A/N: Da ich eine Art Zwangspause mit der Masterarbeit einlegen musste, hab' ich ein bisschen weitergeschrieben. Viel Spaß! :-)
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Eine Woche vor der geplanten Ankunft der Gastschulen startete Dumbledore das große Reinemachen: Gemälde wurden geschrubbt, Rüstungen poliert und geölt, alles abgestaubt und im Allgemeinen herrschte eine angespannte Stimmung – niemand wollte sich vor den Gästen blamieren, das war das alleinige Thema. Severus stand ganz besonders unter Strom und als ihm dann noch offenbart wurde, dass neben Ludo Bagman auch Bartemius Crouch dem Turnier beiwohnen würde, wurde ihm endgültig kotzübel – Crouch war kein angenehmer Zeitgenosse. Er hatte damals Severus' Anhörung zu Todesseraktivitäten geleitet… Der Mann hatte seinen eigenen Sohn nach Askaban gebracht. Und was den Auroren unter seiner Leitung alles erlaubt gewesen war… Töten statt Festnehmen… die Unverzeihlichen Flüche… viele Verbündete des Dunklen Lords oder auch nur solche, bei denen ein Verdacht im Raum gestanden hatte, waren ohne Gerichtsverhandlung und Verurteilung nach Askaban gekommen… so wie Sirius Black, laut Dumbledore. Wenn man befragt worden war, dann oft unter Folter, wie Severus selbst bestätigen konnte… Er hatte selten so viel Angst um sein klägliches Leben gehabt wie in diesen drei Tagen, die sie ihn in der kalten, feuchten Zelle festgehalten und ausgequetscht hatten… und das war noch mit Dumbledores signifikantem Einfluss gewesen – er hatte eine Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit erhalten…
Severus vergrub diese Gedanken weit hinter seinen mentalen Schutzmauern und dirigierte das Slytherin-Banner an die Wand der Großen Halle. Der nächste Tag würde der entscheidende sein und er würde dieses Jahr irgendwie überstehen.
Seine letzte Unterrichtsstunde vor der Ankunft von Beauxbatons und Durmstrang war die der Viertklässler von Gryffindor und Slytherin und er war überaus froh, Potter und Co. nicht ganz so lange sehen zu müssen wie sonst. Eilig schlüpfte er in seine immer noch einzige Festrobe – Arian würde sicher die Nase rümpfen… bei dem Gedanken an sie zog sich etwas in ihm für einen Moment zusammen – und ging dann zu seinen Hauslehrerkollegen in die Eingangshalle, um seine Schüler zu sortieren. Die Vertrauensschüler schienen bereits gute Vorarbeit geleistet zu haben, denn die Slytherins machten von allen Häusern den ordentlichsten und am besten geordneten Eindruck. Kurz vor 18 Uhr stand schließlich ganz Hogwarts auf der Wiese vor dem Schloss, die Erstklässler ganz vorne, die Lehrer, Pince und Filch in der letzten Reihe. Nur Hagrid war nicht anwesend – irgendein Problem mit seinen Kreaturen, hatte Albus gesagt. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, sodass Severus nicht sehen konnte, wo genau Arian war, also konzentrierte er sich wieder auf seine mentale Abwehr. Alles soweit gut.
„Ah", kam es da von Albus, „wenn ich mich nicht täusche, kommt hier die Delegation aus Beauxbatons!"
Severus folgte seinem Blick über den Verbotenen Wald. Auf einmal fühlte er sich genauso jung und aufgeregt wie seine Schüler, doch er erstickte dieses Gefühl schnell wieder. Eine gigantische, hellblaue Kutsche gezogen von einem Dutzend blankgeputzter Abraxaner glitt auf Hogwarts zu und landete mit so hoher Geschwindigkeit, dass die ersten drei Jahrgänge erschrocken zurücksprangen und ihre älteren Mitschüler beinahe zu Fall brachten.
Als die Schulleiterin Madame Olympe Maxime aus der Kutsche stieg, wusste Severus sofort, warum diese Dame als imposant beschrieben wurde – sie war ohne Zweifel so groß wie Hagrid, wenn sie auch deutlich eleganter wirkte. Dumbledore begrüßte sie unter Hogwarts' vereintem Applaus. Die Beauxbatons-Schüler, die hinter ihrer Schulleiterin aus der Kutsche gestiegen waren, standen zitternd und bibbernd in ihren Seidenroben in der kühlen, schottischen Abendluft, während Madame Maxime und Albus noch die Versorgung der Pferde besprachen. Danach verschwand die französische Delegation im Schloss und Severus atmete tief durch. Jetzt würde Karkaroff bald auftauchen… Er konnte das, er würde das schaffen. Nur ein paar Monate…
In diesem Moment vernahm er ein seltsames, gurgelndes Geräusch, das aus der Richtung des Sees zu kommen schien. Ein riesiges, gespenstisch anmutendes Segelschiff tauchte in der Mitte des Sees auf und ging nahe des Ufers vor Anker. Menschliche Silhouetten gingen von Bord und näherten sich der Schule, sämtlich gehüllt in dicke, dunkle Pelze, und vorneweg, in silbernem Nerz, passend zu seinen glatten Haaren… Severus schluckte und gab sich Mühe, unauffällig im Schatten zu verschwinden. Er hatte Karkaroff nie wirklich leiden können, doch was noch dazukam: Wenn Severus nicht sowieso schon vor Gericht gestanden hätte, wäre er wegen dessen Aussage dorthin gekommen… Und was war das? War das… Viktor Krum? Oh Merlin, noch eine Berühmtheit an dieser Schule neben Potter – das Ende musste wahrlich nahe sein!
Zurück in der Großen Halle saßen die Beauxbatons bereits am Ravenclaw-Tisch und nach kurzem Zögern nahmen die Durmstrangs bei den Slytherins Platz, was Severus als Erfolg für sein Haus verbuchte. Ein weiterer Pluspunkt: Alle Gäste würden zur Linken sowie zur Rechten Dumbledores sitzen, also hatte Severus noch Minerva und Arian als Puffer dazwischen. Überhaupt… Arian war wunderschön anzusehen in ihrer dunkelvioletten Robe, ihr Haar hochgesteckt, sodass es wie ein Wasserfall aus der Spange fiel, die Drachenkette, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, um den Hals… So konnte das nicht weitergehen, er musste sich etwas einfallen lassen, mit dem er sich bei ihr entschuldigen konnte…
„Guten Abend, meine Damen und Herren, Geister und – ganz besonders – Gäste!", begrüßte Dumbledore die Anwesenden. „Ich hoffe, Sie haben alle einen angenehmen Aufenthalt hier in Hogwarts. Das Turnier wird offiziell am Ende des Fests eröffnet – jetzt wollen wir erst einmal speisen."
Sofort füllten sich die Tische mit einer Vielzahl an Gerichten; noch mehr Auswahl als gewöhnlich und viel davon ausländisch.
„Oh wow…!", hörte Severus Arian begeistert gurren. „Wie daheim – exzellent international!"
„Bitte klär mich auf", bat Minerva und zeigte auf eine Schüssel, aus der es zugegebenermaßen verführerisch nach Meeresfrüchten duftete, „was ist das?"
Severus hörte nicht länger hin und stocherte stattdessen in einem kleinen Steak Pie herum. Sein Appetit hielt sich wahrlich in Grenzen. Nach einer Weile stieß auch Hagrid dazu, eine Hand in Verband gewickelt. Bestimmt waren wieder seine semi-legalen Selbstzüchtungen schuld…
Schlagartig waren seine Gedanken jedoch von etwas anderem gebannt – Bagman und Crouch betraten die Halle durch die Hintertür und ließen sich auf den noch freien Stühlen nieder, wobei Letzterer sowohl ihn als auch Karkaroff mit einem verachtungsvollen Blick streifte. Hoffentlich hatte das keiner mitbekommen…
Als das Festmahl beendet war, erhob sich Dumbledore erneut und stellte Crouch und Bagman vor – nicht nur als Organisatoren des Trimagischen Turniers, sondern auch als Richter. Severus resignierte innerlich. Moody, Karkaroff, Crouch – warum stürzte er sich nicht gleich vom Astronomieturm?
Im Anschluss brachte Filch eine edelsteinbesetzte, uralt aussehende Truhe herein, während Albus kurz das Auswahlverfahren durch den Feuerkelch erläuterte, der sich wohl in der Kiste befinden musste. Der Kelch war relativ unscheinbar, aus grob bearbeitetem Holz, jedoch brannten blaue Flammen darin. Arian murmelte neben ihm irgendetwas, doch es war zu leise, als dass er es verstanden hätte. Irgendetwas musste ihr an diesem magischen Artefakt vermutlich wieder keltisch vorgekommen sein… Auf dem Weg nach draußen stellte Karkaroff schließlich auch noch Blickkontakt mit Severus her, den Letzterer jedoch recht schnell beendete. Er hatte jetzt keinen Nerv für diesen Kerl. Seine Mission musste mindestens bis zum nächsten Tag warten.
Karkaroff wollte gerade die Halle verlassen, als er Potter gewahr wurde. Interessiert verfolgte Severus, wie Moody sich ihnen näherte. Ein kurzer Austausch von Worten folgte und sämtliche Farbe wich aus Karkaroffs Gesicht, bevor er mit seinen Schülern von dannen zog. Augenscheinlich stand nicht nur Severus unter spezieller Beobachtung…
Er schloss sich schließlich seinen Kollegen an, die Albus zum Aufstellen des Feuerkelchs in die Eingangshalle folgten, wo der Schulleiter eine Alterslinie um den Kelch zog.
„Na", meinte Minerva zu Filius, „was wettest du, wie viele Minderjährige es trotzdem versuchen werden?"
„Einige!", erwiderte der mit einem schiefen Lächeln.
„Pf! Ich brauche eine genaue Zahl!"
„Du willst wirklich wetten?"
„Natürlich!"
„Na gut, ähm… zehn?"
„Das ist ja gar nichts!"
„Dafür wette ich, dass Krum für Durmstrang ausgewählt wird!", hielt Filius dagegen. „So spannend, einen solch berühmten Quidditchspieler hier zu haben!"
„Von mir aus können wir darauf noch zusätzlich wetten, aber das ist ja nur halb so interessant!", meinte Minerva. „Severus, was ist deine Wette für die minderjährigen Schüler?"
„23,5", entgegnete er desinteressiert und begab sich in Richtung Kerker.
„Also echt!", hörte er noch Minervas empörte Stimme, doch er wollte nur noch ins Bett.
Er fiel in einen unruhigen Schlaf. Moody und Crouch tauchten in seinen Träumen auf, die ihn wegen Karkaroff in eine düstere Zelle in Askaban warfen, während der grinsend danebenstand und Dementoren um die ganze Szene herumschwebten. Die Verhörmethoden waren dieselben wie damals und als Severus endlich schweißgebadet aus seinem Albtraum auffuhr, meinte er, die Nachwirkungen des Cruciatus-Fluchs zu spüren. Seine Kehle war trocken und rau, als hätte er geschrien. Vielleicht hatte er das sogar… Er fuhr sich nervös durch die feuchten Haare und sank zurück in die Kissen. Dabei rutschte der Ärmel seines Nachthemds nach hinten und entblößte das Dunkle Mal. Der Blick darauf beruhigte ihn genauso wenig: Es schien tatsächlich deutlicher zu werden…
Der nächste Tag begann für Severus nicht nur unausgeschlafen, sondern auch noch mit Arbeit, obwohl es Samstag war. Schon vier Schüler hatten gemeint, Albus' Alterslinie mit Alterungstrank austricksen zu können, und Poppy wollte lieber mehr des Gegenmittels zur Verfügung haben als zu wenig. Heimlich war Severus vom Anblick der Weasley-Zwillinge mit langen, weißen Bärten allerdings amüsiert.
Am Abend folgte das Halloweenfest mit der Bekanntgabe der Champions. Wie immer war die Große Halle mit lebendigen Fledermäusen und riesigen, geschnitzten Kürbissen dekoriert. Severus hatte sich ganz gut mit Brauen ablenken können, jedoch trafen ihn jetzt die üblen Erinnerungen wieder, ganz besonders da niemand mit ihm sprach. Auch Appetit konnte er keinen aufbringen, sodass er froh war, als Dumbledore sich endlich an den offiziellen Teil machte. Er ließ die Kerzen in den Kürbissen erlöschen, sodass die Halle nur noch vom Licht des Feuerkelchs erhellt wurde, der aus der Eingangshalle hereingebracht worden war.
Auf einmal wurden die blauen Flammen rot, Funken flogen und ein Stück angekokeltes Pergament schoss mit einer Stichflamme draus hervor. Der ganze Raum schien den Atem anzuhalten. Albus fing das Pergament und gab den Durmstrang-Champion bekannt: Viktor Krum. Filius würde ganz ordentlich abräumen... Krum verschwand wortlos in der Kammer hinter dem Lehrertisch. Karkaroff war eindeutig begeistert. Für Beauxbatons trat Fleur Delacour an, eine junge Frau mit Veela-Blut, hinter der die halbe männliche Schülerschaft her zu sein schien.
Jetzt fehlte nur noch der Hogwarts-Champion… Severus hoffte sehr, einer seiner Slytherins würde die Chance bekommen, die Schule zu vertreten und gleichzeitig seinem Haus zu einem besseren Ruf zu verhelfen. Die Anspannung in der Großen Halle war greifbar.
„Der Hogwarts-Champion ist… Cedric Diggory!"
Der Hufflepuff-Tisch explodierte unter Applaus und Jubelgeschrei. Immerhin kein Gryffindor.
Doch als der Tumult sich gerade wieder etwas gelegt hatte, geschah es: Die Flammen des Feuerkelchs wechselten erneut zu Rot, Funken stoben durch die Luft und ein viertes Pergament flog heraus. Lange starrte Albus auf den Namen, dann räusperte er sich: „Harry Potter."
Severus hatte Mühe, seine Augenbrauen an ihrem Platz zu behalten und seine Überraschung zu verbergen – Überraschung, Ärger, Entsetzen. Wie war das möglich? Warum schon wieder Potter? Minerva war aufgesprungen und flüsterte Albus eindringlich etwas zu, ohne Zweifel einen Einspruch gegen diese Entscheidung, doch der rief Potter zu sich hinauf. Alle Anwesenden waren sprachlos und starrten den Jungen verständnislos an. Bagman folgte Potter durch die Tür hinter dem Lehrertisch und Dumbledore versuchte, die übrigen Schüler ins Bett zu schicken. Als sie sich endlich davonmachten, eilten auch er, Crouch, Karkaroff, Madam Maxime, Minerva und Severus in die Kammer, in der die Champions warteten. Irgendetwas war gehörig schiefgegangen.
Sofort flogen Anschuldigungen von Karkaroff und Maxime gegen Dumbledore. Mittlerweile dominierte bei Severus die Wut auf Potter und dessen ständiges Regelbrechen und Bedürfnis, mit gefährlichen Aktionen im Rampenlicht zu stehen.
„Das hier ist allein Potters Schuld, Karkaroff", sprach er in seinem besten schmierigen Tonfall. „Machen Sie Dumbledore nicht dafür verantwortlich, dass Potter zwanghaft Regeln brechen muss. Das tut er bereits, seit er hier angekommen ist."
„Danke, Severus", brachte Albus ihn mit Nachdruck zum Schweigen.
Severus warf Potter einen gehässigen Blick zu. Das war das erste Mal, dass er mit Karkaroff gesprochen hatte, und dieser Bengel war der Auslöser dafür. Und das alles an Halloween. Er hasste ihn, er hasste sie beide.
„Hast du deinen Namen in den Feuerkelch geworfen, Harry?", fragte Dumbledore den Jungen derweil ruhig.
„Nein."
Severus schnaubte leise. Und das sollten sie glauben?
„Hast du einen älteren Schüler gebeten, es für dich zu tun?", fragte Dumbledore weiter.
„Nein."
„Ah, aber natürlisch lügt er!", wandte Madame Maxime ein.
Severus war derselben Meinung, was er mit einem deutlichen Kopfschütteln kundtat.
„Er wäre nicht über die Alterslinie gekommen", widersprach Minerva entrüstet. „Darüber sind wir uns doch wohl alle einig…"
Es folgte eine Diskussion mit Maxime über einen etwaigen Fehler seitens Albus, was Minerva jedoch vehement und kategorisch ablehnte. Der Blick, den sie Severus dabei zuwarf, sagte ihm deutlich, wie wütend sie darüber war, dass er Potter verdächtigte und sie nicht unterstützte. Letztendlich war es Karkaroff, der die Meinungen von Crouch und Bagman als objektivste der Richter einholen wollte.
„Wir müssen uns an die Regeln halten", erklärte Crouch kurz angebunden, „und das heißt, dass diejenigen antreten müssen, deren Namen aus dem Kelch kommen."
Karkaroff streifte jegliche Art gespielter Höflichkeit endgültig ab: „Dann bestehe ich darauf, dass der Feuerkelch erneut aufgestellt wird und wir so lange Namen hinzufügen, bis jede Schule zwei Champions hat. Das ist nur fair, Dumbledore."
„Aber so funktioniert das nicht, Karkaroff!", meinte Bagman mit einem gezwungenen Lächeln. „Der Feuerkelch ist erloschen und wird sich erst zum nächsten Turnier wieder entzünden…"
„… an dem Durmstrang ganz sicher nicht mehr teilnehmen wird! Am liebsten würde ich sofort gehen!"
„Leere Drohung, Karkaroff. Du kannst deinen Champion nicht zurücklassen, er muss antreten. Müssen sie alle. Bindender magischer Vertrag, wie praktisch, hm?"
Moody hatte den Raum betreten. Jetzt wurde es Severus eindeutig zu eng in der kleinen Kammer… Doch zum Glück schien es der ehemalige Auror diesmal allein auf Karkaroff abgesehen zu haben, denn er warf Severus nicht mal einen schiefen Blick zu, als er versuchte den Schulleitern der Gastschulen klarzumachen, dass eventuell jemand Potters Namen mit dem Ziel ihn sterben zu sehen in den Kelch geschmuggelt haben könnte. Natürlich konnte Severus erkennen, auf was Moody hinauswollte und er beobachtete Karkaroffs Reaktionen so genau wie möglich, ohne aufzufallen. Der wiederum gab sein bestes, Moody und dessen Paranoia zu verunglimpfen, obwohl er sichtlich verunsichert war.
„Es ist mein Job, wie ein Schwarzmagier zu denken, Karkaroff – wie du dich erinnern solltest…"
„Alastor!", unterbrach ihn Albus, doch Karkaroff war sowieso schon knallrot im Gesicht. „Ich sehe keine andere Option, als dass sowohl Cedric als auch Harry antreten."
Madam Maxime und Karkaroff waren ebenso zornig wie Severus, doch sicherlich aus einem anderen Grund. Sie mussten ja nicht dafür sorgen, dass Potter nichts geschah; Potter, diese wandelnde Katastrophe, die jetzt auch noch völlig unterqualifiziert am Trimagischen Turnier teilnehmen würde! Die erste Aufgabe, über die Albus die Lehrerschaft am Nachmittag noch informiert hatte, war dabei auch nicht vertrauenserweckend. Wie sollte Potter einen Drachen besiegen? Selbst mit Hilfe traute Severus ihm das nicht zu, aber der Junge würde vollends auf sich allein gestellt sein...
Nur Moody und Bagman folgten Dumbledores Einladung auf einen Absacker. Warum Minerva nur nachkommen wollte, erfuhr Severus, sobald alle anderen außer Hörweite waren: „Wie kannst du es wagen, uns so zu blamieren?! Und Potter wie einen Schwerverbrecher hinzustellen, vor unseren Gästen?! Er ist nur ein Viertklässler, er ist zu sowas nicht fähig, wie du sehr wohl weißt!"
„So wie er nicht dazu fähig war, die Hindernisse zum Stein der Weisen zu überwinden oder die Kammer des Schreckens zu finden oder einen Basilisken zu töten oder einem Massenmörder zur Flucht zu verhelfen?!", fauchte Severus zurück. Er hatte genug. „Gewöhnliche Regeln haben für diesen Bengel noch nie gegolten, gewöhn dich endlich daran!"
„So ein Unsinn! Moodys Theorie ist stimmig, vielleicht will wirklich jemand Potter tot sehen!" Sie sah ihn scharf an und senkte die Stimme. „Ich weiß, dass Karkaroff damals auch deinen Namen genannt hat, auch wenn das nicht der Grund war, warum sie ihn laufengelassen haben."
Severus wich das letzte bisschen Farbe aus dem blassen Gesicht. Das hatte er nicht einmal von einer wütenden McGonagall erwartet. Dass sie es als enge Vertraute Dumbledores vielleicht wusste… aber dass sie diese Information gegen ihn verwenden würde…
„Willst du damit etwa implizieren, ich würde Potter töten wollen?!"
„Natürlich nicht, Severus! Aber du weißt sehr genau, wie Todesser denken und Moodys Theorie passt nun einmal dazu und wir haben einen ehemaligen Todesser anwesend, bei dem wir nicht sicher sein können, welche Agenda er verfolgt…"
Severus schnaubte abfällig. „Ich glaube nicht, dass du da wirklich einen Unterschied machst", meinte er kalt. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand durch die leere Große Halle in die Kerker. Es war immer dasselbe, er konnte seiner Vergangenheit nicht entkommen.
Er hatte etwas weniger trinken wollen, doch es war Halloween, Arian sprach nicht mit ihm und der Tag war einer der schlimmsten seit Blacks Rückkehr im vergangenen Schuljahr gewesen. Am nächsten Morgen hatte er keine Erinnerung mehr daran, wie er zweieinhalb Flaschen Wein und den kläglichen Rest einer Flasche Feuerwhisky hatte trinken können, ohne sich dabei umzubringen. Auf jeden Fall fühlte er sich mehr tot als lebendig, was durchaus angebracht war.
Von den Gryffindors einmal abgesehen, schien es niemandem zu gefallen, dass Potter ebenfalls Schulchampion war. Sogar Pomona verhielt sich bei diesem Thema etwas kühl, obgleich sie sonst immer eine übermäßig auf Fairness bedachte Person war. Die Schüler machten Potter derweil das Leben zur Hölle und Severus kam das nur gelegen, denn so konnte er an ihm seinen angestauten Frust auslassen, ohne dass es weiter auffiel. Minerva war augenscheinlich sowieso von allen guten Geistern verlassen und vollkommen durchgeknallt, was ihn angelangte. Arian… bis auf einen angewiderten, verständnislosen Blick kurz nach Halloween, der vermutlich – er wusste es nicht genau – entweder auf sein Verhalten gegenüber ihr oder Potter gemünzt war, hatte sich bei ihnen nichts getan. Des Öfteren schon hatte er nach dem richtigen Moment gesucht, sich mit ihr auszusprechen, doch er hatte ihn nicht gefunden, geschweige denn, was er sagen konnte. Zugegeben, Letzteres hatte etwas mehr Gestalt angenommen, seit er jeden Abend darüber nachgrübelte.
Severus hielt in seinen Korrekturen inne, als etwas um seine Beine streifte. Seren hatte sich mal wieder in sein Büro eingeschlichen und verlangte nach Aufmerksamkeit. Er glaubte nicht an Zeichen, doch wenn das mal keins war… Er musste endlich etwas tun, es zumindest versuchen. Mehr als abweisen konnte sie ihn an diesem Punkt nicht mehr. Entschlossen verschloss er sein Tintenfässchen, packte Seren um den Bauch und verließ, die Katze wie eine Handtasche unter den Arm geklemmt, sein Büro.
In letzter Zeit zog es Arian öfter in die kleinen, versteckten Innenhöfe des Schlosses, so viel hatte Severus durch genaue Beobachtung festgestellt. Was genau sie dort tat, konnte er nur vermuten – er selbst suchte diese Orte meist auf, wenn er nachdenken musste. Die Innenhöfe oder den Verbotenen Wald. Jetzt wünschte er sich fast, sie hätte den Wald ewählt… Die Wände von Hogwarts schienen heutzutage Augen und Ohren zu haben. Sie saß auf einer Bank unter einer verblühenden Kletterrose und blickte tief in Gedanken versunken auf die graue Steinmauer gegenüber. Langsam, um sie nicht unnötig zu erschrecken, trat er aus dem Säulengang in ihr Blickfeld, nachdem er mit einem kurzen Zauber sichergestellt hatte, dass auch wirklich niemand in der Nähe war. Sie sah auf und hielt ihn mit ihrem Blick fest, ein wenig misstrauisch, ein wenig fragend, eindeutig verletzt. Innerlich seufzend stählte er sich und trat zu ihr.
„Arian…" Warum war das so schwierig? Selbst die dämlichen Schüler bekamen das hin… „Können wir… reden?"
Sie zuckte mit den Schultern, nickte jedoch gleichzeitig. Verwirrt schwieg Severus, doch als sie ihn weiterhin nur abwartend ansah, versuchte er ihr schließlich zu sagen, was er sich zurechtgelegt hatte. Doch es klang auf einmal nicht mehr logisch, völlig haltlos und nach leeren Ausreden. Er geriet ins Schwitzen.
‚Merlin, Severus, reiß dich zusammen! Du hast es verbockt, also musst du es jetzt auch wieder geraderücken. Oder du lässt es gleich bleiben, aber dann kannst du dich von ihr verabschieden!'
„Es tut mir leid, was ich gesagt habe… am Bootsanleger…"
Von Arian kam keine Reaktion. Hatte er zu lange gewartet? Würde sie ihm sagen, er solle sich seine Worte sparen, so wie Lily damals? Das Gefühl des Déjà-vu übermannte ihn fast.
„Arian, ich… ich meinte nicht… dich…" Er schluckte. Er tat sich schwer, in Worte zu fassen, was ihm so klar war. „Ich war überfordert… Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll…"
„Reagieren?", kam die fassungslose Gegenfrage. „Ich hatte bisher immer den Eindruck, das sei ziemlich instinktiv…"
Severus schoss die Röte ins Gesicht.
„Warum hast du nicht einfach was gesagt?" Ihr Tonfall war beinahe anklagend. „Ich wollte nicht, dass du dich unwohl fühlst, aber ein einfaches ‚Sorry, ich bin noch nicht bereit' hätte es auch getan."
Erneut wusste er nicht, wie er auch nur ansatzweise in Worte fassen sollte, was ihm zu der Zeit durch den Kopf gegangen war. Die panische Angst vor ihrer Reaktion, das Ungewisse danach und am allermeisten die Erinnerungen, vor denen er eigentlich nur weglaufen wollte…
Da trat auf einmal ein Ausdruck in Arians Augen, den er zuvor noch nie gesehen hatte: wachsam und ein wenig zu ruhig.
„Jemand hat dir wehgetan, oder?" Es war vielmehr eine Aussage als eine Frage.
Severus schloss die Augen, die Erinnerungen zu viel, zu schmerzhaft. Wie fand sie nur immer seine Schwachstellen…?
„Oh Sev…"
Er hörte das leise Rascheln ihrer Roben, als sie von der Bank aufstand und zu ihm kam. Vorsichtig sah er sie an, wappnete sich gegen das Mitleid in ihren Augen – doch obwohl ihre Augen verdächtig glänzten, wirkte sie nicht bemitleidend, sondern wütend. Er merkte, dass diese Wut nicht ihm galt, als sie ihn in eine feste Umarmung schloss.
„Mir tut es leid, Sev", sagte sie leise. „Fühl dich niemals unter Druck gesetzt, hörst du, ich werd' dich nie deswegen unter Druck setzen!" Sie schüttelte den Kopf an seiner Schulter. „Merlin, wie kann man nur…!"
Severus wusste nicht, womit er so eine verständnisvolle Person verdient hatte, doch in diesem Moment fühlte er förmlich, wie ihm eine Stein vom Herzen fiel. Sie hasste ihn nicht. Sie machte sich nicht über ihn lustig. Sie akzeptierte ihn. Er hatte Arian wieder, er war nicht mehr ganz allein. Er hatte ein solch unwahrscheinliches Glück…
