Kapitel 7 Neue Gefilde
Sekundenbruchteile später rematerialisierten sie sich in einem Waldstück, etwa 20 Meter von einem geschotterten Waldweg entfernt, und gingen sofort hinter zwei dicken Eichen in Deckung. Nach einem ausgiebigen Rundumblick, der der Vergewisserung diente, dass sie alleine waren, atmete Harry tief durch.
„Ok, die Luft scheint rein zu sein", sagte er. „Auf zum Weg."
Die drei schlugen sich in gebückter, Deckung suchender Haltung vorsichtig bis zu dem Waldweg durch, immer darauf bedacht, möglichst keine Geräusche zu machen, die sie verraten konnten. Sie konnten sich schließlich nicht sicher sein, dass sie auch tatsächlich alleine waren. Ihre Tarnung war zwar sehr gut, so gut, dass Harry Schwierigkeiten hatte, Hermine und Ron zu erkennen, obwohl sie nur zwei Meter neben ihm liefen, allerdings auch nicht perfekt. Als sie kurz darauf an dem Waldweg angekommen waren, hielt er Ron den Tarnumhang hin. „Jetzt kommt Schritt Zwei."
Sie stellten sich eng hintereinander – Hermine als die kleinste von ihnen vorne, gefolgt von Harry, während Ron als der größte von ihnen den Abschluss bildete – und Ron warf den Tarnumhang über das Trio. Für Harry war es ein merkwürdiges Gefühl, nach einigen Wochen wieder so so dicht aneinander gedrängt unter dem Umhang zu stehen. Um zu dritt darunter zu passen, musste er sich ziemlich eng an Hermine heran pressen, während Ron direkt hinter ihm stehen musste.
Ron hatte offenbar ähnliche Gedanken.
„Erinnert ihr euch noch, als wir kleiner waren und alle drei ohne Verrenkungen und Gruppenkuscheln unter den Tarnumhang passten?", fragte er flüsternd, aber mit klar vernehmbaren Unmut in der Stimme. „Manchmal vermisse ich diese Zeiten. Vielleicht sollte doch besser Hermine in unsere Mitte...?"
„Das haben wir doch bereits vorhin durchgesprochen, Ron", zischte Hermine. „Zwischen euch beiden sehe ich nichts, weder wo ich hinlaufe noch ob jemand auf uns zukommt. Um sicher zu sein, brauchen wir drei Augenpaare. Und wenn das heißt, dass du kurz mit Harry kuscheln musst, dann wirst du das ja mal ein paar Minuten aushalten. Ich beschwere mich ja auch nicht darüber, dass Harry so nah hinter mir ist. Und jetzt genug davon, lasst uns loslaufen und nicht noch mehr Zeit verschwenden!"
Harry grinste dümmlich in sich hinein, bevor ihm auffiel, dass sie damit Recht hatte. Es war wahr, nun da sie sich in Richtung des Waldweges aufmachte, da merkte er, wie nahe er Hermine tatsächlich war: Sie war nur Zentimeter von ihm entfernt, was bedeutete, das er die ganze Zeit den unverkennbaren Duft ihrer Haare in der Nase hatte und auch, dass er beim Gehen trotz des zwingend notwendigen Gleichschrittes immer wieder zwangsläufig ihren Po streifte. Doch sie beschwerte sich tatsächlich nicht darüber, sondern nahm es einfach kommentarlos hin. Sie hatte ein Ziel – in diesem Fall größtmögliche Sicherheit – und darauf fokussierte sie sich und das verfolgte sie, auch wenn der Weg dorthin evtl. mit Unannehmlichkeiten verbunden war. Oder war es ihr gar nicht unangenehm? Sofort verdrängte er den Gedanken wieder. Natürlich war es das. Aber sie war eben professionell. So wie es jeder sein sollte. Harry hoffte, dass er ebenfalls so professionell und fokussiert blieb wie Hermine und vor allem, dass er seinen Teenager-Körper so weit unter Kontrolle halten konnte, dass es nicht zu Peinlichkeiten kam. Immerhin war er nicht nur der Junge, der lebte, sondern körperlich auch ein ganz gewöhnlicher junger Mann in seiner hormonellen Blütezeit... Vielleicht war es daher gar nicht mal so schlecht, dachte er, dass Ron ebenfalls so nahe war. Als Ablenkung. Sonst blieb nur noch als Alternative, sich an das alte hässliche Krötengesicht zu erinnern und sich vorzustellen, wie sie sich morgens, beobachtet von ihren dämlichen Katzentellern, nur in Oma-Unterwäsche bekleidet ächzend und vor Anstrengung schwitzend in ihre Kompressionsstrümpfe mühte. Und das war etwas, das er sich besser nicht zu detailliert ausmalen wollte. Nicht dass diese grauenhafte Vorstellung dauerhaft in seinem Kopf kleben blieben und der erektionshemmende Effekt permanent wurde...
Etwa zwei Minuten später – Harry war stolz darauf, dass er sich auch ohne an Umbridge zu denken unter Kontrolle hatte – erreichten sie den Waldausgang. Vor ihnen erstreckte sich offene Landschaft. Der Wald war auf einer kleinen Anhöhe gelegen, von der ein Weg hinunter zum Ortskern von Ottery St. Catchpole führte. An den Wald schloss sich auf einer Seite eine Weide an, auf der mehrere junge Pferde grasten, auf der anderen Seite lag ein Getreidefeld, dessen Ähren bereits erste Anzeichen der Reife zeigten. Etwa 300 Meter weiter waren beidseitig des Weges einige Gärten einer größeren Gartenanlage zu sehen, die dem Anschein nach erst seit einigen Jahren bestanden. Hinter diesen befanden sich eine Parkanlage sowie der Friedhof von Ottery St. Catchpole, auf dem sie drei Tage nach der Schlacht Fred beerdigt hatten und wo auch Cedric Diggory seine letzte Ruhe gefunden hatte. Sein Grab lag gerade einmal zehn Meter von Freds entfernt, und als die Beerdigung zu Ende gewesen war und sich die für eine im Krieg befindliche Zaubergesellschaft riesige Menschenmenge aus Verwandten, Freunden, ehemaligen Mitschülern und Lehrern weitgehend zerstreut hatte, die Fred die letzte Ehre erwiesen hatte, stand Amos Diggory weiterhin in Gedanken versunken dort und zeigte keinerlei Anstalten, es zu verlassen.
Harry schüttelte kurz den Kopf, um die beklemmenden Gefühle zu verdrängen, die diese viel zu frischen Erinnerungen in ihm auslösten, und versuchte, sich wieder auf die Landschaft und potentielle Gefahren zu konzentrieren. Es war, wenn man den Krieg und alles, was er bewirkte einmal beiseite ließ, eigentlich eine ziemlich malerische Gegend, fand Harry, und das lag nicht nur daran, dass in dem Moment, als sie aus dem Wald getreten waren, die nicht allzu dicke Wolkendecke aufgerissen war und warmes, helles Sommerlicht die Landschaft zu fluten begann. Trotz der frühsommerlichen Jahreszeit mit angenehmen Temperaturen waren sie glücklicherweise alleine, kein spazieren gehender Muggelrentner schlenderte durch die Landschaft, kein Auto fuhr in den Wald, kein Traktor durch die Felder. Selbst in den Gärten, die sie wenige Minuten später erreicht hatten, war zu Harrys Erstaunen kaum etwas los. Im ersten Garten zu ihrer Rechten – Greenwood Alley Nummer 46 – lag eine wohlhabend aussehende Muggelfrau in ihren Endfünfzigern mit viel zu großem Sonnenhut und einer wohl aus den 80er Jahren geretteten Hornsonnenbrille dösend auf einem Liegestuhl, doch das war der einzige Mensch, den Harry entdeckte. Sogar der Ort selbst schien fast ausgestorben zu sein, jedenfalls nahm er nur sehr vereinzelt Autos wahr und sah weder Fahrradfahrer noch Fußgänger.
Gleichzeitig verstärke sich mit jedem Schritt seine Nervosität und Neugierde und sein Herz begann fühlbar stärker zu schlagen. Als sie an 34 Greenwood Alley vorbei kamen, einem langweiligen, fast nur aus perfekt gepflegtem englischen Rasen bestehenden Garten, der ihn beklemmend an Privet Drive, Little Whinging, und die Dursleys erinnerte, konnte er seine Aufregung regelrecht schmecken. Kurz darauf stupste ihn Hermine behutsam mit ihrem Ellenbogen an und wies auf eine kleine Lücke zwischen zwei Gärten hin, einen nur etwa einen Fuß breiten, mit Gras und Unkräutern bewachsenen Flecken zwischen einer dichten, in Form geschnittenen Hainbuchenhecke zur Begrenzung des einen Gartens und einer weiteren Stechpalmenhecke auf der anderen Seite.
Die Lücke zwischen den beiden Gärten war völlig unscheinbar, es wirkte einfach so, als hätte ein Nachbar etwas Sicherheitsabstand zur Hecke des anderen Nachbarn eingehalten. Doch nachdem sie sich mit einem einem wachsamen Blick vergewissert hatten, dass sie alleine waren, und dann auf sie zu schritten, da erwachte die verschlafene Gartenanlage schlagartig zu geschäftigem Leben. Die beiden Hecken wurden plötzlich unter lautem Grollen jeweils 15-20 Meter zur Seite geschoben, und schwangen dabei gefährlich hin und her. Aus dem nun frei gewordenen nackten Boden schossen binnen Sekundenbruchteilen vorher nicht sichtbare meterhohe Sträucher hervor, zudem eine ganze Reihe ausgewachsener Bäume wie Eichen und Kirschen. Dazwischen formte sich ein gepflasterter Weg, der aber völlig überwuchert war von allerlei Gebüsch und daher kaum begehbar. Hinter der ganzen Vegetation, die aussah wie eine dichter Waldrandsaum voller Sträucher in unterschiedlicher Größe und Gestalt, begann sich unter dem Dröhnen und Knirschen von in Bewegung gesetzten Steinmassen die Umrisse eines Hauses zu erheben, dessen Ausmaße und Form aber von all dem jahrzehntelang unangetastetem Bewuchs größtenteils verdeckt wurden. Schließlich sprang vor ihren Augen eine ebenfalls völlig verwilderte Ligusterhecke hervor, in deren Mitte sich da, wo der Steinpfad begann, ein steinerner Torbogen aufrichtete. In seiner Mitte musste sich einmal ein imposantes hölzernes Tor mit eiserner Einfassung befunden haben, nach all den Jahren hing aber nur noch der stark verrostete Rahmen an Ort und Stelle, während die hölzernen Teile bis auf kleine Rest weggefault waren.
Harry stand nahezu eine Minute regungs- und sprachlos vor der Szenerie und versuchte, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten.
„Woah", war das einzige, was er schließlich zustande brachte.
Das löste auch Ron die Zunge.
„Boah Harry", rief er mit nur etwas gedämpfter Stimme aus, „bist du sicher, dass dahinter ein Haus steht? Das hier ist ein verfluchter Wald! Hier sind mehr Bäume als im ganzen Forest of Dean!"
„Psst, Ron!", zischte Hermine. „Wir sind noch auf der Straße! Jeder kann uns hören!" Dann wandte sie sich an Harry, ihre Stimme auf einmal ruhig und sanft. „Sollen wir hineingehen, Harry?"
Harry sah sich noch einmal kurz die grüne Wand vor sich an, dann deutete er auf den Torbogen, der weitgehend von Bewuchs frei geblieben war.
„Ja, lasst uns hineingehen."
„Willst du als erstes?", fragte Hermine.
„Nein, bleiben wir unter dem Umhang", sagte Harry. „Aber wir sollten erst überprüfen, ob es sicher ist."
Harry hob seinen Zauberstab, den er seit Verlassen des Fuchsbaus in der Hand gehalten hatte.
„Homenum revelio!"
Nichts geschah. Hermine sprach mit gedämpfter Stimme ein paar weitere Zaubersprüche, um eventuelle Schutzzauber, magische Fallen oder ähnliches aufzuspüren, bevor sie schließlich ihren Zauberstab senkte.
„Ich glaube, uns droht hier keine Gefahr."
„Dann los", flüsterte Harry und sie traten über die Schwelle. Harry spürte, wie er über die Grenzen des per Fidelius-Zaubers gesicherten Areals trat und damit wieder die gewöhnliche Muggelwelt verlassen hatte. Als hinter ihm auch Ron den Schritt gemacht hatte, standen sie alle drei direkt vor dem Torbogen. Harry griff mit seinem freien linken Arm nach dem Tarnumhang und streifte ihn ab, bevor er ihn provisorisch unter seiner Armbeuge verstaute, dann trat er einen Schritt zur Seite, um nun nicht mehr zwischen Ron und Hermine eingepfercht zu sein.
„Sorry für's gelegentliche Anbumpen", sagte er schließlich mit leicht schlechtem Gewissen zu Hermine, die ihm – für Ron nicht sichtbar – einen kurzen „Schon-OK-Blick" zuwarf.
„Danke Kumpel, ich bin schon dabei, die Erinnerungen daran zu verdrängen", grummelte Ron, der den Satz offensichtlich auf sich bezogen hatte. „Ich hoffe, wir können beim Rückweg direkt von hier Apparieren."
Harry grinste, und auch wenn er es von seinem Standpunkt aus nicht genau erkennen konnte, da sie ihr Gesicht abgewandt hate, glaubte er, dass Hermine es auch tat. Er reichte Hermine seinen Umhang und sie verstaute ihn in ihrer Handtasche.
Harry betrachtete erneut die Szenerie, dann atmete er tief ein, gerade so, als müsste er sich erst eine Portion Mut einsaugen, und ergriff den Knauf des Tores vor ihm. Es war ein rein symbolischer Akt, sie hätten auch einfach durch den blanken Metallrahmen spazieren können, doch Harry war es wichtig, das Tor zunächst zu berühren, um sich wirklich zu vergewissern, dass das sein Grundstück war, das er betrat, ein Grundstück, das seine Vorfahren erworben und bebaut hatten und in der seine Familie gelebt hatte. Harry strich über das kalte, im Laufe der Zeit durch abgesplitterte Farbe spröde gewordene Metall, und stellte sich vor, wie sein Urgroßvater das Tor installiert hatte. Oder war es sogar ein noch älterer Vorfahre gewesen? Harry wusste es nicht, aber er nahm sich in diesem Moment vor, alles über das Haus und seine Bewohner in Erfahrung zu bringen, was er konnte. Hier lag seine Chance, endlich einmal aus eigener Hand die Geschichte seiner Familie kennenzulernen, und er hatte vor, diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Seine Familiengeschichte, das Leben seiner Vorfahren, was sie getan hatten, was sie gemocht hatten, wie sie gelebt hatten, was ihnen wichtig war, all das war bisher eine große Leerstelle in seinem Leben gewesen, und Harry schwor sich in diesem Moment, sie endlich zu füllen. Es war lange überfällig. Und das Haus, das er geerbt hatte, war dazu der große Schlüssel.
Allerdings musste er erst einmal zu ihm gelangen. Harry drückte den Torknauf nach unten, und zu seiner Überraschung öffnete sich das Tor von selbst, wenn auch unter einem äußerst unangenehmen schrillen Quietschen, das sowohl Hermine als auch Ron dazu veranlasste, ihre Hände auf die Ohren zu schlagen, um den Schall zu dämpfen. Harry hingegen ignorierte das Geräusch einfach, auch wenn es in den Ohren schmerzte, seine Faszination sowie sein Wunsch, alle Eindrücke in sich aufzusaugen war einfach zu groß.
„Boah Harry, das Tor könnte dringend mal einen Einölungszauber vertragen", grantelte Ron, nachdem er seine Hände von den Ohren genommen hatte.
Hermine schüttelte sich und Harry sah an ihren Unterarmen, dass sie sogar eine leichte Gänsehaut hatte.
„Ok, das war gerade wirklich..." Hermine lief wie zur Bestätigung ein neuer Schauder über den Rücken, der sich in einer deutlich sichtbaren Gänsehaut auf ihren Unterarmen zeigt. „Wie Kreide auf einer Tafel, aber die schlimmste Form davon. Unerträglich! Was habe ich das als kleines Mädchen gehasst in der Schule! Brrr..." Dann wandte sie sich an Ron. „Kannst du den Einölungszauber?"
Ron sah sie verwirrt an, als hätte sie ihn gefragt, ob er sich die Schuhe binden konnte.
„Ja, klar, den konnte ich schon vor Hogwarts. Dad hat ihn mir beigebracht, da war ich höchstens neun, eher acht. Das ist doch einer der einfachsten und wichtigsten Zauber überhaupt."
Harry sah erst Hermine, dann Ron an, und streckte schließlich seinen Arm in Richtung des Tores aus, Handfläche nach oben. Die Aufforderung war klar. Ron hob seinen Zauberstab und richtete ihn auf das Tor.
„Impinguo!"
Aus seinem Zauberstab stob eine neblige Wolke dunklen Öls. Sie traf auf das Tor, hüllte es ein und verschwand schließlich in ihm, als sei nichts geschehen. Ron griff nach dem Tor und zog es an sich. Es bewegte sich mühelos und das Quietschen war fast nicht mehr wahrnehmbar.
„Voilá", sagte Ron stolz und breitete seine Arme aus.
„Danke, Ron", grinste Harry. „Du bist der perfekte Hausmeister! Brauchst du zufällig einen Ferienjob? Ich habe nämlich kürzlich ein Haus plus Garten geerbt, in denen wohl bisschen was getan werden müsste. Und mit deinen Fähigkeiten wärst du da sicher wunderbar geeignet..."
Ron zog eine Grimasse, die sein Grinsen aber nicht verbergen konnte.
„Jaja, mach dich nur lustig. Aber jetzt mal ehrlich, ihr kanntet „Impinguo!" nicht? Du auch nicht, Hermine?" Harry und Hermine verneinten schulterzuckend. „Wo seid ihr denn aufgewachsen?"
„Unter Muggeln!", riefen Harry und Hermine simultan. „Hatten wir glaube ich hier und da mal erwähnt", witzelte Harry.
Ron lachte verlegen.
„Im ersten Jahr vielleicht einmal, ich bin mir nicht mehr sicher. Aber ist ja auch mal schön, dass ich einen Zauberspruch mehr kann als Hermine. Kommt jetzt nicht so oft vor..."
Harry grinste, während Hermine zurück im Business-Modus war.
„Wie wende ich den Zauberspruch denn an?"
Ron sog scharf die Luft ein und sah Hermine dann mit betont ernstem Blick an.
„Hm, also, das ist ein sehr komplizierter Zauberspruch, ich weiß nicht, ob du ihn gleich beherrschen wirst, wenn ich ihn dir hier erkläre. Da gehört schon großes Geschick und viel Übung dazu..."
Hermine stemmte ihre Hände in die Seiten und baute sich mit zusammengekniffenen Augen vor Ron auf.
„Ronald Weasley", knurrte sie. Es war nicht lauter als ein Flüstern.
Harry beobachtete das Schauspiel, das sich ihm bot, und freute sich über die verspielten Neckereien seiner Freunde, gerade weil er wusste, dass sie auch anders konnten.
Ron hob die Arme, als wolle er sich ergeben.
„Ok, ok, ich sag's dir ja. Du zielst mit deinem Zauberstab auf das Zielobjekt und sprichst „Impinguo!", während du an Öl denkst. Schmieröl, kein Salatöl!"
„Das ist alles?", fragte Hermine verblüfft.
„Joar", antwortete Ron kleinlaut. „Manchmal sind es die einfachen Dinge im Leben, die besonders schön sind."
Hermine starrte ihn eine Sekunde mit vorgetäuschtem bösen Blick an, bevor sie ihm grinsend gegen die Schulter boxte. Ron revanchierte sich, indem er sie mit einer Hand packte und sie mit einem Finger der anderen Hand mehrfach in die Seite piekste. Hermine schrie auf.
„Ron! Ahh, Finger weg! Ahh! Ron! Ron, du weißt, dass ich an der Stelle sehr empfindlich bin! Ron!"
Schließlich riss sie sich los und versteckte sich kichernd und leicht außer Atem hinter Harrys Rücken, der sich die ganze Zeit nicht bewegt hatte, sondern einfach nur grinsend das Spektakel genoss, dass seine beiden Freunde ihm boten.
„Braucht ihr kurz eine halbe Stunde für euch oder können wir dann reingehen?", fragte er mit einem breiten Lachen im Gesicht, nur um simultan von Ron geboxt und von Hermine mit dem Ellbogen geknufft zu werden. Doch insgeheim war er sehr froh über Ron und Hermine und die Minute ungetrübter Freude, die sie gerade erlebt hatten. Es waren genau diese Momente, die so kostbar waren und von denen sie die letzte Zeit so wenige erlebt hatten, und es war gut, dass sie nach all dem, was sie erlebt hatten, manchmal einfach nur Teenager waren, die sich genau so verhielten. Der Krieg hatte ihnen so viel Zeit ihre Jugend geraubt, kostbare, einmalige Zeit, die sie nie zurückbekommen würden. Zugleich hatte er ihnen eine Vielzahl schrecklicher Erinnerungen aufgebürdet, die kein Mensch haben wollte und die sie wohl bis an ihr Lebensende nicht vergessen würden. Deswegen war es, auch wenn sie nun nominell bereits erwachsen waren, einfach wichtig, dass sie zumindest ein paar unbekümmerten Reste ihrer Teeniezeit in sich konserviert hatten und sich dementsprechend verhalten konnten.
Hermine strich sich ihre Bluse glatt, die leicht verdreht war.
„Du hast Recht, Harry, sorry."
„Ihr braucht euch nicht entschuldigen dafür, dass ihr Spaß hattet", sagte Harry. „Es ist nur so, dass ich jetzt schon ganz gerne das Haus sehen würde..."
„Schon klar, Kumpel", antwortet Ron. „Geht mir ähnlich."
In dem Moment fiel Harry noch was ein.
„Äh, Hermine, kannst du mal bisschen den Weg freimachen?" Harry machte ein Bewegung, die an Brustschwimmen erinnerte. „Einfach bisschen das ganze Gemüse stutzen, damit wir uns nicht mitten durch das ganze Grünzeug quälen müssen. Ich schicke derweil einen Patronus in den Fuchsbau, dass wir angekommen sind und es uns gut geht."
Harry drehte sich um zur Straßenseite und überlegte kurz, was er übermitteln wollte, bevor er sich konzentrierte und seinen Hirsch als Boten zu Mrs. Weasley schickte. Als er sich wieder umsah, war Hermine bereits in vollem Gange. Mit kompliziert aussehenden Zauberstabbewegungen kürzte sie über den Weg hängende Äste oder bog sie so zur Seite, dass sie nicht mehr störten, versetzte Sträucher und ließ Unkräuter von dem Weg verschwinden. Harry und Ron beobachteten fasziniert, wie nach und nach die grüne Wand vor ihnen verschwand und sich stattdessen eine Art Hohlweg durch das Dickicht auftat, der etwa 10 Meter lang war und an dessen Ende schließlich der Eingangsbereich eines Hauses zum Vorschein kam.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du eine verdammt gute Hexe bist, Hermine?", sagte Ron mit unverkennbarem Stolz in der Stimme.
Hermine sah ihn an, ihr Gesicht leicht gerötet, und tätschelte seinen Arm.
„Danke, Ron!"
Harry bedankte sich ebenfalls bei Hermine, bevor er all die verbliebenen Bäume und Sträucher sah.
„Ich glaube, Ron, die nächsten Tage werden wir viel Zeit haben, Verschwinde- und Verwandlungszauber zu üben, um einigermaßen in die Nähe von Hermine zu kommen. Das wird ein ganzer Haufen Arbeit, bevor das hier wieder aussieht wie ein Garten..."
Dann drehte er sich nach vorne und lief zum Haus.
Harry blieb vor dem dreistufigen Treppchen stehen, das zur Eingangstür führte, und betrachtete das Haus, oder zumindest das, was er von hier aus sehen konnte. Auch wenn große Teile von Fassade und Dach von wucherndem Efeuranken und wildem Wein eingehüllt waren, und er somit die Form des Hauses nicht genau erkennen konnte, war das Bild ein sehr imposantes. Im Gegensatz zum Fuchsbau, einem aus Holz zusammengezimmerten turmartigen Provisorium, das vor allem von Magie zusammengehalten wurde, war dieses Haus ein altenglischer Massivbau aus roten und grauen Backsteinen mit einem eindrucksvollen Schieferdach und einer ganzen Reihe von Schornsteinen, der einmal sehr viel Eindruck gemacht haben musste. Harry erkannte eine wohl mehr als zehn Meter breite Front mit drei Stockwerken, wobei das oberste Stockwerk wohl eine Art ausgebauter Dachboden war, dessen Fläche durch mehrere seitlich herausragende, dem Anschein nach architektonisch kunstvoll gestaltete Dachgauben erweitert wurde. Soweit er es erkannte, waren in allen Stockwerken gleich mehrere große in Marmor eingefasste Fenster zu sehen, die das Haus einst vor seinem Zuwuchern wohl ziemlich hell gemacht hatten. Die Eingangstür war eine aus massiven Eichenholz gefertigte Konstruktion, die durch die lange Zeit äußerlich etwas heruntergekommen wirkte, aber noch immer in gutem Zustand zu sein schien und auch allerlei Verzierungen erkennen ließ. Alles in allem wirkte das Haus äußerlich wie das genaue Gegenteil des Grimmauldplace: wie ein warmes, helles, freundliches Landhaus im Grünen. Harry war tief beeindruckt. Und noch wichtiger: Er fühlte sich bereits etwas heimisch. Erstmals machte sich in ihm das Gefühl breit, wirklich an einem Ort angekommen zu sein, wo er hingehörte. Und zwar nicht nur als willkommener Gast, so wie in Hogwarts oder im Fuchsbau, sondern ganz und gar.
„Wow Harry, das Haus ist wunderschön!", schwärmte Hermine, als sie mit Ron zu Harry aufgeschlossen hatte. „Etwas Arbeit und hier hast du das reinste Idyll!"
Auch Ron schien begeistert.
„Harry, hier lässt es sich leben! Ich weiß ja noch nicht, wie es im Inneren aussieht, aber wenn da drin keine absoluten Messies gehaust haben, dann hast du das große Los gezogen, Kumpel!"
Hermine sah Ron tadelnd an.
„Ich bin mir sicher, dass die Potters keine Messies waren. Das war, äh, ist, eine hochangesehene Zaubererfamilie, die ganz sicher nicht so ein schönes Haus verkommen ließen. Wenn überhaupt, dann hat der Zahn der Zeit dem Haus zugesetzt. Aber das lässt sich ja zum Glück mit Magie beheben..."
„Hoffen wir es", sagte Harry, und stieg geschwind das Treppchen zur Haustür empor. „Denn nach dem, was ich bisher gesehen habe, habe ich nicht vor, zum Grimmauldplace zurückzukehren. Jedenfalls nicht, um dort dauerhaft zu leben. Ich will hier bleiben. Denn hier gehöre ich wirklich hin."
Hermine strahlte Harry mit leuchtenden Augen an. Sie lief ihm hinterher, legte einen Arm um seine Schulter und zog ihn an sich, bevor sie ihm mit der freien Hand durch die ohnehin immer zerzausten Haare wuschelte.
„Das tust du. Und wir werden dir dabei helfen, dass dieser Ort genau so wird, wie du es dir vorstellst. Das hast du dir einfach verdient, Harry!"
Ron klopfte ihm auf die Schulter und pflichtete ihr bei.
„So wie Hermine sagt. Und wenn es den ganzen Sommer dauert."
„Ok", sagte Harry nach kurzem Zögern, während dem er erneut das Haus von außen betrachtet hatte. „Dann lasst uns reingehen."
„Dann los", ergänzte Ron.
Hermine hingegen hielt einen Moment inne, unsicher, ob sie ihren Gedanken tatsächlich äußern sollte, da sie Harry nicht damit verletzen wollte. Allerdings fand sie es wichtig, also sprach sie ihn dann doch offen aus.
„Harry, ich glaube wirklich nicht, dass es nötig sein wird, aber zur Sicherheit sollten wir das Haus auf Schutzzauber oder dergleichen überprüfen. Ich glaube wirklich nicht, dass die Potters wie die Blacks waren, aber es war eine andere Zeit und das Haus stand Jahrzehnte leer, daher finde ich es sinnvoll."
Doch die erwartete Enttäuschung über den Kommentar kam nicht, Harry nickte einfach.
„Du hast Recht."
„Und noch was", ergänzte sie. „Bitte sei nicht erschüttert, wenn im Haus vor Staub fast nichts zu erkennen ist. Das ist nur der erste Eindruck, aber er täuscht. Du weißt, wie es im Grimmauldplace aussah, und das Haus stand nur ein Jahrzehnt leer. Dieses hier aber viel länger!"
Jetzt grinste Harry.
„Keine Sorge, damit rechne ich fest!"
Harry fasste sich ein Herz und griff zur Türklinke. Die Tür öffnete sich von sich aus einen Spalt, genau so wie es Kingsley angekündigt hatte. Harry lugte kurz hinein, sah aber nichts, bevor er die typischen Sicherheitsüberprüfungszauber durchführte. Kein einziger sprach an. Darauf öffnete er die Tür ganz.
„Oha!", rief er aus, als er die Bescherung in voller Pracht sah. „Wow."
Hermine schlug sich die Hände vor den Mund, während Ron, der zuvor auf der zweithöchsten Treppenstufe gestanden hatte, mehrere Schritte zurück auf den Steinweg machte. Allzu viel Staub war gar nicht zu sehen, außer in direkter Nähe zur Tür, und auch sonst fast nichts im Haus. Doch lag das weniger daran, dass dort wenig Staub lag – im Gegenteil, die Staubschicht war locker ein Zentimeter dick und hätte, wäre sie weiß gewesen, wie frischer Puderschnee ausgesehen – sondern daran, dass das Haus derart von Spinnweben durchzogen war, dass diese quasi jede Sicht auf alles nahmen, was mehr als ein oder zwei Meter entfernt war.
Ron war der erste, der wieder seine Fassung wiederfand, oder besser, der es zustande brachte, etwas zu sagen.
„Spinnen, Spinnen, Spinnen! Warum müssen es immer wieder Spinnen sein! Und dann auch noch so viele davon. Das ist einfach nicht fair!"
Harry und Hermine warfen sich zwei wissende Blicke zu, sie kannten ja die ausgeprägte Spinnenphobie ihres Freundes zur Genüge. Harry machte anschließend einen Schritt ins Haus und versuchte mit einer Hand die Spinnweben zu entfernen, gab den Versuch aber wieder auf, nachdem er merkte, wie dicht das Gewirr war. Er richtete seinen Zauberstab auf seine Handfläche, die noch immer in klebrige Spinnweben eingehüllt war.
„Evanesco!"
Die Fäden lösten sich in Luft auf. Harry richtete seinen Zauberstab auf ein besonders dichtes Gewebe, doch Hermine legte ihre Hand auf seine und schüttelte den Kopf.
„Nicht. Ich habe eine bessere Idee. Gib mir eine Minute."
Hermine holte ihre Perlenhandtasche hervor, griff hinein, wobei ihr Arm bis zur Achsel darin verschwand, und holte nach vielleicht 20 Sekunden Suchen ein Buch heraus, das Harry nichts sagte.
„Was ist das?", fragte Harry.
„Ein Haushaltsbuch. Ich befürchtete, dass wir auf ein Spinnenproblem stoßen würden. Ich wollte nur nichts sagen, um Ron nicht zu verschrecken", antwortete Hermine gut gelaunt, bevor sie in dem Buch zu blättern begann. „Bei Spinnen macht er sich ja gerne mal aus dem Staub..."
Harry lachte, als er daran dachte, wie Ron beim Ausmisten des Grimmauldplace mal schnell zum Tee Kochen gegangen war, als sie im Speisesaal untertassengroße Spinnen entdeckt hatten, und erst eineinhalb Stunden später zurückgekommen war. Natürlich ohne Tee und nicht ohne den Raum dreimal intensiv nach achtbeinigem Ungeziefer abzusuchen, bevor er endlich einen vorsichtigen Schritt in ihn setzte.
Ron hingegen nahm Hermines Satz nicht so gut auf.
„Ich hätte mich nicht aus dem Staub gemacht!", rief Ron laut und mit einer Bestimmtheit, die Hermine zusammenzucken ließ. Ron war sichtlich getroffen von der Bemerkung, sein Blick fixierte sie, durchbohrte sie fast, seine Ohren hatten eine rote Farbe angenommen. „Ich wäre vielleicht nicht ganz so weit vorne auf der Treppe gestanden. Oder vielleicht auch zwei, drei Meter zurückgeblieben. Aber ich hätte mich definitiv nicht aus dem Staub gemacht oder wäre sonst wie verschwunden! Egal wie viele Spinnen da im Haus lauern! Hermine, Harry, bitte glaubt mir: Das liegt hinter mir!"
Noch während Harry versuchte, den unerwarteten Ausbruch Rons nachzuvollziehen, schoss Hermine an ihm vorbei und auf Ron zu und legte ihm ihren freien Arm auf die Schulter, während sie ihm tief in die Augen sah.
„So meinte ich das doch gar nicht, Ron! Du hast mich völlig missverstanden! Ich wollte nicht andeuten, dass du verschwunden wärst oder uns im Stich lässt! Mir ging's nur darum, dass du dir nicht unnötig Sorgen machst wegen der Spinnen. Nicht, dass du uns alleine lässt!"
Ron brauchte einen Moment, um sich wieder zu sammeln, und dieser Moment reichte Harry um zu verstehen, was gerade vorgefallen war. Offenbar hatte Ron noch immer schwere Schuldgefühle, weil er Harry und Hermine bei der Horkruxsuche verlassen hatte, und diese waren gerade durch Hermines Kommentar wieder hoch gekommen.
„Es tut mir sehr leid wegen damals, wirklich", hörte Harry Ron murmeln. „Es, es wird nicht wieder vorkommen. Egal, was passiert."
Hermine zog ihn in eine einarmige Umarmung.
„Das weiß ich doch, Ron", flüsterte sie ihm zu und strich ihm besänftigend über die Schulter, während sie ihn festhielt.
Harry hatte das Gefühl, dass er auch was sagen musste, auch wenn er die beiden gerade nicht stören wollte.
„Du bist zurückgekommen. Das ist das einzige, was zählt", sagte er schließlich. Abgesehen von seinem Gespräch mit Hermine am Vortag hatten sie Rons Verschwinden als Trio seit seiner Rückkehr nicht wirklich thematisiert. Ron war es extrem peinlich, er schämte sich offenbar zutiefst dafür, und Harry hatte auch keine große Lust gehabt, es auf das Tapet zu bringen, denn wenn er ehrlich war, dann hatte er sich damals genauso verraten gefühlt wie Hermine. Er hatte damals den Eindruck gehabt, etwas in seiner Freundschaft zu Ron sei zerbrochen, und auch wenn er Ron weiterhin als eine Mischung aus genetisch nicht verwandtem Bruder und bestem (männlichen) Freund ansah, so hatte der Tag doch auch bei ihm Spuren hinterlassen. Auch wenn Hermine wohl recht hatte mit ihrer Einschätzung, dass nicht Ron die Hauptschuld trug, sondern der Horkrux, den er den ganzen Tag getragen hatte.
Nachdem sich Ron wieder von Hermine gelöst hatte – Harry hatte unterdessen ein Eichhörnchen beim Herumtollen in einem Kirschbaum beobachtet, dessen Früchte so langsam zu reifen begannen – blätterte Hermine in ihrem Buch, aufmerksam beobachtet von Ron, der weiterhin direkt an ihrer Seite stand und keine Anzeichen machte, sich in absehbarer Zeit von ihr wegzubewegen.
„Hundert hilfreiche Haushaltszauber. Ein Handbuch für holde Haushexen und hochmotivierte Haushaltshilfen", las er den Titel vor. „Von Salazar Saubermann. Nie gehört. Du, Harry?"
Hermine prustete los.
„Na das ist ja eine wirklich große Überraschung! Du kennst das Haushaltszauberbuch schlechthin nicht? Wer hätte das gedacht? Dabei bist du doch so gut im Haushalt...", lachte Hermine herzhaft und knuffte ihn mit ihrem Ellenbogen.
Ron sah zu Hermine, dann zu Harry, und wieder zurück zu Hermine, bevor er ebenfalls anfing zu lachen. Es war ein langes, befreiendes Lachen, fröhlich, unbeschwert und aus tiefstem Herzen. Ein Lachen, wie es sein sollte. Zugleich sorgte es dafür, dass Ron seine Schuldgefühle vergaß, zumindest für den Augenblick.
„Wo hast du das Buch eigentlich her?", fragte Ron, als er sich wieder beruhigt hatte. „Das sieht uralt aus, und ich bin mir sicher, ich habe das noch nie zuvor gesehen. Du, Harry?"
Harry schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf.
Darauf brach Hermine erneut ins Kichern aus.
„Ehrlich Jungs, ihr seid unmöglich! Ron, dieses Buch habe ich mir heute morgen von deiner Mutter ausgeborgt. Es steht seit Jahren in dem Bücherregal neben dem Kamin, gleich neben der Schale mit Flohpulver. Du schaust jedes Mal direkt darauf, wenn du Flohpulver nimmst. Man kann es eigentlich gar nicht übersehen. Und da stand es schon, als ich das erste Mal bei euch zu Besuch war. Ihr habt das echt noch nie wahrgenommen?"
Harry schluckte, und auch Ron sah etwas bedröppelt aus. Konnte das wirklich sein?
„Also so auffällig ist das Buch nun auch wieder nicht", versuchte sich Ron herauszureden. Harry fand, dass das jetzt nicht die beste Ausrede war angesichts der Tatsache, dass das Buch nicht nur einen roten, nur leicht verblichenen Hochglanzeinband hatte, sondern der Titel auf dem Buchrücken auch noch ab und zu hell aufblinkte. Aber er wollte auch nicht widersprechen, da er ja genauso mit drin hing wie Ron.
Hermine ließ es jedoch gut sein und akzeptierte Rons sehr schwache Ausrede mit einem simplen Schmunzeln, während sie sich wieder dem Buch zuwandte.
„Manchmal beneide ich euch schon etwas um eure selektive Aufmerksamkeit...", murmelte sie nach einer Weile ohne dabei Aufzublicken.
Nach etwa zwei Minuten fand sie die Stelle, die sie gesucht hatte.
„Ah, da ist es doch!"
Harry sah, wie Hermine die Stelle aufmerksam las, vermutlich zwei mal, und anschließend Ron das geöffnete weiterhin Buch in die Hand drückte.
„Vielleicht solltest du jetzt mal besser ein paar Meter zurücktreten, Ron", sagte sie und zückte ihren Zauberstab.
Ron tat wie ihm geheißen, während Hermine mit schnellen Schritten das Treppchen zum Haus hinaufsprang und dann ihren Zauberstab wedelte.
„Arachnidae abite!"
Eine Welle gelben Lichts schoss aus Hermines Zauberstab und durchflutete das Haus. Hermine drehte sich um und kam zufrieden mit sich lächelnd zurück zu Harry und Ron, die sie aus einigen Metern Abstand beobachtet hatten.
„Jetzt warten wir einige Minuten", sagte sie, nahm das Buch wieder an sich und las weiter, immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen.
Harry und Ron sahen sich verwirrt an, wussten aber, dass sie besser auf ihre Freundin hörten.
Eine halbe Minute später begann das Schauspiel. Ron war der erste, der es sah, und wich zur Sicherheit noch einmal zwei Schritte zurück.
„Hermiiiine...?", fragte er mit seinem charakteristisch-zitternden Tonfall, die er immer dann annahm, wenn er vor etwas große Furcht hatte. Seine Haare standen ebenfalls etwas ab.
Hermine beruhigte ihn.
„Keine Sorge Ron, sie tun dir nichts. Sie verlassen nur das Haus und suchen sich einen anderen Ort zum Leben."
Nun sah es auch Harry. Eine große, pechschwarze Spinne, deren Beine etwa die Länge und Dicke eines Strohhalms hatten, krabbelte mit großer Geschwindigkeit aus dem Haus, gefolgt von einer ganzen Reihe weiterer Spinnen unterschiedlicher Größe und Farbe. Nach und nach kamen mehr der achtbeinigen Wesen dazu, und schließlich war es ein wahrer Gänsemarsch verschiedenster Spinnen, die alle geradezu fluchtartig das Haus verließen.
Rons Augen weiteten sich im Horror, während er beobachtete, wie die Spinnen mehrere Meter vor ihm rechts im Gebüsch verschwanden.
„Ich mag das nicht", jammerte Ron weiter, während sein Gesicht einen ungesund blassen Farbton annahm. „Warum müssen überall so viele Spinnen sein? Ich habe da gerade einen ganz schlimmen Flashback..."
Harry wusste genau, was er meinte. Die Erinnerung an die Erlebnisse im Verbotenen Wald im zweiten Schuljahr war auch in ihm noch sehr lebendig. Seit diesem Moment waren ihm Spinnen ebenfalls nicht mehr ganz geheuer, auch wenn er zuvor nie Probleme mit ihnen gehabt hatte.
„Es ist gleich vorbei, Ron", sagte Hermine und tätschelte seine Schulter.
„Das will ich auch hoffen", erklärte Ron mit Bestimmtheit, während er einen weitere Schritt zurückwich und sich auf die linke Seite des Steinweges stellte. „Das letzte Mal, als Harry und ich lauter Spinnen im Gänsemarsch verschwinden sah, wären wir dabei fast drauf gegangen. Von dem Basilisken am Schluss ganz zu schweigen... Du hast doch keinen Basilisken in das Haus gezaubert, oder?"
Hermine warf ihm einen entsetzten Blick zu.
„Ehrlich, Ron! Ich wollte einfach nur, dass die Spinnen das Haus verlassen. Lebend und von sich aus. Wir hätten natürlich auch Hunderte Spinnen suchen, versteinern und dann einzeln aus dem Haus tragen können."
Rons Augen weiteten sich.
„V-vielleicht ist dein Zauberspruch doch nicht ganz so schlecht..." stammelte er.
„Na siehst du."
Harry unterbrach die beiden.
„Ich glaube, die Prozession hat aufgehört."
„Wurde auch Zeit", nuschelte Ron in seinen kaum vorhandenen Bart.
„Gut", sagte Hermine, „dann kommt jetzt er einfache Teil. Kommt mit!"
Sie lief zurück zur Eingangstür und richtete ihren Zauberstab mitten ins Haus.
„Telam evanesco!"
Die Spinnweben im Haus begannen zu schwingen, erst langsam, dann immer schneller, und gaben dabei einen leisen, sich aber allmählich in Intensität steigernden Summton ab. Plötzlich gingen sie alle simultan in kalten Flammen auf, bevor feinste Aschepartikel zu Boden regneten.
„Woah, das sah cool aus", rief Harry überrascht.
„Stimmt", bestätigte Hermine. „Merkwürdig, dass das im Buch gar nicht erwähnt wurde. Dort stand nur dass sie nach wenigen Sekunden verschwinden würden."
„Wichtig ist, dass sie weg sind", betonte Ron. „Wie ist egal, Hauptsache weg."
„Ach Mensch, Ronald", seufzte Hermine kopfschüttelnd aber gutmütig, „du hast einfach keinen Sinn für Ästhetik..."
Ron sah sie schief an, während die Farbe wieder in sein Gesicht zurückkehrte.
„Tut mir leid, Hermine, aber es ist einfach verdammt schwer, an Ästhetik zu denken, wenn man im Kopf noch immer damit beschäftigt ist, den Gedanken an haarige Biester mit viel zu vielen Beinen und Augen zu verdrängen. Die sind nämlich alles andere als ästhetisch!"
Hermine rollte mit den Augen. Aber immerhin schmunzelte sie.
Harry räusperte sich, nachdem seine Neugierde kraftvoll zurückgekehrt war.
„Ich wäre dann so weit, dass ich mir das Haus ansehen würde. Wollt ihr mitkommen oder euch noch ewig weiter kabbeln?"
Das verfehlte nicht seine Wirkung. Ron und Hermine schlossen zu Harry auf, der bereits die Türschwelle überquert hatte und nun ohne die ganzen Spinnweben zum ersten Mal wirklich das Innere des neu in seinen Besitz gelangten Hauses sehen konnte. Harry blickte in einen mehrere Meter langen Gang, von dem seitlich verschiedene Türen abzweigten, und begann sukzessive sein neues Domizil zu erkunden, gefolgt von Hermine und Ron, die wie er immer wieder ihr Erstaunen kundtaten. Zu seiner Linken befand sich ein schmaler, aber scheinbar die ganze Hausseite ausfüllender Umkleideraum, an dessen Frontseite eine Reihe verschiedener Regale u.a. für Schuhe sowie Garderoben standen, während die Innenseite von einem bis zur Decke reichenden großen Schrank dominiert wurde. Zu seiner Rechten war ein Raum, der sich nach kurzer Inspektion als eine Art Waschküche entpuppte. An ihn schloss sich eine weitere Tür an, hinter der sich ein großes und helles Badezimmer mit mehr als üppig dimensionierter Badewanne, Toilette, Kohleofen und mehreren Schränken verbarg, die zwar wie alles im Haus allesamt extrem eingestaubt waren, aber bei denen es leicht fiel, sich auszumalen, wie edel dieses Zimmer einst gewesen sein musste. Schräg gegenüber des Bades befand sich eine steinerne Wendeltreppe die sowohl in ein Kellergeschoss sowie den ersten Stock führte. Nebenan ging es in die Küche, in der sich nicht nur ein großer Herd und alle möglichen Kochutensilien befanden, sondern auch diverse Schränke und ein massiver Esstisch samt gepolsterter Eckbank und Stühlen, sodass bequem sechs Personen an ihm sitzen konnten. Neben dem Herd führte eine Tür in einen kleinen Nebenraum, den Harry als eine Speisekammer identifizierte.
Auf der anderen Seite, neben dem Esstisch, zweigte eine weitere Tür ab, die in den hinteren Bereich des Gebäudes führte. Als er sie öffnete, sah Harry einen rechteckigen, langen, sehr hellen Speisesaal mit vielen Fenstern auf der Außenseite, in dem sich eine wohl mindestens sechs Meter lange edle Tafel befand, die selbst das Esszimmer im Grimmauldplace deutlich in den Schatten stellte. Der Raum war höchst luxuriös ausgestattet. An der Decke hingen mehrere Kronleuchter und an der Innenseite befanden sich eine ganze Reihe großer Bilder, die leider derart eingestaubt waren, dass Harry nichts erkennen konnte. Er war sich aber sicher, dass sie seine Vorfahren zeigten. Harry verspürte den Drang, sie sofort zu säubern, entschied sich aber dagegen, um sie nicht durch einen unvorsichtigen Zauber zu beschädigen. Insgesamt fiel es Harry trotz der unansehnlichen Staubschicht leicht sich vorzustellen, wie seine Familie hier früher Familientreffen oder große Festessen veranstaltete, ihren Freundeskreis einlud und bewirtete und in geselliger Runde beisammen saß und das Leben genoss. Es war eine Vorstellung, die ihm ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Irgendwann würde er es genauso machen.
Harry konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Nahe der Tür zur Küche lag eine weitere Tür, und als Harry sie öffnete und in den neuen Raum schritt, fiel ihm beinahe die Kinnlade herunter.
„Wahnsinn, ey", rief auch Ron, der als zweites gefolgt war.
Harry trat weiter in den offensichtlich als Wohnstube dienenden Raum ein, wobei Wohnstube eigentlich der falsche Begriff war. Es war keine Wohnstube, sondern viel mehr ein Wohnsaal, der ihn schlagartig an den Gemeinschaftsraum im Gryffindor-Turm erinnerte. Er war in den typischen, wenn auch deutlich verblichenen Gryffindor-Farben gehalten und bot alles, was sie an ihrem Gemeinschaftsraum schätzen: Wie fast jeder Raum im Haus waren in den Wänden zahlreiche Fenster eingelassen, die ohne den dichten Efeubewuchs wohl sehr viel Helligkeit hineingelassen hätten, dazu eine Tür, die hinaus führte zu einer Terrasse, die derzeit aber von zahlreichen Sträuchern überwuchert war. In seiner Mitte standen mehrere bequem aussehende Sessel und zwei geräumige Sofas mit mehreren Sitzplätzen um einen zentralen Tisch. An seiner Innenseite, neben einer Tür, die hinaus zu dem Korridor führte, durch den sie in die Küche gekommen waren, war ein großer offener Kamin installiert, neben dem mehrere Sportbesen an der Wand hingen. Harry vermutete, dass es Pottersche Modelle waren. Nahe des Kamins standen eine weitere Couch sowie zwei Sessel um einen kleinen Wohnzimmertisch. Harry ahnte schlagartig, was wohl schon bald sein Lieblingsplatz sein würde.
Auch Hermine war überwältigt.
„Harry, hier ist es wunderschön! Und es ist fast wie im Gemeinschaftsraum. Sieh dir den Kamin an. Er ist fast identisch! Das kann doch kein Zufall sein!"
Harry schüttelte den Kopf.
„Sicher nicht."
Mehr fiel ihm dazu nicht ein, dafür war er einfach zu überwältigt von all den Eindrücken, die auf ihn einprasselten.
„Du hast echt den Jackpot gewonnen", stimmte Ron zu, der allerdings im Gegensatz zu Harry und Hermine zunächst einen anderen Teil des Raumes erkundet hatte. „Es gibt nur ein Problem."
Harry und Hermines Blicke schossen zu Ron.
„Und das wäre?", fragte Harry plötzlich besorgt.
„Hier kriegst du Hermine nie mehr raus."
Ron grinste und nickte dann in Richtung der langen Wand, die den Wohnsaal von dem Speisesaal trennte. Hermine blickte in die von Ron vorgegebene Richtung und schlug sich beide Hände über den Mund, während sich ihre Augen weiteten und für einen Moment fast so groß wirkten wie die eines Hauselfen mit Dackelblick.
„Bei Merlin, sind das...?"
Ron nickte.
„Jupp."
Hermine stürzte in Rons Richtung und es war ein Wunder, wie schnell sie zwischen den Sofas, Sesseln und Tischen navigieren konnte, ohne etwas umzurennen oder sich zu stoßen.
„...Bücher!", quietschte sie voller Entzücken und war sichtlich hin und weg.
Aber es waren nicht einfach nur Bücher. Die ganze Wand zum Speisesaal – Harry schätzte dass sie locker acht Meter lang war – wurde von einem einzigen Buchregal eingenommen, das vom Boden bis unter die Decke reichte, und das keine erkennbare Lücke aufwies. Es wirkte fast wie ein Korridor in der Bibliothek von Hogwarts, nur mit dem Unterschied, dass nur auf einer Seite Bücher zu finden waren. Wobei das nicht ganz korrekt war: Als er sich genauer umsah, erkannte Harry, dass unter den Fenster zur Terrasse ein paar weitere kleine Buchregale standen, wie sie auch die Weasleys oder andere normale Menschen besaßen. Sie wirkten vergleichen mit dem riesigen, den ganzen Raum dominierenden Regal aber wie ein Ruderboot unter Hochseeschiffen.
„Darf ich, Harry?", fragte Hermine mit großen Augen.
Harry machte mit seinen Händen eine Geste, die sinngemäß „Bedien dich" bedeutete.
„Natürlich. Warum solltest du nicht dürfen?"
Hermine wirbelte herum, packte ihren Zauberstab aus und entstaubte mit einem vorsichtigen Reinigungszauber eine Handvoll Bücher, bevor sie ihren Kopf schief legte, um die Titel auf den Buchrücken besser lesen zu können.
„Die Frage ist wohl eher, was passiert wäre, wenn du Nein gesagt hättest", witzelte Ron. „Das Blutbad hätte ich nicht saubermachen wollen..."
„Das werden wir nie erfahren, Ron", sagte Harry grinsend. „Ich bin vielleicht in Gryffindor, aber ich bin nicht lebensmüde. Oder vollkommen bescheuert..."
Hermine warf ihnen eine vernichtenden Blick zu.
„Ich habe euch auch lieb, Jungs..."
Ihre Augen leuchteten aber etwas zu stark, um ihren Blick wirklich glaubwürdig erscheinen zu lassen. Die Aussicht, Tausende alte Bücher durchstöbern zu können, hatte einen enorm besänftigenden Einfluss auf Hermine. In dem Moment hätte es schon eine Boshaftigkeit besonderer Güte benötigt, um ihr die Stimmung zu verderben.
„Kommst du mit nach oben?", fragte Harry Ron. „Mal sehen, was es dort noch so gibt."
„Klar."
„Was ist mir dir, Hermine? Kommst du auch mit, oder bleibst du erst mal hier?"
Harry hätte darauf gewettet, dass Hermine bei den Büchern blieb, doch nach kurzem Zögern stellte sie den Band wieder zurück ins Regal und kam mit. Er wusste nur nicht, ob es Neugierde war oder dass Hermine nicht alleine sein wollte.
Das erste Geschoss erwies sich als fast genauso spannend wie das Erdgeschoss. Auf der Frontseite lag ein großes Schlafzimmer mit mittig stehendem, extra breitem Himmelbett, das ihn etwas an den Hogwarts-Schlafsaal erinnerte, üppigen Schränken und Komoden an der Innenseite und sogar zwei begehbaren Kleiderschränken auf einer Seite des Raumes. Hier hatten wohl seine Urgroßeltern geschlafen. Neben der Eingangstür war ein offener Kamin installiert, der wohl dafür gesorgt hatte, dass es auch an kalten Wintertagen kuschelig warm war. Zudem fiel Harry auf, dass sogar ein alter Schaukelstuhl in einer Ecke des Raumes stand. Er musste grinsend. Hinter dem Schlafzimmer lagen nebeneinander zwei kleinere Kammern, die wohl jeweils als eine Art Büro dienten, und die beide mit einem Schreibtisch samt Zubehör und weiteren gut bestückten Bücherregalen versehen waren. Harry nahm an, dass sowohl sein Urgroßvater als auch seine Urgroßmutter ihren eigenen Arbeitsraum hatten, und so wie es aussah, hier auch regelmäßig gearbeitet hatten. Wieso sonst hätten sie sonst beide solche Bürozimmer benötigt? Offenbar waren sie nicht nur kompetente und geschäftstüchtige Zauberer gewesen, sondern auch sehr belesen. Die Zahl der Bücher im Haus sprach für sich.
Gegenüber lag wiederum ein großes Badezimmer, das noch deutlich üppiger ausgestattet war als das Bad im Erdgeschoss. Das Bad verfügte nicht nur über alle sanitären Einrichtungen, die man erwarten würde, sondern sogar über eine derart große Badewanne, dass Harry sich fragte, ob Badewanne dafür noch der richtige Begriff war, oder ob man sie besser als kleinen Pool bezeichnen sollte. In ihr hatten problemlos mehrere Personen Platz. An der einen Seite der Wanne war zudem eine Duschkabine installiert, was Harry verblüffte, da Duschen seines Wissens nach erst eine relativ moderne Art der Körperhygiene war und viele alte Häuser nicht mit Duschen ausgestattet waren. Die Kabine wirkte zwar, wie vieles in dem Haus, altmodisch, was ja auch kein Wunder war, aber doch irgendwie auch überraschend gemütlich.
Eine weitere Überraschung erlebte Harry im hinteren Teil des Hauses. Hinter zwei Kinderzimmern, je eines pro Seite, lag dort ein sehr großer, die ganze Breite des Hauses einnehmender Saal, der offenbar genau einem Zweck diente: Quidditch. In dem Raum fanden sich neben diversen Sitzgelegenheiten, die darauf hindeuteten, dass hier des öfteren angeregte Unterhaltungen über den besten Sport der Welt stattgefunden hatten, eine Vielzahl von Vitrinen, in denen alles aufbewahrt wurde, was bei Quidditch von Bedeutung war. Ballsets, Siegerpokale, Uniformen diverser Mannschaften, Fan-Utensilien, und vor allem: Besen. Eine ganze Seite des Raumes war eine einzige, gewaltige Besenvitrine, in dem viele Dutzend Besen ausgestellt waren, sodass Harry aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam. An der Rückseite des Raumes war zudem eine Tür angebracht, die auf einen derzeit wegen des intensiven Bewuchses nicht betretbaren Balkon hinausführte. Harry dachte, dass das eine wirklich gute Idee war. Nicht nur, dass man im Sommer draußen auf dem Balkon sitzen konnte, man konnte auch direkt einen Besen aus der Vitrine nehmen und direkt vom Balkon davonfliegen. Seine Vorfahren hatten wirklich an alles gedacht.
Nach einem kurzen Erkunden des Dachgeschosses, das vor allem von Abstellräumen sowie offenbar einem weiteren Kinderzimmer beherrscht wurde, sowie im hinteren Drittel einen weiteren, derzeit unbetretbaren Raum besaß, der von einer gefährlich um sich greifenden magischen Schlingpflanze verteidigt wurde, kehrten Harry, Hermine und Ron zurück in das Wohnzimmer im Erdgeschoss. Es war der Raum, in dem sie sich von Anfang an heimisch gefühlt hatten. Harry holte seinen Zauberstab hervor und machte sich daran, die Sitzgelegenheiten nahe des Kamins zu reinigen. Mit mehreren Zaubersprüchen entstaubte er sie vorsichtig (wenn auch nicht vorsichtig genug, um nicht mehrfach dabei niesen zu müssen), während Ron den Tisch magisch von Staub befreite und anschließend nass wusch. Hermine kümmerte sich derweil um die Tiefenreinigung und überprüfte die Möbelstücke dabei auch gleich auf in ihnen hausendes Ungeziefer. Doch abgesehen davon, dass sie von Motten angefressen waren und unter einem Kissen eines Sessels ein toter Doxy zum Vorschein kam, waren sie vergleichsweise gut erhalten. Nach einigen Minuten Arbeit, die schließlich mit mehreren Reparo-Zaubern vollendet wurde, sah die Kaminecke nicht nur richtig gemütlich, sondern auch einladend sauber aus. Zumindest wenn man seinen Blick auf diese Ecke beschränkte und darüber hinwegsah, dass es eine saubere Insel inmitten eine Ozeans des Schmutzes war. Was Harry gelang, und so wie er seinen besten Kumpel kannte, sicher auch Ron. Nur bei Hermine war er sich nicht so sicher, ihr Gesichtsausdrucken war für ihn diesbezüglich nicht einzuordnen. Harry setzte sich auf die mit Magie generalüberholte Couch und bot seinen Freunden die beiden ebenso bearbeiteten Sessel an. Nachdem sie allesamt Platz genommen hatten, grinste Ron Hermine an.
„Ich glaube, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt.
Hermine brauchte einen kurzen Moment, dann ging ihr ein Licht auf, was Ron gemeint hatte. Nun ebenfalls schmunzelnd griff sie in ihre Perlenhandtasche und holte zu Harrys großer Überraschung drei Flaschen Butterbier hervor.
„Ron dachte, wir sollten auf dein neues Haus anstoßen."
Harry sah Ron überrascht an. Er wäre zu Lebtag nicht auf die Idee gekommen, ein paar Drinks einzupacken.
„Was? Ist das nicht selbstverständlich? Man erbt ja nicht jeden Tag ein Haus", ergänzte Ron trocken. „Schon gleich nicht so eine verdammte Villa!"
Harry entkorkte seine Flasche und hielt sie mit ausgestrecktem Arm vor sich in die Luft.
„Auf einen Neuanfang!", rief Ron.
„Auf ein ruhiges, glückliches Leben für uns alle!", ergänzte Harry.
„Auf dich, Harry!", hauchte Hermine, und kämpfte dabei mit einer widerspenstigen Träne, die unbedingt ihren Augenwinkel verlassen wollte.
Sie stießen miteinander an und nahmen einen großen Schluck.
Harry sah das Strahlen in den Gesichtern von Hermine und Ron, lehnte sich zurück, schloss die Augen und fühlte, wie das so leckere wie süße Gebräu wild prickelnd seinen Rachen hinunterlief. Überall in seiner Eingeweide machte sich ein Gefühl von wohliger Wärme breit, und Harry war sich sicher, dass nur ein kleiner Teil davon auf das Butterbier zurückzuführen war. War das, wie sich Glück anfühlte? Echtes Glück?
Nach einigen langen Momenten des stillen Genießens, in denen jeder in seinen eigenen Gedanken schwelgte, brach Ron schließlich die Stille und sie begannen gemeinsam, die zahlreichen Eindrücke zu rekapitulieren, die sie gewonnen hatten. Obwohl sie wohl gerade erst eine Stunde zuvor angekommen und bisher nur einmal durch das Haus durchgegangen waren – von einer umfangreichen, gründlichen Inspektion konnte wirklich noch keine Rede sein – waren sie alle sehr positiv überrascht und schwärmten bereits von dem Haus und den unzähligen Möglichkeiten und Chancen, die es bot. Auch wenn sie sich keinen Illusionen hingaben, dass es auch mit Magie lange dauern würde, das Potter-Anwesen wieder zu einem heimeligen, bewohnbaren Haus zu machen. Die Bausubstanz machte nach Jahrzehnten des Leerstandes einen überraschend soliden Eindruck, was möglicherweise auf magische Einflüsse zurückzuführen war, aber natürlich musste jeder Raum intensiv gereinigt werden, Schränke warteten auf Durchsicht und Ausmistung, die Badezimmer mussten saniert werden, Ungeziefer, magisch wie nichtmagisch, musste vertrieben werden, und die Wand aus Efeu, die fast das ganze Haus überzog, musste entfernt oder doch zumindest auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt werden. Und aus dem Wald um das Haus herum musste auch wieder ein Garten werden, auch wenn ein paar Bäume wohl stehen bleiben konnten. Harry ließ seinen Gedanken freien Lauf. Er war sich sicher, dass er wohl erst mit der Arbeit selbst einen genaueren Plan entwickeln würde, was tatsächlich alles getan werden musste und wie er das Haus gestalten wollte. Aber es eilte ja auch nicht. Er hatte Zeit.
