15. Rebellen
„Wer am Widerstand wachsen will, muss die Dosis selber bestimmen." – Alfred Selacher
So schwer es auch war, eine von Todesessern kontrollierte Schule zu leiten, so richtig schwer wurde er erst, als Severus klar wurde, dass nicht alle Schüler, von denen er gedacht hatte, dass sie sich in Sicherheit befinden würden, auch wirklich sicher waren. Kontakt zu Aberforth und Miss Cheswick aufzunehmen war unter den gegeben Umständen nicht mehr so einfach, wenn er nicht wollte, dass jemand anderer etwas davon bemerkte, aber sie hatten sich trotzdem ein neues System einfallen lassen um miteinander zu kommunizieren – Codes in Essenslieferungen an die Schule versteckt, die aus Hogsmeade kamen.
Normalerweise wurde die Essenslieferungen direkt von den Hauselfen entgegengenommen, doch seit die Todesesser die Schule offen übernommen hatten, griff Paranoia um sich, weswegen es sehr einfach für Severus war offiziell jede Lieferung selbst entgegennehmen und kontrollieren zu können – und so erfuhr er, dass nicht alle verschwundenen Schüler von Aberforth in Sicherheit gebracht worden waren. Offenbar hatte Neville Longbottom sich geweigert sich retten zu lassen, und hatte sich stattdessen irgendwo in der Schule versteckt. Dieser erste Schock sorgte für Visionen eines toten Longbottoms, doch zu Severus' Überraschung blieb der Junge verschwunden. Niemand fand ihn, wo immer er sich versteckt hatte, er hatte sich dort gut versteckt.
Die nächste Essenslieferung von Aberforth teilte Severus dann mit, dass es Longbottom gut ging, er sich immer noch weigerte die Schule zu verlassen, aber von Aberforth zumindest gefüttert wurde. Offenbar versteckte sich der Junge in dem sogenannten Verschwindenden Raum und konnte durch meisterhafte Beherrschung von diesem verhindern, dass er gefunden wurde. Severus fiel es immer noch schwer sich vorzustellen, dass Longbottom, der so viel Gefühl für das richtige Mischverhältnis von Zaubertrankzutaten besaß wie ein betrunkener Affe, in irgendetwas meisterhaft sein konnte, doch offenbar war es wirklich so.
Selbst nachdem die Carrows dahinterkamen, dass irgendjemand in diesem Raum war, gelang es ihnen nicht sich zu diesem Zugang zu verschaffen. Longbottom hatte sich praktisch darin verbarrikadiert und schien den Raum dazu bringen zu können niemanden, der ihm ein Leid antun wollte, dort hineinzulassen.
Severus ging davon aus, dass es ein Schlupfloch gegen müsste, das ihm selbst Zutritt zu diesem Raum der Wünsche gestatten müsste, doch da er Longbottom vor Leid bewahren wollte, stellte er sich bei seinen Versuchen dort einzubrechen unfähiger als er war – anstatt einfach herein zu marschieren versuchte er den Raum mit Gewalt aufzubrechen, und das funktionierte natürlich nicht.
Alles in allem wäre es ihm trotzdem wirklich lieber gewesen, wenn Longbottom sich aus der Schule entfernt hätte, aber stattdessen leisteten dem Jungen andere Mitglieder der DA dann auch noch bald im Raum der Wünsche Gesellschaft anstatt sich in Sicherheit zu bringen. Seit Beginn des Schuljahres hatte die DA Vandalismus in Hogwarts betrieben, und manchmal auch böse Streiche gespielt. Severus hatte ihre Eskapaden immer gehasst, einfach deswegen weil sie die Carrows aufgestachelt hatten. Es hatte einige Zeit gedauert, bis dieser Umstand den Schülern selbst klar geworden war, doch nachdem sie das endlich verstanden hatten, hatte sie mit ihren Aktivitäten aufgehört, was Severus sehr erleichtert hatte, doch nun wurden sie wieder verhaltensauffällig, indem sie die Helden spielten anstatt sich aus Hogwarts zu retten, was es Severus wieder um einiges schwerer machte sie beschützen.
Dumbledores Armee, fürwahr. Ich wünschte wirklich, Potter und Granger hätten sich damals etwas anderes einfallen lassen um die Umbridge zu ärgern. Harry Potter schaffte es sogar dann, wenn er offiziell ein gesuchter Verbrecher war, immer noch Ärger auf Hogwarts zu machen. Ich hoffe er beeilt sich mit was auch immer er tut, ansonsten wird der Tag kommen, an dem seinen Märtyrer-Freunden das Glück ausgeht!
Und dieser Tag würde vermutlich bald kommen. Leland war auf die brillante Idee gekommen einen Schutzengel in den Raum der Wünsche zu schicken, weswegen Severus angeblich verdorbene Lebensmittel an Aberforth zurückschickte und ihn so wissen ließ, dass er Longbottom seine Schutzengel-Abwehrzauber zukommen lassen sollte. Doch da er nicht wirklich wusste wie Aberforth und Longbottom miteinander kommunizierten, wusste er nicht, ob Aberforth rechtzeitig dazu in der Lage sein würde Longbottom diese Zauber zukommen zu lassen, bevor irgendein Schutzengel in den Raum der Wünsche spazieren würde.
Bisher schien es der Dunkle Lord für wichtiger zu halten die Schutzengel anderswo zu beschäftigen, doch Leland wollte nicht aufgeben und stellte immer wieder Anfragen in diese Richtung. Jede Stunde des Tages war daher eine Qual für Severus, die daraus bestand sich vorzustellen wie die Carrows den Raum der Wünsche stürmten und alle, die sich darin versteckten, zu Tode folterten. Ein Glück nur, dass bisher nach wie vor nur die Todesesser mit eigenem Schutzengel von deren Existenz wussten, ansonsten hätten Alecto und Amycus sicherlich einfach den nächstbesten Schutzengel ohne Erlaubnis ihres Meisters dazu zwangsverpflichtet in den Raum der Wünsche zu gehen.
Während er noch mit sich haderte, ob er eine weitere Rücksendung an Aberforth in Auftrag geben sollte um so danach zu fragen, ob es dem jüngeren Dumbledore gelungen war mit Longbottom Kontakt aufzunehmen, hatte er auf einmal das Gefühl, dass jemand hinter seinem Schreibtisch auftauchte. Er wirbelte herum und tatsächlich, hinter ihm stand Sirius Black.
„Severus! Du bist es wirklich! Ich kann nicht glauben, dass das wirklich geklappt hat!", rief der untote Zauberer aus und umarmte Severus dann aus dem Nichts heraus überschwänglich. Dieser erstarrte erschrocken. Und löste sich dann von dem anderen Mann und ging in Sicherheitsabstand Er beäugte Sirius Black misstrauisch. Was sollte das denn jetzt?!
Black schien nichts von seiner Irritation zu bemerken. „Es war nicht so leicht unsere Signaturen mit denen von anderen Schutzengeln auszutauschen, und das auch noch während ich unter diesem Schreibtisch saß. Und dann musste ich uns auch noch zur Erde wuschen und hoffen, dass ich alles richtig gemacht habe und es auch klappt", erklärte er aufgeregt, „Aber zumindest ich bin hier, also hoffe ich, dass es Regie und Mindy auch geschafft haben!"
Severus schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung wovon du da redest, Black", erklärte er wahrheitsgetreu.
„Von unserer Flucht aus den Klauen des Feindes, natürlich! Die haben uns eingesperrt! Wir mussten entkommen, und dann einen Weg finden zur Erde zurückzukommen, was gar nicht so einfach war. Und es konnten nur wir niederrangigen Schutzengel gehen! Die anderen sind immer noch dort Oben, und müssen unentdeckt bleiben!", erwiderte Sirius, „Und jetzt ohne mich den Widerstand weiter organisieren. … Ich hoffe, sie schaffen das. .. Aber ich musste unbedingt zurück. Immerhin habe ich es versprochen." Er warf Severus einen treuherzigen Blick zu.
Der ignorierte die in ihm aufwallenden Gefühle so gut er konnte und erwiderte: „Wenn du schon mal hier bist, dann kannst du dich auch nützlich machen."
Dann schilderte er Sirius kurz die Lage. „Wenn es dir gelingt in den Raum der Wünsche zu gelangen, dann ist er nicht sicher, und dann musst du dort den nächsten hereinschneienden Schutzengel abpassen und davon abhalten Bericht zu erstatten", schloss er.
„Und wie soll ich das bitte schön tun?", wollte Sirius wissen, „Ich bin nicht dazu in der Lage andere mit mir wegzuwuschen. Soll ich ihn verprügeln und hoffen, dass das was hilft?!"
Severus zuckte die Schultern. „Du bist es doch, der von Signaturen und Widerstand gesprochen hat Ich habe keine Ahnung wie das alles funktioniert", erwiderte er, „Alles was ich weiß ist, dass ich nicht zulassen werde, dass diesen Kindern etwas geschieht, wenn ich es verhindern kann."
Sirius seufzte ergeben. „Na schön, ich lass mir was einfallen", meinte er. Das war alles, was Severus hatte hören wollen. Mehr konnte er im Augenblick nicht tun, und Sirius' Ideen waren zwar meistens schlecht, aber immerhin bewirkten sie oft zumindest irgendetwas. Und auf mehr als irgendetwas konnte er momentan wohl nicht hoffen.
Sirius konnte diesen angeblichen Raum der Wünsche betreten, was bedeute, dass er nicht schutzengelsicher war, was schlecht war. Als Harry ihm von diesem Raum berichtet hatte, hatte ihn das verwirrt, da er nicht auf der Karte der Rumtreiber verzeichnet war, und auf dieser hatten sie damals immerhin ganz Hogwarts festgehalten, inklusive aller geheimen Gänge und Räume. Bis auf diesen hier, wie es schien. Dabei, so stellte er jetzt fest, war er hier sicherlich schon einmal drinnen gewesen. Er erinnerte sich dunklen daran, öfter als einmal in diesem Korridor auf der Suche nach einem Versteck nach einem besonders erfolgreichen Streich gewesen zu sein und wie aus dem Nichts eines gefunden zu haben. Damals hielt ich das hier für eine Besenkammer, soweit ich mich erinnern kann. Ich hätte es besser wissen müssen und diesen Raum irgendwie in der Karte verzeichnen sollen.
Nun, Rumtreiber-Ehre hin oder her, er war mit einer Aufgabe hierher geschickt worden. Im Raum befanden sich zwei Jungen. Den einen kannte Sirius aus dem Kampf im Ministerium, das war Neville Longbottom, nach Severus' Auskunft der Anführer der DA seit Harry untergetaucht war. Der andere Junge schien im gleichen Alter wie Neville zu sein, aber ihn kannte Sirius nicht. Beide Jungen sahen so aus als wären sie in eine böse Schlägerei geraten und hätten verloren. Ja, ich verstehe warum Severus die Idee, dass die Carrows sie finden könnten, nervös macht.
Bisher war er der einzige Schutzengel hier. Soweit so gut, aber was jetzt?
Sirius baute sich neben Neville Longbottom auf und erklärte: „Du solltest dringend mit Aberforth Kontakt aufnehmen." Wie es zu erwarten gewesen war, bewirkte diese Aufforderung gar nichts. Sirius seufzte. „Weißt du, das Angenehme daran ein jenseitiger Rebell gewesen zu sein war, dass mich jeder sehen und hören konnte und ich genau wusste, dass sie nur so getan haben als wäre das nicht der Fall, wenn sie nicht auf mich reagiert haben. Du hast nicht zufällig vor bald schlafen zu gehen, oder?" Natürlich erhielt er auch darauf keine Antwort, und keiner der beiden Jungen wirkte besonders müde.
Es muss einen einfacheren Weg geben das hier zu lösen. Vielleicht sollte er selbst zu Aberforth gehen und den Zauber holen und versuchen die Schutzrunen hier selbst aufzumalen. Aber abgesehen davon, dass er daran zweifelte, dass das klappen würde, waren da die ganzen Schutzzauber von Aberforth selbst sowie dessen Misstrauen gegenüber Sirius zu bedenken - er würde die notwendigen Zauber vermutlich gar nicht erst in die Finger bekommen und deswegen auch nicht daran scheitern können sie hier zu wirken.
Während er noch überlegte, hörte er Nevilles Magen knurren. Oh, darauf hätte ich selbst kommen können! Er wandte sich wieder dem Jungen zu. „Hörst du das? Du hast Hunger. Schrecklichen Hunger. Dein Magen rebelliert schon. Wie lange hast du schon nichts mehr gegessen?" Als würde er ihm antworten, knurrte Nevilles Magen noch einmal. „Siehst du, ich sagte doch, dass du Hunger hast. Und an wen wendest du dich, wenn du großen Hunger hast, mhm? Wer versorgt dich mit Essen? Ja, genau, du solltest einfach dafür sorgen, dass du gutes Frisches Essen bekommst."
Die hungrigen Mägen von Teenager-Jungen waren bessere Verbündete als suggestive Schlafeinflüstereien, wie es schien. Zum ersten Mal in Sirius' Karriere als Schutzengel tat jemand tatsächlich genau das, was er von ihm wollte, und das obwohl diese Person ihn nicht einmal sehen konnte.
Neville öffnete eine Art Tunnel zu Aberforths Keller, wie es schien. Welcher daraufhin begleitet von Miss Cheswick nervös wirkend auftauchte und Neville gehetzt von dem Schutzzauber, den er unbedingt wirken musste, berichtete.
Sirius hielt unterdessen nach anderen Schutzengeln Ausschau und hoffte, dass sich alle anwesenden Sterblichen damit beeilen würden diesen Raum hier schutzengelsicher zu machen.
Und dann sah er es. Er sah wie ein anderer Schutzengel durch die Wand getreten kam. Es handelte sich offenbar um einen Angeber, da er aus Gründen, die nur er wusste, einen halben Meter über den Boden schwebte, als er anhielt. Sein Blick traf auf den von Sirius.
Und dann, vor allem weil Sirius nichts Besseres einfiel, stützte dieser sich auf ihn.
A/N: Reviews?
