Kapitel 6 Ein schwerer Abschied

Am nächsten Morgen war Harry – trotz extrem kurzer Nacht – der Dritte beim Frühstück, gleich nach Mr. und Mrs. Weasley. Harry wünschte seinen beiden inoffiziellen Adoptiveltern noch auf der Treppe einen guten Morgen, eine Grußformel, die sie beide merklich zusammenzucken ließen, bevor sie sie hörbar widerwillig erwiderten. Noch bevor Harry richtig in der Wohnküche angekommen war, war Mrs. Weasley aufgesprungen und hatte sich in die Kochnische zurückgezogen, angeblich, um ihm Kürbsissaft zu holen und ihm frisches Rührei zuzubereiten, während Mr. Weasley die Zeitung etwas höher vor sein Gesicht zog, bevor er sich geräuschvoll räusperte und schließlich betont inhaltslosen Small Talk mit Harry begann. Anschließend tat Harry so, als habe er das wieder einmal vor Tränen verquollene Gesicht von Mrs. Weasley genauso wenig bemerkt wie die etwas zu roten Augen von Mr. Weasley. Es wurde langsam zu einem ungewollten Morgenritual. Harry war froh, dass nach etwa fünf Minuten – es fühlte sich an wie eine Stunde – Hermine die Küche betrat und sich neben ihn setzte, nachdem sie sich eine Schale Müsli und ein Glas Orangensaft geholt hatte.

Überraschenderweise war Ron ebenfalls viel früher wach als üblich – Harry schob es auf Rons Neugierde – und so saßen sie schließlich zu fünft in der Wohnküche, die von der aufgehenden Sonne allmählich in helleres Licht getaucht wurde, und Harry schilderte den Weasleys in groben Zügen, was ihm Kingsley einige Stunden zuvor mitgeteilt hatte. Als er fertig war mit seiner Darstellung teilte er ihnen mit, dass er vor hatte, das Landhaus suchen und inspizieren zu wollen. Nach einer längeren kontroversen Debatte über Für und Wider, bei der sich vor allem Mrs. Weasley enorm besorgt zeigte, ob schon der richtige Zeitpunkt für solche Aktionen sei, während Mr. Weasley sowohl Vor- als auch Nachteile sah, gab Mrs. Weasley schließlich ihren Widerstand auf. Allerdings nur unter mehreren unverhandelbaren Bedingungen und dem mehrmaligen Versprechen des Trios, extrem vorsichtig zu sein und direkt nach Ankunft per Patronus Bescheid zu geben, dass alles in Ordnung war. Zwar hatte sie bis zuletzt versucht, den Dreien das Vorhaben auszureden, doch nachdem selbst die große Küchenuhr seit langem mal wieder nicht alle Familienmitglieder in Lebensgefahr sah, gingen ihr schließlich die Argumente aus. Auch wenn das nicht hieß, dass ihre Ängste und Sorgen auch nur einen Deut geschrumpft waren und sie Harry, Ron und Hermine auch klar spüren ließ, dass sie die Aktion weiterhin für viel zu gefährlich hielt.

Harry fühlte sich schlecht, weil er ihr in ihrem gegenwärtigen Zustand noch weitere Ängste und Sorgen aufbürdete, sah es aber wie Kingsley, nämlich dass ein weiteres mit Fidelius-Zauber geschütztes Haus einen unschätzbaren Wert hatte. Außerdem hielt er einfach die Enge im Fuchsbau nicht mehr aus. So sehr er den Ort und die Personen in ihm auch mochte, nach einem ganzen Monat, in dem er sich von den viel zu vielen Beerdigungen und der kurzen Flucht zum Grimmauldplace abgesehen nicht weiter als ein paar Meter vom Haus entfernt hatte, musste er einfach mal wieder etwas Neues sehen, alleine schon um der bedrückenden, depressiv machenden Trauerstimmung, die weiterhin wie Blei über dem ganzen Haus lag, wenigstens für einige Stunden zu entkommen. Ja, es gab auch gute Momente, etwa wenn er mit Hermine und Ron zusammensaß und sie miteinander scherzten oder sich einfach zwanglos über etwas Nettes unterhielten, doch nach all der gemeinsamen Zeit seit der Schlacht um Hogwarts und ohne nennenswertem Input von außen war ihnen der Gesprächsstoff ziemlich ausgegangen. Und sie konnten auch nicht den ganzen Tag Zauberschach spielen, während Hermine etwas las. Tatsächlich hatte Harry eines Abends Hermine dabei beobachtet, wie sie ein Buch entnervt neben sich auf Rons Bett gepfeffert hatte, um anschließend einfach nur aus dem Fenster zu starren. Er hatte nichts dazu gesagt, aber innerlich fühlte er sich ihr in diesem Moment tief verbunden, noch tiefer als sonst.

Eine halbe Stunde nach Ende des Frühstücks und nach einer kurzen Besprechung untereinander war Harry alleine in Rons Zimmer und öffnete vorsichtig den von Kingsley erhaltenen versiegelten Umschlag. In ihm enthalten war ein längeres Schreiben des Ministeriums, das den Sachverhalt in juristisch-präzise-unverständlichem Kauderwelsch darlegte, ergänzt um einen weiteren kleinen Umschlag, der offensichtlich die tatsächliche Adresse des Hauses enthielt. Harry fragte sich, ob der Inhalt dieses Umschlages direkt von seinem Urgroßvater stammte oder vom Ministerium. Er nahm sich vor, Hermine einmal nach der genauen Funktionsweise des Fidelius-Zaubers zu fragen. Seines Wissens nach musste der Zettel tatsächlich von seinem Urgroßvater geschrieben worden sein, doch war das wirklich möglich? Hielt er hier tatsächlich ein Originalpergament seines Vorfahren in Händen? Harry atmete tief durch – sei Herz schlug gerade ungewöhnlich schnell – und schob dann den Gedanken beiseite, die Frage konnte er sich auch später noch stellen. Er öffnete vorsichtig, um bloß nichts zu beschädigen, den Umschlag und zog das in ihm enthaltene Papier behutsam heraus. Es war ein sehr kleines Stück Pergament, kaum größer als ein Notizzettel, und es stand nichts auf ihm als die Adresse. Als er sie las, entfuhr ihm ein Schrei des Erstaunens.

31 Greenwood Alley, Ottery St. Catchpole

Harry rief nach Ron und Hermine, die beide wie von Kingsley empfohlen vor der Tür gewartet hatten, und steckte das Pergament wieder in den Umschlag.

„Und?", fragte Ron, der als erster durch die Tür geplatzt war, offensichtlich genauso neugierig wie Harry. „Was steht drin?"

„Hast du die Adresse erfahren?", ergänzte Hermine, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen und verriegelt und ein schnelles Muffliato gesprochen hatte.

Harry nickte, noch immer mit einem etwas albernen Grinsen im Gesicht.

„Habe ich. Haltet euch fest: Die Adresse lautet 31 Greenwood Alley, Ottery St. Catchpole..."

Ron machte große Augen.

„Willst du mich verarschen, Kumpel?! Das ist direkt hinter'm Wald!"

„Du kennst die genaue Lage?", fragte Hermine erstaunt.

Ron ruderte etwas zurück.

„Naja, wo das Haus genau liegt natürlich nicht", erklärte er. „Aber ich weiß, wo die Greenwood Alley liegt. Das ist ein aus dem Hauptort hinausführender Weg hoch zum Wald, dort sind einige Muggelgärten. Würde mich wundern, wenn das mehr als 3 km von hier entfernt ist."

Harry klatschte in die Hand.

„Super! Kannst du uns da hin apparieren?"

Ron blickte ihn entschlossen an.

„Worauf du einen lassen kannst!"

Den Rest des Vormittags verbrachten sie mit Vorbereitungen. Es war zwar, wenn man Ron glauben konnte – und Harry und Hermine hatten keine Gründe dies nicht zu tun – nur ein Katzensprung bis zu Harrys Landhaus, aber die Lage nach dem Krieg war noch immer angespannt und unübersichtlich, daher bereiteten sich die drei mit der gleichen Voraussicht vor wie bei der Horkrux-Jagd. Zwar trug Hermine weiterhin zu jeder Sekunde ihre Perlenhandtasche bei sich, in der sich nach wie vor von Geld über Kleidung und Bücher bis hin zu diversen Zaubertränken unzählige potentiell nützliche Gegenstände für alle möglichen Zwecke befanden – Harry war sich nicht mal sicher, ob sie ihr Kleid herausgenommen hatte, das sie bei der Hochzeit getragen hatte – doch das hinderte sie nicht, den Inhalt der Handtasche akribisch genau zu überprüfen und mit ihrer handgeschriebenen Packliste abzugleichen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Handtasche bestmöglich gepackt war – unter anderem stieß ihr bitter auf, dass ihr Vorrat an Heiltränken und -salben unzureichend war – schlug sie noch einmal diverse Schutzzauber in einem halben Dutzend Bücher nach und testete zur Sicherheit auch den ein oder anderen komplexeren taktischen Zauberspruch, bei dem sie sich nicht sicher war, ob sie ihn auch in der Eile des Gefechts sicher beherrschte.

Harry und Ron machten sich in Zwischenzeit mit schlechtem Gewissen auf die Suche nach George, um ihn zu fragen, ob sie sich von ihm seinen und Freds Besen ausleihen könnten. Zwar gab es im Hause Weasley eine ganze Reihe von Flugbesen, die sie hätten nutzen können, ohne ihn belästigen zu müssen. Doch waren das allesamt alte, heruntergekommene und oft auch ramponierte Kinder- und Haushalts-Modelle, die schon zum Zeitpunkt ihres Kaufs weder sonderlich schnell noch sonderlich wendig gewesen waren und im Falle einer Verfolgungsjagd keinerlei realistische Fluchtchance erwarten ließen. Zu ihrer Überraschung drückte er ihnen ohne zu zögern die beiden nur wenige Jahre alte Cleansweep in die Hand und ergänzte, Fred hätte gewollt, dass sie mit ihnen Spaß hätten. Für einen kurzen Moment hatte Harry das Gefühl, wieder den alten George vor sich zu sehen, dann fiel Georges Grinsen wieder in sich zusammen und machte erneut dem traurig-ungläubigen Gesichtsausdruck Platz, den Harry seit der Schlacht viel zu oft gesehen hatte. Es half auch nicht, dass George merklich nach Alkohol roch und Harry in seinem Zimmer eine ganze Reihe leerer Flaschen Feuerwhiskey, aber auch Met und sogar Schädelspalter entdeckt hatte, die nun mal mehr und mal weniger gut versteckt auf dem Boden herumkullerten und in Summe auf ein mehr als nur problematisches Trinkverhalten von George schließen ließen.

Nachdem er die Bilder des alkoholmissbrauchenden George aus seinem Kopf verdrängt hatte, besprach Harry mit Ron kurz, wie sie möglichst geschickt vorgingen, um nach Verlassen des Weasley-Anwesen bloß nicht entdeckt zu werden. Anschließend teilten sie ihren erarbeiteten Plan Hermine mit, die nach zwei kleinen Verbesserungsvorschlägen ihr Placet gab. Als schlussendlich die Vorbereitungen mit dem Verstauen der Besen in Hermines Handtasche abgeschlossen waren, stiegen Harry, Hermine und Ron die Treppe hinab in die Wohnküche, wo Mrs. Weasley für Familie eine viel zu große Menge Sandwiches zubereitet hatte. Dort aßen sie gemeinsam mit Ginny und George zu Mittag, wobei die Stimmung mehrfach zwischen freudig erregt und bedrückt hin und her wechselte. Mrs. Weasley war weiterhin permanent den Tränen nahe, riss sich aber ihren Kindern sowie Harry und Hermine zuliebe zusammen, Ginny konnte Harry weiterhin nicht in die Augen sehen und George war wieder einmal nur ein apathischer Schatten seiner selbst, der nur dann einen Ton von sich gab, wenn es zwingend notwendig war. Nachdem sie alle satt waren und Ron noch mehrere Sandwiches als „Wegzehrung" eingepackt hatte, versuchte Mrs. Weasley ein letztes Mal halbherzig, Harry, Hermine und Ron von ihrem Plan abzubringen. Doch bevor sie darauf antworten konnten ergriff George zur Überraschung aller das Wort und erklärte, dass sie erwachsen seien und sie Harry nicht vom Aufsuchen seines eigenen Hauses abhalten könne.

Mrs. Weasley nickte nur traurig.

„Das weiß ich doch, George", sagte sie einfühlsam, bevor in ihr aufs Neue der grenzenlose Schmerz hochkam, den nur eine Mutter empfinden konnte. „Ich will einfach nur nicht noch ein Kind verlieren!", schrie sie plötzlich und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

George fiel ihr um den Hals und beide schluchzten hemmungslos. Harry fühlte, wie sich seine Eingeweide verknotete. Es tat ihm in der Seele weh, die beiden so zu sehen. Ron war käseweiß und wusste nicht, wie ihm geschah, noch wusste er, was er tun konnte, während Hermine Tränen in den Augen standen. Ginny, die einen Moment regungslos dagestanden hatte, sah kurz zu Harry, und zum ersten Mal an diesem Tag begegneten sich ihre Blicke.

„Geht jetzt besser", sagte sie leise und mit brüchiger Stimme. „Viel Glück."

Dann machte sie kehrt und drückte George und ihre Mutter mit aller Kraft an sich, während sie nun ebenfalls schluchzend ihren Kopf an Georges Schulter vergrub.

Harry, Ron und Hermine verließen die Küche und gingen Richtung Hühnerstall, wo sie sich erst einmal kurz sammeln mussten. Nachdem Hermine bitter geschluckt und sich die letzten Tränen aus dem Gesicht gewischt hatte, bat sie Harry um seinen Zauberstab – mit ihm fühlte sich einfach sicherer als mit dem von Bellatrix Lestrange – und tippte zunächst Harry, dann Ron und schließlich sich selbst mit ihm auf die Stirn. Harry fühlte sich, als habe sie ein kaltes Ei auf seinem Kopf zerschlagen, das nun langsam seinen Körper hinunter lief. Er sah zu Ron, der vor der aus Maschendraht bestehenden Gittertür des Hühnerstalls fast nicht zu erkennen war, dann zu Hermine, die sich nicht von dem Holz des Verschlages abhob.

„Fertig?", fragte er, nachdem ihm Hermine seinen Zauberstab zurückgegeben und er sich seinen Tarnumhang unter die linke Achselhöhle geklemmt hatte.

„Fertig!", sagte Hermine, die nun ihren ungeliebten Zauberstab in der Hand hielt, und ergriff seine freie linke Hand.

„Ok, dann bist du dran, Ron", erklärte Harry, während er seinen Griff um den Zauberstab verstärkte.

Ron ergriff Harry und Hermines Hände, dann zählte er langsam runter.

„Drei. Zwei. Eins."

Harry fühlte das vertraute, unangenehme Gefühl, dass sich alles drehte, als er an einen anderen Ort weggerissen wurde.