Am Anfang hasste sie ihn.
Das war nicht schwer.
Sie erkannte auf den ersten Blick, dass er ein ausgefuchster Mistkerl war, mit diesem blöden femininen sommersprossigen Gesicht, den blöden grünen Augen, dem blöden grell roten Haar und diesem blöden, unausstehlichen Grinsen, das in ihr das Verlangen auslöste, ihm das Gesicht einzuschlagen.
Sie kann immer noch nicht glauben, dass ihr Vater sie mit diesem Kerl verheiratet hat!
Noch dazu nannte er sie einen Knirps! Sie ist kein Knirps! Bloß … vertikal beschränkt.
Sie hasste ihn und er sie. So einfach war das.
Doch als sie erfuhr, dass er schon eine Familie und Kinder hatte … hasste sie ihn vielleicht ein bisschen weniger. Natürlich würde er lieber bei ihnen sein als bei einer arrangierten Ehefrau, mit der er sich täglich stritt.
Sigyn weiß, dass sie ein totales Miststück sein kann, aber sie ist einfühlsam und liebt Kinder.
Im Rückblick weiß sie, dass genau das ihn für sie eingenommen hat.
Als sie Lokis Nicht-so-Kleinen traf, liebte sie sie sofort, tut es immer noch, als wären es ihre eigenen.
Sigyn findet es traurig, dass so viel Schlimmes passieren musste, um sie und ihren Mann zusammenzuschweißen.
Als die Drillinge fort genommen wurden, brach es dem Trickster das Herz und sie erinnert sich daran, wie er Nacht für Nacht weinte – und wie unerträglich es für sie war.
Sie weiß immer noch nicht genau, was, doch etwas hat damals in ihrem Kopf Klick gemacht.
Etwas, das sie dazu antrieb, alle neun Welten zu bereisen, um die drei zu finden und um ein Andenken zu bitten. Und zu bekommen: eine Haarlocke einer Königin, ein Reißzahn vom Wolf der Wölfe, eine Schuppe der weltumspannenden Midgardschlange.
Loki hat ihr nie dafür gedankt, oder ihr auch nur gesagt, dass er sie liebt.
Aber sie weiß es, wusste es vom ersten Kuss an.
Und als sie endlich gemeinsam Kinder hatten, wusste sie, dass sie zusammen gehörten, dass sie ihm ans Ende aller Welten und zurück folgen würde.
Sigyn ist unerschütterlich treu.
Das ist in allen neun Welten bekannt.
Selbst als sie Loki noch hasste, hat sie ihr Ehegelübde immer ernst genommen.
Sie hat geschworen, seine treue Gefährtin zu sein, in guten wie in schweren Tagen, Freude und Leid mit ihm zu teilen, ihm alle Sorge leichter zu machen und treu zu sein, komme was wolle.
Loki ist ein krankhafter Lügner, der größte Schlampe, den sie kennt und nun auch ein Mörder und Verräter. Natürlich würde sie nie gutheißen, was er getan hat. Niemals würde sie versuchen, seine Untaten zu entschuldigen oder gar zu verteidigen.
Doch sie wird ihn auch niemals im Stich lassen. Er ist ja alles, was sie noch hat.
Dieser listige Gestaltwandler, der langsam aber sicher ihr Herz gewonnen hat.
Sie wird bis zum Ende an seiner Seite sein und koste es auch ihr eigenes Leben.
Ihr Wort zu brechen ist keine Option.
Verlieren ist keine Option.
Sie, Sigyn, die Siegbringerin, Tochter des Vaters der Gefallenen, Göttin der Treue und Standhaftigkeit, wird ihren Mann beschützen, solange sie lebt.
Denn sie ist Lokis Frau und hält eine Schüssel über seinen Kopf, denn diese blöde Schlange da oben darf ihm ja keine Todesqualen verursachen, nicht mit ihr!
Er ist vielleicht ein ausgefuchster Mistkerl, aber er ist ihr ausgefuchster Mistkerl.
.
Loki hat seiner Frau nie gesagt, dass er sie liebt.
Wieso, weiß er selbst nicht.
Aber er liebt sie, seit dem Tag, als sie seine Kinder mit Angrboða als ihre eigenen annahm. Es war recht komisch; sie knuddelte seine Drillinge und schwärmte davon, wie niedlich sie seien – und er wurde rot. Und das nach Jahrhunderten gegenseitiger Verachtung und einer Ehe, die beide nicht gewollt hatten.
Und als sie ihm schenkte, was bis heute sein kostbarster Besitz ist, verfiel er ihr vollkommen.
Loki weiß nicht, was er getan hat, um ihre unzerstörbare Treue zu verdienen, aber er hat sie.
Er hat noch nie „Ich liebe dich" gesagt, aber er hat andere Worte und Gesten dafür.
Wenn er sie einen Diamanten nennt und sie ihn nach dem Grund dafür fragt, dann lacht er und erklärt ihr, dass sie genauso ist, wie der Edelstein: kostbar, schön und das härteste, was die Natur hervorbringen kann. Und sie schnaubt und erwidert, er solle nicht so kitschig sein.
Es ist blöd, dass er Jahrhunderte gebraucht hat, um es zu kapieren, aber sie ist das Beste, was ihm je passiert ist. Wenn er nicht mit den Gedärmen seines Sohnes an drei Felsen gekettet wäre, würde er sogar sagen, er hat sehr, sehr viel Glück.
Nein, das stimmt nicht: er hat sehr, sehr viel Glück.
Denn nach allem, was er getan hat, ist sie immer noch bei ihm, erleichtert sein Leid und bewahrt ihn davor, vollkommen den Verstand zu verlieren. Selbst jetzt noch, da er ein Mörder und Verräter ist, wo er mit den Gedärmen ihres gemeinsamen Sohnes an drei Felsen gefesselt ist.
Man hat ihr angeboten, in Asgarðr als praktisch geschiedene Frau zu leben … und sie hat abgelehnt. Sie hat beschlossen, bei ihm zu bleiben, obwohl sie wusste, dass es ihr kostbaren Lebensjahre kosten würde, obwohl sie allen Grund hat, ihn zu hassen.
Er verdient sie nicht, das weiß er.
Und sie weiß es auch.
Sie kennt ihn.
Das hat sie schon immer.
Sigyn ist kein naives Ding mit rosaroter Brille.
Sie ist realistisch und intelligent, unmöglich zu täuschen und sie hat ihn von Anfang an so gesehen, wie er ist. Sein sprühender Geist, seine Zungenfertigkeit und sein Charme wirken bei ihr nicht. Kein Wunder, dass sie ihn zuerst gehasst hat – um fair zu sein, er hat es ihr aber auch leicht gemacht; Loki erinnert sich daran, wie selten er zuhause war (weil sie ihm zu zänkisch war), mehr Affären hatte als Sommersprossen im Gesicht … und wie er immer log.
Ihre Einstellung hat sich nicht verändert, bloß weil sie sich in ihn verliebt hat.
Aber lieben tut sie ihn doch und er hat keine Ahnung, wieso. Es macht einfach keinen Sinn.
Aber er ist dankbar dafür, auch wenn er es nicht sagt.
Diese zierliche, sternenhaarige Göttin, die klein aber stark ist, explosiv aber gutherzig, schnell dabei, ihn zu schelten, aber nie unaufrichtig, die in all den Jahrtausenden ihrer Ehe niemals ihr Wort gebrochen hat.
Die arme, gute Sigyn, so kummervoll, die anders als er keine Tränen mehr hat.
Seine leidgeprüfte Gattin, die ihre eigenen Kinder grausam sterben sehen musste und jedes Mal daran erinnert wird, wenn ihr Blick auf die Ketten fällt, die ihren Mann binden.
Loki schert sich selten um das Leid anderer, doch seine Familie ist die Ausnahme.
Oft hat er sie schon gefragt, warum sie noch hier ist.
Ihre Antwort ist immer die gleiche: „Weil ich dich liebe, weil du mich brauchst und weil wir nur noch uns beide haben."
Sie ist wirklich alles, was er noch hat.
Und er vertraut ihr.
Sein Vertrauen in sie ist so unerschütterlich wie ihre Treue zu ihm.
Was macht es schon, dass sie ihn immer noch einen ausgefuchsten Mistkerl nennt.
Er ist ihrer.
.
„Hey, Sigyn."
„Hm?"
„Lust, was Komisches zu hören?"
Sie rollt mit den Augen, spielt aber mit: „Ich bin ganz Ohr."
„Ich glaub nicht, dass ich meine Ketten werde abwerfen können, wenn Ragnarök kommt."
„Inwiefern ist das komisch?"
„Ich hoffe, meine Kleinen kommen uns besuchen, wenn Fenrir sich befreit hat."
„Ich sehe immer noch nicht ein, inwiefern-"
„Weißt du noch, wie sie dich immer 'Sigyn mit den Sternenhaaren' genannt haben?"
Sie lächelt sanft; natürlich weiß sie das noch. Und wie Jörmungandr sich gern um sie wickelte, seinen Schlangenkopf auf ihre nachtschwarzen, bestirnten Locken bettete und davon zischelte, wie weich sie seien.
„Und du, Loki? Weißt du noch, wie sie sich zu deinem Geburtstag in Menschen verwandelt haben? Und Fenrir ein anderes Mal für Týr?"
Er kichert: „Sie waren so niedlich."
Dem stimmt sie zu.
Die Göttin der Treue fragt sich, wie die Midgardschlange jetzt aussehen würde, wenn sie Menschengestalt annähme. Sicher hat er eine Narbe am Kopf, wo ihr Halbbruder Þórr ihn mit seinem Hammer getroffen hat. Und der Fenriswolf sieht bestimmt wild aus.
„Und sie hatten dich ganz doll lieb", flüstert Loki. „Bestimmt ist das immer noch so."
Das beruht auf Gegenseitigkeit; Sigyn ist egal, wie riesig sie heute sind.
„Du bist wunderschön."
Häh? Wo zum Niflheim kam das denn her?
„Klappe", murmelt sie errötend. Loki kichert, gehorcht aber.
Sigyn ist nicht schön, jedenfalls nicht so schön, wie sie mal war.
Ihr schwarzes, bestirntes Haar hat seinen Glanz verloren und ist total zerzaust, sie ist blass und dürr geworden und sie altert. Ihr Vorrat an verjüngenden Äpfeln wird das nicht ändern, denn die grauen Strähnen im Haar und die Falten im Gesicht sind die Zeugen ihres Schmerzes. Bestimmt hat sie auch dunkle Ringe unter den Augen.
Sie muss grässlich aussehen.
Loki weiß, was sie denkt.
„Für mich bist du immer noch ein Diamant", tröstet er sie, „Nur halt eben ein ungeschliffener."
Sie schnaubt, schaut ihn aber liebevoll an.
Er grinst, doch es ist nicht lange, bevor sein Kopf auf die Steine zurück sinkt.
Er ist so müde.
Vor hundert Jahren konnte er ein Nickerchen machen, als Óðinn ihn besuchen kam, aber es waren nur ein paar Stunden Schlaf. Abgesehen davon …
„Mir ist, als hätte ich Jahrtausende nicht geschlafen", stöhnt er.
„Hast du auch nicht, glaube ich", gibt Sigyn zurück. „Ich bin mir sogar ganz sicher, dass du nicht geschlafen hast, seit … seit du hier bist. Bis auf das eine Schläfchen vor hundert Jahren."
Loki schaut wieder zu ihr auf. „Du bist auch müde, meine Sigyn. Du kannst mir nicht weiß machen, dass du mehr Schlaf gekriegt hast als ich."
„Das stimmt", bestätigt sie.
Und sie ist nicht nur erschöpft.
Sie stirbt, beide wissen das.
Nach Jahrhunderten in dieser Höhle, in denen sie diese Schüssel gehalten und kaum was zu sich genommen, geschlafen oder auch nur frische Luft bekommen hat, schwinden ihre unglaubliche Kraft und Lebensenergie immer mehr dahin. Mittlerweile ist sie so geschwächt, dass es nicht mehr zu verhindern ist.
Der Gedanke bricht Loki das Herz. Das Einzige, was er tun kann, ist hoffen, dass er frei ist, wenn es geschieht. Nicht nur, weil sonst nonstop ätzendes Gift auf sein Gesicht tropfen würde. Er will sie in den Armen halten, wenn sie stirbt.
Sigyn weiß, wie es ihrem Mann bei dem Gedanken geht, dass sie vor ihm sterben wird.
Aber sie hat geschworen, ihm beizustehen, solange er sie braucht und sie soll verdammt sein, wenn es ihr nicht gelingt, ihr Wort zu halten!
Wahrscheinlich hält nur ihre eigene Sturheit sie momentan noch am Leben, denn niemals wird sie sich von etwas Unbedeutendem wie dem Tod kleinkriegen lassen!
„Hey, Sigyn."
„Hm?"
„Du machst wieder dieses Ding."
„Welches Ding?" Sie weiß schon, was er meint, aber ihn es sagen zu hören ist lustiger.
Loki grinst: „Dieses Ding, wobei du denkst, dass der Tod dich mal am Arsch lecken kann, solange ich dich brauche. Das sehe ich an deinen zusammengebissenen Kiefern und deinem grimmigen Blick."
Sie kichert: „Du kennst mich so gut!"
„Und du kennst mich, meine bessere Hälfte", schnurrt er.
Und wie ich deine bessere Hälfte bin, denkt sie trocken.
Aber er hat sie zum Lachen gebracht, und dafür ist sie dankbar. Loki kann das so gut; das ist eins der Dinge, die sie an ihm liebt.
Für eine Weile verfallen sie wieder in Schweigen.
Dann passiert etwas Unerwartetes, was Sigyn so überrascht, dass sie fast ihre Schüssel fallen lässt. Sie schafft es, sich zu beherrschen, aber beschließt, ihrem Mann mitzuteilen, was los ist.
„Loki?"
„Hm?"
„Rate mal, was gerade passiert ist."
Sein Kopf ist unter der Schale, deshalb kann er nicht sehen, was darüber ist.
„Was denn, liebe Frau?"
„Die Schlange ist krepiert."
Die Augen des Tricksters weiten sich. „Nein!"
„Doch! Warte mal, ich leere die Schale und dann suche ich nach etwas, um die Ketten zu zerschneiden."
„Versuch's mit den Fängen der Schlange", empfiehlt Loki.
„Mach ich", sagt Sigyn und geht, um die Schüssel zu leeren. Als sie wieder kommt, hat sie einen scharfkantigen Stein und Kräuter dabei.
„Na dann wollen wir mal", murmelt sie und zerstückelt den Körper der Schlange. Als sie die Zähne erprobt, stellt sich raus, dass sie tatsächlich geeignet sind, um die Ketten zu zerschneiden.
Kaum befreit, taumelt der Trickster von den Felsen auf den Boden.
„Heilige Scheiße, bin ich endlich frei?", stöhnt er.
„Yep", nickt Sigyn. „Der Scheiß ist endlich vorbei."
Loki würde aufstehen und triumphierend lachen, aber er ist so müde und alles tut weh. Aber beide wollen endlich aus dieser verfickten Höhle raus, und so hilft Sigyn ihm auf die Beine und schleppt sich mit ihm und ihrer Schüssel voller Schlangenfleisch nach draußen.
Das grelle Sonnenlicht lässt sie blinzeln, doch die beiden schaffen es bis zum nächsten Fluss, bevor sie erschöpft unter einem Baum zusammensacken.
Der Trickster lehnt sich an die Schultern seiner Frau. „Liebling?"
„Ja?"
„Ich bin nicht in der Verfassung, Ragnarök loszulassen", gibt er zu.
Sie lacht: „Schon klar. Komm schon. Ich mach uns eine Schlangensuppe und dann hältst du erst mal ein Schläfchen.
Er lächelt: „Klingt gut, mein Diamant."
Die beiden machen und verschlingen die Suppe, dann lässt sie ihn seinen Kopf in ihren Schoß legen.
„Schlaf", raunt sie. „Ich werde da sein, wenn du aufwachst."
Er seufzt und schließt die Augen, wissend, dass sie wirklich da sein wird, wenn er aufwacht.
Niemand ist wahrhaftiger als Sigyn.
"Es erfordert viel Mut und Kraft, einen Mann von sich abhängig zu machen, aber es zahlt sich fast immer aus."
