Das war die erste Stunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste, nach Professor Snapes und meinem Duell. Und ausgerechnet heute habe ich verschlafen. Da mir die gestrigen Geschehnisse ständig durch den Kopf spukten und mir keine Ruhe ließen, fiel ich erst in den frühen Morgenstunden in einen unruhigen Schlaf.

Eine heftige Diskussion weckte mich dann schließlich doch noch auf.

„Demelza komm endlich aus dem Bad raus! Hier wohnen noch Andere, die sich ebenfalls frisch machen müssen, du bist nicht alleine auf dieser Welt!", brüllte Ginny eine verschlossene Badezimmertür an.

„Ich brauche so lange wie ich nun mal brauche Weasley!", kam es dumpf aus dem anderen Zimmer.

Ich blinzelte ein paar Mal träge, bis ich begriff, dass dies kein Traum war, sondern der immerwährende frühmorgendliche Streit zwischen meinen Schulkameradinnen. Was muss man tun um einmal in Ruhe ausschlafen zu können? Ich vergrub meinen Kopf in dem Polster, um das Gebrüll nicht mehr mit an hören zu müssen.

Als ich es nicht mehr aushielt und den Kopf zwischen meinen Vorhängen hinausstreckte, entdeckte mich Ginny und sah mich mit schrecken geweiteten Augen an.

„Iphis was machst du noch hier? Ich dachte du wärst schon längst frühstücken?"

Mit einem Schlag war alle Müdigkeit wie weggeblasen.

„Oh nein! Wie spät ist es?", noch während ich diese Frage stellte, sprang ich aus dem Bett und versuchte gleichzeitig mit der einen Hand meine Haare glatt zu streichen, und mit der anderen mein frisches Gewand aus der Kommode zu angeln.

In dem Moment öffnete sich die Badezimmertür und Demelza kam heraus.

„In zehn Minuten fängt der Unterricht an, wenn ich ihr wäre, würde ich mir das Frischmachen sparen, sonst kommt ihr zu spät. Wir haben ja schon genug Hauspunkte wegen euch verloren"

Damit warf sie ihr glänzendes schwarzes Haar hinter die Schultern, lies mit einem Zauber ihre Schulbücher neben ihr herfliegen und stolzierte ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen aus dem Turmzimmer.

„Diese aufgeblasen Kuh, am liebsten würde ich.."

Ginny sah ihr mit hochrotem Kopf und gezücktem Zauberstab hinterher.

„Sie hat recht, wir dürfen keine Zeit verschwenden Gin."

Damit wirkte ich ein paar Erfrischungszauber auf uns und wir rannten auch schon los. Gerade als ich die letzte Trickstufe der wandelnden Treppen übersprang und in den Gang einbiegen wollte, krachte ich gegen etwas oder besser gesagt jemanden.

„Professor Snape, es tut uns so leid! Wir waren gerade auf dem Weg ins Klassenzimmer!", hörte ich Ginnys nervöse Stimme.

Bitte lass es nicht Snape sein! Meine Hände begannen zu zittern. Als ich ein paar Schritte nach hinten ging, erkannte ich sein ausdrucksloses Gesicht eingerahmt von seinem schwarzen Haar. Seine dunklen Roben waren wie immer bis zum Hals komplett zugeknöpft und er wirkte wie die Ruhe selbst.

Bevor ich mich entschuldigen, oder überhaupt etwas sagen konnte, sah er unverwandt Ginny an.

„10 Punkte Abzug für Gryffindor. Starren Sie mich nicht so dämlich an, sondern beeilen Sie sich endlich bevor ich ungemütlich werde."

Ginny ließ sich das nicht zweimal sagen, sie nahm mich bei der Hand und rannte mit mir voraus in das Klassenzimmer, in dem noch alle Schüler lauthals tratschten.

Auf unseren Plätzen angekommen, begann Ginny auch schon zu sprechen.

„Nur 10 Punkte Abzug? Das ist alles? Der letzte der Snape so über den Haufen gerannt hat, wurde danach nie wiedergesehen. Wir hatten echt Glück!"

Ich war ebenso überrascht wie sie, denn ich hatte auch nicht das geringste Gefühl, dass die Strafe an mich gerichtet war. Viel mehr kam es mir so vor, als hätte er mich wieder bewusst ignoriert.

Professor Snape rauschte imposant und furchterregend in das Klassenzimmer und erzeugte durch sein bloßes Auftreten, dass jegliche Gespräche sofort verstummten.

„Da Sie in der letzten Stunde bewiesen haben wie unfähig und unvorbereitet Sie in dieses Schuljahr gekommen sind, werden Sie heute die zwei Stunden nutzen und sich die Kapitel über ungesagte Zauber durchlesen." Damit drehte er sich schwungvoll um und nahm an seinem Pult Platz.

Bevor sich jedoch alle darüber freuen konnten, dass wir heute eine Gnadenfrist von Snape bekommen haben, fügte er noch höhnisch Grinsend hinzu:

„Den Inhalt des Gelesenen müssen Sie natürlich in zwölf Pergamentblätter zusammenfassen und mir bis zu unserer nächsten Unterrichtsstunde abgeben."

Ginny seufzte genervt und Anthony drehte seinen Kopf leicht zu uns nach hinten, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

„Für einen kurzen Moment dachte ich, er hätte Menschlichkeit gezeigt, aber da habe ich mich wohl getäuscht."

„Snape sucht doch immer einen Weg uns zu quälen, selbst die einfachsten Aufgaben wirken bei ihm einfach nur berechnend und böse.", schaltete sich auch Colin flüsternd ein.

Bevor ich auch noch etwas sagen konnte, ertönte ein endgültiges „Ruhe!" von Snape, welches jegliche Konversation im Keim erstickte.

Damit verbrachten wir die nächsten zwei Stunden damit zu lesen und zu schreiben. Ginny warf mir hin und wieder gequälte Blicke zu, ich jedoch fand das Thema zu interessant, als diese Aufgabe von Snape als Strafe ansehen zu können.

Nachdem die zwei Stunden aus waren, hatten die meisten gerade mal zwei Seiten geschrieben.

„Freitag will ich Ihre fertigen Aufsätze! Die Ferien sind schon vorbei, also strengen Sie endlich ihre leergefegten Köpfe an!", mit diesem Satz entließ er uns endlich in die Pause.

Stühle kratzten über die Steinfließen und die Schülerinnen und Schüler des 6ten Jahrganges verließen eiligst das Klassenzimmer, Ginny und mich eingeschlossen.

„Heute war er wieder besonders gut aufgelegt."

Anthony und Colin gesellten sich im Gang auf dem Weg zu Professor McGonagall zu uns.

„Eigentlich war das heute harmlos, er hat uns ja größtenteils in Ruhe gelassen. Und die Kapitel über ungesagte Zauber sind so spannend gewesen, dass die Zeit schnell vergangen ist.", antwortete ich Anthony.

Die anderen schauten mich ungläubig an.

„Ich hätte mich vielleicht mehr auf das Gelesene konzentrieren können, wenn einem nicht ständig der Tod im Nacken hängen würde!", quietschte Colin aufgebracht.

Ich musste lachen.

„Jetzt übertreibt ihr aber echt."

Wir rannten mittlerweile die Wendeltreppe hinauf und ich konnte nicht umhin immer wieder Blicke aus den Fenstern zu werfen. Der Ausblick auf die Ländereien von Hogwarts war atemberaubend. Ich hatte ihn über die Ferien vermisst.

Daher wäre ich fast gestürzt, wenn mich Ginny im letzten Augenblick nicht hochgerissen hätte.

„Iphistra, Snape lässt dich drei Wochen- DREI Wochen!-„ die Drei betonte sie dabei extra stark, „ nachsitzen, und du verteidigst auch noch seinen Unterrichtsstil!"

Als wir bei dem Klassenzimmer für Verwandlung angekommen waren, standen die Ravenclaws bereits dort, die Tür war jedoch verschlossen.

„Ich finde Verteidigung gegen die Dunklen Künste sehr interessant. Das was wir heute lesen mussten, wird später einmal sehr wichtig sein. Und wenn man das ganze noch aufschreiben muss, merkt man es sich umso besser."

Da ich generell nicht gerne schlecht über andere Leute rede, fällt es mir schwer an solchen Gesprächen teilzunehmen. Denn oft wollen Ginny und die anderen einfach nur Dampf ablassen und keine rationalen Aussagen dazu hören. Dadurch wird dann mein Schweigen oder neutralen Worte missinterpretiert. Auch wenn ich oft ihrer Meinungen bin, will ich trotzdem nicht noch weiteren Hass gegen Professor Snape schüren. Schließlich ist er ein Mitglied des Ordens des Phönix und auf Dumbledores Seite.

„Iphis trennt privates von schulischem. Professor Snape kann zwar sehr launisch sein, aber der Inhalt seines Fachs ist dennoch interessant.", sagte eine verträumte Stimme hinter mir.

Colin schien sich vor Freude nicht einkriegen zu können.

„Luna!"

Ich war wirklich froh, dass sie zu uns dazugestoßen war, denn ich wollte mich nicht noch mehr rechtfertigen und Luna hatte so eine angenehme Art angespannte Situationen zu entspannen.

Ginny überging seine freundliche Begrüßung.

„Hast du noch gar nicht mitbekommen was letzte Verteidigung Stunde passiert ist?"

Luna starrte auf einen Punkt in der Ferne und schien zu überlegen.

„Ich denke nicht."

Anthony schüttelte den Kopf und rückte seine Tasche zurecht.

„Darüber hat doch sicher schon ganz Hogwarts geredet."

Ginny holte tief Luft und begann auch schon bis ins kleinste Detail zu erzählen, was am Montag vorgefallen war. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, und sah wieder aus den Fenstern.

„Und dann wurde Iphis ungerechter weise zu drei Wochen nachsitzen verdonnert!", endete Anthony die Geschichte.

Während wir alle abgelenkt waren, hatte sich in der Zwischenzeit eine Katze angeschlichen, die sich als Professor McGonagall herausstellte. Als sie sich plötzlich neben uns verwandelt hatte, hörte man ein paar erschrockene Aufschreie.

„Wie nett von Ihnen, dass Sie alles so ausführlich berichtet haben, Miss Weasley."

Ihre grauen Augen stachen streng hinter ihrer kleinen Brille hervor. Die Zauberrobe saß so elegant und faltenlos wie immer, und ihr großer Hut verdeckte ihre zurückgekämmten Haare.

Professor McGonagalls Blick richtete sich nun auf mich.

„Aus Professor Snape konnte ich ja fast kein vernünftiges Wort herausbekommen, daher würde ich Ihre Sicht der Dinge auch gerne noch einmal hören, Miss Riddle."

Die anderen Ravenclaws und Gryffindors wurden hellhörig, und statt aufgeregten Geplappers hörte man jetzt nur noch flüstern hinter hervorgehaltener Hand und neugierige Blicke in meine Richtung. Professor McGonagall war zwar streng aber stets fair zu ihren Schülern, daher wusste ich auch, dass sie mir nur helfen wollte. Aber mir war die ganze Sache schon unangenehm genug, da musste sie nicht auch noch die ganze Aufmerksamkeit auf mich lenken.

Professor McGonagall schien das große Interesse bemerkt zu haben, denn sie richtete ihren strengen Blick auf ihre anderen Schüler.

„Wieso sehen Sie mich alle so an als ob es hier Klatsch und Tratsch geben würde? Ab in das Klassenzimmer, wir sind ohnehin schon spät dran!"

Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes öffnete sie die Tür, woraufhin alle widerwillig zu ihren Plätzen strömten. Ginny, Anthony, Colin und Luna gingen ebenfalls schon einmal vor.

Empört schüttelte sie ihren Kopf und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder mir.

„Bleiben Sie nach der Stunde doch bitte noch etwas länger, Miss Riddle, dann können Sie mir alles in Ruhe erzählen."

Dabei entspannten sich ihre Gesichtszüge etwas, und es wirkte fast so, als ob sie lächeln würde.

„Ja natürlich Frau Professor", ich nickte ebenfalls freundlich und machte mich auf den Weg zu dem freien Platz neben Ginny.

„Komisch, ich dachte er mag dich.", raunte mir Luna beim Vorbeigehen zu.

Ich drehte mich zu ihr um, da ihr Platz direkt hinter meinem war.

„Wen meinst du?"

„Professor Snape natürlich."

Die Stunde verging viel zu schnell. Professor McGonagall stand vorne neben der Tafel und warf mir einen auffordernden Blick zu, während alle anderen ihre Sachen packten und sich auf den Weg zur großen Halle zu einem wohlverdienten Mittagessen machten.

Ginny, Anthony, Colin und Luna standen ebenfalls schon bereit um loszuziehen.

„Iphis sollen wir draußen auf dich warten?"

Ginny sah mich erwartungsvoll an.

Ich lächelte sie an.

„Nicht nötig danke! Ich komme nach, ich sehe doch wie viel Hunger ihr habt."

Dabei sah ich vor allem Colin an, dessen Magen die ganze Stunde über ununterbrochen geknurrt hatte.

„In der Früh kann ich nun mal einfach nicht so viel essen, das muss ich zu Mittag immer nachholen.", rechtfertigte er sich mit rotem Gesicht.

„Kein Grund gleich so peinlich berührt zu sein, das Knurren hat man doch eh nur bis Hogsmead gehört.", lachte Anthony Colin aus.

Als wir ein räuspern hinter uns hörten, scheuchte Ginny die anderen in den Gang.

„Kommt wir sollten jetzt wirklich gehen! Bis gleich Iphis"

Sie winkte mir noch kurz zu, und das letzte was ich noch vernehmen konnte war Luna.

„Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag Colin, vergiss das nicht."

Mein Magen knurrte ebenfalls, und ich konnte es nicht mehr erwarten endlich etwas zu essen. Aber dieses Gespräch musste sein.

Professor McGonagall war in der Zwischenzeit zu meinem Schreibpult gegangen.

„Miss Riddle, wie Sie sicher wissen ist Professor Snape kein zahmes Kätzchen. Als ich von Ihrer Bestrafung gehört habe, wusste das gesamte Lehrpersonal, inklusive mir, dass Sie diese ganz sicher nicht in diesem Ausmaß verdient haben. Daher habe ich mich natürlich sofort für Sie eingesetzt, jedoch behauptet dieser sture Esel weiterhin, dass Sie ihn tatsträflich angegriffen haben und er hat doch noch tatsächlich mit weiteren Strafen gedroht. Er besaß sogar die Frechheit mir zu unterstellen meine Schüler hätten sich nicht im Griff."

Dabei rutschte ihr ihre Brille vor Empörung fast von der Nase.

„Daher würde ich auch gerne Ihre Aussage dazu hören, Miss Riddle. Sie müssen keine Angst haben, dass Professor Snape seine schlechte Laune an Ihnen abwälzen wird, wenn Sie mir die Wahrheit sagen. Ungerechtigkeiten dieser Art werde ich nicht dulden."

Ich konnte ihr nicht in die Augen schauen, und sah stattdessen auf meine Bücher hinunter, welche in fest mit meinen Händen umschlungen hielt.

Aus irgendeinem Grund wollte ich Professor Snape nicht noch schlechter dastehen lassen, als sein Ruf ohne hin schon war. Ja er hatte Ginny am Montag ungerechtfertigter Weise bloßstellen wollen, jedoch war ich selbst Schuld an allem weiterem was danach passiert war.

„Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie mit mir darüber reden wollten, Frau Professor. Jedoch stimmt es was Professor Snape Ihnen erzählt hat, ich habe Ihn angegriffen, obwohl er seinen Zauberstab nicht auf mich gerichtet hat."

Bei diesem letzten Satz sah ich endlich in Professor McGonagalls stahlgraue Augen. Ihre Augenbrauen waren bis zum Anschlag hochgezogen und sie sah mich abschätzend an.

„Miss Riddle, Sie sind eine unserer vorbildlichsten Schülerinnen an dieser Schule, es wäre sehr verwunderlich, wenn Sie auf einmal zu solch drastischen Mitteln greifen würden, ohne einen triftigen Grund geliefert bekommen zu haben."

„Ich habe geglaubt mich in einer Gefahrensituation zu befinden und habe zu vorschnell gehandelt, Professor Snape wollte uns lediglich ungesagte Zauber demonstrieren."

So nett Professor McGonagalls Absichten mit diesem Gespräch auch gemeint waren, es war mir einfach nur unangenehm. Ich war ein friedfertiger Mensch, daher mochte ich es nicht über andere herzuziehen, wenn diese nicht im selben Raum waren.

Doch Professor McGonagall ließ nicht locker.

„Professor Snape kann oft sehr schwierig sein, daher kann es Ihnen niemand verübeln, wenn Sie ihm mal so richtig Kontra geben wollten. Wie gerne hätte ich ihm selbst schon mal gehörig die Leviten gelesen!"

Bei ihrem aufgebrachten Schnauben musste ich ein Lachen unterdrücken.

Nach diesen Worten sah sie mich erwartungsvoll an. Als die Professor McGonagall jedoch merkte, dass ich zu diesem Thema nichts mehr zu sagen hatte, seufzte sie geschlagen gegeben.

„Sie haben ja Recht, man sollte niemals seinen Zauberstab gegen eine Autoritätsperson richten, selbst wenn diese Person noch so provozierend handelt. Aber vergessen Sie nicht Miss Riddle, Sie können sich jederzeit an mich wenden!"

Ich lächelte sie beruhigend an.

„Wenn ich Probleme haben sollte, werde ich mich an Sie wenden, Frau Professor!"

Sie schien mir nicht ganz zu glauben, ich glaubte mir das ja selbst nicht.

„Gehen Sie schon Miss Riddle, ihre Freunde warten auf Sie, ich habe Sie lange genug aufgehalten."

„Vielen Dank, Frau Professor!"

Beim Hinausgehen spürte ich noch ihren besorgten Blick auf meinem Rücken.