charaktereigenschaften angeht. Danke, Harry!"
Hermine umarmte ihn kurz, um ihre Dankbarkeit auch körperlich zu zeigen. Dann kuschelte sie sich tiefer in das Sofa – es wirkte, als vergrub sie sich auf der Suche nach bestmöglichem Schutz - und starrte aus dem Fenster.
„Du meinst also, wir sollten es noch einmal versuchen?", fragte sie einige Zeit später unsicher, um anschließend mit klar vernehmbaren Zittern in der Stimme den Elefanten im Raum klar anzusprechen. „Auch wenn es die Gefahr birgt, dass es nicht klappt und womöglich unsere Freundschaft daran zerbricht?"
Harry atmete geräuschvoll aus. Damit war es raus. Der Gedanke, der ihm seit Jahren immer wieder Angst einjagte, wenn er zwischen all dem Chaos, das er sein Leben nannte, mal ein paar ruhige Minuten Zeit zum Nachdenken über Hermine und Ron hatte: Dass die manchmal fragile Freundschaft zwischen Hermine zerbrechen und damit auch sein Verhältnis zu den beiden großen Schaden nehmen könnte, er sich evtl. sogar zwischen seinen beiden Freunden entscheiden musste, wenn es ganz übel ausging. Es war eine Vorstellung, die Harry den kalten Angstschweiß auf die Stirn trieb. Hermine und Ron waren die einzigen echten Freunde, die er in seinem Leben je gehabt hatte. Die einzigen Menschen, die seine dunklen Geheimnissen kannten und ihn so akzeptierten, wie er war, mit all seinen Fehlern. Sie waren es, die verhinderten, dass er durchdrehte, nach all dem, was er in seinen jungen Jahren schon hatte erleben müssen, die sein Leben die letzten Jahre lebenswert gemacht hatten. Was wenn das nun zerbrach? Wenn Hermine ebenso empfand, dann zeigte das Harry, dass seine Befürchtungen nicht nur eingebildet waren, sondern sehr realistisch waren. Er fragte sich, ob auch Ron die gleiche Befürchtung hatte.
„Ich weiß es nicht, Hermine", sagte Harry nach einer ganzen Weile, was sowohl eine diplomatisch geschickte Formulierung war als auch die pure Wahrheit. „Derzeit seid ihr also nicht offiziell zusammen?"
Hermine seufzte.
„Ich..., nein, sind wir nicht. Wir haben nie offen darüber geredet oder „Das Gespräch" geführt. Manchmal fühlte es sich so an, dann wieder nicht. Nach Rons Vergiftung und seinem Geständnis im Krankenflügel dachte ich eine Weile, es steht kurz bevor, eigentlich den ganzen Sommer über. Aber dann kam der Krieg, unsere Flucht und alles. Und nachdem er uns dann im Winter verlassen hat..." - in Hermines Augen bildeten sich Tränen, die sie gleich mit einer Hand wegwischte, bevor es noch mehr wurden - „dann war ich einfach nur stocksauer auf ihn. Um ehrlich zu sein, ich weiß bis heute nicht, ob ich es ihm vollständig verziehen habe. Ich hoffe es, alleine schon wegen unserer Freundschaft, aber manchmal, tief in mir drin, da frage ich mich, ob er es wieder tun wird. Es ist, als sei ein Grundvertrauen zerbrochen. Ich weiß nicht, ob ich ihm nach dem jemals wieder 100 % vertrauen kann. Und ich fühle mich schlecht deswegen, richtig schlecht, weil ich weiß, dass er unter dem Einfluss des Horkruxes stand. Ich weiß doch, wie dieses verdammte Medaillon jedes positive Gefühl aus uns heraussaugte und unser ganzes Denken und Fühlen mit negativen Emotionen überschwemmte. Und er hatte den Horkurx die ganze Zeit um an dem Tag, viel zu lange. Deswegen war er so. Deswegen hat er uns all die schrecklichen Dinge an den Kopf geworfen und uns verlassen. Er war nicht Herr seiner Sinne. Er war getränkt mit dem Hass Voldemorts. Und dennoch. Ich kriege den Gedanken einfach nicht weg, dass er es wieder tun könnte. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch, Harry?"
Hermine schlug sich die Hände vors Gesicht, während sie vor sich hin schluchzte.
Harry legte einen Arm um sie und zog sie an sich.
„Hermine!" Harry drückte sie an sich und hielt sie fest. „Hermine, du bist vieles, aber du bist definitiv kein schlechter Mensch! Du willst immer nur das Beste in allen Menschen sehen, und tust alles, damit sie auch das Beste zeigen. Du kümmerst dich den ganzen Tag darum, dass es allen gut geht. Egal ob Mensch, magisches Wesen oder Tier. Selbst Spinnen trägst du weg und entlässt sie in die Freiheit, statt sie tot zu schlagen, wie es die meisten anderen tun. Ganz ehrlich, du bist der beste Mensch, den ich jemals kennen gelernt habe."
Hermine drückte Harry etwas von sich weg, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Findest du?", fragte sie mit großen, tränennassen Augen.
Harry erschrak innerlich, als er realisierte, was für einen bedeutungsschweren Satz er gerade ohne Nachdenken gesagt hatte. Doch auch nach wenigen Sekunden Bedenkzeit kam er zu dem Ergebnis, dass der Satz uneingeschränkt wahr war.
„Ich weiß es, Hermine."
Hermine begann zu strahlen.
„Oh Harry!", war das einzige, was sie zu sagen schaffte, bevor sie ihn abrupt in eine ihrer langsam fast schon zur Gewohnheit werdenden ultrafesten Umarmungen zog, die Harry beinahe die Luft aus dem Brustkorb drückten.
So eng aneinander gepresst verharrten sie mehrere Minuten, bevor sie sich lösten und sie sich wieder nebeneinander setzten, wobei Hermine ihren Kopf auf Harry Schulter ruhen ließ. Eine ganze Zeit lang sprachen sie gar nichts, sondern genossen einfach nur die gegenseitige Anwesenheit und Wärme, während sie in ihren jeweiligen Gedanken versunken waren. Harrys Gedanken drifteten zurück zu Ginny, während Hermine weiter grübelte, wie es mit ihr und Ron weitergehen sollte. Anschließend kamen sie auf leichtere Themen zu sprechen. Nach einer Weile löste sich Hermine behutsam von Harry, stand auf und schlenderte zum Fenster, von dem man einen Blick hinunter auf die Eingangstür werfen konnte. Das Alter des Fensters, die Schlieren vom langen Regen und der innen anheftende Staub erschwerten zwar etwas die Sicht nach draußen, doch eine Tatsache konnten sie nicht verschleiern: Es hatte aufgehört zu regnen. Nach mehreren Tagen Dauerregens, wie man ihn nur in Großbritannien erleben konnte, hatte sich die Sonne zurückgekämpft an ihren Platz am Firmament und damit begonnen, die Dächer der Nachbarhäuser allmählich mit ihrem warmen Nachmittags-Licht zu trocken. Und das war nicht alles. Auf der anderen Seite begann sich sehr zart, aber doch deutlich erkennbar ein Regenbogen zu bilden, dessen leuchtende Farben einen mehr als nur willkommenen Kontrast zu den dunkelgrauen bis schwarzen Regenwolken bildete, die zuletzt das Monopol am Himmel innegehabt hatten.
Hermine winkte Harry zu sich heran.
„Sieh mal, Harry", sagte sie, als er sich neben sie stellte, und legte ihren Arm locker um seine Seite. „Ob das ein Zeichen ist?"
Harry starrte hinaus und betrachtete das Himmelsschauspiel.
„Hätte nichts dagegen", brummte er schließlich, wenn auch mit einem Hauch Zuversicht.
Hermine lächelte.
„Ich auch nicht. Aber jetzt lass uns gehen, Harry. Die zwei Stunden, die ich Ron gegeben habe, sind fast um. Nicht dass sie doch noch eine großangelegte Suchaktion nach uns beiden starten."
Harrys Blick verfinsterte sich wieder etwas, als er daran dachte, zum Fuchsbau zurückzukehren, aber er widersprach nicht. Er wusste, dass es die richtige Entscheidung war, auch wenn sie ihm wahrlich nicht leicht fiel.
„Ok", antwortete er nur.
Sie lösten sich von der Fensterbank und machten sich auf den Weg zur Tür. Dort angekommen drehten sie sich noch mal um und betrachteten den Salon. Von den zurückgekehrten Staubschichten und Spinnweben abgesehen sah der Raum noch genauso aus wie am Morgen des schicksalhaften Tages ihres Ministeriumsbesuchs, als sie zuletzt hier gewesen waren. Noch immer lagen die zurückgelassenen Schlafsäcke, in denen Harry und Ron übernachtet hatten, auf dem Teppich nahe des Klaviers und noch immer stand das Schachbrett, auf dem er und Ron sich gelegentlich duelliert hatten, auf dem inzwischen wieder grauen, von Flusen übersäten Tisch. Selbst der viel zu kitschige Roman, mit dem Hermine weitgehend erfolgslos versucht hatte, sich des Abends von all den Schrecken von Voldemorts Terrorherrschaft abzulenken, lag weiter auf dem Schränkchen neben dem Sofa, und wartete nur darauf, dass sie auch die letzten rund 80 Seiten verschlang. Doch wieso lag eigentlich alle das Zeug noch da, so wie sie es zurückgelassen haben?
„Harry?", fragte Hermine mit plötzlichem, deutlich vernehmbarem Zittern in ihrer Stimme.
Harrys Körper spannte sich sofort an, als er seinen Kopf sofort in Richtung Hermine drehte. Diesen Unterton kannte er. Und er wusste, dass er Ärger bedeutet.
„Was hast du, Hermine?", fragte er alarmiert, während er instinktiv nach seinem Zauberstab tastete.
Hermine sah erneut in den Raum, räusperte sich und sah dann wieder Harry an.
„Hier sieht es noch exakt genauso aus wie letzten Sommer, als wir zuletzt hier waren."
Harrys Anspannung ließ nach, er hatte irgendetwas Schlimmes erwartet. Aber nicht so eine unbedeutende Kleinigkeit.
„Ist doch gut, oder?", sagte er leicht irritiert, und fragte sich, wieso Hermine daraus ein Thema machte. „Das heißt doch, hier ist niemand eingedrungen und es weiter sicher ist."
Hermine schüttelte mit einer Vehemenz den Kopf, dass ihre zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen buschigen Haare nur so umherflogen.
„Nein, Harry, ganz sicher nicht! Ich habe Yaxley unbewusst eingeweiht, und die Wahrscheinlichkeit, dass er oder das Ministerium dieses Haus nicht durchsucht hat, ist EXAKT NULL. Denk doch mal nach! Wir waren der Hauptfeind Nummer 1, die meistgesuchten Personen in der gesamten Zaubererwelt! Hier war unser geheimes Versteck, in dem wir lebten, unsere Operationsbasis, von der wir alles koordinierten. Hier haben wir unabsichtlich Zeug zurückgelassen, dass möglicherweise hätte Aufschluss geben können über unsere Pläne. Und das ist nicht alles: Schon vor unserer ungeplanten Rückkehr vor einem Jahr wurde das Haus bereits durchsucht, obwohl damals die Lage noch gar nicht so klar und Voldemorts Macht noch geringer war! Darüber hinaus war dieses Gebäude das Stammhaus eine der wichtigsten „reinblütigen"" - Hermine betonte das Wort mit mehr als nur einem Hauch Verachtung - „Familien im ganzen Land, noch dazu eine mit einem bekannten Hang zur schwärzesten aller denkbaren Magien. Wenn es irgendwo wertvolle Gegenstände für Todesser gab, dann wohl hier. Ja, zugegeben, wir haben den Großteil des ganzen Gerümpels entsorgt, aber eben längst nicht alles."
„Was willst du damit sagen?"
„Ist das nicht logisch, Harry?" Hermine redete so schnell, dass Harry Mühe hatte, mitzukommen, so flott schossen die Worte aus ihrem Mund. „Man würde annehmen, dass Yaxley das ganze Haus auf den Kopf stellen würde. Dass er keinen Stein auf dem anderem lassen würde. Dass alles kreuz und quer umherfliegen und es hier aussehen würde wie in Rons Schlafzimmer, nachdem die Zwillinge dort ihr gesamtes Sortiment getestet haben." Hermine stoppte kurz, nachdem ihr ihr eigener Satz einen kräftigen Stich ins Herz verpasst hatte.
„Was ich sagen will, ist folgendes, Harry", fuhr sie nach wenigen Sekunden darauf fort, allerdings nun wieder in normaler Sprechgeschwindigkeit und in deutlich gedämpfteren Tonfall. „Yaxley war hier, aber es war ihm unglaublich wichtig zu verschleiern, dass er hier war. Oder noch schlimmer, was er hier wirklich gemacht hat."
Harry war noch nicht restlos überzeugt.
„Dumbledore brachte die Muggle-Wohnung, in der Slughorn sich versteckte, mit einem REVERTE wieder in Ordnung", erklärte er und malte mit seinen Händen Gegenstände in die Luft, die wild umherflogen. „Ging ganz flott. Kein großer Aufwand."
Hermine schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, dafür war mehr nötig als ein simples REVERTE. Hier ist nach all dem Ausmisten immer noch so viel schwarze Magie im Haus. Ich glaube kaum, dass man alles hier mit einem derart einfachen Zauberspruch zurück an seinen angestammten Platz bewegen kann. Dafür haben schwarzmagische Gegenstände einfach viel zu viele Beharrungskräfte."
Harry nickte. Das war einleuchtend, zumal ihm seine eigene Erfahrung genau das gleiche sagte. Andererseits... Harry drehte seinen Kopf sah Hermine an, und seine Mundwinkel bewegten sich zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder nach oben.
„Wissen das auch die Todesser?"
Hermine war einen Moment irritiert, dann begann sie ebenfalls zu grinsen.
„Finden wir es heraus."
Harry grinste zurück und begann zum Treppenhaus zu stiefeln, Richtung zweiter Stock, doch eine Hand an seinem Armgelenk stoppte ihn.
„Morgen, Harry. Nicht heute. Wir kommen morgen zurück, und zwar zu dritt. Jetzt kehren wir zum Fuchsbau zurück, sonst sind wir wirklich zu spät."
Harry setzte an zu widersprechen, doch Hermine unterbrach ihn und zog ihn mit leichtem Druck zum Treppenabgang. Harry folgte ihr. Zwei Minuten später waren sie wieder in der Nähe des Fuchsbaus angelangt und stapften durch große Regenpfützen, Schlammlöcher und zu hohes Gras in Richtung des Hühnerstalls, wo Ron schon nervös auf sie wartete.
„Verdammt Harry und Hermine", flüsterte er mit gesenkter, aber doch klar erregter Stimme, „die zwei Stunden sind seit zehn Minuten um! In fünf Minuten hätte ich die ganze Kavallerie zusammengetrommelt, um eine Rettungsaktion zu starten! Macht das bloß nicht wieder! Es ist ein Wunder, das Mum und Dad bisher nichts von eurer Abwesenheit mitbekommen haben!"
Harry sah Hermine von der Seite her an.
„Wie erwachsen unser Ronald geworden ist. So verantwortungsbewusst."
Und auch wenn es sein weiterhin mürrischer Gesichtsausdruck nicht widerspiegelte, in seinem sarkastischen Tonfall lag auch ein Hauch von Humor.
Ron boxte Harry gegen den Arm.
„Ich meine es ernst, Kumpel!"
Hermine lächelte Ron an und strich ihm über den Arm.
„Wissen wir, Ron. Nein, ehrlich, das war gute Arbeit."
Dann erzählten sie ihm – nachdem sie sich vergewissert hatten, dass niemand in der Nähe war und lauschte, von ihrem Verdacht und dem Plan, morgen zum ehemaligen Hauptquartier des Orden des Phoenix zurückzukehren. Ron war bestenfalls mittelprächtig begeistert, verstand aber, dass es wichtig war. Offenbar ging die Zeit des Einbunkerns im Fuchsbau allmählich zu Ende.
