Update: Ich habe mich entschlossen, diese Fanfiction auch weiterzuführen, aber definitiv auf Deutsch, während ich parallel schon länger eine Geschichte auf Englisch schreibe. Ich werde die ersten Kapitel ein klein bisschen überarbeiten und dann folgt das nächste Kapitel.


Der Schnee auf den Straßen des nächtlichen New Yorker Vorortes bildete bereits eine durchgehende, noch makellose Schicht und knirschte unter den Sohlen von Neals abgetragenen Sneakern. Er steckte die Hände in die Jackentaschen seines viel zu dünnen Mantels, um sie vor der eisigen Kälte zu schützen und beobachtete, wie sein eigener Atem sich als Wolke vor ihm manifestierte.

Die Straße, die zu dem kleinen Museum führte, lag verlassen und ruhig vor ihm. Dennoch sah er sich immer wieder nervös um. Er fühlte sich beobachtet, konnte jedoch niemanden entdecken. Der Job, der ihn erwartete, war eine seiner leichtesten Übungen. Trotz alledem hatte er kein gutes Gefühl dabei, auch wenn ihm keine Wahl blieb.

Neal bog um die nächste Ecke und tauchte geschmeidig in den Schatten eines Transporters ein, um sein vor ihm liegendes Ziel in Ruhe beobachten zu können. Nichts regte sich. Nachdem er seine wichtigsten Werkzeuge, seine Hände, nun kaum noch spüren konnte, entschloss er sich nach einigen Minuten, es einfach hinter sich zu bringen. Er holte tief Luft, überquerte die Straße und achtete darauf, dabei einen möglichst selbstbewussten und unaufgeregten Eindruck zu hinterlassen.

Das Museum hatte seit Stunden für Besucher geschlossen und nachts war nur ein einziger Wachmann vor Ort, der seinen Job nicht allzu genau nahm. Neal wusste jedoch über jede einzelne der zahlreich vorhandenen Kameras Bescheid. Er schob seinen dunklen Hut etwas tiefer ins Gesicht und ging mit aufrechter, stolzer Haltung auf die Gasse neben dem Museum zu, die ihn zu einem Hintereingang führte. Unerklärlicherweise hatte sich dieser als komplett ungesichert erwiesen, sodass er sich nun in aller Ruhe an dem Schloss zu schaffen machen konnte. Seine Finger fühlten sich streif an und schmerzten bei jeder Bewegung, dennoch gelang es ihm innerhalb weniger Minuten, die Tür zu öffnen und leise in das Gebäude zu schlüpfen.

Jeder Zentimeter war ihm bekannt. Er schlich vorsichtig den Mitarbeiterflur entlang und fand den Wachmann, erwartungsgemäß leise schnarchend, im Aufenthaltsraum vor einigen schwarz-weiß Monitoren sitzend vor. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte Neal dem, ohnehin sehr sorglos wirkenden, Mann eine Schachtel mit Gebäck zukommen lassen, in dem er ein Pulver untergebracht hatte, welches dem hohen Schlafbedürfnis des dicklichen Mannes ein wenig nachhelfen sollte. Die Schachtel mit der großen rosa Schleife kam angeblich von seiner Tante aus Vermont, die ihm herzlich zum anstehenden Geburtstag gratulierte. Schlaf schön, Neffe Eddie! Neal konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Zufrieden schlich er weiter und öffnete die Tür zum ersten Ausstellungsraum, in dem Wissen, dass er nun für die Kameras sichtbar sein würde. Aller Voraussicht nach würde dies jedoch durch das Sicherungssystem aus der Steinzeit erst am nächsten Morgen auffallen, wenn er seinen Job bereits lange erledigt hatte. Mit klopfendem Herzen und voller Adrenalin bewegte er sich auf das Exponat zu, dass sein Auftraggeber so dringend in seinen Besitz bringen wollte. Es genoss das Gefühl der Spannung in seinem Körper und fühlte sich, trotz des Auftrages unter Zwang, so lebendig wie schon lange nicht mehr.

Der goldene Schlüssel, mit den zahlreichen Schnörkeln und Verzierungen, befand sich auf einem roten Kissen aus Samt, gesichert unter einem Glaskasten. Neal beugte sich herunter und machte sich an dem primitiven Sicherungssystem der Vitrine zu schaffen. Dem Museum musste völlig unklar sein, was da Teil ihrer Ausstellung war. Auch er fragte sich, was es mit dem Schlüssel auf sich hatte. Der Aufregung seines Auftraggebers nach zu urteilen, musste dieser Schlüssel eine gewaltige Bedeutung haben.

Sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz, den er wie üblich ignorierte, als er vor dem Kasten in die Hocke ging. Dennoch entfuhr im zischend ein Stoß Luft, als seine offensichtlich gebrochene Rippe protestierte. Denk nur an Mozzie, Neal. Nichts anderes ist jetzt wichtig. Mit zusammengebissenen Zähnen zog er einen Strang bunter Kabel heraus. Ein kleiner Schnitt und die Elektronik segnete das Zeitliche.

Gerade als er, zufrieden mit sich und seiner Arbeit, vorsichtig den Glaskasten entfernen wollte, hörte er hinter sich ein Geräusch und fuhr herum. Er sah mehrere Schatten, die sich einige Meter hinter ihm auf ihn zubewegten. Sein Puls begann zu rasen. Innerhalb eines Wimpernschlages rannte er in die entgegengesetzte Richtung, um möglichst schnell Distanz zwischen ihn und seine Verfolger zu bringen.

Hinter ihm rief ein Mann mit scharfer Stimme „FBI, Neal Caffrey, bleiben Sie stehen." Er sog panisch die Luft ein, während er weiterrannte. Wie zum Teufel konnte das passieren? Wieso kannte dieser Agent seinen Namen? Hektisch bog er um eine Ecke, rutschte dabei mit seinen dünnen Sohlen über den Linoleumboden und bewegte sich auf einen Notausgang zu. Als er die Tür aufriss, schallte ein gellender Alarm über den vor ihm liegenden Hinterhof. Neal ignorierte das Schrillen und auch die näherkommenden Schritte. Der Mann hinter ihm rief seinen Kollegen zu „Nicht schießen, noch nicht, wir brauchen ihn! Der kommt nicht weit."

Neals Gedanken rasten, während er sich durch einen schmalen Zugang auf eine öffentliche Straße zubewegte. Er fühlte sich nun schutz- und orientierungslos, seinen Verfolgern auf dem Präsentierteller ausgeliefert.

„Caffrey, kommen Sie schon, bleiben Sie stehen. Es ist vorbei.", schallte es hinter ihm. Er dachte gar nicht daran und rannte gehetzt in die nächstbeste Gasse hinter einem Lagerhaus. Voller Panik sah Neal, dass er sich auf einen hohen Maschendrahtzaun zubewegte, ohne jegliche weitere Fluchtmöglichkeit. Er prallte dagegen, alle Luft entwich schmerzhaft seinem Brustkorb und er musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzuschreien.

Er sah Sterne und hielt kurz inne, bevor er sich verzweifelt zu seinen Verfolgern umdrehte. Drei Männer und eine Frau kamen mit gezogenen Waffen langsam auf ihn zu. Neal drückte seinen Rücken gegen den Zaun und atmete schwer. Der Mann in der Mitte näherte sich ihm vorsichtig mit seiner weiterhin auf ihn gerichteten Glock.

„Mein Name ist Agent Peter Burke. Sind Sie bewaffnet?", während er mit lauter und harter Stimme sprach, suchte er Neals Blick. Dieser schaute, den Hut immer noch tief im Gesicht, verzweifelt auf den Boden, krallte die Hände in den Maschendraht und schüttelte dann langsam den Kopf.

„Gut. Umdrehen und Hände an den Zaun, schön langsam." Neal gehorchte und spürte das kalte Metall schmerzhaft an seinen Handflächen, als Agent Burke ihn von hinten mit seinem eigenen Körpergewicht noch näher an den Zaun drückte. Er tastete ihn ab und zog ihm dann grob die Hände auf den Rücken, um ihm Handschellen anzulegen.

Neal zitterte und erschauderte bei den Berührungen des Mannes und er musste jegliche Kraft aufbringen, um nicht zusammenzubrechen. Er mochte es nicht, berührt zu werden, sah aber keinen Ausweg. Sein Atem ging noch immer stoßweise. Und doch ließ er alles widerstandslos geschehen und zeigte kaum einer Regung.

„Neal Caffrey, Sie sind wegen Einbruchs und versuchtem Diebstahl vorläufig festgenommen. Über die weiteren Ihnen zur Last gelegten Delikte informiere ich Sie später. Sie haben das Recht zu Schweigen. Alles was Sie sagen kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden." Agent Burke riss ihn herum und nahm ihm unsanft den Hut ab. Neal schaute zur Seite, verzweifelt darum bemüht, die Fassung zu bewahren. Was der Agent nun sah, verschlug ihm die Sprache.


Peter Burke konnte es nicht fassen. Er sah in das Gesicht eines Jungen, vielleicht fünfzehn oder sechszehn Jahre alt, wenn überhaupt und definitiv klein für sein Alter, mit strahlend blauen Augen, die ihn nun ängstlich und auch ein bisschen trotzig anstarrten. Dieses Kind, was sie auf frischer Tat ertappt hatten, wirkte unglaublich schmal, blass und konnte sich offensichtlich kaum auf den Beinen halten, obwohl der Junge krampfhaft um eine stolze, selbstbewusste Haltung bemüht schien.

Sein linkes Auge zierte ein großer, dunkler Bluterguss, die Kleidung schien für das Wetter komplett unpassend und viel zu groß. Agent Burke hielt den Jungen weiterhin an den Schultern gepackt, zu verblüfft, um etwas zu sagen. Dies konnte unmöglich der Neal Caffrey sein, nach dem er seit über drei Jahren suchte. Sein Verdächtiger schien völlig erschöpft und rutschte ihm aus den Händen langsam den Zaun herunter, redlich bemüht, sich immer wieder aufzurichten.

„Ich… Sie verstehen das nicht. Bitte, ich muss gehen, bitte lassen sie mich gehen. Ich… bitte," wimmerte der Junge verzweifelt. Agent Burke fing sich langsam und zog seinen Verdächtigen auf die Beine.

„Daraus wird nichts, du wirst uns begleiten müssen.", sagte er mit weniger Schärfe in seiner Stimme und führte Neal an seinen Agenten vorbei zu seinem Wagen. Er öffnete die Handschellen an einer Seite und fesselte Neal an den Türgriff. Ein Risiko würde er trotz allem nicht mehr eingehen, da konnte sein Verdächtiger noch so unschuldig aussehen. Neal ließ sich widerstandslos auf den Rücksitz gleiten. Agent Burke fuhr sich durch die Haare und atmete tief durch. Wie hing das alles zusammen?


Im Auto sitzend sah Peter die schmale Gestalt im Rückspiegel an. Der Junge hatte seine Stirn resigniert gegen das Fenster gelehnt und schön völlig außer sich und am Ende seiner Kräfte. Er konnte nicht anders, dieser halb verhungerte Junge tat ihm leid.

„Hey…, Caffrey? Kopf hoch, wir bekommen das schon hin. Ich bin sicher, wenn du mit uns zusammenarbeitest, wird das schon alles wieder.", machte er einen – zugegeben eher lahmen - Versuch.

Der Junge hob nicht einmal seinen Blick und starrte weiterhin regungslos und ohne festen Fokus ins Schneegestöber im Herzen von New York. Im Parkhaus des FBI-Gebäudes entfernte der Agent die Handfessel von der Tür, sodass Neal aussteigen konnte. Peter packte ihn unterstützend am Arm und hielt seine andere Hand schützend auf den Kopf des jungen Kriminellen. Der Junge duckte sich ängstlich weg und versuchte Abstand zwischen den Agenten und sich zu bringen, worauf Peter beschwichtigend seine Hände hob.

"Schon gut, Caffrey. Ich tu dir nichts!". Neal suchte kurz seinen Blick und sah dann beschämt zu Boden. Peter bewegte sich nun vorsichtig und berechenbar und der Junge ließ es zu, dass er ihn am Arm aus dem Auto half.

Er drehte sich ohne Aufforderung herum, um seine Hände von Peter erneut auf dem Rücken fesseln zu lassen. Definitiv nicht seine erste Verhaftung, der Junge hat Routine. Mit seinem Team im Rücken betrat Agent Burke den Aufzug, der sie in den 21. Stock bringen sollte. Neal stand mit gesenktem Kopf in der Mitte dieser Gruppe aus Anzugträgern und machte einen verzweifelten, niedergedrückten Eindruck. Niemals hätte Peter ihn draußen auf der Straße für einen der meistgesuchten Verbrecher im Department Wirtschaftskriminalität gehalten, sondern einfach nur für ein völlig verwahrlost wirkendes Kind. Konnte dies wirklich Neal Caffrey sein? Der Neal Caffrey, dessen beinahe makellose Fälschungen er seit Jahren immer wieder betrachtet hatte? Der Trickbetrüger und Dieb? Peter schüttelte unwillkürlich den Kopf.


Neals Gedanken rasten, während er sich von Agent Burke in den 21. Stock des riesigen Komplexes bringen ließ. Er versuchte klar zu denken, seine Kräfte zu mobilisieren. Aber da war nichts mehr. Er konnte einfach nicht mehr. Jeglicher Funke seiner üblichen Selbstsicherheit schien aus seinem Körper gewichen zu sein, auch wenn er krampfhaft versuchte, sich dies nach außen hin nicht anmerken zu lassen.

Als sich die Aufzugtüren öffneten, hob er den Blick, nur um ihn gleich darauf hektisch wieder zu senken. Trotz der späten Stunde herrschte im Büro für Wirtschaftskriminalität des FBI rege Betriebsamkeit. Als Neal mit den Agenten den Raum betrat, wurde es still und alle Anzugträger starrten ihn an. Niemals hätte er gedacht, sich so bald in diese Höhle des Löwen begeben zu müssen.

Mit gesenktem Kopf ließ er sich von Peter Burke in Handschellen in dessen Büro führen, sich den bohrenden Blicken aller Anwesenden schmerzhaft bewusst. Der Agent nahm ihm die Fesseln ab und sah ihn mahnend an. „Keine falsche Bewegung, hörst du? Das wäre an einem Ort wie diesem alles andere als ratsam." Neal blieb stumm und ließ sich notgedrungen in einen der Stühle fallen, nur um von einem scharfen Schmerz in seiner Brust überrollt zu werden.

Agent Burke wies seine Partnerin an, den Raum zu verlassen und die Tür hinter sich zu schließen und setzte sich dann dem Jungen gegenüber. Mehrere Minuten lang starrte er ihn einfach nur an, bis Neal es nicht mehr aushielt und kurz seinen Blick erwiderte. Peter Burke löste sich aus seiner Starre. „Du bist Neal Caffrey, richtig?".

Neal zögerte, betrachtete Peter prüfend und wägte seine Möglichkeiten ab. Dieser Fed ließ sich sicherlich nicht durch eine seiner Tarnexistenzen täuschen und er war einfach zu müde, um jetzt mit einer gut durchdachten Geschichte um die Ecke zu kommen. Was solls? dachte er und reagierte mit einem kaum merklichen Nicken, nur um den Blick gleich wieder zu senken. Seine Haltung strahlte Selbstvertrauen und Trotz aus, doch sein Blick konnte seine kalte Angst nicht verbergen.

„Wie alt bist du?", fragte Peter vorsichtig. Der Junge blieb stumm und starrte auf seine Hände. „Komm schon, du musst mir ein bisschen entgegenkommen, damit ich dir helfen kann!". Der Agent redete weiter auf ihn ein, stellte ihm Fragen zu dem Exponat, dass er hatte stehlen wollen und seinem potentiellen Auftraggeber. Doch Neal ließ alles an sich abprallen. Er blinzelte und zog unwilkürlich die Schultern hoch.

Was mache ich nur? Dachte er verzweifelt. Plötzlich musste er an Mozzie denken und ihm wurde die ganze Tragweite von alledem hier bewusst. Er hatte versagt. Sein Freund wartete auf ihn, brauchte seine Hilfe und er saß hier fest. Ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt, die Luft blieb ihm weg und die Welt begann sich zu drehen.


Peter nahm das leichte Zittern erst nicht wahr, bis es sich auf den gesamten Körper des Jungen ausbreitete.

„Neal? Ist alles in Ordnung?". Offensichtlich war es das nicht. Der Junge wurde blass, begann zu schwitzen und unkontrolliert zu atmen. Er stand wackelig auf und versuchte, sich zur Tür zuzubewegen.

„Ich muss… es tut mir leid. Es geht nicht anders."

Bevor Peter reagieren konnte, war der Junge vor seinen Augen auf seinem Büroboden zusammengebrochen. Agent Burke sprang auf und rannte zu ihm. Er gab seiner Partnerin Dianna ein Zeichen, einen Krankenwagen zu rufen, hockte sich neben Neal auf den Boden und schob ihm seine Jacke unter seinen Kopf.

„Caffrey, kannst du mich hören? Wieso hast du nichts gesagt, zum Teufel!". Der Junge schien sich seiner Umgebung nicht mehr vollends bewusst zu sein und zitterte unkontrolliert.

„Nicht… anfassen… bitte.", murmelte er und stöhnte leise, als Peter ihn auf die Seite drehen wollte. Sein ganzer Körper schien angespannt. Mit letzter Kraft versuchte er Peters Hände abzuschütteln. „Mozzie, ich muss…", kam kaum mehr als ein Flüstern von Neal.

„Du musst jetzt gar nichts, Junge. Es wird alles gut, keine Sorge.", Peter fühlte sich völlig überfordert mit der Situation und war froh, als die Sanitäter eintrafen und den nun komplett bewusstlosen Neal eilig, erneut unter aller Augen, auf einer Bahre aus dem Büro schoben.

Agent Burke folgte dem Krankenwagen in seinem eigenen Auto. Der Junge hatte einen so hilflosen, kindlichen Eindruck gemacht. Der Neal Caffrey, den er sich nach all den Jahren in seinem Kopf ausgemalt hatte, entsprach so gar nicht diesem schmalen, unschuldig und verzweifelt dreinblickenden Jungen.


Als Neal langsam zu sich kam, sah er das Bild von Mozzie glasklar vor seinem inneren Auge, mit einem Aufschrei fuhr er keuchend und schwitzend hoch. Er lag in einem ihm unbekannten Zimmer, steril wirkend, alles in Weiß- und Grautönen gehalten. Krankenhaus, na super.

Eine unbekannte Stimme redete leise auf ihn ein und er riss die Augen auf. Agent Burke hatte sein Jackett ausgezogen und beugte sich mit seinem schlechtsitzenden Hemd und seiner FBI Marke sowie seiner Waffe im Holster über Neal.

„Es ist alles gut Caffrey, du bist hier in Sicherheit." Der Agent berührte ihn sanft am Arm, woraufhin Neal versuchte, im Bett von ihm wegzurücken.

Peter nahm erneut beschwichtigend die Hände hoch, sodass Neal sich vorsichtig wieder sinken ließ. Verdammt, was hatte dieser Junge nur erlebt?

Neal atmete schwer und sah sich verständnislos um. „Wo bin ich?", stieß er hervor. Der Agent setzte sich in einen Stuhl neben das Bett. „Im Krankenhaus, Caffrey. Du bist in meinem Büro zusammengebrochen, weißt du noch?".

Neal sah, dass draußen schon die Sonne schien und den ersten Schnee schmelzen ließ. „Wie lange war ich weg?", fragte er, den Blick wieder Richtung Peter gewandt.

„Ungefähr sechs Stunden", gab der Agent gähnend von sich.

„Waren Sie die ganze Zeit hier?", Neal schaute Peter verständnislos an.

Dieser lächelte müde. „Ich lasse dich nach Möglichkeit nicht mehr aus den Augen, bis ich weiß, was hier vorgeht."

Neal wandte sich abrupt ab und starrte an die Decke. Vorsichtig betastete er seinen Brustkorb und folgte dem Schlauch in seinem Arm, bis zu einem Infusionsständer. Peter beobachtete ihn.

„Der Arzt sagt, du hast dir vier Rippen und dein Schlüsselbein gebrochen. Eine Rippe hat dabei deine Lunge verletzt, sodass sie gerichtet werden musste. Sie haben dir einen Verband angelegt und dir Schmerzmittel gegeben. Außerdem warst du leicht unterkühlt und hast deutliche Mangelerscheinungen durch die Unterernährung, dein Blutzucker war so im Keller, dass dein Körper den Kreislauf nicht mehr aufrechterhalten konnte. Sie werden dich ein paar Tage unter Beobachtung behalten."

Peter hielt kurz inne. "Caffrey... Wie lange hast du nichts gegessen? Du siehst aus wie ein Skelett."

Neal zuckte nur unbestimmt die Schultern und verzog dabei schmerzhaft das Gesicht. Was Peter nicht erwähnte, waren die vielen kleineren und größeren Blutergüsse, offensichtliche Spuren von ausgedrückten Zigaretten und Narben aller Art, die der Arzt auf Neals ganzem Körper gefunden hatte. Auch hatte er im Gespräch schlecht verheilte Brüche erwähnt, die auf den Röntgenbildern sichtbar wurden. Der Junge musste durch die Hölle gegangen sein und das seit Jahren. Es erschien Peter jedoch nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, Neal jetzt darauf anzusprechen. Seufzend beschloss er, dem Jungen ein bisschen Zeit zu geben.

Leise klopfte es an der Tür und ein junger Mann im weißen Kittel trat ein. "Wie ich sehe ist Mr. Caffrey wieder unter uns.", richtete er seine Worte freundlich an Neal. Dieser sah den Mann misstrauisch an.

"Keine Sorge, ich beiße nicht." sagte er laut lachend mit einem Blick auf Neal. "Ich bin Dr. Fineman und hatte die Ehre, deine Rippe operativ zu richten. Du wirst noch einige Tage Antibiotika schlucken müssen, damit sich deine Lunge nicht entzündet. Darf ich mir die Wunde noch einmal anschauen?". Er bewegte sich auf Neal zu, der nun bestimmt den Kopf schüttelte und mit einem Seitenblick auf Peter seine Hände schützend auf die Bettdecke legte.

Der junge Arzt zögerte einen Moment und setzte sich dann auf die andere Seite des Bettes. Neal fühlte sich schrecklich eingeengt zwischen den beiden Männern und versuchte schmerzhaft, im Bett auszuweichen.

"Ist schon gut Neal, ich will nur einen kurzen Blick auf die Wunde werfen und schauen, ob alles in Ordnung ist. Agent Burke, vielleicht wäre es besser, wenn Sie das Zimmer verlassen." Sagte er und richtete seine Blick auf Peter.

Dieser zögerte kurz und schüttelte dann den Kopf. "Ich glaube es ist besser, wenn ich im Zimmer bleibe." Es behagte ihm nicht, Neal in so einer Situation alleine zu lassen und schließlich handelte es sich immer noch um einen jungen Straftäter. Er sah den Jungen an, Mitleid und ein merkwürdiges Verlangen danach, den Jungen zu beschützen erfassten ihn. "Komm schon", sagte er leise. "Ich möchte dich nicht zwingen müssen. Hier tut dir doch keiner etwas."

Neal sah Peter kurz in die Augen und richtete seinen Blick dann krampfhaft nach vorne. Mit aller Kraft bewegte er seine Hände dazu, die Bettdecke freizugeben. Peter sah, wie die Hände des Jungen zitterten und wiederstand nur mit Mühe, nach der vor ihm liegenden Hand zu greifen, um den Jungen zu beruhigen.

Der Arzt schob die Decke vorsichtig zur Seite und das Krankenhaushemd hoch. Er entfernte den Verband und was Peter sah, ließ seinen Atem stocken. Neals ganzer Oberkörper war ein einziges Mosaik aus Narben, Blutergüssen und Striemen. Jede einzelne Rippe stach deutlich hervor. Nicht in seinen kühnsten Träumen hätte er dies nach den Schilderungen des Arztes erwartet. Neal wich beschämt den Blicken des Agenten aus und hielt den Atem an.

Peter stand auf und begab sich in eine Ecke des Krankenzimmers, bis der Arzt, zufrieden mit der frisch genähten Wunde, nach dem Anlegen eines neuen Verbandes das Zimmer verließ. Er bereute nun, dass er das Zimmer nicht verlassen hatte.

Langsam ging er zurück zum Bett des Jungen. Neal hatte seinen Blick abgewandt und schaute aus dem Fenster.

"Caffrey, es tut mir leid! Ich wollte nicht... ich werde dich nicht Drängen, jetzt darüber zu reden. Aber irgendwann werden wir darüber sprechen müssen, was dir passiert ist, hörst du?". Er zögerte kurz.

Neal hörte die Unsicherheit und das Unbehagen in der Stimme des Agenten und brachte es über sich, ihn erneut anzusehen. Er hasste es, als Opfer betrachtet zu werden und ließ es normalerweise nicht zu, dass jemand seine schwachen Momente sah.

"Ist schon gut. Ich komme schon klar! Ich kann auf mich selbst aufpassen, das konnte ich schon immer." sagte er, ließ sein Gesicht zu einer unbeteiligten Maske verschmelzen und versuchte, den Agenten durch ein aufgesetztes Caffrey-Lächeln zu beschwichtigen. Dieser Mann und sein Verhalten machten ihn nervös!

Peter seufzte. Dieser Junge war gut, zweifelsohne ein waschechter Trickbetrüger, selbst in so einer Situation. Er glaubte ihm keine Sekunde. Langsam erhob er sich aus seinem Stuhl.

„Ich werde jetzt nach Hause fahren und mich ein bisschen hinlegen. Ruh dich aus, ich komme in ein paar Stunden wieder. Und keine Tricks, hörst du? Vor dem Zimmer wird zu jeder Zeit ein Beamter sitzen, der deine Tür keine Sekunde aus den Augen lassen wird."

Neal lag weiterhin ruhig im Bett und reagierte nicht, den Blick nun wieder abgewandt. Peter begab sich zur Tür und öffnete sie.

„Peter?", hörte er den Jungen leise hinter sich fragen.

Er schloss die Tür wieder und drehte sich überrascht um. „Ja?".

Neal drehte sich um und schaute ihm zum ersten Mal direkt in die Augen.

„Danke, dass Sie hier bei mir geblieben sind." Sofort wandte er seinen Blick wieder ab.

Was Agent Burke da vor sich sah, war kein hochkriminelles, rücksichtsloses Monster, sondern ein völlig abgemagerter und verzweifelt wirkender Junge. In diesem Moment erfasste ihn großes Mitleid mit dem Kunstfälscher und Dieb, den er nun drei Jahre lang erbittert gejagt und der sein halbes Leben in dieser Zeit bestimmt hatte.

„Schon gut, Caffrey. Ich komme wieder. Und: Es heißt Agent Burke für dich." Ein leichtes, kaum merkliches Lächeln schlich sich über die Lippen des Jungen.