Der Allvater wird freimütig zugeben, dass er nicht allwissend ist (auch wenn er es gerne wäre).
Trotzdem ändert das nichts an der Tatsache, dass er über vieles Bescheid weiß.
Er weiß, dass von allem Übel in der Welt vieles seine Schuld ist.
Er weiß, dass er vieles davon selbst angefangen hat.
Er ist sich im Klaren über den Fehler den er beging, als er Angrboða und ihre Kinder so schlecht behandelte (ach, die Schönheit der Nachsicht!).
Ihm ist klar, dass er als erster das brüderliche Band zerstört hat, das er und Loki einst hatten.
Es lässt sich nicht abstreiten, dass er schuldig ist.
„Óðinn! Meine Kinder! Meine Kleinen! Meine Jungs und mein kleines Mädchen, sie sind weg! Wo sind sie?! Wo sind meine Kinder? WO SIND MEINE KINDER?! WAS HAST DU IHNEN ANGETAN?! WAS HAST DU GETAN? GIB SIE MIR ZURÜCK! GIB SIE ZURÜCK! GIB MIR MEINE KINDER ZURÜCK!"
Lokis gequälte, hysterische Schreie klingen ihm bis zum heutigen Tag in den Ohren.
Doch es ist jetzt zu spät, viel zu spät um die begangenen Fehler wieder gut zu machen. Selbst, wenn Lokis unheilvolle Brut sich entschiede, ihm zu vergeben (und Óðinn ist nicht so dumm, zu glauben, dass sie es je könnten oder wollten), wäre es immer noch zu gefährlich, sie frei zu lassen und zurück zu holen.
Deshalb müssen sie von Asgarðr und Midgarðr ferngehalten werden.
Óðinn weiß, Loki wird das nie verstehen, aber er muss das Wohlergehen vieler Geschöpfe über das dreier monströser, extrem mächtiger Kinder stellen – besonders, wenn besagte Kinder dazu bestimmt sind, die Welt zu zerstören. Jörmungandr umschlingt ganz Midgarðr und Fenrir ist so groß wie die Berge Utgarðrs. Hels Macht ist seiner eigenen ebenbürtig, doch nie zuvor hat er solch finstere, unheilige Magie in so einem kleinen Mädchen vereint gesehen. Die drei in Asgarðr zu behalten wäre eh unmöglich; sie würden unbeabsichtigt alles zerstören, und das bevor Ragnarök eigentlich stattfinden soll.
Das könnte er nie zulassen.
Das Schicksal lässt sich nicht abwenden, aber verdammt, er wird alles tun, um es hinauszuzögern!
Natürlich bereut er einiges, doch er tut, was getan werden muss.
Er ist der Allvater und als solcher muss er alles beschützen, worüber er herrscht.
Wenn er Kriege auslöst, dann weil er Krieger für Walhalla braucht. Krieger, die sich den Truppen Hels entgegenstellen werden, wenn Ragnarök da ist.
Wenn er seinem Sohn Þórr erlaubt, möglichst viele Jötnar zu töten, dann um sicherzustellen, dass genug Götter das Schicksal der Götter überleben, um die Welt zu erneuern und die Fehler zu vermeiden, die ihre Vorväter begingen.
Wenn er nichts tut, um den Tod seiner geliebten Söhne, fast seines ganzen Geschlechts und vieler anderer, zu verhindern, dann weil der Kosmos sterben muss, bevor er wiedergeboren werden kann.
Aber vor allem … wenn er Loki Laufeyjarsón so lang bei sich behielt, dann um ihn im Auge zu behalten.
Darum und weil er sich ein Leben ohne seinen schlauen Blutsbruder nicht vorstellen konnte.
Seit ihrer ersten Begegnung war der Feuerriese ihm eine Familie; sie waren Seelenfreunde.
Er weiß, dass es für den anderen genauso ist – war.
Loki kennt ihn so gut, nur seine geliebte Gefährtin Frigg kennt ihn besser.
Noch heute sieht Óðinn den Feuerriesen als Bruder, selbst nach all dem Schrecklichen, was beide einander angetan haben.
Der Allvater trauert um seine geliebten Zwillinge, das weiß jeder.
Doch er trauert auch um den ersten Freund, den er je hatte, wünscht sich, dass er diesem sein Schicksal hätte ersparen können. Das weiß niemand, außer Frigg.
Es geht jedoch um Blut für Blut und das haben beide schon immer gewusst.
Natürlich weiß er, warum der Trickster all dies getan hat, warum es kein Zurück mehr gibt, warum ihm nie vergeben werden wird.
Er weiß, dass der Hass stets hinter der nonchalanten Fassade des Anderen gebrodelt hat.
Doch Óðinn ist ein pflichtbewusster Herrscher – er wird stets die Welt und ihre Bewohner priorisieren. Denn er liebt sie, auch die, die nicht sein eigen Fleisch und Blut sind. Nicht umsonst nennt man ihn den „Allvater". Wenn es um das Wohlergehen einiger gegen das von Billionen Geschöpfen geht, dann gibt es da nichts zu diskutieren.
Trotz allem Übels ist die Welt immer noch voller Schönheit, Pracht und Güte, und es macht ihm Freude, denn er hat sie so gemacht (und seine Brüder, aber die sind für immer weg und werden nie wiederkehren).
All dies kann jetzt noch nicht sterben.
Und wenn der Preis dafür, es zu bewahren, die Liebe seines früheren besten Freundes ist, dann sei es so.
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Loki ist viele Dinge.
Vergebend gehört nicht dazu.
Und Óðinn wäre ein Narr, wenn er glauben sollte, dass Loki ihm je vergeben würde.
Ja, das Trickster weiß, dass er alle Sympathie verloren hat, als er Baldr ermordete und dabei auch den Tod Höðrs in die Wege leitete.
Aber Óðinn hat damit angefangen!
Gott der Weisheit und des Wissens, ha!
Der Allvater hätte daran denken sollen, was für ein Scheiß passieren würde, bevor er Lokis älteste Kinder verbannt und so schlecht behandelt hat!
Fenrir zu fesseln, der doch nur von den Göttern akzeptiert werden wollte! Jörmungandr in den Ozean zu werfen, der Midgarðr umfasst, und Þórr zu erlauben, ihm fast den Schädel einzuschlagen! Hel wortwörtlich nach Niflheimr zu schicken! Sleipnir als Schlachtross zu benutzen! Gar nicht zu reden davon, dass er momentan an drei Steine gekettet ist, während eine Schlange unablässig saures Gift auf sein Gesicht träufeln lässt. Und das ist nicht mal das Schlimmste: die Ketten, die ihn fesseln, sind aus den Gedärmen eines seiner Söhne gemacht! Sie verwandelten Narfi in einen Wolf und zwangen ihn, seinen Bruder zu zerreißen! Bevor sie ihn auch töteten und mit Narfis Eingeweiden seinen Vater fesselten! Die Fesseln sind zu Eisen geworden und magisch verstärkt; es braucht ja viel starke Magie um den listigen Trickster zu binden.
Loki weiß nicht, wie lange er hier schon gefangen liegt und er fühlt, wie er langsam den letzten Rest Verstand verliert. Und das hätte er schon vor langer Zeit, gäbe es da nicht seine treue Gefährtin.
Sigyn zu einer so bedingungslos treuen Frau zu erziehen ist das Einzige, was Óðinn richtig gemacht hat.
Aber ansonsten hat der Rabengott Riesenmist gebaut. Wirklich riesig. Riesiger als Fenrir und Jörmungandr und die beiden sind gigantisch.
Der Feuerriese leidet nicht nur körperlich.
Er ist zerfressen von Hass, Zorn, Schmerz, Rachedurst … und seinem gebrochenen Herzen.
Seine Marter hat er sich selbst eingebrockt, das gibt er zu.
Doch dass seine Kinder für seine Sünden bezahlen mussten, ist mehr als er ertragen kann.
Der listige Gott weint äußerst selten, aber wenn, dann heftig.
Er weint um seine Kinder und deren Geschick. Um seine Frau und ihr Los. Über sein eigenes Schicksal und weil ihm alles wehtut.
Er weint um die guten alten Zeiten, die einzigartigen Freundschaften, die er einst hatte, als er noch einer der Æsir war.
Und um die großartigen Abenteuer, die er zusammen mit seinem Blutsbruder und seinen Freunden erlebt hatte, die verrückten Erfahrungen, den gemeinsamen Spaß … das Lachen.
Was er nicht weint, ist Tränen der Reue; er bereut nicht, die Zwillinge auf den Scheiterhaufen gebracht zu haben, keine Sekunde lang! Er hat es getan und würde es wieder tun!
Er tat es aus Rache, was Óðinn mit Sicherheit weiß.
Er tat es aus Hass und Gehässigkeit, was Óðinn offensichtlich auch weiß.
Er tat es aus anderen Gründen, die Óðinn nie wissen wird und die Loki nie preisgeben wird.
Óðinn wird den Tod seiner Zwillinge nie verzeihen.
Auf diese Sicherheit kann Loki sich verlassen.
Und er nimmt zumindest das dem Allvater nicht übel, denn es beruht auf Gegenseitigkeit.
Loki wird nie vergeben.
Niemals.
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Er spürt die Anwesenheit des Allvaters, noch bevor Sigyn diesen anspricht.
„Was bringt dich her, mein Vater."
Ihr Ton ist kalt. Doch noch immer nennt sie ihn ihren Vater, weil sie besser und vergebender ist als Loki je sein könnte.
Aus den Augenwinkeln sieht er, wie sie eine fragende Augenbraue hebt.
Als der hochgewachsene, schwarzhaarige und einäugige Rabengott vortritt, kann Loki nur dessen Silhouette erkennen; es ist dunkel in dieser Höhle.
Doch er erkennt Huginn und Muninn, die wie immer auf dessen Schulter sitzen.
Der Feuerriese bringt seine innere Hitze an die Oberfläche, bis seine Haut leuchtet wie glühendes Metall und sein langes, rotes Haar zu flüssigem Feuer wird, das den Raum erhellt.
Sigyn tritt einen Schritt zurück, damit ihr Kleid kein Feuer fängt, beugt sich aber vor um weiter die Schüssel über seinen Kopf zu halten.
Nun kann er den Allvater deutlich sehen.
Er spottet: „Na sowas! Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen, mein lieber Bruder! Hast du dich nach mir gesehnt? Hast du endlich beschlossen, dass du nicht ohne mich leben kannst, und kommst um mich freizulassen?"
Was er meint, ist: Du hast echt Nerven, dich hier blicken zu lassen.
Óðinns Miene und Ton sind ausdruckslos, als er antwortet: „Träum weiter, Laufeyjarsón."
„Versuch war's wert", witzelt Loki und hätte die Schultern gezuckt, aber er kann sie nicht bewegen.
Óðinn überrumpelt seine Tochter und den Trickster, indem er mit einer Hand seinen Umhang zur Seite streicht und eine Schüssel offenbart, die er im anderen Arm hält und die unterm Umhang versteckt war. Sie ist voller goldener Äpfel und größer als die, die Sigyn über den Kopf ihres Mannes hält.
Vorsichtig nimmt er die Äpfel aus der Schale, legt sie auf einen Stein und wendet sich an seine Tochter.
„Deine Schüssel ist fast voll", sagte er zu ihr, „Und du bist müde. Geh und ruhe dich ein bisschen aus, mein Kind. Ich werde noch eine Weile hier sein und was ich deinem Mann zu sagen habe ist vertraulich."
Sigyn verengt die Augen und die beiden starren sich gegenseitig an, bevor sie nachgibt.
Óðinn nimmt ihren Platz ein und hält seine Schale über Lokis Kopf. Sein Blick ist grimmig, als er auf die groteske Fratze seines ehemaligen Freundes herab schaut.
In seiner erwählten Alltagsgestalt hat der Trickster immer umwerfend ausgesehen.
Heute ist er Haut und Knochen, seine Haut ist vernarbt vom Kampf gegen die Ketten. Sein einst schönes Gesicht ist entstellt von dem Gift, das darauf tropft, wenn Sigyn ihre Schüssel leeren muss.
„Wie du siehst, haben mich die Jahrtausende des Schmachtens in dieser Höhle nicht schöner gemacht", krächzt Loki zynisch.
„Du siehst außen fast genauso aus wie innen", kommentiert Óðinn. „Jetzt noch Reißzähne und Klauen, dann ist es perfekt."
Der Vater des Wolfs lacht – ein stockender, kehliger und haarsträubender Klang (so gar nicht wie das silbrige Kichern, das der Allvater gewohnt ist).
Der einäugige Gott fragt sich, wie es einem wörtlich aus Urfeuer geborenem Wesen möglich ist, ein so eisiges Lachen zu haben.
Wobei es nichts gibt, was Loki nicht kann.
„Nichts ist unmöglich", pflegte er immer zu sagen und tatsächlich schien es Óðinn immer so, als gäbe es kein Hindernis, das der Andere nicht überwinden könnte. Das hat den Rabengott immer inspiriert und ermutigt, seine eigenen Grenzen zu erweitern, weiter und weiter zu gehen, wohin noch keiner je gegangen ist. Der Gestaltwandler war schon immer ein guter Motivator. Das hat Óðinn am Anderen immer gut gefallen – nein, gefällt ihm immer noch.
Natürlich erkennt Loki den Blick im silbergrauen Auge des Anderen.
„Denkst du an die alten Tage?"
„Schöne Tage", erinnert sich Óðinn.
Er und Loki schauen einander an und sie wissen, sie denken das Gleiche.
Sie vermissen diese alten Zeiten.
Sie vermissen einander.
Aber keiner wird das aussprechen oder nostalgisch werden. Es tut einfach zu weh.
Die alten Tage sind unwiederbringlich fort und das Band zwischen dem Gestaltwandler und dem Allvater ist unheilbar zerrüttet.
Sie sind nicht die Männer die sie mal waren.
Alles was sie jetzt noch haben, ist ihr gegenseitiger Rachedurst.
Tiefe Schwermut hängt in der Luft, während die beiden darüber nachdenken.
Dann seufzt Loki genervt: „Was willst du, Óðinn?"
Natürlich bemerkt Óðinn die kaum verhohlene Feindseligkeit, kommentiert sie aber nicht. Schließlich kann er dem Anderen nicht verübeln, dass dieser feindselig ist.
„Reden", sagt er unverblümt.
Lokis Augen verengen sich.
„Reden", wiederholt er tonlos. „Reden. Du hast mich mit den Eingeweiden meines eigenen Kindes an drei Felsen gekettet und erwartest, dass du dich mit mir anständig unterhalten kannst."
Der Feuerriese ist so kurz vor dem Ausbruch, doch so einer würde die Höhle zum Einsturz bringen und sie beide töten.
Also holt er tief Luft und beschließt, seinem Blutsbruder seinen Willen zu lassen.
„Nun gut. Worüber willst du denn … reden?"
„Nur die alten Zeiten."
Das macht Loki so wütend, dass er sich in seinen Ketten windet und seine ausschlagenden Flammen fast die Kleider des Anderen in Brand setzen.
Óðinn wirkt ruhig, doch seine beiden Raben zappeln nervös.
„Wenn ich du wäre, würde ich mit dem Feuer aufpassen. Ich halte doch gerade eine Schüssel über deinen Kopf-"
„Und dafür soll ich dankbar sein?!", faucht der Gestaltwandler. „Was fällt dir ein – was fällt dir ein, hier aufzutauchen und zu erwarten, dass ich mit dir über die Vergangenheit plaudern will?! Nach allem was seitdem passiert ist! Du … du …"
Bevor er Beleidigungen speien kann, verlässt ihn alle Kraft und er sinkt stöhnend auf den Stein zurück. Zeitalter der Folter und Gefangenschaft haben ihm stark zugesetzt.
Sein Feuer wird immer schwächer, bis er wieder seine entstellten Form hat und die Höhle so finster ist wie zuvor.
Óðinn schüttelt den Kopf und beschwört mit einer Hand einen Lichtball herauf, der den Ort erleuchtet.
„Ich hasse dich!", knurrt Loki schwach.
„Sonst noch was Neues?", lacht Óðinn trocken.
„Fahr zum Helheimr!"
„Jaja. Nach Ragnarök."
„Ich hoffe mein Sohn kaut dich durch, bevor er dich runter schluckt!"
„Wölfe können nicht kauen, Loptr."
„Fick dich, Fenrir ist nicht wie andere Wölfe!"
„Das stimmt leider."
Dann sind sie wieder still.
Als Óðinn sicher ist, dass Loki sich genug beruhigt hat, fragt er: „Weißt du noch?"
Wie wir uns trafen?
Loki schaut ihn müde an. „Alles", haucht er. „Alles weiß ich noch."
„Ich auch. Ich hatte gerade mein Auge für einen Schluck vom Quell der Weisheit geopfert und die Runen gewonnen, indem ich mich von Yggdrasil gehängt hatte."
„Ich fand dich bewusstlos, nachdem du vom Baum gefallen warst." Ein leises Lachen. „Du sahst scheiße aus. Erst dachte ich, du wärst tot, da hast du gestöhnt. Also hab ich dich in meine Decke gewickelt und dich in meinen Unterschlupf geschleppt."
„Als ich aufwachte, war ich zusammengeflickt und du saßest summend am Lagerfeuer. Als du merktest, dass ich wach war, erzähltest du mir, wie du mich gefunden hattest. Und als du mich fragtest, was passiert war und ich es dir sagte, meintest du, ich sei ein Narr."
„Das finde ich immer noch – mehr denn je."
„Wir sind beide Narren. Immer schon gewesen."
„Und dann hast du mir von dir erzählt", fährt Loki fort. „Über deine Brüder Vili und Ve. Wie sie dich hintergangen hatten, weil du zaubern konntest. Und über deine Eltern, Bórr und Bestla, über die Eisriesen und darüber, wie du Midgard gemacht hast. Und … du teiltest dein Wissen mit mir, dabei wusstest du nicht mal meinen Namen. Als ich dich fragte wieso, sagtest du …"
„'Weil ich einsam bin und schon eine Weile keinen mehr zum reden hatte'", lächelt Óðinn. „Du erzähltest auch von deiner Familie. Von deinen kleinen Brüdern, Býleistr und Helblindi, und deinen Eltern, Fárbauti und Laufeya. Und dass Surtr und Simnara deine Großeltern seien. Erst glaubte ich dir das nicht, aber als du dich als Feuerriese gezeigt hast, war ich überwältigt."
„Weil du noch nie zuvor einen Feuerriesen gesehen hattest", erinnert sich der Andere. „Verrat mir doch, Allvater: hast du seitdem noch andere getroffen? Mal meinen Opa besucht?"
„Nee. Mir ist nicht wohl dabei, mit jemandem zu reden, der mit einem Hieb seines Flammenschwerts die Welt einäschern kann."
Ihr beide seid dazu bestimmt, die Welt zu zerstören. Das liegt wohl in der Familie.
„Feigling! So übel sind meine Großeltern doch gar nicht! Naja, davon mal abgesehen!" Loki kichert. „Oma wartet immer noch darauf, dass ich mein eigenes Schwert bei ihr abhole."
„Entzückend. Ich bin sicher, Heimdallr wird beeindruckt sein von deinem glitzernden Schwert."
Reiner Sarkasmus; eher gefriert Múspellsheimr, bevor irgendwas Heimdallr beeindruckt.
Loki gackert: „Ich wollte es für dich aufheben, aber mein Sohn Fenrir hat dich für sich beansprucht. Und nach dem, was du getan hast, wie könnte ich ihm das abschlagen?"
Er hört auf zu lachen. „Hätte ich all das vorher gewusst, dann wäre ich nicht dein Bruder geworden. Nie hätte ich mit dir das Blut gemischt. Die Versprechungen, die wir einander gaben …"
„Ich erinnere mich noch daran", teilt Óðinn ihm mit. „Natürlich erinnere ich mich."
„Wirklich?", fragt Loki zweifelnd.
Der Allvater versteht, warum der Andere ihm nicht glaubt.
Also zitiert er: „'Ich, Óðinn, werde dein Bruder sein, nicht durch unsere Eltern, doch durch Blut und Geist. Ich verspreche, dich zu unterstützen, dir in jeder Not und Gefahr beizustehen, dir zu vertrauen und meine Geheimnisse mit dir zu teilen. Du sollst an meinem Glück teilhaben, ich werde deine Last und deinen Kummer teilen und erleichtern. Keine Speise und keinen Trank werde ich annehmen, wenn er nicht uns beiden gereicht wird …'"
„'… und deine Gattin wird meine Schwester sein und deine Kinder werde ich lieben, als wären sie meine eigenen'", ergänzt Loki. „An den Teil erinnerst du dich auch noch, nicht wahr?"
„Natürlich", antwortet der Rabengott düster.
„Du hast den Schwur zuerst gebrochen", krächzt der Trickster. „Wie konntest du nur, Óðinn? Du hast es doch versprochen … du hast es mir versprochen! Wann hast du dir das mit meinen Kindern anders überlegt? Auf den ersten Blick? Als die Völva dir von ihnen erzählte? Als dir klar wurde, welche Macht sie hatten? Ich habe deine Kinder immer wie meine behandelt, bis du diese Scheiße abgezogen hast!"
„Loki, hast du wirklich geglaubt, dass ich eine Riesenschlange, die Midgarðr umschlingen kann, und einen Wolf, der so groß ist wie die Berge Utgarðrs, in Asgarðr behalte, oder? Nur zur Erinnerung, Asgarðr ist viel kleiner als Midgarðr-"
Loki funkelt ihn hasserfüllt an. „Das ist keine Entschuldigung dafür, wie du sie behandelt hast! Du hast Jörmungandr einfach ins Meer geworfen! Du hast Fenrir betrogen, der doch nur geachtet werden wollte! Und Hel! Du hast sie mir weggenommen und ans andere Ende des Kosmos in die Unterwelt verbannt! Dachtest du ernsthaft, dass sie eine Königin ist, würde mich darüber hinwegtrösten?! Das einzige meiner Kinder, das gut weggekommen ist, ist Sleipnir, und auch nur, weil er dir nützlich ist!"
„Falsch", unterbricht ihn Óðinn. „Ich mag Sleipnir, weil er dein Sohn ist und ich ihn auch als eine Art Sohn betrachte, auch wenn er zugleich mein Schlachtross ist. Zugegeben, seine Sanftmut macht es leicht, aber darum geht es hier nicht. Was Hel betrifft, ihr geht es doch gut. Wenn ich ihr begegnete, würde ich sie als mir ebenbürtig behandeln. Aber sie in Asgarðr zu behalten wär zu gefährlich gewesen. Hast du eine Ahnung, was für finstere Magie sie in sich trägt? Zu finster und gefährlich um sie sicher da zu behalten. Außerdem ist sie den Toten eh näher als den Lebenden. Sie hat einen gebührenden Rang, in der Unterwelt kann sie ihre Macht entfalten ohne jemandem zu schaden, ihre Untertanen verehren sie-"
„HALT DIE FRESSE!", donnert Loki, dass es durch die ganze Höhle hallt, „VERSUCH NICHT, VERFICKT NOCHMAL ZU ENTSCHULDIGEN, WAS DU GETAN HAST, DU-"
„Schweig!", bellt Óðinn in seinem gebieterischsten Ton und der Mund des Anderen schnappt zu.
Dann fährt er etwas sanfter fort: „Ich versuche überhaupt nicht, irgendwas zu entschuldigen. Es gibt ja keine Entschuldigung. Glaub keine Sekunde lang, dass ich stolz darauf bin. Auch ich habe Dinge, die ich bereue, Laufeyjarsón."
„Du macht Witze, oder?", höhnt Loki. „Soll das eine verfickte Entschuldigung sein?!"
„Nein. Ich wollte das nur klarstellen."
Es ist zu spät für Entschuldigungen.
„Du hast meine Zwillinge getötet."
„Du meine zuerst", weist der schwarzhaarige Ase ihn zurecht. „Du konntest doch nicht erwarten, dass das keine Folgen hat."
„Nari und Narfi waren noch Kinder. Sie haben dir gar nichts getan."
„Baldr und Höðr haben dir auch nichts getan."
Loki schnaubt: „Ach, komm schon! Höðr habe nicht ich umgebracht! Das war dein Sohn, den du extra dafür gezeugt hast, weil du dein eigenes Kind nicht von seinem Elend erlösen konntest! Sag mir: weiß Vali, dass der Blinde Gott sein Bruder war?"
„Ja", nickt Óðinn ruhig. „Ich habe es ihm Jahre später erklärt. Als er alt genug war, um zu verstehen."
„Du hast ihn aufgeklärt, nachdem er Brudermord begangen hat? Witzig!"
„Das kommt von dem Jötunn, der meinen blinden Sohn zu genau dem gleichen Verbrechen gebracht hat! Dass du Baldrs Tod herbei geführt hast, hat mich nicht überrascht. Ich weiß, warum du es tatest. Du warst neidisch, gehässig und rachsüchtig und wolltest mich verletzen, wie ich dich verletzt hatte. Das verstehe ich. Und ich könnte es sogar verzeihen, denn wie wir beide wissen, ist mein lieber Sohn glücklicher wo er jetzt ist. Aber was du tatest war noch viel schlimmer. Du wusstest, dass Höðr seinen Zwilling über alles liebte. Er wäre lieber tausend Tode gestorben, als seinem Bruder etwas anzutun. Du hättest ihn sehen sollen, als ihm klar wurde, was er getan hatte. Du hast ihn gebrochen und seine Hände mit Blut befleckt. Das war heimtückisch und böse. Warum hast du das getan?"
„Weil ich ihn nicht ausstehen konnte!", knurrt Loki eisig. „Ich hasste ihn, genau wie seinen Bruder! Er war dir wie aus dem Gesicht geschnitten! Sein ganzes Auftreten, sogar seine Aura und Persönlichkeit waren deiner so ähnlich! Ich konnte es nicht ertragen, ihn auch nur anzusehen! Aber da ist noch ein Grund. Willst du ihn wissen?"
Óðinn ist versucht, die Schüssel wegzuziehen, und Gift auf das Gesicht des anderen tropfen zu lassen.
Doch er behält die Nerven.
„Ich bin ganz Ohr."
„Ich habe es getan, weil sie sterben mussten."
„Mussten sie?", fragt Óðinn kühl. „Ich habe deine Kinder nur getötet, weil du meine getötet hast. Ich habe deine älteren schlecht behandelt, ja, aber sie leben und mehr oder weniger heil. Weißt du noch, wie du mir sagtest, um mit mir quitt zu sein, hättest du auch Þórr, Viðarr und Hermódr töten müssen? Tut mir leid, aber du irrst. Um es mir heimzuzahlen, hättest du sie entführen und irgendwo einsperren müssen. Nicht töten. Es stimmt, meine Enkel hatten den Tod nicht verdient. Meine Söhne aber auch nicht. Erst recht nicht die Art wie sie starben."
„Ich weiß", sagt Loki seltsam ruhig. „Ich weiß, sie hatten es nicht verdient. Aber ich musste ihnen den Tod bringen, sie lehren was Leid ist, damit sie nicht so werden wie wir."
Óðinns Auge weitet sich, als diese Worte ihm eine neue Einsicht verleihen. Natürlich! Plötzlich macht alles mehr Sinn! Warum ist er nicht von selbst darauf gekommen?
„Du hast sie doch geliebt", begreift er. „Genauso sehr, wie du sie gehasst hast. Du liebtest meine Kinder ebenso wie meine – aber du warst so rachedurstig, dass du es unterdrückt und verleugnet hast, bis es vollkommen verzerrt war."
Loki antwortet nicht.
Muss er auch nicht.
Wie er die vernarbten Lippen und Augen zukneift, ist schon Antwort genug.
Sie schweigen eine Weile und lassen die Erkenntnis sacken.
„Ich bereue es nicht", flüstert der Trickster schließlich. Aber ich bereue, dass ich es tun musste.
„Ich weiß", antwortet Óðinn. Und ich bereue, dass es so weit kommen musste.
Der Allvater balanciert die Schüssel wieder in einer Hand, damit er die andere auf die entstellte Fratze des anderen legen kann.
„Nicht", krächzt Loki, doch Óðinn murmelt einen Zauberspruch und schon hat das Antlitz des Feuerriesen wieder seine alte Schönheit.
„Mistkerl!", würgt der Rothaarige hervor.
„Sind wir das nicht beide", schmunzelt der Schwarzhaarige bitter und hält die Schüssel wieder mit beiden Händen.
„Ich hasse dich!"
„Ich weiß, ich weiß."
„Du warst mein Bruder!"
„Und du meiner."
Loki hört die wahre Aussage heraus: Ich wünschte, wir wären es immer noch. Ich wünschte, wir könnten neu beginnen. Ich wünschte, es wäre möglich, alles wieder gerade zu biegen.
„Nein!", faucht er. „Es ist vorbei! Du hast alles kaputt gemacht! Wir haben alles kaputt gemacht! Unser Leben … unsere Bruderschaft und Freundschaft … alles in Scherben!"
„Loki …"
„Ich verzeihe dir nie! Niemals! NIEMALS!"
„Loki …"
„STIRB! STIIIIRB! Sti-ahahah …"
„Schhhh", murmelt der Allvater. „Schhh, schhhh, schhhhh …"
„Ich hasse dich!", schluchzt Loki, „Sei verdammt, verdammt, verdammt! Du … du … ahhhh …"
Der Rabengott sagt nichts, während sein Feind vor ihm anfängt zu heulen.
Doch irgendwann merkt er, wie seine eigene Sicht verschwimmt.
Es ist schon bizarr.
Zwei Todfeinde in einer Höhle, einer angekettet, der andere eine Schüssel über dessen Kopf haltend.
Weinen zusammen, weil alles nur noch furchtbar ist, weil sie alles ruiniert haben und alles verloren haben und nichts übrig ist, bis auf die Gewissheit ihres bevorstehenden Verderbens.
Loki weiß nicht, wie lange sie so weinen, aber es muss eine Weile sein, denn schließlich … versiegen die Tränen einfach.
Als er sich endlich beruhigt hat, ist er mehr als erschöpft.
Sobald er seiner Stimme wieder traut, erkundigt er sich: „Du weißt nicht zufällig, wie lange es noch dauert bis Ragnarök?"
Óðinn überlegt kurz. „Nicht mehr lange. Maximal dreihundert Jahre. Aber so lange wird die Schlange da oben nicht durchhalten. Sie sieht halb tot aus."
„Gut. Hey, willst du wissen, was ich machen werde, sobald ich frei bin?"
„Klar, wieso nicht."
„Eine schöne Schlangensuppe. Dann halte ich ein langes Nickerchen, weil mein Rücken wehtut, und sofort laufen können werde ich sowieso nicht."
„Macht Sinn."
„Ich bin so müde …"
„Dann schlaf", sagt Óðinn, „Ich bleibe hier, bis deine Frau zurückkommt."
Loki bedankt sich nicht, aber er verspricht dem anderen, Fenrir zu sagen, er solle ihn schnell fressen.
„Das weiß ich zu schätzen", sagt Óðinn trocken.
Loki grinst den Rabengott an, dann schläft er ein. Er muss nicht befürchten, dass sein einstiger Bruder ihn im Schlaf töten wird.
Der Allvater seufzt und erledigt weiter die selbstauferlegte Aufgabe seiner Tochter, bis diese zurückkehrt. Sigyn sieht jünger und weniger erschöpft aus. Scheint, als hätte sie die Atempause wirklich nötig gehabt.
„Die Zeit ist bald um", verspricht er ihr.
Sie nickt zur Antwort.
Ein Blick in ihre müden Augen sagt ihm, dass auch ihre Zeit fast um ist – ihre unfassbare Stärke schwindet. Sie ist viel zu lange hier unten gewesen.
„Auf Wiedersehen, Vater", sagt sie ruhig und meint: Lebe wohl.
„Lebe wohl, Sigyn", gibt er zurück und überreicht ihr die Schüssel. „Eines noch, bevor ich gehe."
„Hm?"
„Ich bin stolz auf dich, meine Tochter."
Ihr Unterkiefer bebt und ihre Augen fordern ihn auf, zu gehen.
Das tut er.
Es gibt keinen Grund, zu bleiben.
Der Rabengott und der Vater des Wolfes haben sich alles gesagt, was gesagt werden musste.
Alles andere ist sicher und muss nicht besprochen werden.
Sicherheit hat den Vorzug, zuverlässig zu sein.
Für Óðinn ist es dasselbe mit Loki; er weiß, wann der Trickster die Wahrheit sagt und wann nicht – das macht es leicht, nicht misstrauisch zu sein.
Er kann sich darauf verlassen, dass der Feuerriese Ragnarök herbeiführen wird, dass sie beide sterben werden. Am Ende werden sie Feinde sein, so wie sie am Anfang Brüder waren.
Er weiß, Loki geht es ebenso.
Deshalb können die beiden selbst jetzt noch über Dinge sprechen, die sie sonst niemandem erzählen würden.
Was für ein verdrehter Trost doch in diesem Wissen liegt.
"Sei deinen Freunden nah, doch deinen Feinden noch näher."
